Der sein Verlies verließ... - Lothar Stövesandt - E-Book

Der sein Verlies verließ... E-Book

Lothar Stövesandt

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Beschreibung

Gott und Sekten: Eugen, in jungen Jahren unzufrieden mit dem Angebot an religiöser Ware und deswegen ständig von der Frage nach Gott getrieben, wird plötzlich mit der „Wahrheit“ konfrontiert, die eines Tages in Gestalt einer netten alten Dame an seiner Tür steht. Statt dem natürlichen Fluchtreflex nachzugeben, lässt er sich auf einen Weg des Lernens und Dienens ein, den er zunächst mit Leidenschaft geht, aber nach Jahren inbrünstiger Mitarbeit doch unbefriedigt und angefüllt mit neuen Fragen wieder verlässt. Er zieht nun den Wert jeglichen Glaubens in Frage und lebt sehr lange ein areligiöses Leben. Überraschend findet Eugen nach vielen Jahren Zugang zum christlichen Glauben. Beim Versuch, dieses andere und doch ähnliche Christsein neu zu entdecken, zu verstehen und zu leben, wird er immer wieder von alten sektiererischen Bindungen eingeholt und verunsichert. Eugen schildert seinen mühsamen Kampf, die versteinerten Vorstellungen von Glaube und Wahrheit wieder aus seinem Kopf heraus zu bekommen, die er sich vor vielen Jahren hat einpflanzen lassen. Eine biographische Sekteneinsteiger- und Aussteiger-Geschichte für Leute, die drinnen oder draußen sind, aber lieber irgendwie draußen oder drinnen wären. Auf der Suche, in der Irre, verunsichert, gefangen, oder doch gefunden? Eugen erweist sich als Wegbegleiter und Gesprächspartner für alle Betroffenen und Interessierten.

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Die Namen aller erwähnten oder gar beschriebenen Personen wurden geändert. Die Gründe liegen auf der Hand oder auch nicht.

Ich widme dieses Buch all den Schatzgräbern, die nicht aufgehört haben zu fragen, weil sie wissen, dass (und warum) wir immer Suchende bleiben.

Inhalt

Begegnung im Nebel

Unscheinbarer Beginn einer großen Leidenschaft

Ein Blick zurück

Ein Blick noch zurücker

Es gibt noch mehr

Das erste Mal im Saal

Fortschritte

Ein kleiner Blick in den Dienst

Es geht langsam abwärts

Neues Leben (?)

Paul etc. - Wegweiser zur Welt?

Fremde in einem neuen Land

Ein bis zwei Heimkehrer

Versuch des Neueinstiegs

Genesis der Leidenschaft

Erste Hinweise auf etwas Anderes

Hauskreis und Verwirrung

Mehr Hauskreis, noch mehr Verwirrung

Ein Gärtner greift ein…

Ein Maulwurf taucht auf

Und wieder: Babylon die Große

Ein wirklich geheimnisvoller Gärtner

Leben in neuer Dimension

Und der Dienst für Gott?

Wieder im Nebel

Gebt Acht, dass man euch nicht irreführt!

Denn viele werden unter meinem Namen auftreten

und sagen: „…die Zeit ist da“. Lauft ihnen nicht nach.

Luk 21,8

Überall wo ein Aas ist, da sammeln sich die Geier.

Matt. 24, 28

Prüft alles und behaltet das Gute

1.Thess. 5, 21

Gibt einer Antwort, bevor er gehört hat,

ist es Torheit und Schande für ihn.

Spr. 18, 13

Die Bibel, Einheitsübersetzung

You can take a horse to the water

But you can’t make him drink

George Harrison

Begegnung im Nebel

Unruhe.

Ganz starker Drang nach irgendwas.

Raus?

Weiß nicht wohin; noch nicht mal, wo ich bin und warum.

Augen aufmachen scheint eine gute Idee zu sein.

Trau mich nicht. Warum eigentlich?

Es ist so angenehm dunkel. Ich sehe nichts und könnte in mir alle Bilder malen, die ich will.

Krieg aber kein schönes zustande.

Los! Trau dich!

Na toll. Alles weiß. Blendend hell.

Und jetzt?

Meine Augen gewöhnen sich an die Helligkeit. Fast wie eine Offenbarung eröffnet sich mir die Erkenntnis: um mich herum ist nichts.

Außer dem Weiß.

Kann Helligkeit schlimmer sein als Dunkelheit?

Mein Gefühl sagt „Ja!“. Sehr laut und fast panisch.

Noch mal: raus hier!

Wo raus denn? Hier ist doch nichts. Kann man sich denn in einem Nichts eingesperrt fühlen?

Definitiv ja.

Stehe einfach auf. Unverständlich - ich weiß doch gar nicht, ob ich sitze oder liege oder was sonst meine Position ist. Aber ich stehe auf.

Und jetzt?

Losgehen, was sonst.

Richtung?

Egal - geh!

Entscheide mich für die helle Seite vor mir. Die andere weiße eben. Gehe wirklich los. Versuche es wenigstens. Nach ein paar Schritten geht’s nicht weiter. Bin irgendwo gegen gestoßen.

Doch nicht nichts.

Scheint eine Art Wand zu sein, die sich überhaupt nicht vom Rest der fehlenden Umgebung abhebt und nirgendwo aufhört. Aber ich weiß, ich muss weiter. Soll ich mich jetzt bis in alle Ewigkeit an etwas lang tasten, was sich mir als Mauer darstellt, die kein Ende hat? Quatsch. Ich setz’ mich hin, mach’ die Augen wieder zu. Dunkel war eindeutig schöner.

Klappt nicht. Die Helligkeit bleibt. Sehe aber plötzlich Türen vor mir. Mehrere. In großen Abständen, keine Ahnung, wie viele überhaupt. Verlieren sich zu beiden Seiten hinten im Nichts. Aber da bin ich ja sowieso schon.

Mache die Augen auf. Die Türen bleiben.

Gut, ich kann also raus.

Weiß intuitiv, dass ich wieder aufstehen muss, und folge dem Impuls.

Die Türen entsprechen der vernünftigen Vorstellung, dass sie dem Zweck dienen, Getrenntes zu verbinden: sie haben eine Klinke. Ich weiß nicht warum, aber ich gehe sehr vorsichtig an das Nächstliegende heran, was sich als Tätigkeit anbietet: nämlich dieses Instrument zu betätigen. Als ginge eine Bedrohung von ihm aus, lege ich ängstlich meine Hand darauf und drücke sie leicht nach unten.

