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Ein abgelegenes Bauernhaus am Stadtrand von Bamberg. Hier lebt zurückgezogen der Computernerd Gottfried mit seiner herrschsüchtigen und pflegebedürftigen Mutter Henriette. Der Hof ist der perfekte Ort, um hierhin diejenigen Frauen zu verschleppen, die Gottfried im Chat beleidigt und anschließend blockiert haben. So wie Dorothea, die Gottfried erste willige Sklavin werden soll. Nur hat Gottfried nicht mit Dorotheas Widerstandswillen gerechnet. Sie geht lieber in den Tod, als Gottfried zu dienen. So wird er über sein Kamerasystem Zeuge davon, wie sich die junge Frau den Strick nimmt. Angefixt von diesem Ereignis will Gottfried fortan Snuff-Videos drehen, wofür er Lisa und ihre Freundin Jenny auserkoren hat, die er dafür in sein eigens angefertigtes Kellerverlies sperrt, wo die Freundinnen die Hölle auf Erden erfahren sollen.
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Seitenzahl: 299
Veröffentlichungsjahr: 2025
Der Seher 2022
Der 13. Pfeiler 2024
Gottes Dünnschiss2025
Tag
Dorothea erwachte aus ihrer Betäubung. Sofort fühlte sie diesen unerträglichen hämmernden Schmerz in ihrem Kopf. Der Untergrund, auf dem sie lag, ließ sie bis ins Mark frieren. Aus Reflex zog sie die Beine an ihre Brust. Selbst diese einfache Bewegung fügte ihr Schmerzen zu. Genau genommen schmerzte ihr jede einzelne Stelle an ihren Körper.
Als sie die Augen öffnete, nahm sie ihre Umgebung so verschwommen wahr, wie durch eine Windschutzscheibe bei starkem Regen. Gerade als das Bild sich klärte, kam eine schattenhafte Gestalt auf sie zu. Abrupt blieb er stehen und sah von oben auf sie herab.
„Gut, du bist wach. Warst ja ganz schön weggetreten. Willkommen in deinem neuen zu Hause!“
Dorothea verstand nicht. Dieser Ort konnte nie und nimmer ihr zu Hause sein. Außer, sie würde in ihrem Keller liegen. Die nackte Glühbirne an der Decke wäre ein erstes Indiz dafür, dass dem wirklich so wäre.
Erste Panik stieg in ihr auf, denn sie verstand kein bisschen, was das alles sollte.
„Was das soll, fragst du!“, sagte der Schatten. „Ich werde dir sagen, was das soll! Du warst es doch gewesen, die mich so weit getrieben hat. Du mit deiner beschissenen hochnäsigen feigen Art. Dachtest wohl, du bist hinter deinem Monitor geschützt? Dachtest wohl, du könntest mich beschimpfen, wie es dir beliebt? Aber da hast du falsch gedacht. Niemand beschimpft mich unbestraft! Und schon gar nicht so eine feige Fotze, wie du eine bist!“
Dorotheas Sehvermögen kam mehr und mehr zurück. Mehr und mehr stellte sich das Bild, das sich ihr bot, scharf. Auch ihr Körper hörte mehr auf die Befehle aus ihrem Gehirn. Ein Gefühl, als würde sie in einem Ameisenhaufen liegen, beschlich langsam aber stetig jeden Zentimeter ihres Körpers.
„Wo … wovon redest du? Wann … wann soll ich dich denn beleidigt haben?“
Der Schatten lachte spöttisch und laut auf. Dann kam sein schwarzer, kugelrunder Kopf auf sie zu. Jetzt erkannte sie die Maske, die er trug, aus der er sie durch zwei runde Löcher anstarrte. Kein Mund.
„Ach, du erinnerst dich gar nicht an unseren netten Plausch auf Searchyou? Als Nächstes willst du mir vielleicht auch noch erzählen, dass du noch nie in deinem Leben gechattet hast! Ich weiß, du bist Blumengirl123.“
Die letzten Schleierfetzen vor ihren Augen verschwanden wie Seifenblasen gegen eine Wand. Nun erkannte sie die Gitterstäbe, die sie umgaben. Das war definitiv keinesfalls ihr Keller. In ihrem Keller gab es nur einige durch Latten abgetretene Kellerabteile, aber keinen … Käfig!
„Ich chatte überhaupt nicht! Und schon gar nicht auf Searchyou, oder wie dieser dämliche Chat heißt. Das … das hab ich überhaupt nicht nötig, denn ich … ich hab einen Freund.“
Wieder lachte der Schatten auf. Er glaubte ihr kein Wort. Warum sollte er auch? Er kannte ihre Chats, er kannte ihren Namen und er kannte ihre Vorlieben. Er wusste einfach alles.
„Ach, hör schon auf! Ich weiß sehr wohl, dass du es mit Aquaman82 erst vor zwei Tagen virtuell wild getrieben hast. Ich weiß, dass du eine versaute Nutte bist, die es gerne in den Arsch hat. Aber mich hast du Blockiert!“
Sein Geschrei jagte ihr noch mehr Angst ein, als sie ohnehin schon besaß. Gleichzeitig fehlte ihr jedwedes Verständnis, was dieser Kerl eigentlich von ihr wollte. Was sie im Netz trieb und mit wem war verdammt nochmal ihre Angelegenheit. Sie musste sich beim besten Willen nicht vor diesem Spinner rechtfertigen!
„Ich habe keinen Sex per Chat! Ich habe einen …!“
„Jaja, einen Freund. Ich weiß schon. Spar dir deine beschissenen Lügen. Ich weiß, du bist Dorothea Heldt, geboren 1993 – und dass du von Sternzeichen her Waage bist. Also, lüg mich nicht an! Dass du mich blockiert hast, hätte ich dir vielleicht noch verzeihen können, aber ich verzeihe auf keinen Fall, dass du mich als Heulsuse beschimpft hast. Ich werde dir in den nächsten Tagen und Wochen zeigen, wer hier die Heulsuse ist!“
Heulsuse? Da kamen so einige infrage. Und alle diese Kerle hatte sie auf ihren Account gesperrt. Denn sie suchte einen richtigen Mann und kein Weichei, der anderen die Schuld für sein verkorkstes Leben gab.
