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Mitte des 21. Jahrhunderts macht sich zum ersten Mal ein Team von Astronauten auf den Weg zum Mars. Doch schon im Vorfeld der Mission geschehen etliche mysteriöse Vorfälle, die auf eine Manipulation dieses bedeutenden Projektes hindeuten. Hier ist offensichtlich ein Unbekannter mit großer Entschlossenheit am Werk, der sogar vor Mord nicht zurückschreckt. Viel zu spät erkennen die Beteiligten die wirkliche Tragweite der Ereignisse und erleben eine seltsame Reise, die ihren Blick auf die Wirklichkeit für immer verändert. Ein fesselnder Roman über die Menschheit, die Spiritualität und unvorstellbare fremde Intelligenzen.
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Seitenzahl: 604
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Thorsten Imkamp
© 2017 tao.de in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld
Autor: Thorsten Imkamp
Verlag: J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld ·www.tao.de
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
ISBN
Paperback: 978-3-96051-714-6
Hardcover: 978-3-96051-715-3
e-Book: 978-3-96051-716-0
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Lerne, das Unglaubliche zu denken!
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Thorsten Imkamp
Sommer 2080, eine Steilklippe und ein einsames Haus irgendwo am Meer
Der alte Mann am Rande der Steilklippe betrachtete nachdenklich den Sonnenuntergang. Dieses Schauspiel von banaler Ästhetik, das jeder Mensch in seinem Leben tausende Male zu Gesicht bekommt, wird individuell unterschiedlich wahrgenommen. Verliebte Menschen sehen in ihm einen romantischen Augenblick, andere einen entspannten Moment nach einem hektischen Tag und nicht jedem Menschen ist der tägliche Anblick eines Sonnenuntergangs am Meer vergönnt. Hier kann man das Untertauchen der Sonne unter den Horizont im Sekundentakt verfolgen und mit etwas Glück sieht man im Moment des Untergangs des letzten Stückes der Sonnenscheibe einen kurzen grünen Blitz.
Mit den Augen eines Wissenschaftlers kann man die Schönheit des Augenblicks mit einer Emotion wahrnehmen, die einem Nichtwissenschaftler nur schwer vermittelbar ist. Es ist ein Privileg, Physiker zu sein, dachte der alte Mann. Man sieht die Welt um sich herum, den Alltag und auch banale Phänomene wie den Sonnenuntergang in einer Tiefgründigkeit, die den meisten Menschen verborgen bleibt. Hatte nicht irgendein mehr oder weniger bedeutender Künstler einmal gesagt, dass ein Wissenschaftler ein bedauernswerter Mensch sei, weil er die Ästhetik eines bedeutenden Kunstwerkes und die Schönheit der Natur immer durch eine intellektuelle Brille sähe und sie daher niemals so sehr genießen könne wie ein Künstler?
Ein Irrtum, der auf Hochmut oder Unwissen beruht – man kann unter der Brille des Intellekts die atemberaubende Schönheit der Natur mit großer Intensität genießen, weil man ein Grundverständnis dafür hat, wie diese Schönheit zustande kommt. Man kombiniert die Ästhetik der Wahrnehmung und das erworbene Wissen zu einer ganzheitlichen Sicht auf die Dinge.
Der starre Blick des alten Mannes verfinsterte sich und er kniff die Augen ein wenig zusammen. Natürlich ist es ein Privileg, auf Fragen, die man an die Natur hat, eine Antwort zu finden. Der Erwerb von Wissen sollte Genugtuung und Zufriedenheit mit sich bringen - man denke an die permanenten Fortschritte der Medizin bei der Behandlung vormals unheilbarer Krankheiten oder die Lösung jahrhundertealter mathematischer Probleme. Es gibt aber Fragen, und das wusste der alte Mann aus eigener Erfahrung, auf die man besser keine Antwort bekommt, denn so mancher Unwissende würde sicher ein glücklicheres Leben führen als er es tat. Denn eine Antwort, die er ungefragt bekam, hatte vor langer Zeit sein Leben für immer verändert.
Mit Verbitterung dachte er an seine euphorischen Jahre an der High School, seine ersten Entdeckungen, die er als junger Astrophysiker machte und an seinen Forschungsaufenthalt an einem Observatorium in der Wüste von New Mexico.
Die Sonne verschwand während des Flusses seiner Gedanken allmählich vollständig hinter dem Horizont. Der alte Mann drehte sich um und verließ langsamen Schrittes die Steilklippe. Er hatte nur wenige Meter bis zu seinem Haus, das einsam am Meer lag. Hier, an diesem Ort melancholischer Einsamkeit hatte er die letzten Jahre seines Lebens als Eremit verbracht. Es war eine lange Zeit des Nachdenkens und der vergebliche Versuch, diese eine Wahrheit zu vergessen, die seit Jahrzehnten auf seiner Psyche lastete.
Er blickte ein letztes Mal in Richtung der untergehenden Sonne. Dann ging er langsamen Schrittes in die Richtung seines Hauses.
Als er die Tür geöffnet hatte und das Haus betreten wollte, sah er von weiten zwei Scheinwerfer auf sich zukommen und kurz danach bog ein Auto von der Küstenstraße in seine Grundstückseinfahrt. Es war ein dunkelblaues Cabriolet, das direkt vor dem Haus hielt. Er ging ein paar Schritte auf das Auto zu und machte ein neugieriges Gesicht.
„Ich glaube, der Steuerprozessor Ihres Autos hat einen Defekt!“ rief er der elegant gekleideten jungen Frau zu, die aus dem Auto stieg.
Diese lächelte ihm etwas verlegen zu und stieg dann langsam aus. „Das glaube ich nicht. Sie sind Professor Sanderson, nehme ich an? Robert Sanderson?“
Verwundert musterte der alte Mann das Gesicht seines Gegenübers.
„Wissen Sie, so hat mich schon seit Jahren niemand mehr genannt“, sagte er schließlich mit ernster Miene „ich hatte auch schon lange keinen Besuch mehr. Die Menschen interessieren mich nicht mehr und ich interessiere sie auch nicht.“
Er drehte sich um und ging mit grimmigem Blick ins Haus. Er ließ die Haustür offen und seine Besucherin folgte ihm wortlos.
Sie trug ein elegantes schwarzes Abendkleid einer exklusiven Marke, schwarze Pumps und hatte ihre langen blonden Haare zu einem Zopf zusammengebunden. Sie hatte eine kleine schwarze Handtasche bei sich, die über ihrer Schulter hing.
„Es war gar nicht so leicht, Sie zu finden Professor Sanderson! Es hat mich einige Zeit und Mühen gekostet.“
Sanderson musterte seine Besucherin von oben bis unten. Sie war der erste Mensch, den er seit langer Zeit wieder genauer in den Blick nahm.
„Ich lebe wie gesagt schon lange sehr zurückgezogen, wissen Sie. Seit zehn Jahren gehört mir jetzt schon dieses wunderbar abgelegene Haus am Meer. Kommen Sie ins Wohnzimmer, nehmen Sie auf dem Sofa Platz. Wenn ich Ihnen etwas anbieten darf? Eine große Auswahl habe ich allerdings nicht! Ich persönlich brauche nicht mehr allzu viel und auf Besuch bin ich natürlich nicht eingestellt.“
Die Besucherin verneinte dankend, folgte Sanderson ins Wohnzimmer und sah sich neugierig um.
„Aber Sie haben doch sicher nichts dagegen, wenn ich mir einen Whiskey genehmige?“ fragte Robert Sanderson. „Wissen Sie: Whiskey ist für mich inzwischen eher eine notwendige Medizin als ein Genussmittel- und er hilft, gewisse Dinge zu vergessen. Und manche Dinge sollte man einfach vergessen, und wenn schon nicht für immer, dann zumindest vorübergehend, auch wenn man manchmal am nächsten Morgen mit einem schweren Kater bestraft wird.“
Daraufhin nahm er ein Glas in die Hand, füllte es halbvoll mit Whiskey, den er mit melancholischem Blick in einem Zug ausleerte. Dann setzte er sich direkt neben seinen Gast.
„Und jetzt bin ich gespannt, was Sie zu mir führt!“
Die junge Frau fuhr sich ein wenig nervös durch die zusammengebundenen Haare, atmete tief durch und lehnte sich dann im Sofa zurück. „Ich bitte um Entschuldigung, dass ich mich noch gar nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Sarah Cunningham, dieser Name wird Ihnen sicher nichts sagen. Aber ich glaube, der Name meiner Mutter Pamela dürfte Ihnen bekannter vorkommen. Ihr Mädchenname war Pamela Bates!“
Sanderson nahm einen weiteren großen Schluck Whiskey aus dem Glas, das er zwischendurch nachgefüllt hatte. Er stand auf, ging zum Fenster und blickte eine Weile in Richtung Meer. Dann begann er zu erzählen.
„Ja, ich erinnere mich an Ihre Mutter, Miss Cunningham, es ist allerdings schon eine Ewigkeit her, im Jahre 2044. Sie moderierte damals diese Live-Web-Talkshow und hatte mich um ein Interview gebeten, ich glaube die Show hieß MEETING PLACE. Es war mir eine Ehre, dort auftreten zu dürfen und über meine Forschung und meine bevorstehende Mission zu sprechen!“
Jetzt war ein Lächeln in Sandersons Gesicht zu sehen, als er sich zu seinem Gast umdrehte. Enthusiastisch fuhr er fort. „In der Show ging es um Fragen zur Entstehung des Lebens auf der Erde und um die Möglichkeit der Existenz extraterrestrischen Lebens. Ich war damals Professor für theoretische Astrophysik an der Universität von Templand. Ihre Mutter hatte mich nach meiner öffentlichen Vorlesung angesprochen und in ihre Show eingeladen.“
Robert Sandersons Augen begannen zu leuchten. Er erinnerte sich an diese Zeit, in der er sich mit der Entstehung und Entwicklung von Biomolekülen auf extraterrestrischen Himmelskörpern befasst hatte. Er drehte sich gedankenversunken wieder zum Fenster. Dann ging er zum Tisch zurück und leerte den restlichen Inhalt seines Whiskeyglases.
