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Ein Jahr nach dem gescheiterten Serbienfeldzug der österreichisch-ungarischen Armee gelang es endlich, den Mittelmächten das von den Serben versperrte Tor zum Morgenland zu öffnen. So war endlich die Landverbindung zum verbündeten Osmanischen Reich hergestellt. Obwohl den Serben starke Entente-Verbände zur Seite standen, vermochten sie nicht dem heldenhaften Ansturm standzuhalten. Dieses Buch ist ein Vermächtnis schwerer, aber siegbeglückter Tage.
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Seitenzahl: 224
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Der serbische Feldzug
Erlebnisse deutscher Truppen
von
Rudolf Dammert
_______
Mit 67 Abbildungen
und 2 Karten
Erstmals erschienen im:
Bernhard Tauchnitz Verlag,
Leipzig, 1916
__________
Vollständig überarbeitete Ausgabe.
Ungekürzte Fassung.
© 2018 Klarwelt-Verlag
ISBN: 978-3-96559-115-8
www.klarweltverlag.de
v. Mackensen
v. Gallwitz
v. Seeckt
v. Falkenhayn
v. Kosch
v. Lochow
v. Winkler
Tausend und eine Nacht möchte man erzählen von den gespenstischen Helden, die in den Sturmnächten des Oktober wie ein Geisterheer über die Save und Donau brausten, Schlag auf Schlag die Wehrkraft eines schuldbeladenen Volkes zerbrochen und die Pforte zum Morgenlande öffneten. Das Lied der Braven darf in der Fülle des Kriegsgeschehens nicht untertauchen. Es soll durch die heimatlichen Städte und Dörfer klingen wie Glocken, die zur Andacht rufen. Vielleicht dringt es in dieses oder jenes Stäbchen, wo es still und einsam ist, wo Tag und Nacht ein inniges herzbewegtes Gedenken schützend die Arme breitete und alle Liebe das Leid nicht zu bannen vermochte. Da möge es den Tausenden erzählen vom Tod und der heldenhaften Verklärung, ihnen Kunde bringen von der Größe des Geschenkes, das sie dem Vaterlande als ihr Opfer hingaben.
Denen, die zurückkehren, möchte das Buch lebendig erhalten, was in der Leidenschaft des Erkämpfens vielleicht nur in Umrissen haften blieb, ein Vermächtnis schwerer, aber siegbeglückter Tage.
Dr. R. Dammert.
Inhaltsverzeichnis
Titel
Serbiens Aufstieg und Untergang.
Mackensens überraschende Offensive.
Nächtliche Annäherung an Belgrad.
Die 150 Freiwilligen.
Die Kämpfe auf den Zigeunerinseln.
Die Bezwingung der Donau.
Der Brückenschlag nach Bulgarien.
Der konzentrische Angriff.
Belgrad.
Anfahrt.
Die tote Stadt.
Der serbische Vesuv.
An der rumänischen Grenze.
Die verwunschene Insel.
Der überraschte Fasching.
Abendstimmung.
Im Moravatal.
Die Sintflut.
Ein Kampftag.
Ein Marschtag.
Der serbische Bauer
Städtebilder.
Bei einem Exminister.
Jovo, der Oberkellner.
Die Schwäbin.
Die einstige Residenz des serbischen Zaren.
Fahnen und Kränze in Nisch.
Erkenntnis und Zusammenbruch.
Aus einem serbischen Tagebuch.
Das Wirtshaus an der Rasina.
Streifzüge durch das Hochgebirge.
Heldentod der Pferde.
Das Ende.
Im bulgarischen Kasino.
Auf der Straße nach Sofia.
Im Balkanzug.
Die k. u. k. Kameraden.
Der Siegeszug des Willens.
Kaisertage.
Anhang.
Der serbische Feldzug
Serbien ist der Allgemeinheit das Land der Königsmörder. Man weiß, es ist eine krankhaft ehrgeizige, größenwahnsinnige, kriegerische Nation. Damit ist das Urteil abgeschlossen. Auch wenn man der großen Masse des Volkes zugutehält, dass es mit der grauenhaften Chronik der Gewalttätigkeiten nichts gemein hat, sagt doch ein gesundes Empfinden, dass ein Volk, das eine derart blutbeladene Dynastie und Regierung duldet und in Wahlen unterstützt, an deren Schuld und Schicksal mit vollem Recht teilhaftig ist. Mord und Umsturz sind diesem Balkanstaat freilich andere Begriffe als uns. Das verschwommene Urteilsempfinden der Masse beugt sich willenlos der hohen Weisheit der in Belgrad Regierenden, die das Land zu mehren verstanden und denen die französischen Millionen nach Wunsch zuflossen. Eine blühende Entwicklung war allerorten bemerkbar. Der Zweck ihres Handelns war offensichtlich von guten Folgen, also schienen dem Volk auch die Mittel verständig und notwendig.