„Ich weiß nicht, was du von mir willst!“
Diesmal erhob der Schatten nicht seine Stimme. Er erhob sich, jedoch ohne den Blick abzuwenden.
„Früher oder später wirst du mir deine Vergehen schon gestehen. Spätestens dann, wenn du mich anflehen wirst, dass ich dich nicht ignoriere.“
Damit ging er davon und ließ sie allein zurück.
***
Er vernahm noch ihre Schreie, solange bis er die schwere Tür von ihrem Verlies, ihrem neuen zu Hause, geschlossen hatte. Dann herrschte Stille. Ein hervorragender Beweis dafür, dass seine Konstruktion einwandfrei funktionierte. Er hatte sie zwar schon mit einem laut aufgedrehten Radio getestet, trotzdem beschlich ihn bei diesem Test ein zufriedenes Glücksgefühl.
Hier, am Treppenabsatz, konnte er endlich die Maske abziehen, unter der er bereits gar fürchterlich zu schwitzen begonnen hatte. Seine verbliebenen Haare auf seinem sonst kahlen Kopf standen nach allen Seiten ab. Das wusste er auch ohne Spiegel. So jedenfalls konnte er seiner Mutter nicht unter die Augen treten, sonst würde es ganz sicher wieder einen Anschiss setzen.
Junge, sie nur wie du aussiehst. Kein Wunder, dass du keine Frau bekommst. So hab‘ ich dich nicht erzogen! Und nimm mal ab! Man muss sich ja für dich schämen!
Mit solchen und anderen „Nettigkeiten“ quälte sie ihn gerne. Worte, die ihn sensibel an seine wunden Punkte trafen: seinen Bauchansatz und sein Singledasein. Wenigstens verschonte sie ihn mit seiner spärlichen Frisur. Das würde ihm zu seinem Elend noch fehlen. Wenn diese alte Hexe doch nur endlich sterben würde, dachte er sich. Nicht einmal der liebe Gott möchte sie haben!
Warum nur hatte sein Vater so früh sterben müssen. Obwohl! Er hatte es ja immerhin selbst verschuldet. Denn keiner hatte ihn gezwungen, so viel zu saufen.
***
Seine Mutter lag im Bett und schlief. Wo sollte sie auch sonst sein? Seit ihrem Schlaganfall, der sie halbseitig gelähmt hatte, sah zweimal am Tag ein Pflegedienst nach ihr. Alles andere blieb an ihm, ihren einzigen Sohn, hängen. Er musste sie bemuttern, schlimmer als ein Kind. Am schlimmsten war jedoch das Wickeln.
Oh, Mutter, warum bist du nicht in einem Pflegeheim?
Es gab Stellen am Körper seiner Mutter, die er sich noch nicht einmal in seinen wildesten Träumen vorgestellt hatte. Stellen, die kein Sohn jemals sehen sollte. Doch was würde er tun ohne seine Mutter? Sie stellte fast immerhin seine ganze verbliebene Familie dar. Sie und sein Onkel mütterlicherseits, der irgendwo in den USA ein Leben als Rancher führte. Oder was der alte Sack auch immer dort tat.
Von dem Erbe, das Mutter und er zu gleichen Teilen bekommen hatten, konnte dieser jedenfalls ein Leben führen, von den andere nur träumen konnten.
Oh, Mutter, wann willst du endlich sterben?
***
„Gooott-friiied, wo bist du?“ Mutters Reibeisenstimme hallte durch die Flure des alten Bauernhauses. Neunundachtzig Jahre alt, trotzdem konnte sie so laut schreien wie ein Baby. Und wie ein solches besaß sie ein Babyphone, nur so konnte er sie von einem Ende des Flurs bis zum anderen hören. Praktische Sache. Besonders als er im Keller das Verlies eingerichtet hatte, was ohne diese Technik unmöglich gewesen wäre. Immerhin besaß er mit Mutter eine 24-Stunden-Beschäftigung.
„Ich komme, Mutter“, murmelte er wie jeden Morgen in seinem nicht vorhandenen Bart, ehe er losging, ihr das Frühstück zu bringen.
An besonderen Tagen wie Muttertag, Geburtstagen oder zu Weihnachten gab es sogar Blümchen. Aber eben nur an solchen Tagen.
Henriette Althoff, geborene Hufnagel, sah ihn wie so oft vorwurfsvoll an, während er mit dem Tablet in der Hand ihr Schlafzimmer betrat. Es stank nach Scheiße, und er überlegte, sie darin liegenzulassen, bis die Frau vom Pflegedienst kam. Sollte sie sich doch die Hände schmutzig machen! Wofür bekam sie sonst so viel Geld?
„Gottfried, hast du etwa schon wieder geraucht? Du weißt, was ich dir über das Rauchen gesagt habe!“
Gottfried fehlten die Worte. Wie konnte sie hier drin überhaupt etwas anderes riechen, als ihre Ausscheidungen? Sie besaß wirklich die Nase ihrer längst verschiedenen Katze Emilie. Sie hatte auf etlichen Metern Entfernung ihre Gourmethäppchen gerochen. Verwöhntes kleines Ding. Da hatte man ihr einmal neben ihrem gewöhnlichen Futter was anderes geboten, schon hatte sie das Trockenfutter ignoriert. Teufel noch eins sie fehlte ihm.
