Der seltsame Fall Lengden - Peter Fleischhauer - E-Book

Der seltsame Fall Lengden E-Book

Peter Fleischhauer

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Beschreibung

Das seltsame Geschehen um Professor Lengden beschäftigt die Ermittler als Kriminalfall, sprengt aber ihre Möglichkeiten und wird zur Tragigroteske. Der (Kriminal)Roman will spannende Unterhaltung bieten und eine ernste Botschaft: „Der Andere in Dir ist lebendiger, als Du denkst.“ In dem hoffnungslos unterbesetzten Polizeirevier der kleinen Stadt geschehen große Dinge. Wie ist es möglich, dass eine Verschwörung um Maria Stuart aus dem Jahre 1587 aktiv in das Leben von Professor Lengden eingreift? Wieso verstört ihn die Ermordung seiner Frau Laura Maria auf so seltsame Weise? Als man seine Frau ein zweites Mal tot auffindet, zeichnet sich bereits ab, dass honorige Bürger ein Doppelleben führen: Zwei ehrenwerte Damen stehen im Verdacht, aus dem unterirdischen Bunker der Oberstadt linken Terror zu verbreiten, eine miese Klatschreporterin geht in den Untergrund, Professor Lengden hat nur eine Angst, dass sein dunkles Geheimnis aufgedeckt wird. Und er ist nicht der einzige, der seine Identität während der Aufklärung des Falles wechselt. Oberstaatsanwalt Steven aber weigert sich, das andere Leben Lengdens zur Kenntnis zu nehmen, seine Karriere ist ihm wichtiger als die Wahrheit. Unlösbare Widersprüche behindern die Aufklärung. Besonders folgenreich ist, dass dem BND alle Mittel rechtens sind, die offenbar ausgebrochene linke Verschwörung zu bekämpfen. Dr. Jekyll und Mr. Hyde schauen aus der Ferne zu.

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Seitenzahl: 374

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Titelbild und Covergestaltung:

© 2019 Ulrich Fleischhauer

Lesen Sie mehr über die Hintergründe und

Absichten des Romans und sehen Sie mehr

Bilder von Ulrich Fleischhauer bei:

www.peter-fleischhauer.de

Für meinen Bruder Uli

und Petra und Friederike

Inhalt:

Kapitel 1: Eine Tote, 12 Messerstiche, keine Spuren

Kapitel 2: Klein Chicago

Kapitel 3: Die zwei Reisen

Kapitel 4: Der Brief

Kapitel 5: Eine denkwürdige Nacht

Kapitel 6: Geheimgang, Prügelei und Entführung

Kapitel 7: Die Dinge laufen auseinander

Kapitel 8: Der Ugenbarg-Bunker

Kapitel 9: Nichts läuft mehr zusammen

Kapitel 10: Pressekonferenz und Nationalfeiertag

Kapitel 11: Zwei Formen der Wahrheitsfindung

Kapitel 12: Emil Wolf auf den Spuren des Angeklagten in Verona

Kapitel 13: Eine Karriere wackelt, eine endet

Kapitel 14: Endspurt vor dem Prozess

Kapitel 15: Der Prozess

Nachwort

Anhang

Hintergrundinformationen

Personenverzeichnis und wichtige Orte

Quellennachweis der Abbildungen

Quellennachweis der Zitate

Motto:

Harry Potter ist von Lord Voldemort, dem größten

schwarzen Magier, getötet worden und trifft

seinen Lehrer Professor Dumbledore im Himmel:

„Professor, ist das hier wirklich?

Oder findet es bloß in meinem Kopf statt?“

„Es findet in deinem Kopf statt, ganz eindeutig, Harry.

Warum muss das bedeuten, dass es nicht wirklich ist?“

Am 22. Nov. 1963 wurde der 35. Präsident

der USA, John F. Kennedy, ermordet:

„Die Warren-Kommission kam zu dem Ergebnis, Oswald sei der alleinige Täter gewesen. Ein später einberufener Untersuchungsausschuss stellte dagegen fest, es habe wahrscheinlich mehrere Täter gegeben. Eindeutige forensische Beweise dafür gibt es nicht, vielmehr haben neuere Untersuchungen die Einzeltäterthese erhärtet. Die Frage wird allerdings bis heute kontrovers diskutiert. Die Mehrheit der Amerikaner geht davon aus, dass Kennedy Opfer einer Verschwörung wurde. Die Aufklärung des Mordfalls wurde von Anfang an von Pannen, Versäumnissen und Fehlern der Ermittlungsbehörden, Ärzte und Untersuchungskommissionen beeinträchtigt.

Von Historikern wird die Einzeltäterthese überwiegend bevorzugt.“

Warum muss das bedeuten, dass es wirklich ist?

Kapitel 1: Eine Tote, 12 Messerstiche, keine Spuren

Professor Lengdens Montagsvorlesung „Kriminalgeschichte“

Montag, 1. Juni, 11:00 Uhr

„Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich beginne heute…“

Eine unerwartete Bewegung in der ersten Reihe, eine junge Frau erhebt sich ungestüm und läuft aufs Podium zum Pult. Die Kamera, weit hinten im Raum postiert, kann sich auf den großen Auftritt so schnell nicht einstellen. Eine Unruhe erfasst die Studenten angesichts der seit 1968 nicht mehr erlebten Störung in der wenig gefüllten Aula der kleinen Stadt.

„Herr Professor, gestatten Sie mir eine kurze Unterbrechung. Wir 12 Studenten Ihres Oberseminars haben einen Text verfasst, den ich verlesen soll.“

„Wir sind bestürzt und möchten Ihnen unser Beileid aussprechen zum tragischen Tod Ihrer Frau. Wir schätzen Sie sehr, da wir Ihnen tiefe Einblicke in die Geschichte verdanken, die über die Bücher hinausgehen. Es ist die Betroffenheit, die sich überträgt. Wir fühlen uns von Ihnen geprägt. Wir fühlen uns daher gedrängt, Ihnen an dieser Stelle unseren Dank zum Ausdruck zu bringen.“

Ein dem Anlass nach unangemessener Beifall beendet die kurze Rede. „Tja, das bringt mich jetzt aus dem Konzept. Es war nicht meine Absicht, das zu veröffentlichen. Da es nun mal so ist, betone ich: Es ist weder wissenschaftlich noch erwünscht, mein Inneres vor Ihnen auszubreiten. Eines jedoch muss ich Ihnen entgegnen, da es wissenschaftlich relevant ist.

Ich ändere also meine Vorlesung und belehre Sie.

Es ist uns strikt verboten, zur Geschichte Gefühle zu entwickeln. Historisches Geschehen ist weder tragisch noch glücklich gefügt. Wenn Sie Einblicke «fühlen», die über Bücher hinausgehen, irritiert mich das sehr. Denn ich habe das Gesetz so oft gepredigt: Die Wirklichkeit ist ein offenes Buch, aber es ist zum Lesen, nicht zum Fühlen. «Sine ira et studio, ohne Wut und Eifer», verlangt Tacitus, das große Vorbild, von uns Geschichtsschreibern. Merke: Der Zorn der Mörder Cäsars, die Rage des französischen Mobs, die katholischen Attentate auf Elizabeth I. entstehen aus der Betroffenheit. Uns aber ist jede Form von Betroffenheit über das Geschehen untersagt!“

Eine männliche Stimme aus dem Saal fährt vehement dazwischen: „Ich glaube, dass jede Wut, jeder Widerstand gegen die Übel in der Welt berechtigt ist!“ – „Als künftiger Kriminalist sollten Sie sich vor solchen naiven Entgleisungen hüten.