Unruhig, in seinen Stimmungen und Temperaturen wechselnd wie das Land, ist die Geschichte des Balkans. Er ist die Brücke, die vom Abendland zum Orient führt. Ungezählte Völker haben sich über diese Weltstraße ergossen und oft genug grausam vernichtet, was eben ansässig Gewordene errichtet hatten. Spät erst waren die Bulgaren und Serben stark genug geworden, weitere Überflutungen abzuwehren. Aber nun entbrannte ein Vernichtungskampf zwischen den beiden Rivalen. Im 12. Jahrhundert war die Straße von Belgrad nach Konstantinopel im Besitz der Bulgaren, während die Serben ihren Stammsitz im heutigen Novibazar hatten. Um die Bulgaren zu vertreiben, zogen« die Serben die Byzantiner ins Land, denen sie später selbst unterlagen. Dieses Volk hat aus Ländergier schon immer mit seinem Schicksal gespielt.
Die seltsamen Täler, die heute von deutschen Soldatenliedern widerklingen, waren einst erfüllt von dem Waffengeklirr deutscher Kreuzritter und den Gesängen frommer Pilger. Hier marschierte Friedrich Barbarossa auf der Fahrt ins Heilige Land. In Nisch beugte sich vor seinem Glanze der Serbenfürst, dem damals die Krone von Byzanz das Haupt umnebelte. Demütig bat er, ein deutscher Lehensfürst werden zu dürfen. Barbarossa wies ihn ab. In der Schlacht auf dem Amselfelde wurde bald darauf Serbien türkischer Besitz. 420 Jahre kam das Land dadurch zu der ihm ungewohnten Ruhe. Eine türkische Provinz im eigentlichen Sinne ist jedoch Serbien auch in dieser Zeit nicht gewesen. Die Herren von Konstantinopel besetzten zwar das Fürstentum mit ihren Truppen. Im Übrigen blieben aber die Serben in ihren Sitten, in ihrer Sprache und in ihrer Religion unangetastet. Ihr Ehrgeiz und Tatendurst konnte sich freilich in dieser Zeit nur an den Heldengesängen und geschichtlichen Erinnerungen austoben, von denen die blinden Rhapsoden, die das Land durchzogen, erzählten. Anfangs des 18. Jahrhunderts kam Serbien an Österreich, nur kürzere Zeit. In den späteren Kämpfen fochten die Serben bald auf der Seite der Türken, bald auf der der Österreicher.
Im Jahre 1804 setzte die serbische Freiheitsbewegung ein. Georg Petrowitsch, der „Schwarze Georg“ (Karageorgewitsch) genannt, ein Vorfahr des Königs Peter, führte die Aufständischen, besiegte die Janitscharen und erstürmte Belgrad. Aber schon nach diesem ersten Erfolg zeigten sich innere Zerwürfnisse. Eine neue Partei wünschte, dass sich das Land unter den Schutz Russlands stellte, während andere dem Lande die soeben errungene Selbständigkeit erhalten wollten. Die Russen ließen die Serben ihre Macht fühlen. Sie brachten sie im Bukarester Frieden von 1812 um die Früchte der Siege, die sie in dem Jahre zuvor gegen die ottomanischen Truppen erfochten hatten. Karageorgewitsch unterlag in dem folgenden Jahr einem neuen Ansturm der Türken. 1815 befreite Milosch Obrenowitsch mit zusammengerafften schwachen Kräften das Land aufs Neue von der Türkenherrschaft. Karageorgewitsch, der nach seiner Niederlage nach Österreich geflohen war, kehrte in die Heimat zurück und fiel einem Meuchelmord zum Opfer.
Milosch Obrenowitsch wurde 1817 zu Belgrad in einer Versammlung von Vertrauensmännern aus dem Volk zum Fürsten von Serbien ausgerufen. Die Türken gestanden den Serben das Recht zu, ihren Fürsten zu wählen, ihr Land selbst zu verwalten, die Rechtspflege zu handhaben und eigene Steuern einzuziehen. Serbien hatte seine Freiheit wiedererlangt.
Die Abhängigkeit gegenüber der Türkei bestand nur noch in der Entrichtung eines Jahrestributs. 1862 räumten die Türken die Mehrzahl der serbischen Festungen, 1867 wurde der Halbmond auch auf dem Kalimegdan in Belgrad niedergeholt.
