Der Seher - Markus Penedo Rey - E-Book

Der Seher E-Book

Markus Penedo Rey

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Beschreibung

Mit dem Abi in der Tasche hat es Alexandra geschafft, ihren Traumjob in einer Rechtsanwaltskanzlei eines Strafverteidigers zu bekommen. Für sie ein weiterer Meilenstein zu einem glücklichen und erfühlten Leben mit ihrer besten Freundin Melanie, mit der sie eine WG bewohnt. Doch plötzlich wird ihr perfektes Leben auf den Kopf gestellt, als eines Tages ohne jedwede Vorwarnung ein Mordanschlag auf sie verübt wird. Dem aber nicht genug, denn von einem Unbekannten erhält sie außerdem mehrere Drohnachrichten. Allerdings steht sie diesem Terror nicht alleine gegenüber, denn so plötzlich wie alles begonnen hatte, taucht wie aus dem Nichts, Roman auf, der von sich behauptet, ein Seher zu sein. Er rettet Alexandra nicht nur fortan mehrere Male das Leben, sondern sieht auch Morde, die noch gar nicht passiert sind. Tatsächlich beginnt daraufhin schon bald eine Mordserie, wie sie grausamer nicht sein kann – und Alexandra bekommt noch mehr Angst, als ohnehin schon.

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Seitenzahl: 1113

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ein Wort vorweg:

 

Beim Schreiben dieses Buches habe ich mir einige künstlerische Freiheiten erlaubt, weswegen einige Straßennamen und die Namen und deren Charaktere frei erfunden sind. Dem aufmerksamen Leser wird außerdem auffallen, dass ich dem Rathaus von Bamberg ein Glockenspiel verpasst habe, wo gar keines ist.

Ich wünsche den Leserinnen und Lesern viel Spaß mit diesem Buch.

 

 

Dieses Buch widme ich meiner Oma Irma.

Eine bessere wie Dich wird es

nie mehr geben.

 

 

 

 

Der Seher

von Markus Penedo Rey

 

 

 

Kapitel 1

Eine letzte Jagd

 

12. Januar

 

Ihre Schläfen hämmerten unter ihrem blonden zerzausten Schopf. Der Puls raste. Das Adrenalin und die nackte Angst trieben ihr den Schweiß aus jeder Pore ihres Körpers und lief ihr in Bächen den Rücken hinab. Ihre Augen vor Panik weit aufgerissen, die Pupillen erweitert.

Was zum Henker wollte dieser kranke Mistkerl nur von ihr? Er hatte sie mit einer Versprechung, ihr eine Überraschung zeigen zu wollen, hierher gebracht. In diesen verfluchten Wald! Mit der Überraschung hatte er nicht gelogen. Sie bestand einmal aus einem tiefen Schnitt an ihrem linken Unterarm, der stark blutete und der Drohung, sie umzubringen. Sie musste erstmal einen ausreichenden Abstand zu ihrem Verfolger gewinnen, bevor sie die Wunde mit irgendetwas verbinden konnte. Viel hatte sie nicht. Verbandszeug schon gar nicht. Sie hatte keine Schuhe und nur das, was sie am Leib trug. Und das musste reichen. Nicht nur, weil sie irgendwann genug Blut verloren hätte, dass sie befürchten musste ihre Kraft zu verlieren. Sondern auch, weil sie mit ihrem Blut eine Spur hinterließ. Eine Spur, die dieser Psychopath sehr leicht folgen könnte.

Er besaß nämlich eine Schwarzlichttaschenlampe und zudem ein Nachtsichtgerät. Wie er ihr stolz präsentiert hatte, bevor die Jagd begonnen hatte.

„… und wenn du mir eine schöne Blutspur hinterlässt, kann ich sie mit meinem kleinen Spielzeug hier folgen! Und jetzt lauf! Ich gebe dir genau eine Minute Vorsprung!“

Dieser Kerl war doch einfach nur krank im Kopf! Warum hatte er denn nicht auch gleich noch einen Bluthund aus dem Kofferraum seiner Proletenkarre gezaubert?

Sie stoppte, riss sich den rechten Ärmel ihrer Bluse ab, um sich mit diesen ihren blutenden Arm zu verbinden. Dass ihre dreckigen und blutverschmierten Hände zitternden, machte es nicht einfacher.

Dennoch schaffte sie es den weißen Stoff zweimal, um ihren Unterarm zu wickeln und mit Zuhilfenahme ihrer Zähne den Knoten stramm zu ziehen. Als sie das tat, fielen ihr wieder die Worte ihres Peinigers ein: „Verbinde ruhig deine Wunde, wenn du willst. Das haben sie bisher alle getan. Ich habe dann das hier, um dich aufzuspüren!“

Das Nachtsichtgerät!

In der Dunkelheit würde ihm dieses Scheißding einen guten Dienst erweisen. Aber brauchte er das überhaupt?

Auf der Fahrt in diese Todesfalle, in die sie dieser Kerl, dem sie bis eben noch vertraut hatte, hatte die Sprecherin im Autoradio eine sternenklare Nacht angekündigt.

Besorgt sah sie mit dem Stoffzipfel zwischen den Zähnen nach oben zum Himmel und bat Gott ihr zu helfen.

Der Verband saß und sie musste weiter. Dabei war es ihr vollkommen gleichgültig, in welche Richtung sie vor ihrem Verfolger davonrannte, nur weg von ihm!

 

***

 

Sie stoppte wieder. Ihr war eine Idee gekommen. Schwer atmend und mit beiden Händen auf ihren Knien aufstützend, sah sie auf den Weg, den sie zurückgelegt hatte. Ihr heißer Atem ging schwer. Obwohl sie von einem Wahnsinnigen gejagt wurde, versuchte sie sich, zu beruhigen, damit sie lauschen konnte. Lauschen, ob, und wenn ja, wie weit sie diesem Kerl schon davongelaufen war. Sie hörte nichts. Nichts außer ihrem Atem. Der sich aufgrund der Tatsache, dass sie regelmäßig joggte, schon ein klein wenig besser geworden war. Ihre Idee sah Folgendes vor: Sie hatte seit einigen Minuten der Jagd eine, wie er gesagt hatte, schöne Blutspur durch den Wald gezogen. Wenn sie, jetzt da sie die Wunde versorgt hatte, und somit keine Spur mehr hinterließ, einen harten Haken schlagen und später das Ganze nochmal wiederholen würde, müsste sie diesen Bastard doch abschütteln können! Müsste! Wenn da nur nicht sein Nachtsichtgerät wäre! Verdammt! Trotzdem musste sie es versuchen. Das war zumindest besser, als weiter stur geradeaus zu laufen. Vielleicht konnte sie ja sogar mit etwas Glück sein Auto finden. Aber was dann? Er war sicher nicht so blöd gewesen und hatte für sie die Schlüssel stecken lassen! Sie lief und lief, als sie aus der Ferne seine Stimme rufen hörte: „Aaaah … schlaues Mädchen! Hast tatsächlich die Blutung stoppen können! Haben die anderen genauso gemacht!“ Die anderen? Natürlich! Groß, blond, sportlich! So wie die anderen Opfer dieses Spinners! Vier Frauen hatte er bereits auf dem Gewissen! Und sie wollte nicht Nummer Fünf werden! „Hast du ab jetzt hier ebenso einen Haken geschlagen?“, hörte sie ihn zwischen den Bäumen hindurch rufen. Verdammt! Dieser Dreckskerl!Meine Idee war ja wirklich zu naheliegend gewesen!, dachte sie sich. Und wenn schon, sie musste weiter. Was sollte sie schon groß tun? Stehen bleiben war keine Option! Dieser beschissene Wald! Natürlich … der Wald! Oh verdammt, du blöde Kuh! Die anderen Frauen hatte man alle tot im Wald gefunden! Nachdem er sie gehetzt hatte! Zu Tode gehetzt! Gott, wie blöd bist du eigentlich?

Fährst mit diesem kranken Psycho mir nichts, dir nichts in einen Wald! Spätestens da hätte es dir dämmern müssen! GOTT …!

 

***

 

Was war das? Hatte sie Halluzinationen? Oder war da tatsächlich gut fünfzig Meter vor ihr eine schattenhafte Gestalt in geduckter Haltung vorbeigehuscht? Es kann unmöglich dieser Irre sein! Seine Rufe waren aus der entgegengesetzten Richtung gekommen. Vielleicht bedeutete diese weitere Gestalt ja gar keine Gefahr, sondern ihre Rettung? Vielleicht ein Förster? Aber warum sollte ein Förster, wenn er nicht gerade auf der Jagd war, in geduckter Haltung hier durch den Wald huschen? Sie mahnte sich zur Vorsicht. Sei nicht schon wieder so dumm!, sagte sie sich in Gedanken. Vielleicht ist es ein Helfershelfer, der dich in seine Arme treiben will!

Sie blieb erneut stehen. Denk nach! Denk nach! Was jetzt?

Sie war völlig außer Atem. In Ihrem Mund hatte sich heißer Speichel gesammelt. Erschöpft stützte sie sich mit den Händen auf den Knien auf, dann spuckte sie zwischen ihre Füße. Gleich darauf verzog sie wütend das Gesicht.

Du dumme Gans! Hinterlass doch gleich noch mehr Spuren für diesen Spinner und seiner Lampe! Oder kann er Speichel anhand seines Spielzeugs gar nicht sehen?

Wie auch immer! Sie wollte nicht darauf warten, um es herauszufinden. Als sie wieder hochkam, kam ihr ein ganz anderer Gedanke. Keine Spuren zu hinterlassen, schön und gut, nur was nutzt das, wenn sie auf ihrer Flucht ständig über Äste und Nadeln, Laub und Tannenzapfen rannte? Sie sah sich hektisch um. Verdammte Scheiße! Sie war so darauf konzentriert gewesen, keine unnötigen Geräusche zu machen, wie beispielsweise zu schreien, wie diese hysterischen dummen Tussis aus den Filmen, dass sie den Lärm, den der Waldboden nun mal verursachte, völlig außer Acht gelassen hatte. Überall, wo sie hinsah, lag dieses verräterische Zeugs! GottverdammteScheiße!

