Der Shaolin - Karl-Heinz Jonas - E-Book

Der Shaolin E-Book

Karl-Heinz Jonas

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Beschreibung

Li Ning wächst als Waise im Kloster von Shaolin auf. Er ist vom Kung Fu fasziniert, und sein Fleiß und Talent lassen ihn zum besten Kämpfer des Klosters werden. Als junger Mann verhindert er die Vergewaltigung einer jungen Frau durch den Sohn des mächtigen Präfekten, was diesen zu seinem Todfeind macht. Li Ning und die junge Frau begehen einen verhängnisvollen Fehler, sie geben sich einander hin. Um das Mädchen zu vergessen, trainiert er wie ein Besessener und wird zum jüngsten Kung Fu-Meiser des gesamten Chinesischen Reiches. Jahre später, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, erfährt er, dass er einen Sohn hat. Dieser befindet sich jedoch mit seiner Mutter in höchster Lebensgefahr, und Li Ning hat nur eine Möglichgeit, das Leben der beiden zu retten: Die Flucht.! Doch Ek Chen, der Sohn des Präfekten, hat Rache geschworen. Es beginnt eine gnadenlose Jagd......

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Seitenzahl: 370

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Karl-Heinz Jonas

Der Shaolin

Held und Gejagter

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Impressum neobooks

Prolog

Li Nings Eltern waren bereits kurz nach seiner Geburt ums Leben gekommen. Da es sonst niemanden gab, der sich seiner hätte annehmen können, nahm ihn der Bruder seiner Mutter, ein Mönch, mit in sein Kloster, um ihn dort aufwachsen zu lassen.

Im Kloster von Shaolin lebten ausschließlich Männer. Doch da Li Ning seine Mutter niemals kennengelernt hatte, die damit einhergehende intensive Beziehung also auch nicht vermisste, bereitete ihm diese Tatsache keinerlei Schwierigkeiten, zumal sich die Mönche rührend um ihn kümmerten. Alle gaben sich große Mühe, ihn das Fehlen seiner Eltern nicht spüren zu lassen.

So wuchs er auch ohne Eltern in Liebe und Geborgenheit auf. Er lernte alles, was ein zukünftiger Mönch des Klosters von Shaolin wissen und können musste. Dazu gehörten Lesen und Schreiben ebenso wie die Naturwissenschaften und – selbstverständlich – Religion. Ihn wurde gelehrt, dass das Leben in jeglicher Form seinen Platz in der Natur besitzt und deshalb akzeptiert und erhalten werden muss. Und Li Ning nahm sich vor, immer danach zu handeln.

Die Mönche von Shaolin waren aufgrund ihrer Jahrhunderte lang geheim gehaltenen Kampfkunst, des Kung Fu, bereits zur Legende geworden.

Das Kung Fu, eine perfekte Art des Zusammenspiels von Körper und Geist, beinhaltete in erster Linie den Einsatz des eigenen Körpers zur Abwehr von Angriffen sowohl imaginärer als auch realistischer Gegner, aber auch als Waffe. Dabei werden nahezu alle Körperteile eingesetzt. Doch auch die Handhabung von Hieb- und Stichwaffen wurde im Verlauf von Jahrhunderten zu einem festen Bestandteil des Kung Fu und von den Mönchen ebenfalls zur Perfektion geführt.

Da die Mönche von Shaolin im Kampf sowohl mit als auch ohne Waffen allen chinesischen Soldaten weit überlegen waren, wurden sie immer wieder vom allmächtigen Herrscher des gesamten Reiches der Mitte, dem Kaiser, um Beistand gebeten. Und nie wurden sie besiegt!

Irgendwann begannen auch andere Klöster, sich für das Kung Fu zu interessieren, und die Mönche von Shaolin verweigerten ihren Glaubensbrüdern den Einblick in die Geheimnisse ihrer Kampfkunst nicht länger.

Als Li Ning das Jugendalter erreicht hatte, bereitete ihm der Kung Fu–Unterricht mehr und mehr Freude, ja das harte Training begeisterte ihn geradezu. Aus diesem Grund war er immer mit vollem Einsatz dabei. 

Hong Shu, der Meister des Shaolin-Klosters, bemerkte recht bald, mit welchem Eifer Li Ning bei der Sache war. Auch blieb ihm nicht verborgen, welch ungewöhnliche Voraussetzungen der Junge besaß. Seine Bewegungen waren schon jetzt schneller als die der meisten Erwachsenen. Er hatte ein ausgeprägtes Bewegungsgefühl und erlernte auch komplizierteste Bewegungsabläufe scheinbar spielend. Sein Körper schien schmerzunempfindlich zu sein, und er war sehr ehrgeizig! Techniken, ob einfacher oder anspruchsvoller Art, übte er so lange, bis sowohl der Meister als auch er selbst mit der Ausführung zufrieden waren. Da war es nicht verwunderlich, dass Li Ning schon bald zum Lieblingsschüler Hong Shus wurde.

Niemand neidete es ihm. Als Li Ning achtzehn Jahre zählte gab es im Kloster von Shaolin, mit Ausnahme des Meisters selbst, niemanden mehr, der ihm im Kampf ebenbürtig war.

Buch 1

Kapitel 1

Li Ning sammelte, wie sehr häufig im Spätsommer, in der Nähe des Klosters Waldfrüchte. In Gedanken versunken hatte er sich wohl etwas weiter vom Kloster entfernt.

Plötzlich vernahm er Hilferufe, die sich schnell näherten. Da er einen Menschen auf der Flucht vor einem wilden Tier vermutete, lief er rasch in die Richtung, aus der die ängstlichen Rufe ertönten.

Schon bald nahm er ein Mädchen wahr, das offensichtlich verfolgt wurde.

Als auch dieses den jungen Mönch bemerkte, lief es in panischer Angst auf ihn zu. Vor den Füßen Li Nings brach das Mädchen, dessen Kleidung völlig in Unordnung geraten und teilweise zerrissen war, erschöpft zusammen und rührte sich nicht mehr.

Li Ning hielt nach dem vermeintlich gefährlichen Raubtier Ausschau. Doch zu seiner Verwunderung war der Verfolger kein Tier. Es war ein Mann, der aus dem Gebüsch sprang und nun das Mädchen am Boden liegen sah. Er hatte es plötzlich nicht mehr eilig. Ruhig näherte er sich.

Der Unbekannte war prunkvoll gekleidet und gut bewaffnet. Dies und sein Auftreten ließen in ihm einen mächtigen Menschen vermuten.

Vielleicht war das Mädchen eine seiner Bediensteten, die von den Herren oft als Eigentum betrachtet und auch so behandelt wurden.