Während des russisch-türkischen Krieges fiel die serbische Armee in Bulgarien ein und zwang dadurch den in der ungeschützten Flanke getroffenen Türken den Frieden von San Stefano (1878) ab, der Serbien die Gebiete von Nisch, Pirot und Lefkovac eintrug. Die Bulgaren, damals noch in den Anfängen ihrer Unabhängigkeitskämpfe, mussten den Übergang dieser bulgarischen Gebiete in serbische Hände dulden. Erst in dem großen europäischen Krieg der Jetztzeit war es ihnen vergönnt, sich diese Gebiete wieder zu erobern.
Milosch Obrenowitsch hat sich 1830 die Erblichkeit seiner Dynastie verbriefen lassen. Er baute das neue Staatsgebilde mit fester Hand auf. Er war Analphabet und konnte die Staatsdokumente nur mit drei Kreuzchen unterzeichnen, hat aber in seinen Gesetzen eine achtenswerte autodidaktische Allgemeinbildung bekundet.
Als die von russischer und englischer Seite geschürten aufständischen Bewegungen immer deutlicher darauf abzielten, das Parteiwesen auf Kosten des Thrones erstarken zu machen, dankte er müde und enttäuscht zugunsten seines Sohnes Milan ab, der jedoch wenige Wochen später starb. Miloschs zweiter Sohn Michael, der die Regierung übernahm, musste vier Jahre später nach Österreich flüchten. Nun wurde der Sohn des „Schwarzen Georg“, Alexander Karageorgewitsch, von einer Volksversammlung zum Fürsten von Serbien erwählt.
Auch er konnte sich gegen die Ränke der Parteien nicht behaupten und wurde als abgesetzt erklärt. 1859 holte man den achtzigjährigen Milosch Obrenowitsch zurück. Er starb jedoch schon im folgenden Jahr. Sein begabter Sohn Michael der Dritte, der vor dem Belgrader Theater ein stattliches Standbild hat, fiel 1867 einer Verschwörung zum Opfer, die die Familie Karageorgewitsch gegen den Obrenowitsch angezettelt hatte. Er wurde im Park seiner Sommerresidenz überfallen und mit seiner Tante getötet. Die Empörung über dieses ruchlose Verbrechen war im Volke so stark und allgemein, dass die Urheber des Anschlags ihren Zweck nicht erreichten. Die große Skuptschina gab dieser Stimmung Ausdruck, indem sie dem einzigen noch lebenden Obrenowitsch, dem vierzehnjährigen Milan, die Königskrone anbot. Nachdem eine Regentschaft von Ministern vier Jahre lang das Zepter kraftlos im Wirrwarr der Parteien geführt hatte, übernahm 1871 Milan der Vierte die Regierung. Er hat das serbische Reich durch innere Reformen gekräftigt und durch Waffenerfolge in der äußeren Stellung gehoben. 1882 nahm er den Königstitel Milan I. an und proklamierte Serbien zum Königreich. Aber der wachsende Einfluss der russophilen Radikalen verwandelte die Regierung immer mehr in eine Oligarchie hinterhältiger, zänkischer Parteiautokraten. König Milan hatte keine Lust, sich zu einer Strohpuppe herabwürdigen zu lassen und dankte, verbittert und der Umtriebe überdrüssig, zugunsten seines Sohnes Alexander ab.
Von dem jungen König sagte mir einer seiner früheren Minister, er war eine geistige Kapazität, aber ohne Initiative. Er hatte eine rasch durchdringende Auffassung, aber keine Entschlussfähigkeit. Milans nachgiebiger Verzicht auf die Krone hatte die aufstrebende radikale Partei noch übermütiger gemacht. Bei dem Topola-Aufstand 1883 riss ein ehrgeiziger junger Ingenieur, der spätere Ministerpräsident Paschitsch, die Führung an sich.
Die Empörung wurde blutig unterdrückt; Paschitsch entkam jedoch über die Grenze. Die Macht seiner Partei ermöglichte ihm seine baldige unbehelligte Rückkehr. Mit zunehmendem Missfallen musste die russische Regierung feststellen, dass sich die Obrenowitsch nicht als Werkzeug ihrer Balkanpolitik gebrauchen ließen und dass Milan sowie König Alexander freundnachbarliche Beziehungen zu Österreich-Ungarn pflegten.