Sie musste einen richtigen Weg finden. Irgendeinen Weg! Vollkommen gleich!

Sie sah zurück. Da war niemand. Sie lauschte, so gut wie es eben ging, mit dem Rauschen ihres Blutes in den Ohren und dem Geräusch ihres Atems.

Als sie sich wieder umwandte, wurde sie abrupt gestoppt. Eine kräftige Hand drückte auf ihren Mund und hinderte sie am Schreien. Eine weitere Hand grub sich hart und erbarmungslos in ihr Genick. Mit weit aufgerissenen Augen, völlig erstarrt und erfasst von blanker Angst sah sie in finster dreinblickende Augen.

„Psssst! Ganz still! Hier und jetzt ist Schluss mit dieser verfluchten Scheiße! Das schwör ich dir!“

Sie glaubte, ihren Augen nicht zu trauen. Sie wollte Du!? sagen, aber aus ihrem Mund kam nur ein brutal unterdrückter, nicht verständlicher Laut …

 

Kapitel 2

Der Mordanschlag

 

Zwei Monate zuvor…

 

14. November

12 Uhr 43

 

Die Atmosphäre war so, wie man es von einem Kaufhausrestaurant um diese Uhrzeit erwarten würde: lange Schlangen am Salatbuffet, an der Essensausgabe und an der Kasse, Besteck, das auf Tellern klapperte und Menschen, die mit ihrem Durcheinanderreden für ein Stimmengewirr sorgten. Zudem lag in der Luft der Duft von verschiedenen Speisen.

Mittendrin saß Alexandra alleine an einem Tisch und genoss die Reste ihres Essens: Rahmschnitzel in Pilzsoße mit Pellkartoffeln und dazu einen kleinen gemischten Salat. Es schmeckte nicht so gut wie von ihrer Oma Hilde, die vor zwei Jahren im stolzen Alter von neunundachtzig Jahren an einem Herzanfall das Zeitliche gesegnet hatte, aber lecker war es trotzdem. Schon allein der Erinnerung wegen. Zu Lebzeiten von Oma Hilde hatte Alexandra sie regelmäßig in ihrer Mittagspause besucht, wo es alle zwei Wochen ihr Lieblingsspeise gegeben hatte. Grund genug für sie, weshalb sie hier dieses Gericht genommen hatte. Natürlich hatte Alexandras Oma die Rahmschnitzel deswegen so oft gemacht, weil sie genau gewusst hatte, womit sie ihre Enkelin hatte verwöhnen können. Und diese hatte wiederum gewusst, warum ihre Oma dieses Gericht so gerne für sie gekocht hatte: einfach, weil sie ihr gerne eine Freude gemacht hatte.

Zur Belustigung der Oma hatte Alexandra bereits von klein auf sogar noch den Teller sauber geleckt.

„Hat‘s geschmeckt, mein Mädchen?“, hatte Oma Hilde dann immer gefragt und dabei über beide Ohren gegrinst. Das letzte Rahmschnitzel hatte sie schließlich gekocht, kurz bevor sie in ein Altersheim gemusst hatte.

Hier im Restaurant, umgeben von wildfremden Menschen, traute sie sich einfach nicht, ebenfalls den Teller mit der Zunge zu säubern, was sie andererseits in ihren eigenen vier Wänden schon tat. Ihre Mitbewohnerin, Melanie, hatte sie bisher noch jedes Mal ungläubig angesehen und mit dem Kopf geschüttelt, aber zu guter Letzt hatte sie dann doch mit ihr gelacht.

Den Teller schweren Herzens verschont, schob Alexandra mit einem Lächeln auf den Lippen das Tablett in die Geschirrrückgabe, und steuerte den Ausgang an. In fünfzehn Minuten musste sie wieder an ihrem Arbeitsplatz in der Rechtsanwaltskanzlei sitzen. Mal sehen, wie viele Briefe sie heute von dem Diktiergerät ihres Chefs zu tippen bekommen würde?

Kurz vor dem Ausgang des Restaurants vernahm sie das Vibrieren ihres iPhones aus ihrer Handtasche. Bestimmt Melanie,der wieder etwas eingefallen ist, was ich nach der Arbeit noch einkaufen soll, dachte sie sich. Die Freundschaft mit Melanie reichte zurück bis zu ihren Kindertagen im Sandkasten. Zwischenzeitlich hatten sie sich wegen eines Mannes, dem ehemaligen Verlobten von Melanie, zerstritten. Diese hatte daraufhin nicht nur ihre Freundschaft gekündigt, sondern ebenso ihre gemeinsame WG. Alexandra hatte es viel Mühe, Zeit und Anstrengung gekostet, um ihre Freundschaft wieder zu kitten. Sie einigten sich dann darauf, dass kein Mann der Welt es wert wäre, warum sie ihre Freundschaft ins Klo spülen sollten. Und außerdem war immerhin Nick derjenige gewesen, der die treibende Kraft gewesen war und das ganze Chaos überhaupt erst ins Rollen gebracht hatte. Hätte er Alexandra nicht pausenlos angemacht, und hätte er sich mal bewusstgemacht, mit wem er sich sechs Wochen zuvor noch verlobt hatte, nämlich mit Melanie, dann wäre das Ganze bestimmt nie passiert.

Unterm Gehen fischte Alexandra ihr iPhone aus der Handtasche, um nach der WhatsApp-Nachricht ihrer Freundin zu sehen. Dabei konnte sie sich ein Grinsen nicht verkneifen. Ach, Melanie, du hast mich doch erst vor paar Minuten angerufen. Was hast du denn jetzt schon wieder vergessen?

„Ich tippe mal auf Klopapier!“

In dem Moment, als sie die eingegangene Nachricht lesen wollte, stieß sie kurz vor dem Ausgang mit einem Mann zusammen. Erschrocken zuckte sie zusammen, wobei ihr beinahe ihr iPhone aus der Hand gefallen wäre. Das hätte sie momentan überhaupt nicht brauchen können. Die letzte Displayreparatur hatte ihr erst vor kurzem ein kleines Vermögen gekostet.

„Hoppla, schöne Frau, verträumte Augen geradeaus!“, sagte eine charmante Stimme. Als Alexandra ihren Blick hob, sah sie in strahlend blaue Augen. Echt mal eine Seltenheit, normalerweise sah sie auf die meisten Männer mit ihren ein Meter achtundsiebzig hinunter, erst recht, wenn sie dazu hohe Schuhe anhatte, so wie heute.

„Entschuldigen Sie, bitte, ich hab‘ wohl nicht aufgepasst.“

Ihr Gesicht lief vor Scham rot an. Der große blauäugige – und blonde Haare besaß er zudem auch noch, alles in allem ein durchaus auf sie attraktiv wirkender Mann – bemerkte, wie unangenehm es ihr war und versuchte, mit einem Lächeln, besänftigend auf sie einzuwirken. Mit seinen perlweißen und perfekt geraden Zähnen könnte er direkt einer Zahnpastawerbung entstiegen sein. Sein Aftershave und sein Eau de Toilette war vielleicht etwas zu viel des Guten, roch aber gut.

„Ich nehme Ihre Entschuldigung an, wenn ich Sie auf einen Kaffee einladen darf.“

Ihr Schrecken legte sich. Sie musste nun ebenfalls lächeln. Der ist ja süß! Vielleicht ein bisschen eingebildet, aber süß! Immerhin hätte er schließlich ganz anders reagieren können.

„Tut mir echt leid, aber ich muss los, meine Mittagspause ist gleich um.“

Der Unbekannte sah sie enttäuscht an.

„Vielleicht ein anderes Mal?“

Sie lächelte verlegen und spürte wie sie von neuem rot anlief. Verdammt ist der süß! „Ja, vielleicht ein anderes Mal. Jetzt muss ich aber wirklich los! Entschuldigen Sie!“

So leicht ließ sich der Unbekannte jedoch nicht abwimmeln.

"Ich weiß nicht einmal Ihren Namen. Ich denke, das ist das Mindeste, nachdem Sie mich hier brutal fast umgetackelt haben.“

„Umgetackelt? Ist das ein Begriff aus dem American Football?“ Er nickte. „Sie kennen sich gut aus. Also was ist? Mein Name ist Roman. Und Sie heißen?“

„Entschuldigung, darf ich mal durch?“, sagte eine Frauenstimme barsch. Alexandra und Roman sahen gleichzeitig auf eine kleine ältere Frau hinunter, die zwischen ihnen hindurch wollte. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass sie den Zugang zu den Toiletten blockierten. Alexandra ging einen Schritt nach hinten, um der Frau Platz zu machen.

„Natürlich! Entschuldigen Sie, bitte!“

„Junge Leute heutzutage“, brummte die ältere Frau, bevor sie sich langsam in die Damentoilette schob. Als Alexandra sich wieder gefangen hatte, sagte sie hektisch: „Roman, ich möchte echt nicht unhöflich sein, aber mein Chef hat überhaupt kein Verständnis fürs Zuspätkommen. Ich heiße Alexandra. Wiedersehen!“ Das war jetzt vielleicht etwas rabiat, aber es bringt ja alles nichts, dachte sie sich, als sie Roman einfach stehen ließ.

 

***

 

14. November

Früher Nachmittag…

 

„Ich bin Zuhause!“, rief Alexandra bepackt mit Einkaufstüten in den Flur der Dreizimmerwohnung. Wenig später kam bereits Melanie aus dem Wohnzimmer herbeigelaufen, wobei ihre Füße lustlos über den Boden schleiften. Bekleidet war sie mit einer Jogginghose und einem Hoodie. Eben der Schlabberlook für zu Hause.