„Nein, Mutter, ich habe nicht geraucht. Ich habe dir dein Frühstück gemacht.“
„Du sollst mich nicht anlügen! Und wie oft hab‘ ich schon zu dir gesagt, dass du mich nicht Mutter nennen sollst? Nenn mich Mama, wie es sich für ein Kind gehört!“
„Wie du willst, Mama. Nur verstehe ich nicht, was an dem Wort Mutter so schlimm sein soll. Es heißt ja auch schließlich `Mutter Gottes´, und nicht `Mama Gottes´!“
Henriette lachte laut auf, woraufhin sie sogleich husten musste. Ihre Lungen mussten wirklich mal wieder von dem Schleim befreit werden. Gottfried wusste, was er tun musste. Schnell stellte er das Tablet auf die alte Kommode und kam seiner Mutter zur Hilfe. Bei ihr angelangt hob er ihren Oberkörper so weit an, dass er ihr mit der freien flachen Hand auf den Rücken schlagen konnte. Das tat er so lange, bis der Husten nachließ. Dann bettete er sie sanft zurück auf das Kissen.
„Mein Junge, du willst dich aber doch jetzt nicht mit Gott oder Jesus Christus vergleichen?“
„Natürlich nicht, Mama.“
„Gut. Denn Jesus Christus sah bestimmt besser aus, als du. Würde er heute noch leben, hätte er einen Schlag bei Frauen. Du könntest ja wenigstens mal ein bisschen abnehmen.“
Warum ging sie ihm damit immer auf den Wecker? Dabei wog er gerade mal achtundsiebzig Kilo bei einer Körpergröße von einem Meter siebenundsiebzig.
Gerade als Gottfried etwas auf diese Gemeinheiten erwidern wollte, klingelte es an der Tür, woraufhin er wortlos den Raum verließ. Auf dem Weg zur Tür fiel ihm einmal mehr auf, wie dreckig das Haus doch war, seit dem schicksalhaften Tag im Leben seiner Mutter. Er selbst fand für das Putzen einfach keine Zeit. Außerdem lag ihm die Hausarbeit nicht. Aber er könnte wenigstens mal die Spinnenweben unter der Decke wegmachen. Ja, das könnte er tun. Und vielleicht sollte er sich nach einer Haushaltshilfe umsehen. Das wäre sowieso die Lösung, Geld genug besaßen die Althoffs schließlich.
Vor der Tür stand wie fast jeden Morgen Frau Lombrecht; eine junge hübsche Frau, die ihn in seiner Fantasie etliche Male schon geküsst hatte, was sie aber nie tat. Schade eigentlich, denn ihre zierliche Figur und ihr üppiger Busen hatten es ihm angetan. Ebenso ihr herzerwärmendes Lächeln. Gottfried sollte über ihr Erscheinen ein fröhliches Gesicht machen, tat es aber nicht. Wie sollte er auch, nach dem allmorgendlichen Disput mit seiner Mutter?
„Das liegt leider an ihrer Demenz“, sagte Frau Lombrecht, die mit Vornamen den schönen Namen Denise besaß.
„Kann man dagegen nichts tun?“, fragte Gottfried mehr aus Eigennutz, als aus ehrlicher Besorgnis.
„Meinen Sie jetzt gegen ihre Demenz oder ihre Boshaftigkeit?“
„Das Zweite.“
„Man könnte sie mit Tabletten neu einstellen, damit sie ruhiger wird. Das müssen Sie aber mit Doktor Herbst besprechen, wenn er mal wieder da ist. Mir sind leider die Hände gebunden. Sie sollten sich aber gut überlegen, ob Sie das wirklich wollen, denn ich weiß es von einer anderen Patientin, dass diese sich kaum noch mitgeteilt hat. Bitte verzeih‘n Sie, wenn ich Ihnen sage, dass Sie vielleicht einfach lernen sollten, es weniger an sich heranzulassen. Ich weiß, es ist leichter gesagt als getan, aber wenn Ihre Mutter gar kein Wort mehr mit Ihnen spricht, wird es damit nicht unbedingt gleich leichter für Sie. Aber das müssen Sie entscheiden.“
Gottfried kam ins Grübeln. Seine Mutter könnte also wie eine Fuhre Sand nur noch im Bett liegen und gar nichts mehr sagen? Wie verlockend das klang.
Beim Durchschreiten des Flurs staunte Denise einmal mehr über die alten Möbel. Ganz besonders über die alte Standuhr, die schon seit Urzeiten noch von Gottfrieds Großvater dort stand, und die unter Sammlern ein kleines Vermögen wert sein müsste. Weniger allerdings der Staub auf den Bilderrahmen und auf dem Treppengeländer, welches zu den Stufen gehörte, auf denen man in den ersten Stock gelangte.
„Herr Althoff, haben Sie schon mal überlegt ein Museum zu eröffnen. Was gewiss nicht böse gemeint sein soll, Sie wissen, ich liebe Ihre alten Möbel. Das erinnert mich immer an das Haus meiner verstorbenen Oma.“
Gottfried erwiderte die Idee mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck. Besucher im Haus, die überall herumschnüffelten, fehlte ihm gerade noch. Erst recht nicht jetzt, wo er einen neuen „Gast“ im Haus hatte.
Als er so hinter Denise herlief, betrachtete er zum wiederholten Male ihren wohlgeformten Hintern, der seiner Meinung nach perfekt auf einen Frühstücksteller passen sollte. Und wie so oft malte er sich auch diesmal aus, sie von hinten zu lieben.
Im Schlafzimmer angekommen, begrüßte sie Henriette, die soeben aus ihrem Nickerchen erwachte.
„Da machen wir, glaub‘ ich, erstmal das Fenster auf, Frau Althoff, bevor wir anfangen. Oder was sagen Sie dazu?“
Henriette nickte nur müde. In Gegensatz zu ihrem Sohn konnte sie Denise kein bisschen leiden. Sie mochte ihre engen Kleider nicht und die Art, wie sie ging. Schaut her, ihr Männer, wie ich mit meinem kleinen Arsch wackeln kann! Nein, sie mochte sie nicht.