In dem Schwiegersohn des Königs Nikita, dem Peter Karageorgewitsch, hatte man dagegen einen Thronanwärter und gefügigen Vollstrecker des russischen Willens zur Verfügung. Cetinje wurde zum Spinnennest europäischer Politik. Es war dem schlauen Bauernkönig gelungen, zwei seiner schönen Töchter an den russischen Hof zu verheiraten. Schwiegermutter und Schwägerinnen waren denn auch nicht müssig, den arbeitslosen guten Peter aus dem Cetinjer Schloss, wo er den Schwiegereltern zur Last fiel, auf den Belgrader Thron zu bringen. Es setzte sich in russischen und russophilen serbischen Köpfen, zu denen vor allem die in Petersburg ausgebildeten serbischen Offiziere gehörten, der Gedanke immer fester, König Alexander vom Thron zu stürzen. Die altgewohnten Methoden der Verärgerung und Zermürbung blieben ohne Erfolg. Als die Parteidemagogen es mit dem jungen König gar zu schlimm trieben, erschien unerwartet der Vater Milan im Lande, um Ordnung zu schaffen.
Eine teuflische russische Intrige spielte nun dem jungen König die hübsche Kokotte Draga, die Witwe eines Ingenieurs Maschin, in die Hände. Die ehrgeizige Frau, deren Liebhaber man in Belgrad an den Fingern beider Hände herzählte, bekam den König in ihre Gewalt. Der russische Zur half bei der Kuppelei nach Kräften mit. Er stellte für die Hochzeit kaiserliche Geschenke in Aussicht und versprach, die Neuvermählten in Petersburg zu empfangen. Damit schienen die äußeren Schwierigkeiten beseitigt. Im Lande selbst hofften die beiden den Entschluss ihrer Neigung durchkämpfen zu können. Unter den neuerdings gefundenen Papieren befindet sich auch der Briefverkehr zwischen Alexander und Draga. Die Briefe der beiden sind natürlich und schlicht wie die zweier in Liebesempfindungen eingesponnener einfacher Menschen. Auch die Worte der königlichen Braut halten sich fern von Geziertheit und Aufdringlichkeit.
Deutscher Offizier am Beobachtungsapparat an der Donau.
Belgrad, vom Bahnhof Semlin aus gesehen.
Truppenverladestelle an der Donau.
Versenkte serbische Dampfer.
Königin Draga war eifrig bemüht, sich durch soziale Taten Volkstümlichkeit zu erwerben. Sie gründete wohltätige Institute, schuf Arbeitsgelegenheiten. So verdankt ihr das Teppichgewerbe in Pirot einen neuen Aufschwung.
Als das junge Paar nach der Hochzeit in Peterhof anfragte, ob sein Besuch nun willkommen sei, antwortete man ausweichend. Da starb, den Verschwörern sehr gelegen, der im Volke angesehene und von den Radikalen wegen seiner Entschlossenheit gefürchtete König Milan.
Nun geriet das Lebensschifflein des letzten Obrenowitsch Alexander in eine rasch anschwellende Brandung. Man verstand es, dem Volke klar zu machen, dass die Eheverhältnisse des Königs den Stolz der Nation verletzten. Man ging jedoch diesmal vorsichtiger zu Werke als bei der Ermordung des Fürsten Michael.
Damals verhinderte die empörte Volksstimmung die Rückkehr des Karageorgewitsch. Man spielte daher Komödie, hing sich das nationale Mäntelchen um und zeigte sich scheinbar entgegenkommend, wohl wissend, dass Alexander ebenso die Wahl seines Herzens wie seinen Thron aufs äußerste verteidigen werde.
Eine Offiziersdeputation machte dem König drei Vorschläge. Der erste lautete, sich von seiner Frau zu trennen; der zweite, mit ihr zu verbleiben, aber als König in Pension zu gehen; der dritte, mit der Geliebten den Tod zu wählen. Verletzt und trotzig erklärte Alexander, er werde mit ihr sterben. Einige Tage später — am 29. Mai 1903 — lagen die zuckenden Leichname des Königspaares im Vorgarten des Konak.
Die russische Diplomatie hatte triumphiert und lenkte die serbische Politik jetzt voll und ganz in ihr Fahrwasser. Der neue König wurde in höchsten Gnaden in Petersburg empfangen. Der Glanz des Zarenhofes überschimmerte sein blutbeflecktes Königskleid. Er erwies sich gelehrig und beflissen und spann seinen Faden gegen den Nachbar jenseits der Donau. In dem ersten Balkankrieg wurde der türkische Besitz auf europäischem Boden zertrümmert und das Glacis für den russischen Vormarsch gegen Konstantinopel vorbereitet.