Ich fahre fort. Wir sprachen über das fatale Erdbeben, das 1755 die Stadt Lissabon verwüstete. Eine große Erschütterung ging durch die Welt: «Wie konnte der gerechte und gütige Gott das zulassen?» HALT, sage ich! Verwahren Sie sich gegen solche Fragen! Folgen Sie Voltaire, der das Märchen von einem Gott, der uns mit Erdbeben straft, abgeschafft hat. Vertrauen Sie Ihrer zukünftigen kriminalistischen Vernunft, die die einfachen kausalen Ursachen allen Geschehens findet.

Ich rufe Ihnen zu: Vernunft weiß alles, Betroffenheit weiß nichts!“ Ein zögerlicher Beifall lässt sich vernehmen. „Ich glaubte, Sie das hinreichend gelehrt zu haben. Ihre Rede enttäuscht mich.

Plötzlich aber bin ich gänzlich durcheinander. Ich höre die Stimme der Kontrolle leiser werden und sehe mich einem Anderen in mir gegenüber, das sich als Opfer fühlt. Denn dass meine Frau ermordet wird, während ich über die Kriminalgeschichte des Mordes schreibe, betrifft mich, verändert mich, gaukelte mir seltsamste Gefühle vor: Vielleicht ist die Geschichte zynisch. Vielleicht muss ich selbst noch einmal neu lernen, und Sie haben am Ende doch Recht?

Doch ich vergaß mich, sehen Sie es mir nach. Über mein Inneres spreche ich eigentlich nicht. Ich wende mich jetzt meinem Thema zu: Kriminalistik in der Antike.“

Professor Lengden Vorlesung gilt künftigen Spitzenkräften der Kriminalwissenschaft. Er ist von stattlicher Erscheinung, schlank, 1,95 m groß, überkorrekt gekleidet, mit unauffälliger Perücke. Distinguiert und distanziert und fast aristokratisch ist sein Gang. Er zeigt, dass er sich seines Ansehens bewusst ist. Wenn aber das Gesicht der Spiegel der Seele ist, dann ist er ein harter und verschlossener Mensch. Dass die Studenten ihn verehren, ist schwer zu glauben.

In unserer Erzählung ist er die Hauptperson. Es sei jetzt schon darauf hingewiesen, dass der Begriff „Hauptperson“ später sehr wichtig wird, allerdings in einer anderen Bedeutung.

Der Fund

Montag, 1. Juni, 06:06 Uhr

Um 06:06 Uhr desselben Tages war im Polizeirevier am Wietenplatz ein anonymer Anruf eingegangen. Eine raue Stimme hatte gesagt: „Guckst du Fenster, schöne Morgenröte. Aber die Lengeden isse nix mehr rot, isse hin. Wolle wisse? Gehst du Winkelgasse 17. Tür isse offe, yes, im Eingang ruht se wohl. Heut isse EJR, Erste Juniröte! Merken sich. Iche melde wieder.“

Die kleine Stadt mit der kleinsten Universität Deutschlands hat etwa 16.000 Einwohner, die Hochschule zählt nur 400 Studenten. Prof. Lengden hat den einzigen Lehrstuhl für Kriminalgeschichte, Verbrechensgeschichte und Allgemeine Geschichte inne. Sein Spezialgebiet: England im 17. Jahrhundert.

Die Polizeidienststelle am Wietenplatz ist hoffnungslos unterbesetzt. Das Amtsgericht wird den blindwütigen Sparmaßnahmen bald ganz zum Opfer fallen. Bisher durfte man in der Stadt also kein Epizentrum der Macht oder des Verbrechens erwarten (was zu allen Zeiten leicht zu verwechseln ist). Ein Hort verlorener ländlicher Idylle ist es allerdings auch nicht.

Zwei Polizeiwachtmeister, die eigentlich nur Streife dürfen, hatten um 06:26 Uhr die telefonisch avisierte Leiche gefunden. Es war die einer Frau von etwa 60 Jahren. Der einzige Chefermittler befand sich mit drei Kollegen auf Dienstreise und wurde erst mittags erwartet. Die Stadt war ziemlich entblößt, vor Ort gab es keinen Inspektor mehr. Dem Zwei-Mann-Team mangelte es an Kompetenz, aber das sollte keine Folgen haben.

Die Leiche war nackt und wies 12 Messerstiche auf. Weder am Boden noch an den Wänden des Hausflurs fand sich jedoch Blut. Also war das nicht der Tatort. So überraschte es niemanden, dass die Spurensicherung, mit einiger Verspätung eingetroffen, keine Spuren sichern konnte. Ihr Bericht zog das vorläufige Fazit: „Mit so leeren Spurentütchen sind wir noch nie dagestanden.“

Das abbruchreife Haus war lange schon unbewohnt. Wäre die Warnung „Vorsicht Einsturzgefahr“ als Foto in die Presse gelangt, hätte man das dem Leser mit spöttischem Vergnügen als Omen serviert. Gab es Fußspuren im Staubfilm auf dem Boden? Dem war auch nicht so: Der oder die Täter hatten tatsächlich den Flur sorgfältig gefegt, am Fußende des Körpers eine Handvoll Gartenerde ausgestreut und mit dem Finger ein Herz hineingemalt. Erde nimmt keine Fingerabdrücke an.

Sie machten Fotos und nahmen Proben von Staub und Erde in der Hoffnung, dass sich später etwas in einem Hosenaufschlag wiederfindet. Wohl wissend, „dass wir das auch hätten lassen können“. Ein Geisterhaus hat möglicherweise Spuren von Geistern, nicht aber von Lebenden.

Es war wirklich alles sehr frustrierend.

Immerhin half die Aussage des diensttuenden Rechtsmediziners Dr. Armando Bentle weiter: „Gehört zur Oberschicht in der Oberstadt. Na ja, gehörte. Also Vorsicht! Ist beliebt, gute Seele für die Armen. Hielt Vorträge, politisch auf zack. Wohnte Oberstadtweg am Berg. Erkenne sie trotz der Gesichtsschnitte. Definitiv Laura Maria Lengden. Bringt sie auf meinen Tisch!“

Sein vorläufiger Bericht: „Kein Messerstich tödl. Keiner ins Herz. Langsam verblutet, keine große Ader getr. Schienbein li., Ringfinger re. zertrümmert. Leichenflecken mind. 40 Std. Todeszeit: mind. 2 Tage, eher 3-4. Leichenliegezeit kompliziert!“

Niemand hat dem Mann bisher seine Abkürzungswut abgewöhnen können. Die beiden Polizisten übergaben per Funk zwei Streifenbeamten die Aufgabe, den Ehemann zu informieren und ihn um die Erlaubnis für eine Hausdurchsuchung zu bitten. Und sie begannen unbeholfen mit Befragungen in der Nachbarschaft. Da war es ca. 8 Uhr, für einen Anruf beim Staatsanwalt noch zu früh, der kommt erst um 9.