Bei den beiden angekommen, herrschte der Fremde den jungen Mönch sofort an: „Verschwinde.“

Dieser Mensch gefiel Li Ning ebenso wenig wie dessen arrogante Art. Trotzdem fragte er in höflichem Ton: „Wer ist dieses Mädchen? Was hat es getan?“

„Das geht niemanden etwas an. Kümmere dich um deine Angelegenheiten. Ich sagte schon einmal, du sollst verschwinden. Ich bin es nicht gewohnt, mich wiederholen zu müssen.“

Am liebsten hätte Li Ning diesen unangenehmen Menschen geohrfeigt, doch dies verboten ihm sowohl seine Erziehung als auch sein Mönchsgewand. Deshalb sagte er, sich mühsam beherrschend: „Dieses Mädchen, das Ihr in Angst und Schrecken versetzt und fast zu Tode gehetzt habt, hat sich in meinen Schutz begeben und damit diese Angelegenheit auch zu der meinen gemacht. Da Ihr mir nicht sagen wollt, worin sein Vergehen besteht, nehme ich es mit in unser Kloster. Ihr könnt Euch an unseren Abt wenden, um Eure Klage gegen das Mädchen vorzubringen.“ Li Ning wollte die noch immer bewusstlose Unbekannte auf den Arm nehmen und sich entfernen.

Der Fremde antwortete mit einem schallenden Gelächter. Doch es war kein Lachen, wie Li Ning es kannte; keinerlei Freude schwang darin mit. Es war ein falsches Lachen.

Plötzlich verstummte der Mann, und der Ausdruck in seinem Gesicht verfinsterte sich zusehends. „Entweder du verschwindest jetzt, oder ich mache dir Beine.“

Auch Li Ning reichte es jetzt, und er antwortete mit unverhohlenem Spott in der Stimme: „Nun, wenn Ihr wollt, dass ich verschwinde, werdet Ihr wohl genau das tun müssen.“

„Was?“, fragte der Fremde verdutzt.

„Mir Beine machen.“

Li Ning hatte nicht die geringste Ahnung, wen er vor sich hatte. Spaß verstand er jedenfalls keinen. Blinde Wut funkelte unversehens in seinen Augen. Blitzschnell holte er aus und wollte Li Ning eine Ohrfeige versetzen, doch dieser reagierte ebenso schnell. Die Hand des Angreifers fuhr ins Leere.

Es war die erste ernsthafte Auseinandersetzung Li Nings, und er fühlte sich durchaus nicht wohl in seiner Haut. Trotzdem sagte er mit einer gehörigen Portion Spott in der Stimme: „Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube nicht, dass mir davon Beine wachsen werden.“

Der Fremde griff sofort wieder an. Diesmal versuchte er es mit einem Fußtritt in den Unterleib, was Li Ning als äußerst unfair empfand. Entsprechend war seine Reaktion. Er machte eine schnelle Seitwärtsbewegung, ergriff den vorbeischwingenden Fuß und führte dessen Bewegung so weit noch oben fort, bis das Standbein des Angreifers vom Boden gerissen wurde. Der Mann landete, jeder Unterstützungsfläche beraubt, krachend auf dem Rücken.

Um Schlimmeres zu verhüten, versuchte Li Ning es noch einmal mit ruhigen Worten: „Ich kenne Euch nicht, und ich suche keinen Streit mit Euch. Da das Mädchen jedoch meine Hilfe benötigt, bin ich verpflichtet, ihm beizustehen. Wenn Ihr ihm etwas vorzuwerfen habt, wendet Euch an den Abt des Klosters. Doch nun bitte ich Euch: Gebt Frieden.“

Der Fremde schien jedoch in seinem Zorn jegliche Kontrolle über sich verloren zu haben. Bereits im Aufstehen riss er sein Schwert aus der Scheide.

Nun wurde es für Li Ning ernst, denn es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass der Wütende die Waffe auch benutzen würde. Kaum auf den Füßen, schwang dieser dann auch das Schwert hoch über den Kopf und schlug mit aller Kraft zu. Wieder wich Li Ning blitzschschnell zur Seite aus, und das Schwert zog eine tiefe Furche in den Waldboden. Sofort schlug der Mann erneut zu, diesmal von der Seite. Li Ning beugte den Oberkörper ab, und die Waffe fuhr mit einem zischenden Laut über seinen Kopf hinweg. Sofort richtete er sich wieder auf und führte nun seinerseits einen Fauststoß zum Brustkorb des Angreifers. Dieser Stoß war nicht kraftvoll genug geführt, das Brustbein des Mannes zu zertrümmern, aber immerhin kräftig genug, ihm die Luft aus den Lungen zu pressen. Bewusstlos sank er zu Boden.

Als Li Ning sich davon überzeugt hatte, dass keine Gefahr für das Leben des Fremden bestand, nahm er dessen Waffen an sich. Dann ging er zu dem Mädchen, das gerade wieder zu sich gekommen und im Begriff war, sich zu erheben. Er half ihm auf.

Erst jetzt bemerkte er, dass das Mädchen gar kein Mädchen mehr war, sondern vielmehr eine junge Frau. Eine wunderschöne junge Frau! Die zerrissene Kleidung ließ einiges von ihrem Körper sehen und noch mehr erahnen.

Auch sie schien dies zu bemerken. Schamrot im Gesicht zupfte sie hier und dort an ihrer Kleidung, ohne dass es ihr gelang, ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen.

Li Ning verriet mit keinem Blick, dass ihm die Peinlichkeit ihrer Situation bewusst war. Vielmehr bemühte er sich, ihr die Furcht zu nehmen.

„Habt keine Angst, er wird einige Zeit schlafen“, sagte er freundlich.

„Ja, einige Zeit wird er vielleicht schlafen“, antwortete sie, „aber sobald er erwacht, wird sein Zorn umso größer sein. Ihr kennt diesen Menschen nicht!“

„Ja, Ihr habt Recht, ich kenne diesen Menschen nicht. Doch wenn er wieder zu sich kommt, werden wir das Kloster längst erreicht haben. Und dort kann er Euch nichts zuleide tun."

Da sie nichts entgegnete, fragte er: „Was wollte der Mann eigentlich von Euch? Arbeitet Ihr in seinem Haus?“

„Nein, ich arbeite nicht für ihn“, antwortete sie, und ein wenig Trotz schwang in ihrer Stimme mit. „Ich bin heute früh in den Wald gegangen, um Beeren zu sammeln. Wie dieser Kerl dorthin kam, weiß ich nicht. Jedenfalls stand er plötzlich vor mir. Und was er von mir wollte, ist wohl nicht sehr schwer zu erraten!“

Nun war es an Li Ning, zu erröten.

Die junge Frau bemerkte es und schämte sich. „Entschuldigen Sie“, sagte sie deshalb schnell. „Ihr rettet mich vor diesem Kerl, und ich bringe Euch dafür in Verlegenheit.“

„Schon gut, es war ja meine eigene Schuld."

Um die peinliche Situation zu beenden, fragte er in freundlichem Ton: "Wollt Ihr mir nicht sagen, wer der Mann ist?“

Wieder flackerte Furcht in ihren Augen auf. "Es ist Ek Chen, der Sohn des Präfekten. Er wird von allen als ein rücksichtloser Raufbold gefürchtet. Diese Niederlage wird er Euch niemals vergessen. Wenn er kann, wird er Euch dafür töten.“

„Ich fürchte ihn nicht“, sagte Li Ning, mehr um die verängstigte Frau zu beruhigen als aus Selbstsicherheit.