In Bulgarien erkannten weitsichtige Staatsmänner frühzeitig die tieferen Gründe russischer Liebe für die Balkanstaaten; die wahre Absicht, aus diesen ehemaligen Wilajets russische Provinzen zu machen, die Balkanvölker vor den russischen Siegeswagen zu spannen, der den zweiköpfigen russischen Aar nach Konstantinopel fahren sollte.
Der leichte Triumph über die von drei Seiten angefallene Türkei erhitzte die heißen serbischen Köpfe noch mehr. Sie brachen das waffenbrüderliche Abkommen mit den Bulgaren und machten ihnen im zweiten Balkankriege mit dem Schwerte streitig, was sie ihnen im vorangegangenen ersten Kriege gegen die Türkei zugesichert und verbrieft hatten. Immer dunkler zog sich das europäische Gewölk zusammen.
Russland hatte sich von dem japanischen Kriege erholt und sann auf neue Ablenkungen von inneren Gefahren. Konstantinopel war das Ziel, die Schwächung Deutschlands, die Zertrümmerung des vielgestaltigen Österreich-Ungarns ein verlockender Gedanke.
Aber einen Mann fürchteten die russischen Panslavisten, der emsig am Werke war, die habsburgischen Streitkräfte zu Lande und zur See zu vereinheitlichen und zu kräftigen: den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand. Er musste so rasch wie möglich beseitigt werden. Die in Meuchelmord geübte serbische Brudernation erwies ihnen diensteifrig den Gefallen.
Eine Bagage- und Munitionskolonne überschreitet die Donau auf einer schmalen Schwimmbrücke.
Ein kleiner Soldatenfriedhof bei Belgrad.
Ein Landungsplatz in den serbischen Bergen.
Blick von Belgrad auf die Save.
Die Geschichte Serbiens ist eine grauenvolle Aufeinanderfolge von Verschwörungen, Aufständen, Verbannungen, Mordanschlägen, Bedrohungen und kriegerischen Raubzügen.
Es ist das Schicksal eines Volkes, das begabt, ausstrebend, regsam, aber ohne Charakter ist, ohne Selbstzucht und ohne Augenmaß für die Politik im Bismarckschen Sinne, für die Kunst des Möglichen. Tüchtigkeit, Kunstsinn, Verständnis für die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufgaben der Neuzeit gehen dem Volke nicht ab, aber der erregsame, leicht beeinflussbare, unstete Geist des serbischen Bauern wurde zum Spielzeug macht- und geldsüchtiger Demagogen.
Die natürliche Intelligenz, die leidenschaftliche Vaterlandsliebe und sein aufstrebender Ehrgeiz hätten das serbische Volk befähigt, dem Lande eine gesicherte und machtvolle Stellung in Europa zu schaffen und sich zu großer Wohlhabenheit zu entwickeln. Es gibt wenige Gebiete in Europa, die mit Serbien an landschaftlicher Schönheit und Fruchtbarkeit wetteisern können. Es hätte mit seinen fruchtbaren Tälern und Niederungen eine Vieh- und Kornkammer für Europa werden können, und seine ungeheuren Schätze an Stein- und Braunkohlen, Kupfer, Eisen, Silber, Gold, Blei, Marmor usw. lieferten ihm Quellen des Reichtums in Hülle und Fülle. Aus dem fetten, des Düngers nicht bedürftigen Ackerboden wuchs dem Bauer die Ernte ohne viel eigene Mühe zu. Das ist sein Verhängnis geworden.
Er hatte ohne viel Arbeit, was er brauchte, und dadurch umso mehr Zeit, sich der Politik zu widmen, die das Hirngespinst seines Lebens wurde.