„Hatten Sie denn schon Ihr Frühstück, bevor wir die Medikamente nehmen, Frau Althoff?“
„Nein, mein Sohn hat mich einfach hier liegen lassen“, erwiderte sie schroff.
„Es hat an der Tür geklingelt, Mutter! Ich musste Frau Lombrecht hereinlassen.“
Henriette sah verächtlich weg und winkte mit der Hand, die noch funktionierte, ab. Sie konnte faule Ausreden genauso wenig leiden wie geschmacklos gekleidete Weibsbilder. Eigentlich gab es so einiges auf ihrer Liste, angefangen von ungepflegten, stinkenden Männer bis hin zum Vogelgesang vor ihrem Fenster. Wenn es nach ihr ginge, konnte ihr Sohn diese nervenden Quälgeister allesamt erschießen und deren Eier in die Pfanne klatschen. Da fiel ihr eine Arbeit für ihn ein. Er könnte den Efeu draußen am Haus endlich mal wegmachen, damit würden vielleicht auch die Vögel verschwinden.
Jahrelang hatte sie mit Justus, ihrem verstorbenen Mann, darüber diskutiert, er solle den Gärtner kommen lassen, aber er hatte sich dagegen gesträubt. Mit Gottfried würde sie keine Diskussion eingehen. Ein Sohn, der seiner Mutter widerspricht, das käme ja überhaupt nicht infrage. Sie mag alt sein, aber sie konnte ihm immer noch eine scheuern.
„Ich glaub‘, ich lass‘ die Damen jetzt mal alleine“, sagte Gottfried und verließ das Zimmer.
Als er die Tür geschlossen hatte, atmete er einige Male tief durch, bevor er zurück in die Küche ging, wo seine Zigaretten lagen. Bevor er sich allerdings am Esstisch niedersetzte, öffnete er das Fenster. So wie er es gewohnheitsmäßig tat, wenn er im Haus rauchte. Früher, als seine Mutter noch durch die Zimmer streifen konnte, hatte er nicht einmal daran denken dürfen, doch heute war so einiges anders.
***
„Danke wieder einmal für Ihre Hilfe, Frau Lombrecht“, verabschiedete Gottfried an der Haustür Denise, die ihn sogleich mit einem Lächeln die Hand gab.
„Nichts zu danken, Herr Althoff, das ist doch meine Arbeit.“
„Trotzdem. Ich denke, ich brächte das nicht fertig, was Sie tun.“
„Verstehe ich schon. Bei der eigenen Mutter kann das schon schwer sein. Aber dafür haben Sie ja mich. Dann bis heute Abend, Herr Althoff.“
„Bis heute Abend.“
Er schloss genau in diesem Moment die Tür, als die Standuhr mit einem achtmaligen Dong die Zeit verkündete. Dann spähte Gottfried durch den offenen Spalt der Schlafzimmertür, und sah seine Mutter friedlich schlafen. Ein guter Zeitpunkt um nach Dorothea zu sehen, wofür er sich allerdings den Weg in den Keller sparen konnte, da er eine Kamera installiert hatte.
Der brandneue Computer fuhr schnell hoch, und genauso schnell rief Gottfried die Liveübertragung aus dem Verlies auf, wo Dorothea in der hintersten Ecke ihres Käfigs kauerte.
Da er kaum etwas erkennen konnte, überlegte Gottfried, ob er eventuell eine zweite Kamera installieren oder diese einfach näher an die Gitterstäbe bringen sollte. Oder noch besser, er könnte eine dieser neuartigen Kameras kaufen und Dorothea aus nächster Nähe filmen. Vielleicht sogar, wie sie es sich machte. Schon allein die Vorstellung daran brachte sein Blut in Wallung.
Er bräuchte nur etwas, womit er sie motivieren könnte. Sofort fiel ihm dazu auch etwas ein. Ein Mensch benötigt Nahrung. Ein Mensch benötigt Annehmlichkeiten wie eine Decke und dergleichen. Ja, diese Fotze sollte sich alles verdienen. Wirklich alles. Ansonsten würde er sie ignorieren, so wie sie ihn ignoriert hatte.
Wenn er doch nur einen Abnehmer für Snuff-Videos kennen würde, dann könnte Dorothea ihre „Unterkunft“ selbst finanzieren. Aber Moment mal! Wofür kannte er sich eigentlich mit dem Hacken und dem Zugang zum Darknet aus? In den dunklen Winkeln des Internets könnte er sicherlich wen finden, der ihm solche Videos abnehmen würde.
Mensch das wäre es!
Natürlich müsste Dorothea dabei anonym bleiben, indem sie eine Maske tragen würde.
Gottfried fasste sich in die Hose und begann sein bestes Stück zu massieren, womit er jäh aufhörte, als er das Babyphone vermisste. Eiligen Schrittes ging er die Treppe hinab, eilte zum Schlafzimmer seiner Mutter und spähte erneut durch den Türspalt.
Henriette schlief noch immer.
Dorothea hatte einen unruhigen Schlaf, wenn sie überhaupt geschlafen hatte. Getrocknete Tränen zeugten von ihrer Verzweiflung. Sie konnte immer noch nicht glauben, was hier geschah. Sie hatte nichts Unrechtes getan. Nichts, was Millionen von Frauen zu jeder Zeit, an jedem Ort der Welt taten. Vielleicht sogar jetzt in diesem Moment.
Durfte sie sich noch nicht einmal ungestraft ihren Gesprächspartner aussuchen? Sie besaß ein Recht darauf, die Männer, die kein bisschen Sympathie besitzen, zu ignorieren. Oder musste sie jetzt mit jedem dahergelaufenen Deppen schreiben? Sie würde überhaupt nie wieder mit jemanden schreiben. Nie wieder!