Mir passiert nichts. Kein elektrischer Schlag, keine Falltür die sich öffnet, oder was immer ich sonst vielleicht erwartet haben mag. Die Klinke quietscht nicht, klemmt auch nicht, gibt einfach nur nach. Das tun Klinken so, wenn sie intakt sind.

Ich öffne die Tür einen Spalt, um erst mal zu sehen, wohin sie führt. Auch alles hell. Aber irgendwie nebelig. Kann nicht erkennen, ob sie in ein Zimmer, einen Flur, eine Vorhalle oder gar in ein Draußen führt. Gut, dass ich Alternativen habe. Bei der nächsten Tür aber das gleiche Bild. Mir wird flau im Magen. Sehr flau, darum gehe ich schnell eine weiter.

Versuch Nr. 3: Nebel.

Weiter: Nebel.

Nach dem siebten Versuch mit dem gleichen Ergebnis gebe ich auf. Ziemlich verzweifelt. Sieben in ihrer Gleichheit verwirrende Alternativen. Wenn das alles Zimmer sind, welches soll ich nehmen? Warten weitere Türen auf mich, mit der gleichen Ungewissheit? Ich muss mich entscheiden, denn ich spüre deutlich, wenn ich hier stehen oder sitzen bleibe, holen mich irgendwelche unerfreulichen Dinge ein, auch wenn ich nichts sehe und keine Ahnung habe, was das sein könnte.

Die Überforderung durch diese Entscheidung zwingt mich in die Knie. Mir fällt nichts anderes ein, als wieder die Augen zu zu machen. Natürlich, so viel habe ich über diese Situation in der Kürze der Zeit schon gelernt: die Türen sind trotzdem da. Ich meine, ich sehe sie auch weiterhin mit geschlossenen Augen.

Ich spüre eine Bewegung. Als ob mich etwas anhebt. Scheine zu schweben. Die Türen bleiben unter mir zurück, werden immer kleiner, mir wird schwindelig. Was passiert hier mit mir? Plötzlich hat das helle Ding, die Wand oder Mauer vor mir, ein Ende. Ich kann darüber hinwegsehen.

Gäbe es außer mir hier noch jemanden, könnte der nicht verblüffter sein als ich. Die Türen führen alle in denselben (Raum?), keine verschiedenen Zimmer, keine Flure, Vorhalle, kein Draußen. Nur Nebel. Nicht diese klassische Nebelwand, die kein Auge durchdringen kann. Wirkt eher transparent und von einem Leuchten erfüllt. Einladend, was ich für Nebel nicht selbstverständlich finde.

Ehe Panik in mir aufkommen kann angesichts der unsicheren Lage in schwindelnder Höhe, befinde ich mich wieder am Boden. Durchlebte ich gerade einen Traum, würde mich dieser augenblickliche Standortwechsel nicht verwundern. Dies ist aber kein Traum. Trotzdem kein Erstaunen darüber. Eigenartige Reaktion dieses Menschen, den jeder – auch ich selbst – nur als übervorsichtig und misstrauisch kennt.

Da mir die Frage, welche Tür ich benutzen soll, um den offensichtlich einzigen Weg aus dieser unerklärlichen Lage zu beschreiten, kein Kopfzerbrechen mehr bereitet, ergreife ich die nächstliegende Klinke und betrete das andere Nichts.

Ich muss mich vorhin getäuscht haben. Der Nebel ist nicht unmittelbar vor mir. Das, worauf ich stehe, geht nach meiner langjährigen und vielseitigen Lebenserfahrung nicht als Fußboden durch. Kein Beton, was ich intuitiv erwartet hatte angesichts der kühlen Helligkeit auf meiner Herkunftsseite, auch sonst nichts Festes, wie man es meist in behaglichen Räumen vorfinden mag. Aber auch nichts, was ich im Freien vorzufinden gewohnt bin. Kein Schotterweg, kein Gras, keine Platten, kein Waldboden. Vielleicht ein bisschen wie auf einem feuchten Acker, und ich habe nicht das Gefühl, lange stehen bleiben zu können. Die Fläche erstreckt sich bis zu der nebligen Ungewissheit nicht so weit vor mir.

Ich habe plötzlich ein Gefühl, eine Ahnung nur, als würde ich irgendwo einsinken. Ich sollte mich vorsichtshalber weiterbewegen. Gehe langsam, ein bisschen wackelige Beine, auf den Nebel zu. Es ist diese Andeutung eines Leuchtens darin, die mich anzieht. Es ist immer noch so, wie ich es aus der unfreiwilligen Vogelperspektive empfunden habe: einladend, fast wie ein Sog.

Dann bin ich plötzlich schon drin. Es ist auch hier alles anders als es meiner Erfahrung entspricht. Ich kenne Nebel eigentlich so, dass er immer einen kleinen Abstand zwischen mir und sich selbst lässt. Ich bin nie wirklich drin. Hier aber doch. Und wie. Habe nur einen Schritt getan und könnte schon jetzt nicht mehr sagen, wie ich hier wieder raus komme. Spüre aber keine Angst. Auch das ist anders. Bin völlig eingehüllt von diesem Schleier. Nur das geheimnisvolle Leuchten liegt vor mir und vermittelt ein Gefühl von Richtung. Gehe langsam weiter, ohne dass sich der Abstand zu dem Licht verringert.

Außer meinen vorsichtigen Schritten auf einem inzwischen wieder festeren Untergrund und einem dezenten Wabern des Dunstes passiert nichts. Aber es zieht mich immer weiter.

Hab jegliches Zeitgefühl verloren, als ich plötzlich ein leises Wispern mehr ahne als höre. Bleibe stehen, um die Richtung auszumachen und in der Hoffnung, Worte herausfiltern zu können. Mein Name. Es flüstert meinen Namen: „Sven – Sven-Thore.“ Jetzt wird mir doch etwas mulmig. Gehe – noch etwas zaghafter – weiter. Schiebe meine Füße mehr vorwärts, als dass ich konsequente Schritte setze. Die Stimme wird allmählich geringfügig lauter. Dann ist sie so unerwartet nah an meinem Ohr, dass ich zusammenzucke, denn da ist niemand.

