Der seltsame Schleifentisch - Harry Dettenborn - E-Book

Der seltsame Schleifentisch E-Book

Harry Dettenborn

0,0

Beschreibung

„Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.“ Fast jeder, der das liest, denkt kurz: Was nun? Lustig oder ärgerlich findet er diese Wortkonstruktion, eine „seltsame Schleife“. Und wendet sich rasch wieder seinem Alltag zu. Nicht so Thorsten Kandler, ein zum zwanghaften Grübeln neigender Chemiker. Verstört oder nur engagiert, zwanghaft oder nur konsequent – jedenfalls ist er besessen von der Idee, die Menschen von den Vorteilen und Gefahren solcher „seltsamen Schleifen“ zu überzeugen. Angetrieben vom Streben nach Erkenntnis und Weltverbesserung vernachlässigt er seine Familie, trägt indirekt zum Tod seines Sohnes bei. Aber er vereint auch Mitstreiter am Schleifentisch. In seinem fanatischen Bemühen gerät er in einen Strudel aus heftigen Konflikten, kriminellen Episoden und tragischem Scheitern. Kommt er gar in einer seltsamen Schleife um? Der Roman richtet sich an Leser und Leserinnen, die eine spannende Story zu komplexen Charakteren, subtilen Abgründen und einem kuriosen Schicksal schätzen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Der seltsame Schleifentisch

1. Auflage, erschienen 11-2025

Text: Harry Dettenborn

Layout: ROMEON Verlags GmbH

ISBN (E-Book): 978-3-96229-594-3

© 2025 Harry Dettenborn / ROMEON Verlags GmbH

Die Urheberrechte verbleiben bei dem Autor.

Das Verlagsrecht liegt bei der ROMEON Verlags GmbH.

Das Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung des Werkes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der Übersetzung, sind vorbehalten. Ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Verlages darf das Werk, auch nicht Teile daraus, weder reproduziert, übertragen noch kopiert werden. Zuwiderhandlung verpflichtet zu Schadenersatz.

Alle im Buch enthaltenen Angaben, Ergebnisse usw. wurden vom Autor nach bestem Gewissen erstellt. Sie erfolgen ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlages. Er übernimmt deshalb keinerlei Verantwortung und Haftung für etwa vorhandene Unrichtigkeiten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

HARRY DETTENBORN

DER SELTSAMESCHLEIFENTISCH

1

Die Klingel tönte schrill. Es war sieben Uhr morgens. Tobias Kandler fuhr aus dem Bett hoch, wankte ins Bad, befeuchtete und trocknete schnell sein Gesicht, warf das Handtuch in eine Ecke und schlüpfte in seinen Morgenmantel. Das Klingeln kam ihm wie ein Fluch vor. „Um diese Zeit. Wer soll das sein?“, rief er seiner Frau zu, die auch aufgestanden war. Hastig tappte er die steile Treppe hinunter, die er immer für einen Konstruktionsfehler gehalten hatte.

Doch jetzt vergaß er seine Vorsicht. Bereit zu aggressiver Ansprache nach einer unruhigen Nacht riss er die Tür auf. Die Türklinke war eisig und die Kälte des Januars 2023 strömte in den Raum. Vor ihm stand der Polizist Karl Laser, begleitet von einem Jungen aus der Nachbarschaft mit einem Foxterrier an der Leine.

Wenn Laser Streife ging, hatte Kandler sich manchmal mit ihm unterhalten. Die Anwohner fanden gut, wenn er Streife lief. Ihre Häuser lagen am Rande eines ungepflegten, teilweise verwilderten Parks, durch den man nicht gerne ging, schon gar nicht nachts. Um diesen Park herum gruppierten sich Reihen- und Einfamilienhäuser, so auch das kleine Haus der Kandlers, umgeben von wenig Rasen und einer kniehohen Ligusterhecke.

Park und Häuser lagen am Rande von Hoflingen, einer Stadt mit knapp sechzigtausend Einwohnern in der Mitte Deutschlands. Eintönige Straßenzüge dicht mit Bäumen auf beiden Seiten bepflanzt, die oben mit ihren Kronen zusammenliefen und im Sommer einen grünen Tunnel bildeten. Kahl dagegen die kurze Straße vom Park zum Zentrum hin, sie führte zum Altstadtmarkt mit dem Schmuckstück der Stadt, einem Rathaus in Renaissance. Ein reges Vereinsleben. Und das Kino. Das Kino Astra!