„Weiß er, wer Ihr seid und wo Ihr wohnt?“

„Nein…. Ich hoffe nicht“, antwortete sie unsicher.

„Nun, dann ist es wohl besser, ich bringe Euch heim zu Euren Eltern“, schlug Li Ning vor.

„Dafür wäre ich Euch sehr dankbar. Doch müssen wir uns beeilen, denn sobald dieser schreckliche Mensch kann, wird er uns verfolgen.“

„Ja, aber da er uns auf dem Weg zum Kloster glaubt, wird er uns nicht finden. Doch Ihr habt Recht, Eile ist geboten.“

Er legte die Waffen neben den noch immer Bewusstlosen auf den Boden, dann machten sie sich auf den Weg.

Beide sprachen kein Wort. Sie waren viel zu sehr mit ihren Gedanken, die junge Frau zusätzlich mit ihrer Kleidung, beschäftigt.

Von Zeit zu Zeit ertappte Li Ning sich dabei, wie sein Blick von der hübschen Frau auf ihm unerklärliche Weise angezogen wurde. Gleichzeitig spürte er sein Herz schneller schlagen, und ein unbekanntes Gefühl bemächtigte sich seiner. Um sich selbst zu beruhigen, versuchte er sich einzureden, dies läge am mangelnden Kontakt zu Fremden, insbesondere zu Vertretern des anderen Geschlechts. Ob er wohl auf jede hübsche junge Frau so reagieren würde? Bei diesem Gedanken glaubte er zu erröten und senkte schnell den Blick. Hoffentlich hatte sie es nicht bemerkt!

Auch sie machte sich Gedanken über ihren Retter. Am meisten war sie von seiner unglaublichen Sicherheit im Zweikampf beeindruckt. Scheinbar spielerisch hatte er den vermeintlich überlegenen, noch dazu bewaffneten Raufbold besiegt. Auch schien dessen Herkunft und Ruf keinerlei Eindruck auf ihn zu machen. Oder aber, er konnte seine Gedanken gut verbergen. Achtung, aber auch Dankbarkeit empfand sie für diesen jungen Mönch, der unmöglich viel älter als sie selbst sein konnte. Dankbar war sie auch dafür, dass er nicht zu bemerken schien, wie sehr sie sich mit recht wenig Erfolg bemühte, ihre Kleider zu ordnen.

Kurz vor Erreichen des elterlichen Hauses brach sie das Schweigen.

„Verzeiht“, sagte sie. „Ich bin sehr unhöflich. Da mache ich Euch so große Umstände und habe Euch noch nicht einmal meinen Namen genannt. Jiao heiße ich. Jiao Ling.“ Sie machte eine artige Verbeugung.

„Aber ich bitte Euch, wie könnt Ihr das sagen. Ich hätte mich zuerst vorstellen müssen. Li Ning ist mein Name.“ Auch er verbeugte sich höflich.

Jiaos Elternhaus war ein bescheidenes, aber gepflegtes Anwesen mit einem wunderschön angelegten Garten, der direkt bis an den Wald reichte und von einer mannshohen Hecke umgeben war.

Die junge Frau wurde bereits von den Eltern erwartet. Als sie bemerkten, dass ihrer geliebten Tochter etwas zugestoßen sein musste, befanden sie sich sofort in heller Aufregung. Die Höflichkeit verbot ihnen jedoch, sogleich nach dem Geschehenen zu fragen.

Während der Vater den Gast in den Wohnraum bat und ihm einen Platz anbot, zogen sich Mutter und Tochter in einen Nebenraum zurück, um Jiaos Kleider zu wechseln. Dann begaben auch sie sich in den Wohnraum zu den Männern. Als sie ebenfalls Platz genommen hatten, bat der Vater Jiao, zu erzählen.

Sie berichtete wahrheitsgetreu, wie sie beim Beerensuchen von Ek Chen überrascht worden war, wie sie sich seinen Handgreiflichkeiten entzogen und vergeblich versucht hatte, zu fliehen, und wie sie schließlich vor den Füßen Li Nings zusammengebrochen war.

Als Li Ning, ruhig und bescheiden, den weiteren Hergang geschildert hatte, bedankten sich die beiden Eltern überschwänglich, kurzzeitig ihre Zurückhaltung vergessend.

„Aber ich bitte Euch“, sagte er beschämt. „was ich getan habe, war doch meine Pflicht. Jeder meiner Klosterbrüder hätte, ohne zu zögern, dasselbe getan.“

„Das mag schon sein“, sagte Sun Ling, Jiaos Vater. „Der Mut, mit dem Ihr diesem Menschen entgegengetreten seid, ehrt Euch trotzdem. Wir haben Euch die Ehre und sicher auch das Leben unserer Tochter zu verdanken. Ihr könnt sicher sein, dass wir Euch dies niemals vergessen werden.“

Li Ning stand der Sinn jedoch nicht nach Lobeshymnen, auch wurde es Zeit für ihn. Deshalb sagte er: „Ich danke Euch sehr, doch nun muss ich fort. Meine Brüder werden sich sicher schon um mich sorgen.“

„Oh, entschuldigt bitte, wenn wir Euch aufgehalten haben. Dies lag wirklich nicht in unserer Absicht“, sagte nun Sun Ling ein wenig verlegen. „Doch sollte Euch Euer Weg einmal in die Nähe unseres bescheidenen Hauses führen, schaut ruhig auf eine Schale Tee herein. Ihr seid immer ein gern gesehener Gast.“

Beide Eltern verneigten sich vor dem jungen Mönch.

„Ich danke Euch. Dieses Angebot nehme ich gern an.“ Auch Li Ning verbeugte sich höflich, erhaschte noch einen schüchternen Blick Jiaos, dann begleitete ihn der Vater hinaus.

Ohne einem weiteren Menschen zu begegnen, erreichte Li Ning das Kloster. Seine ungewohnt lange Abwesenheit war offensichtlich noch keinem seiner Brüder aufgefallen, denn niemand stellte ihm Fragen. Da er das Geschehene jedoch nicht für sich behalten durfte, bat er den Meister, ihn sprechen zu dürfen.

Natürlich hatte Meister Shu immer Zeit für seinen Lieblingsschüler. Gemeinsam machten sie einen Spaziergang durch den nun am Abend menschenleeren Pagodenwald, und Li Ning erzählte das Erlebte.

Meister Shu hörte geduldig und scheinbar teilnahmslos zu, ohne seinen Schüler zu unterbrechen.

Als Li Ning geendet hatte, lobte der Meister ihn sehr, was ihn mit Stolz erfüllte. Es war nicht leicht, dem Meister ein Lob zu entlocken!

Meister Shu war dem Bericht jedoch mit großer Sorge gefolgt, die er nun nicht länger verbarg. Li Ning bemerkte den veränderten Gesichtsausdruck sofort, fragen durfte er jedoch nicht danach. Er musste warten, bis der Meister von selbst sprechen würde.