In Bericht der Beamten heißt es: „Der Mann hatte keine innere Erregung. Das fiel sehr auf. Er erlaubte die Durchsuchung, ließ uns aber allein. Das war noch komischer. Er sagte: «Ich hab jetzt eine Vorlesung zu halten. Tun Sie, was Sie tun müssen. Ich verbiete Ihnen, Dinge zu entfernen. Erweist sich das als notwendig, bestehe ich darauf, anwesend zu sein.»“

Oberster Dirigent der Ermittlungsbehörde der kleinen Stadt ist Oberstaatsanwalt Dr. Roberto Ludovico Steven: Er wird um 09:15 Uhr ins Bild gesetzt. Polizeiberichte liegen noch nicht vor. Walter What, sein einziger Chefinspektor, wird Chefermittler im Fall Lengden und erhält weitreichende Vollmachten, die er eh schon hat, verbunden mit der Forderung nach „baldigsten Resultaten. Spätestens am Montag um 10 bei mir!“

What hasst schnelles Arbeiten und solche Sätze. ‚Das sind hohle Phrasen in TV-Krimis. Es drängen immer die, die die Arbeit nicht selbst am Hals ham.‘

Dienstag um 14:00 Uhr lag der Zeitungsbericht vor Steven und rief umgehend seinen ersten Wutanfall hervor. „WHAT soll reinkommen! SOFORT!“ What liest, Steven schnauzt: „Woher wissen die das schon?“ – „Polizeifunk?“ Steven schnauzte noch mehr: „Hab ich nicht explizit befohlen, dass der Funk verschlüsselt wird?“ – „Tun wir. Wir zerhacken ihn. Sie haben aber vergessen zu befehlen, dass die Andern doof sind. Die haben nämlich mehr Geld und hacken zurück.“ Das reizte Steven erst richtig: „Wahrlich, da räume ich auf! Das ist ja kriminell!“ – „Nee Sir, wir tun‘s ja auch.“ – „Das ist doch wohl was anderes!“

Der Chefermittler im Rausgehen über die Schulter: „Haben Sie mal dran gedacht, dass einer von uns vielleicht undicht ist?“

Walter What ist ein unromantischer Praktiker mit kleinen Macken. Nicht genügend graue Zellen für einen eleganten Poirot und zu wenig von der Verstellungskunst eines listig-pfiffigen Schwejk-Columbo. Eher ein eckiger Charakter. Immerhin ist er besser besetzt, als die meisten aus den Hundertschaften an TV-Detektiven. Sein Vater Harry What war als US-Soldat in der BRD stationiert, hatte geheiratet und war geblieben.

Es kommt nicht oft vor, dass ein harter Hund berufliche Probleme einem Tagebuch anvertraut. Er tut es, damit diese umgänglicher werden. Und das braucht er gelegentlich.

Und noch etwas: Er ist absolut unsensibel --- und auch wieder sehr sensibel.

Ein ungebetener Gast klopft an

Dienstag, 2. Juni, 08:00 Uhr

Professor Lengden verbrachte die erste unruhige Nacht. Das Geschehen hatte begonnen, sich ohne sein Zutun und unerwünscht in ihm zu verarbeiten. Unser Wille gebietet womöglich den Elektronen und Protonen auf ihrer Bahn in den Teilchenbeschleunigern, nicht aber den Neuronen im Gehirn.

Beim Frühstück am Morgen klopfte jemand an. Lengden öffnete, ein Gast bat den Türhüter um Einlass. Der erste Eindruck: ‚Missgestaltet, unangenehme Augen, unpassend gekleidet, seltsame Kreatur. Aber irgendwie…‘

„Was wünschen Sie? Erwarten Sie keine Almosen!“ – „Seltsam, dass ich Dich antreffe. Sonst gelingt das nicht. Ich begehre Einlass! Wie immer.“ Auch die Stimme ist unzukömmlich.

„Das sagten Sie schon. Gehen Sie, Sie sind ungebeten, ich dulde Sie nicht.“ – „Aber ich bin es, Ludger!“ – „Mit Verlaub?“

„Ich bin Dir unbekannt? Du erinnerst Dich nicht?“

„NEIN. Gehen Sie.“ Der Gast schiebt seinen Fuß zwischen Tür und Rahmen und sagt einem unsichtbaren Begleiter: „Das ist Ludger! Kein guter Gastgeber! Er duldet uns nicht, denn wie alles Ungebetene sind wir aus der verbotenen Zone! Aber er kriegt uns nicht weg.“ Überaus gewandt gleitet er am Türhüter vorbei, die Dreistigkeit schaltet die Gegenwehr aus. „Denk nicht an Polizei, Freund. Die kommt nicht an uns ran. Eine Bedrohung? Bin ich nicht. Ein Fremder? Bin ich und bin ich nicht.“

„Sie sind eine abartige und hässliche Kreatur aus einer miesen Geschichte! Sagen Sie mir augenblicklich, wer Sie …“ – „Ach Ludger, wenn Du Dir meiner nicht bewusst bist, was ist dann ein Name? Manche heißen mich Elias, den Propheten. Sie warten auf mich! Anderen bin ich Elias, der Teufel und Hinkefuß. Man will mich nicht.“

Der Gastgeber donnert ihn an: „Ich kenne Dich nicht! Du bist irre!“ – „Du wartest auf mich!“ Sie kommen an der Flurgarderobe vorbei. Ein flinker Griff in die Tasche des Mantels fasst die Pistole, entsichert mit sicherem Griff und richtet sie gegen den Gast. Der kichert krächzend und entwendet die Waffe mit einer Bewegung, die ohne Dauer ist.

Ludger wird doch jetzt recht bange.

„Gut. Willst Du mich nicht, muss ich bleiben. Gibst Du mir Einlass, gehe ich. Aber des sei Dir gewiss: Ich komme wieder! --- Ach ja, hier, die Waffe. Wofür soll die gut sein?“

Und ab durch die Tür, die noch offenstand. In der Ferne ertönte wieder das Kichern: „Elias ungebeten, das ist der neue Name! Willst Du ihn Dir jetzt merken fürs nächste Mal?“

Kapitel 2: Klein Chicago

„Es gibt eine Zeit für Trauer und eine Zeit für Wut!“

So titelte am 2. Juni der Leitartikel von Klatsch- und Starreporterin Wilma Whow im örtlichen Mittagsblatt Heißes Eisen. Da ein „unterbelichteter“ Mitarbeiter das Erscheinen am Mordtag „versaubeutelt“ hatte, war ihrem Zorn die Vase des Chefs zum Opfer gefallen. Der Artikel erschien also erst am Dienstag.

Gegen 15:00 Uhr erhielt der Professor im Seminar den Tipp. Er ließ sich umgehend ein Exemplar bringen, und was ihn gerade beschäftigte, wurde auf der Stelle unwichtig.

Frau Professor Laura Lengden war eine durchaus geachtete Person in der kleinen Stadt gewesen, wo viele vieles über alle wissen. Die Whow nahm darauf keine Rücksicht. Sie hatte sofort von der schrecklichen Tat erfahren. Die Wege der Nachrichten sind unergründlich. Sie nannte es „Untat“, der Gebildete rümpfte unwillig die Nase: Untaten, Unkosten und Unkraut sind Unworte. Was er nicht wusste: Man nennt sie auch die „Eiserne Lady“. Eiserne Menschen mit eisernen Gefühlen ignorieren solche Feinheiten.

Er las: „Alles hat seine Zeit. Es gibt eine Zeit der Trauer und eine Zeit der Freude. Wir aber leben in der Zeit der Wut. Und nur ich sage Ihnen die ganze Wahrheit über die Unordnung der Welt. Nur hier erfahren Sie die Gründe für Ihre gerechte Wut.“ Er dachte: ‚Was kann Laura Maria bitte für die Unordnung der Welt?‘ Durchaus viel, wie wir aber erst später erfahren werden.

Wilmas Geburtsname ist „Weniger“. Sie hatte ihn bald gegen den Künstlernamen „Whow“ ausgewechselt. Wer will schon eine Reporterin, die Weniger heißt. Für jeden popeligen Leserbriefe war der Name kostenlose Munition: „Mehr wäre auch bei der Weniger mehr.“ Oder: „Das Hirn der Weniger wird immer weniger.“ „Whow“ dagegen stößt positive Gefühle an.