Kandler kannte Karl Laser als einen Mann von jener Freundlichkeit, von der man nicht wusste, wie verlässlich sie ist. Bei Klima-Demos hatte er ihn jedenfalls auch schon rabiat eingreifend erlebt. Auch wusste er von Gerüchten. Danach wurde Laser nicht mehr als Fußball-Schiedsrichter eingesetzt, weil er gegen protestierende Spieler überreagiert und sich in Sportlerkreisen rechtspopulistisch geäußert haben soll. Zudem munkelte man, die Ehe sei wegen Partnergewalt gescheitert.

Kandlers Impuls, gegen die frühe Störung zu protestieren, verschwand, als er merkte, dass Laser sich bemühte, eine schlimme Botschaft behutsam anzubringen. „Ich muss Ihnen leider mitteilen, Ihr Sohn ist auf einer Bank im Park gefunden worden. Erfroren.“

Kandler starrte ihn entsetzt an.

„Dieser junge Mann hat ihn gefunden, als er mit seinem Hund Gassi ging“, überbrückte Laser die Zeit, bis Kandler aus seiner Schockstarre fand. Der 14-jährige Rolf Zierau blickte betroffen auf seinen Hund. Kandler hörte seine Frau Eva die Treppe herunterkommen.

„Wieso? Er ist doch in seinem Zimmer?“, brüllte er und drehte sich zu seiner Frau um. Eva Kandler begriff schnell und schrie laut: „Nein!“ Warum schreit sie nein, ohne etwas zu wissen, fragte sich Kandler. Sie rannte die Treppe hinauf in Jonas’ Zimmer.

Ihre Worte „Er ist nicht da“ gingen in Jammern und Wimmern über. Dann war sie still, wankte die Treppe herunter und sah ihren Mann mit eisigem, vorwurfsvollem Blick an. Tobias Kandler fragte sich, was sie wohl glaubte, und versuchte, sich an die letzte Nacht zu erinnern. Er hatte dabei inneren Widerstand zu überwinden.

2

Zu seinem Chef Fernkorn hatte Kandler ein zwiespältiges Verhältnis. Das begann schon auf der körperlichen Ebene. Fernkorn war groß, von wuchtiger Gestalt, breitschultrig. Kandler war zwar mittelgroß, aber im Vergleich schmächtig. Dagegen rechnete er aber auf, dass Fernkorn Stirnglatze hatte, bei ihm selbst fiel dichtes schwarzes Haar mit grauen Strähnen rechts und links vom Mittelscheitel bis knapp über die Ohren. Wiederum war Fernkorn glücklich verheiratet und Vater von zwei wohlgeratenen Kindern – da konnte er nicht mithalten. Von seiner Spielleidenschaft wusste er anfangs nichts und konnte sie nicht als Manko nutzen.

Auf keinen Fall wollte er mit der wilden Outfit-Mixtur Fernkorns mithalten. Er hatte sich allmählich daran gewöhnt, wie sein Chef sein seriöses Gehabe in Einklang brachte mit legerer und lässig-sportlicher Kleidung. Wie er je nach Anlass zwischen klassischem Blouson, modischem Sakko aus feinem Tuch, knallbunter Ballonseidenjacke und maßgeschneiderter Kamelhaarjacke wechselte. Alle wussten, dass dahinter das Diktat einer modebewussten Frau stand. Er nahm es hin, auch wenn er manchmal belächelt wurde.

Kandler fiel nicht auf in seinen meist dunklen Anzügen, unifarbigen Hemden und ordentlich gebügelten Hosen. Er gefiel sich in zeitlosem Outfit.

Beide hatten vor zwölf Jahren als frisch diplomierte Chemiker im Labor des mittelständischen Familienunternehmens „Medizinische Diagnostik“ angefangen. Die Rivalität war nie ganz verschwunden. Doch als Fernkorn – inzwischen Spezialist für Enzyme – vor vier Jahren zum Chef ernannt wurde, fiel es ihm schwer, sich damit abzufinden. An fachlicher Kompetenz konnte es nicht liegen, und mit 42 Jahren war er nur drei Jahre älter als Kandler. Aber Fernkorn galt als jemand, der die anstehenden Probleme mit Adresse und Absender ansprach, der sich konsequent und zielstrebig auf seine Arbeit konzentrierte. Kandler war für sein breit gefächertes Engagement bekannt. Sein Unwille war nie ganz geschwunden, aber er strebte ein kollegiales Verhältnis an. Dafür erwartete er, dass sich Fernkorn tolerant gegenüber seinem Tun zeigte, auch wenn er es bisweilen als Spleen bezeichnete.