„Li Ning“, sagte Meister Shu, nachdem beide noch einige Zeit auf und ab gegangen waren. "Ich mache mir große Sorgen. Du hast dich eines Mönchs von Shaolin würdig verhalten, und wir alle dürfen stolz auf dich sein. Ich weiß auch, dass du im Kampf niemanden fürchten musst. Trotzdem dürfen wir diesen Ek Chen nicht unterschätzen. Auch mir blieb der Ruf dieses Menschen nicht verborgen. Niemand weiß, wie viele Menschenleben er bereits auf dem Gewissen hat, sofern er überhaupt eines besitzt. Noch nie wurde er für seine Schandtaten bestraft; die Macht seines Vaters schützt ihn. Leider! Auch hält er sich in seiner dümmlichen Arroganz für unbesiegbar. Nun hast du ihm nicht nur die erste Niederlage seines Lebens zugefügt, du hast ihn vor einer Frau lächerlich gemacht. Und das auch noch waffenlos. Wir müssen leider damit rechnen, dass er alles daransetzen wird, dich und die junge Frau zu töten, um die Zeugen seiner Schande zu beseitigen. Menschenleben bedeuten ihm nichts, solange es nicht das eigene ist.

Ich werde unserem Abt von diesem Vorfall berichten und ihm den Vorschlag unterbreiten, dich vorläufig von allen Pflichten außerhalb der Klostermauern zu entbinden. Du darfst das Kloster in den nächsten Wochen auf keinen Fall verlassen. In unsere heilige Stätte einzudringen, wagt er sicher nicht, trotzdem werden wir auch diesbezüglich aufmerksamer sein. Morgen werde ich die Familie Ling aufsuchen und ihnen den Rat geben, dass das Mädchen das Haus ebenfalls vorläufig nicht verlässt. Wenn Ek Chen in Erfahrung bringt, wer das Mädchen ist, wird er die gesamte Familie vernichten.“

Bei diesen Worten des Meisters spürte Li Ning, wie sich sein Herz zusammenkrampfte. Er sagte jedoch nur: „Gut, Meister, Ihr habt sicher Recht.“

Li Ning suchte sich den Grund für die plötzliche Überreaktion seines Herzens zu erklären. Aus Angst vor diesem Ek Chen konnte es nicht gewesen sein, denn die verspürte er ganz einfach nicht. Dieses seltsame Ziehen in der Brust hatte begonnen, als Meister Shu von der möglichen Vernichtung der Familie Ling gesprochen hatte. Dies durfte auf keinen Fall geschehen! Alles in seiner Macht stehende wollte er gern dagegen tun. Doch was war das schon? Nicht einmal das Kloster durfte er verlassen! Nein, er musste sich auf den Meister verlassen.

An diesem Abend zog sich Li Ning früher in seine Kammer zurück als üblich. Niemand fragte ihn glücklicherweise nach dem Grund. Er wollte heute weder mit noch jemandem darüber reden, noch mochte er seine Brüder belügen.

Seine Gefühle für Jiao mussten für immer sein Geheimnis bleiben.

Kapitel 2

Es war ein herrlicher Spätsommertag. Nur wenige Blätter waren bisher von den Bäumen gefallen und begannen, einen gelblich-braunen Teppich auf dem Waldboden zu bilden. Recht spärlich drangen Sonnenstrahlen durch die noch immer dichten Baumkronen und endeten als goldfarbene Flecken auf dem Boden. Die Sonne hatte nicht mehr die Kraft, um die Luft auf bisweilen unerträgliche Temperaturen zu erwärmen, aber es war auch nicht kühl.

Er genoss den Spaziergang durch den Wald zu dieser Jahreszeit. Er hatte kein festes Ziel, und eine unbestimmte Kraft, die er nicht wahrnahm und der er deshalb auch keinen Widerstand entgegen bringen konnte, bestimmte die Richtung seines Weges.

Es verwunderte ihn nicht sonderlich, dass er sich plötzlich in der Nähe des Hauses der Familie Ling befand. Diese Gelegenheit musste er unbedingt nutzen, um sich nach Jiaos Befinden zu erkundigen. Als er sich vor der Gartentür befand, hielt er jedoch inne. War er nicht zu aufdringlich? Sicher, man hatte ihm zu verstehen gegeben, er sei immer ein willkommener Gast. Trotzdem hielt ihn irgendetwas zurück. Da er nicht wusste, wie er sich am besten verhalten sollte, beschloss er erst einmal, um das Anwesen herumzugehen, zumindest soweit dies von der Waldseite aus möglich war. Der Gefahr, von einem Fremden zufällig entdeckt zu werden, durfte er sich nicht aussetzen. Die Hecke erlaubte ihm, an einigen Stellen den Garten einzusehen. Und was er sah, war ein mit sehr viel Mühe und Sorgfalt gepflegtes Stückchen Paradies. Doch so sehr er Blumen auch mochte, heute konnte er sich einfach nicht daran erfreuen. Irgendetwas bedrückte ihn. Da er sich den Grund für seine steigende Unruhe nicht erklären konnte, beschleunigte er seine Schritte merklich. Jede Möglichkeit, in den Garten zu sehen, nutzte er, ohne jedoch zu wissen, was er eigentlich suchte.

Dann sah er sie! Jiao nahm auf einer Liege ein Sonnenbad und schien zu schlafen. Er hätte vor Scham im Boden versinken mögen. Da schlich er, ein Mönch, durch den Wald, um durch Lücken in der Hecke ein Mädchen beim Sonnenbaden zu beobachten!

Schon wollte er sich unbemerkt zurückziehen, als er wiederum innehielt. Schlief Jiao wirklich? Er glaubte, etwas Unnatürliches in der Körperhaltung der jungen Frau bemerkt zu haben. So schnell er konnte durchdrang er die Hecke und lief auf Jiao zu. Dann erstarrte er. Die Augen der jungen Frau waren weit geöffnet, ihr Blick war leer! Zu beiden Seiten des Kopfes war der Boden blutdurchtränkt, der Hals war halb durchtrennt!

Dunkelheit umfing ihn. Sein Körper war nass von Schweiß, sein Herz raste, und er fühlte sich, als hätte er gerade eine ungeheure körperliche Anstrengung überstanden. Langsam beruhigte sich sein Puls. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er vertraute Gegenstände wahrnehmen. Nun kehrte auch sein Erinnerungsvermögen zurück, und er wusste sich in seinem Bett.

Mit riesiger Erleichterung stellte er fest, dass er nur geträumt hatte. Jiao war nicht tot! Doch was hatte dieser Traum zu bedeuten? Hatte er überhaupt eine Bedeutung? Befand sich Jiao etwa in Lebensgefahr? Die quälende Ungewissheit versetzte ihn wiederum in Unruhe. Am liebsten wäre er sofort aufgestanden und hätte sich auf den Weg zur Familie Ling gemacht, um sich Gewissheit zu verschaffen. Doch das war unmöglich. Wie hätte er seine Abwesenheit bei Tagesanbruch erklären sollen? Er beschloss deshalb, sofort nach dem Morgenläuten den Meister aufzusuchen, um ihm von diesem Traum zu berichten. Er wollte ihn bitten, sich sobald wie möglich zur Familie Ling zu begeben.