Ihr Wutpamphlet hatte einmal mehr einen Volltreffer gelandet. Ihre Follower likten den Reißer mit „sehr wahr“. Intellektuelle Kritik fließt in diese Bewertung nicht ein. Lengden aber missfiel der Artikel: ‚Sie wirft mit Schlamm, egal, wen sie trifft.‘ Trotzdem fühlte er sich eigenartig angesprochen. Seinen Studenten hatte er zugerufen: „Zorn ist Euch verboten! Empört Euch, wenn man sich über das Geschehen empört!“ – Gilt das jetzt noch? Die Stimme der Whow flüstert verführerisch: ‚Nur zu! Wehr Dich! Dein Zorn über die Morde an Maria und Maria Stuart ist berechtigt!‘ – ‚Oh! Wie komme ich jetzt auf die andere Maria?‘ Da war wohl ein wenig englischer Spleen im Spiel.

Frau Whow hatte ebenfalls eine historische Anleihe genommen, und zwar bei Shakespeares Hamlet: „Die Welt ist aus den Fugen. Wer wird die Ordnung wiederherstellen? Unsere Polizei ist dazu doch wohl nicht fähig!“ Das macht die Stimme nur lauter: ‚Man ermordete Hamlets Vater und nahm auch Dir das Liebste. Ist dann Hamlets Rache, sind Attentat und Terror nicht auch Dir erlaubt? – Aber war sie überhaupt dein Liebstes?‘

Plötzlich rührt sich etwas wie ein Déjà-vu, als sei er in einem Anderen Leben schon ein zornwütiger Verschwörer gewesen oder werde einer sein. --- ‚Ein nicht denkbarer Widerspruch! Nein, nein, dreimal nein! Nichts wird dich mit dir entzweien!‘

Es hält ihn nicht im Büro. Außer sich vor Zorn fährt er zur Redaktion, um der Whow einen Vortrag über wahrheitsgetreue und moralisch verantwortliche Berichterstattung zu halten.

Sie aber ist schon längst der nächsten Story hinterher. Den Kampf indes hätte sie freudig angenommen. „Denn meine Art, mit denen zu reden, die unten wohnen, ist doch wohl von größerer Wahrheit und Moral ist als die Eure, die Ihr denen da oben die Geschichten von denen da oben vorkaut!“

Abends rekapituliert er die zwei schweren Tage. Und erst jetzt bemerkt er verblüfft, dass er sich von deutlich näherliegenden Fragen hatte ablenken lassen: ‚Wieso waren die Studenten vor der Mittagspost informiert? Wieso habe ich selbst keinerlei Wissen über das Geschehen? Warum interessiert sich kein Ermittler für mich? Und was für inkompetente Polizisten waren das! Ich war nicht einmal zum Frühstücken gekommen.‘

In sehr zwiespältigem Zustand begibt er sich zu Bett. Ein erster Traum versetzt den Gepeinigten in unerträgliche Angst.

Der Großinquisitor hat ihn vor das Hohe Gericht zitiert. Er sitzt in der Mitte des Saales. Drohend und hoch über ihm thronen die Richter in roten Roben, und umschlossen wie von einer eisernen Gefängnismauer ist er von sechs aufsteigenden Reihen lüsterner Beobachter. „Vergangen Du hast Dich am heiligen Wort der heiligen Kirche – drei der sieben Todsünden in Dir Du trägst: die Trägheit des Herzens, den Stolz und den Zorn – doch in Furcht ohne Wut Deine Irrlehren widerrufe hier – Demut wirst Du lernen – nicht das kalte Licht der ketzerischen Vernunft – oder auf den Scheiterhaufen der Geschichte geworfen wirst Du.“ Hinter ihm erhebt sich ein Gelehrter und trägt das große Buch all seiner Bücher nach vorne und spricht: „Oh heilige Mutter Kirche – siehe das reine Werk des Unschuldigen – die Teufel in seiner Seele wollen ihn vernichten, einhundertundelf Mal haben sie ihn versucht – ich aber sage Euch, einhundertundelf Mal hat er ihnen widerstanden.“ (Abb.1 auf Seite 17)

Ein ungewöhnliches Treffen zu dritt

Mittwoch, 3. Juni

Anders als die echte Inquisition hat ihn seine geheilt und gestärkt. Der Anfall scheint vorbei und er ist wieder der Alte. Sozusagen mit sich im Reinen.

Der Artikel der Whow hatte auch die obersten Etagen am Ort alarmiert. Der Oberstaatsanwalt war besorgt und drängte seinen Chefinspektor noch einmal zur Eile. Der aber ist gelegentlich renitent. Seine Antwort war denn auch, den Besuch beim Professor ein wenig hinauszuzögern, um seinen Chef ein wenig zu ärgern. Außerdem kann er Besuche bei Hinterbliebenen nicht ausstehen. ‚Da muss man immer mit traumatischen Anwandlungen rechnen, und die sind äußerst widerlich.‘

Am 3. Juni überrascht er Lengden dann doch recht früh mit seinem Erscheinen. ‚Endlich meldet sich die Polizei!‘ Der Professor muss seine Sprechstunde absagen.

„Herr Lengden, Ihre Frau hieß Laura?“ – „Ja. Genauer Laura Maria.“ – „Ist Maria wichtig?“ – „Nein. Maria mochte sie nicht, ich aber hatte eine Beziehung zu dem Namen.“

Vor der eigentlichen Befragung will What den unangenehmsten Teil erledigen: „Ihre Frau wurde durch 12 Messerstiche getötet. Damit steht fest, dass es sich um ein Verbrechen handelt. Dabei ist das Gesicht entstellt worden. Wenn ich eine DNA-Probe kriege, darf ich Ihnen diesenfalls die Identifikation ihrer Frau ersparen. Manch einen haut das um, also traumatisiert, Sie wissen.“ – „Ich werde ihre Zahnbürste holen, wenn das ausreicht.“ – „Ach, und wenn Sie noch ein Foto hätten.“ Ein nervender Ausbruch bleibt also diesmal glücklicherweise aus. Umgekehrt irritiert es ein wenig, ‚wie cool der Mann ist, da kriegst du ja Frostbeulen.‘ Aber so hatten ihn die Polizisten schon beschrieben.

Lengden seinerseits hat sich im Griff und spürt keine innere Regung. Da wir den Gelehrten nun schon etwas kennen, ist es an der Zeit anzumerken, dass er Selbstanalyse nicht gut kann. Zum Beispiel hätte er sich nie als beziehungsgestört beurteilt, was in seiner Umgebung jedermann wusste.

What verstaut Zahnbürste und Foto und will zum Wesentlichen kommen. Aber es trifft sich ungünstig und wirft alle Pläne über den Haufen, dass Wilma Whow beschlossen hatte, den Professor ebenfalls zu besuchen. Im Gegensatz zum Chefinspektor käme ihr eine traumatische Trauer gut zupass. Günstigstenfalls würden dramatische Ausbrüche, mittels Kamera festgehalten und ins Netz gestellt, einen weiteren Erfolg sichern.

So treffen sich denn alle drei auf dem Ugenbarg, Oberstadtweg Nr. 3, im stattlichen Wohnzimmer der Lengdens, das künftig nur noch einer Person Behaglichkeit spenden wird. What macht sich das soeben bewusst: „Recht schnuckelig hier, aber so alleine in so viel Raum?“ Er will die Anwesenheit „der Dame“ (was durchaus zynisch gemeint ist) amtshandlungsmäßig unterbinden: „Frau Whow, Sie befinden sich in einem Verhör und stören. Wollen Sie bitte Ihren Besuch verschieben.“ Sie gibt ihm retour: „Sie sollten «Vernehmung» sagen, nicht «Verhör». Letzteres erinnert an andere Zeiten. Oder soll ich Ihren ohnehin schlechten Ruf noch verschlechtern? Und überhaupt, Schätzchen! Ihre Befugnis endet außerhalb Ihres Hauptquartiers. Trotz Sondervollmacht. Und wenn Du noch so quakst!“

„Woher wissen Sie von der Sondervollmacht?“ Völlig überrumpelt schluckt er die Kröte vorerst. Aber damit ist es noch nicht genug: Die „Vernehmung“ fällt komplett ins Wasser. Die Dame ist ihm, der doch darin ausgebildet wurde, an Alpha-Dominanz weit überlegen. Energisch zupackend inszeniert sie nun eine mäßige Klatsch-und-Tratsch-Novela.