Und der bemühte sich. Das musste auch Kandler anerkennen. Denn als er sich in verschiedenen Bürgerinitiativen und zeitweise auch als Wahlkampfhelfer aufrieb und deshalb Stresssymptome zeigte, sah Fernkorn darüber hinweg. Als Kandler im örtlichen Sportverein eine Zeitlang mit Vehemenz eine Kampagne gegen Intoleranz und Rassismus organisierte, fand er das gut. Dass Kandler zu Corona-Zeiten nicht nur Helfer sein wollte, sondern auch die Leitung einer Hilfsorganisation anstrebte, fand er bedenklich. Er schaltete ab, als Kandler mit jedem, der nicht schnell genug weg war, mit Hingabe die Frage klären wollte, ob selbst zugeschriebene Geschlechtsidentität oder biologisches Geschlecht gelten solle, ob man von Transidentität oder Transgender oder von Geschlechtsinkonkruenz sprechen solle.

Kritisch wurde es erst, als Kandler Klimawandel und -schutz als seine Themen entdeckte. Über nichts anderes war mehr mit ihm zu sprechen als über Erderwärmung, den Zustand der Ökosysteme, die Versauerung der Ozeane, die Schadstoffbelastung von Luft und Umwelt. Es war die Zeit, zu der andere den Kontakt zu ihm minderten oder gar mieden.

Wiederholt brachte er Fernkorn in Verlegenheit, weil er freihaben wollte für seine Aktivitäten – als er eine Bürgerinitiative zur klimagerechten Umgestaltung des Parks leiten wollte, als er einem regionalen Aktionsbündnis gegen das Schrumpfen von Süßwasserseen beitrat, als er in die Gesellschaft von Klimaschutzaktivisten geriet und als Teilnehmer von Videokonferenzen mit enthusiastischen Reden vor Wald- und Gletschersterben warnte. Das legte sich erst, als Kandler zunehmend Möglichkeiten suchte und fand, gegen rechtspopulistische Aktionen aufzutreten.

Dankbar war Kandler oft Conny Weser, der Assistentin Fernkorns. Ihr gelang es, auf einfühlsame Art zu vermitteln. Er fand das widersinnig, ja absurd, denn Fernkorn war selbst fähig und gefragt, wenn es galt, Konflikte zu schlichten und zwischen Streithähnen zu vermitteln. Aber wenn es zwischen den beiden brodelte, war sie begehrt.

Sie war füllig, Mitte 30, schwarze Kurzhaarfrisur, Mutter eines vierjährigen Sohnes. Erst vor einem Jahr war sie von Hannover nach Hoflingen zurückgezogen. Hier war sie aufgewachsen und hier wohnte ihre Mutter. Die Arbeitssuche in Hannover sei unbefriedigend verlaufen. In der Firma „Medizinische Diagnostik“ war die Chemielaborantin willkommen und auch von Kandler als fachlich kompetent, kollegial und aufrichtig geschätzt, als eine, die zuverlässig „funktioniert“.

Er nahm es hin, wie sie ihm nahelegte, er solle besser abwägen zwischen seinen Freizeitengagements und seinem Job. Das fiel ihm leichter, weil sie andererseits Fernkorn nahezubringen suchte, wie berechtigt doch Kandlers Anliegen waren. Manchmal erschien es ihm so, als ob sie für ihn Partei ergriff.

Trotz episodischer Reibereien zwischen den beiden Kollegen fühlte sich Kandler wertgeschätzt. Anerkennende Worte Fernkorns für seine Zuverlässigkeit und Exaktheit waren ihm wichtig. Gelegentliche Ungeduld seines Chefs nahm er hin. Sie trat auf, wenn Kandler sich in gedankliches Klamüsern und zwanghafte Pedanterie verlor, wobei immer unklar war, ob es produktives Grübeln oder bloßes Herumtüfteln war, ob er Nützliches ausklügelte oder nur vor sich hin brütete und den Gang der Arbeit aufhielt. Mitunter fand er mit Besessenheit aus Sackgassen in der Forschungsarbeit heraus und Fernkorn war ihm dankbar. Offenbar fehlte es ihm an Widerstand, wenn er in Grübelspiralen glitt und vor sich hin starrte. Despektierliche Äußerungen von Kollegen wie „Er zählt wieder Fliesen“ überhörte er. Dass er tatsächlich Treppenstufen zählte, wenn er das Stockwerk wechselte, wusste niemand. Nur seine Frau Eva hatte beobachtet, wie er die Pinselstriche zählte, wenn er eine Wand strich. Argwöhnisch hatte sie ihn sogar gefragt, ob er auch die Bewegungen beim Geschlechtsverkehr zähle.

