Der Seelendieb - Annette Philipp-Scherer - E-Book

Der Seelendieb E-Book

Annette Philipp-Scherer

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Beschreibung

Marc und Daphne haben geheiratet, ihr Glück scheint vollkommen. Doch dann erscheint Daphnes verstorbener Lehrer aus Tibet und fordert sie auf, den Heiligen Dolch zurückzubringen. Daphne und Marc sind in großer Gefahr. Zhang Lieh, ein todkranker Chinese, der für den Geheimdienst arbeitet, sucht den Dolch, um ihn für seine dunklen Zwecke zu missbrauchen. Daphne erfährt von den Geistwesen, dass sie den neuen Dalai Lama von Tibet gebären soll. Doch auch hier greift Zhang Lieh in das Schicksal ein. Ein sehr alter Mönch namens Ngödup, der Daphne schon immer gehasst hat, war in der Lage, nach alten Aufzeichnungen einen anderen Dolch herzustellen. Das Unglaubliche geschieht! Zhang Lieh, der Chinese, tauscht mit Marc den Körper. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Ausgerechnet von Hu Lien, der vorher für Zhang Lieh gearbeitet hat, bekommt sie Hilfe. Das Kloster Sakja ist von Ngödup besetzt, er hat offensichtlich den Verstand verloren und sich als neuen Herrscher Tibets ausrufen lassen. Viele Mönche sind in das nächste Dorf geflohen. Daphne trifft den jungen Lehrer Namgang. So sehr sie sich auch wehrt, sie empfindet etwas für ihn. Wenige Wochen später reist Marc nach Tibet, um bei seiner Daphne zu sein. Es lässt sich nicht verhindern, dass Marc herausfindet, dass er dort schon einmal gelebt hat. Die Erinnerungen an das vergangene Leben sind so übermächtig, dass er an seinem Verstand zweifelt. Durch den Seelentausch hat auch Marc von den Geistwesen eine besondere Fähigkeit bekommen. Er weiß, das Namgang seine Frau über alles liebt, und freundet sich trotzdem mit ihm an. Noch einmal tauscht Ngödup mit Hilfe des falschen Dolches einen Körper. Es gelingt Daphne und ihren Freunden, in das Kloster einzudringen und Ngödup festzusetzen. Als Daphne mit Hilfe ihres Dolches den Seelendiebstahl rückgängig machen will, zerbricht dieser. Unbemerkt dringt der Geist des Dolches in Marcs Körper ein. Noch einmal begibt sich Daphne auf eine gefährliche Reise.

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Seitenzahl: 362

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Annette Philipp-Scherer

Der Seelendieb

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Seelendieb

…ewige Liebe

…Freude und Leid

…Die Vergangenheit

Impressum neobooks

Der Seelendieb

Als Daphne Murano an diesem Morgen im Jahr 2281 erwachte, durchströmte sie, wie in den letzten sechs Monaten auch, eine Welle des Glücks. Sie und Marc hatten gestern geheiratet, zwar galt der Vertrag nur für fünf Jahre, doch sie war sich sicher, sie würden ihn noch viele Male verlängern. Der Radiowecker war angegangen, und verschlafen hörte sie in den Nachrichten, dass aufgrund der zurückgegangenen Weltbevölkerung Paare wieder zwei Kinder statt nur ein Kind haben durften. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie liebte Kinder und träumte davon, dass sie Marc irgendwann einen Sohn schenken würde. Daphne öffnete die Augen, und ein Blick zur Seite verriet ihr, dass Marc noch fest schlief. Jeder Tag war für sie wie ein Geschenk, denn eigentlich war sie einundachtzig Jahre alt. Eigentlich - aber ihr Körper war achtundzwanzig und hieß Pia Richter. Nur ungern erinnerte sie sich an die Nacht des Seelentausches zurück. Sie selbst hatte lieber in dem Altenheim, in dem Pias Schwester war, sterben wollen. Doch die Geistwesen hatten ihr den Tod verweigert. Pia Richters Seele hatte nicht begriffen, was sie in diesem Dasein zu lernen hatte. Pia war kalt und egoistisch, nie hatte sie aus Menschlichkeit oder Nächstenliebe gehandelt. Später, als sie Marc die Wahrheit gebeichtet hatte, gab er ihr die Polizeiakte von Pia Richter zu lesen. Man hatte ihr zwar nie etwas nachweisen können, doch sie hatte einige Einträge. Welch Ironie des Schicksals, dachte Daphne, der Geist einer bösen Kreatur lebte im Körper eines wunderschönen Menschen. Auch hatten die Geistwesen Daphne versichert, dass Pia Richter nicht mehr lange zu leben hatte, ihr Tod würde so oder so kommen. Durch den Tausch änderte sie das Schicksal und entging nur knapp dem Tod, der für Pia Richter vorgesehen war. Es war wichtig, dass Daphnes Seele in diesem jungen Körper lebte, hatte sie doch noch einige wichtige Aufgaben zu erfüllen. Die Geistwesen brauchten Daphne und ihr Wissen, das sie als Heilerin und Schamanin in Tibet erworben hatte. Gedankenverloren wanderten ihre Hände zu dem kleinen Dolch, den sie an einer silbernen Kette immer um den Hals trug. Er war nicht groß und hätte keinem eine ernsthafte Verletzung zufügen können. Über den silbernen Schaft und die Klinge, die aussah wie dunkles, geschmolzenes grünes Glas, zogen sich winzige Schriftzeichen. Nein, dieser Dolch war dafür gemacht, die silberne Schnur eines Astralkörpers zu durchtrennen. Ihre Hand schloss sich fest um ihn, leise redete sie mit ihm. »Mein armer kleiner Freund«, sagte sie, »ich wollte dich nie benutzen. Doch zweimal im Leben haben mich die Umstände dazu gezwungen.«

Ihre Gedanken glitten weiter ab, zurück nach Tibet. Sechs Jahre hatte sie dort im Kloster Sakja gelebt und gelernt, erst als Heilerin und später hatte sie die Seelen Sterbender begleitet.