Lengden selbst versteht nicht, was mit ihm geschieht – die Kamera des Handys läuft – er merkt es nicht – sie diktiert eine druckreife Moritat über die Untat ins Mikro – What hat die Fassung gänzlich verloren und ist sprachlos – Lengden fühlt sich so schlecht wie schon bei der Lektüre ihres Artikels – sie stellt Fragen zu seiner Person – wenige beantwortet er – meist wiederholt er: „Darüber spreche ich nicht. Mit Ihnen erst recht nicht.“

Und dann fragt sie nach seiner „Verschiedenen“, wie sie zu formulieren beliebt. Da platzt ihm der Kragen. „Mein Dame, mein Herr. Diese Ménage-à-trois ist ja wohl mehr als degoutant. Sie werden keine Einwände haben, dass ich Sie jetzt sich zu entfernen bitte, es sei denn“, What weiß, was kommen wird, und er hasst Phrasen, „Sie verhaften mich.“

Die Dame hatte kurz eine SMS gelesen, hört nur die letzten Worte und plappert ins Mikro: „Liebe Leser*innen, der Mörder ist schon geständig und richtet sich selbst.“

Die Seifenoper ist perfekt. Ludger Lengden schließt die Türe.

Besuch in Klein Chicago

Freitag, 5. Juni

Die Ausgangslage ist für alle drei einigermaßen dürftig. What macht sich auf die Suche nach einem Personenprofil des Opfers und stellt eingedenk des ersten Desasters eine weitere Vernehmung zurück. Frau Whow, die der Professor nicht mehr vorlässt, recherchiert auf ihre Weise, das heißt, sie wühlt im Untergrund der ihr vertrauten Unterwelt. Lengden weiß nicht, wie er zu Einsichten gelangen soll. Im Revier verweigert ihm ein Wachtmeister den Einlass, der den ironischen gemeinten Satz „Lengden ist hier unerwünscht“ missverstanden hatte.

Im Artikel der Whow hatte er gelesen, man habe Laura unbekleidet aufgefunden „in Klein Chicago, der verbotenen Zone“ vor den Stadttoren. Er macht sich kurzerhand auf zu einer Tatortbesichtigung. Fernab der ordentlichen Oberstadt zeigt die Unterstadt ein unordentliches Gesicht. Zum ersten Mal fasst ihn das Ausgesperrte leibhaftig an. Schon nach 100 Metern wird er von einer unangenehmen Gestalt angerempelt, einer haut ihm auf die Schulter, ein Dritter schiebt sich von vorne bedrohlich nahe heran. Als Sachverständiger für Kriminaldelikte fühlt er, dass er in Gefahr ist. Als noch aktiver Kampfsportler tritt er zweimal fachgerecht zu, gleichviel, ob es lächerlich wirken mag, schleudert dem Dritten die Aktentasche in die Hüfte und nimmt höchst unstandesgemäß Reißaus. ‚Sie hat recht: Laura wäre nie hierhergekommen. Ja! Diese Zone war für sie in der Tat verboten. Und noch mehr für mich‘.

In Lauras privaten Notizen, die erst später gefunden werden, lesen wir etwas anderes: „Kleidete mich unauffällig, ärmlich und erbärmlich; begegnete in Klein Chicago tollen Leuten; mein Chicago-Projekt nimmt Gestalt an; damit bin ich Ulla auf der Spur.“

Lengden schaudert es: ‚Sicher haben solche Leute die Gute misshandelt. Welche Ironie: Beinahe hätten Sie mich auch noch erwischt. War es am Ende ein Sexualmord?‘ Auf dem Heimweg in die Oberstadt bemerkt er, dass das Portemonnaie mit über 100 € fehlt. Papiere waren Gott sei Dank nicht darin.

In Klein Chicago ersetzt die Mafia den Staat, auch wenn die Gauner hier nur ihr Kleinvieh sind. Einen schmiert Wilma Whow gelegentlich. Jetzt braucht sie ihn, da sie nicht weiterkommt. Aber er weiß nichts. Sie insistiert. „Ich weiß aber nichts.“ Als sie mit 50 Piepen winkt, gesteht er: „Es gibt einen Luden, der hat ein neues Pferdchen zu laufen: «Heiße Lilli». Die Freier buchen sie auch als «Kaputte Lady Professor».“ Sie ist begeistert: „Das ist heiß! Klar, wer das ist.“ Die Wochenendausgabe hat eine Kolumne „Glühend heiße Eisen“. Da macht es sich exzellent: „Lady Professor ging mit 65 anschaffen in Klein Chicago.“

Professor Lengden fühlt sich körperlich gepeinigt, stürmt in die Redaktion, gibt alle Zurückhaltung auf und besteht darauf, mit dem Zeugen zu sprechen. „Gut. Machen wir einen Deal. Wenn Sie mir schriftlich geben, dass ich endlich ein echtes Interview kriege, bring ich Sie hin.“

Sie machen sich spätabends auf nach Klein Chicago.

Um gefahrlos Zugang zu erhalten, hatte sie ihn in einen Ganoven verwandelt, das war ihre Bedingung. Sie selbst braucht keine Maske, denn sie ist dort gut bekannt. ‚Verkleiden! Um des Himmels willen, noch nie tat ich das! Nicht mal im Karneval.‘ Er fühlt sich unangenehm verändert, ‚als mache sie einen Hyde aus mir‘. Den Roman über Dr. Jekyll und Mr. Hyde kennt er natürlich. ‚Aber das ist doch nur Dichtung!‘ In der Vorlesung über Doppelnaturen, an der er arbeitet, wird er sagen: „Jede Doppelnatur ist Ausgeburt des Kranken und Bösen.“

Er sieht sein Spiegelbild und raunzt: „Sie drehen mit mir den falschen Film. Ich soll ein Anderer sein, der ich nicht bin!“ – „Täusch Dich da mal nicht. Sie sehen echter aus, als Sie denken.“ – „Nein! Sie reißen mich zu sich herab.“ – „Nun reißen Sie sich aber mal zusammen! Es geht nicht anders.“

Zunächst geht es an der Stadtmauer entlang. Das ist die letzte Grenze zwischen den sozialen Schichten. Früher flanierte hier die Bourgeoisie, um zu sehen und gesehen zu werden. Damals gab es drüben florierende Fabriken, Arbeitsplätze und ein gutes Auskommen. Heute ist Klein Chicago ausgeschlachtet und unsichtbar. Das Wissen über die Welt haben, heißt nicht, dass man die Welt sieht.

Er stößt eine Mülltonne um, spukhaft huschen Weiber mit Bälgern vorbei, ‚Grauen und Hässlichkeit, Wesen einer anderen Spezies. Die Elenden sind auferstanden. Die Not stinkt. Alles ist mir zum Ekel – die Gasse ist blutrot – der Mond ist ein rotes Eisen – ich bin ungebeten – die schiefen Hütten dringen in mich – Friede den Hütten, Krieg den Palästen – Krieg den Tyrannen mit Feuer und Schwert – das Schwert töte Königin Elizabeth, die Maria Stuart tötete. – Ich gehe nicht, es geht mich, es geht nicht mehr, ich will hier weg.‘

Ohne Gewalt über das Geschehen und seine Bewegungen stolpert er weiter. Für eine Zeit, die er nicht messen kann, schwindet das Bewusstsein.