In keinem Dorf der Welt wurde so viel politisiert wie in dem serbischen. Die Parteien buhlten um diese Wirtshauspolitiker und peitschten ihre Leidenschaften auf, um sich ihrer umso besser bedienen zu können. Die radikale Partei mit ihrem Führer Paschitsch war russenfreundlich und schon aus diesem Grunde den Karageorgewitsch zugeneigt. Die liberale Partei stand auf Seiten der Obrenowitsch, hielt ursprünglich mehr zu Österreich-Ungarn, spaltete sich später und verlor dadurch ihren Einfluss. In den letzten Jahren standen sich in dem kleinen Lande elf Parteien gegenüber. Seit der Thronbesteigung des Königs Peter war die Autokratie der radikalen Partei unbestritten, und der König selbst hatte sich ihr zu fügen. Sie verstand es, durch Mittel der Drohung und der Bestechung ihre Gegner unschädlich zu machen. In einer Zeitung der Radikalen stand schon im Jahre 1894 der Satz: Herr Paschitsch gelte in Russland mehr als der König von Serbien. Es ist nicht zu bestreiten, dass unter seiner Regierung das Land eine fortschreitende Entwicklung nahm. Besonders für die Schulen ist viel geschehen. Wir finden selbst in kleineren Dörfern stattliche, wohlausgerüstete Schulhäuser. Die freundschaftlichen Beziehungen zu Russland öffneten der radikalen Regierung die französischen Taschen, aus denen innerhalb eines Jahrzehntes nicht weniger als 600 Millionen Franken nach Serbien flossen. So kam es, dass die Regierung des Herrn Paschitsch für sachliche wie persönliche Zwecke stets Geld zur Verfügung hatte· Das imponierte den Bauern und ließ sie zu umso gefügigeren Dienern dieser Regierung werden. Alle kraftvollen Herrscher Serbiens, die ja selbst aus dem Volke hervorgegangen waren, haben einen Kampf auf Leben und Tod gegen die Führer der jeweils herrschenden Partei führen müssen und darin ihre Kraft verzettelt. Sie hatten zu wählen zwischen einer Unterwerfung unter den Willen dieser Volkstribunen und Parteiführer oder einem gewaltsamen Ende. Das serbische Volk hat seit seiner vor nunmehr hundert Jahren erfolgten Selbstbefreiung nicht den Beweis erbracht, dass es reif ist, sich selbst zu regieren, sich die Selbstzucht aufzuerlegen, ohne die ein geordneter Staat nicht bestehen kann. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass der in Serbien vorherrschende Parteianarchismus nicht nur dem Lande selbst eine Ruhe, Sammlung und Entwicklung unmöglich macht, sondern auch Brandstoff für das übrige Europa und in besonders bedrohlicher Weise für die angrenzende österreichisch-ungarische Monarchie aufschichtet. Der Feuerherd ist erstickt. Einem gesicherten Frieden der Zukunft droht aus diesem Lande eruptiver nationaler Leidenschaften keine Gefahr mehr. Der opferschwere Krieg, der auf uns lastet, hat hier verheißungsvolle Arbeit getan.
Es ist kein Zweifel. Die Serben haben im Ernst nicht an einen Einfall unserer Truppen geglaubt. Wir standen von der rumänischen Grenze bis zum Rigaischen Meerbusen in schwerem Kampf mit den noch immer recht regsamen Russen, im Westen warf sich die aufgefüllte, glänzend ausgerüstete französische und englische Heeresmacht mit dem Mut der Verzweiflung auf unseren Verteidigungswall, im Süden wurden die habsburgischen Truppen durch die gesamte Streitmacht der Italiener bedroht. Es war eine Generaloffensive auf allen Fronten im Gange, uns den Siegespreis zu entreißen, unsere vermeintlich schon zu sehr verausgabten Kräfte endgültig niederzuzwingen. Die äußersten und letzten Einsätze wurden gewagt, um einen Durchbruch zu ermöglichen — wenn er misslang, war die künftige Großmachtstellung gefährdet. Ernste Entscheidungen waren auf der Ost- und Westfront zu bestehen. Aber richtige Beurteilung, kluge Voraussicht und festes Vertrauen ermöglichten trotzdem den neuen zermalmenden Schlag. Das haben unsere Feinde nicht für möglich gehalten, wie sie uns von jeher unterschätzt haben. Daher ihr Erschrecken, ihre Hilf- und Ratlosigkeit. Mit welcher köstlichen Laune der Gegner an der Nase herumgeführt wurde, davon wird nachher erzählt werden. Dass es uns gelang, den Serben den Glauben an die Ernsthaftigkeit unserer Vorstoßabsichten zu nehmen, erfuhren wir von ihnen selbst. Ihre Flieger berichteten, dass sich nur schwache Abteilungen auf dem ungarischen Donau-Ufer befinden. Vorbereitungen, wie sie der Brückenschlag erfordert, wurden nicht bemerkt. Man atmete auf, es handelte sich nur um eine lächerliche Demonstration, um die Bulgaren zu fangen. In Paris, London, Petersburg spottete man über den blinden Kanonendonner bei Semendria, auf den keine Aktion folgte. Natürlich nur ein Bluff! Wie könnten sich die Zentralmächte auch in diesem Augenblick unterfangen, einen neuen, unübersehbaren Feldzug ins Werk zu setzen? Nur in Deutschland wusste man, dass unser Generalstab sich mit Bluffs nicht verzettelt. Wenn man auch nicht unterrichtet war, man war gewiss, dass nur die deutsche Gründlichkeit der Vorbereitung die Ursache scheinbar zaghaften Handelns sein konnte. In Wirklichkeit ist seit der ersten Kanonade bei Semendria an der Donau ununterbrochen emsig gearbeitet worden, mit dem Erfolg, dass die Serben eingeschläfert waren, ihre Hauptkräfte von der Donau wegzogen und den Fluss Landsturmtruppen zur Verteidigung überließen. Mit dem Erfolg, dass die unterdessen aufmarschierten Armeen Gallwitz und Köveß die Donau, diese starke natürliche Verteidigungslinie, in kürzester Frist überschreiten konnten, ohne schwerere Verluste zu erleiden.