„Wer bist du?“, hauche ich mit zitternder Stimme und kann mir nicht vorstellen, eine Antwort zu erhalten. Andererseits: es hat meinen Namen genannt. Wäre es da nicht ein Gebot der Höflichkeit, mir seinen zu nennen?

Noch mal; etwas bestimmter: „Wer bist du?“

„Wenn du damit meinen Namen meinst; ich heiße Genova. Eugen Genova. Aber wer ich bin, kann ich dir zurzeit nicht sagen. Ich weiß es nicht. Weißt du denn, wer du bist?“

„Na ja; ich habe meinen Namen gehört und bin dem zarten Ruf gefolgt, also muss ich wohl eine gewisse Ahnung davon haben, wer ich bin, findest du nicht?“

„Nein, finde ich nicht. Du kennst deinen Namen; so wie ich meinen. Und wer bist du nun?“

„Unser Gespräch nimmt keinen guten Anfang. Ich bin schon lange mit mir unterwegs, das reicht mir für den Augenblick. Mich interessiert jetzt mehr, wo wir hier sind, warum ich hier bin, wieso du hier bist und woher du weißt, dass ich mich hier seit geraumer Zeit vorwärts taste.“ Taste! Quatsch! Es gibt ja nichts zu ertasten. „Weshalb hast du mich gerufen?“

Seine Stimme wird noch um eine Kleinigkeit leiser: „Ich hab dich gesucht. Ich wusste, dass ich dich hier finden würde, denn wir beide sind Gefangene des Nebels.“

„Huch! Wie geheimnisvoll und oh, wie blödsinnig. Ich bin kein Gefangener. Ich bin freiwillig, aus Neugier, hierher gekommen.“

„Aber erst als dir bewusst wurde, dass du im Nichts, im leeren Raum herumhängst. Du hattest keine Alternative. Du musstest dich auf den Weg machen. Ich wusste das vor dir, darum habe ich hier gewartet und immer wieder deinen Namen gerufen.“

„Du erweckst einen Widerstandsgeist in mir. Worum geht es? Ich habe keine Lust, hier zu verharren. Es muss einen Sinn für diesen Spaziergang geben.“

„Sagte ich doch schon. Ich habe auf dich gewartet, ich bin dein Ziel.“

„Ach! – Also gut; hier bin ich. Und nun?“

„Ich soll dir meine Geschichte erzählen. Man vermittelte mir das Gefühl, dass du mich aus meiner Zelle befreien kannst. Ich durfte sie vorübergehend verlassen, um dich hier zu treffen. Angeblich soll uns das beiden weiterhelfen. Mehr weiß ich auch nicht.“

„Wenn du dir einbildest, dass mich das neugierig macht, kannst du darauf wetten; und du gewinnst. Ich empfinde dieses Ambiente zwar nicht als ideal fürs Geschichtenerzählen – kann man sich hier eigentlich irgendwo hinsetzen? – aber schieß mal los.“

Sollte mir die ganze Situation nicht seltsam vorkommen? Wenn ich mir die Gefühle vergegenwärtige, die mich bis hier begleitet haben, verstehe ich gar nicht, mit welcher Selbstverständlichkeit ich mein Hier-Sein akzeptiere. Weiß immer noch nicht, was mich an diesen Platz geführt hat, sehe niemanden, höre nur die zarte Stimme, und es scheint irgendwie richtig zu sein. Obwohl dieses Erzählen nicht dem entspricht, was ich mir normalerweise vorstelle. Ich sehe keinen Erzähler und – ja – eigentlich höre ich auch keine Stimme. Jedenfalls nicht so richtig. Vielleicht liegt es an der unwirklichen Situation. Die Geschichte scheint sich mehr in meinem Kopf zu entwickeln wie ein Spielfilm. Als ob er sie in mich hineindenkt.

Wirklich seltsam. Ich bilde mir ein mich hinzusetzen, schließe die Augen, was man als sinnlos einstufen mag angesichts der optischen Einschränkungen durch die beschriebenen klimatischen Gegebenheiten. Aber warum soll ich es mir nicht trotzdem gemütlich machen? Stelle mir vor, wie ein Vorhang aufgeht, und erwarte fast ein Filmverlagslogo über die mentale Leinwand huschen zu sehen. Das geschieht natürlich nicht, aber immerhin: ich erhalte den Eindruck einer Überschrift, die das Folgende thematisch einleitet. Scheint was drauf zu haben dieser Eugen. Ich übergebe:

Unscheinbarer Beginn einer großen Leidenschaft

„Das Telefon klingelt, hörst du das denn nicht?! Geh doch mal ran!“

Dieser mehr oder weniger bewusst vorwurfsvoll formulierte Befehl wird sicher allein in unserem Land alltäglich hunderttausendfach hervorgestoßen, ungern gehört und ebenso widerwillig ausgeführt. Es geht letztlich nur darum, sekundenschnell abzuwägen, ob sich der Weg durch zwei Zimmer und einen Zwischenflur im Nachhinein nicht als weniger umständlich erweisen wird als eine Auseinandersetzung mit dem Ausrufer jener Worte, der unmittelbar neben dem Telefon steht, aber offensichtlich keinesfalls gewillt ist, seine Hand auszustrecken, den Hörer zu ergreifen und beherzt seinen Namen zu sagen.

Die Normalität sowohl dieses Vorgangs als auch meiner Entscheidung für den Weg des geringsten Widerstands steht in keinem Verhältnis zu den weitreichenden Folgen, die dieser Anruf auf unser Leben hatte; was uns aber erst im Laufe einiger Jahre portionsweise deutlich wurde.

Der Anrufer war Dieter, ein alter Bekannter; was keine Aussage über die Anzahl seiner Lebensjahre ist, sondern nur verdeutlichen soll, dass es schon einige Anforderungen an das Erinnerungsvermögen stellt, den Zeitpunkt unseres Kennenlernens rückblickend festzulegen. Etwa sechs Jahre lang hatten wir nichts voneinander gehört, weil meine Frau und ich damals in eine andere Gegend gezogen waren. Seit 2001 lag unser Wohnort wieder etwas näher, aber trotzdem gab es für weitere vier Jahre keinen Kontakt.