Auf halber Strecke bemerkt die Eiserne Lady die seltsame Verwandlung. „Ok, kurze Pause. Sehen Sie, Professorchen, oder soll ich sagen: Siehst Du, Kumpel, jetzt bist Du echt ein Lump in Lumpen! Mich kannst Du rauswerfen aus Deinem Schloss. Aber die Verbotenen, die kriegt Ihr nicht quitt, so sehr Ihr’s versucht.“

„Bring mich hier weg!“ – „Ja, ich verstehe gut. Lass es Dir eine Lehre sein: «Geh nicht in die Unterstadt! Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!»“

Vor einer abbruchreifen Fassade mit einem nur mehr ahnbaren Kneipenschild „Zur Tollen Irma“ sind sie am Ziel. Er ist wieder leidlich beisammen. In einem Eck des Schankraums sitzt ein windiger Typ in noch jämmerlicheren Fetzen, als er sich antun musste. Was er hört, ist eine Farce, in schrillsten Farben gemalt. Grotesk und erbärmlich. Sie weidet sich an seiner Pein, ihre Kamera filmt das nächste heiße Video: „Wie ein Professor im Grauen der Gosse erwacht.“ Der Informant spielt die Rolle gut, die sie ihm geschrieben hat.

Höhepunkt der ersten Woche war die Pressekonferenz Freitag um 11:00 Uhr. Steven musste alleine vor die Meute treten, What hatte sich gedrückt. Zur Strafe bekam er noch einen Fall aufgebrummt. Er kommentierte spitzbübisch: „Lassen wir‘s ruhn, bis er’s wieder umverteilt.“ Vorläufiges Fazit: „Keinerlei Spuren, absolut nichts, wir treten auf der Stelle.“ Steven sagte: „Machen Sie weiter so.“ Für das Wochenende befahl What Überstunden. Die Reporterin war wie immer unterwegs. Die Rache am Professor hatte sie beflügelt.

Aber sie ahnt nicht, wie sie ihn gepeinigt hat. Sein Wille ist ausreichend gefeit gegen diese Welt. Seine Seele nicht.

Nachts kommt ein zweiter Traum. Seine Frau ruht in einem weißen, fließenden Gewand wie aus alten Statuen hingestreckt auf einem Diwan – in tiefer Bewusstlosigkeit vollendet schön – Oberkörper und Arme hat es rücklings über den Rand der Liege hinabgerissen – in erzwungener Haltung. Fiel sie dem Schlaf oder dem Tod anheim? – Auf ihrem Leib hockt eine abartige, hässliche Kreatur und grinst ihn an. Ein Dämon in Affengestalt – der Teufel? Ihr Mörder? Oder ich selbst? – Ist diese Fratze mein Anderes Gesicht? – Aus dem Spalt eines Vorhangs giert ein Pferd mit blinden Augen auf das unwirkliche Arrangement – Bote der Lust und des Todes. (Abb. 2)

Als ein Blutstrom aus dem Ärmel des Kleides rinnt, erwacht er. ‚Noch einmal so etwas, und ich melde mich krank.‘

Die Nacht ist die Zeit, in der die Seele die Dunkelheit nutzt, von anderen Wirklichkeiten zu erzählen. Und diese Nacht wollte ihm sagen, dass seine nicht in Ordnung ist. Nach dem Frühstück jedoch ist es ein Leichtes, die Geister abzuschütteln. ‚Die Hölle ist kein historischer Ort. Der Widerspruch ist unser ärgster Feind. Ich weise dem Widerspruch die Tür.‘

Dennoch fiel es dem Gepeinigten am Wochenende ungewohnt schwer, an seiner Vorlesung zu arbeiten.

Erste Krisensitzung

Montag, 8. Juni, 10:30 Uhr

Die Kriminalinspektion am Wietenplatz findet der Besucher im ersten Stock. Treppe hoch, links um die Ecke, über den Diensträumen der Wache. Kein Aufzug. Etliche Kameras haben ein Auge auf alles. Da kann man nicht einfach rumspazieren, ohne gefilmt zu werden. Im zweiten Stock finden wir die Räume von Oberstaatsanwalt Dr. Roberto Ludovico Steven, 52, ein hagerer Mann. Er zählt zu den ermittelnden Vorgesetzten, die sich in die Arbeit ihrer Polizisten einmischen. Das ist eher selten, aber es gibt Beispiele aus TV-Serien.

Eine der Kameras sieht Oberinspektor Walter What am Montag die Treppe zum zweiten Stock hinaufsteigen. Dr. Steven hat ihn gebeten. Es ist 10:30 Uhr, das Ultimatum vom 1. Juni ist seit 30 Minuten verstrichen.

„Und? Wer ist der Mörder?“ – „Gemach, so weit sind wir noch nicht.“ – „Wie! Sie sind nicht weitergekommen?“ – „Nein.“

Steven tobt sich erst einmal aus. „Ich werde diesen Augiasstall ausmisten! Die Presse hat mich schon am Freitag verprügelt! Sie waren nicht da! Der siebte Tag – und ich weiß keine Erfolge zu vermelden! Ich kriege den schwarzen Peter, nicht Sie!“

Das italienische Temperament seiner Mutter und deutsche Eigenarten haben sich in ihm gemischt, nicht nur vorteilhaft. Seine Wutanfälle sind Legende. Jemand sagte: „Am liebsten bläst er seinen Kopf feuerrot auf.“ Seitdem heißt er „Dr. Januskopf“. Obwohl promovierter Jurist, ist er auch Schöngeist mit exzellenten Goethekenntnissen. Seinen Schreibtisch ziert die bekannte Büste des größten Dichters. Sie ist in Weimar an jeder Ecke in jeder Größe wohlfeil zu haben. „Die gemahnt mich täglich, dass ich bald in meiner Italienischen Reise auf Goethes Spuren wandeln werde.“ Das ist sein zweiter Januskopf.

Gefürchtet sind seine Plädoyers mit ihrer luziden Analyse der Spuren. Den Spürsinn seines Chefinspektors hat er nicht, eine vorliegende Beweislage aber vermag er exzellent zu bewerten. Dennoch folgt das Gericht ihm oft nicht, wenn er sich zu früh auf den Täter festgelegt hat. In unserem Fall bringt es ihm später die Warnung ein: „Legen Sie sich nicht jetzt schon fest!“ Ein geschätzter Ausbilder schrieb ihm in die Beurteilung: „Sollte Richter werden, juristisch brillant, im Ermitteln schwach.“ Also wurde er erst recht Staatsanwalt, der Mann war nicht mehr geschätzt. Unser Inspektor mag ihn nicht. Beide können nicht auf uneingeschränkten gegenseitigen Respekt zählen.