Er stand auf, wusch sich den Schweiß vom Körper und legte sich wieder hin. Er zwang sich zur Ruhe, Schlaf fand er jedoch keinen mehr.

„Ich mache mich sofort auf den Weg“, versicherte Meister Shu nach Li Nings Bericht.

Bald darauf sah Li Ning den Meister das Kloster verlassen. Hoffentlich kam er nicht zu spät!

Den ganzen Tag über fand er keine Ruhe. Er hatte weder Appetit, noch konnte er sich auf irgendeine Tätigkeit konzentrieren. Nicht einmal das Kung Fu-Training konnte ihn von seinen düsteren Gedanken ablenken, und er musste ungewohnt viele Treffer einstecken.

Ständig wanderte sein Blick in die Richtung, aus der der Meister nach Beendigung seiner Mission erscheinen musste.

Da er befürchtete, seine Brüder könnten den Grund für seinen Seelenzustand in seinen Augen ablesen, mied er ihre Blicke, so weit es ging. Die Zeit verging viel zu langsam, doch irgendwann neigte sich auch dieser Tag dem Ende zu.

Kurz vor Sonnenuntergang, als Li Ning bereits schlimme Befürchtungen hegte, betrat Meister Shu endlich den Hof. Am liebsten wäre er sofort wie ein kleines Kind auf ihn zugelaufen, doch er musste sich beherrschen. Ein solches Verhalten wäre eines Mönchs unwürdig.

Der Meister begrüßte die im Hof anwesenden Mönche nacheinander. Als er endlich Li Ning gegenüberstand und auch ihn in gewohnter Weise begrüßte, sagte er mit einem beruhigenden Unterton in der Stimme: „Komm in einer Stunde in den Garten.“

Nun wusste Li Ning, dass seine Befürchtungen nicht eingetroffen waren, sonst hätte er es in den Augen des Meisters lesen können. Oder verstellte sich der Meister, um unüberlegten Handlungen seines Schülers vorzubeugen? Wollte er ihm die schreckliche Nachricht vielleicht schonend beibringen?

Wieder diese Ungewissheit!

Er ging in seine Kammer und wartete voller Ungeduld. Endlich, als er glaubte, die Stunde müsse längst vorüber sein, ging er in den Garten. Doch der Meister war nicht da! Hatte er es sich anders überlegt? Konnte oder durfte er ihm nicht die Wahrheit sagen?

Doch Meister Shu hielt Wort. Ruhig und gelassen schritt er durch das Gartentor, als wisse er nicht, wie sehr er erwartet wurde. Geduld war eine notwendige Tugend für jeden Mönch, vielleicht die notwendigste überhaupt. Auch Li Ning musste diese Lektion lernen, wie sehr es ihn auch schmerzte.

Schweigend ging Meister Shu durch den Garten, und Li Ning schloss sich ihm an.

„Im Moment muss sich niemand Sorgen machen“, begann Meister Shu endlich. “Ek Chen hat die Residenz heute nicht verlassen. Auch deutet nichts darauf hin, dass Ek Chen irgendjemand seine Schande eingestanden oder gar Maßnahmen zu deren Beseitigung ergriffen hat. Ein guter Bekannter der Familie Ling ist in der Residenz des Präfekten tätig und hätte sicher etwas darüber gehört. Es scheint also keine unmittelbare Gefahr zu bestehen. Ek Chen gilt jedoch als sehr rachsüchtig und ist deshalb unberechenbar. Es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass er uns nur in Sicherheit wiegen will, um dann unverhofft handeln zu können. Deshalb verfahren wir so, wie wir es gestern bereits besprochen haben: Du hältst dich bis auf Weiteres hinter den Klostermauern auf, und wir werden draußen die Augen offen halten.“

„Wie verhält sich die Familie Ling?“ wollte Li Ning wissen.

„Auch die Tochter wird in der kommenden Zeit das Elternhaus nicht verlassen. Die Eltern werden auf jede Veränderung in der Umgebung des Hauses achten, und der Bekannte der Familie hält in der Residenz die Ohren offen. Wir können nur hoffen, das Ek Chen seine Rachepläne, sofern er welche hegt, bald aufgibt.“

Li Ning, dem während dieses Berichts ein Stein vom Herzen gefallen war, sagte, sich tief verbeugend: „Ich danke Euch, Meister.“

„Du musst mir nicht danken, Bruder Ning. Du weißt ebenso gut wie ich, dass es meine Pflicht ist, mich um die Sicherheit aller unserer Brüder zu sorgen.“

„Das weiß ich, sicher.“ Doch ebenso wusste Li Ning auch, dass es durchaus nicht die Pflicht des Meisters war, sich um die Sicherheit der Familie Ling zu bemühen. Er nahm sich vor, dem Meister seine tiefe Dankbarkeit zu zeigen, und er wusste auch schon, wie er das am besten tun konnte!

Kapitel 3

Dass ausgerechnet ihm das passieren musste! Ihm, Ek Chen, dem einzigen Sohn des allmächtigen Präfekten!

Es war einfach unglaublich. Erst weigerte dieses dumme Mädchen, ihm zu Willen zu sein, und dann fügte ihm ausgerechnet ein Mönch, der noch dazu waffenlos war und kaum dem Jünglingsalter entwachsen sein konnte, eine derartige Niederlage zu!

Diese Schande musste auf jeden Fall gesühnt werden, koste es, was es wolle. Beide würden mit dem Leben bezahlen müssen, das stand fest. Bevor er das Mädchen töten würde, musste es jedoch ihm gehören. Jawohl, das dumme Ding sollte wissen, was es versäumt hatte!

Doch wie sollte er seiner habhaft werden? Er kannte weder den Namen, noch wusste er, wo es wohnte. Sicher wäre es mit Hilfe seines Vaters ein Leichtes gewesen, dies herauszufinden, doch dann würde er diesem seine Schande eingestehen müssen. Und das wollte er um keinen Preis!

Nein, es musste eine andere Möglichkeit geben. Auch wenn es Jahre dauern würde, er würde Rache nehmen. Und diese Rache würde er auskosten!

Bei diesem Gedanken umspielte ein grausames Lächeln seinen Mund.

Die kommenden Wochen brachten Li Ning wenig Abwechslung. Den Tag verbrachte er mit der Erfüllung seiner Pflichten sowie mit mehrstündigem Training. Um dem Meister seinen Dank zu zeigen, trainierte er nun mit noch mehr Hingabe.

Meister Shu bemerkte es durchaus und zeigte dies auch bisweilen durch ein Lächeln. Er sagte allerdings nichts.

Li Nings Nächte vergingen ebenfalls eine wie die andere: Jiao erschien ihm im Traum, allerdings ohne diesen Ek Chen. Er träumte, wie sie neben ihm durch den Wald ging und vergeblich versuchte, ihre körperlichen Reize unter den zerrissenen Kleidern zu verbergen. In jedem Traum wurden diese Bemühungen jedoch geringer, bis sie es schließlich ganz aufgab. Und auch er bemühte sich nicht mehr, seinen Blick von ihr abzuwenden. Im Gegenteil. Er nahm ihren zerbrechlichen Körper schützend in seine Arme. Die Träume wurden immer intensiver, und seine Sehnsucht wuchs. Mehr und mehr wünschte er den Tag herbei, an dem er die Klostermauern wieder verlassen konnte.