Seitdem vor zwei Wochen die alten Dielenböden in diesem Altbau gegen Laminatböden, darunter mit einer anständigen Trittschalldämmung, ausgetauscht wurden, ging sie hauptsächlich nur mit Socken an den Füßen durch die Wohnung. Ihre braunen, fast schulterlangen Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Als Alexandra ihre Freundin auf sich zukommen sah, musste sie lächeln, weil bei jedem Schritt, den sie tat, die Spitze des Pferdeschwanzes mal über der rechten, mal über der linken Schulter zum Vorschein kam.

„Hallo, Baby, hast du alles bekommen?“

Alexandra nickte grinsend. „Die ganze aufgetragene Einkaufsliste.“

„Gut! Auch meine Tampons?“

„Ja, die auch. Solltest du deine Periode nicht erst nächste Woche kriegen?“

Melanie verdrehte die Augen und schnaufte genervt. „Ja, sollte! Aber was soll ich sagen? Nicht einmal die Regel hält sich noch an die Regel!“

Wie aus einem Mund sagten dann beide: „Wortspiel!“ Dann mussten beide kichern. Nur bei Melanie hörte es sich verständlicherweise gequälter an.

Sie nahm Alexandra eine der beiden Tüten ab und sah hinein. Die Schachtel mit den Tampons lag obendrauf.

„Sind die mit Einführhilfe?“

Bevor Alexandra ihr antwortete, wandte sie sich um, um die Wohnungstüre zu schließen. Als sie sich wieder ihrer Mitbewohnerin zuwandte, sagte sie: „So, jetzt können wir über die blutigen Angelegenheiten sprechen, ohne, dass das ganze Haus zuhört, mein Schatz!“

Melanie winkte gleichgültig ab.

„Die Spastis aus dem Haus interessieren mich nicht. Erst recht nicht, wenn ich hier blute wie eine Sau!“

„Mmh! Na gut, hast ja recht. Und nein, die sind nicht mit Einführhilfe. Hast du ja schließlich nicht extra erwähnt.“

Melanie begutachtete die Schachtel in der Hoffnung, dass diese vielleicht doch die Richtigen wären.

„Hab‘ ich doch!“

Alexandra stellte die Tüte in den Flur und holte ihr iPhone heraus, um es ihrer Freundin unter die Nase zu halten.

„Hier steht es schwarz auf Pink: keine Einführhilfe!“

Mit einer verächtlichen Handbewegung schob Melanie es weg.

„Ääääch! Nimm das Ding weg! Da bekommt man ja Augenkrebs! Wer hat denn schon sein Handy auf Pink gestellt?“

Als sie sich abwendete, schnaufte sie genervt.

„Dann müssen die hier erstmal genügen!“

Als sie die Badezimmertür hinter sich geschlossen hatte, rief sie noch: „Dann muss ich jetzt zumindest nicht mehr deine benutzen!“

Alexandra nahm die Einkaufstüte wieder auf und begab sich auf den Weg zum Abstellraum, um dort die gekauften Putzmittel in den Schrank zu räumen.

„Danke Alexandra, dass du mir Tampons mitgebracht hast“, murmelte sie im Selbstgespräch grinsend vor sich hin. „Ach, und entschuldige, bitte, dass ich dich während des Mittagessens wieder mal mit Botengängen gestört habe, und dir dein Essen kalt geworden ist!“,

„Alexandra, hast du was gesagt!“, rief Melanie aus dem Bad.

„Nur, dass ich dich lieb habe!“

 

***

14. November

16 Uhr 02

 

Wie jeden Freitag war Alexandra im Fitnessstudio, welches sich in der Gartenstadt von Bamberg befand. Normalerweise kam Melanie mit, nur hatte sie eine Woche zu früh ihre „Erdbeerwoche“ bekommen und litt unter Menstruationskrämpfen. Dank der Herbstmonate war wieder mal relativ viel Betrieb in der „Muckibude“ - die wirklich so hieß! Freibäder hatten geschlossen und die Biergartensaison würde ebenfalls bald enden. Der Sommer war Alexandra lieber. Da entstanden an den Geräten wenigstens keine Wartezeiten, und beim Duschen gab es unter den festinstallierten Brauseköpfen obendrein die freie Auswahl. Sie konnte dann zwischen fünf Abstufungen wählen: Von hoffnungslos verkalkt bis „so-muss-das-Wasser-aus-einer-Brause-kommen“ war alles dabei. Letztere war bei den Frauen, die hier duschten, natürlich sehr beliebt und daher am häufigsten belegt. So wie heute. Alexandra hatte schon oft darüber nachgedacht, ob sie mal mit Freddie, dem Besitzer der Muckibude, ein ernstes Wort reden sollte. Nach nochmaliger Überlegung entschied sie sich jedoch dagegen. Außerdem war dieser Typ heute ohnehin nicht da, worüber sie ganz froh war. Vielleicht saß er in diesem Moment selbst in einem Biergarten. Wo auch immer er steckte, konnte ihr egal sein. Sie konnte gut und gerne auf seine hohlen Anmachsprüche verzichten: „Schon mal überlegt, als Model zu arbeiten? Du hättest alles, was man dazu braucht.“

Nur weil Gott sie groß und blond geschaffen hatte, lag ihr Interesse sicher nicht daran abgemagert, in irgendeinen komischen Fummel, mit einem Stock im Hintern über irgendwelche Laufstege der Welt zu stolzieren. Sie hatte nicht ihr Abitur gemacht, um irgendein blondes Dummerchen von irgendeinem Modezaren zu sein.

 

***

 

14. November

17 Uhr 46

 

Als Alexandra das Fitnessstudio verließ, war es bereits finster geworden und die Außenbeleuchtung brannte. Aufgrund des gut besuchten Studios und weil sich die „Muckibude“ den Parkplatz mit einem Baumarkt teilte, hatte sie für ihr Auto eine Parklücke im hinterletzten Eck nehmen müssen. Um Weg zu sparen, ging sie quer über den Parkplatz zwischen geparkten Autos hindurch. Von irgendwoher vernahm sie das aufröhrende Geräusch eines Sportwagens.

Angeber!, dachte sie sich, während sie in ihrer Sporttasche nach dem Autoschlüssel suchte. Dabei rückte in ihrem Bewusstsein das Motorengeräusch nach und nach in weite Ferne.

Doch als sie gerade hinter einem Mini-Van hervortreten wollte, packte sie von hinten plötzlich eine Hand und riss sie zurück. Es passierte so schnell und war gerade noch rechtzeitig, um sie davor zu bewahren, von einem vorbeisausenden dunklen Porsche erfasst zu werden. Alexandra stieß vor Schreck einen spitzen Schrei aus. Ihre Atmung und ihr Herzschlag setzten für einen Moment aus.

„Pass doch auf, du Blödmann!“, schrie der Mann, der sie zurückgerissen hatte, dem Porsche hinterher. Dann wandte er sich wieder Alexandra zu.

„Ist mit dir alles in Ordnung, Alexandra?“

Gleich darauf bekam er von selbst die Antwort darauf. Sie zitterte am ganzen Leib. Langsam drehte sie sich zu ihrem Retter um. „Was? Sie?“, keuchte sie, als sie in blaue Augen sah. „Was … was machen Sie denn hier?“

Roman lächelte sanft. „Allem Anschein nach, dich retten. Darf ich überhaupt du sagen?“

Noch immer außer Atem wich Alexandra seinen Blick aus und sah sich um. Sie brauchte einen Moment, um zu verarbeiten, was beinahe geschehen wäre.

„Ja, sicher dürfen Sie das! Ich … ich meine … ja, sicher, darfst du das.“ Roman hob die Augenbrauen und sah sie sanft an. Er verstand, dass die Frau, die er eben gerettet hatte, noch etwas mehr Zeit benötigte, um das soeben Geschehene zu verdauen.

 

***

 

17 Uhr 51

 

„Wollen wir uns erstmal setzen?“

Die Frau in seinen Armen antwortete ihm nicht gleich, sie war zu sehr damit beschäftigt wie Espenlaub zu zittern.

„Ja. Ja… okay.“

Roman sah sich nach einer passenden Sitzgelegenheit um, nur fand er nichts Geeignetes in unmittelbarer Nähe. Die Sitzgruppen, die zu der „Backstube“ gehörten, welche im Eingangsbereich des Baumarkts seinen Verkauf hatte, waren zu weit weg. Er führte Alexandra zu seinem babyblauen BMW, welcher nur wenige Meter weit weg stand und ließ sie auf dem Beifahrersitz Platz nehmen.

„Du musst jetzt nicht denken, dass das hier eine Entführung wird, ich zeige nur jeder Frau, die ich soeben gerettet habe, die neuen Ledersitze meines Autos und gebe damit ein bisschen an“, scherzte er, um diese befremdliche Situation etwas aufzulockern. Ein klein wenig musste sie sogar lächeln. Dem großen Blonden ist dies nicht entgangen.

„Hey, du kannst ja schon wieder lachen! Hast du mir die ganze Zeit nur was vorgespielt, weil du mal in meinem Wagen sitzen wolltest? Jetzt fühle ich mich aber schon etwas ausgenutzt!“

Sie musste über seine liebevolle, gewitzte Fürsorge lächeln und dann sogar kichern, weil ihr die ganze Situation doch ein klein wenig peinlich erschien, in der Regel konnte sie nämlich ganz gut auf sich selbst achten.

„Hey, schöne Frau, willkommen zurück im Land der Lebenden“, sagte Roman lächelnd, der mittlerweile in die Hocke gegangen ist, damit er ihr direkt ins Gesicht sehen konnte. Allmählich gewann Alexandra ihre Fassung zurück und sah sich um. Jetzt erst registrierte sie, dass sie tatsächlich in einem Auto saß, welches wohl diesem Roman gehörte. Sie fühlte sich ganz und gar nicht wohl bei dem Ganzen, der Situation und allem. Ihr Bauchgefühl sagte ihr: Hau bloß ab, Mensch! Alexandra, mach, dass du hier wegkommst!