Sie dachte an Jamisang, ein verlorenes Kind, als sie ihn dort kennenlernte. Ein schlaksiger junger Mann, als sie ihm seine Seele und sein Leben nahm. Daphne schloss für einen Moment die Augen; die Erinnerung an jenen schicksalhaften Tag war in ihre Seele eingebrannt, als sei alles erst gestern gewesen. Ihr Lama und Leiter des Klosters, Tse Wang, lag im Sterben. Jamisang hatte im Haus der Dämonen, unter dem Holzfußboden, eine geheime Schriftrolle und den Dolch entdeckt. Die Schriftrolle, so hatten sie alle vermutet, stammte aus dem Bardo thödol, dem tibetischen Buch der Toten, und wurde seit Jahrhunderten verstecktgehalten. Zu gefährlich waren die Macht des Schriftstückes und die des Dolches. Zwei Sachen mussten für den Seelentausch beachtet werden. Das Ritual konnte nur von einer Person reinen Herzens vollzogen werden, danach musste der Dolch so lang bei diesem Menschen bleiben, bis dieser starb. Noch heute war sie sich nicht ganz sicher, wie Jamisang sie zu dieser Tat hatte treiben können, denn sie hatte sich bis zu dem Moment, in dem sie die Seelenwanderung vollzog, heftig dagegen gewehrt. Ihr kleiner Freund Jamisang hatte seinen Körper ihrem sterbenden Lama mit Freuden geschenkt. Er selbst hatte durch dieses Opfer den Tod gewählt. Über ihr Gesicht legte sich ein dunkler Schatten. Durch den Seelentausch, den sie an den beiden Freunden vollzogen hatte, war etwas mit ihr geschehen. Für einen kurzen Moment hatte sie das Göttliche der ganzen Welt sehen können. Sie hatte das ewige Licht erblickt. Ab jenem Tag hatten sich ihre Augen verändert, sie schienen zu strahlen. In ihrem Inneren stieg ein weiteres Bild empor, und sie sah Jimpa, ihre große Liebe. Auch ihn hatte das Schicksal ihr genommen. Wieder sah sie ihn durch die Kugel eines chinesischen Agenten zu Boden gehen. In ihren Armen sterbend, hörte sie seine letzten Worte. »Ich werde dich immer lieben und ich werde dich im meiner nächsten Reinkarnation finden. Du brauchst mich nicht zu suchen, ich finde dich.« Ihr Blick wanderte zurück zu dem noch schlafenden Marc, er hatte keine Erinnerung an sein letztes Leben. Er wusste nicht, dass er die Reinkarnation Jimpas war. Daphne konnte nur hoffen, dass er es auch nie erfahren würde. Sie wagte nicht, sich vorzustellen, was geschehen würde, wenn die Flut der Erinnerungen über ihn hereinbrechen würde. Aber Jimpas Seele hatte Wort gehalten, er hatte sie gefunden. Einem plötzlichen zärtlichen Impuls folgend, lehnte sie sich über ihn, um ihn zu küssen. Ihr langes blondes Haar fiel dabei auf seine Brust und kitzelte ihn. Verschlafen zog er sie in seine Arme und hielt sie fest umschlungen, dabei murmelte er auf tibetisch, »Ich liebe dich.« Daphne lächelte, dies waren die kurzen Augenblicke, die sie mit Jimpas alter Seele ganz für sich allein hatte. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, befreite sie sich aus seiner Umarmung. Als sie sich erhob, war Marc wach. »Wo willst du so früh denn schon hin?«, fragte er noch etwas verschlafen. Sie lächelte ihn an und meinte, »Bleib du ruhig noch etwas liegen, ich möchte mich noch eine Weile an mein Inselbiotop-Projekt setzen. Jetzt, da ich das Land gekauft habe, kann ich es kaum erwarten, das Biotop mit einer Glaskuppel überdachen zu lassen. In Gedanken bepflanze ich es schon.« Marc schüttelte ungläubig den Kopf. »Du denkst schon über die Bepflanzung nach?«, fragte er ungläubig. »Du solltest erst einmal ein Haus hineinbauen lassen«, stellte er dann ernst fest. Daphne lachte hell auf. »Ja, ich bin ungeduldig, in meinem Kopf ist schon alles fertig!« Marc hatte sich auf seinen Ellenbogen gestützt und sah sie prüfend an, jeden Tag war er aufs Neue bestürzt, wie wunderschön sie doch war. Seine Augen glitten zärtlich über ihren Körper, er sah ihre blonden Haare, die ihr wirr, in leichten Wellen, um die Schultern fielen, ihre kleinen festen Brüste, ihre schmale Taille und die langen, wohlgeformten Beine. Doch am schönsten fand er ihre vergissmeinnichtblauen Augen, so intensiv blau, dass der Eindruck entstand, sie leuchteten von innen heraus. Er war sich sicher, er hätte sie auch so sehr geliebt, wenn sie nicht so verdammt hübsch gewesen wäre. Es war ihr Wesen, ihre Art, die sie so unwiderstehlich für ihn machte. Bei ihr hatte er das Gefühl, als sei er nach langer Suche endlich zu Hause angekommen. Er streckte die Hände nach ihr aus und meinte zärtlich, »Komm, meine Liebste, leiste mir noch einige Minuten Gesellschaft.« Sie kannte diesen Blick, langsam ging sie kopfschüttelnd rückwärts und versuchte tadelnd zu klingen. »Wirst du denn nie müde, mich zu lieben?«

»Ich werde nie aufhören, dich zu lieben«, sagte er lockend, »und ich werde nie aufhören, deinen Körper zu begehren.« Bevor sie sich umdrehen und fliehen konnte, war er schon aus dem Bett gestürzt und hatte sie in seine Arme gerissen. Sie versuchte, böse zu klingen, »Lass mich los, verdammt«, doch weiter kam sie nicht, jeden weiteren Einwand erstickte er mit einem Kuss. Es war jedesmal dasselbe, wenn er ihr so nah war. Sie hatte das Gefühl, als stünde ihr Körper in Flammen. Willig überließ sie sich seinen zärtlichen Händen. Mit einem leichten Seufzer schlang sie ihre Arme um ihn und gab sich ihm hin. Jedes Denken hörte auf. Wenn er sie liebkoste, gab es nichts anderes mehr auf der Welt. Ihre Körper verschmolzen, sie hatte das Gefühl, als würde sie sich in tausend kleine Atome auflösen. Bis sie keuchend, verschwitzt und nach Atem ringend nebeneinander lagen. Noch etwas außer Atem, meinte er, »Jetzt, meine Hübsche, kannst du etwas an deinen Plänen arbeiten.« In gespielter Wut stürzte sie sich auf ihn. Locker fing er ihre Schläge ab, presste sie fest an sich und flüsterte ihr ins Ohr, »Du solltest wirklich gehen, oder möchtest du eine zweite Runde?« Sie fluchte und biss ihm ins Ohr. Vor Schreck ließ er seinen Griff locker, und sie nutzte die Gelegenheit, um aus dem Bett zu schlüpfen. Lachend sprang sie ins Bad und meinte, »Wir sehen uns gleich.«

Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr das, für sie immer noch fremde, Gesicht. Sie betrachtete sich genauer. Ja, sie war wirklich hübsch. Vor einem halben Jahr, als sie in diesen Körper geschlüpft war, hatte sie sich das lange Haar auf Schulterlänge gekürzt. Doch Marc hatte sie gebeten, es wieder wachsen zu lassen. Mittlerweile reichte es ihr wieder über den halben Rücken. Sie beugte sich nah an den Spiegel und besah sich ihre veilchenblauen Augen. Diese Augen waren fähig, tief in die Seele eines anderen Menschen zu blicken, und wenn sie es wollte, gelang es ihr sogar, eine Tür im Kopf des anderen zu öffnen. Sie nannte es „die Tür zum inneren Frieden“, denn sie konnte dem anderen zeigen, wo in dieser Welt seine Bestimmung lag. Wenn sie diese Fähigkeit einsetzte, sah sie für einen kurzen Augenblick das ganze Leben des anderen. Doch sie nutzte diese Gabe wirklich nur in der höchsten Not. Nach all den Jahren vermisste sie ihr Leben in Tibet immer noch. Daphne atmete tief durch; sie verdrängte jeden weiteren Gedanken, der aufkommen wollte.

Kurze Zeit später saß sie vor dem Bildschirm und arbeitete. Eine Weile danach kam auch Marc ins Zimmer. »Ich werde uns in der Garküche ein paar Straßen weiter, ein Frühstück besorgen«, sagte er. »Soll ich dir Algenrührei mitbringen?«

»Nein«, meinte sie, »heute nicht.« Dann sah sie ihn mit strahlenden Augen an. »Wenn alles gutgeht, werden wir in unserem Inselbiotop ein paar Hühner haben. Hast du schon einmal Eier gegessen?«, fragte sie ihn.

»Ich kann mich nicht daran erinnern. Ich glaube, das erste und letzte Ei habe ich gegessen, da war ich acht. Also, das müsste im Jahre Zweitausendzweihundertsechsundfünfzig gewesen sein«, meinte er und lächelte verschmitzt.

»Bleib doch mal ernst«, ermahnte sie ihn, »ich habe im Netz jemanden gefunden, der Hühner züchtet und verkauft. Im Moment noch zu unverschämten Preisen. Aber ich denke, der Preis wird noch fallen und dann sind die Hühner mein!«, rief sie mit Siegesstimme. Marc zog sich einen Stuhl neben sie. »Darf ich deine Pläne mal anschauen?«, fragte er. Freudig drückte sie eine Taste und ein dreidimensionales Haus erschien mitten im Raum. Es war phantastisch, Marc hatte das Gefühl, mit ihr von Raum zu Raum gehen zu können. Sie hatte es schon eingerichtet, das Mobiliar war einfach und, wie der Boden, aus einem dunklen Holzimitat. Im Meditationsraum hatte sie an die große freie Wand einen vom Boden bis zur Decke reichenden großen, goldenen Buddha gemalt. Daphne begann zu erklären: »Ich habe mir eine Schutzkuppel aus neuartigem Material herausgesucht, es ist viel leichter als Glas und widerstandsfähiger. Dadurch habe ich die Möglichkeit, die Kuppel in die Höhe zu bauen, denn ich möchte im Garten einige Bäume pflanzen. Unsere Regierung gibt jedem, der ein großes Grundstück überdachen lässt, einige kleine Setzlinge.« Etwas unsicher fragte sie ihn, »Kannst du dir vorstellen, dass wir dort leben und wohnen?« Marc nickte begeistert. Schnell sprach sie weiter. »Im Boden habe ich einen Zehntausendliter-Tank. Wenn es regnet, läuft das saure Wasser von der Kuppel dort hinein. Es wird gefiltert und aufbereitet, und natürlich habe ich auch an die Beregnungsanlage gedacht«, sagte sie voller Stolz. »Das Haus wird nur zwei Stockwerke haben, dafür aber etwas in die Länge gezogen sein«, fuhr sie weiter fort. Mit wachsender Begeisterung sprach sie weiter. »Hier sind die Zimmer für die Schüler.« Es waren einfach eingerichtete Zellen. Außer einem Bett und einem kleinen Bücherregal, enthielt es nichts. Auf dem Bett lag sauber zusammengefaltet eine Kutte, daneben stand eine Holzschüssel mit einem Löffel, und einem Rasiermesser zum Rasieren des Kopfes. Marc wusste, dass die Klosterschüler nicht mehr brauchten, sie entsagten freiwillig allen irdischen Besitztümern. Die Zellen sahen genauso aus, wie man sie in jedem Kloster in Tibet finden konnte. »Hier sind die Zimmer für die Gäste. Mir geht es nicht unbedingt darum, den Menschen den Buddhismus nahezubringen«, erklärte sie. »Ich möchte, dass die Menschen wieder lernen, sich selbst zu finden, sie sollen sehen, welche Kraft in ihnen steckt.

Sie sollen begreifen, dass sie eins sind mit der Natur, dann werden sie auch ihr Denken gegenüber der Natur ändern«, fügte sie hinzu.

»Und wo werden unsere Zimmer sein?«, fragte er leise.

»Hier, in der zweiten Etage«, sie zeigte ihm drei helle Räume, alle nicht sehr groß und noch nicht eingerichtet. »Nanu«, sagte Marc, »die sind ja noch nicht fertig.« Daphne sah ihn an und meinte, »Ich dachte, du würdest sie gerne mit mir zusammen einrichten.« Er legte den Arm um sie und drückte sie an sich. »Das, mein Herz, werde ich sehr gerne mit dir machen.« Sie konnten aus dem 3D-Haus auf eine große Terrasse gehen und den Blick in den virtuell fertigen Garten genießen. »Es ist leider so, dass wir in unserer Welt Tiere und Pflanzen nur noch in Inselbiotopen ein Zuhause geben können«, sagte sie traurig. »Aber, wie gesagt, ich bin im Netz immer noch auf der Suche nach Pflanzen und Tieren. Es sieht so aus, als gäbe es da eine Menge Menschen, die sich um die Artenerhaltung kümmern. Ich möchte auch dazu gehören«, sagte sie mit Nachdruck. »Was sich in den Inselbiotopen gut vermehrt, wird zum Verkauf angeboten, seien es Pflanzen oder Tiere«, erklärte sie ihm weiter. Marc sah sie fragend an, »Sag mal, ist das alles nicht wahnsinnig teuer, haben wir denn so viel Geld?«