„Bruder Ning“, sagte der Meister endlich eines morgens. „Wir sind der Meinung, dass nun genügend Zeit verstrichen ist. Da Ek Chen seit dem Vorfall weder in der Nähe des Klosters noch in der Nähe des Hauses der Familie Ling gesehen wurde, können wir wohl davon ausgehen, dass er nicht auf Rache sinnt. Du kannst also wieder deinen gewohnten Pflichten nachkommen. Ich möchte dich aber trotzdem bitten, kein unnötiges Risiko einzugehen. Entferne dich noch nicht zu weit vom Kloster, und verständige uns bei drohender Gefahr sofort.“

Scheinbar gelassen gab Li Ning dem Meister dieses Versprechen. Er hätte jedoch vor Freude in die Luft springen können!

Von nun an verbrachte er wieder viel Zeit im Wald, mehr noch als früher. Die Wege, die er dabei zurücklegte, wurden immer größer. Trotzdem verging noch eine ganze Reihe von Tagen, bis er sich in die Nähe des Zieles seiner Träume wagte.

Kapitel 4

Jiao hatte sich an den ersten Tagen nach dem schrecklichen Erlebnis wie verabredet ausschließlich im Haus aufgehalten. Da sie sonst den weitaus größten Teil des Tages im Garten zugebracht hatte, fühlte sie sich eingesperrt. Doch ihre Gedanken ließen sich nicht einsperren! Immer wieder wanderten sie zu dem jungen Mönch, den sie kaum kannte und der ihr doch so vertraut schien. Als sie sich endlich wieder in den geliebten Garten wagen durfte, war sie zwar sehr erleichtert, doch glücklich war sie nicht. Sie war von einer seltsamen Sehnsucht ergriffen, die ihr keine Ruhe ließ. Immer wieder ertappte sie sich dabei, wie ihr Blick in die Richtung wanderte, in der sie das Kloster wusste.

„Jiao ist im Garten“, sagte die Mutter, nachdem Li Ning im Wohnraum einige Zeit mit ihr geplaudert hatte. „Sie wird sich sicher freuen, ihren Retter zu sehen. Kommt, ich begleite Euch hinaus. Ihr müsst wissen, Jiao verbringt die meiste Zeit bei ihren Blumen.“

Li Ning hatte heute allerdings kein Auge für die Blumen. Die Vorfreude auf das Wiedersehen mit Jiao ließ sein Herz bis zum Hals schlagen, und als er sie dann endlich erblickte, raste es geradezu. Er konnte nur hoffen, dass keine der beiden Frauen etwas davon bemerkte.

Dass es Jiao nicht anders erging, konnte er nicht ahnen.

Da beide sehr darum bemüht waren, ihre Gefühle zu verbergen, war die Mutter bei dem nun folgenden Plauderstündchen Alleinunterhalterin. Das störte diese jedoch in keinster Weise, war sie doch froh, ihrem Mitteilungsbedürfnis einmal ungehindert freien Lauf lassen zu können.

Jiao und Li Ning beschränkten sich darauf, ab und zu einen heimlichen Blick auf den anderen zu werfen. Um so mehr erschraken beide, als sich ihre Blicke einmal trafen. Obwohl dieser Blick nur einen Lidschlag währte, war er immerhin lange genug, beiden die Hoffnung zu geben, dass die eigenen Empfindungen erwidert werden. Aus Angst, sich vielleicht getäuscht zu haben, vermieden sie nun gegenseitige Blicke. Stattdessen beteiligten sie sich jetzt ebenfalls an dem Gespräch.

Jiaos Mutter machte sich weder über die anfängliche Schweigsamkeit der beiden Gedanken, noch über deren plötzliche Beredsamkeit. Wie hätte sie denn auch ahnen können, was in den beiden vorging. War doch Jiao in ihren Augen noch ein Kind, und der junge Mann war schließlich ein Mönch!

Der Nachmittag verging viel zu schnell, und Li Ning musste sich viel zu früh verabschieden. Doch er musste vor Anbruch der Dunkelheit das Kloster erreichen.

Von nun an besuchte Li Ning die Familie Ling regelmäßig, jedoch nicht so häufig, dass es aufdringlich wirkte.

Für Jiaos Mutter waren diese Besuche eine willkommene Abwechslung, für die beiden Liebenden die Erfüllung ihrer sehnsüchtigsten Träume.

Eines Tages öffnete auf Li Nings Klopfen niemand. Enttäuscht wollte er sich schon entfernen, als Jiao um das Haus gelaufen kam. „Also habe ich mich doch nicht geirrt“, rief sie erfreut. „Kommt, wir gehen in den Garten.“

„Eure Mutter ist nicht zu Hause?“

„Nein, sie ist in der Stadt, bei Bekannten.“

Li Ning folgte Jiao hinter das Haus in den Garten. Sie setzten sich ins Gras, direkt neben einem der wunderschönen Blumenbeete.

Es war für beide eine völlig neue Situation, allein zusammen zu sein. Erst nach längerem schüchternen Schweigen unterbrach Li Ning die Stille, und sie unterhielten sich über belanglose Dinge, obwohl sie sich doch so unendlich Wichtiges zu sagen hatten!

Sie saßen ziemlich nah beieinander, viel näher, als es sich für die beiden gehörte.

Jiaos Haar duftete verführerisch, und zusammen mit den vielfältigen Düften der Blumen und Gräser war die Wirkung auf den jungen Mönch betörend. Vorsichtig tastete seine Hand nach der ihren, und sie ließ sein zärtliches Streicheln zu. Er schaute ihr in die leuchtenden braunen Augen, fühlte ihr Verlangen, und er wusste sich nicht länger zu beherrschen.

„Jiao“, flüsterte er.

„Li Ning.“

„Jiao, Jiao.“

Sie fielen einander in die Arme…

Aus vielen Träumen gibt es ein schreckliches Erwachen, doch weder Jiao noch Li Ning konnten ahnen, welch unsägliches Leid gerade ihr Traum nach sich ziehen sollte!

Kapitel 5

Als Li Ning sich verabschiedete, tat er dies mit sehr gemischten Gefühlen. Einerseits war er unendlich glücklich, andererseits überkam ihn große Angst vor der Zukunft. Er wusste, dass ihn sein Gelübde an das Kloster band und nichts auf der Welt dieses Gelübde rückgängig machen konnte!

Noch weit mehr sorgte er sich um Jiao. Was sollte aus ihr werden, wenn jemand das Geschehene erführe? Eine Frau durfte nur mit ihrem Ehemann intim sein – und dieser würde er niemals sein können!

Die Verantwortung lag allein bei ihm. Durch seine Unbeherrschtheit hatten sie sich eines der schlimmsten Vergehen schuldig gemacht. Niemand durfte jemals davon erfahren; ihre Liebe musste für immer ein Geheimnis bleiben!