3

Ein Jahr bevor Kandler die schreckliche Nachricht vom Polizisten Laser erhielt, machte sein Chef Fernkorn ihm einen sonderbaren Vorschlag. In einer Zeit also, als die Welt noch in Ordnung war. Zumindest für Kandler. Ansonsten kündigte der ehemalige Amtsinhaber Donald Trump seine erneute Bewerbung für die Präsidentschaftswahl 2024 an und die Weltbevölkerung überschritt gerade symbolisch die Acht-Milliarden-Marke.

Kandler hatte sich an die Toleranz seines Chefs gewöhnt, wollte sie aber auch nicht gefährden. Deshalb hatte Fernkorn Einfluss auf ihn, Einfluss, der zuweilen über die Chefrolle hinausging. So war Kandler zum Aktionär geworden. Er hatte sich auf Feinkorns Vorschlag eingelassen, einer Vermögensverwaltung GmbH zu vertrauen und gemeinsam Geld anzulegen. Anfangs hatte er sich gewundert, denn das entsprach nicht dem sonstigen Verhalten Fernkorns. Wollte er nicht jederzeit alles übersichtlich und kontrollierbar haben? War nicht Gesundheitsvorsorge bei ihm großgeschrieben, regelmäßige Arztbesuche und gesunde Ernährung selbstverständlich? Wählte er nicht Urlaubsziele danach aus, wie sicher sie waren? War nicht Abenteuerurlaub ein Graus für ihn? Aber inzwischen wusste Kandler, nicht das Streben nach finanziellem Gewinn, sondern eine pure Passion stand dahinter.

Fernkorns Frau neigte zum Plaudern. Anfangs waren sie mit ihren Frauen zuweilen gemeinsam essen gegangen. Da hatte Fernkorns Frau gegenüber Eva Kandler beklagt, ihr Mann verspiele leichtsinnig Geld, an Spielautomaten, im Internet und eben auch mit Aktien. Natürlich hatte Eva ihm das erzählt. Kandler war sich nicht sicher, ob er nicht auch eine Portion Schadenfreude oder wenigstens unredliche Zufriedenheit empfand, weil Fernkorn eine solche Schwäche hatte und seine Fassade löchrig war.

Eines Tages hatte sein Chef eine Werbebroschüre mitgebracht, in der sich eine successinvest GmbH als unabhängiges Finanzdienstleistungsinstitut darstellte. Der Slogan „Durch monatliche Fonds-Sparpläne ein Geldvermögen aufbauen“ hatte ihm imponiert. Mindestanlagesummen waren nicht vorgegeben.

Kandler hatte sich interessiert gezeigt. Wie viel er denn schon mit Aktien gewonnen oder verloren habe, hatte er Fernkorn gefragt. Der hatte nur geantwortet: „Das Leben zerfällt unbarmherzig in Augenblicke.“

Trotzdem ließ sich Kandler auf ein gemeinsames Beratungsgespräch ein. Und auch auf das Versprechen einer „flexiblen, strategischen, individuellen und auch globalen und über viele Jahre erfolgreichen Vermögensverwaltung“. Gemeinsam investierten sie und unverhofft waren die Verluste selbst zu Corona-Zeiten hinnehmbar und nur zeitweilig gewesen. Und es gab angenehme Begleitumstände.

4

Nun, nach ungefähr acht Monaten im Aktiengeschäft und zwei Monate vor dem Tod seines Sohnes nahm sein Aktionärsdasein Eventcharakter an. Die successinvest GmbH lud alle Anlegerinnen und Anleger zu einer festlichen Jahresveranstaltung in das Radisson-Hotel in Erfurt ein.

„Das können wir uns nicht entgehen lassen“, hatte Fernkorn gesagt und seinen Audi zur Hin- und Rückfahrt zugesagt.

Der Saal war weihnachtlich geschmückt, wie es sich für Anfang Dezember gehörte. Auf jeden Tisch stand ein kleiner Topf mit einem Weihnachtsstern und am mittelgroßen Weihnachtsbaum hingen auch kleine stilisierte Goldbarren. Schon aus der Einladung war erkennbar, es wurde gala suit erwartet. Kandler hatte seinen grauen Anzug hervorgeholt, den er anlässlich der Hochzeit einer Nichte trotz des Protestes seiner Frau gegen den überhöhten Preis gekauft hatte. Fernkorn erschien unter Verzicht auf Extras in einer Kombination, die noch als angemessen gelten konnte. Beide hatten sich seit langem wieder eine Krawatte umgebunden. Sie waren ein Abbild der Mischung aus teils exklusiv-elegant, teils nur gepflegt gekleideten Männer und Frauen, die ein Glas Sekt in Empfang genommen hatten und an Stehtischen mit weißen Tischdecken und Blumenschmuck umherstanden. Als der Ruf zum Festsaal erklang, hatten die beiden ihre Unsicherheit abgelegt. Sie hatten sich ja Sektnachschub besorgt.