»Ja, das liebe Geld«, seufzte sie. »Seitdem ich in Pias Körper bin, habe ich alles, was sie besessen hat, verkauft. Es hat leider nur dazu gereicht, das Grundstück zu kaufen, aber ich bin dabei, noch Geld aufzutreiben. Ich habe verschiedene Promis angeschrieben, einige haben sogar geantwortet und sind sehr interessiert«, sagte sie, nicht gerade überzeugend. Marc sah sie von der Seite eher misstrauisch an. »Du nutzt aber nicht deine, wie soll ich sagen«, er machte eine kleine Pause und schien zu überlegen, »du nutzt aber nicht deine ausgefallenen gedanklichen Möglichkeiten?«, beendete er dann den Satz. Sie lächelte verschmitzt, wurde dann aber wieder ernst, als sie antwortete, »Ich nutze meine Gabe nicht zu meiner Bereicherung. Ich bin mir ganz sicher, es wird sich eine Geldquelle auftun«, sagte sie fast trotzig. »Den Wunsch habe ich abgeschickt, das Universum wird ihn auffangen und umwandeln.« Marc zog sie in seine Arme und küsste ihre Stirn. »Da bin ich mir auch ganz sicher, mein Herz«, sagte er. Dann sprang er auf. »Ich habe ja fast unser Frühstück vergessen, bin gleich wieder da!«, rief er und war schon verschwunden, noch bevor sie etwas sagen konnte.

Daphne beendete ihre Arbeit, sie deckte den Tisch, räumte hier und da noch etwas auf, dann ging sie in ihr Büro zurück, denn fast hätte sie vergessen, ihr Haustier zu füttern. Haustiere zu halten, war verboten. Aber dieses war ihr, als sie noch die alte Daphne war, und sie noch in ihrer alten schäbigen Wohnung gewohnt hatte, zugelaufen. Genaugenommen war es auch kein Haustier im eigentlichen Sinne. Als sie die Schachtel öffnete, hob der kleine Ratterich schwach den Kopf. Sie sah sofort, dass er im Sterben lag. Die ganzen letzten Tage schon war er nicht mehr aus der Schachtel gekommen, um durch die Wohnung zu streifen. Sacht legte sie ihm die Hand auf den kleinen Körper, sie summte ein altes tibetisches Sterbelied. Das Tier entspannte sich unter der Berührung ihrer Hand, und dann sah sie, wie sich aus dem kleinen Körper ein winzig heller Punkt löste. Sie lächelte schwach. Leise sagte sie, »Ich weiß, dass ihr Tiere eine Seele habt, deshalb verstehe ich die Menschen nicht, die euch so quälen.« Seit Massentierhaltung verboten war, galt Rattenfleisch als Delikatesse. Sie wusste, dass man Ratten fing und auf grausamste Art tötete. Kurz schwebte das Licht nah an sie heran, streifte ihre Hand und glitt dann in Richtung Decke, um dort zu verschwinden. Fast vier Jahre hatte die Ratte sie begleitet. Unter Tränen flüsterte sie, »Leb wohl mein kleiner Freund, ich wünsche dir eine gute Reise und hoffe, du findest in deiner nächsten Reinkarnation mehr Erleuchtung.« Irgendwann in der Nacht würde sie sich in den Garten schleichen und seinen kleinen Körper an Mutter Erde übergeben.

Sie war gerade auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer, als ihr plötzlich leicht schwindelig und übel wurde. Schnell setzte sie sich auf das Sofa und schloss für einen Moment die Augen. Es war ihr, als würde sie durch Raum und Zeit gerissen. Selbst wenn sie gewollt hätte, sie hätte nicht mehr aufstehen oder die Augen öffnen können. Ihr war sofort klar, dass sie gerufen wurde, dieser Zustand war ihr wohlbekannt. Doch noch nie hatten die Geistwesen, ohne dass sie in tiefer Meditation war, mit ihr Kontakt aufgenommen. Das war ihr fremd, ängstigte sie. Endlich legten sich die Übelkeit und der Schwindel. Ihr Geist schwebte im vollkommenen Nichts, eine tiefe Ruhe überkam sie. Daphne ließ sich tiefer hineingleiten in diesen wohlvertrauten Zustand, ihre Seele löste sich von ihrem irdischen Körper. Alles, was sie noch wahrnahm, war ein helles, goldenes Licht und unendliche Liebe. Dann hörte sie die Stimme ihres Freundes und Lehrers Tse Wang, oder wie er in seinem zweiten Leben nach dem Seelentausch hieß, Tschönpel. »Meine liebe Tochter, verzeih, dass ich mich auf so ungewöhnliche Weise bei dir melde. Mir bleibt leider nicht viel Zeit, ich habe mein irdisches Dasein vor einigen Wochen beendet, doch du, mein Kind, schwebst in höchster Gefahr. Die Chinesen haben unser Kloster geplündert, sie waren wieder einmal auf der Suche nach der geheimen Seite aus dem Bardo thödol. So etwas habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt. Mein sicheres Gefühl sagt mir, dass dies die Tat eines einzelnen war, der nichts Gutes im Sinn hat und etwas ganz Bestimmtes vorhat. Sie haben im Haus der Dämonen gewütet, als seien sie selbst welche, doch gefunden haben sie dort nichts. Ich vermute stark, dass wir unter den Schülern einen Verräter haben, denn sie wussten erstaunlich gut über die vergangenen Jahrzehnte Bescheid. Auch wussten sie, wo die Klosteraufzeichnungen zu finden sind. Leider haben sie auch all unsere Bücher aus der Bücherhalle mitgenommen. Ich bin mir ganz sicher, sie suchen als nächstes nach dem Dolch. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie die alten Aufzeichnungen des Klosters gelesen haben, um zu wissen, nach wem sie zu suchen haben. Bringe den Dolch zurück nach Tibet, du wirst wissen, was mit ihm zu tun ist.« Noch immer konnte Daphne nichts erkennen. Wie gern hätte sie ihm noch einmal in seine warmherzigen Augen gesehen. Doch was er dann sagte, ließ ihr Herz für einige Sekunden aussetzen. »Du weißt sicher, dass ich vor meinem Tode bestimme, wo und wann ich wiedergeboren werde.« Nach einer kleinen Pause sagte er, »Ich habe beschlossen, in der Seele deines Kindes wiedergeboren zu werden.«