„Wie geht es Ihrer Mutter, Sarah?“
Sarah sah jetzt ein wenig traurig aus. „Leider nicht so gut. Sie hatte vor zwei Monaten einen Schlaganfall. Die Ärzte haben um ihr Leben gekämpft und sie war zwischenzeitlich klinisch tot. Glücklicherweise gelang die Reanimation und sie hat es geschafft zu überleben, auch wenn es am Anfang alles andere als gut aussah. Ihr Sprachzentrum ist sehr in Mitleidenschaft gezogen und sie sitzt in einem Rollstuhl, den sie mithilfe ihrer Gedanken steuern kann. Leider ist sie auch nicht immer bei klarem Verstand, sie redet manchmal ziemlich unverständliche Dinge daher und erkennt mich teilweise nicht einmal. Dann gibt es auch immer wieder Tage, an denen sie voll bei Verstand zu sein scheint. Mein Vater ist vor zwei Jahren verstorben und da ich beruflich stark eingebunden bin, kann ich mich nicht um meine Mutter kümmern. Ich habe sie deshalb im St. Albans-Heim untergebracht.“
Sarah Cunningham wendete ihren Blick von Sanderson ab, schaute zum Fenster und wischte sich kurz mit den Händen durch das Gesicht.
Robert Sanderson legte ihr den Arm auf die Schulter. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit spürte er wieder so etwas wie Mitleid, ein Gefühl, das ihm im Laufe der Jahre fremd geworden war und wofür er sich selbst ein wenig hasste.
„Es tut mir außerordentlich leid, das zu hören Sarah, aber ich habe Ihre Mutter seit Jahrzehnten nicht gesehen. Und jetzt tauchen Sie hier plötzlich auf und erzählen mir das alles. Warum?“
Sarah bemerkte eine latente Erregung in Sandersons Stimme und fuhr fort: „Sehen Sie Professor Sanderson, da gibt es etwas sehr Merkwürdiges. Ich habe in letzter Zeit einige Abende am Bett meiner Mutter verbracht, und manchmal auch noch bei ihr gesessen, bis sie einschlief. Sie redet manchmal mit sich selbst, auch im Schlaf und was sie sagt ist eben nicht immer verständlich. Gelegentlich malt sie seltsame Zeichen und Figuren auf einen OM-Touchscreen, redet vom Tod und von merkwürdigen Lichtgestalten. Dann sagt sie wieder Tage lang gar nichts und starrt nur so vor sich hin.
Als ich sie letzten Sonntag besuchte, konnte sie nur flüstern. Aber sie hat ganz deutlich ein paar MalIhrenNamen geflüstert und sie sagte dann so etwas wie „Robert Sanderson sprechen“. Sie ermüdete dann merklich und als ich gehen wollte schrieb sie schlecht lesbar auf den Touchscreen „Suche Professor Sanderson, muss ihn dringend sprechen“.
Dann zeigte sie auf ihre Nachttischschublade und deutete an, ich solle sie öffnen. Ich fand dort einen Zettel. Meine Mutter flüsterte die Worte „Professor geben“. Sie sagte das sehr eindringlich und wirkte ausgesprochen aufgeregt. Dann schlief sie schließlich doch ein. Ich nahm also den Zettel an mich, begab mich auf die Suche nach Ihnen und habe Sie nun endlich gefunden.“
Sarah Cunningham griff in ihre Handtasche und holte einen weißen zusammengefalteten Zettel heraus. Dann reichte sie ihn Sanderson und schüttelte leicht mit dem Kopf während sie fortfuhr.
„Auf dem Zettel ist eine Art Würfel abgebildet und es sind ein paar Striche zu sehen. Außerdem steht ein Wort darunter, das ich noch nie gehört habe. Ich habe meine digitalen Assistenten das Web durchsuchen lassen: Es ist nichts zu finden, was Sinn ergeben würde. Ich kann mir überhaupt keinen Reim darauf machen, sehen Sie selber, Professor! Verstehen Sie das?“
Robert Sanderson nahm den Zettel in die Hand und sah ihn sich kurz an. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich dabei sofort, was Sarah Cunningham bemerkte. Sanderson wirkte jetzt aufgeregt, legte den Zettel wortlos auf den Tisch und ging zum Fenster. Eine Zeitlang stand er regungslos mit einem gespenstisch versteinerten Blick da, dann hielt er sich kurz die Hände vor das Gesicht. Es war also tatsächlich so weit, dachte er. Der Moment, auf den er so lange gewartet hatte, schien nun endlich gekommen. Die Erinnerung an die Vergangenheit war plötzlich wieder sehr lebendig. Alles war wieder da und stand im Zentrum seiner Gedanken. Jetzt würde er eine ganz bestimmte Schublade an seinem Schreibtisch öffnen, die seit Jahrzehnten verschlossen war. Sein sofortiges und entschlossenes Handeln war erforderlich. Er dachte noch einen Augenblick nach, dann drehte er sich hektisch zu Sarah um und sagte: „Ich muss Ihre Mutter sehen, Sarah, unbedingt. Wir sollten möglichst keine Zeit mehr verlieren. Können wir uns gleich morgen früh im St. Albans-Heim treffen, sagen wir, gegen elf Uhr?“
Sarah bejahte und blickte zu dem auf dem Tisch liegenden Zettel.
„Können Sie mir das erklären, Professor Sanderson? Warum will meine Mutter Sie unbedingt sehen? Was sind das für Zeichen und vor allem: Was bedeutet das Wort TERRELION?“
„Oh, Sarah…!“
Robert Sanderson blickte sein Gegenüber mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck an und ging kurz ein paar Schritte hin und her. Er durfte jetzt nichts Falsches sagen.
„Sarah, es geht hier um Dinge, über die Sie besser nie etwas erfahren sollten. Nur ganz wenige Menschen wissen davon – und das soll auch so bleiben, das muss so bleiben, es ist gut so…“
Und er drückte Sarah beide Arme auf die Schultern, blickte über sie hinweg in Richtung Meer, hinter dem die Sonne schon lange vollständig verschwunden war und dann wiederholte er sich:
„Es ist gut so…“
Donnerstag, 12. Mai 2044, Hörsaal 11, Öffentliche Vorlesung von Professor Robert Sanderson zum Thema „Realität und Bewusstsein“
Der große Hörsaal der University of Templand füllte sich. Die öffentliche Vorlesung gehörte zu einer Reihe von Veranstaltungen, die während des Sommersemesters jeden Donnerstag um 20 Uhr von verschiedenen Dozenten der Universität gehalten wurden, um ein größeres Publikum für die verschiedensten Wissenschaftszweige zu begeistern. Alle Sitzplätze waren schon besetzt, einige Leute hatten auf der Treppe Platz genommen und wieder andere standen am Eingang oben und lehnten an den Wänden.
Professor Sanderson betrat den Hörsaal durch den Dozenteneingang und das Publikum applaudierte lange. Als der Applaus sich legte trat er zum Rednerpult und ergriff unmittelbar das Wort.
„Meine Damen und Herren, liebe Studierende, Kollegen und alle Interessierten, ich freue mich über das rege Interesse an dieser an ein breiteres Publikum gerichteten Veranstaltung. Mit dieser gewaltigen Resonanz hatte ich nicht gerechnet, nehme sie aber natürlich gerne zur Kenntnis. Insbesondere sehe ich mit großer Freude die Teilnehmer meiner derzeitigen Astrophysik - Vorlesung.“
Mit einer leichten Handbewegung zeigte er auf eine Gruppe junger Studentinnen und Studenten, die sich im oberen Bereich des Hörsaals eingefunden hatten.
Professor Sanderson erhob die Stimme: „Viele von Ihnen werden sich fragen, wie ein theoretischer Astrophysiker wie ich dazu kommt, eine Vorlesung über Realität und Bewusstsein zu halten. Noch dazu, wie Sie sehen, ohne einen einzigen Zettel in der Hand und ohne jedes Skript.“
Sanderson machte eine kurze Pause, ließ seinen Blick ins Auditorium schweifen und fuhr dann fort.
„Lassen Sie es mich einmal so erklären: Ich habe mir schon seit längerer Zeit Gedanken gemacht über den Unterschied zwischen Realität und ihrer Wahrnehmung einerseits und über den Begriff „Bewusstsein“ und seine Bedeutung für die Verknüpfung philosophischer und naturwissenschaftlicher Fragestellungen.
Als ich gebeten wurde, eine öffentliche Vorlesung zu halten, habe ich mir gesagt, ich sollte dieses Thema wählen, um die Öffentlichkeit an meinen Gedanken zu diesem Thema teilhaben zu lassen und gleichzeitig nicht allzu sehr mit physikalischen oder astronomischen Spezialthemen und Details zu quälen. Ich denke meine Studenten sind damit schon genug beschäftigt“, (ein leises Räuspern kam aus der oberen Ecke des Hörsaals) „und so habe ich mir vor ein paar Tagen einige gedankliche Stichpunkte gemacht, wie ich Ihnen das Thema „Realität und Bewusstsein“ in einem naturwissenschaftlichen Kontext näher bringen kann.