Das plötzliche Einschalten der nackten Glühbirne an der Decke blendete sie, weswegen sie die Hände hochriss, um ihre Augen zu schützen.
Es verging eine kleine Ewigkeit, ehe sie sich an das Licht gewöhnt hatte, woraufhin sie erstmals seit vierundzwanzig Stunden aufstand.
Erst jetzt sah sie die ganze Dimension ihres … Gefängnisses!
Direkt unter der Kellerdecke gab es zwar ein Fenster, doch man hatte es von außen mit Erde zugeschüttet. Die dicken Wände ließen auf ein altes Gemäuer schließen. Ebenso wie die großen Sandsteinquader, aus denen der Raum bestand. Der Käfig selbst sah so aus, als sei er von jemanden zusammengeschweißt worden, der zum ersten Mal überhaupt eine solche Arbeit vollbracht hatte. Einfach nur schlampig. Trotzdem nicht weniger effizient. Gitterstäbe, dicker als ihre Daumen, würden eine Flucht unmöglich machen. Genauso wie die Kellertür, die ebenso schwer wie massiv aussah. Kein Wunder, dass sie die halbe Nacht umsonst geschrien hatte, denn dieser Raum glich einem Bunker. Ein Bunker, der Videoüberwacht wurde.
Dorothea umfasste die Gitterstäbe und schrie direkt in die Kamera; zeigte mit dem Mittelfinger ihre Verachtung.
„Du mieser Scheißkerl, lass mich hier raus! Hörst du mich? Lass mich hier raus!“
Doch niemand hörte sie. Niemand, der ihr wenigstens Wasser oder etwas zu essen brachte. Ihre Notdurft? Wo sollte sie diese verrichten? Hier drin gab es gar nichts. Kein Klo. Kein Waschbecken. Nicht einmal eine Decke, die sie vor der Kälte schützen würde. Nichts!
***
„Guten Morgen, Herr Althoff, da bin ich wieder“, strahlte Denise übers ganze Gesicht, als sie das Haus betrat.
„Ebenfalls guten Morgen“, erwiderte Gottfried, während er die Türe schloss. „Wie geht es Ihnen heute?“
Denise lachte fröhlich. „Das ist eigentlich mein Spruch.“
„Sie können ihn gerne wieder haben. Aber erst, wenn Sie mich in einem fairen Zweikampf besiegt haben.“
Ein fairer Zweikampf. Auf diese Idee hatte ihn der alte Piratenfilm mit Errol Flynn von gestern Abend gebracht. Nur hatte dieser alte Haudegen keinen Matratzensport im Sinn gehabt.
„Ich denke, Herr Althoff, dass ich gegen Sie chancenlos bin. Oder wollen Sie wirklich gegen eine kleine schwache Frau wie mich, mit einem Meter sechzig Körpergröße, kämpfen?“
„Das sind meiner Erfahrung nach die Schlimmsten.“ Eine glatte Lüge. Gottfried hatte überhaupt keine Erfahrung. Jedenfalls keine nennenswerten. Wenn er nicht Stammkunde bei Marleen wäre, einer Nutte aus der Stadt, hätte er gar keinen Sex. Wobei Angebote es genug gegeben hatte, nur war er zu jung und zu dumm gewesen, dass er diese als solche gedeutet hätte. Manche davon hatte er als reine Verarschung aufgenommen. Im Alter von elf hatte es Angelika gegeben, die ihre Freundin mit der Frage vorgeschickt hatte, ob er vielleicht mit Angelika gehen möchte. Gottfried hatte eingewilligt. Doch beim vereinbarten Treffpunkt, Angelikas Zuhause, hatte auf sein Klingeln niemand geöffnet. Eine Verarschung, ganz klar, weswegen er sich gekränkt gefühlt und Angelika wüst beleidigt hatte. Später hatte er erfahren, dass sie und ihre Freundin einfach nur zu laut Musik gehört hatten.
Schon bald hatte es ein weiteres Mädchen gegeben, die zudem noch ein Jahr älter gewesen war als er. Auch ihre Annäherungsversuche hatte er falsch gedeutet. Genauso wie die von Heidi, einem korpulenten Mädchen aus seiner damaligen Schulklasse. Aber korpulent oder schlank, sie hatte mit gerade mal zwölf Jahren mehr Busen besessen, als jede andere aus der Klasse. Doch auch bei ihr hatte er keinen blassen Schimmer, was sie überhaupt von ihm gewollt hatte.
Hätte er nur einen dieser Annäherungsversuche verstanden, wie anders wäre sein Leben verlaufen. Ein klassischer Fall von Midlife-Crisis. Um dieser zu entkommen, hatte es ihn zu Prostituierten und später zu Marleen gezogen. Was ihn direkt auf die Idee brachte, ihre Dienste mal wieder in Anspruch zu nehmen.
Nur wann sollte er das tun? Seit Mutter ständiger Pflege bedarf, hatte er kaum noch das Haus verlassen. Was ihn erneut auf die Idee mit der Haushaltshilfe brachte. Vielleicht würde er sogar eine finden, die dauerhaft bei ihm wohnen würde, dann könnte er endlich mal wieder ausgehen, ein Bier oder zwei trinken oder seine alten Kegelfreunde anrufen. Bestimmt hatte einer von denen seinen alten Rekord von zweihundertvierzig mittlerweile gebrochen.
„Herr Althoff, flirten Sie etwa mit mir?“
„Würde Sie das stören?“, erwiderte er, woraufhin sie sich schüchtern gab, indem sie kicherte.
