Der ShortStoryToaster - Jochen Ruscheweyh - E-Book

Der ShortStoryToaster E-Book

Jochen Ruscheweyh

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Beschreibung

Eine Sammlung von ShortStorys des Indie- und Ruhrgebietsautoren aus über 10 Jahren kreativen Schreibens und gleichzeitig so aktuell wie nie. Ein unterschwellig mitschwingendes Subthema: Sind im Web veröffentlichte Texte verbrannt oder hat sich in den letzten Jahren ein Wandel auf demBuchmarkt vollzogen? Außergalaktisch surreal, psychopathologisch sexy, schockierend regional, kriminell heartwarming und politisch skandalös: Jochen Ruscheweyh at its best und garantiert 37 mal unter 10000 Zeichen.

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Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Impressum

Intro: ShortWort

Wasser des Lebens

Animal Farm

Juliana Walthers / Karateporno-Produzentin

Schlaflos

Kundenakquise

Harte Bandagen, emotional empfänglicher Kern

How to kill an author

Kopfsache

Das asiatische Mädchen mir gegenüber

Don‘t you want somebody to love

Hinter dem Vorhang

How to kill another author

Nachtigall, ick hör dir synapsen

Der burmesische Karpfen

… und der Schröder sitzt in Moskau

Nach Hause kommen

Die Viskosität osteuropäischen Industrie-Brotteiges

The Story of Hendrik

Galaktisches Mädchen

In der Schwimmhalle

Cruisen mit Ed

Der Strawberry LoveSkateShake

Gradlinig

Der K/B-Effekt

Ich atme sein Grau

Der Koala in mir

Zusammenstoß

Nicht der Feuerspringer von Montana

Simon says

Der Lotus-Banker

Jenseits der Spuren Gottes

Nutte der Lobbyisten

Hashtag Hemingway

Neue Synapsen bilden sich nicht so leicht

Ab jetzt für immer geschlossen

Der gute Pfeffer von Szechuan

Spielt nicht bei Sham al Shabat!

Outro:Bioshake/Über den Autor

Jochen Ruscheweyh

Der ShortstoryToaster

37 vermeintlich im Web verbrannte Shorts

Impressum

Texte:

© 2011 - 2022 Jochen Ruscheweyh

Cover:

© 2022 Jochen Ruscheweyh und Jeanette Mielke

Verantwortlich für den Inhalt:

Jochen Ruscheweyh Autor

Hohler Weg 9

59174 Kamen

Web:

www.shakemybantahoe.de

instagram:

jruscheweyhautor

Vertrieb:

epubli - ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

1.Auflage Dezember 2022

Die Namen der im Buch handelnden Personen sind frei erfunden. Etwaige Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht intendiert und wären Zufall.

Intro: ShortWort

Alle Texte dieser ShortStorySammlung sind im Rahmen des Mitmachprojektes des Schreiblust Verlags entstanden und auf dieser Plattform in Vorversionen online veröffentlicht worden. An dieser Stelle daher noch einmal meinen persönlichen Dank an Andreas Schröter, der Schreiblust seit Jahren möglich macht und an die Schreiblust-Community für Feedback und Kollektiv-Lektorat/Korrektorat.

Es gibt einige Stimmen, die kommunizieren, bereits im Internet veröffentlichte Texte seien verbrannt.

Oki, wenn jemand der Meinung ist, oh ja, erheblicher Grillkohle-Faktor, dann erinnere ich an die Best of ... - Alben in unseren Plattensammlungen, auf denen sich ausschließlich Songs befinden, die bereits veröffentlicht gewesen sind und außerdem daran, dass nach der Verbrannt-Logik ein illegal ins Netz gestellter Download eines eBooks das eBook selbst zum Brennen bringen müsste.

Konkret: Wenn diese ShortStorySammlung hier trotz der Bedenken mancher Menschen total durch die Decke geht, haben wir die vermeintlichen, ungeschriebenen Gesetze des Print-Business gemeinsam ad absurdum geführt. Kommt schon, das wäre ein großartiger Spaß, oder?

Also, support your local selfpublisher, support me und empfehlt dieses verdammte Buch weiter!

Wasser des Lebens

Mike Stern setzte sein Glas ab. ,Dieser Geschmack! Ich muss das Geheimnis dieses Whiskys ergründen. Koste es, was es wolle!‘ Ohne auch nur einen Augenblick länger zu warten, griff er nach Hammer und Brecheisen. Der alte Shane wollte den jungen Amerikaner noch zurückhalten, aber Mike hatte das Eisen bereits zwischen die Dauben des Fasses getrieben.