Lassen Sie mich zunächst etwas weiter ausholen und mit einem scheinbar völlig anderen Thema beginnen, nämlich der Frühgeschichte des Lebens auf der Erde.
Die ältesten Lebensspuren, die auf unserem Planeten gefunden wurden, sind etwa 3,8 Milliarden Jahre alt und die ersten Lebewesen waren primitive Einzeller ohne Zellkern, so genannte Prokaryoten. Es gibt verschiedene Theorien, wie das Leben auf der Erde entstanden sein könnte, aber bisher gibt es keine endgültigen Beweise, die für die Richtigkeit der einen oder der anderen Theorie sprechen.
Allerdings entwickelte sich das Leben im Laufe der Erdgeschichte auf beeindruckende Weise und die Artenvielfalt nahm zu - denken Sie zum Beispiel an die kambrische Explosion- und im Laufe der Evolution entstanden immer weitere Arten, die immer neue Lebensräume besetzten. Die ersten Pflanzen und einfache Arthropoden besiedelten das Land während einer Periode, die wir Silur nennen, vor über 400 Millionen Jahren.
Jedoch gab es in der Geschichte der Erde immer wieder größere Naturkatastrophen wie etwa am Ende des Perm, als über 90% aller Tierarten für immer von diesem Planeten verschwanden.
Oder denken Sie etwa an das Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren. Bis heute rätseln wir über die Ursachen dieses globalen Massensterbens. Die immer noch favorisierte Theorie ist ein gewaltiger Meteoriteneinschlag, dort wo sich heute die Halbinsel Yucatan befindet, aber auch der stärker werdende Vulkanismus am Ende der Kreidezeit und die damit verbundene Vergiftung der Atmosphäre werden als Ursache in Betracht gezogen. Vielleicht war dieses globale Massensterben multikausal.
Speziell diese Katastrophe hatte aber eine für uns Menschen heute sehr positive Folge: Die Radiation der Säugetiere, wie die Biologen sagen und damit die Möglichkeit der Entwicklung deshomo sapiens.
Das bedeutet, dass erst durch das Aussterben der Riesenechsen, die immerhin über 150 Millionen Jahre die Erde beherrscht haben, die Säugetiere überhaupt eine Chance gehabt haben, sich von sehr kleinen, nur eine Nebenrolle im Spiel des Lebens einnehmenden, Exemplaren zu dem zu entwickeln, was sie heute sind. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Es gäbe uns Menschen sonst gar nicht!
Die Entwicklung, die eine Art nimmt, hängt von der Lebensumgebung ab und eine Spezies kann nur dann überleben, wenn sie an ihre Umgebung optimal angepasst ist. Darum hat die Natur schon den frühen Menschen mit einigen Fähigkeiten ausgestattet, die ihm das Überleben in seiner Umgebung erlaubt haben.
Derhomo sapiensist mit fünf Sinnen ausgestattet, mit einem gut entwickelten Gehirn, welches als komplexes System von diesem Ausmaß bisher in der Natur einzigartig ist. Genau diese Ausstattung erlaubt es diesem Gehirn, seine Umgebung wahrzunehmen und zu analysieren.
Doch eine wesentliche Frage, über die ich heute mit Ihnen gemeinsam nachdenken möchte ist die, wie sich die Wahrnehmung unserer Umgebung und die Realität unterscheiden.
Es stellen sich dazu Fragen: Sieht die Umgebung so aus, wie unsere fünf Sinne sie wahrnehmen, wie das Gehirn die Information über die Umgebung verarbeitet, oder gibt es da mehr, als unsere Sinne erfassen können? Haben frühere Lebewesen die Umwelt ähnlich erfasst wie wir? Wie hat sich Wahrnehmung entwickelt und wie ist das heute bei anderen Lebewesen?“
Professor Sanderson nahm einen Schluck Wasser aus dem auf dem Rednerpult stehenden Glas und fuhr fort:
„Wir Menschen können mit unseren Augen alle Farben des Regenbogens wahrnehmen, im Bereich von Rot bis Violett. Als Physiker sage ich gerne, dass der Bereich des sichtbaren Lichts im Wellenlängenintervall von ca. 400-800 nm liegt. Unser Auge hat sich im Laufe der Evolution so entwickelt, dass wir elektromagnetische Strahlung in genau diesem Wellenlängenbereich wahrnehmen können. Wir erfassen das Bild vom Regenbogen als etwas so Selbstverständliches und Reales, dass wir denken, der Regenbogen siehtin Wirklichkeitso aus.
Wenn wir rote Rosen sehen, oder eine große grüne Wiese machen wir uns in unserem Gehirn ein Bild der Realität, und denken, dass dieses Bild die Realitätist.
Versetzen Sie sich jetzt einmal in die Lage einer Biene: Auch Bienen können Farben sehen, aber sie sehen sie anders als wir Menschen. Bienen können kein Rot sehen, haben keine Rezeptoren für die Wahrnehmung dieser Farbe, dafür sehen sie aber ultraviolettes Licht, welches wir Menschen nicht sehen können. Damit sieht die gleiche Umgebung für eine Biene völlig anders aus als für uns Menschen: Rote Rosen sehen für Bienen schwarz aus, für uns Menschen weiß erscheinende Blüten erscheinen Bienen blaugrün. Eine Biene hat im Laufe ihres Lebens gelernt, dass ihre Umweltsoaussieht und nicht anders. Der Biene (falls sie denn so etwas wie ein Bewusstseinhat) stellt sich die Realität also ganz anders dar als uns Menschen. Aber wer von beiden sieht denn nundieWirklichkeit?
Hinzu kommt, dass Bienen auch Formen anders sehen als Menschen. Für uns Menschen leicht zu unterscheidende geometrische Figuren wie etwa Dreiecke oder Kreise können Bienen kaum unterscheiden: Offensichtlich ist eine solche Fähigkeit für Bienen aus evolutionärer Sicht überflüssig. Die Evolution hat die Bienen mit anderen Fähigkeiten ausgestattet als uns Menschen, weil eben diese Fähigkeiten für das Überleben ihrer verschiedenen Artennotwendigsind.
Sie sehen an diesem einfachen Beispiel, meine Damen und Herren, dass es offensichtlich unmöglich für ein Lebewesen ist,dieRealität voll und ganz zu erfassen. Alle sich im Laufe der Evolution entwickelten Sinnesorgane der einzelnen Individuen erlauben jeweils nur einen Einblickin Teileder Wirklichkeit, und zwar gerade so viel, wie es für das Überleben der jeweiligen Art notwendig ist.
Ich möchte dies an zwei Beispielen vertiefen, die mir als Physiker besonders am Herzen liegen, nämlich an den merkwürdigen Vorhersagen der Relativitätstheorie und der eigenartigen subatomaren Welt, die durch die Quantentheorie beschrieben wird.
In unserem Alltag bewegen sich alle Körper wie z.B. Autos, ja sogar Flugzeuge und immer mehr Raumschiffe mit Geschwindigkeiten, die in einem uns zugänglichen Bereich liegen. Unser Gehirn kann problemlos die zugehörigen Bewegungsprozesse analysieren.
Wir addieren wie selbstverständlich Geschwindigkeiten, ohne dass wir darüber in Zweifel geraten, dass unser Vorgehen korrekt ist. Wenn sich zum Beispiel ein Flugpassagier mit einer Geschwindigkeit von 4 km/h in einem Flugzeug in Bewegungsrichtung des Flugzeugs die Beine vertritt und das Flugzeug sich mit 1000 km/h durch die Wolken bewegt, so hat unser Flugpassagier relativ zum Erdboden eine Geschwindigkeit von 1004 km/h. Diese Überlegung ist für uns selbstverständlich.
Schwieriger wird es, wenn wir uns große Geschwindigkeiten vorstellen müssen wie zum Beispiel die des Lichtes. Solche Geschwindigkeiten spielen in unserem Alltag zunächst keine Rolle.
Ein Lichtstrahl breitet sich im Vakuum mit ca. 300 000 km/s aus. Diese unvorstellbare Geschwindigkeit macht uns aber nicht nur auf Grund ihrer Größe gedankliche Probleme, sondern es treten Fehler auf, wenn wir unseren gesunden Menschenverstand, der bei alltäglichen Bewegungen so hervorragend funktioniert, auf die Lichtgeschwindigkeit anwenden.
Albert Einstein sagte einmal sinngemäß, dass unser gesunder Menschenverstand, mit dem wir gedankenlos operieren, ein höchst unzulängliches Instrument sei. Die Grundlage seiner 1905 veröffentlichten speziellen Relativitätstheorie ist das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit in beliebigen Bezugssystemen, in denen es keine Trägheitskräfte gibt. Diese Bezugssysteme nennen wir in der Physik „Inertialsysteme“. Um Ihnen hier heute Abend nicht zu viel zuzumuten, stellen Sie sich an dieser Stelle einmal einen Lichtstrahl vor, der mit Lichtgeschwindigkeit auf einem Lichtstrahl reitet, der sich ja ebenfalls mit Lichtgeschwindigkeit bewegt.
Addieren wir einfach gedankenlos die beiden Geschwindigkeiten, so wie wir das bei dem Passagier im Flugzeug gemacht haben, so hätte der reitende Lichtstrahl in Bezug auf den Boden die doppelte Lichtgeschwindigkeit, nämlich 600 000 km/s.
Genau dies ist aber falsch, denn die Lichtgeschwindigkeit beträgt auch in diesem Inertialsystem 300 000 km/s!