„Sie sind süß.“
„Süß wollte ich eigentlich nicht sein.“
Denise kaute auf ihrer Unterlippe und sah ihn an. Sie spielte mit ihm. Was sollte sie auch sonst tun, ohne ihn zu verletzen? Denn sie stand absolut nicht auf ihn. Sie besaß zwar aktuell keinen Freund, das wusste auch Gottfried, aber nie und nimmer würde sie mit so einem ungepflegten Typen ausgehen. Wenn er wenigstens Haare und eine halbwegs gute Figur hätte, dann vielleicht. Doch Gottfried sah mit seinem Bauch, seinem Brustansatz, seinen dünnen Armen und ebenso dünnen Beine eher aus wie ein Insekt. Aber er besaß ein gutes Herz. Deswegen wollte sie es ihm schonend beibringen.
„Herr Althoff, Sie sind wirklich nett und ich komme gerne zu Ihnen, aber ich denke, ich bin dann doch etwas zu jung für Sie.“
Ein Tritt in die Eier hätte nicht schmerzhafter sein können. Gottfried sah zu Boden. Ob im Chat oder auf der Kegelbahn, es war doch jedes Mal dasselbe, alle fanden ihn nur nett. Nett hier, nett da, nett Scheiße!
„Mutter wartet auf Sie, Frau Lombrecht“, sagte er, so kalt er konnte. „Ich bin dann mal oben. Schließen Sie einfach die Tür, wenn Sie gehen.“
Er ließ sie stehen und stapfte die alten Holzstufen hinauf, die bei jedem seiner Schritte knarzten, als würden sie jeden Moment zerbersten.
Oben angelangt knallte er zornig die Tür von seinem Arbeitszimmer zu und ging an seinen Computer.
Der Anblick von Dorothea bescherte ihn ein wohliges Glücksgefühl. Genau das richtige, was er nach dieser Enttäuschung brauchte. Gleichzeitig bedauerte er es, dass er nur diesen einen Käfig besaß. Denise hätte es durchaus verdient, ebenso zu leiden. Schon allein wegen ihrer abweisenden Art. Ihrem hochnäsigen Lächeln ganz zu schweigen.
Zu jung!
Faule Ausrede war das, mehr nicht. Ja, sie sollte leiden. Aber nicht sofort. Das wäre einfach nur dumm, wenn er sie, während ihres Auftrags verschwinden lassen würde.
Nein, er müsste planvoll vorgehen, indem er ihre Gewohnheiten und ihren Tagesablauf kennenlernen würde. Dafür allerdings benötigte er eine Haushaltskraft. Irgendwer müsste schließlich ein Auge auf Mutter haben.
***
Henriette schmeckte es gar fürchterlich, was sie beinahe nach jeder Gabel, die sie sich von dem Nudelauflauf in den Mund schob, kund tat. Ihr Sohn besaß einfach kein Talent zum Kochen; hatte er noch nie und würde es auch nie haben. Sie hatte bei seiner Erziehung total versagt. Hätte sie doch nach ihren unzähligen Fehlgeburten eine Tochter bekommen anstatt ihn, es wäre alles so viel einfacher. Vor allem wäre das Haus sauber.
„Was das Haus angeht“, erwiderte Gottfried, „was hältst du davon, wenn ich eine Haushaltshilfe einstelle?“
Henriette funkelte ihn böse an. Das käme ihr gerade noch in den Kram, dass eine fremde Person durch das Haus schleicht. Womöglich eine Kleptomanin, vor der man alles verstecken müsste. Ihren Schmuck, ihr Silberbesteck, Vaters wertvolle Vasen – einfach alles.
„Das kommt überhaupt nicht infrage, mein Sohn. Du wirst dich einfach mehr um den Haushalt kümmern müssen. Wofür hast du sonst deine Arbeit gekündigt?“
„Ich habe sie gekündigt, Mutter, um dich pflegen zu können. Aber nichts, was ich tue, ist gut genug für dich.“
„Dann musst du dich einfach mehr bemühen. Schau‘ von mir aus Kochsendungen. Die laufen ständig im Fernsehen. Da lernst du noch was!“
Gottfried ging sich mit der Hand durchs Gesicht. Er hasste diese Diskussionen mit seiner Mutter. Mit seinen vierundvierzig Jahren bestimmte sie immer noch über ihn, dabei hatte er alles geopfert, was er hatte. Er würde sich nach einer Haushaltshilfe umsehen, so viel stand fest. Musste er sie eben vor Mutter versteckt halten, was soll’s? Das bekäme er schon hin.
Henriette nahm noch zwei Bissen und schob dann den Teller weg, die Nudeln waren ihr einfach zu hart.
„Gottfried, wie lange hast du denn die Nudeln gekocht?“
„Zwölf Minuten“, erwiderte er. „So, wie es auf der Packung steht.“
„Hattest du sie auch probiert, ob sie weich sind?“
„Ja, Mutter – habe ich.“
„Dann hattest du die eindeutig zu lange im Ofen, denn sie sind hart wie Holz.“
Gottfried erhob sich von seinem Stuhl, schaltete den Ton vom Fernseher wieder an, räumte anschließend das Betttablet ab und verließ wortlos das Zimmer.
In der Küche stellte er alles ab, griff nach seinen Zigaretten und öffnete das Fenster. Draußen regnete es in Strömen und es sah nicht danach aus, als ob es heute nochmal nachlassen würde. Ein denkbar schlechter Tag, um den Efeu vom Haus zu entfernen. Musste er es eben auf morgen oder übermorgen verschieben. Immerhin konnte es unmöglich für immer regnen.
Gottfried sah auf seine Armbanduhr, um anschließend zum Babyphone hinüberzuschielen, der den Ton vom Fernseher übertrug. Diese bescheuerten Kochsendungen kamen wirklich zu jeder Stunde. Nie und nimmer würde er sich so einen Schund ansehen.
Gottfried sah durch den Regen in den Garten zu dem einst schönen Springbrunnen, der mittlerweile im Unkraut versank. Er sah zu den Hecken, die schon lange keinen Schnitt mehr bekommen hatten, und zu dem schmiedeeisernen Tor, das verrostet nach einem Anstrich schrie.