»Meines Kindes?«, fragte sie tonlos in die Dunkelheit. »Aber ich bin doch gar nicht schwanger«, flüsterte sie. Sanft klang seine Stimme, als er wieder sprach. »Doch, du bist schwanger, du weißt es nur noch nicht. Du musst zurück nach Tibet kommen«, sagte er mit Nachdruck, »ich habe dort für dich wichtige Aufzeichnungen gemacht. Ich habe sie so versteckt, dass nur du sie finden wirst. Komm nach Hause, Tochter, wir brauchen deine Hilfe.« Sie hatte das Gefühl, als würde ihr eine Hand liebevoll über die Wange streichen. Dann fühlte sie einen heftigen Ruck. Sie hörte Marcs sorgenvolle Stimme ihren Namen rufen. Zaghaft öffnete sie ihre Augen, Marc kniete vor ihr, sein Gesicht spiegelte Angst und Verzweiflung. »Großer Gott, Daphne«, rief er, »was ist denn mit dir geschehen?« Sie kam gar nicht dazu, irgendetwas zu sagen, in seiner Aufregung redete er immer weiter. »Ich komme zur Tür herein und finde dich ohnmächtig auf dem Boden. Kann ich etwas für dich tun? Soll ich dich in ein Krankenhaus fahren?« Sie richtete sich halb auf, ihr war immer noch ziemlich elend. »Nein, es geht mir schon besser«, würgte sie hervor, offenbar war sie vom Sofa auf den Boden gerutscht. Er half ihr auf die Beine und setzte sie wieder auf das Sofa zurück. »Ich hole dir erst einmal ein Glas Wasser«, stellte er fest. Als er weg war, legte sie verstohlen ihre Hand auf ihren Bauch. Sollte sie ihm sagen, dass sie ein Kind erwartete? Aber wenn sie das tat, würde er sie mit Sicherheit nicht nach Tibet fliegen lassen. Er würde sie gar nichts mehr machen lassen. Sie entschied, ihm erst einmal nichts von der Schwangerschaft zu erzählen. Marc brachte ihr das Glas Wasser und setzte sich neben sie. Erleichtert trank sie ein paar Schlucke und lehnte sich dann an ihn. Er legte wortlos von hinten seine Arme um sie und wartete, dass sie ihm erzählte, was vorgefallen war. Sie holte tief Luft und sagte dann, »Mein geliebter Lehrer und Freund Tse Wang ist gestorben, doch bevor er diese Welt ganz verlässt, bittet er mich, den Dolch nach Tibet zurückzubringen.« Sie spürte, wie Marc nickte und fuhr fort, »Das Problem ist nur, dass die Chinesen nach dem Dolch suchen werden und wir in Gefahr sein könnten.« Ungläubig fragte er, »Das alles hast du eben mal so während deiner Ohnmacht erfahren?« Sie nickte nur. Für einen kurzen Moment schwieg er. »Ich denke, du bist wirklich in Gefahr«, stellte er fest. »Ich werde gleich bei der Fluggesellschaft anrufen und uns für einen Flug nach Tibet registrieren lassen. Ich hoffe, wir müssen nicht so lange warten, bis sie eine Maschine vollhaben. Hast du eine Ahnung, wie schnell die Chinesen herausbekommen werden, wer und wo du bist?«, fragte Marc. Daphne zuckte mit den Schultern, dann lächelte sie und meinte, »Denk daran, sie suchen Daphne Murano und die liegt mit einem Schlaganfall im Altenheim im Bett. Selbst wenn die Chinesen sie finden, kann sie ihnen nichts sagen.« Für einen kurzen Augenblick hatte sie ein schlechtes Gewissen. In ihrem alten Köper war die Seele von Pia Richter gefangen und litt. »Es dürfte so gut wie unmöglich sein, eine Verbindung zu mir herzustellen«, sagte sie traurig. Marc hatte schon das Head-set auf dem Kopf und ließ sich verbinden. Mitten im Raum erschien die Holographie des Flughafenschalters. Eine junge Frau in dunkelblauem Kostüm erschien und sagte freundlich, »Willkommen bei Jump in the Sky. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich hätte gerne zwei Flüge nach Tibet gebucht«, sagte Marc. Die junge Frau tippte etwas in ihren PC, dann drehte sie ihn so, dass beide den Bildschirm sehen konnten. »Ich brauche Ihre Namen«, sagte sie wieder freundlich.

»Marc Rusher und Pia Rusher«, antwortete Marc.

»Bitte scannen Sie Ihre Bankdaten ein«, forderte die junge Frau ihn auf. Marc scannte seinen Oberarm und wie gewohnt gab der implantierte Chip die Daten frei.

»Zahlen Sie für beide?«, fragte die Frau am Schalter weiter.

»Ja«, erwiderte Marc.

»Ich schätze, dass die Maschine in drei Wochen nach Tibet fliegen wird, ganz genau kann ich das natürlich nie sagen. Sie bekommen zwei Tage vor Abflug von uns Bescheid.« Dann lächelte sie professionell. »Vielen Dank, dass Sie bei Jump in the Sky gebucht haben.«

Als nächstes rief er seine Dienststelle an, wieder erschien ein Bild mitten im Raum. Betty, Marcs Vorgesetzte, saß am Schreibtisch. »Oh, hallo Marc«, sagte sie erfreut, dann drehte sie den Kopf. »Hallo Pia, wie schön, dich zu sehen«, sagte Betty mit etwas kühler Stimme. »Diese dunkelblauen Kontaktlinsen stehen dir gut.« Daphne verkniff sich eine Antwort; zum Glück sprach Marc gleich wieder. »Betty, ich brauche in etwa drei Wochen Urlaub.«

Betty runzelte die Stirn. »Für wie lange denn?«, fragte sie. Marc zögerte einen kurzen Augenblick und meinte dann, »Vierzehn Tage werden reichen, denke ich.«

»Ich schau mal nach. Wenn du morgen zum Dienst kommst, reden wir darüber«, sagte Betty. Auch Daphne musterte Betty heimlich. Sie trug ihre braunen Locken kurzgeschnitten, was ihr hübsches Gesicht gut zur Geltung brachte. Betty war groß, um einiges größer als sie und schmal, ja fast dünn. Auch wusste sie, dass Marc und Betty einmal ein Paar gewesen waren, und dass er sie wegen ihr verlassen hatte. Na ja, verlassen war nicht das richtige Wort; Betty hatte ihn freigegeben. Während Daphne ihren Gedanken nachhing, hatte Marc alles mit Betty geklärt und war dabei, das Gespräch zu beenden. Betty blickte noch einmal zu Pia, nickte ihr kurz zu und das Bild erlosch. »Sie mag mich immer noch nicht«, stellte Daphne fest.