Ein prominenter Börsenexperte trat auf, engagiert von successinvest GmbH und anderen Vermögensverwaltungen, die ebenfalls ihre Kunden eingeladen hatten. Er referierte über eine Stunde lang. Kandler und Fernkorn blickten sich zuweilen ratlos, mitunter auch amüsiert an, wenn Worte wie Benchmark, Volatilitätsindex, Asset-Klasse und Bärenmarkt an ihnen vorüberrauschten. Viele im Publikum wussten offenbar besser Bescheid als sie selbst. An ihren Fragen war es unschwer zu erkennen.

Anschließend wurde zum Buffet geladen. Sie bedienten sich reichlich an dem üppigen Angebot. Die Mitinvestoren an ihrem Tisch wechselten, mal ein älteres Pärchen, das Scones mit Clotted Cream und Konfitüre vor sich gehortet hatte, mal zwei schlaksige junge Männer, die das Kauderwelsch des Vortrags fortsetzten. Gegen Ende setzte sich ein Mann mittleren Alters in schwarzem Anzug, Fliege und gestreiftem Hemd mit ovalen Manschettenknöpfen an ihren Tisch. Sportliche Figur, gestrafft aufrechte Sitzhaltung, streng gescheiteltes braunes Haar, gepflegter Schnurrbart, markante Gesichtszüge anscheinend sonnengebräunt, aber es war erkennbar, dass die Farbe nicht von der Sonne, sondern aus der Tube kam. Zuweilen zog er seine Fliege und auch das gleichfarbige Anstecktuch zurecht. Mit jeder Geste, mit jedem Mimikspiel strahlte er Bedeutsamkeit aus. Jeder sollte erkennen, seine Zeit ist kostbar.

Er trank kein Bier wie sie, sondern Sekt. Seine Tischmanieren sollten wohl fein sein, wirkten aber auf Kandler manieriert.

„Heribert Schneider“, stellte er sich vor und fuhr fort: „Nicht viel Neues, was wir da erfahren haben. Oder?“

„Ja“, mehr fiel Kandler nicht ein. Fernkorn hatte die Hände unter die Oberschenkel geschoben und blickte in den Raum. Dann auf Schneider, der sein Besteck beiseitelegte und seine Meinung über Wachstumstrends und Chartanalysen, über den Unterschied zwischen Wert und Bewertung einer Aktie und verbundene Risiken mit lebhaften Handbewegungen unterlegte. Er gab Unterricht, was ihm offenbar gefiel, denn er verfiel mehr und mehr in einen belehrenden Ton, spielte an seiner Halskette und nahm sein Besteck wieder auf.

Zunehmend unwillig hörte Kandler zu. Als Schneider über die Gewinnchancen von Aktien schwadronierte, reagierte Kandler mit Worten, die – wie es ihm später schien – achtlos ins Hirn getropft waren: „Gewiss ist, dass nichts gewiss ist. Selbst das nicht.“ Dazu trank er mit lässigem Handgriff sein Bier aus. Den Satz hatte er mal gehört. Es schien ihm hier zu passen.

Schneider klappte ruckartig mit dem Oberkörper nach hinten, dann nach vorn, schnalzte mit der Zunge und rief: „Oh, Seltsame Schleife, das kennen Sie? Hofstadter, Escher und so weiter. Überraschung! Haben Sie mehr auf Lager?“

„Wieso Seltsame Schleife?“, fragten beide gleichzeitig. Schneider blickte irritiert auf und sagte enttäuscht: „Ach so, Zufall. Oder? Epimenides mit seinem Paradoxon. Kennen Sie doch?“

„Schon, schon“, log Kandler, „aber die Schleife?“

„Nennt man so, mehrdeutige Sätze mit Hintersinn. Logische Kunstfiguren. Seltsam eben.“

Er machte eine kurze Pause, sah die beiden abwechselnd an und sagte: „Ich muss leider los, gebe Ihnen aber noch einen zum Besten. Was sagen Sie zu so einem Satz wie `Ich lüge gerade`? Wenn ich das sage, lüge ich da oder sage ich die Wahrheit? Wenn der Satz zutrifft, ist das, was er aussagt, falsch. Ist er falsch, muss es richtig sein. Oder?“