„Was wissen Sie über die letzten Tage der Toten?“ – „Sie muss am Samstag, den 30. Mai, mit dem Frühzug um 05:30 Uhr in die Landeshauptstadt gefahren sein, ihr Auto steht noch in der Garage.“ – „Woher wissen wir das?“ – „Von Frau Claudia Companeri, 68, Busenfreundin und Nachbarin, Oberstadtweg 23.“ – Steven überlegt: „Also zwei Tage vor dem Fund.“

What: „Und jetzt frage ich Sie: Fällt Ihnen nichts auf?“ – „Keine Spielchen, bitte!“ – „Laut Bentle war sie da bereits tot!“ – „Oh! Ach so! Und was sagt die alte Dame dazu?“ – „Dafür haben wir keine Leute. Auch nicht dafür, auf allen Sitzen der Waggons nach DNA-Spuren der Lengden zu schnüffeln.“

„What, wollen Sie bitte sachlich bleiben!“ – „Dann ist sie per Flug nach München, so die Passagierliste. Eine Stewardess erkannte sie auf dem Foto.“ – „Obwohl sie schon tot war?“ – „Über eine Begleitung wissen wir nichts. Für mehr hab ich keine Leute.“ – „Und?“ – „Eine Anfrage bei den Kollegen ergab, dass sich ihre Spur dort total verliert. Ist sie wo abgestiegen?“ – „Mein Gott, Ihre Ausdrücke!“ – „Was hat sie dort getrieben?“

„Getrieben! Und Sie haben den Ehemann danach immer noch nicht einbestellt!? Er muss es doch wissen! Hören Sie: Ich will ihn gefälligst heute noch im Verhörraum haben.“ – „Jawoll.“ – „Das ist doch alles zu mager, was Sie mir da bieten.“ – „Aber wir haben bereits 35 Personen…“ – „Ja, ja, Sie sollen ihre Leute nicht irgendwelchen Phantomen hinterherjagen!“ – „JAWOLL, SIR, JAWOLL!!!“ – „WHAT!“ – „Zum vierten Mal: Unsere Decke ist zu kurz. Und kann ich vorher wissen, ob ich einem Phantom nachjage, wie Sie belieben?“ Auch What ist empfindlich, Arroganz macht ihn wütend.

„Ja mein Gott, dann fordern Sie Verstärkung an. Sie haben Vollmacht“ – „Wir kriegen von drüben keine Leute. Erst wenn es Terror regnet. Oder gleich einen Amoklauf.“

„Was sagt die Obduktion?“ – „Nicht fertig. Da sind die 12 Stiche. Sagt die Zahl 12 uns was? Verschwörung à la Orient-Express? Was war das Mordmotiv? Affekt? Kalkül? Rache? Wieso lag sie in Klein Chicago? Spuckte das Milieu sie aus? Laut Bentle kein Sexualverbrechen. Raubmord? Da sticht einer nicht zwölfmal zu und verschleppt die Leiche. Alles sehr, sehr vieldeutig. Aber ich sage Ihnen eins: Da war eine Menge an krimineller Energie am Werk: Der Körper ist eine Botschaft. Das sieht man.“ – „Und welche?“ – „Das sieht man nicht.“

Steven ist jetzt sichtlich verwirrt. Die Ohnmacht vor einem simplen Mord in der High Society gefällt ihm gar nicht. Es geht auch um seine Position in der Hackordnung. Der Professor mit seinem internationalen Ruf ist in der kleinen Stadt der Star. Aber Steven will vor ihn in die erste Reihe.

Nach Lektüre der neuesten Story der Whow ruft er What an. „«Heiße Lilli», ist da was dran? «Kaputte Lady Professor», was ist das überhaupt?“ – „Für mich ist das erfunden. Mit 65 anschaffen? Ok, das gibt’s, aber sie?“ – „Also taten Sie nichts?“ – „Türlich doch, brachte aber nichts. Der von der Sitte weiß nix, geht nicht in das Viertel. Zwei Polizisten waren da, mit denen redet keiner. Die drei Zuhälter stehen fest zusammen, wenn sie nicht sitzen. Die Whow schmiert ihre Leute, Sie erlauben‘s ja nicht.“

„Und die «Tolle Irma»?“ – „Kaschemme, Herz des Viertels, Umschlaghafen für die Pferdchen. Wie ein Wettbüro beim Galopp. Habe Sally verdeckt hingeschickt ...“ – „What! Die soll doch keinen Außendienst machen! Die ist noch zu grün!“ – „Ja, aber hab ich eine Wahl? Sie gab was aus der schwarzen Kasse … Au verdammt! Das hab ich nicht gesagt!“ – „What, das weiß ich schon lange.“ – „Ach ja?. Sie kriegt einige Namen, keine Ähnlichkeit mit der Lengden, keine Lilli, nichts.“

„Ja, gut – oder auch nicht. Lassen Sie das vorläufig ruhen. Geben Sie die Namen der Sitte. Machen Sie den Mann für seine Faulheit zur Sau, pardon, zur Schnecke! Er soll da aufräumen! Sonst wenigstens irgendwas?“

„Keine Reaktion auf das Video.“ – „Video? Warum sagt mir das keiner?“ – „Die EDV hat aus dem Foto einen animierten Film gehext. Mensch, Steven, ich fühle eine unheimliche Atmosphäre.“ – „Fühlen Sie nicht! Denken Sie lieber.“ – „Wie in alten Krimis aus den Nestern im Mittleren Westen, Lake Valley, Klein Frisco, Spring Canyon, wie sie alle hießen, wo die ganze kleine Stadt wie ein Mann gemeinsam einen ermordet und dann dicht hält wie ein Mann. Aber da kommt der Superdetektiv aus New York und liest aus dem Wüstensand die Wahrheit. Der weiß alles! Und der Fall ist gelöst.“ – „Ach!“

Steven hat genug: „Also What, bleiben Sie am Ball!“ – „Herr Dr. Steven, bitte, bitte, lassen Sie doch ein einziges Mal diese hohlen Phrasen weg!“

Unter dem Tagesdatum schreibt What ins Tagebuch: „Wahrhaft schwere Zeiten sehe vor mir. – 12 Messerstiche! – So was zeugt entweder von irrem Affekt oder von brutaler Kälte. Was von beiden denn nun? Ist Lengden so brutal kalt? Oder ist er ein getarntes psychopathisches Monster? Wie soll ich da ohne auch nur ein einziges Zeichen rankommen? Und das mit dem phantasielosen Januskopf im Rücken.“

Kapitel 3: Die zwei Reisen

Lengdens zweite Montagsvorlesung: „Hamlet und die Kriminalistik“

Montag, 8. Juni, 11:00 Uhr

„Heute werde ich Shakespeares Hamlet als einen Kriminalfall interpretieren. Dort geht es um wahrhaft Erhabenes, um Haupt- und Staatsaktionen, um Verschwörung, Königsmord, Königssturz und Brudermord. Fühlt sich das wie ein «einfacher Kriminalfall» an?

Hamlets Vater, der König war, wurde von seinem Bruder Claudius, der nun König ist, ermordet. Der Onkel heiratete Hamlets Mutter. Also scheint der Fall unlösbar, denn Claudius benutzte ein nicht nachweisbares Gift. Unsere Techniken, so etwas aufzuklären, stehen noch nicht bereit. Das stellt den Autor des Dramas vor das erste Problem: Wie erhält Hamlet überhaupt Kenntnis von der Tat? Damit es ein «Fall» wird, findet Shakespeare eine List: Der ermordete Vater erscheint dem Sohn als Geist oder Gespenst und offenbart ihm den schändlichen Mord. Der Geist fordert Rache. Das ist eine Spezies Informant, die sich überlebt hat. Glaubte Shakespeare etwa noch an Geister? War ihm das ernst?

Manche sagen, Hamlets Seele wusste immer schon vom Mord, ohne es zu «wissen». Dann wäre der Geist eine andere Erscheinung seiner selbst, sein Alter Ego, damit das gefühlte Wissen aus ihm heraustritt. Träte aber dieses Alter Ego als Zeuge vor einen Richter, ein psychologischer Gutachter würde über ihn herfallen.

Wie begegnen Sie Hamlets Widerspruch? Sie müssen lernen, Anders zu denken, als Sie denken können. Sie müssen lernen – sagen wir es so –, die vielen Gäste, in die sich eine komplexe Seele spaltet, aufzuspüren, wieder zusammenzufügen und sie zu lesen.