»Du meinst, sie mag Pia nicht«, berichtigte Marc sie. »Betty weiß nur, was in den Polizeiakten über Pia steht, mach ihr keinen Vorwurf«, sagte er tröstend. Daphne schwieg, ihre Gedanken wanderten wieder nach Tibet. Vor etwas mehr als sechzig Jahren lebte und liebte sie dort. Ihre Mitschülerin und kleine Schwester Tashi hatte ihr in Briefen mitgeteilt, dass auch das Kloster mittlerweile überdacht war. Dann hatte Tashi weniger und weniger geschrieben, bis ihre Briefe schließlich ganz ausblieben. Aber Daphne konnte fühlen, dass sie noch am Leben war. Daphne fragte sich, wo Tse Wang das Geld für die Überdachung des Klosters herhatte. Sie kannte Tse Wang gut genug, um zu ahnen, dass er wohl die Geldspenden an das Kloster, an den Chinesen vorbeigeleitet hatte, anstatt sie ihnen zu geben. Denn zu ihrer Zeit ging es dem Kloster richtig gut, jeden Tag kamen Pilger und Gläubige, um Buddha zu huldigen, Kranke, um Heilung zu finden und Touristen, um das Kloster zu besichtigen. Die Vorratskammern waren prall gefüllt, und auch Geld war reichlich vorhanden. Für einen kurzen Moment lebte das Bild in ihrem Geiste auf, sie dachte an die Bücherhalle, an all die Bücherregale, gefüllt bis unter die Decke mit altem Wissen, mit Philosophie, Astrologie, Medizin, Lyrik, Prosa und noch vielem mehr. Manche Bücher waren Hunderte von Jahren alt. Ihr Blick wurde traurig, wie sollten die Schüler jetzt lernen? Vor ihrem geistigen Auge sah sie all die Regale leer. Wieder wanderte ihre Hand zu ihrem Bauch und legte sich schützend darüber. »Was sagst du dazu?«, hörte sie Marc fragen, er hatte sie aus ihren Gedanken gerissen. »Was hast du gesagt?«, fragte sie. »Ich möchte nicht, dass du irgendjemandem die Tür öffnest, wenn ich nicht da bin«, sagte er. Sie nickte und widersprach nicht, denn sie spürte, dass er recht hatte. Er ging zu ihr, zog sie vom Sofa hoch und schloss sie in die Arme. Er hielt sie so fest, dass es ihr fast wehtat. »Ich würde es nicht überleben, wenn dir etwas zustoßen würde«, murmelte er in ihr Haar. »Du bist mein Leben, ohne dich will und kann ich nicht mehr sein. Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, wie sehr ich dich liebe.« Seine Stimme klang seltsam belegt, als er weitersprach. »Ich weiß auch nicht, was manchmal mit mir los ist. Irgendwo tief in mir lauert eine Angst, dass ich dich verlieren könnte.« Wie ernst er es meinte, sah sie, als sie den Kopf etwas hob, um ihm in die Augen zu blicken. Er hatte die Zähne so fest zusammengepresst, dass seine Kiefermuskeln stark hervortraten. Zärtlich strich sie ihm durch seine dunklen Haare und sah ihm tief in die Augen, er konnte bei ihr das gleiche Gefühl für ihn erkennen. Das erste Mal in seinem Leben musste er darum kämpfen, nicht vor Glück und gleichzeitig vor Sorgen zu weinen.

Die nächsten Tage verbrachte Daphne zu Hause, sie arbeitete wie besessen an ihrem Projekt.

Doch immer wieder glitten ihre Gedanken ab, wanderten zurück in der Zeit, nach Tibet. Wie sollte sie verhindern, dass Marc herausfand, dass er die Reinkarnation Jimpas war? Wäre es nicht besser, dass sie ihn darauf vorbereitete? Eines war klar, es würde sich nicht verhindern lassen, dass er es herausfand. Sobald er das Kloster Sakja betrat, würde sich sein altes Wissen erheben. Die Frage war nur, wieviel würde er noch wissen, und wie würde er reagieren? Sie entschloss sich dazu, ihm die Wahrheit zu sagen, aber sie wollte auf einen günstigen Zeitpunkt warten.

An manchen Abenden gingen sie engumschlungen noch etwas spazieren, hier und da blieben sie stehen, um sich die Hologramm-Auslagen der Geschäfte anzusehen. Sie bemerkten beide nicht, dass sie dabei schon von dunklen, geschlitzten Augen beobachtet wurden. Der Verfolger hielt sich immer im Schatten, doch er sog alles, was er sah, in sich auf. Die außergewöhnliche Schönheit Daphnes berührte ihn tief, doch gleichzeitig hasste er sie. Nie würde eine Frau wie sie auch nur einen Blick an ihn verschwenden. Dieser Marc war ein ernstzunehmender Gegner, sein Körper war gut durchtrainiert, und auch er war ein überdurchschnittlich gutaussehender Mann. Sein Hass auf die beiden steigerte sich ins Unermessliche. Dann lächelte er hinterhältig, in seinem Kopf entstand ein böser Plan.