„Ich sollte gehen.“

Etwas perplex von diesem plötzlichen Stimmungswandel sah er sie für einen kurzen Moment verdutzt an.

„Ich kann verstehen, wenn du etwas durch den Wind bist –“

„Nein… nein schon gut … mir geht’s gut. Ich würde jetzt wirklich gerne gehen wollen!“

„Okay. Wenn du dir wirklich sicher bist. Oder soll ich dich nicht vielleicht doch lieber nach Hause fahren und du lässt dein Auto stehen.“

Sag Nein und hau da ab!

„Nein, schon gut“, sagte sie und stieg langsam aus dem BMW. Als sie stand, suchte sie in ihrer Handtasche nach ihren Autoschlüsseln und zog sie mit zittrigen Händen heraus. Der plötzliche Adrenalinschub von dem Beinaheunfall hatte seine Spuren hinterlassen und forderte seinen Tribut. Roman war das Zittern nicht entgangen.

„Ich kann ja verstehen, dass die ganze Situation dich etwas überfordert. Kommt ja nicht alle Tage vor, dass man fast von einem Spinner überfahren wird, aber bist du dir sicher, dass du selber fahren willst? Merkst du eigentlich, wie sehr du zitterst?“

Sie wollte Entschlossenheit in ihren Blick legen, doch der Versuch scheiterte kläglich. Mehr als ein trotziges Gesicht, wie das einer fünfjährigen, kam nicht zustande. Als ihr dann schließlich die Beine zu zittern begannen, wurde es Roman zu bunt. Kurzerhand nahm er ihr die Autoschlüssel ab.

„Okay, Alexandra, pass auf, du stehst unter Schock! Ich kann nicht verantworten, dich so fahren zu lassen! Entweder ich fahre dich jetzt nach Hause oder ich rufe für dich einen Krankenwagen! Such‘s dir aus!“

Vermutlich hat er recht, dachte sie sich, du zitterst wirklich am ganzen Körper. „Okay, mir geht es wirklich nicht gut.“

Er nickte zustimmend. Dann wartete er geduldig ab, ob eventuell mehr von ihr kommen würde.

„Okay, fahr mich nach Hause.“

Wieder nickte er zustimmend.

„Aber nur unter zwei Bedingungen!“

„Gut. Und die wären?“

Sie hob den Kopf und versuchte erneut, Entschlossenheit in ihre Stimme und in ihren Blick zu legen.

„Ich sitz‘ hinten!“

„Gut. Und die zweite Bedingung?“

„Mein Handy. Ich werde es die ganze Zeit über in der Hand halten …“ Sie machte eine kurze Pause, um durchzuatmen. „… und sollte ich merken – !“

Er unterbrach sie, indem er beschwichtigend die Hände hob.

„Schon gut, schon gut! Ja, dann darfst du die Polizei rufen. Ich verspreche dir, die wirst du nicht rufen müssen. Du kannst mir wirklich vertrauen.“

 

***

 

14. November

18 Uhr 12

 

Der BMW war sehr geräumig und der Fußraum geradezu großzügig, was jedoch darauf ankam, auf welcher Seite man saß. Da Roman gute einen Meter fünfundachtzig groß war, musste er mit dem Fahrersitz weit nach hinten. Alexandra hatte es sich hinter dem Beifahrersitz gemütlich gemacht. Schon allein aus dem Grund, weil sie von da aus besser sehen konnte, was er tat oder nicht tat.

„Du hast mir immer noch nicht gesagt, was du eigentlich vor meinem Fitnessstudio gemacht hast? Stalkst du mich etwa?“

Etwas entsetzt nahm er über den Rückspiegel Blickkontakt mit ihr auf, was ihm das Umdrehen ersparte.

„Warum bist du eigentlich so feindselig mir gegenüber? Ich habe dir immerhin dein Leben gerettet.“

Gerade als sie dazu ansetzen wollte, etwas darauf zu erwidern, klingelte sein Handy. Eingeschnappt blies sie ihre Wangen auf und verschränkte die Arme. Sie konnte solche Unterbrechungen nicht leiden. Schon gar nicht in solchen Augenblicken.

„Sorry“, sagte er und warf ihr einen entschuldigenden Blick zu. „Das ist mein Geschäftshandy. Da muss ich leider rangehen.“

Zu einem unpassenderen Zeitpunkt konnte der Anruf wirklich nicht kommen, das wusste er nur zu gut, dennoch klappte er den Deckel der Mittelkonsole hoch und kramte eine Freisprecheinrichtung hervor, klemmte diese in sein Ohr und nahm den Anruf an. Genervt rollte Alexandra mit den Augen. War ja klar!

„Ja, Guten Tag, Herr Müller …!“, flötete er ins Telefon. „… ja … ja ist gut, freut mich, wenn alles bestens gelaufen ist. Und, nein, tut mir leid, ich kann gerade nicht. Ich fahr‘ eine potenzielle Kundin nach Hause …“ Während er das sagte, sah er in den Rückspiegel und gab Alexandra mit Gesichtsgestiken zu verstehen, ihm nicht böse zu sein, er musste schließlich einen solchen Quatsch erzählen. Dass er dabei aussah, wie ein kompletter Vollidiot, fiel nur ihr auf.

„Nein … nein, Herr Müller, ich kann Sie da beruhigen. Was das angeht, ist alles gut! Ja … ja, Herr Müller, ich versichere Ihnen, alles bestens … Ja, auf jeden Fall, Herr Müller, natürlich sind Versicherungen nie verkehrt!“ Alexandra verdrehte die Augen. Dieser Herr Müller muss ein ganz schöner Schwachkopf sein.

„Ja genau, den Autoschlüssel einfach durch den Briefschlitz von der Bürotür vom Container schmeißen! … genau … Ihnen auch, Herr Müller. Auf Wiederhören!“ Damit legte Roman auf. Dann wandte er sich wieder Alexandra zu. „Tut mir leid, das war ein Geschäftskunde.“

„Das sagtest du schon!“, erwiderte sie schnippisch. Er war ihr immer noch eine Antwort schuldig. Sie öffnete den Mund, um nachzufragen, was sein plötzliches Erscheinen vor dem Fitnessstudio anging, als sie abermals unterbrochen wurde. Diesmal jedoch von ihrem eigenen iPhone, das in ihrer Handtasche vibrierte. Eine SMS von einer Nummer, die sie nicht kannte.

Hast heute Schwein gehabt! Nächstes Mal erwisch ich dich!

Alexandra stieß einen spitzen Schrei aus und ließ gleichzeitig das iPhone fallen, als wäre es in ihrer Hand heiß geworden. Da war es wieder, das Zittern. Roman sah besorgt in den Rückspiegel.

„Ist alles okay mit dir?“

Die blonde Frau hinter ihm war vollkommen von der Rolle.

Man hat mir gerade gedroht! Das war eine Drohung! Jemand will mich tot sehen!

„Alexandra, was ist los?“

Ohne es zu merken, fing Roman an, Schlangenlinien zu fahren. Dann übersah er zudem noch einen schwarzen Skoda, dem er die Vorfahrt nahm. Der Fahrer musste eine Vollbremsung hinlegen und hupte anschließend wütend.

„Scheiße!“, zischte Roman, während er versuchte, den Wagen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Das Navigationsgerät verkündete bis zum Ziel nur noch wenige hundert Meter.

Alexandra jedoch konnte es nicht mehr erwarten, die Panik hatte sie bereits eingeholt und schnürte ihr die Kehle zu. Sie brauchte Luft. Jetzt!

„Fährst … fährst du … fährst du mal bitte rechts ran?“

Roman verstand nicht, woher dieser plötzliche Stimmungswandel kam. Ihn brachten nur wenige Dinge aus der Fassung, aber bei dem Beinahe-Zusammenstoß hätte er sich fast in die Hosen geschissen.

„Was ist denn los? Wir sind in wenigen Sekunden sowieso vor deiner Tür!“

„Sie haben ihr Ziel erreicht! Ziel auf der rechten Seite“, sagte die Computerstimme des Navigationsgeräts.

Tick-tack-tick-tack machte der Blinker, als Roman den BMW in eine Parklücke direkt vor der angegebenen Adresse steuerte. In Ihren Ohren klang das Ticken des Blinkers einfach nur aggressiv. Es klang wie das Ticken einer ziemlich lauten Uhr. Endlich erstarb das Dröhnen des Motors, und mit ihm dieses nervenzerfetzende Tick-tack-tick-tack-Geräusch.

„So, geschafft“, sagte Roman und löste seinen Gurt. Dann drehte er seinen Oberkörper, um nach hinten zu sehen. Was er sah, ließ ihn eiskalt erschauern. Die einst junge Frau sah um Jahre gealtert aus: Aschfahle Haut, offen stehender Mund und Augen, die ins Leere starrten, als hätten sie ein Gespenst gesehen. Von dem Anblick schockiert, brauchte er einen Moment, um seine Sprache wiederzufinden.

„Gütiger Gott, Alexandra! Was ist denn mit dir los?“

Sie erwiderte seine Frage mit einem geisteskranken Blick. Schnell fuhr er wieder herum und öffnete die Tür.

„Ich weiß schon, warum ich dich nach Hause bringen wollte!“

Den Schulterblick, den er sonst immer tat, um nachzusehen, ob von hinten ein Auto kam, vergaß er in der Hektik völlig. Dies war ein Fehler. Hupend machte ein Auto ein ausweichendes Fahrmanöver, bevor es die Fahrertür erwischt hätte. „Scheiße!“, entfuhr es ihm, ehe er um das Auto herumlief, die hintere Autotür auf der Beifahrerseite aufriss und auf eine Salzsäule starrte, die mal eine schöne, junge Frau gewesen war.