Schweigend lehnte er sich zurück, spielte wieder an seiner Halskette und sagte: „Lösen Sie die Schlinge in der Logik. Aber Achtung: Verheddern Sie sich nicht heillos. Für Rückfragen stehe ich gern zur Verfügung.“

Mit dem letzten Wort überreichte er jedem eine Visitenkarte, verbeugte sich und schritt von dannen. Er hatte nur die Hälfte seiner Portion gegessen. Die Karte war grafisch zweigeteilt. Links war zu lesen: Architekturbüro Heribert Schneider. Gesamtkonzepte Bauplanung und -ausführung. Auf der rechten Seite stand lediglich das Wort Immobilienagentur.

„Verspannter Hagestolz“, sagte Fernkorn, „aber für einen Hobbyphilosophen wie dich war es das Richtige, oder?“

„Seltsame Schleife“, murmelte Kandler.

5

Erst drei Wochen waren seit dieser Bekanntschaft vergangen. Eine wunderbare Welt hatte sich Kandler in dieser Zeit erschlossen. Er wusste inzwischen, was es mit den Seltsamen Schleifen auf sich hat und dass es keine Lösung für das Paradox des Epimenides gab. Intensiv hatte er das Internet durchforstet. Selbst „Gödel Escher Bach – ein Endloses Geflochtenes Band“ von Hofstadter hatte er sich angeschafft und gelesen, davon angeregt die unmöglichen, aber sichtbaren Welten in Eschers Schleifen-Bilder genossen und wusste nun, dass Seltsame Schleifen sogar in Bach-Kompositionen gewunden sind. Verwirrend fand er das alles, aber auf wohlige Art. Und auch ungeheuer geheimnisvoll. Eine verborgene Logik? Dieses Geheimnis wollte er ergründen. Keine Spinnerei. Keine Flausen. Auf den Höhen von Kunst und Wissenschaft haben sich bedeutende Leute mit Problemen geplagt, die nun seine waren – eine Aussage kann sich selbst widersprechen, Logik kann vor lauter Selbstbezüglichkeit ins Schleudern geraten, das Denken kann Purzelbäume schlagen, bis sich der Verstand überhitzt und zu schmelzen beginnt, bis Weltbilder ins Rutschen kommen. Es war noch die Zeit, als er sich in Gedanken vor dem Zufall verneigte, durch den er Schneider und die Seltsamen Schleifen kennengelernt hatte.

Prall gefüllt mit neuem Wissen, das nach außen drängte, suchte er nach Möglichkeiten, den neuen Reichtum seinerseits in den zwischenmenschlichen Austausch von Gedanken einzubringen. Andere sollten teilhaben an dem Glück, das er empfand, weil er einer wichtigen Sache auf der Spur war. Aber mit wem sollte er darüber reden? Fernkorn? Der hatte wenig Sinn dafür und würde ihn auslachen. Ja, wenn auf etwas zu wetten wäre. Aber so? Schneider, der Architekt? Wäre ein Gesprächspartner, aber zu arrogant. Dem schien das alles zu selbstverständlich zu sein, so wie Menschen das System der chemischen Elemente hinnehmen, aber nicht mehr bewundern können. Trotz aller Bedenken siegte die Hoffnung, dass geeignet ist, wer ihm am nächsten steht. Ein bisschen auch: wer nicht ausweichen konnte. Aber das war ein bitterböser Irrtum, fatal wie ein Eigentor.

6

Beide hatten es sich auf der ausladenden Couchgarnitur bequem gemacht, einem samtenen Koloss in Espressobraun, jeder in seiner Ecke, jeder mit seinem Handy beschäftigt. Es waren die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. Knappe Höflichkeitsgeschenke hatten sie ausgetauscht und Absprachen für Silvester vermieden. Kandler beobachtete seine Frau Eva. Auch mit ihren 39 Jahren fand er sie anziehend mit ihrem hochgesteckten Blondhaar, wenngleich die Figur pummeliger war und sie nicht mehr so viel Wert auf ihr Äußeres legte.