Unser Gehirn, unser Alltagsverstand, funktioniert im Bereich kleiner, alltäglicher Geschwindigkeiten optimal und das genügt, um uns sicher durch das Leben zu bringen.
Erst die Fähigkeit unseres Verstandes zur Abstraktion liefert uns die Möglichkeit, mithilfe der Mathematik ein anderes Bild der Realität zu entwickeln, auch wenn es dazu zunächst eines Genies wie Einstein bedurfte.“
Professor Sanderson nahm wiederum einen Schluck Wasser und schaute einen Moment ins Publikum. Ihm fiel in der Mitte der ersten Reihe eine dunkelblonde, etwa 30jährige Frau auf und er war sich sicher, sie irgendwoher zu kennen. Er ließ sich jedoch nicht von seiner Vorlesung ablenken und erzählte nun detailliert über die seltsame Welt des Mikrokosmos, die Unschärferelationen und ihre Bedeutung für unser potentielles Wissen über mikroskopische Systeme sowie den Einfluss realer Messgeräte auf die Werte mikroskopischer Größen. Zum Abschluss des Themas atmete er tief durch und sagte:
„Zusammenfassend hat uns also die Physik des 20. Jahrhunderts deutlich gemacht, das sie nicht einfach eine Beschreibung der Natur an sich ist, sondern die Natur so beschreibt, wie sie sich zeigt, wenn sie mit realen Messinstrumenten untersucht wird. Das ist ein großer Unterschied und für unser Verständnis des Universums eine starke Einschränkung! Es bedeutet nämlich, dass wir auf dem naturwissenschaftlichen Weg niemals die volle Realität erfassen können, sondern sich unseren Sinnesorganen und dem Bewusstsein nur eine restriktive Illusion offenbart!“
Wieder starrte Sanderson die junge Frau in der ersten Reihe an. Mit Blick zu ihr setzte er zu einem neuen Gedanken an:
„Sie sehen, meine Damen und Herren, wie unser Gehirn Schwierigkeiten hat, sich auf die Quantentheorie einzulassen, es eröffnen sich hier unserem Alltagsverstand völlig ferne Aspekte der Realität, Aspekte, die uns Physikern inzwischen wohl vertraut sind, die wir aber auch nicht wirklich verstehen im Sinne eines echten, tiefen anschaulichen Verständnisses.
Schon der amerikanische Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman hat gesagt, dass in diesem Sinneniemanddie Quantentheorie wirklich verstehen kann. Schon gar nicht, wenn wir an einem antiquierten Weltbild hängen. Es gibt aber noch viel mehr, das sich unserem Verständnis entzieht und das wir vermutlich auch nie verstehen werden, nämlich den Ursprung unseres Bewusstseins. Wie kann ein Instrument wie unser Gehirn, eigentlich materiell gesehen ein rohes Stück Fleisch, mit seinen 100 Milliarden Neuronen und tausendmal mehr Synapsen zwischen ihnen in uns ein Gefühl des Bewusstseins bzw. des Ich – Bewusstseins erzeugen?
Wir bemerken alle in uns ein tiefes Gefühl der eigenen Identität, das nicht anzweifelbar ist. Der französische Philosoph René Descartes drückte es so aus: „Cogito ergo sum“.Ich denke, also bin ich. Jeder von uns möge alles um ihn herum anzweifeln, seine gesamte Umwelt und seine Mitmenschen als Illusion seines eigenen Bewusstseins hinstellen.
Nur der Zweifel an der eigenen Existenz kann nicht aufkommen, denn es muss etwas geben, das zweifelt, nämlich das eigene Ich!“
Sanderson sah, dass sich die junge Frau in der ersten Reihe eifrig Notizen über ihre virtuelle Tastatur machte. In einigen Bankreihen wurde leise gemurmelt und diskutiert. Und er bemerkte, dass die Leute im Hörsaal sich Gedanken über das Gehörte machten, und ließ sie einen Moment mit diesen Gedanken allein, bevor er weitermachte.
„Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist, ob nur wir Menschen ein Selbst-Bewusstsein, also die tiefe Bewusstheit unseres Ichs, besitzen, oder ob vielleicht auch die meisten Tierarten so etwas entwickelt haben. Wo ist die Grenze zu ziehen? Beim Regenwurm, der Ameise oder etwa im Bereich des in den Meeren treibenden Zooplanktons?
Ein anderer Gedanke hierzu: Seit die Menschen sich mit den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz auseinandersetzen, erhob sich nicht nur die Frage, ob Computer jemals in der Lage sein würden, selbstständig zu denken, sondern auch die Frage, ob man auch einem Computer je so etwas wie ein Gefühl der eigenen Identität verschaffen kann. Schließlich besteht sein „Gehirn“ auch aus einer Art neuronalem Netz, ähnlich wie das bei unserem Gehirn der Fall ist. Warum widerstrebt uns der Gedanke so, dass Computer jemals ein Ich-Bewusstsein entwickeln könnten?“
Danach fuhr Sanderson fort mit detaillierten Beschreibungen historischer Theorien, wie Dualismus und Materialismus in verschiedenen Varianten, zeigte die Schwächen der unterschiedlichen Denkansätze zu Geist und Bewusstsein auf und schloss die Vorlesung mit den Worten:
„Ich denke, meine Damen und Herren, dass wir das philosophische Problem unseres Bewusstseins und unseres Ich-Gefühls niemals mit den unserem Geist zur Verfügung stehenden Mitteln lösen werden. Hier liegt nach meiner Ansicht eine Grenze unseres eigenen Wissens, die wir nicht überschreiten können, ebenso wenig, wie wir uns eine fünfte Dimension oder Ähnliches ernsthaft bildlich vorstellen können.
Ich hoffe, dass ich Sie heute Abend nicht nur nachdenklich gemacht habe, sondern Sie auch motivieren konnte, über das Thema Realität, Geist und Bewusstsein weiter nachzudenken und sich eventuell in weiterführende Literatur zu diesem Thema zu vertiefen. Ich bin auch gerne da für Ihre Fragen und auch für Gespräche mit Ihnen, denn wie Sie alle wissen, entsteht Wissenschaft nicht zuletzt im Dialog, auch wenn ich heute einen langen Monolog geführt habe.
Ich werde allerdings im nächsten Jahr nicht mehr hier an der Hochschule sein, da ich, wie viele von Ihnen sicher wissen, die ehrenvolle Aufgabe erhalten habe, als einer der ersten Wissenschaftsastronauten Untersuchungen auf unserem Nachbarplaneten Mars durchzuführen. Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit!“
Ein lauter Beifall erfüllte den Hörsaal. Sanderson trank den letzten Rest Wasser aus seinem Glas und stellte sich vor das Rednerpult. Er hob den rechten Arm, winkte zum Publikum und sagte: „Danke, vielen Dank!“
Die meisten Zuhörer verließen den Hörsaal und unterhielten sich dabei angeregt.
Ein schlanker hoch gewachsener Mann kam auf Sanderson zu.
„Glänzender Vortrag, Bob. Ich werde ab dem nächsten Semester die tief greifenden Gespräche mit dir vermissen, wenn du auf dem Mars herumläufst!“
Professor Davisson, ein langjähriger Freund von Robert Sanderson, war ebenfalls theoretischer Astrophysiker.
„Danke Brian, ich staune, dass du gekommen bist! Ich dachte, du nutzt zurzeit jede freie Minute, um über Details deiner neuen Theorie nachzudenken!“
„Ach weißt du, auch ein Nerd wie ich braucht ab und zu eine schöpferische Pause! Außerdem war ich sehr gespannt, ob du einige Inhalte aus unseren letzten Gesprächen bei dir zu Hause in dein Vortragskonzept aufnehmen würdest- und ich bin angenehm überrascht.“
„Ich denke, dass du mit einigen Ideen Recht hattest!“
Sanderson und Davisson arbeiteten nicht nur an vielen Projekten gemeinsam, sondern trafen sich auch häufiger am Wochenende zu privaten Gesprächen, die in jüngster Zeit immer mehr philosophische Fragen und dabei auftauchende Probleme mit einschlossen. Außerdem war Brian Davisson, genau wie Robert Sanderson, ein Experte für Himmelsmechanik und Planetensysteme, den der Mars besonders faszinierte.
Davisson sah sich im Hörsaal um. „Sag mal, Bob, wo ist Jennings eigentlich? Wollte der heute Abend nicht unbedingt kommen?“
Dr. Morten Jennings war seit einigen Jahren Robert Sandersons Mitarbeiter und hatte einige Beiträge zu Sandersons Forschungsarbeit geliefert.
„Keine Ahnung, vielleicht ist er in irgendein Problem vertieft und hat mal wieder die Zeit vergessen!“
Sanderson sah, dass die junge Frau aus der ersten Reihe auf ihn zutrat. Er war sich immer noch sicher, sie schon irgendwo einmal gesehen zu haben.
„Professor Sanderson?“ fragte sie ihn, „Ich weiß nicht, ob sie mich kennen. Mein Name ist Pamela Bates, ich moderiere im Netz die Talkshow MEETING PLACE!“
Jetzt fiel es Sanderson ein. „Ja natürlich - ich wusste doch, dass ich Sie irgendwoher kenne!“
Professor Davisson verabschiedete sich mit einem Augenzwinkern. „Dann will ich mal nicht länger stören. Bis morgen, Bob!“
Sanderson nickte kurz und wandte sich wieder Pamela Bates zu.