Doch nun aus „heiterem Himmel“ dieser Anruf. Er wollte mich bitten, auf dem ungewöhnlichen „fünfundvierzigeinhalbsten“ Geburtstag seiner Frau Betti mit meiner Musik ein wenig für kuschelige Atmosphäre zu sorgen, und natürlich wäre auch meine Frau eingeladen. Es sollte eine Überraschung sein.

„Wunder’ dich aber nicht über die Leute; es sind so Chrrrissten dabei. Nicht dass ihr euch erschreckt. Meine Frau hat sich nämlich bekehren lassen“. „Stört mich nicht; ich hab nichts gegen Christen, solange sie mich in Ruhe lassen.“ „Ich schon. Ich wollte euch jedenfalls vorwarnen.“

Diese Warnung nahm ich nicht besonders ernst, denn was er mit dieser Bezeichnung etikettierte, konnte ja nur ein Häuflein Kirchgänger sein, von denen jeder weiß, dass sie Sonntags ihre geistigen Trockenübungen in meistens fast leeren (außer zu den bekannten Stoßzeiten, in der die überstresste Familie sich mal was fürs Herz gönnt), ungemütlich kalten und deswegen besonders fromm wirkenden Sondergebäuden zelebrieren (lassen), ansonsten aber, nicht anders als Club-, Kneipen-, Puff-, Sauna-, Schwimmbad-, Fußballplatz- oder Sonstwasgänger, sich – und oft aus Gründen falsch verstandener Solidarität auch ihre Mitmenschen – durch die Arbeitswoche quälen.

Was wir in der Folge dieses unerwarteten Überfalls erlebten, legt die Vermutung nahe, dass er insgeheim die Hoffnung gehegt haben musste, meine Frau und ich, die er aus unerfindlichen Gründen für zwei intelligente, mit den häufig zu Zwecken verbaler Veranschaulichung gebrauchten beiden Beinen auf dem Boden vermeintlicher Tatsachen stehende Menschen hielt, würden Betti durch unsere bloße Anwesenheit zur Vernunft bringen. Einen anderen Grund kann es nicht geben, denn meine Fertigkeiten beim Spiel auf der Gitarre und im Umgang mit meinen Stimmbändern bewegen sich nicht in der Größenordnung, dass der Aufwand, den er getrieben hatte, uns ausfindig zu machen, selbigen rechtfertigt.

Du als gewitzter Zuhörer erkennst es sicher schon: es geht hier weder um die Feier noch um die Musik.

Tatsächlich wurde an diesem Abend durch dieses Telefonat eine Weiche gestellt, die dem „Zug“, mit dem wir unterwegs waren – zunächst kaum erkennbar – eine neue Richtung gab, obwohl uns bis heute noch nicht ganz klar ist, ob es nur ein Umweg zum selben Ziel war oder noch ist.

Ein Blick zurück

Dass eine völlig „normale“ Geburtstagsfeier eine solche Auswirkung haben soll, ist natürlich schwer nachvollziehbar. Ein kurzer Blick auf unsere Vorgeschichte mag da hilfreich sein.

Wenn wir, meine Frau und ich, von Zeit zu Zeit der Versuchung nachgeben, törichte Blicke in die nicht mehr ganz so nahe Vergangenheit zu werfen, mit den üblichen emotionalen Verzerrungen positiver und negativer Art, landen wir bei diesem Flug meistens in einer Phase gemeinschaftsorientierter religiöser Gebundenheit. Sie liegt wirklich schon sehr lange zurück. Wir lernten uns in diesem Zustand vor etwa 36 Jahren kennen und haben den Schritt hinaus aus diesem scheinbar von göttlicher Erleuchtung geprägten Land vor mehr als 20 Jahren nahezu gemeinsam vollzogen; nicht völlig ganzherzig, aber doch fast freiwillig.

Sie war seit ihrem vierten Lebensjahr „kein Teil dieser Welt“ mehr gewesen, weil ihre Mutter damals überzeugt worden war, dass es etwas Besseres gab (was an sich nicht falsch ist. Es gibt immer etwas Besseres). Ein nicht unbedingt freiwilliger Einstieg, der ihr gut dreißig Jahre in mehr oder weniger glücklicher Gefangenschaft bescherte. Bei mir waren es mal gerade 12 Jahre nach einem absolut gewollten und mit glücklichen Gefühlen verbundenen rasanten Ich-weiß-was-ich-tue-Start; 23 Jahre alt und im Kopf einen Gedankencocktail aus Hippie-Philosophie, George-Harrison-Hindu-Buddhismus, Erich-von-Däniken-Prägung mit viel Science Fiction und noch mehr Phantasie.

Danach spielte Gott in unserem Leben keine führende Rolle mehr. Eigentlich überhaupt keine. Wohl gab es gelegentlich Momente, in denen er vorübergehend unser Bewusstsein leicht „streifte“, aber da wir unterschiedliche Ansätze im Umgang mit solchen Fragen hatten, blieb es immer bei kurzen Augenblicken.

Meine Frau zum Beispiel wollte gelegentlich „das Wort zum Sonntag“ sehen, weil sie mitunter das Gefühl hatte, in ihrem Leben fehlte etwas, das sie dort finden könnte. Ich bin dann entweder aus dem Zimmer gegangen oder habe durch ganz schön intelligente Bemerkungen meine Ablehnung demonstriert. Ich wäre überhaupt nicht in der Lage gewesen, ein objektives Urteil abzugeben, weil Pastoren und andere geistliche Herrschaften der Landeskirchen für mich nach alter Denkprägung auf der „falschen“ Seite agierten.

Wenn ich meine Gedanken gelegentlich auf Gott gerichtet hatte, geschah das – wie eigenartig – ausschließlich im Rahmen unserer alten Ausrichtung, zum Beispiel beim Lesen unseres damaligen natürlich auch in der langen Zeit unserer Abwesenheit weiterhin publizierten Gemeinschaftsblattes, was ich aus Gründen, die sich meiner Deutung entziehen, beibehalten hatte. Hier wiederum war meine Frau diejenige, die meine gelegentlichen Gedankenseifenblasen durch ihre fragenden Antworten sofort zum Platzen brachte.