Sicher bestellte sie gerade etwas im Internet oder sah sich eine Anleitung zum Häkeln oder Stricken auf YouTube an. Das könnte ein günstiger Moment sein. Zwar waren die Zeiten vorbei, als sie mit ihm aufgeschlossen über Gott und die Welt diskutierte und er sie wenigstens kurzzeitig in seine denkerischen Reflexionen einbeziehen konnte. Von selbst sprach sie mit ihm manchmal über das Kino und ständig über den Sohn, dies auch nicht in einer Weise, die er sich wünschte. Gespräche darüber hinaus zu führen oder gar Pläne zu schmieden, war schwierig. Seine Versuche versanken im Treibsand ihrer Trägheit. Ihren Beruf als Zahntechnikerin hatte sie schon länger aufgegeben. Stattdessen arbeitete sie zeitweise als Verkäuferin. Worunter er besonders litt: Das Klima war ihr egal, politischer Meinungsstreit für sie uninteressant.

Manchmal gab sie sich gnädig zuhörend, stützte ihren Kopf auf einen Arm und schaute aus dem Fenster. Ob sie wirklich zuhörte, wusste er nie. Schlimmer war es nur, wenn sie – wie so oft – das Gespräch auf ihr Hauptproblem brachte, die Sorgen um Sohn Jonas, der mit zehn Jahren ein beharrlicher Bettnässer war.

Daran hätte er denken sollen. Aber er hielt die Situation für geeignet – so bequem auf der Couch und der inkontinente Sohn hing am Computer in seinem Zimmer.

„Soll ich dir mal was Interessantes erzählen?“, fragte er sie.

Ohne den Kopf oder auch nur die Augen zu bewegen, fragte sie: „Klima?“

„Nein“, gab er sich entrüstet.

„Was denn?“

„Da gibt es einen verrückten Satz. Der geht so: ´Der Kreter Epimenides sagt: Alle Kreter sind Lügner.´“

„Ja und?“

Er sah, wie sie mit ernstem Gesicht ihren Kopf zu ihm hin drehte. Es hätte ja Interesse sein können.

„Überleg doch mal. Der ist selber Kreter. Also lügt er. Und das bedeutet …“

Eva Kandler richtete sich langsam auf und wandte sich nun mit dem ganzen Körper zu ihrem Gatten hin. Er stockte kurz wie jemand, dem plötzlich bewusst wird, dass er angefangen hat, über etwas zu sprechen, das er lieber für sich behalten sollte. Wider dem internen Warnruf fuhr er aber fort: „… es muss also auch eine Lüge sein, dass alle Kreter Lügner sind. Aber dann …“ Mit gepresster Stimme unterbrach sie ihn: „Sag mal, ist es sowas, womit du dich seit Wochen in deinem Zimmer vergräbst und offenbar deine Familie vergisst?“

Mit Schwung knallte sie ihr Handy auf den kleinen ovalen Tisch vor der Couch. Sofort begriff er, er hatte die Lage verkannt.

„Was unterscheidet dich von Jonas, der lieber in Computerspielen versinkt, als mit Menschen zu reden?“

Als ob das nur ihre Sorge war. Regelmäßig hatte er versucht, den Jungen für andere Dinge zu interessieren. Er hatte mit ihm gebastelt, ihn in einem Sportverein angemeldet, einen 3-D-Drucker gekauft, lange Fahrradtouren und ebenso lange einseitige Gesprächsversuche mit ihm durchgehalten. Aber er war nicht zu ihm durchgedrungen. Allmählich hatte er es aufgegeben. Widerwillig musste er sich eingestehen, es war nicht nur Resignation, sondern auch Zorn gegen Jonas, den Jungen, der seine Zeit beanspruchte und den Ehefrieden gefährdete.

Weil er Schuld empfand, blieb er stumm. Aber sie setzte nach.

„Weißt du überhaupt, dass seine Schulleistungen weiter sinken? Kümmert es dich, wie sie ihn wegen seines Einnässens in der Schule verspotten? Wieso nimmst du hin, dass alle Therapieversuche bisher nichts gebracht haben?“

Jahrelang hatte es Streit gegeben, nicht nur darüber, wer sich nachts um den Jungen und die Bettwäsche kümmert, sondern auch um die Art der Therapie. Die Klingelmatte mit Alarmfunktion bei Nässe hatte er abgelehnt, weil er vom nur kurzfristigen Effekt gelesen hatte. Auch jetzt ging es wieder darum.

„Du scheust doch nur den Aufwand und setzt lieber auf Tabletten“, schrie sie. Er genoss es, in der Rolle des kühlen Sachlichen zu sein und die Vorteile gegenüber dem eifernden Widerpart ausspielen zu können.

„Du wolltest doch das empfohlene Blasentraining kontrollieren. Und mit welchem Ergebnis?“

„Frag deinen Epimenides!“, brüllte sie und knallte die Tür hinter sich zu.