„Was kann ich für Sie tun, Miss Bates?“
„Sie haben einen sehr interessanten Artikel zum Thema Entstehung des Lebens auf der Erde geschrieben. Ich würde Sie deshalb gerne in meine Sendung in 14 Tagen einladen. Ich möchte mit Ihnen die Möglichkeit der Existenz außerirdischen Lebens diskutieren, da dieses Thema auf viele eine große Faszination ausübt. Sie sind genau der richtige Gesprächspartner zu dem Thema. Dann soll es auch um die Erforschung anderer Planeten gehen, und ich hätte Sie sehr gerne als wissenschaftliche Autorität dabei. Außerdem sollen Sie ein wenig über Ihre Vorbereitung für die erste bemannte Mars-Mission sprechen, das wird unsere Zuschauer sehr interessieren.“
Der Hörsaal hatte sich fast vollständig geleert.
„Das ehrt mich natürlich, Miss Bates“, antwortete Sanderson, „und ich weiß, dass gerade dieses Thema Ihnen tatsächlich viele Zuschauer bescheren wird. Allerdings bin ich im Moment außerordentlich beschäftigt, wie Sie sich vorstellen können. Zum einen habe ich noch meinen Lehrauftrag hier an der Uni, ich arbeite an einer weiteren Veröffentlichung und das Astronautentraining und die Missionsvorbereitung füllen einen immer größeren Teil meiner Arbeitswoche aus. Ein Privatleben habe ich schon lange nicht mehr. Ich müsste einiges organisieren, um in Ihre Sendung zu kommen. Außerdem darf es mich so gut wie keine Vorbereitungszeit kosten!“
„Das ist kein Problem, Professor Sanderson. Ich gehe einfach kurz vor der Show ein paar Fragen mit Ihnen durch. Vorher schicke ich Ihnen selbstverständlich noch die voraussichtlichen Fragen, die ich Ihnen stellen werde. Ich nehme an, Sie kennen meine Show?“
„Natürlich, Miss Bates, auch wenn ich schon lange nicht mehr dazu gekommen bin, sie mir anzusehen.“
„Dann wissen Sie, dass es sich um eine Liveshow handelt und es immer ein paar Überraschungsfragen gibt, auf die der jeweilige Gast spontan antworten muss. Diese Fragen werde ich speziell auf Ihren intellektuellen Hintergrund zuschneiden. Sie werden überrascht sein!“
„Das hört sich nach einer Herausforderung an, die ich annehmen sollte.“
Robert Sanderson lachte laut auf und war inzwischen fest entschlossen, Pamela Bates Einladung in die Sendung anzunehmen.
„In Ordnung, Miss Bates, senden Sie mir bitte in den nächsten Tagen die Fragen zu, die Sie mir stellen werden und ich werde versuchen, meinen Terminplan entsprechen umzugestalten!“
„Vielen Dank, Professor! Wir haben natürlich auch einige Filmbeiträge vorbereitet. Auch diese schicke ich Ihnen in codierter Form. Das Passwort für die Dekodierung lautet „Sanderson-1“. Bitte geben Sie die Dateien aber auf keinen Fall vor der Sendung an irgendjemanden weiter. Auch nicht an enge Freunde oder Fachkollegen. “
Sanderson lachte wieder kurz auf.
„Dann sind wir uns also soweit einig Miss Bates. Kommen Sie, wir sollten gehen, ehe man uns hier einschließt.“
Samstag, 14. Mai 2044, gegen 12 Uhr mittags, irgendwo in Templand, Florida
Mit quietschenden Reifen fuhr der schwarze BMW 9XX in die Grundstückseinfahrt.
„Willst du uns umbringen, Darling?“ Jennifer Melroy war sichtlich genervt vom rasanten Fahrstil ihres Mannes und sah ihn streng an. „Vielleicht solltest du doch auf die Experten hören und grundsätzlich den Computer fahren lassen. Oder ich sollte in Zukunft fahren!“
„Dazu hast du demnächst über zweieinhalb Jahre Gelegenheit, während ich auf dem Mars spazieren gehe. Komm lass uns den Einkauf schnell hineinbringen, Timmy wartet sicher schon. Außerdem habe ich seit gestern Abend nichts mehr gegessen!“
„Das ist ja deine eigene Schuld!“
Captain Gregory Melroy war der designierte Kommandant der ersten bemannten Mars-Mission und hatte während der letzten zehn Jahre als Ingenieur bei derInternational SpaceOrganisation ISOdas Mars-RaumschiffAntaresmitentwickelt. Er kannte nahezu jedes Teilsystem dieses technischen Wunderwerks im Detail und war stolz, als Kommandant mit diesem Schiff als einer der ersten Menschen zum Mars fliegen zu dürfen.
„Daddy!“ Freudestrahlend kam sein 8-jähriger Sohn Tim Alexander aus dem Haus gelaufen. Er hatte seinen Vater die ganze Woche nicht gesehen, denn die technischen und logistischen Vorbereitungen für die Mars-Mission steckten in ihrer wichtigsten Phase und der Perfektionist Melroy wollte nicht das kleinste Detail dem Zufall überlassen. Er fand keine innere Ruhe, bevor er nicht jeden Handgriff im Schlaf beherrschte und auf jede Eventualität vorbereitet war. Jennifer Melroy hatte ihren Mann auf dem Rückweg vom Einkaufen abgeholt, nachdem er die letzte Nacht durchgearbeitet hatte.
Tim sprang seinem Vater in die Arme und dieser setzte ihn bei sich auf die Schultern.
„Hallo mein Großer, tut mir leid, dass du in den letzten Tagen so wenig von mir gesehen hast. Ich mach´s wieder gut, vielleicht mit einem Sea-World-Besuch nächste Woche?“
„Klasse, Daddy!“
Tim umklammerte den Hals seines Vaters von hinten.
„Wie geht es deinem Lieblingsroboter? Funktioniert er jetzt fehlerfrei?“
„Nein, der macht beim Spielen immer noch Fehler. Sieh ihn dir noch mal an, Dad, ja?“
Gregory Melroy versprach es seinem Sohn sofort und gerne. Technische Basteleien waren seine Leidenschaft, egal, ob es sich um Raumschiffe oder Roboter handelte.
Im Flur des Hauses setzte Melroy seinen Sohn ab, atmete tief ein und löste den oberen Knopf seines Hemdes. Jennifer Melroy brachte unter vorwurfsvollen Blicken in Richtung ihres Mannes den größten Teil des Einkaufs alleine in die Küche.
„Wir können in 20 Minuten essen!“ Jennifer Melroy startete das Kochprogramm des Haushaltsroboters, gab ein paar Daten ein und setzte sich entspannt in den Wohnzimmersessel.
Greg Melroy wirkte dagegen ein wenig verspannt und fasste sich hinten an den Hals. Die letzten Tage hatten ihm offensichtlich körperlich stärker zugesetzt, als er sich selber eingestehen wollte. Jetzt freute er sich auf das Mittagessen mit seiner Familie.
Beim Essen schien er mit den Gedanken woanders zu sein und seine Frau stieß ihn des Öfteren unter dem Tisch an, als er auf Fragen seines Sohnes nicht antwortete.
Tim, der das mitbekam sagte nur: „Ich versteh schon, Daddy!“
Melroy lächelte seinem Sohn zu und streichelte ihm die Wange. Es war eine lange Reise, die da auf ihn zukam! Tim hatte das akzeptiert und zeigte nach außen keine Anzeichen von Traurigkeit. Aber Greg wusste, was in Tim vorging. Zumindest konnte er es sich gut vorstellen.
Nach dem Essen reparierte Melroy sofort Tims Roboter, obwohl er seine Müdigkeit kaum noch unterdrücken konnte. Aber er hatte es seinem Sohn schließlich versprochen.
Die HomeroboterHomebot 2.0der zweiten Generation hatten schon längst in vielen Familien die Haustiere ersetzt. DieHomebotsverbanden den praktischen Nutzen, auf Knopfdruck ein Zimmer auszusaugen oder auf Anfrage bei Hausaufgaben zu helfen mit dem Prinzip des virtuellen Spielpartners, der nie Unlust verspürt, das zu tun, was sein Besitzer gerne möchte. Sie reagierten nicht nur auf Tasten- und Touchpadeingabe sondern auch auf Sprachsignale mit extrem geringer Fehlerquote, was sie von der vorherigen Generation deutlich abhob.
Gregory Melroy konnte sich bei der Behebung gelegentlich auftretender Fehler bei den vielen Programmen des Homebots entspannen. Heute machte er ein nachdenkliches Gesicht. Natürlich war ein Homebot ein Spielgerät, von dem Kinder und Jugendliche viel lernen konnten. Niemals aber würde der Homebot seinem Sohn den Vater ersetzen können. Er dachte an die Zeit, wenn er weit entfernt von der Familie auf seiner Marsmission wäre. War der Wunsch, als erster Mensch den Mars zu betreten, was ja sein Privileg als Kommandant der Mission sein würde, nicht zu egoistisch gegenüber den Gefühlen eines 8jährigen Jungen?
Andererseits- würde Timmys Stolz, der Sohn des ersten Mars-Astronauten zu sein, nicht die Gefühle der Sehnsucht der zweieinhalb Jahre übertreffen?
Greg Melroy arretierte die Programmbox wieder in der vorgesehenen Lade, schraubte die Klappe sorgfältig wieder zu und startete den Testlauf. Nach einigen Tests war er mit dem Ergebnis zufrieden. Er stellte den Roboter in die Ecke und machte sich Gedanken über die bevorstehende Trennung von seiner Familie. Es würde wirklich eine sehr lange Zeit werden. Wie würde Tim das Ganze verkraften? Hatte Jennifer die nötige Stärke, eine derart lange Durststrecke durchzustehen? Je näher die Reise kam, desto stärker verdichteten sich diese Gedanken.