Wenn Marc abends nach Hause kam, brachte er immer etwas zu essen mit und erzählte, wie sein Tag so gewesen war. Betty hatte, nach einigem hin und her, seinen Urlaub genehmigt, auf keinen Fall hätte er Daphne allein nach Tibet fliegen lassen. Am Ende der Woche kam Marc schon gegen Mittag nach Hause, und als er die Tür öffnete, hob sie erstaunt den Kopf und fragte: »Was machst du denn schon hier«? Aber als sie ihn ansah, merkte sie gleich, dass etwas nicht stimmte, er wirkte nervös und angespannt. »Das Altenheim hat mich heute angerufen«, meinte er. »Daphne, also dein Körper, hatte heute Besuch von drei Chinesen und einem tibetischen Mönch. Einer hat die Schwestern ausgefragt, nachdem sie festgestellt haben, dass die alte Dame im Koma liegt. Der Kerl hat nicht lockergelassen, so dass sie ihm schließlich gesagt hatte, er solle doch mit seinen Fragen Daphnes Enkelsohn aufsuchen. Er hat sich meinen Namen geben lassen und meine Rufnummer. Kannst du dich an Schwester Anni erinnern?«, fragte er. Daphne konnte nur nicken, ihr Mund fühlte sich plötzlich sehr trocken an. »Ihr hat die ganze Geschichte keine Ruhe gelassen«, erzählte Marc weiter, »sie hat mich angerufen. Sie sagt, der eine sei ein ziemlich schmieriger Kerl, der alles ganz genau wissen wollte. Leider konnte sie meinen Namen nicht aus der Geschichte herauslassen.« Daphne war blass geworden. Marc hatte in der Zeit seine Uniform gegen bequeme Freizeitkleidung getauscht. Achtlos legte er seinen Pistolengurt, in der seine Waffe steckte, auf einen kleinen Schrank. Er würde ihn später wegschließen. Beruhigend streichelte er Daphnes Gesicht. »Hör zu, meine Liebste«, sagte er, »ich denke es ist besser, du gibst mir deinen Dolch. Ich werde ihn fortbringen, nur zur Sicherheit. An dem Tag, an dem wir nach Tibet abreisen, werde ich ihn wieder holen, versprochen.« Er lächelte tröstend. »Ich werde dir nicht sagen, wo ich ihn verstecken werde, und ich bitte dich, es auch nicht mit deinen wunderschönen blauen Augen in meinem Kopf zu lesen.« Wieder konnte sie nur nicken, ihr gefiel der Gedanke, sich von ihrem Dolch zu trennen, ganz und gar nicht. Doch so sehr sie auch überlegte, ihr fiel keine andere Lösung ein. Ohne die Kette zu öffnen, zog sie den kleinen Dolch einfach mit der Kette über den Kopf, und schweren Herzens übergab sie ihn an Marc. Der eilte davon und kam mit einem alten Holzkästchen zurück, in den er, fast liebevoll, den Dolch legte. Daphne hob erstaunt die Brauen. »Ist das Kästchen aus echtem Holz?«, fragte sie. Marc lächelte. »Ja, das ist es«, erwiderte er. »Ich habe es von meinen Eltern, und die haben es von ihren, es wird schon eine Weile von Generation zu Generation weitergegeben.« Dann klappte er den Deckel zu, klemmte sich die Holzschachtel unter den Arm und war schon auf dem Weg zur Tür, als er noch einmal stehenblieb. Eindringlich sagte er zu Daphne: »Du öffnest auf keinen Fall die Tür, während ich nicht da bin, egal, wer auch davorstehen sollte. Packe in der Zeit ein paar Sachen für uns beide zusammen, wir werden für eine kurze Weile untertauchen.« Er hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen und verschwand. Erst als er auf der Straße stand, überlegte er, wo er die Schachtel hinbringen könnte. Ein Schließfach? Nein, er hatte Angst, dass es aufgebrochen werden könnte. Betty fiel ihm ein, dort wäre der Dolch in Sicherheit. Als er noch einmal zu seiner Arbeit zurückkam, schaute Betty ihn skeptisch und überrascht an. »Na, kommst du doch heute wieder arbeiten?«, fragte sie Marc. »Nein, Betty, ich möchte dir nur etwas geben und dich bitten, ein paar Tage darauf aufzupassen.« Er stellte ihr die Holzschachtel auf den Tisch. Betty hob überrascht die Augenbrauen. »Da ist aber nichts Illegales drin?«, fragte sie. Marc lächelte. »Keine Angst, es hat alles seine Ordnung. Würdest du die Schachtel mit nach Hause nehmen?«, bat er sie noch. »Wir sehen uns dann morgen.« Er hatte keine Ruhe, seine Gedanken waren bei Daphne.