Das ging daneben, ich hätte es wissen müssen, dachte er. Und er dachte zurück an die ersten Jahre, in denen auch auf dieser Couch, in diesem Wohnzimmer, in diesem damals nicht so üppig eingerichteten Haus auch lebhafter Sex eine Rolle gespielt hatte.

Fernkorn hatte ihn mal gefragt, ob er seine Frau liebe. Viele Leute, das wusste er, nahmen an, er habe die damals deutlich schlankere Blondine zumindest auch als wohlhabende Erbin des damals florierenden Kinos Astra erwählt.

„Ja, natürlich“, hatte er schnell geantwortet. Und das war nicht gelogen. Vielleicht war es heute noch so. Er wusste es nicht sicher. Jedenfalls bröckelte das Wohlgefühl in der Partnerschaft. Die großen Beziehungskiller wie Untreue, Geldmangel oder Alkohol hatten keine Rolle gespielt. Aber Kleinigkeiten, die sie jahrelang übersehen hatte, wurden zunehmend ihr Thema – dass er manchmal seine schmutzige Wäsche liegen ließ, dass er alles zählte, was zählbar war, dass er allmorgendlich Zeitung las.

Richtig unzufrieden war er erst geworden, als der Sohn Jonas all ihre Aufmerksamkeit beansprucht hatte und von Eva nur die Mutterrolle übriggeblieben war. Deshalb lehnte er den Wunsch nach einem weiteren Kind und selbst nach einem Hund entschieden ab.

Zum Anlass für Streit entwickelte sich ihr Bedürfnis, ihn als Versager darzustellen. Zwar ließ sie seine berufliche Arbeit aus, da hatte sie keinerlei Interesse. Aber mitunter hielt sie ihm Fernkorn als Vorbild vor, obwohl sie ihn nur wenig kannte. Ob er auch mehr Geld verspielen soll, hatte er sarkastisch gefragt. Sein Engagement für das Klima und gegen rechte Tendenzen im Land bezeichnete sie als brotlos. Wenn er sich um Jonas bemühte, drängte sie ihn mit einem hingemurmelten „Lass mal“ ab. Ständig fand sie Gründe, ihm vorzuwerfen, er richte das Kino zu Grunde – so als er die Gelegenheit ergriff, eine Hilfskraft einzustellen. Die Stelle war eine ganze Weile ausgeschrieben, niemand meldete sich, bis Daniel Damm kam, begleitet von einem Mann, der sich als Pfarrer vorstellte und Damm wärmstens empfahl. Kandler hatte von ihm nur erfahren, er habe bisher in Gießen gelebt, sei Taubenzüchter und vielseitig verwendbar. Das bewahrheitete sich, er war tauglich als Filmvorführer und Hausmeister. Bald erledigte er auch den lästigen Verkehr mit den Filmverleihern, saß an der Kasse, bediente die Popcornmaschine oder besorgte zumindest einen Ersatzmann. Und als Probleme mit der Schalldämpfung den Betrieb gefährdeten, ließ er – nicht ohne Absprache – die Seitenwände im Kinosaal mit Molton bespannen. Hätte Eva vom Preis erfahren, hätte sie rausgeschmissenes Geld beklagst und Damm wäre nicht länger zu halten gewesen.

Aber sie sprach nur über sein wenig gepflegtes Äußeres und seine langen Haare. Einen heiklen Gedanken verscheuchte der Gatte sofort: Hatte sie nicht selbst über die Jahre weniger auf ihr Äußeres geachtet und adrette Kleidung seltener getragen?

Unzufriedenheit hatte sie wie ein Krake mit seinen Tentakeln umschlungen – und er sah überdrüssig zu. Manchmal musste er eine Art von Behagen abwehren, wenn sie sich unglücklich gab oder auch fühlte.

7

Besonders bitter stieß ihm auf, dass Eva das Verhalten seines eigenen Vaters fortsetzte. Die Erinnerungen an die Konflikte mit den beiden walzten wie endlose, schwarz gekleidete Bodentruppen durch seinen Kopf.

Auch den Ansprüchen des Vaters hatte er nie genügen können, obwohl er sich standhaft bemühte. Womöglich hatte er sich deshalb als Kind vor allem beim Einschlafen als beharrlicher Tüftler und tapferer Retter mit weltverändernden Plänen beschäftigt.

Immer blieb die nagende Ungewissheit, ob er noch geliebt wurde. Und später die Frage, ob es nicht um eine subtile Form emotionalen Misshandelns ging.