„Greg, dein Telefon!“
Jennifer Melroy riss ihren Mann aus den Gedanken. „Michael Parsons!“
Greg nahm ihr sein Nanochipphone, das er in der Küche vergessen hatte, hektisch aus der Hand.
„Ja?“
„Hi Greg, es tut mir leid, dich doch noch mal an deinem freien Samstag stören zu müssen, aber ich habe dich heute Morgen, als ich kam, nicht mehr angetroffen. Es gibt hier ein kleines Problem. Ich möchte das allerdings aus bestimmten Gründen nicht am Telefon besprechen. Es wäre gut, wenn du so schnell wie möglich in mein Büro kämst. Es ist in meinen Augen wirklich sehr wichtig, sonst würde ich dich nicht darum bitten!“
„In Ordnung, ich mache mich sofort auf den Weg!“ sagte Melroy ohne lange nachzudenken. Er schnappte sich mit den Worten „Ich muss noch mal weg!“ seine Autoschlüssel und rannte zu seinem Wagen. Kurze Zeit später brauste der schwarze BMW 9XX mit quietschenden Reifen davon. Jennifer Melroy rannte bis vor die Tür hinterher.
„Fahr bloß nicht so schnell, pass auf!“ schrie sie ihrem Mann nach und blieb einen Augenblick vor der Tür stehen. „Lass den Fahrassistenten fahren…!“ entfuhr es ihr leise
Bevor sie kopfschüttelnd zurück ins Haus ging.
Michael Parsons, ein attraktiver Mittvierziger, war der technische Leiter derAntares- Mars- Mission und ein äußerst akribischer und gewissenhafter Mann, der hohe Ansprüche an seine Mitmenschen, aber auch an sich selbst stellte. Er saß nach dem Anruf bei Melroy nachdenklich in seinem Büro und starrte an die Wand. Sein für ihn charakteristisches graues Leinensakko hatte er über den Drehstuhl an seinem Schreibtisch gehängt. Nervös starrte er alle paar Minuten zur Uhr.
Gegen 15 Uhr 30 kam Greg Melroy auf dem ISO- Missionsgelände an. Hektisch stieg er aus dem Wagen und rannte in Parsons Büro. Seine über die Woche permanent angestiegene Müdigkeit hatte er völlig vergessen. Wenn es um dieses Projekt ging, kannte er keine Gnade, weder mit seinen Kollegen, noch mit sich selbst.
„Was gibt es so Dringendes, Michael?“ Melroy atmete schwer und klang wie ein Kind, dem seine Eltern gerade etwas weggenommen hatten.
„Mach die Tür zu Greg, und setz dich! Kaffee?“
Greg Melroy winkte ab.
Michael Parsons betätigte den Touchscreen auf seinem Schreibtisch, wählte eine bestimmte virtuelle Tastenkombination. Dann zog er den Button für die Lautstärke ungewohnt hoch. Es erklang ein wunderschönes Instrumentalstück.
„Was soll das, Michael? Musik zur Beruhigung der Nerven? Sag mir endlich, was los ist!“
Melroy klang nervös und ärgerlich.
„Einen Moment Greg, wir müssen noch auf Janet McNeill warten, ich habe sie auch hergebeten!“
Janet McNeill, die designierte Co-Kommandantin der Mission, die genau wie Melroy studierte Raumfahrtingenieurin war, hatte schon einige Jahre mit Greg Melroy bei der ISO zusammen gearbeitet, bevor beide für dasAntares- Mars-Projekt ausgewählt wurden.
Nach kurzer Zeit kam eine attraktive Mittdreißigerin mit schulterlangen, brünetten Haaren in Parsons Büro, grüßte die beiden Anwesenden kurz und setzte sich dann wortlos neben Melroy.
„Also, was gibt es Michael?“ fragte dieser ungeduldig.
Michael Parsons stand auf, starrte einen Moment zur Wand und sagte dann:
„Also- ich habe euch hergebeten, weil ich in dieser Woche einige ziemlich mysteriöse Dinge erlebt habe und ich deshalb zu dem Schluss gekommen bin, dass hier irgendetwas nicht so läuft, wie es laufen sollte. Direkter gesagt: ich bin mir relativ sicher, dass unsere Mission von irgendeiner Seite sabotiert wird!“
Eisiges Schweigen folgte diesen Worten.
Melroy fand als erster die Fassung wieder. „Kannst du uns mal erklären, wie du auf diese Idee kommst? Und mach endlich diese verdammte Musik leiser!“
„Ich muss die Musik leider so laut spielen lassen, damit uns keiner abhören kann. Ich bin jetzt sehr vorsichtig bei allem, was die Mission anbelangt. Ich weiß aber auch, dass ihr Beiden zwei absolut integre Kollegen seid, zu denen ich uneingeschränktes Vertrauen habe. Daher werde ich euch jetzt alles im Detail erzählen, Moment!“
Parsons wies über die virtuelle Tastatur den Büroroboter an, ihm eine frische Tasse Kaffee zu bringen. Dann begann er zu erklären.
„Ich bitte euch, zunächst mit niemandem über das, was ich euch jetzt sage zu sprechen, auch nicht mit euren Familien. Wir wollen sie zumindest nicht beunruhigen.
Es gab in den letzten Tagen, genau genommen seit Montag dieser Woche, einige merkwürdige Vorkommnisse, die mich ziemlich nervös machen. Ihr erinnert euch, dass ich an besagtem Montag eine Überprüfung des Bordrechners und der zugehörigen Programme in Raum M 120 durchgeführt habe. Wie euch bekannt sein dürfte, hat zurzeit niemand außer mir die Erlaubnis oder die Möglichkeit, ohne mein Wissen diesen Raum zu betreten. Als ich gegen 10 Uhr kam, lagen die Femtochips mit den Hohmann-Transfer - Dateien für den X4-Rechner an ihrem üblichen Platz. Die Tür ließ sich mit dem von mir eingegebenen Code und dem Augenscanner wie immer problemlos öffnen.
Als ich um 12 Uhr zur Mittagspause ging, änderte ich wie gewöhnlich den Tür-Code ab.
Dabei kann mich meiner Meinung nach niemand beobachtet haben und ihr wisst, dass dieser Raum kein Fenster hat und nur durch diese Tür zugänglich ist.
Gegen 12 Uhr 45 kam ich zurück. Als ich das Zimmer betrat, hatte ich das Gefühl, als wäre in der Zwischenzeit jemand dort gewesen. Auch wenn das meiner Meinung nach unmöglich ist, gab es doch einige Dinge im Raum, die verändert wurden!“
Michael Parsons nahm einen Schluck vom Kaffee, den der Roboter gerade gebracht hatte und fuhr leicht nach vorne gebeugt fort:
„Ihr wisst, dass ich ein oft geradezu pedantischer Ordnungsfanatiker bin und beinahe wahnsinnig werde, wenn bestimmte Dinge nicht an ihrem Platz liegen. Ich hatte, bevor ich zur Mittagspause ging, insgesamt vier Femtochips auf dem Schreibtisch liegen und habe noch genau vor Augen, wie sie dort lagen. Als ich wiederkam, hatte ich den Eindruck, dass der äußere Chip irgendwie verdreht worden war, wenn auch nur ein wenig. Das hätte wahrscheinlich normalerweise kein Mensch bemerkt, aber ich habe nun einmal ein Auge dafür!“
Parsons blickte tief in die Gesichter seiner beiden Gegenüber.
„Das nächste, was mir komisch vorkam, war die Schublade, in der die Chips mit den Daten für die Transfer-Orbit-Bahnregelung liegen. Ihr wisst ja, dass der Übergang von der Hohmann-Bahn in den Mars-Orbit der kritischste Teil des Hinfluges ist. Dieser Übergang muss präzise nach den Vorgaben durchgeführt werden!
Der Griff der Schublade ist etwas locker und bleibt ständig in ganz leicht schräger Lage hängen. Immer, wenn ich die Schublade schließe, bringe ich daher diesen Griff in eine gerade Position. Aber er war in Schräglage, als ich wiederkam!“
Parsons nahm erneut einen Schluck Kaffee und machte einen gequälten Gesichtsausdruck. „Verdammt heiß, der Kaffee!“ sagte er leise.
„Vielleicht hat er sich von selbst gelockert. Und was den Chip betrifft, wirst du beim Hinausgehen entweder leicht an den Tisch gestoßen sein, oder du hast zu viel Wind gemacht!“ sagte Janet McNeill, während Melroy Parsons genau musterte.
„Das glaube ich nicht!“ fuhr Parsons fort. „Trotzdem: Wenn das alles gewesen wäre, würde ich die Sache eventuell noch auf sich beruhen lassen. Aber da gab es noch mehr. Lasst mich euch alles der Reihe nach erzählen.“
Michael Parsons lehnte sich zurück und erzählte nachdrücklich weiter.
„Ich hatte mich am Montag zwar sehr gewundert, dachte aber am Dienstag zunächst nicht mehr daran. Dieser Tag war besonders hektisch und ich musste nachmittags noch in einer dreistündigen Sitzung bei der ISO-Leitung über den Stand der Mission berichten.
Abends bin ich dann noch mal hierher gefahren, um in M 120 die letzten Updates auf dem Bordrechner zu installieren und die Funktionsfähigkeit zu überprüfen. Bei einem Routinecheck der Größe des belegten Speicherplatzes stellte ich fest, dass die Summe der benötigten Kapazitäten nicht mit der von mir berechneten übereinstimmte! Es handelte sich zwar lediglich um eine Änderung der fünften Dezimalen hinter dem Komma, aber das darf nicht sein!“
Parsons bediente die virtuelle Tastatur am Schreibtisch und dann wurden einige Daten an die Wand projiziert.