Ansonsten haben wir uns in unserer „gottfreien“ Zeit darauf beschränkt, unsere zunächst neu gewonnene, dann aber natürlich Gewohnheit gewordene Freiheit zu genießen. Ein Genuss, der ohne Einspruch unsererseits von jedem auch hinterfragt werden darf (Alles was vorher verpönt gewesen war: viel Kneipe, noch mehr rauchen, Alkohol; das volle Programm – volle Leere).

Im Jahre 2001, und zwar in Verbindung mit den Attentaten auf das WTC, wurde ich von jemandem, der mir sehr nahe stand und noch steht, weil ich zu ca. 50% an der Vorbereitung seiner Existenz mitgearbeitet hatte, und der natürlich wegen meiner bibelgeprägten Vergangenheit in seinen ersten 10 Lebensjahren entsprechend geformt worden war, gefragt, ob es über die ganze unsichere politische Lage in der Welt nicht Aussagen in diesem Buch gäbe; ob ich mich nach so langer Zeit noch daran erinnern könnte. Aufgrund dieser Frage fing ich wieder an, mich intensiv damit zu beschäftigen. Allerdings ohne erklärende Schriften von wem auch immer zu Rate zu ziehen. Ich wollte einfach mal sehen, was ich noch wusste. Mir war wichtig, auszuprobieren, ob man durch eigenes Bibellesen, unbeeinflusst von „führenden“ Persönlichkeiten, vielleicht ein besseres Verständnis von Gott erhalten könnte.

In dieser Zeit konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren – und wollte es wohl auch nicht – dass er tatsächlich in der Lage und, viel wichtiger, willens ist, durch sein Wort zu uns zu sprechen und uns auf Gedanken und Teilschritte aufmerksam zu machen, die für unsere Entwicklung zu ihm hin notwendig sind.

Ich hatte dann mit dem sehr interessierten Fragesteller (um nicht so rätselhaft zu bleiben: es handelte sich um den älteren von zwei sehr geliebten Söhnen) äußerst häufig lange auferbauende Gespräche. Unser Telekommunikationsanbieter ist sicherlich hauptsächlich durch uns in die Lage gekommen, endlich schwarze Zahlen zu schreiben. Es war begeisternd, zu erleben, dass da viel verschüttet geglaubtes Wissen recht schnell an die Oberfläche zurückkam, als wäre überhaupt keine Zeit vergangen.

Grundlage unseres Gedankenaustauschs waren in der Regel Bibeltexte, auf die jeder von uns beim Lesen gestoßen war, die meistens einen sehr engen Bezug zu unserem Leben hatten. Oder wir fanden aufgrund unserer Erlebnisse, Gedanken und Fragen eine Verbindung zu wertvollen Aussagen der Bibel. Zwischen den drahtigen Kontakten hatte ich mir angewöhnt, täglich in diesem Buch zu lesen. Sehr oft empfand ich dabei etwas, was sich wie eine (bitte um Verzeihung für diesen Hauch von Schwülstigkeit) göttliche Begleitung anfühlte. Wenn einem der Inhalt der Bibel und der „rote Faden“, der sich durch dieses Buch zieht, vertraut sind, kommt man leicht auf den Gedanken, sie an einer beliebigen Stelle aufzuschlagen, um über das Gelesene nachzusinnen, weil alles in irgendeiner Weise mit unserem Leben zu tun hat.

Das Gefühl des Begleitet-Seins stellte sich schleichend ein, weil es immer wieder passierte, dass Fragen, die mich besonders intensiv bewegten, bei zufälligem Aufschlagen beantwortet wurden; dies geschah vor allem dann, wenn ich vorher darüber gebetet hatte. Und wenn es nicht direkt Antworten waren, so war der Inhalt doch wie eine Wiederholung meiner Gedanken. Bis zu einem bestimmten Punkt habe ich mir dies mit den selbstbetrügerischen Tendenzen unseres unergründlichen Hirns und dem, was ich mangels besserer Bezeichnungen hier einer Denkrichtung folgend auch mal „Unterbewusstsein“ nenne, zu erklären versucht. Aber diese Deutung war einfach nicht in jedem Fall anwendbar. Hierzu muss jedoch an anderer Stelle noch mehr gesagt werden, weil diese „Begegnungen“ mit Vorsicht zu behandeln sind. Aber zurück zu den Gesprächen.

Da mein Sohn über diesen sehr persönlichen Austausch hinaus auch Fragen stellte, die ich nicht beantworten konnte, ermunterte ich ihn, sich doch bezüglich tiefer gehender Fragen an einen Menschen aus unserem früheren Glaubensfeld zu wenden, den wir beide als aufgeschlossenen, verständnisvollen Gesprächspartner in Erinnerung hatten.

In der Folge fasste er schnell Fuß in der „Familie“, was ich sehr begrüßte, denn mir war bewusst geworden, dass mir diese Leute doch sehr fehlten.

Tat sich da etwa eine Tür auf, zu Gott zurückzufinden? Und all die Menschen, zu denen es seit fast zwanzig Jahren keinen Kontakt mehr gegeben hatte…; allein die Vorstellung, sie wiederzusehen, erfüllte mich schon mit einer freudigen Erregung.

Ein Blick noch zurücker

Plötzlich entsteht vor meinem Auge, dem geistigen, die Szene meines ersten Zusammentreffens mit einer Vertreterin dieser Gemeinschaft.

Ich sitze im Schneidersitz auf meinem Teppich; relativ früher Morgen; etwa 10.00 Uhr; eine gute Zeit, um dem Tag erste Lichtmomente abzuringen; Klampfe in der Hand, vor mir ein Kugelschreiber in einem Ringbuch, aufgeschlagen bei einem fast leeren Blatt. Da stehen wohl einige Wörter, zusammenhanglos dahin geworfen, als Grundidee für einen Liedtext. Aber so wirr, wie es in meinem suchenden Hirn zu jener Zeit aussieht, handelt es sich keinesfalls um Geistesblitze, sondern nur um völlig inhaltsfreie Nebelschleier. - Wahnsinn! Diesen Block besitze ich noch. Mahnmal!

Es steht da wohl auch das übliche Longdrinkglas: etwas Gingerale, aufgelöst in einer ordentlichen Portion des Lieblingsgetränks zünftiger Westernhelden, und der unvermeidliche Aschenbecher, überrandvoll mit Überresten der bekannten Symbole des Glücks absoluter Freiheit. Die Zutaten also, die für die Entwicklung eines guten Songs einfach notwendig sind.