Je mehr er sich dem Kloster näherte, desto mehr plagte ihn sein schlechtes Gewissen. Wie sollte er nur seinen Brüdern unter die Augen treten?

Zum Glück begegnete ihm im Hof kaum jemand, und den wenigen schien nichts aufzufallen. Er glaubte schon, niemand würde etwas bemerken, da begegnete ihm der Meister. Ein Ausweichen war unmöglich, und gerade den Meister würde er nicht täuschen können! Keiner kannte ihn so gut wie Meister Shu, und niemand konnte den Menschen ihre Gedanken so sicher von den Augen ablesen wie er. Li Ning wusste, dass sein Blick für den Meister wie ein offenes Buch war. Vor Scham schlug er die Augen nieder.

Meister Shu verriet jedoch mit keinem Wort, keiner Geste, sein Wissen über Li Ning`s schlechtes Gewissen.

An den nächsten Tagen verhielt sich Li Ning äußerlich völlig normal. Seine Brüder schienen nichts gemerkt zu haben, und der Meister tat weiterhin, als sei nichts geschehen.

Li Ning wagte selbstverständlich nicht, die Besuche bei der Familie Ling fortzusetzen, das konnte er Jiao unmöglich antun. Und wenn er sie schon nicht glücklich machen konnte, musste er versuchen, sie zu vergessen!

Beim Training gelang ihm das wenigstens teilweise. Doch spätestens abends, wenn er allein in seiner Kammer war, kehrte die Erinnerung zurück. Die Sehnsucht nach Jiao und sein schlechtes Gewissen führten in seinem Inneren einen aussichtlosen Kampf.

Li Ning wusste sich irgendwann nicht mehr zu helfen und beschloss, sich dem Meister anzuvertrauen. Er war sich durchaus bewusst, welche Konsequenzen daraus für ihn erwachsen konnten. Er lief Gefahr, in Schande aus dem Kloster ausgestoßen zu werden, was praktisch seinen Tod bedeutet hätte. Ein ausgestoßener Mönch war ein Mann, der seine Ehre verloren hatte und zwangsläufig dazu verurteilt, sich das Leben zu nehmen. Doch alles wäre Li Ning lieber gewesen als der jetzige, unerträgliche Zustand.

Eines Abends, als er den Meister im Garten bemerkte, suchte er, wie zufällig, dessen Nähe.

„Bruder Ning“, sprach der Meister seinen Lieblingsschüler an. „Du möchtest etwas Wichtiges mit mir besprechen?“

„Ja, Meister. Es ist mir nicht möglich, mein schändliches Verhalten länger für mich zu behalten.“ Wie sollte er es dem Meister nur sagen? Doch dann sprudelten die Worte nur so aus seinem Mund: „Meister, ich habe unserem Kloster große Schande bereitet.“ Schamrot, mit gesenktem Kopf, beichtete er sein Vergehen.

Lange währte das Schweigen des Meisters, sehr lange. Zu ungeheuerlich musste die Tat in seinen Augen sein.

Li Ning fürchtete das Allerschlimmste.

„Nun, Bruder Ning“, begann Meister Shu endlich. „Auch ich war einmal jung. Auch ich habe hübsche Mädchen kennen gelernt, und auch ich habe sie begehrt. Doch dass du dich so weit vergessen konntest, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich muss dir sicher nicht sagen, dass ich sehr enttäuscht bin. Du bist dir der möglichen Folgen deiner Tat bewusst?“

„Ja, Meister.“

„Du wirst sie nie wiedersehen?“

Diese Worte fuhren Li Ning wie Messerstiche ins Herz. Ihm war, als höre sein Blut auf zu fließen. Aber er hatte keine Wahl. Und war er sich dessen nicht schon vorher bewusst gewesen? Hatte er es nicht schon selbst so beschlossen? Trotzdem brachte er die Worte nur mit Mühe über die Lippen: „Nein, Meister. Niemals.“

„Gut. Dein Verhalten kann ich nicht billigen, doch kann und will ich dich nicht verurteilen. Dies zu tun, ist einzig unserem Herrn vorbehalten. Aber ich verlasse mich auf dein Wort. Du wirst sie nie wiedersehen.“

„Ja, Meister“, wiederholte Li Ning. Obwohl ihm das Herz brechen wollte, so war er doch auch erleichtert. Der Meister hatte ihn nicht verurteilt, und er würde ihn auch nicht verraten. Tiefe Dankbarkeit erfüllte den jungen Mönch.

Doch auch die tiefste Dankbarkeit konnte die Erinnerung an Jiao nicht völlig verdrängen. Abends, wenn er einzuschlafen versuchte, erschien ihm das Bild der jungen Frau, als sei sie gegenwärtig. Er glaubte sie zu spüren, sie in den Armen zu halten. Und wenn er in die Wirklichkeit zurückgekehrt war, fühlte er sich allein und unglücklich. Die Wiederholung des schönsten Erlebnisses seines Lebens würde für immer ein Traum bleiben. Nie wieder würde er den Duft ihrer Haare einatmen, nie wieder die Sehnsucht in ihren Augen lesen und nie wieder ihren verlangenden Körper spüren. Nie wieder!

Oft holte ihn nun auch wieder dieser furchtbare Traum ein, in dem ihm Jiao als Ermordete erschien. Und wenn er erwachte, war er ebenso schweißgebadet wie beim ersten Mal.

Kapitel 6

Jiao ging ihrer Lieblingsbeschäftigung nach, der Pflege ihrer Blumen. Doch ihre Gedanken waren woanders. Immer wieder wanderte ihr Blick zum Eingang des Gartens, und jedesmal war ihre Enttäuschung groß. Seit nun schon drei Monaten waren ihre Blicke vergeblich. Li Ning kam nicht, und der Grund dafür war ihr unbegreiflich. Sicher war es ihre Schuld. Niemals hätte sie sich ihm hingeben dürfen! Verachtete er sie am Ende deshalb? Aber sie hatte doch gespürt, dass sein Verlangen ebenso groß gewesen war wie das ihre. Warum also kam er nicht?

Jiao fühlte sich schwach und elend. In jüngster Zeit hatte sie häufig mit Schwindelanfällen zu kämpfen und musste sich manchmal sogar übergeben. Auch hierfür hatte sie keine Erklärung und machte ihre Sehnsucht dafür verantwortlich.

„Jiao, Li Ning war lange nicht hier.“ Wie ein Schlag ins Gesicht trafen sie die Worte ihrer Mutter, die sich ihr unbemerkt genähert hatte.

„Nein“, hauchte sie, ihrer Stimme kaum mächtig.

„Er kommt nicht mehr?“

Sie glaubte das Rauschen eines Sturmes zu hören, doch kein Lüftchen regte sich. „Ich weiß es nicht.“ Lauter und lauter wurde das Rauschen in ihren Ohren.

„Du hast dich ihm hingegeben?“

Alles um sie herum schien in Bewegung geraten zu sein. „Du weißt…?“ Sie sah die Blumen auf sich zukommen, dann spürte sie nichts mehr.