Alles eine einzige Schande.
Da quoll das Konto über mit Geld und das Grundstück verkam zusehends. Er sollte wirklich etwas tun, nur raubte ihm seine Mutter jegliche Kraft. Immer, wenn er bisschen in Schweiß kam, machte sie ihn einen Kopf kürzer. Zum Teufel, zum Telefonieren reichte seine Kraft allemal. Einen Gärtner zu finden, konnte doch keine Schwierigkeit darstellen. Ebenso wenig einen Handwerker, der das Tor in Ordnung bringen würde.
Mit dem Blick auf die Scheune fiel ihm der alte Traktor seines Großvaters wieder ein, der seit Jahren ungenutzt in dem Bretterverhau vergammelte. Vielleicht konnte er dieses Vehikel zu Geld machen. Warum eigentlich nicht? Für die Landwirtschaft wurde er eh nicht mehr benötigt. Früher schon, als sie noch Schweine, Kühe und Hühner hatten. Aber das war lange her. Und irgendwie schien es so, als wäre es in einem anderen Leben gewesen.
Gottfried warf die Kippe in ein Glas mit Wasser, das außen auf dem Fensterbrett stand, und schloss das Fenster. Dann nahm er sein Handy und suchte nach einem ortsansässigen Betrieb für Landschaft- und Gartenpflege. Von wegen den Efeu selbst wegmachen!
Pustekuchen!
Er hatte schließlich nicht Informatik studiert, um dann körperliche Arbeiten zu verrichten. Er gehörte zu den Denkern, nicht zu den Schwerstarbeitern.
„Landschafts- und Gartenpflege Seibert, Sie sprechen mit Janine Seibert, wie kann ich helfen?“
„Ja, Hallo, hier ist Althoff, ich bräuchte wen, für meinen Garten und wen, der mein Haus von Efeu befreit – bin ich da bei Ihnen richtig?“
„Efeu entfernen tun wir auch, ja. Was wäre in ihrem Garten denn zu tun?“
„Das übliche: Unkraut wegmachen – der Garten ist ziemlich verwildert – Hecken und Bäume schneiden.“
„Da muss ich leider schon kurz unterbrechen. Bäume schneiden wird erst so im Oktober gemacht, jetzt haben wir August. Bei den Hecken kommt es drauf an, um welche Hecken es sich handelt. Nicht, dass die Ihnen braun werden. Am besten, ich schicke mal wen vorbei, der sich alles ansieht. Wann sind Sie denn so zu Hause?“
„Eigentlich immer. Außer, ich bin mal beim Einkaufen.“
„Würde es in drei Tagen, am Freitag, passen?“
„Ja, da geht’s.“
„Perfekt! Dann kommt am Freitag so um 10 Uhr jemand bei Ihnen vorbei.“
„Okay. Super. Bis dann.“
„Bis dann, Herr Althoff.“
***
„Lass mich raus, du Scheißkerl!“, schrie Dorothea Gottfried an, der soeben den Raum betrat.
„Schrei hier nicht so rum!“, erwiderte er, während er die Tür schloss. „Du weißt selbst, weswegen du hier bist.“
Dorothea kam so dicht, wie es ging, an die Gitterstäbe und umfasste sie mit den Händen. Wenn sie nur etwas mehr Spucke zusammenbekommen würde, würde sie ihm direkt ins Gesicht spucken, nur brauchte sie jeden Tropfen davon selbst. Sie hätte auch beinahe ihren eigenen Urin getrunken, nur hoffte sie darauf, ihr Entführer würde ihr demnächst etwas zu trinken und zu essen bringen. Fehlanzeige. Das Einzige, was er in Händen hielt, war eine Videokamera, eine Maske und … ein Babyphone?
Na toll! Will der Kerl von mir jetzt auch noch Videos machen oder wie? Nur über meine Leiche!
„Was willst du eigentlich von mir? Lösegeld? Meine Familie hat kein Geld! Mein Vater ist Frührentner und meine Mutter Krankenschwester.“
Gottfried ging darauf nicht ein. Stattdessen sah er seine „Beute“ an, wie ein Tier. Er fand es herrlich zwischenzeitlich mal an diesem Ende der Nahrungskette zu stehen, während ihn seine Mutter in regelmäßigen Abständen – zumindest verbal – zu Hundefutter verarbeitete.
„Ich habe dir bereits gesagt, weswegen du hier bist. Du bist hier, weil du eine hochnäsige Schlampe bist, die glaubt, sie könne die Leute herumschubsen, wie es ihr gefällt.“
„Und wie lange willst du mich hier festhalten?“
„Solange, wie es nötig ist.“
„Nötig? Wofür?“
Ja, das wusste er selbst nicht so genau. Vielleicht, bis sie ihn Herr und Gebieter nennen würde. Was für ein verlockender Gedanke.
„So lange du dich aufmüpfig benimmst, siehst du sicher so schnell kein Tageslicht.“
Dorothea sah zu Boden, um gleich wieder aufzusehen. Dieser Loser glaubte sie brechen zu können, da hatte er sich aber geschnitten. Nur wie lange konnte sie aushalten? Ohne Essen und Trinken lediglich ein paar Tage.
Somit hielt er alle Trümpfe in der Hand. Wohingegen sie im wahrsten Sinne des Wortes nicht das Geringste besaß.
„Und solange ich aufmüpfig bin, willst du mich verdursten und verhungern lassen?“
Gottfrieds Augen funkelten böse aus den Löchern der Maske hervor, denn er witterte sein erstes Druckmittel.
Sie konnte sein breites Grinsen nur erahnen, während er die mitgebrachte Maske in seinen Fingern hin- und herpendeln ließ.