Dieses Schwelgen im Dunst geistiger und kreativer Reife wird plötzlich durch das zerstörerisch schrille Geschrei der Wohnungsklingel beendet.

Drücke missmutig meine Zigarette aus, nehme noch schnell einen Schluck, schüttele eilig-eitel meine Mähne und gehe zur Tür. Entgegen meiner Gewohnheit, zunächst einen vorsichtigen Blick durch den Türspion zu werfen, öffne ich mit einer forschen Bewegung.

Wie weitreichend dieser Augenblick und die Auswirkungen der folgenden wenigen Minuten für mein weiteres Leben sein werden, ist mir natürlich nicht bewusst. Wie soll es auch?! Jedenfalls steht sie vor mir. Es. Mein Schicksal. Nicht mehr ganz jung, um den fleischigen Mund die für ein gewisses Alter üblichen Lippenschürzfalten, äußert sie in sympathischem Sächsisch die Worte: „Guden Dach, Härr Schenöfoa. Isch bin in eenem gristlischen Brädischtwärg ündoawähgs…“, und dann kommt irgendetwas von Bibel und Weltgericht, ich höre nicht so genau hin, denn mein erster fast panischer Gedanke ist: „Warum passiert das jetzt ausgerechnet mir?“

Während sie erzählt, denke ich nur daran, wie ich diese unliebsame Störung beenden kann. Fühle mich der Situation nicht gewachsen; denn natürlich weiß diese freundliche Dame, wovon sie redet; etwas was auf mich in diesem Moment nicht im Mindesten zutrifft. Aber irgendetwas sagen sollte ich schon. Aber was?

Sie hilft mir mit einem Angebot. Holt ein grünes Buch heraus; stellt es mir als Bibel vor, die sie für nur fünf Mark anbieten kann, weil sie die Literatur ihrer Gesellschaft zum Selbstkostenpreis abgibt. Dazu kann ich dann auch etwas sagen, was sogar der Wahrheit entspricht. Ich bin ja schon länger scharf auf eine Bibel(das sage ich), weil ich gerne mal nachlesen will, wie glaubwürdig die Zitate Erich von Dänikens aus dem Hesekielbuch sind(das sage ich nicht). Dachte aber immer, Bibeln seien im Preis für einen nicht im Erwerbsleben Stehenden unerschwinglich(das wiederum sage ich). Nehme das Angebot also dankbar an, froh, endlich eine Bibel und einen sauberen Abschluss für dieses Gespräch gefunden zu haben.

Da stehen wir also: zwei aus unterschiedlichen Gründen glückliche Menschen, deren Wege sich gekreuzt haben, um sich nach kurzen gegenseitigen guten Wünschen hoffentlich endgültig wieder zu trennen.

Sie bietet mir nun aber doch nur noch schnell für fünfzig Pfennig ein kleines blaues Buch an, mir versichernd, dass es ohne Anleitung sehr schwer ist, sich in der Bibel zurechtzufinden.

Diese Erfahrung hatte ich tatsächlich schon einmal gemacht in Verbindung mit dem Versuch, eine alte Bibel meiner Eltern zu lesen, die im Regal seit Jahren oder Jahrzehnten vor sich hin verstaubte, geschrieben in noch viel älterem Deutsch. Und ich hatte sie schon entnervt wieder beiseite gelegt, als Gott auf einer der ersten Seiten zu Adam und Eva die für mich unverständlichen Unheil verkündenden Worte über die Schlange und das Weib, die Arbeit, den Schweiß, das Unkraut sowie die Mühsal der Geburt gesprochen hatte. Ich greife darum auch hier gerne zu; zumal sie mir Appetit macht durch eine Äußerung über die unbiblischen traditionellen Glaubensvorstellungen, die in der Kirche vermittelt werden. Ich kenne diese Lehren zwar nicht, weil ich seit meiner so genannten Konfirmation im Jahre 1964 nie wieder eine Kirche von innen gesehen habe und in den jenem wichtigen Ereignis vorausgegangenen zwei Jahren der Belehrung mehr damit beschäftigt war, auszurechnen, wie hoch die Geldbeträge sein würden, die als Geschenke zu erwarten waren. Ob sie wohl für das ersehnte Fahrrad ausreichen würden, das ich schon seit Wochen im Schaufenster verführerisch glitzern sah. In leuchtendem metallic lila. Mit Schmalspurreifen und Zehngangschaltung.

Die von ihr angesprochene Theologie ist mir somit nicht vertraut, was mich natürlich nicht davon abhält, sie leidenschaftlich abzulehnen.

Ich nehme also auch noch dieses Buch entgegen, was sie veranlasst, mir abschließend noch zwei bibelerklärende Schriften zu schenken, sich freundlich zu verabschieden und mir (jetzt wirklich) abschließend zu versichern, dass sie bei Jelähschenheit mal wieder vorbeischaut, um zu sehen, ob mir die Lektüre etwas gebracht haben würde. Ich bin entschlossen, das nicht als Drohung aufzufassen, und verabschiede mich ebenso freundlich und gebe ihr auch die Erlaubnis für diesen Rückbesuch heuchlerisch mit auf den Weg.

Wenn ich heute über diesen Abschluss der Begegnung nachdenke, frage ich mich immer noch, ob das wohl weise war oder eine wegen aller mir heute bekannten Folgen als typische Ich-könnte-mich-in-den-Allerwertesten-beißen-Erfahrung abzuheften ist. Angesichts meiner immer noch währenden Glaubens-Odyssee neige ich zu der Vermutung, dass ich das frühestens zum Zeitpunkt meines Ablebens erfahren werde.

Dieser Erstkontakt ereignete sich 1973, und ich war lächerliche aber noch hoffen lassende 23 Jahre alt; also noch nicht mal so alt wie meine damals noch vorhandenen Haare in cm gemessen lang waren.

Nachdem alles überstanden, die Wohnungstür geschlossen und ich wieder Herr meiner Einsamkeit war, musste ich mich der Tatsache stellen, dass meine Gedanken und Gefühle nicht mehr zu dem vorher begonnen Song zurückkehren wollten. Also schnappte ich meine Wohlfühlutensilien und suchte mir einen gemütlicheren Sitzplatz.