Als Marc gegangen war, verspürte Daphne doch plötzlich Angst. Ein Gefühl sagte ihr, dass irgendetwas nicht stimmte. Trotzdem nahm sie sich die Zeit, den Körper der kleinen Ratte an Mutter Erde zu übergeben. Danach packte sie für sich und Marc ein paar Kleider zusammen, als es an der Haustür klingelte. Sie stand wie gelähmt und starrte die Tür an. Dann wurde angeklopft und sie erkannte die Stimme ihrer Nachbarin, Frau Schruder, einer netten, älteren Dame. »Frau Rusher, sind Sie zu Hause?«, rief sie. »Bitte, ich brauche Ihre Hilfe. Ich brauche einen Arzt, ich fühl mich gar nicht gut.« Daphne konnte Angst und Verzweiflung in der Stimme hören. Sie ging zur Tür und legte ihre Hand auf ein kleines Metallquadrat, das sofort durchsichtig wurde. Vor der Tür stand tatsächlich ihre Nachbarin, sie schien ein wenig zu schwanken und war leichenblass, die Augen vor Angst geweitet. Daphne dachte nicht lange nach und öffnete die Tür, da brauchte jemand ihre Hilfe. Sie sah gerade noch, wie die alte Dame zur Seite gestoßen wurde und, wie aus dem Nichts, zwei riesige Chinesen vor ihr standen, die aussahen wie Sumo-Ringer. Noch bevor Daphne einem von ihnen in die Augen blicken konnte, traf sie ein Schlag an der Schläfe. Sie sah rote Kreise, die in ihrem Inneren zu explodieren schienen, dann sackte sie bewusstlos zusammen. Die Hünen traten einen Schritt zur Seite und machten Platz für einen kleinen Chinesen. Der Mann war sehr schmal, sein Gesicht gelblicher als normal, seine Haut sah aus wie altes Pergamentpapier. Er lächelte zufrieden und zeigte dabei eine Reihe schlechtgepflegter Zähne. »Sehr gut, Hu Lien«, flüsterte er mit einer Fistelstimme. Hu Lien war schon dabei, Daphne einen Sack über den Kopf zu stülpen. »Bring sie ins Auto und fahr sie schon mal rüber«, sagte er. »Aber achte darauf, dass dich keiner sieht. Jun Kao und ich werden warten bis ihr Mann nach Hause kommt. Vergiss nicht«, mahnte er, »auf keinen Fall darf sie dir in die Augen sehen.« Der Riese nickte ergeben, warf sich Daphne, als würde sie nichts wiegen, über die Schulter und trabte davon. Zhang Lieh ging zurück in den Flur und half der alten Dame auf die Beine, über die Schulter sagte er zu Jun Kao, »Warte hier, ich komme gleich wieder.« Zu Frau Schruder gewandt, flötete er mit seiner Fistelstimme, »Sie entschuldigen bitte die Unannehmlichkeiten. Sicher werden Sie Verständnis dafür haben,« sprach er freundlich weiter, »dass ich nicht riskieren kann, dass Sie unseren Freund Marc oder die Ordnungshüter benachrichtigen.« Er schob sie in ihre Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Dann griff er in seine Jacke und zog zwei schwarze, weiche Lederhandschuhe hervor. Langsam und bedächtig schlüpften seine Hände hinein. Mit angsterstarrtem Gesicht sah die alte Frau ihn an. »Bitte,« flehte sie, »ich werde niemandem etwas sagen.« Mehrmals schloss er seine Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. Er lächelte, als er sagte, »Aber ja doch, ich weiß, Sie werden nichts sagen.« Dabei ging er langsam auf sie zu. Schade, dachte er, dass ich so wenig Zeit habe. Er hätte ihre Angst und ihr Flehen um ihr erbärmliches Leben gerne noch ein wenig ausgekostet. Seine Hände legten sich um ihren Hals und drückten unerbittlich zu. Keiner hätte gedacht, dass in seinem kleinen mageren Körper so viel Kraft steckte. Er machte sich nicht die Mühe, ihren leblosen Körper in ein anderes Zimmer zu bringen. Er gönnte sich das Vergnügen und ging langsam durch die Wohnung. Seinen Augen entging nichts, schließlich kam er zu der Überzeugung, der alten Frau einen Gefallen getan zu haben. Alles hier atmete Einsamkeit, so würde er nicht enden. Befreit zog er tief die Luft in seine Lungen und lächelte, er kannte nun einen Weg, der ihm ewige Jugend und Gesundheit versprach. Ungerührt verließ er danach die Wohnung und zog die Tür hinter sich zu. Nebenan war Jun Kao schon damit beschäftigt, die Wohnung von Marc und Daphne nach dem Dolch zu durchsuchen. Zhang Lieh setzte sich auf das Sofa, schloss die Augen und ließ die Atmosphäre auf sich wirken. Er versuchte, sich vorzustellen, wie Marc und diese Pia hier gelebt und sich geliebt hatten. Dann stand er auf und ging langsam durch jeden Raum. Im Schlafzimmer fiel sein Blick auf das verwühlte Bett. Mit einem angeekelten Lächeln stand er einen kurzen Augenblick davor. Die körperliche Nähe zum anderen Geschlecht war ihm seit längerem versagt. Er hasste jeden, der sich diesem Vergnügen hingeben konnte. Er schnaubte verächtlich, ging zurück in das Wohnzimmer und meinte zu Jun Kao, »Du kannst aufhören zu suchen, der Dolch ist nicht hier. Nun, dann werden wir mal auf den Herren des Hauses warten«, sagte er abfällig. »Wir werden ihm einen Empfang bereiten, den er so schnell nicht vergessen wird.« Jun Kao hatte noch nicht ein Wort gesagt, seine Intelligenz reichte nur dazu, Befehle zu empfangen und auszuführen. Genau das schätzte Zhang Lieh an ihm so. Beim Durchsuchen des kleinen Büros fiel Jun Kao Marcs Dienstwaffe in die Hände. Sofort brachte er sie stolz ins Wohnzimmer zu Zhang Lieh, und der war außer sich vor Freude. »Sieh an, sieh an«, sagte er triumphierend, »das neueste Modell, er wird begeistert sein, von seiner eigenen Waffe niedergestreckt zu werden.« Er drehte das kleine Rädchen, das seitlich an der Pistole war, auf die höchste Dosis Betäubungsmittel. Das würde mit Sicherheit reichen, ihn außer Gefecht zu setzen. Nachdem Zhang Lieh Marc getroffen haben würde, hätte dieser noch zwei Sekunden und würde dann, durch ein Nervengift gelähmt, ohnmächtig zusammenbrechen. Der Gedanke daran zauberte Zhang Lieh ein bösartiges Lächeln auf die Lippen.

Marc war noch schnell an einer Garküche vorbeigefahren, um für Daphne und sich ein verspätetes Mittagessen zu besorgen. Mit allerlei kleinen Tütchen bepackt, kam er endlich zu Hause an. Er legte seinen Finger an den Scanner der Tür, und mit einem leisen „Plopp“ öffnete sie sich. Sofort als er den Raum betrat, merkte er, dass irgendetwas nicht stimmte. Doch bevor er reagieren konnte, sah er einen kleinen Chinesen, der eine Waffe auf ihn richtete und abdrückte. Das letzte, was er hörte, war eine hämische Stimme, die sagte, »Willkommen zu Hause, Marc.« Dann sackte er schon bewusstlos zusammen. Jun Kao warf Marc über die Schulter, trug ihn hinaus und ließ ihn recht unsanft in den Kofferraum ihres Mietwagens fallen.

Daphne erwachte mit heftigen Kopfschmerzen, der Raum, in dem sie lag, war in Halbdunkel getaucht. Wie lange sie schon dort lag, wusste sie nicht. Staub flirrte in der Luft, und durch die trüben Fenster sah sie etwas Sonnenlicht. Man hatte alte Kleidung aufeinandergeworfen und sie daraufgelegt. Ihre Hände waren schmerzhaft auf den Rücken gefesselt. Mühsam kam sie auf die Knie und ließ ihren Blick weiter durch den Raum schweifen. Es sah aus wie ein ehemaliger Umkleideraum. Überall waren schmale Schränke, die Türen standen weit offen, der Boden war fingerdick mit Staub und Dreck übersät, und es roch einfach widerlich nach Moder und altem Schweiß. Die Tür öffnete sich, und der riesige Chinese betrat den Raum. Mit wenigen Schritten trat er hinter sie, und unsanft wurde sie auf die Beine gestellt. »Wo bin ich?« fragte sie. Er antwortete nicht und schob sie vor sich her. Schließlich stand sie in einer großen Halle, jetzt konnte sie sehen, dass sie sich in einer alten, verlassenen Fabrikhalle befand. Von der Decke hingen schwere Eisenketten, und überall standen alte große Maschinen. Auch hier fand etwas Sonnenlicht seinen Weg durch das kaputte Dach.