Es muss immer wieder gesagt werden: Die rasche, glatte Überwindung des ein bis zwei Kilometer breiten Stromes in weitgedehnter Front war eine der denkwürdigsten Wundertaten dieses an übermenschlichen Leistungen gewaltigen Krieges. Weitsicht und Gründlichkeit in der Vorbereitung, taktische Meisterschaft, eine Urkraft des Willens jedes Einzelnen bei der Ausführung, alle Vorbedingungen eines Erfolges wirkten ineinander wie beseelte Glieder einer mit mechanischer Genauigkeit und Sicherheit arbeitenden Maschine. Von maschineller Wucht und Sorgfalt war die Straffheit und Einordnung des Einzelwillens, belebt, rasch entschlossen, voll ingeniöser Einfälle, jedem Hindernis, jeder Programmstörung überlegen, war im Rahmen des Gesamtplanes die Einzelführung an den verschiedenen Übergangsstellen und die Tatkraft jedes Beteiligten. Die überraschende Erstürmung der Donau war entscheidend für den glücklichen Verlauf des serbischen Feldzuges. Nicht darin allein liegt der Reiz dieses Schauspieles. Die Einzeltaten, von denen man heute erzählen darf, verdienen es vor allem, im Gedächtnis des Volkes aufgenommen zu werden und fortzuleben, die Verwirklichung vermeintlicher Unmöglichkeiten, die geistige Findigkeit, die technische Hexenmeisterei und — das Einfachste und Größte zugleich — die Treue unserer Soldaten. Jede Aufgabe verwächst mit ihrem ganzen Ich, sie erfüllt ihr Leben mit freudigem Drang und sieghafter Zuversicht.
Von den Höhen Belgrads sieht man aus die breite Save hinunter wie in einen Suppentopf. Ufer und Höhen der serbischen Hauptstadt waren stark verschanzt und mit schwerer Artillerie gespickt. Die Inseln aus der Save waren von den Serben besetzt und befestigt. Im westlichen Damm der Save lagen die österreichisch-ungarischen Posten der feindlichen Inselwache seit Monaten gegenüber. Hinter dem Uferwall erstreckt sich kilometerweit Sumpfgebiet und überschwemmtes Land. Nur ein langer schmaler Laufsteg ermöglichte den Posten den Zugang zu ihrem Standort im Savedamm. Unsere Artillerie musste sich des Geländes wegen so weit zurück eingraben, das; sie nur die feindliche Infanterie am Fluss selbst, nicht aber die weit landeinwärts aufgestellte serbische Artillerie erreichen konnte. Das Braunschweiger Regiment, das den Übergang am rechten Flügel auszuführen hatte, hat serbischen Boden am raschesten erreicht.
Am 5. Oktober schlenderten einige vermummte Gestalten mit österreichischen Mützen über den Laufsteg, der über das überschwemmte ungarische Uferland zum Savedamm führt. Die Serben mochten sie für die Wachen oder Essenbringer halten, die täglich über den Steg kamen. Sie ließen sie unbehelligt. In der unauffälligen Verkleidung erkundeten der Kommandeur und die Bataillonsführer eines deutschen Reserve-Regiments die ihnen zugewiesene Übergangsstelle. Der Angriff war für den 10. Oktober in Aussicht genommen. Am 5. Oktober aber kam Befehl, dass er schon in der Nacht vom 6. zum 7. Oktober erfolgen solle, da in Erfahrung gebracht wurde, dass serbische Verstärkungen von anderen Fronten nach Belgrad in Marsch gesetzt waren.