 

***

 

„Alexandra“, rief eine Stimme, die von irgendwoher zu kommen schien. Langsam drehte Alexandra den Kopf in die Richtung, aus der gerufen wurde. Das Gesicht von Roman war dann doch näher, als zunächst erwartet.

„Da … da … da war eine Nachricht … eine Nachricht auf meinem … auf meinem Handy.“

Allmählich schien er zu verstehen, was hier vor sich ging.

„Okay, verstehe. Wo ist Dein Handy jetzt?“

Mit einem Finger ihrer zittrigen rechten Hand zeigte sie unter dem Beifahrersitz. Verdutzt folgte er mit seinen Augen dem Fingerzeig.

„Moment, das haben wir gleich“, sagte er, während er auf ein Knie sank, um unter dem Sitz nach dem Handy zu tasten.

„Alles klar, ich hab‘ es!“

Als er hochkam, las er sogleich die Nachricht, die diesen ganzen Schlamassel angerichtet hatte.

„Guter Gott, wer ist denn so pervers?“

Entsetzt sah er auf Alexandra hinab, die am ganzen Leib zitterte, als hätte man sie soeben aus eiskalten Wasser gezogen.

„Wer schreibt dir denn solche Nachrichten?“

Vergeblich wartete er auf irgendeine Reaktion. Ein Wort oder Schulterzucken, aber nichts. Entnervt von dieser ganzen Scheiße, packte er sie an den Schultern und sah ihr direkt ins Gesicht.

„Alexandra, schau mich an! Wer könnte dir solche Nachrichten schicken? Sag‘s mir!“ „ICH WEIß ES NICHT!“, schrie sie hysterisch. Die Kieferknochen des großen Mannes mahlten, während er sich wieder aufrichtete.

„Ich ruf‘ jetzt die Nummer dieses Vollidioten an. Vielleicht ist es ja nur ein kranker Scherz, von wem, den du kennst.“

Er drückte auf Anrufen und wartete. „Der angerufene Teilnehmer antwortet nicht“, sagte eine Computerstimme. Erbost legte er auf. „Das feige Arschloch hat sein Handy ausgemacht, aber die Nummer ist ja gespeichert. Damit kann man immerhin zur Polizei gehen.“

 

***

14. November

19 Uhr 24

 

„Also, wie war das gewesen, Frau Böttcher?“, wollte der größere und schmächtigere der beiden Polizisten wissen, während der Notarzt Alexandra, die in ihrem Boxspringbett lag, eine Beruhigungsspritze gab.

„Wenn ich für sie antworten dürfte?“, warf Roman ein, doch der Polizist winkte ab. „Da es um Frau Böttcher geht, hätte ich gerne erstmal gehört, was sie zu sagen hat.“

Nur kam es erst gar nicht dazu, da der Notarzt, ein korpulenter, untersetzter Mann Mitte vierzig, ihn ins Wort fiel.

„Ich befürchte, Frau Böttcher wird Ihnen jetzt gar nichts mehr sagen können. Sie hat gerade eine Spritze bekommen, die sie etwas herunterfährt.“

„Bei allem Respekt, Herr Doktor, hätten Sie mit Ihrer Spritze nicht noch etwas warten können? Wofür sind wir überhaupt erst hierhergekommen?“

Auf derartige Diskussionen ließ sich dieser überhaupt nicht erst ein. Er ließ sich von Natur aus von niemanden in seine Arbeit hineinreden. Trotzig trat er den hochgewachsenen Polizisten gegenüber.

„Wie ist ihr Name?“

„Polizeiobermeister Jens Becker“, erwiderte er angefressen. Ihm war sonnenklar, worauf das hinauslaufen würde.

„Nun, Herr Polizeiobermeister, wie ich mit meiner Patientin verfahre, das überlassen Sie doch bitte mir. Wir sind hier nicht im Film!“

In diesem Moment hob Alexandra geschwächt durch die Spritze die Hand, um auf sich aufmerksam zu machen. Das Letzte, was sie brauchte, war eine Streiterei in ihrem Schlafzimmer.

„Noch … liege … ich … nicht … im … Koma. Ich sage … was passiert ist.“ Jens Becker grinste den Notarzt arrogant an und zückte aus der Brusttasche seiner Uniformjacke einen Notizblock.

„Na dann erzählen Sie doch mal, Frau Böttcher“, sagte er und trat energisch am Notarzt vorbei neben das Bett, wo zwei Sanitäter eine große schwarze Tasche und das Blutdruckmessgerät wieder zusammenpackten.

Die Befragung dauerte geschlagene fünf Minuten, indem Jens Becker fleißig seine Notizen gemacht hatte.

„Okay, also ich fasse mal zusammen: Sie waren bis kurz vor achtzehn Uhr im Fitnessstudio, die „Muckibude“ heißt, gewesen …“ Er machte eine kurze Pause und wandte sich an Roman.

„Heißt dieses Fitnessstudio echt so?“

Roman nickte, woraufhin Jens Becker amüsiert über den mangelnden Einfallsreichtum des oder der Besitzer den Kopf schüttelte.

„Nicht zu fassen“, erwiderte er breit grinsend und las dann weiter vor, was er über den Porsche und der SMS notiert hatte.

Gerade als er nach dem Verbleib von Alexandras iPhone fragen wollte, betrat Melanie das Zimmer.

In ihren Händen trug sie aufeinandergestapelt zwei große Pizzaschachteln, die sie beinahe vor Schreck hätte fallen lassen.

„Was ist denn hier los?“

Jetzt meldete sich auch der kleinere Polizist, Polizeimeister Kurt Winkler, zu Wort, der Melanie am nächsten stand.

„Frau Böttcher geht es nicht so gut. Und wer sind Sie?“

Melanie fiel bei der ganzen Szenerie, die sie hier vorfand, die Kinnlade herunter.

„Ich bin Melanie Maier, ich wohne hier mit ihr.“

Der Polizeimeister versperrte ihr demonstrativ den Weg. Ganz nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. „Okay, Frau Maier, können Sie sich ausweisen?“

Melanie blies erbost die Backen auf. „Jetzt geht‘s ja wohl los! Das hier ist meine … unsere Wohnung!“

Energisch schob sie das Kinn vor, um damit auf Alexandra zu zeigen.

„Ich muss Sie trotzdem bitten, sich auszuweisen.“

Entrüstet stellte sie die Pizzaschachteln, auf denen eine Packung Tampons mit Einführhilfe lag, auf das Sideboard ab, welches sich neben ihr befand und zückte ihren Personalausweis, den sie dem Polizisten übergab. Winkler begutachtete ihn von beiden Seiten und gab ihn dann zurück.

„Zufrieden jetzt, der Herr Polizist?!“

Dieser strafte sie sogleich mit einem ernsten Blick, der Melanie allerdings getrost am Arsch vorbeiging. Sie ließ sich nicht so leicht einschüchtern, schon gar nicht, wenn ihr die Galle bis zum Hals stand.

Davon konnte Jens Becker ebenfalls ein Lied singen, aber anstatt die Nerven zu verlieren, hatte dem „Schauspiel“ geduldig beigewohnt und wollte nun weiter machen.

„Also, Frau Böttcher, auf dem Parkplatz des Fitnessstudios hatte sie dann fast ein dunkler Porsche überfahren. Dieser könnte grau, aber auch schwarz gewesen sein …“

„Moment mal, ja!“, unterbrach Melanie erneut den Ausführungen des Polizisten und bahnte sich zwischen allen Anwesenden einen Weg hindurch zum Bett. Hier und da standen vereinzelt Umzugskartons mit verschiedenen Aufschriften: Deko, Büromaterial, PC-Zubehör, Verschiedenes …

„Was muss ich da hören, Schatz, dich wollte jemand überfahren?“

Das erste Mal seit langem kam aus ihrem Mund das Wort Schatz. Ebenso die Bezeichnung Baby, mit der sie ihre Freundin noch vor ein paar Stunden begrüßt hatte, hatte sie lange Zeit nicht mehr benutzt. In den alten Zeiten ihrer Freundschaft hatten solche Kosenamen oder Sätze wie Ich liebe dich zum gegenseitigen Wortschatz gehört. Melanie hatte zwar der Freundschaft und später auch der Wiederbelebung der WG eine zweite Chance gegeben; sie hatte aber zudem des Öfteren betont, dass sie noch etwas Zeit bräuchte, bevor es wieder so sein würde, wie es früher einmal war. Jetzt jedenfalls ergriff sie ihre Hand und verging fast vor Sorge. „Oh mein Gott, geht es dir gut?“

„Ich habe ihrer Freundin ein Beruhigungsmittel gespritzt“, sagte der Notarzt. „Kann sein, dass sie jetzt etwas benommen ist.“

Alexandra blinzelte müde mit den Augen und versuchte sich, an einem Lächeln, als sie ihre Freundin erkannte.

„Gut, dann mach‘ ich mal weiter mit meinen Ausführungen“, sagte Jens Becker sichtlich genervt.

„Das Kennzeichen haben Sie, Frau Böttcher, nicht erkennen können.“

Jetzt wandte er sich an Roman. „Sie waren nach Aussagen auch dabei gewesen. Haben Sie … Moment …“, er suchte in seinen Notizen nach dessen Namen, „… Herr Zellweger, das Nummernschild erkennen können?“

Roman, der bis eben noch in seinen Hosentaschen am nesteln war, nun aber die Hände herauszog, erwiderte: „Nein, hab‘ ich leider nicht. Es ging alles sehr schnell.“

„Haben Sie dann vielleicht die Farbe des Porsches besser sehen können? War diese nun grau, schwarz oder vielleicht doch eine ganz andere gewesen?“

Roman schüttelte sein blondes Haupt.