„Jiao, Jiao, komm zu dir.“

Wie aus weiter Ferne drang die Stimme der Mutter an ihr Ohr. Nur langsam kam sie wieder zu sich, aber damit kam auch die Erinnerung an die letzten Worte ihrer Mutter zurück. Sie wusste es also! Was würde sie jetzt tun? Wusste auch der Vater schon davon? Welch eine Schande hatte sie ihren geliebten Eltern zugefügt. Wenn sie doch wenigstens sterben könnte! Mühsam erhob sie sich.

Frau Ling las die Verzweiflung in den Augen ihrer Tochter und nahm sie in die Arme, wie schon seit Jahren nicht mehr. Mit einem tiefen Seufzer umschlang Jiao den Hals ihrer Mutter. Sie war nicht länger in der Lage, die Tränen zurückzuhalten.

„Weine nur, mein Kind. Weinen erleichtert.“

Als Jiao`s Tränen versiegt waren, hielt Frau Ling sie noch immer in den Armen. Sie musste ihrer Tochter jetzt sehr weh tun, aber es hatte keinen Sinn, es länger hinauszuzögern.

„Du musst jetzt sehr tapfer sein, Jiao. Ich weiß, du fühlst dich in letzter Zeit häufig unwohl. Und glaube mir, es wird noch schlimmer.“

„Mutter, ich liebe ihn“, brach es aus der jungen Frau heraus. „Ich kann an nichts anderes denken, nichts macht mir mehr Freude. Ich weiß, dass auch er mich liebt, warum nur kommt er nicht?“

„Jiao, du musst ihn vergessen.“

Sie riss sich von ihrer Mutter los. „Li Ning vergessen? Das könnte ich niemals! Und warum sollte ich?“

„Er kommt nicht wieder. Nie mehr!“

Jiao knickte in den Knien ein, und hätte die Mutter sie nicht gehalten, wäre sie erneut auf das Blumenbeet gesunken. Was hatten diese Worte der Mutter zu bedeuten? Woher konnte sie wissen, dass Li Ning nicht wiederkommen würde? „Ist ihm etwas geschehen?“, rief sie. „Um Himmels Willen, Mutter, so sage doch etwas!“

„Nein, es ist ihm nichts geschehen, aber er kommt trotzdem nicht wieder.“

„Aber warum nicht?“

„Sein Gelübde verbietet es ihm. Du musst ihn vergessen.“

Gelübde! Vergessen! Jiao konnte die Worte der Mutter nicht begreifen. Sollte Li Ning wirklich schon das Gelübde abgelegt haben? Aber es gab doch keine Möglichkeit, von diesem Gelübde entbunden zu werden! Also sagte die Mutter die Wahrheit. Sie würde Li Ning nie wiedersehen. Doch vergessen? Vergessen würde sie ihn ebenso wenig, auch das wusste sie.

„Jiao, ich muss dir noch etwas sagen. Etwas noch viel Schlimmeres.“

Ungläubig schaute sie die Mutter an.

„Es ist wahr, Jiao, dass die Sehnsucht nach einem Menschen sehr weh tut. Und wenn man weiß, dass diese Sehnsucht niemals in Erfüllung geht, ist es umso schlimmer. Doch diese Sehnsucht, mein Kind, ist nicht der alleinige Grund für dein Unwohlsein.“

Jiao war kaum eines vernünftigen Gedankens fähig. Welchen Grund konnte es wohl sonst geben?

„Kannst du dir wirklich nicht denken, was ich meine?“

Jiao schaute ihre Mutter verständnislos an und schüttelte den Kopf.

Frau Ling wusste, dass ihre Tochter am Ende ihrer Kräfte war, doch sie musste ihr die Wahrheit sagen. Je eher sie es wusste, desto schneller würde sie auch darüber hinwegkommen, sofern das überhaupt möglich war.

„Jiao, mein Kind. Wenn Mann und Frau sich vereinigen, dann ist es durchaus möglich…“ Ihr versagte die Stimme.

In Jiao keimte ein Gedanke, der völlig unfassbar schien. Nicht auch das noch! „Nein“, schrie sie. Dann verließen sie die Kräfte, und auch Frau King war außerstande, ihre Tochter zu halten. Lautlos glitt Jiao auf das Blumenbeet.

Kapitel 7

Li Ning trainierte wie ein Besessener. Es war für ihn die einzige Möglichkeit zu vergessen. Und er musste vergessen, wollte er nicht schwachsinnig werden! Die damit verbundenen körperlichen Qualen empfand er als gerechte Strafe für seine Sünde. Jede freie Minute nutzte er zum zusätzlichen Training. All seine Energie, jeden Gedanken konzentrierte er von nun an auf das Kung Fu. So konnte er seinem Meister seine Dankbarkeit am besten beweisen; und er wollte Jiao vergessen!

Sein Körper passte sich der übermenschlichen Belastung an, und bald gab es keine Technik mehr, egal ob mit oder ohne Waffe, die er nicht nahezu perfekt beherrschte. Doch nicht nur das. Er begann, über die seit Generationen unverändert überlieferten Techniken nachzudenken, sie abzuwandeln, zu verbessern, ja neue Techniken zu entwickeln!

So vergingen viele Monate.

Meister Shu verfolgte Li Ning`s Tun zuerst mit einiger Skepsis. Auch er hatte sich sein Leben lang mit dem Kung Fu beschäftigt. Alle Techniken beherrschte er präzise, und er war auch in der Lage, sie im Kampf schnell und wirksam einzusetzen. Und er war der Meister des legendären Klosters von Shaolin! Aber er wäre nie auf den Gedanken gekommen, die traditionellen Techniken zu verändern!

Je länger er Li Ning beobachtete, desto überzeugter war er, dass in seinem Schüler ein junger Mönch heranwuchs, der in der Lage war, die, wie er bisher geglaubt hatte, perfekte Kampfkunst des Klosters von Shaolin entscheidend weiterzuentwickeln. Dieser Gedanke faszinierte ihn, und er war entschlossen, Li Ning zu unterstützen, so gut er konnte.

„Bruder Ning“, sagte er eines Tages. „Ich sehe, du planst große Dinge. Ich würde mich freuen, wenn ich dir bei deinem Vorhaben behilflich sein könnte. Du hast sehr gute Ideen, viel Fantasie, doch ich habe mehr Erfahrung.“

Li Ning hatte natürlich bemerkt, dass der Meister ihn in jüngster Zeit intensiver als sonst beobachtete. Er hatte schon befürchtet, dieser könne sein Vorhaben für lächerlich halten, es ihm vielleicht sogar untersagen. Doch nun erwies sich diese Befürchtung als grundlos. Im Gegenteil, der Meister bot ihm sogar seine Unterstützung an! Li Ning war begeistert.

Von nun an verbrachten Meister und Schüler noch viel mehr Zeit miteinander, und beide gingen in ihrer Tätigkeit völlig auf. Die Erinnerung an die schöne Jiao verblasste ein wenig, sie ganz zu vergessen, gelang ihm jedoch nicht.

Kapitel 8

„Sun Ling, wir müssen mit dir reden“, sagte Jiaos Mutter.