War doch sehr neugierig, was sich wohl in diesem unscheinbaren Büchlein mit seinem weniger unscheinbaren, auf Wahrheit, ewiges Leben und den Weg dorthin verweisenden Titel für weltbewegende Erkenntnisse für mich auftun würden.

Neben meiner von-Däniken-Prägung war da nämlich auch eine gewisse Suche nach Gott in mir vorhanden. Besser gesagt keine Suche, denn das hätte Aktivität beinhaltet; mehr ein spielerischer Umgang mit Fragen nach seinem Wesen oder überhaupt seiner Existenz. Das einzig relativ Tätige war die nicht ausgesprochene, aber intensiv gedachte Anfrage, die sich recht abgedroschen anhört, weil häufig benutzt: „Wenn’s dich wirklich gibt, dann zeig dich doch bitte; mach dich irgendwie glaubhaft bemerkbar!“

Wenn ich genauer hinsehe, muss ich sagen, dass es mich damals sogar sehr beschäftigt hat. Später stellte es sich in meiner Erinnerung so dar, als wäre dieser Besuch eine unmittelbare Antwort auf meine „Gebete“ gewesen.

Ich verlängerte also meinen Drink, leerte den keinen Platz für weitere Kippen mehr bietenden Aschenbecher, machte es mir bequem, nahm mir dieses kleine blaue Etwas und war schon durch den oben erwähnten Titel positiv eingestimmt.

Das Erste, was ich sah, war eine recht kitschig und albern wirkende Zeichnung eines Mannes, der irgendwie aussah wie Cary Grant. Er lachte ein Vögelchen an, das sich auf seinem Finger niedergelassen hatte, und befand sich sauber frisiert, mit bügelbefalteter Hose und Hemd in einer wahrhaft paradiesischen Umgebung. Im Hintergrund spielten Kinder friedlich mit Löwen, Lämmer hüpften fröhlich umher und die Sonne wollte sich schier kaputtlachen über die Szenerie. Ich auch.

Aber da waren die Neugier und die Überschrift des ersten Kapitels, die auf sehr nahe bevorstehende Segnungen von Seiten Gottes hinwies. Sehr vielversprechend. Da nehm’ ich gleich noch mal einen kräftigen Schluck und lege in zuversichtlicher Heiterkeit los.

Eine Schachtel Zigaretten und zwei oder drei Gläser Whisky später wusste ich, dass ich die Wahrheit gefunden hatte. Ich war wie in einem geistigen Schnelldurchlauf über biblische Inhalte informiert worden und wusste alles, was man wissen muss, um vor Gott zu bestehen. Es reicht nicht aus, einfach nur an Gott zu glauben. Es gibt nämlich zwei Religionen: die richtige und die falsche. Viele Dinge will Gott einfach nicht haben. Neben Kriegen, Diebstahl, Raub und Mord – Taten, von denen die meisten Menschen wissen, dass sie sich einfach nicht gehören, auch weil sie sehr unfreundlich sind, die Taten nämlich – gibt es auch sogenannte Grauzonen, die manch einer nicht erkennt. Man braucht deswegen jemanden, der in aller Deutlichkeit darauf aufmerksam macht. Wie gut es dann doch ist, eine Instanz zu haben, die als Gottes Mitteilungskanal wirkt, um uns all diese verborgenen Feinheiten vor Augen zu führen. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder selbstständig darüber befinden wollte, was Gott von uns verlangt. Also, wenn ich das richtig verstanden habe, sagt einem in der richtigen Religion jemand, gestützt auf die Autorität Gottes, wo es lang geht. Es herrscht in unserer Zeit nämlich besonders die Pest des unabhängigen, also eben selbstständigen Denkens, und die gilt es zu meiden wie eben die: die Pest. Demgegenüber zeichnet sich die falsche Religion dadurch aus, dass jemand versucht einem zu sagen, wo es lang geht, der das gar nicht darf. Das ist nämlich die Klasse der Geistlichkeit. Alles Leute, die nur darauf aus sind, uns irrezuführen. Wie die Pharisäer damals, die von kompetenten Leuten wie Jesus Christus und Johannes dem Täufer als „Schlangen und Otternbrut“ bezeichnet wurden. Fein; da habe ich also all die Jahre, schon seit meine Eltern mich zu Weihnachten immer in die Kirche verschleppt haben, ohne selbst etwas von ihr zu halten, intuitiv gewusst, dass da etwas nicht in Ordnung ist.

Ich erkannte jetzt durch diesen kleinen Erkenntnisträger, dass es eine Einrichtung gibt, die in der Offenbarung als Prostituierte dargestellt wird, welche sich mit den Königen der Erde auf neckische Spielchen einlässt; auf ihnen lustig reitet wie auf einem wilden Tier. Diese Frau symbolisiert das ganze Weltreich der falschen Religion, und eine Stimme aus dem Himmel sagt in der Offenbarung: „Macht bloß, dass ihr da raus geht, sonst bekommt ihr alles ab, was ich ihr an Plagen so zugedacht habe.“ Dieses Reich hatte eigentlich schon mit Kain seinen Anfang genommen, der seinen Bruder erschlug, weil Gott zu ihm sagte: „Wenn du dich ordentlich verhältst, kommen wir schon klar miteinander“. Er wollte aber lieber so anbeten, wie es ihm passte. Was soll denn das Handeln damit zu tun haben; und darum erschlug er seinen Bruder. Wenn er nur noch der einzige Anbeter ist, muss ja von da an wahr sein, was er tut. Ist ja weiter keiner da. Später hat das mit Nimrod seine Fortsetzung gefunden, der nach seinem Ableben vergöttlicht wurde. Dort entstanden dann Formen der Götzenanbetung und wunderschöne aber schlimme religiöse Bräuche, die nach der Sprachverwirrung in die Welt hinausgetragen wurden und sich heute in allen Religionen wiederfinden. Schon zu Beginn der letzten zweitausend Jahre haben die dann Einzug in das Christentum gehalten und finden sich auch in so Bräuchen wie dem Weihnachts- und Osterfest wieder. Ein ganzes Kapitel war den Sitten und Gebräuchen gewidmet, die Gott missfallen. Auch der Unsitte, Menschen ungebührlich in den Mittelpunkt zu setzen, indem man ihren Geburtstag feiert, wird viel Platz in diesem Abschnitt eingeräumt. Will Gott natürlich auch nicht. Sieht man schon daran, dass in der Bibel nur zwei Geburtstagsfeiern erwähnt werden. Bei beiden Anlässen kamen Menschen unschön ums Leben. Da war zunächst ein Bäcker im alten Ägypten zur Zeit Josefs, der sich wohl irgendwie beim Pharao unbeliebt gemacht hatte (der Bäcker, nicht Josef). Er wurde deshalb folgerichtig am Geburtstag seines freundlichen Regenten aufgehängt. Und der andere aussagekräftige Fall betraf Johannes den Täufer, dessen Kopf als ein ganz individuelles Geburtstagsgeschenk Verwendung fand. Geht alles natürlich gar nicht. Erstaunlich, was man so alles nicht wusste, und wie begeisternd, zu wissen, dass Gott in unseren aller- allerallerletzten Tagen für eine Verwaltungsorganisation gesorgt hat, die sich darum kümmert, der Wahrheit Geltung zu verschaffen.