„Hierbei muss ich ebenfalls passen. Grau oder schwarz kommt schon hin.“

Jens Becker machte sich Notizen.

„Gut! Außer dem Tötungsversuch gab es eine Drohung per SMS.“

Melanie glaubte ihren Ohren nicht zu trauen und fuhr schockiert herum. So wie sie neben dem Bett kniete, um Alexandra ganz nahe zu sein, wirkte sie gleich noch kleiner und irgendwie verloren.

„Eine was!?“

„Bitte, Frau Maier, so kommen wir doch nicht weiter!“, versuchte Polizeimeister Kurt Winkler, etwas Ruhe in das Chaos zu bringen, damit dieser Einsatz mal zu einem Ende gebracht werden konnte.

„Schon gut, schon gut!“

Jens Becker hob eine Augenbraue. Er machte drei Kreuze, wenn er wieder in seinem Streifenwagen saß.

„Eine Drohung per SMS, also … eingegangen auf das Handy von Frau Böttcher.“ Just als er zu Ende gesprochen hatte, vibrierte es in Romans linker Hosentasche; was auch den beiden Polizisten nicht entging. Polizeimeister Kurt Winkler zeigte auf die Stelle an der Jeans.

„Ist das etwa das besagte Handy?“

Sichtlich beschämt holte Roman das iPhone heraus und reichte es dem Polizeimeister.

Er rief eine eben eingegangene Nachricht auf und las. Dann wandte er sich an seinen Kollegen. „Du, Jens, schau mal! Die ist eben gerade erst gekommen!“

Was ist los, Schlampe? Hat es dir etwa die Sprache verschlagen?, las dieser still für sich. Gleich darauf drang ein Räuspern aus seiner Kehle

„Mh, die ist von derselben Nummer!“ Er wandte sich wieder an Roman und hielt ihm das iPhone hin.

„Sie haben doch diese … Drohung … ebenfalls gelesen! Ist das diese erste Nachricht?“

Roman sah kurz darauf und bejahte die Frage des Polizisten.

Um beide Hände frei zu haben, gab Jens Becker seinen Kollegen das iPhone. Anschließend machte er Notizen über den genauen Wortlaut beider Nachrichten, sowie dessen Datum, deren Uhrzeiten und die angegebene Mobilfunknummer. In der Zwischenzeit wollte dann auch der Notarzt wissen, wie hier weiter zu verfahren wäre.

„So, Frau Böttcher, wenn die Polizei dann fertig ist, schlage ich vor, wir nehmen Sie mit in die Klinik.“ Alexandra bewegte geschwächt ihren Kopf von links nach rechts und wieder zurück. Für sie kam das überhaupt nicht infrage. So leicht wollte der Notarzt jedoch nicht aufgeben.

„Sind Sie da sicher? Ich halte es schon für das Beste, wenn Sie –“

„Sie kann jetzt in keine Klinik!“, unterbrach Melanie ihn. „Sie hat erst vor ein paar Wochen ihren Traumjob bekommen und ist noch in Probezeit. Wenn sie jetzt in eine Klapsmühle geht – und das wahrscheinlich für ein paar Wochen – dann ist sie ihren Job los, verstehen Sie das nicht? Ich pass‘ schon auf sie auf, versprochen!“

Der Notarzt faltete seine Hände vor dem Bauch. „Nun gut, heute ist ja Freitag. Muss Frau Böttcher am Wochenende arbeiten?“

Melanie schüttelte den Kopf. „Nein, muss sie nicht!“

Daraufhin willigte der Notarzt ein und gab den Sanitätern zu verstehen, dass sie hier fertig waren. Bevor er ging, drückte er Melanie einen Streifen mit sechs verschreibungspflichtigen Beruhigungs- und Schlaftabletten in die Hand.

„Ab morgen maximal zwei am Tag und heute bitte nur eine. Sie hat bereits eine Spritze bekommen. Ich wünsche ihnen und ihrer Freundin alles erdenklich Gute!“

Mit diesen Worten trabte der Notarzt den beiden Sanitätern hinterher.

„Okay, Frau Böttcher …“, wandte sich Jens Becker wieder an Alexandra, „… dann sehen wir mal zu, dass auch wir hier fertig werden. Wir nehmen jetzt eine Anzeige gegen Unbekannt auf. Sie bekommen in dieser Angelegenheit in den nächsten Tagen dann Post. Leider muss ich Ihnen aber sagen, dass die Chancen sehr gering stehen.“

Roman sah hektisch hoch. Eine ganze Weile war er mit gesenkten Kopf seinen eigenen Gedanken nachgegangen. „Was heißt denn, die Chancen stehen sehr gering?“, sagte er fast zornig. Jens Becker hob beschwichtigend die Hand.

„Wenn Sie mich ausreden lassen würden, Herr Zellweger. Das heißt, dass allein der Wortlaut, der beiden Nachrichten, unterschiedlich verstanden werden könnte. Wenn man – ich betone! – wenn man nicht gerade den Absender dieser Nachrichten mit dem – ich sage mal versuchten Tötungsdelikt, ja? – mit dem Porsche auf Frau Böttcher, in Verbindung bringen kann. Selbst dann wird es schwer – da wären wir dann wieder beim Wortlaut der Nachrichten –, damit zu beweisen, dass die so als Drohung zu bewerten sind.“

Roman nickte. Er verstand, worauf der Polizist hinaus wollte.

„Also, solange da nicht klar und deutlich steht, meinetwegen du Schlampe ich bring‘ dich um oder Stirb du so und so, kann man nicht viel machen.“

Jens Becker machte ein verkniffenes Gesicht und nickte.

„Leider ist das so. Auf gut Deutsch: Es fehlen die handfesten Beweise. Und es ist zu vermuten, dass derjenige oder diejenige eventuell ein Wegwerfhandy dafür benutzt oder benutzt hat. Außerdem besteht die Möglichkeit, wie vorhin schon angedeutet, dass der Porschefahrer gar nichts mit den Nachrichten zu tun hat. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass jemand, der Frau Böttcher kennt, die Situation beobachtet hat und ist dann kurzerhand auf den Zug aufgesprungen. Das kommt nicht häufig vor, wäre aber immerhin möglich. Leider Gottes gibt es eben viele kranke Geister da draußen.“

Polizeimeister Kurt Winkler nickte bestätigend. Alexandra hingegen konnte es nicht fassen und rollte genervt mit den Augen. Sie hatte gewusst, dass man das am Ende dieses ganzen Szenarios sagen würde. Sie wusste nur zu gut wie der Hase lief, schließlich arbeitete sie für einen Anwalt für Strafrecht.

„Jetzt hab‘ ich aber auch noch ein paar Fragen an Sie, Herr Zellweger,“ sagte Jens Becker. Roman spitzte die Ohren.

„Mich würde mal interessieren, was Sie eigentlich bei dem Fitnessstudio gemacht haben?“

Das wollte Alexandra zum Donnerwetter nochmal ebenfalls gerne wissen! Sie glaubte einfach nicht an einen Zufall. Da musste mehr dahinterstecken.

Roman räusperte sich.

„Frau Böttcher und ich haben eine Zufallsbekanntschaft. Sie lief in Gedanken verloren im Restaurant vom Kaufhaus Möller, das auf dem Rathausplatz, in mich hinein. Und wie Sie sich vielleicht denken können, musste ich diese Frau einfach wiedersehen. Ich meine, sehen sie sich doch diese Frau an!“

Auf Kommando sahen vier Augenpaare auf die im Bett liegende Patientin, die sich momentan nur eins wünschte, und zwar im Erdboden zu versinken. Im Moment war sie alles andere als ein Blickfang, dem Männer hinterherschauen würden. Sie sah aus wie eine Wassernixe mit einer ordentlichen Grippe. Jens Becker genügte das als Erklärung. Dann gab es zum Schluss nur noch eines zu klären.

„Nun gut, Herr Zellweger, und warum waren Sie im Besitz ihres Handys?“

Roman nahm eine gerade Körperhaltung an, indem der den Rücken durchdrückte und den Kopf etwas anhob.

„Das lässt sich ebenfalls leicht erklären.“

„Ich höre.“

Dann schilderte Roman den beiden Polizisten ausführlich die Fahrt vom Fitnessstudio zu Alexandras Wohnung in allen Einzelheiten, angefangen von dem Mordversuch bis hin zu der Drohnachricht.

Während Jens Becker mitschrieb, machte er zwischendrin immer mal wieder Mh!

„War das Handy, als sie es im Besitz hatten, mal ausgeschaltet?“

„Ich hab‘ nichts angefasst!“

„Frau Böttcher, stimmt das alles so, wie Herr Zellweger das geschildert hat?“

Sie schloss müde die Augen und nickte zustimmend.

Mit einer flüssigen Handbewegung ließ der Polizeimeister Kugelschreiber und Notizen in seiner Uniform verschwinden, während er sagte: „Ich denke wir sind dann hier erstmal fertig. Wir gehen dann mal. Frau Böttcher, gute Besserung – und wir melden uns. Auf Wiedersehen.“

Roman machte schon Anstalten, mit den Polizisten zusammen die Wohnung zu verlassen, als Melanie ihm nachkam. „Moment, bitte, Herr Zellweger, ich bringe Sie zur Tür. Und danken wollte ich Ihnen auch noch.“

 

Kapitel 3

Arachnophobie

 

15. November

8 Uhr 33

 

„Guten Morgen, Baby, geht es dir schon bisschen besser als gestern?“, begrüßte Melanie Alexandra, die ins Wohnzimmer geschlurft kam. Die kleine brünette Frau saß mit einer Tasse Kaffee in der Hand im Schneidersitz auf der Couch und sah fern. Es lief ihre Lieblingscomedyserie: Two and a half man. Über Alan aus der Serie konnte sie sich krumm und schief lachen.