Melroy und McNeill sahen sich die Zahlen eine Weile an. Dann ließ Parsons die Rollläden herunterfahren und regulierte das Licht.
„Schaut euch die Angabe der Speicherbelegung an. Es sieht auf den ersten Blick so aus, als habe jemand auf dem Bordrechner zusätzlich ein Programm installiert,“ setzte Parsons seine Ausführungen fort, „jedoch habe ich bei der Überprüfung weder zusätzliche Dateien noch irgendwelche augenscheinlichen Änderungen in den bestehenden Dateien gefunden, auch nach mehrfacher Überprüfung nicht. Deshalb vermute ich, dass am Montag zuvor jemand in aller Eile, womöglich während meiner Mittagspause, eine der bestehenden Dateien irgendwie umprogrammiert hatte, und zwar an einer Stelle, die so tief im Programm versteckt ist, dass die Änderung nur schwer auffällt und mir eben deshalb noch nicht aufgefallen ist. Ich machte mich also am Dienstagabend an die Arbeit, die einzelnen mir genau bekannten Programme stichprobenartig im Detail zu überprüfen. Sicherheitshalber habe ich dabei nicht das Fehlerkorrekturprogramm benutzt, weil es, wie ihr wisst, immer noch sehr anfällig für Hackerangriffe ist.“
„Aber die ganze Anlage ist dauerhaft im Offline-Modus und noch zusätzlich abgeschirmt“, bemerkte Janet, „du hättest es versuchen sollen!“
Parsons schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das Programm ist während des Testlaufs im Intranet von mehreren Kollegen regelmäßig überprüft worden, da kann etwas passiert sein. Ich habe der IT-Abteilung schon vor Monaten gesagt, dass das ein nicht zu unterschätzender Sicherheitsschwachpunkt ist. Also verlasse ich mich lieber auf meine eigenen Fähigkeiten. Ich bin ja auch kein ganz unbegabter Informatiker!“
„Weiter. Was war dann los, Greg?“ Melroy war immer noch sehr ungeduldig.
„Es war etwa 23 Uhr und außer mir war schon lange niemand mehr in diesem Gebäudetrakt, da hörte ich plötzlich auf dem Flur vor M 120 Schritte. Die Schritte hörten sich irgendwie eigenartig und fremdartig an, ich kann es nicht besser beschreiben. Ich hielt einen Moment den Atem an und bemerkte, wie die Schritte sich der Tür näherten. Dann war eine kurze Zeit Ruhe. Es war offensichtlich, dass da jemand lauernd vor der Tür stand und zögerte.
Also fasste ich mir ein Herz und sprang von meinem Stuhl auf, rannte zur Tür und riss sie auf, was von innen ja kein Problem ist. Aber da war niemand! Ich konnte jedoch einen kurzen Lichtblitz sehen, der sich entfernte, ich denke, es war eine Taschenlampe oder etwas Ähnliches. Ich rannte ein Stück weit den Flur entlang, konnte aber immer noch niemanden sehen. Die Gebäudetür stand offen und ich lief bis vor die Tür, auch draußen war alles ruhig. Dann ging ich schnell zurück, denn ich hatte in der Hektik die Tür zu M 120 bei der Aktion aufgelassen. Es war niemand im Raum, und alles lag an seinem Platz.“
Parsons schwieg einen Moment und atmete tief durch.
„Was hat denn die weitere Überprüfung der Programme ergeben? Wie lange hast du nach dem Fehler noch gesucht?“ fragte Melroy.
„An dem Abend noch bis kurz nach Mitternacht und in den letzten Tagen mehrmals. Ich habe aber bis heute nichts Ungewöhnliches entdecken können, was merkwürdig ist, denn ich habe die kritischen Stellen der Programme mehrfach sehr gründlich überprüft. Ich überlege deshalb, ob ich nicht alle Reserve-Programme, die sicher im Safe liegen, auf dem Reserve-Bordrechner installiere, die aktuellen Dateien auf dem Hauptrechner vollständig lösche, und alles noch einmal mit den Reservechips neu lade. Dabei solltet ihr beiden mir behilflich sein, dann geht es schneller, wir können an drei Rechner-Sendeplätzen gleichzeitig arbeiten.“
„Nach deinen Ausführungen erscheint es mir so, als hätte jemand auch Dienstagabend versucht, in Raum M 120 einzudringen, hat deine Anwesenheit aber irgendwie vorher bemerkt. Vermutlich war dieser Unbekannte, wenn es ihn denn gibt, am Montag nicht fertig geworden und wollte seine Arbeit nun fortsetzen. Ist im Laufe der Woche noch etwas passiert?“
Parsons stand auf, ging zum Bürofenster und lehnte sich an die Fensterbank.
„Am Mittwoch und am Donnerstag ist weiter nichts vorgefallen. Erst gestern ereignete sich wieder etwas Merkwürdiges, und das ist auch der Hauptgrund, aus dem ich euch heute an eurem freien Samstag habe kommen lassen. Ich saß gegen 20 Uhr gestern Abend noch einmal allein in M 120, um in Ruhe letzte Kontrollen durchzuführen und notfalls Korrekturen vorzunehmen. Ich war sehr konzentriert dabei und ziemlich vertieft in meine Arbeit, bis ich plötzlich das unbestimmte Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Ich kann euch auch das nicht näher beschreiben, es ist einfach so. Dann, kurz nachdem sich dieses Gefühl bei mir eingestellt hatte, hörte ich ein leises, gleichmäßiges Rauschen. Ich kann euch nicht sagen, woher es kam, es war einfach da. Ich ging hin und her im Raum, schaute in jede Ecke und jede Ritze, sah aber nichts Ungewöhnliches. Es konnte auch nicht von draußen kommen. Ihr könnt euch meinen Gemütszustand gestern Abend vorstellen.
Aber dann passierte noch etwas wirklich Unglaubliches, ihr werdet mich wahrscheinlich für verrückt halten, wenn ihr das hört, deswegen habe ich lange überlegt, ob ich euch das wirklich erzählen soll!“
Gespannt blickten Melroy und McNeill sich an. Parsons setzte sich wieder und sagte mit ernster Miene:
„Ich habe tatsächlich für kurze Zeit Stimmen gehört, mehrere Stimmen, die völlig unverständliches Zeug durcheinander flüsterten. Nur einen kurzen Moment zwar, eigentlich war es wie ein Spuk. Dann war ganz plötzlich alles wieder still.
Ich habe sofort den Raum verlassen, habe die Tür mit einem neuen Code verschlossen und bin zügig zu meinem Büro gegangen, das ich nicht abgeschlossen hatte. Die Tür stand einen Spalt breit offen und das Licht war an. Ich hätte jedoch schwören können, dass ich das Licht ausgemacht hatte, bevor ich zum Weiterarbeiten in M 120 gegangen bin!
Als ich der Tür näher kam sah ich einen Schatten in meinem Büro und ohne nachzudenken riss ich die Tür ganz auf und rannte hinein. Aber dort war niemand!
Aber das wirklich Mysteriöse, was mich fast zur Verzweiflung bringt, ist, dass ich, als ich das Büro betrat, einen ganz winzigen Augenblick nur das Gefühl hatte, dass da doch eine Person im Raum sei!“
Parsons blickte verzweifelt in die Luft und atmete tief ein.
„Es war eine Person, die ich kenne, da bin ich mir ganz sicher. Aber die Erinnerung ist wie ausgelöscht, versteht ihr, wie wegradiert. Andererseits erinnere ich mich deutlich, dassniemandim Raum war. Völlig entnervt habe mich dann auf den Weg nach Hause gemacht! Vielleicht denkt ihr jetzt, ich hätte den Verstand verloren und bildete mir wer weiß was ein, aber ich kann euch garantieren, dass dem nicht so ist!“
Parsons lehnte sich zurück und fuhr sich durch die Haare. Es folgte ein Moment des nachdenklichen Schweigens.
„Das klingt völlig unglaublich, Michael!“ sagte Melroy kleinlaut, und sah Parsons eine Weile in die Augen.
„Was sollen wir tun?“ fragte er schließlich in die Runde.
„Lasst uns sofort in M 120 gehen!“ sagte Janet McNeill entschlossen zu ihren beiden Kollegen und stand auf. „Wir sollten die Programme noch einmal gemeinsam durchgehen!“
Die Drei verließen den Raum und gingen zum Ende des Ganges bis zur Tür von M 120.
„Lasst uns nach dem Check alle Dateien auf den Reserverechner laden!“ sagte Melroy und sah auf die Uhr. „Wenn wir zügig arbeiten schaffen wir das bis heute Abend!“
„Hoffentlich!“ antwortete Michael Parsons, der sichtlich angeschlagen war.
Sonntag, 15. Mai 2044, gegen 10 Uhr morgens
Janet McNeill, die schon eine halbe Stunde wach im Bett lag, drehte sich noch einmal herum. Das Sonnenlicht schien ihr jetzt direkt ins Gesicht, was sie jedoch wenig störte.