„Du kannst dir Essen und Trinken verdienen.“
Dorothea konnte nur rätseln, was sie damit sollte. Aufsetzen, klar! Aber was dann? Sie ahnte Schlimmes.
„Ich will, dass du es dir vor der Kamera machst“, fügte er hinzu.
Dorothea machte einen Schritt zurück. Der Kerl schien nicht nur irre, er schien darüber hinaus sogar noch pervers zu sein. Sie würde ihn jedenfalls nur über ihre Leiche als Wichsvorlage dienen.
„Das mache ich auf keinen Fall!“
Gottfried hatte so etwas Ähnliches erwartet. Er konnte warten. Wortlos wandte er sich ab und wollte schon gehen, als ihn Dorothea aufhielt.
„Das war’s? Du lässt mich einfach hier zurück?“
„Was hast du erwartet? Du willst dir ja schließlich nichts verdienen.“
„Und dass ich hier alles vollmache, ist dir egal? Ich hab auf den Boden pinkeln müssen!“
Gottfried sah an ihr vorbei direkt auf den dunklen Fleck in der Ecke. Kein Scheiß, Dorothea hatte in ihren Käfig gemacht. Angesichts dieses Problems, musste er wohl oder übel einsehen, dass er umgehend etwas dagegen unternehmen musste.
„Mmh, ich fahre später in die Stadt und besorge dir ein Campingklo.“
„Und wenn du mich einfach in dein Bad lässt?“, entgegnete Dorothea.
„Nein!“
„Das ist alles? Nur, nein?“
„Ja.“
Abermals sah sie verzweifelt zu Boden. Die Gitterstäbe in ihrer Hand, kälter als die Luft, die sie atmete. Würde sie länger hierbleiben müssen, würde sie früher oder später krank werden, so viel stand fest. Niemand konnte dies länger ohne eine Erkältung aushalten.
„Bekomme ich wenigstens ein paar Decken und Wasser, damit ich mich waschen kann?“
Gottfried schüttelte energisch den Kopf.
„Das musst du dir verdienen. Und bis du das getan hast, werde ich dich ignorieren, so wie du mich ignoriert hast.“
Damit ließ er sie allein zurück.
***
„Guten Tag, sind Sie Herr Althoff?“, sagte der Mann in der grünen Montur, der soeben an der Haustür geklingelt hatte. „Ich bin von der Firma Seibert und heiße Ingo Hoffmann. Ich bin hier, um mir Ihren Garten anzusehen.“
Gottfried kaute noch auf seinem Frühstücksbrötchen, weswegen er nur mehrmals nickte. Gleichzeitig staunte er, wie schnell doch die Zeit vergangen war. Seit nunmehr fünf Tagen befand sich Dorothea in seiner Gewalt, und seit fünf Tagen weigerte sie sich, das zu tun, was er von ihr wollte. Allem Anschein nach würde sie wohl lieber sterben, als seine Sklavin zu werden. Damit besaß Gottfried kein Problem. Es wäre zwar bedauerlich, aber Denise gab es immerhin auch noch.
„Ebenfalls guten Morgen“, erwiderte Gottfried, „ich hole eben nur meine Schlüssel.“
Sie gingen um das Haus herum, wobei Ingo Hoffmann alles begutachtete, was an Arbeit zu tun wäre. Das Unkraut in dem wirklich großen Garten stand kniehoch, weswegen er hier mit einem Aufsitzrasenmäher mähen würde. Wäre das geschafft, könnte man sich an die Sträucher machen. Alles in allem sah das Grundstück so aus, als hätte sich schon lange niemand mehr darum gekümmert.
„Wollen Sie das Unkraut raus haben oder soll nur gemäht werden?“
„Was empfehlen Sie denn?“, erwiderte Gottfried.
„Das kommt immer ganz drauf an, was der Kunde möchte. Ist halt alles auch eine Geldfrage. Tatsache ist, Unkraut kommt immer wieder, weswegen der Garten eigentlich ständige Pflege benötigen würde. Wir können Ihnen auch die oberste Erdschicht komplett abtragen und einen neuen Rasen sähen. Wie gesagt, alles eine Frage des Geldes.“
Gottfried schüttelte den Kopf. Er wollte zwar alles in einem gewissen Maße ordentlich haben, aber man musste es nicht übertreiben.
„Wie steht’s denn mit den Bäumen und den Hecken? Können Sie die gleich mitmachen?“
„Nein, da müssen wir tatsächlich nochmal im Oktober oder November kommen. Jetzt im August ist das Bäumestutzen gesetzlich verboten. Das nennt sich Verschneideverbot. Dasselbe gilt für Hecken. Das ist wegen der Vögel, wissen Sie?“
Nein, das wusste Gottfried allerdings nicht. Wieso sollte er? Er vermied solche Arbeiten schließlich.
„Sagen Sie jetzt bitte nicht, dass das auch für den Efeu gilt.“
„Nein, Herr Althoff, da kann ich Sie beruhigen. Den Efeu machen wir weg, wenn wir den Rasen mähen.“
Gottfried atmete auf. Das hätte ihm gerade noch gefehlt, seine Mutter monatelang hinhalten zu müssen.
Beim Springbrunnen angelangt, zeigte er auf den einst schönen Blickfang, der nun von Moos überwuchert eine Einheit mit dem Garten bildete.
„Bekommen Sie den auch wieder hin?“
„Na klar“, erwiderte Ingo Hoffmann. „Den machen wir auch gleich mit.“
„Wann können Sie denn mit den Arbeiten beginnen?“
„Einen genauen Termin wird unser Büro mit Ihnen ausmachen. Dafür ruft Sie Frau Seibert nächste Woche mal an.“
Gottfried gab sich damit zufrieden. Er gab zum Abschied Ingo Hoffmann die Hand und ging dann zurück ins Haus, wo er dringend nach seinem „Gast“ sehen musste.
***