„Morgen“, sagte Alexandra auf dem Weg zur Couch, bemüht, die Augen offenzuhalten. Die Ereignisse des gestrigen Tages und die anschließende Beruhigungsspritze stecken ihr nach wie vor in den Knochen. Sie hätte nichts dagegen, es sich auf den Polstern gemütlich zu machen, um auf diesen weiterzuschlafen. Melanie sah sie besorgt an, während sie nach der Fernbedienung griff und den Fernseher ausschaltete. Die Serie lief eh ständig in Wiederholung. Diese Folge hatte sie bestimmt schon viermal gesehen.

„Och, mein Schatz!“

Mit einem Satz sprang sie auf, um ihr Platz zu machen, ihre Tasse hatte sie bereits vorher auf dem Couchtisch abgestellt. Dann lief sie mit eiligen Schritten in die Küche, wo die Kaffeemaschine die finalen röchelnden Geräusche tat. Im Raum schwebte das kräftige Aroma von frisch gebrühten Bohnenkaffee. Mit Abstand der schönste Duft am Morgen.

„Baby, ich hab´ Kaffee gemacht, magst du auch einen? Ich könnte jetzt ein Frühstück vertragen. Wie steht es mit dir? Ich war schon beim Bäcker Brötchen holen, als du noch wie Schneewittchen geschlafen hast.“

„Ja, Kaffee, bitte. Und Frühstück muss ich mal sehen, ob ich was runterkriege“, erwiderte Alexandra, die sich mittlerweile in eine der Decken kuschelte, die immer auf der Couch lagen.

Fast wäre sie im Sitzen eingeschlafen, als wenig später Melanie aus der Küche zurückkam. In Ihren Händen trug sie ein Tablet, darauf eine Tasse Kaffee und ein Teller, auf dem zwei Hälften eines Brötchens bestrichen mit Hagebuttenmarmelade lagen.

„Der Kaffee ist noch heiß, also Vorsicht.“

Alexandra versuchte sich an einem Lächeln, scheiterte jedoch kläglich, was an ihrer ausgetrockneten Kehle liegen könnte. Sie könnte jetzt wirklich einen Schluck Wasser vertragen, nur war sie zu träge, um welches zu holen, und darum bitten, wollte sie auch nicht.

„Ich werde ja hier ganz schön verwöhnt.“

„Du hast ja schließlich einiges durchgemacht, und außerdem hab‘ ich dem Notarzt versprochen, dass ich auf dich aufpasse.“

„Danke, Maus, aber was soll mir auf der Couch schon groß passieren?“

„Genieß es doch einfach mal, dass sich jemand um dich kümmert“, erwiderte Melanie, als sie vorsichtig das Tablet auf dem Couchtisch abstellte. Dann nahm sie neben ihr Platz. Ihre Beine verschränke sie wieder zu einem Schneidersitz, während Alexandra an die Kante rutschte, um an das Tablet heranzukommen. Hagebuttenmarmelade gehörte normalerweise nicht zu ihren Favoriten beim Frühstück, aber gelegentlich griff sie auch schon mal zu Zucker. Besonders in Momenten wie diesen.

„Mmmh, riecht der Kaffee gut! Am Morgen riecht und schmeckt er einfach am besten.“

„Liegt bestimmt daran, Baby, weil ich den meistens mache.“

„Du bist ja heute gut gelaunt“, sagte Alexandra und sah Melanie über die Schulter hinweg an, dann drehte sie ihren Kopf wieder nach vorn und nahm einen Schluck Kaffee.

„Darf sich eine Freundin nicht für ihre beste Freundin freuen?“

Mit zusammengekniffenen Gesicht und blinzelten Augen versuchte Alexandra, zu verstehen, was ihre Mitbewohnerin mit dieser Anspielung meinen könnte.

„Was gibt es sich da zu freuen? Gestern wollte mich irgendein Geisteskranker überfahren und hat mir anschließend Drohnachrichten geschickt!Tut mir leid, aber ich kann da echt nichts finden, worüber man sich freuen kann!“

Um ein Haar war Melanie versucht, ihr einen leichten Schubs in den Rücken zu geben, aber da sie nicht riskieren wollte, Kaffee zu verschütten, ließ sie es bleiben. Stattdessen machte sie nur eine wegwerfende Handbewegung.

„Das meine ich doch auch gar nicht! Ich meine den Typ, der auf dich steht.“

Hab‘ ich irgendwas verpasst, dachte sich Alexandra, im Gesicht ein großes Fragezeichen. Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, sodass sie beinahe den zweiten Schluck Kaffee im Sprühregen über dem Boden verteilt hätte.

„Was!? Du meinst doch nicht Roman oder etwa doch!?“

Die kleine Frau nickte so eifrig, dass ihr Pferdeschwanz auf und ab hüpfte. Dabei sah sie wie ein Wackeldackel mit einer Überdosis Koffein aus.

„Na klar meine ich den!“ Nach einer kurzen Pause fügte sie noch hinzu: „Der Typ sieht doch Hammer aus!“

„Kannst ihn haben, wenn er so Hammer aussieht.“ Das Wort Hammer sprach sie mit einem sarkastischen Unterton aus.

Melanie rutschte an die Kante, um noch näher bei Alexandra zu sitzen.

„Ich würde den sofort nehmen, doch du weißt genau, dass ich mir doof vorkommen würde, wenn ein Kerl so viel größer ist als ich.“

„So klein bist du mit deinen einen Meter sechzig auch wieder nicht“, erwiderte Alexandra und biss in eine Brötchenhälfte. Sofort klebte ihr die Marmelade an ihrem trockenen Gaumen, sodass sie mit Kaffee nachspülen musste.

„Einen Meter siebenundfünfzig, Baby! Und doch, das stört mich! Ich komm‘ mir dann vor wie Kelsey.“

„Wie wer?“

„Na, du weißt schon? Die Frau von dem Kerl aus Game of Thrones … dieser Hafthor Björnsson. Die waren doch die Woche in der Zeitung! Hast du die nicht gelesen?“

„Nein. Wann lese ich schon mal Zeitung?“

„Ach … dann ein anderes Beispiel: Nehm meinetwegen Hayden Panettiere und diesen Boxer, dieser – dieser? – dieser Klitschko! Wahrscheinlich sind die deswegen nicht mehr zusammen!“

Alexandra nickte. Sie musste erst hinunterschlucken, bevor sie sich zu so einem Schwachsinn äußern konnte. Ihre Freundin würde als Journalistin für irgendeine Klatschpresse bestimmt eine gute Figur machen.

„Aaah jaaa, genauuu! Und das hat sie dann erst beim zweiten Mal herausgefunden. Hat sich aber vorher noch ein Kind von ihm machen lassen, oder wie?“

Als würde sie etwas präsentieren wollen, legte Melanie beide Hände mit den Handflächen nach oben auf ihre Knie.

„Jaaa, so wird es gewesen sein! Die Alte ist ja auch bescheuert!“

Bevor Alexandra nochmal die Kaffeetasse an ihre Lippen setzte, sagte sie mit einem Lächeln im Mundwinkel: „Bescheuert bist nur du!“

Dafür hätte Melanie sie nur zu gerne ein weiteres Mal knuffen wollen, so wie es Kumpels tun, nur fester. Immerhin hatte sie es als Nesthäkchen mit drei Brüdern, wobei bereits der jüngste fünf Jahre mehr auf dem Buckel besaß wie sie, nicht immer leicht gehabt. Sie als Prinzessin mit drei Rabauken, da hatte sie schließlich irgendwelche Wesenszüge annehmen müssen, wozu eben auch schon mal ein Schlag mit der Faust dazu gehörte. Alexandra hingegen war ohne Geschwister groß geworden, sie hatte immer nur Melanie, doch ihr Verhältnis kam dem von Geschwistern gleich.

Als diese ein weiteres Mal mit einer Kaffeetasse in die Schranke gewiesen wurde, konnte sie nur noch die Beleidigte spielen, indem sie die Unterlippe vorschob. Nur nahm Alexandra ihr das mal wieder nicht ab. Ist ja schließlich nicht selten so, dass eine Unterhaltung zwischen ihnen so verläuft. Man wusste, wie es gemeint war.

„Selber bescheuert, du Blondie.“

Die zweite Hälfte des Brötchens schaffte Alexandra beim besten Willen nicht, sie hatte sich schon abgemüht, eine Hälfte zu essen. Zudem steckte ihr der gestrige Tag nach wie vor in den Gliedern. Außerdem hatte die Unterhaltung über diesen Roman, von der sie befürchtete, dass diese eben erst begonnen hatte, ihren Appetit nicht gerade gesteigert. Zurückhaltend, aber entschlossen schob sie das Tablet mit dem Teller darauf von sich. Melanie schaute deren müde Bewegungen mit Sorge zu.

„Schon fertig?“

„Ich weiß, du hast es echt lieb gemeint, aber ich bring‘ echt nichts mehr runter. Bin schon froh, dass ich eine Hälfte geschafft habe, ohne dass mir dabei noch übler geworden ist, als mir sowieso schon ist.“

„Na gut, Baby, eine Hälfte ist besser als gar nichts im Bauch zu haben.“

Müde griff sie mit beiden Händen nach der Kaffeetasse, dann rutschte sie auf der Couch zurück und sank in die Polster. Es war an der Zeit, die Frage zu stellen, die ihr schon die ganze Zeit auf der Seele brannte.

„Seit wann nennst du mich eigentlich wieder Baby und Schatz?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„So genau hab‘ ich gar nicht drauf gemerkt, dass ich das tue. Mir war halt danach. Warum sollte ich nicht? Soll ich lieber wieder Alex sagen?“

Sie verneinte mit einem Kopfschütteln und kam sich gleichzeitig idiotisch vor, dass sie es überhaupt angesprochen hatte. Sie hätte es einfach darauf beruhen lassen sollen.