Den gestrigen Abend hatte sie nach ihrer Rückkehr vom Missionsgelände bei einer Flasche Rotwein über die merkwürdigen Wahrnehmungen von Michael Parsons nachgedacht. Ein Gedanke ließ sie nicht los: War Parsons nicht mehr Herr seiner Sinne? Wenn ja, wäre das für die Mission katastrophal, wenn nein, würde die Lage dadurch auch nicht besser: Offensichtlich liefen dann tatsächlich Dinge ab, die sich der Kontrolle der Astronauten entzögen. Auf jeden Fall wäre es sinnvoll, zumindest alle Missionsastronauten einzuweihen. Diesen sollte man auf jeden Fall trauen können, schließlich wären sie bei einem Scheitern der Mission auch unmittelbar betroffen, würden vielleicht mit ihrem Leben bezahlen. Allein diese Vorstellung machte Janet Angst. Natürlich ist jeder Weltraumflug ein Risiko, und gerade eine so lange und noch nie da gewesene Mission wie diese barg ein hohes Gefahrenpotential. Welche Bedeutung sollte man den gemachten Wahrnehmungen zumessen? Deuteten sie wirklich auf Sabotage hin?
Das monotone Geräusch ihres Nanochipphones riss Janet aus ihren Gedanken.
Träge richtete sie sich auf. Der Rotwein vom Vorabend machte sich mit leichten Stichen im Kopf bemerkbar. Einen Augenblick zögerte sie, dann berührte sie den Fernsprechbutton.
„McNeill hier!“
„Hallo Janet, hier ist Greg. Ausgeschlafen?“
„Eher nicht…!“ Janet gähnte kurz auf.
„Ich wollte dich gestern Abend nicht mehr stören. Mich interessiert nur deine Meinung. Was hältst du von Michaels Geschichte?“
„Ich muss gestehen, es ist schon ziemlich seltsam und hört sich nach Halluzinationen an, oder? Das war auch gestern mein erster Gedanke und ich machte mir ein wenig Sorgen um Michael. Andererseits sind wir uns doch beide darüber einig, dass Michael einer der gewissenhaftesten und rationalsten Menschen ist, die es gibt. Ein Techniker durch und durch eben. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, dass ausgerechnet er plötzlich anfängt, in dieser Art zu fantasieren, selbst, wenn er total überarbeitet ist. Er ist einfach nicht der Typ dafür, oder?“
„Da bin ich ganz deiner Meinung, Janet. Ich habe die halbe Nacht über die Sache nachgedacht und eben noch einmal mit Michael gesprochen. Er hält es für richtig, dass wir zunächst unsere gesamte Crew einweihen, damit zumindest alle in den nächsten Tagen die Augen offen halten und besondere Aufmerksamkeit zeigen. Michael will sich mit uns allen heute Abend treffen, um 17 Uhr bei sich zu Hause, auch auf die Gefahr hin, dass der eine oder andere von uns ihn zum Spinner stempelt!“
„Geht in Ordnung, Greg. Ich könnte dich mitnehmen, ich komme sowieso auf dem Weg bei dir vorbei. Dann kann ich wenigstens verhindern, dass du den ganzen Straßenverkehr in Gefahr bringst und Jennifer ist auch beruhigt!“
„Netter Witz“, bemerkte Melroy gequält, „aber das geht in Ordnung. Bis heute Abend dann!“
Janet McNeill wohnte an einer nicht besonders stark befahrenen Vorortstraße. Seit der Scheidung von ihrem Mann lebte sie allein in dem Einfamilienhaus, ihr Ex-Gatte war nach Washington gezogen. Sie sah keine Notwendigkeit, das große Haus zu verkaufen und sich eine kleinere Bleibe zu suchen. Schließlich würde sie in Kürze für zweieinhalb Jahre fort sein, danach sei es immer noch früh genug, sich um alles zu kümmern, dachte sie. Außerdem war es auch nicht einfach, eine günstige Eigentumswohnung in einer adäquaten Lage zu finden.
Nach dem Frühstück ging sie in den Garten. Sie machte es sich auf einem Stuhl am Terrassentisch bequem, setzte ihren Projektionsring auf und schaltete ihn manuell ein. Vor ihrem Auge erschien das Menü. Nach einigen Handbewegungen auf der virtuellen Tastatur hatte sie endlich die neueste Ausgabe ihresSpace Engineering-Abos erreicht und begann konzentriert zu lesen. Vor lauter Arbeit in den letzten Wochen war sie kaum zum Entspannen gekommen. Jetzt genoss sie die Ruhe.
Am späteren Nachmittag zog sie sich für das Crew-Meeting um und verließ um 16 Uhr 15 das Haus. Als sie aus der Haustür ging, fiel ihr auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine schwarze Limousine älteren Baujahrs auf, die sie noch nie in der Straße gesehen hatte. Am Steuer saß offensichtlich ein Mann, der einen altmodischen Hut trug und in die entgegen gesetzte Richtung schaute.
„Merkwürdig!“ sagte sie leise vor sich hin und ging zu ihrer Garage.
Sie stieg ins Auto, ließ das Startprogramm durchlaufen und wählte den digitalen Fahrassistenten. „Hallo Janet. Wo soll es hingehen?“ fragte die Computerstimme. Janet gab die Adresse manuell ein, da die Spracherkennung in letzter Zeit häufig fehlerhaft reagierte. „Route wird berechnet, Janet!“ erklang es kurz, dann setzte der Wagen rückwärts auf die Straße. Langsam fuhr er an der schwarzen Limousine vorbei. Janet blickte zum Fahrer hin, der sein Gesicht verbarg und den Hut tief ins Gesicht gezogen hatte.
Kurze Zeit später fuhr auch die schwarze Limousine los.
Janet bemerkte den schwarzen Wagen hinter sich und sah gelegentlich in den Rückspiegel. Der schwarze Wagen schien ihr zu folgen.
Ihr Auto fuhr ein Stück auf der Hauptstraße und bog nach kurzer Zeit rechts ab. Janet sah erneut in den Rückspiegel. Die schwarze Limousine fuhr immer noch hinter ihr.
„Geschwindigkeit um 10 mph reduzieren!“ wies sie ihren Fahrassistenten verbal an. Sie bemerkte, dass der schwarze Wagen den Abstand ziemlich genau einhielt. Janet gab einen Umweg in den Computer ein. „Geschwindigkeit um 15 mph erhöhen!“ Ihr Fahrzeug bog gemäß ihrer Eingaben ein paar Mal ab. Etwas nervös blickte sie immer wieder in den Rückspiegel. Nach einiger Zeit war das fremde Fahrzeug nicht mehr zu sehen.
Sie schüttelte den Kopf. „Habe ich jetzt auch schon Verfolgungswahn?“ entfuhr es ihr leise. Als sie nach einer Weile wieder in den Rückspiegel schaute, war die schwarze Limousine plötzlich wieder da. Sie schaute eine längere Zeit immer wieder zurück und lies die Geschwindigkeit reduzieren, um das fremde Fahrzeug aufschließen zu lassen. Sie hoffte, vielleicht einen Blick auf das Gesicht des Fahrers erhaschen zu können.
Doch dieser tat ihr den Gefallen nicht. Nach einiger Zeit bemerkte Janet, dass der schwarze Wagen zurückfiel. Nach ein paar improvisierten Abbiegemanövern war er nicht mehr zu sehen und gegen 16 Uhr 40 fuhr Janet in die Straße, in der Greg Melroy wohnte. „Zielort erreicht!“ meldete der Fahrassistent und steuerte das Fahrzeug direkt vor die Einfahrt.
Greg und Jennifer Melroy standen bereits vor der Tür. Greg stieg sofort ein und Jennifer Melroy rief Janet nicht ohne einen ironischen Unterton zu: „Danke Janet, lass bloß Greg nicht ans Steuer!“
Gregory Melroy machte ein empörtes Gesicht und eine verächtliche Handbewegung. Dann fuhren sie los.
„Ich sehe auch schon Gespenster, Greg!“ platzte es aus Janet sofort nach der kurzen Begrüßung heraus und sie erzählte ihm von der schwarzen Limousine.
„Ich dachte wirklich die ganze Zeit, dass mich jemand verfolgt. Ich denke vermutlich zu viel nach. Diese Geschichte von Michael hat mir offenbar doch mehr zugesetzt, als ich wahrhaben will!“
Greg lehnte sich im Sitz zurück und sagte schmunzelnd:
„Janet, warum sollte dich jemand verfolgen. Du hast doch gesehen, dass der Typ irgendwo abgebogen ist. Lass dich nicht nervös machen, es reicht schon, wenn Michael Stimmen hört und sich beobachtet fühlt. Lass uns mit ihm und der restlichen Crew sprechen! Vielleicht löst sich das Ganze irgendwie in Luft auf!“
„Hoffentlich!“
Um kurz nach 17 Uhr kamen sie an Michael Parsons Haus an, das etwas abseits der Stadt an einer ansteigenden Bergstraße lag. Sie waren offensichtlich die Ersten. Langsam rollte Janets Wagen in die Garteneinfahrt und hielt vor Michael Parsons Garage. „Zielort erreicht. Bitte manuell korrigieren!“ Janet schaltete den Fahrassistenten und den Motor aus.
Als sie ausstiegen, bog ein silberner Kombi in die Einfahrt und hielt direkt neben ihnen.
„Für den Nächsten wird es enger!“ sagte der dunkelhaarige Enddreißiger mit Sonnenbrille, der aus dem Kombi ausstieg.
Der medizinische Wissenschaftsastronaut und designierte Bordarzt Dr. Roger Calder hing seine Sonnenbrille in den V-Ausschnitt seines Polohemdes und schaute die beiden fragend an. „Könnt ihr mir vielleicht sagen, wieso uns Parsons ausgerechnet an meinem ersten freien Sonntag seit Langem hier einbestellt? Die Familiensonntage fallen noch oft genug ins Wasser!“
Genervt blickte Calder zu Melroy.
Dieser zögerte einen Moment bevor er reagierte: „Warte ab, du wirst es gleich erfahren!“