Was aber wird Hamlet jetzt tun? Um den Königsmord zu rächen, wird er zum Verschwörer. Nach dem Gesetz und für mich überschreitet er damit alle Grenzen des Vorstellbaren. In der Tat.

Wir wissen zwar nun von der Tat, haben aber keine Spur eines Beweises, außer den Worten aus dem Mund eines Gespenstes. Das ist nur Hörensagen. Wie also kann der Brudermörder überführt werden? Erhebt Hamlet Anklage? Nein, eine zweite List muss her:

Er schreibt ein Schauspiel. Und dieses erfundene Spiel erweist sich als mächtiger denn jede Klageschrift: Das Schauspiel wiederholt den Mord vor den Augen des Mörders, real, brutal und bluttriefend, obwohl er nur Gift verwendete, eben ein Actionfilm.

Das Schauspiel im Schauspiel beginnt. Hamlet beobachtet den König gebannt. Als der König dem Opfer Gift ins Ohr träufelt, bricht der König das Spiel ab und bricht zusammen. Als völlig Verstörter zutiefst getroffen von der eigenen Tat. Somit ist das Unglaubliche geschehen: Er ist nicht überführt worden, er überführt sich selbst. Seine Schuld ist allen offenbar, aber nicht bewiesen.

Sehen Sie, wie weit der Weg zur Kriminalistik noch ist?

Kein Richter sprach Recht, sondern die Betroffenheit.

Ihnen ist, wie ich mehrfach betonte, Betroffenheit verboten.

Doch versetzen Sie sich in Shakespeares Zeit! Stellen Sie sich vor, der Mörder richtet sich selbst. In großem Kostüm, vor hehrer Kulisse, in einer bombastischen Bühnenshow bricht er zusammen. Unser Gerichtssaal hinwiederum bräche in tosendes Gelächter aus.“

Zwischenspiel

Montag, 8. Juni, 11:00 Uhr

Es herrscht große Verstimmung in der kleinen Stadt. In Klein Chicago ist man „sauer“, wie Frau Whow schreibt, da die Polizeipräsenz gewisse Kreise stört und andere aus Prinzip feindlich stimmt. Die Pressekonferenz am Freitag und das schlechte Bild, das Dr. Januskopf abgab, steigern die Wut. In der Oberstadt, vor allem im Oberstadtweg ist man empört über das Versagen der Sicherheitsorgane. Man ist ja seines Lebens nicht mehr sicher! Und überhaupt, die unangepassten Lengdens, die sich niemandem vorgestellt haben, warum so ein Gewese um die! Die Fans der Eisernen Lady feiern den besten Skandal hierorts, seit ein fast blinder Metzger vor Jahren den Hund des Bürgermeisters statt einer Sau schlachten wollte. Inzwischen hat auch die seriöse Presse eingegriffen und sich dem niedrigen Niveau vom Heißen Eisen angepasst. Auch den Polizeipräsidenten der nahegelegenen Landeshauptstadt (kurz „Hauptstadt“ genannt) beunruhigt die Zuspitzung, hat man ihm doch deutlich gemacht, dass der örtliche Kandidat der stärksten Partei, der auch er angehört, die nahe Landtagswahl im Nacken hat und laut Umfragen nicht gut dasteht. Unverzüglich werden sechs Mann Verstärkung in die kleine Stadt abkommandiert.

In einem guten Krimi würde die Kamera jetzt nach München schwenken, der Wechsel der Perspektive täte der Spannung gut. Das allwissende Auge hätte Frau Lengden schon längst ausfindig gemacht und würde ihr folgen auf ihrem Weg dahin, wo die Schönen shoppen gehen. Geeignete Effekte machen es als raffinierte Rückblende kenntlich, damit man es auch ja kapiert. Aber das allwissende Objektiv ist nur ein Trick, um zu täuschen: Kein Mensch könnte tatsächlich herausfinden, wo sich einer in einer Weltstadt befindet, wenn er es nicht will. Man sagt: Die Mafia findet jeden! – Aber wohl nur im Krimi!

Im Haus am Wietenplatz bleibt es eher still. Kein Deus ex Machina kommt den Ermittlern im Augenblick zu Hilfe, München ist weit weg, die Kamera läuft nicht. Ja, Whats Einblick reicht nicht einmal bis Klein Chicago, denn da ist das Geschehen unsichtbar wie in der Unterwelt. Falls es eine Spur dorthin gab, sie wäre längst verweht.

Die erste Vernehmung Lengdens, Steven hinter der Glasscheibe

Dienstag, 9. Juni, 10:00 Uhr

Professor Lengden wird vor seiner Dienstagsvorlesung zur Vernehmung einbestellt. Steven steht hinter der einseitig durchsichtigen Glasscheibe. What beginnt: „Erzählen Sie mir alles über Ihre Frau in der Woche davor.“ – „Es tut mir leid, darüber weiß ich nichts. Ich hielt einen Vortrag auf einem Historikerkongress in Verona. Über die Zeit danach möchte ich nicht …“

„Die interessiert nicht. Darf ich daran erinnern, dass es um Ihre Frau geht.“ – „Ich sagte doch, ich weiß es nicht. Wir besprechen nach so vielen Jahren nicht mehr, was wer wann tut oder getan hat. Es gibt zu viel Zündstoff.“

Ein tiefer Seufzer von What. „Wann sind Sie weg, wann zurück?“ – „Von Mittwoch, bis Samstag …“ – „Also 20. bis 30. Mai?“ – „Gegen 21:00 Uhr ist das Taxi aus der Hauptstadt hier eingetroffen.“ – „11 Tage ohne Kontakt?“ – „Nein, wir telefonieren dienstags und freitags, wenn ich unterwegs bin. Diese Regel gilt eisern.“ – „Hat sie angerufen?“ – „Nein, ich.“ - „War sie zu Hause oder außerhalb?“ – „Wie soll ich das wissen? Ich hatte keinen Grund zu fragen.“ – „Man hört es doch fast immer am Ton.“ – „Ist das so?“

What notiert sich Lauras Handynummer.

„Ist ja irre! Ihre Frau könnte 11 Tage bei einem Bankeinbruch oder mit einem Liebhaber rumgemacht haben, und Sie wissen nicht, wo sie war?“ – „Ich verbitte mir diese Unterstellungen und diese Sprache!“

„Wusste Ihre Frau, wann Sie zurück sind?“ – „Nein, geplant waren vier Tage. Aber über diese Zeit spreche ich nicht.“ – „Sie wiederholen sich. Warum nicht?“ – „Das ist ja wohl Privatsache.“ – „Es sei denn, ich mache es zu einer öffentlichen.“

Pause: „Also noch einmal: Sie kamen zurück?Was war dann?“

„Sie war nicht zu Hause. Ich muss überlegen. Ich glaube, ich packte zuerst aus und machte dann das Radio an …“ – „Professor! Es geht um Ihre Frau!“

„Wie Sie wollen. In der Stube fand ich einen Zettel: «Samstag. Bin vor zwei Stunden von Frau Stadtrat Überdingen nach München eingeladen worden.» Sie nahmen wohl in der Hauptstadt den durchgehenden Nachtzug. Ich glaube, er hat Schlafwagen. Mehr musste mich nicht interessieren!“

„Samstag vor dem Mord, oder eine Woche davor?“ – „Das stand nicht auf dem Zettel.“ – „Es kann nur der 23.5. gewesen sein. Stadträtin hier oder in der Hauptstadt?“ – „Letzteres. Ich kenne die Dame nicht und weiß nicht, wie eng meine Frau mit ihr vertraut war. Was sie vorhatten, hätte ich nie gefragt. Und sie hätte es mir wohl nicht gesagt.“