Abends 6 Uhr nach Einbruch der Dunkelheit bricht das Regiment von Jakovo auf. Der Savedamm ist etwa 5 Kilometer entfernt. Hinter dem Dorf versinkt der feste Boden in dem durch frühere Durchstiche und Regenwetter angesammelten Wasser. Das Regiment kann daher nur über den 1,5 Kilometer langen Brückensteg an die Save gelangen. Kompanie hinter Kompanie, im Gänsemarsch, militärisch gesagt in Kolonne zu Einem, muss über die schmalen Bretter des einen Steges sich an die Einschiffungsstelle vorbewegen. Das Geklapper der Schuhe auf dem Holzboden hätte den Feind aufmerksam gemacht. Daher werden die Bretter zunächst mit Stroh belegt. Dann setzt sich die lange Linie der hintereinander gereihten 3000 Soldaten in Bewegung, voran der Kommandeur. Tiefschwarz ist die Nacht. Man sieht nicht den Steg, nicht den Vordermann. Jeder fasst den Vorgänger an dem Rockschoß, um nicht vom Stege abzuirren. Ein Wolkenbruch ergießt sich auf die wackere Kolonne. Die Stiefel schleppen immer mehr Lehm auf die Holzplanken. Sie werden schlüpfrig wie ein Tanzboden. Anderthalb Kilometer lang kämpfen sie mit dem schmalen glatten Boden, aneinander gekettet, durch die Finsternis gezogen. Die jähen Gewitterblitze blenden vollends die Sinne. Der Regen peitscht ins totenstarre Gesicht. Das Sturmgepäck, das sie mit haben, hängt schwer und triefend über die Schultern. Tritt einer fehl oder gleitet einer aus, so platscht er bis über die Hüften ins Wasser. Es ist meist unmöglich, ihn sogleich hochzuziehen, weil man selbst keinen festen Halt hat und die Kette nicht abreißen darf, da sonst die Nächstfolgenden die Richtung verlieren und samt und sonders ins Wasser stürzen. Sie müssen daher, an die Bretter geklammert, so lange im kalten Bade ausharren, bis die Reihe zu Ende ist, und können erst dann wieder auf den Steg klettern. Da ist keiner, der nicht fünf- bis sechsmal fällt, und die Zahl derer, die vom Steg ins Wasser stürzen, ist nicht gering. Sieben Stunden dauert der Anmarsch auf der 5 Kilometer langen Wegstrecke. Besonders mühevoll ist der Transport der Maschinengewehre. In völlig erschöpftem Zustande kommt das Regiment gegen 2 Uhr nachts an der Save an.
Die Serben, die auf der nahen Insel verschanzt liegen, haben von der Annäherung nichts bemerkt. Die Posten mögen in ihren Kapuzen trübselige Betrachtungen über das Wetter anstellen. Sie ahnen nicht, dass beim Morgengrauen deutsche Truppen auf serbischem Boden stehen. Von den Belgrader Höhen spielen die Scheinwerfer über die Save und das Ufergelände. Es sind aufregende Augenblicke, wenn die Lichtstrahlen über den Steg huschen. Unwillkürlich erstarrt der Zug, um sich nicht durch Bewegung zu verraten. Wird die Kolonne entdeckt und abgeleuchtet, so bietet die serbische Artillerie sicherlich alles auf, den Steg zu zerstören, das Regiment abzuschneiden und in einen Schrapnellhagel zu hüllen. Es sind zwar auf der ganzen Länge des Steges vorsorglich Posten der Pionierabteilung des Regiments mit Handwerkszeug und Baumaterial verteilt, um eintretende Beschädigungen sofort auszubessern. Aber im taghellen Licht des Scheinwerfers sind derartige Arbeiten kaum möglich. In einer hellen Nacht hätte der elektrische Lichtkegel die anrückenden Deutschen sicherlich aufgestöbert. Der dichte Regen aber breitet seinen nassen Mantel schützend über die Wagemutigen. Der Gewitterdonner verschluckt das Geräusch ihrer Schritte. Nachts 2 Uhr, als die Einschiffung unserer Truppen beginnt, stellen die serbischen Scheinwerfer ihre Tätigkeit ein und vertrauen dem Frieden der Nacht.
Auf dem steilen Savedamm hat das Regiment zunächst noch einen 7 Kilometer langen Weg bis zur Übergangsstelle bei der Großen Zigeunerinsel zurückzulegen. Er ist kaum weniger beschwerlich. Der Lehmboden ist durchweicht und schlüpfrig. Die Kolonne stockt immer wieder vor Übermüdung und muss dann im Eilschritt die entstandene Lücke ausfüllen. Alles sehnt sich nach dem Ziel. Der Kampf erscheint wie eine Erholung nach den übermenschlichen Strapazen dieser endlosen Nacht.