„Sorry, Maus, natürlich darfst du mich weiterhin so nennen. Du weißt, ich mag das, wenn du mir Kosenamen gibst. Vergiss die blöde Frage einfach.“

Behutsam legte Melanie eine Hand auf ihr Knie, um es sanft zu kneten.

„Ach, jetzt mach mal halblang. Du machst dir zu viele Gedanken nach dem gestrigen Tag. Sieh doch mal das Positive!“

Das Positive!? Wie jetzt!?Was soll an dem gestrigen Tag positives passiert sein? Dann fiel es ihr wieder ein, wobei ihre Anspannung etwas abnahm. Roman – natürlich!

„Du meinst Roman.“

So als würden sie losziehen, um neue Klamotten zu kaufen, stand Melanie vor Begeisterung sofort in Flammen. Sie liebte das Shoppen mehr als jede andere Beschäftigung. Mal einen Millionär zu heiraten wäre ihr Traum: Nicht mehr arbeiten zu müssen, trotzdem jeden Tag neue Schuhe und Klamotten, keine Waschmaschine – wofür auch? Ein Traum.

„Klar meine ich den! Der hat dir eventuell gleich zweimal das Leben gerettet.“

Bevor sie weiter redete, sah sie verträumt an die Zimmerdecke, als wäre es ein Himmel voller Sterne.

„Er kam einfach aus dem Nichts, wie … ein Engel.“

Aus Alexandra prustete ein schallendes Gelächter heraus. So einen Schwachsinn hatte sie selten gehört, schon gar nicht von ihrer Freundin.

„Ein Engel? Dass ich nicht lache! Der Kerl ist kein Engel, der Spinner ist nur ein gewöhnlicher Stalker!“

„Das ist doch kein Stalken, nur weil er dir ein einziges Mal gefolgt ist!“

„Melly, er hat gewusst, wo mein Fitnessstudio ist! Der Kerl muss mir bereits den ganzen Tag gefolgt sein. Immerhin war ich nach unserer Zufallsbegegnung noch in der Arbeit, in der Drogerie und dann war ich Zuhause gewesen. Woher hatte also der Spinner gewusst, wo ich am Abend trainieren würde!“

Melanie setzte sich so hin, dass sie ihrer Freundin direkt ins Gesicht sah und lächelte sanft.

„Das ist doch egal. Verstehst du –“

„Das ist nicht egal! Ich habe das komische Gefühl, dass dieser Roman hinter dieser ganzen Sache steckt!“

„Und wie konnte er dir zwei Nachrichten schicken – einmal unterm Autofahren und das zweite Mal, als sogar die Polizei als Zeuge dabei gewesen ist?“

„Ganz einfach …“, erwiderte Alexandra achselzuckend, „… er hat einen Komplizen.“

Melanie musste lachen.

„Du spinnst doch! Okay, und woher hat dann dieser Komplize deine Handynummer?“

„Das kann ich dir sagen, er hat sich in mein Handy eingeloggt!“

Erneut musste Melanie lachen. Wie meist, wenn mit Alexandra wieder einmal die Fantasie durchging. So wie in ihrer gemeinsamen Jugend, als sie im Haschisch-Rausch geglaubt hatte, ein UFO gesehen zu haben. Zwei starke Jungs waren nötig gewesen, um sie daran zu hindern, dem Licht einen Hubschraubers hinterherzulaufen.

„Du schaust echt zu viele Filme mit Tom Cruise.“

„Gib mir dein Handy, ich beweise es dir!“, sagte Alexandra und machte eine fordernde Geste mit der Hand.

Ungläubig grinsend gab sie nach und reichte ihr das iPhone. Mit einem Blick aus trotziger Überzeugung und Gewinnerlächeln tippte Alexandra *#62# ein. Dann gab sie das iPhone zurück. „Drück auf Anrufen!“ Melanie tat es. Sie staunte nicht schlecht, als nach einem kurzen Suchlauf ihre Handynummer angezeigt wurde.

„Mh-mh, beeindruckend, was du alles weißt. Und wie ist er an dein Handy gekommen, um das einzutippen?“

„Das brauchte er vielleicht gar nicht, wenn er sich in mein Handy eingeloggt hat.“

„Du siehst echt zu viele Agentenfilme!“, erwiderte Melanie und legte den Kopf schief. Dann blickte sie ernst, indem sie ihre Augen verengte.

„Ich hab‘ da eine ganz andere Vermutung. Soll ich dir sagen, wen ich in Verdacht habe!“

Alexandra ließ sich um ein paar Zentimeter nach hinten sacken. Sie brauchte Abstand von dem, was gleich kommen würde.

„Du denkst doch nicht etwa, dass Nick Bauer etwas damit zu tun hat, oder etwa doch? Er soll mich beinahe überfahren haben und mir die Nachrichten geschickt haben? Nick ist Polizist. Vergiss das nicht, Melly!“

Sie zuckte mit den Schultern. Sie wusste, wie Nick tickte, schließlich war sie von ihnen beiden länger mit ihm zusammen gewesen. Er mag ein Polizist sein, trotzdem besaß er seine Schattenseiten. Vielleicht mehr als jeder andere. Jetzt wo sie so darüber nachdachte, schätzte sie sich froh, ihn los zu sein. Es mag Männer geben, die möchte man auf Anhieb heiraten, Nick Bauer war keiner von ihnen.

„Und nur weil er Polizist ist, macht er so was nicht, oder wie? Und denk doch mal daran, was dieser Jens Becker gesagt hat, dass möglicherweise das eine gar nichts mit dem anderen zu tun hat.“

Alexandra stand wortlos auf und umrundete den Couchtisch. Bevor sie das Zimmer verließ sagte sie noch: „Glaubst du echt an so einen Zufall?“

„Wäre doch möglich. Wo gehst du eigentlich hin?“

„Aufs Klo!“ Dann fiel die Badezimmertür zu. Im Wohnzimmer machte es sich Melanie auf der Couch bequem und schaltete den Fernseher wieder ein. Ihre Lieblingscomedyserie war bereits vorüber und es lief eine Reality-Doku. Genervt über diesen Scheiß machte sie das Gerät wieder aus. Gleich darauf zeigte der Apparat ein schwarzes Bild, als aus dem Badezimmer ein markerschütternder Schrei drang.

 

*** 

15. November

9 Uhr 21

 

Nick Bauer konnte zufrieden sein, er hatte endlich erledigt, was schon lange getan werden musste. Er startete den Motor seines metallicgrauen Ford Focus und ließ das Gebäude, indem seine beiden Ex-Weiber wohnten, hinter sich. Was für ein schäbiges Haus in dieser schäbigen Gegend! Haus? Als Haus konnte man das echt nicht bezeichnen. Eine altertümliche Bruchbude war das! Alexandra hätte es bei ihm viel besser haben können. Na dann mal viel Glück da oben im dritten Stock, wird im Sommer bestimmt ein Hochgenuss. Schöne heiße, schlaflose Nächte wünsch‘ ich mal undviel Spaß! Der Ärger darüber, wie ihn diese beiden Hühner, diese Schlampen, behandelt hatten, hing ihn bis heute nach. Mein Gott, hat es eben mit der einen, noch mit der anderen nicht geklappt. Kein Grund, ihn wie Scheiße zu behandeln. Wahrscheinlich hatte es deswegen nur nicht geklappt, weil beide gleich ticken. Auf gleicher Welle und so weiter …

Drecksweiber!

Er hätte auf seine Intuition hören sollen. Die hatte ihn nie … na ja, okay … eher selten im Stich gelassen. Warum hatte ihm Alexandra bei jeder Gelegenheit, die sich geboten hatte, schöne Augen gemacht. Was sollte das! Und wie aufgebrezelt sie immer vor ihm herumstolziert war. Zur Hölle, welche Frau läuft schon Zuhause herum als würde sie gleich in eine Disco gehen? Und angelächelt hatte sie ihn ja schließlich auch ständig. Gottverdammte scheiß Weiber! Wenigstens hatte er beide mehrere Male bumsen können. Er möchte gar nicht wissen, wie sich diese Weiber da oben das Maul über ihn zerreißen. Vielleicht sogar gerade jetzt, in diesem Moment! Wahrscheinlich gaben sie ihn die Schuld an allem.

Zum Glück war die Sache mit dem Wohnungsschlüssel, den er noch von Melanie gefunden hatte, jetzt endlich erledigt. Dieser war zwar blöderweise von der alten Wohnung gewesen, und er hatte ihn erst bei seinem jährlichen Ausmisten seines Hauses wieder gefunden, aber er will sich nicht nachsagen lassen, dass er irgendwas von diesen blöden Hühnern behalten würde. Er hatte ihn einfach in den Briefkasten geschmissen. Zusammen mit einer Botschaft …

 

***

 

15. November

9 Uhr 22

 

Melanie riss die Badezimmertür auf und fand ihre Mitbewohnerin auf der Kloschüssel sitzend vor, die Beine angezogen, sodass sie ein gutes Stück über dem Boden hingen. Slip und Jogginghose um die Knie, hielt Alexandra zitternd mit beiden Armen ihre Beine umschlungen. Panisch sah sie vor sich auf den Boden, wo sie eine Spinne in der Größe eines Untertellers für Espressotassen anstarrte.

Sie hasste diese Viecher wie die Pest. Zudem besaß sie davor eine ausgesprochene Todesangst. Je größer die Spinne, umso größer war ihre Angst.

„Gott, warum schreist du denn so? Bist du noch ganz bei Trost? Ich hätte bald einen Herzinfarkt bekommen!“, sagte Melanie im Türrahmen stehend, die Türklinke in der Hand. Alexandra ließ mit der rechten Hand ihre Beine los und zeigte auf die Spinne. „Mach die weg … BITTE!“