Was jedoch für uns heute Lebende besonders wichtig ist: wir befinden uns an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter, und das Ende dieser uns vertrauten Gesellschaftsordnung wird in spätestens zwei Jahren kommen und damit alle Fragen bezüglich meiner beruflichen Zukunftsgestaltung hinfällig machen, was mir sehr entgegen kam. Ich wusste eh nicht, was ich machen sollte.

Zwar gab es da einige Aussagen, die mir nicht ganz geheuer waren, einige machten mich sogar ein wenig ungehalten; vorübergehend wütend, um ehrlich zu sein.

Aber was sind unwichtige persönliche Vorstellungen vom Leben verglichen mit einer Zukunft ewigen Glücks? Leben in Gemeinschaft mit Gott; wenn auch auf der Erde. Für den Himmel gibt es nur eine zahlenmäßig streng limitierte Sonderzuteilung; so eine Art VIP-Karte, das hatte ich schnell verstanden. Aber macht ja nix; vollkommen gemacht in uneingeschränkter Gesundheit, alle seine Gaben und Talente ohne Einschränkung – wenn auch nach vorstadtamerikanischen Vorstellungen – entwickeln und ausleben zu können; mehr kann man wirklich nicht wollen. Geil. Ich schütt’ mir noch `n Whisky rein, leg’ das weiße Album auf, finde das Intro zu „Martha My Dear“ mal wieder unglaublich gelungen und freu mich, dass ich vor Harmagedon nicht mehr zum Putzer gehen werde.

Die Lektüre dieses Erkenntnisträgers hat etliche Stunden des Tages verschlungen und gleich wird meine Frau (die erste in einer Reihe von zweien) von der Arbeit nach Hause kommen. Na, die wird Augen machen, wenn ich ihr erzähle, was auf uns zukommt.

Tat sie dann auch. Und was für welche. Da passten unendlich viele Fragezeichen rein. Hatte ihr halt sofort in übersichtlicher Form einen anschaulichen Querschnitt meines neuen Wissens vermittelt mit der abschließenden Aussage, ich werde mich auf jeden Fall gleich mal taufen lassen; und (wie angedeutet) vor dem unmittelbar bevorstehenden Ende keine Schere mehr an meine Haare lassen. Das zumindest konnte sie mir glauben; hatte ich es doch auch die vier Jahre davor nicht getan.

Die Neuigkeit musste einen starken Eindruck bei ihr hinterlassen haben, denn als wir abends Besuch von ihrem Bruder und dessen Freundin bekamen, die von mir natürlich auch sofort informiert wurden, bestätigte sie ihm nach einem erstaunt fragenden Blick seinerseits: „Jaja, der wird bald heilig gesprochen“ (Hatte ich da ein verstohlenes Grinsen auf den Gesichtern bemerkt? Ja!). Die Neigung meiner Persönlichkeit in Richtung Dummheit reichte nicht aus, um die schmerzhafte Ironie hinter diesen verständnisvollen Worten zu ignorieren. Später einmal sollte ich erfahren, dass irgendwann danach in meiner Abwesenheit ein angeregter Austausch darüber stattgefunden hatte, welchen Stellenwert man wohl jetzt noch meinem Geisteszustand zubilligen sollte; ob ich endgültig freiwillig auch noch alle restlichen Tassen aus meinem wurmstichigen Schrank entfernt hätte.

Aber ich war ja vorbereitet. Das kleine blaue Büchlein weist jeden Leser vorsorglich darauf hin, dass man damit rechnen muss, verspottet zu werden, wenn man anfängt in der Wahrheit zu wandeln. Ja, es wäre schon bedenklich, wenn das nicht geschehen würde.

Hopsa! Kaum dabei und schon Märtyrer.

Voller Freude über das Verfolgt-werden-um-der-Wahrheit-willen bereitete ich mich in Gedanken auf ein Leben vor, das ganz dem nunmehr inhaltlich voll erfassten Dienst für Gott gewidmet war.

Es gibt noch mehr

Im Laufe der folgenden Tage verblasste das Gelesene, Gedachte und Gesagte natürlich allmählich. Bestimmt wollte irgendeine höhere Macht Platz in meinem Kopf schaffen für weitere wichtige Informationen, denn eines Samstagvormittags schob meine Frau ihren Kopf durch die halb offene Tür zu meinem Arbeitszimmer: „Kannst du mal kommen, da sind zwei so komische Leute, die irgendwas von Heiligen und den letzten Tagen gesagt haben. Du interessierst dich doch für so was.“

Ich war gerade pinseltechnisch mit irgendwelchen grafischen Gestaltungen beschäftigt und so ging ich, wie ich war, ins Wohnzimmer; ausgerüstet mit diesem Werkzeug in der Hand, einem offenen weißen Kittel um mein kleines Ego herum und der Vorstellung, in diesem Augenblick nicht unbedingt außergewöhnlich bedeutend, doch aber schon sehr individualistisch aus der Masse herausgehoben zu wirken. Ja, wir waren zwei von den Guten, die nicht einfach solche Menschen abweisen, die sich ein Herz fassen und mutig an den Türen oft ablehnend reagierender Menschen klingeln, um ihnen Dinge mitzuteilen, die sie gar nicht wissen wollen.