Die ersten Holzspäne splitterten ab und sprangen wilden Funken gleich gegen die Wände des Kellergewölbes.

Wie von Sinnen bearbeitete Mike das alte Eichenholz jetzt.

Dann hatte er sein Ziel erreicht, der Rumpf öffnete sich.

Im Inneren schwappten die letzten Reste des Malt Whiskys umher und – Mike rang nach Luft und riss sich seinen obersten Hemdknopf auf – ein dunkelrotes, durch den über sechzigprozentigen Alkohol konserviertes menschliches Herz.

Der fullhearted Whisky!

August Wilmbach klappte das Buch zu und nahm seine Lesebrille ab. „Wer mich kennt, weiß, warum ich als erfahrener und medienpräsenter Whisky-Connoisseur meine Vorträge immer mit dieser Geschichte schließe. Es ist mein Rat, aber auch meine Warnung an Sie: Lassen Sie sich von einem Single Malt Whisky verzaubern, aber versuchen Sie nie, sein Geheimnis zu ergründen! Ich danke der Weinhandlung Rennert für ihre Gastfreundschaft und wünsche Ihnen allen einen guten Heimweg.“

Bernhard Volkerts drängte zusammen mit den anderen Gästen nach draußen und entfaltete seinen Regenschirm im Schutze des Vordaches.

„Können Sie mich ein Stück mitnehmen, Bernhard? Sie sind doch mit dem Wagen da ... ?“

„Sicher, kein Problem, ich kann Sie auch direkt bei Ihnen zu Hause absetzen.“

Georg Büssing nickte. „Das wäre fabelhaft, bei diesem Schmuddelwetter.“

„Mein Wagen steht dort drüben, kommen Sie.“

„Noch ein kleines Stück weiter, am Ausgang der Kurve, da können Sie mich rauslassen.“

„Richtig ländliche Gegend hier“, sagte Volkerts und brachte den Wagen zum Stehen.

„Für viele zu ländlich“, gab Büssing zurück.

Der Regen prasselte gegen die Frontscheibe. Die Wischer zogen immer wieder kleine Abschnitte tropfenfrei, scheiterten aber dennoch an ihrer Aufgabe, das Glas durchsichtig zu halten.

„So, da wären wir“, sagte Volkerts.

„Ja, angekommen“, bestätigte Büssing.

„Bleiben Sie ruhig noch einen Moment sitzen, bis es etwas nachgelassen hat.“

„Das wäre wohl besser.“

Volkerts schaltete die Innenbeleuchtung ein und dimmte das Licht leicht.

Sie schwiegen.

„Kann ich Sie etwas Persönliches fragen, Bernhard?“, begann Büssing nach einer Weile.

„Ja, sicher.“

„Haben Sie schon einmal daran gedacht, es zu tun?“

Vor ihnen zogen die Wischer ihre Bahnen. Der linke schlug bei jedem zweiten Lauf gegen den Metallrahmen der Windschutzscheibe.

„Was zu tun?“, fragte Volkerts.

„Haben Sie schon einmal daran gedacht, Ihren eigenen Fullhearted Whisky zu kreieren?“, setzte Büssing nach.

„Was für eine absurde Frage! Natürlich nicht!“

Büssing drehte den Siegelring an seinem kleinen Finger, bis er abrupt stoppte. „Sind Sie sicher?“

„Jetzt machen Sie mal einen Punkt, Georg“, stieß Volkerts hervor. „Der Fullhearted Whisky ist ein Volksmärchen, eine Fiktion, und das ist auch gut so.“

„Ich frage Sie noch einmal“, entgegnete Büssing. „Sind Sie sich absolut sicher?“

Volkerts kniff die Lippen zusammen und starrte auf das Armaturenbrett seines Landrovers.

Einige Wischintervalle später fragte Büssing: „Wie lange treffen wir uns jetzt schon auf Whisky-Tastings, Bernhard? Ich denke, an die acht Jahre. Sie wissen rein gar nichts über mich. Sie fachsimpeln ab und zu mit mir, und dann tauchen Sie wieder in Ihren Mikrokosmos ab. Ich hingegen bin ein Volkerts-Experte. Ich kann Ihnen genau sagen, wie Sie Ihr Nosing-Glas halten, ich erkenne allein an Ihren Gesichtszügen, ob Sie einen Speyside oder einen Lowland Malt verkosten, und ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie sich Ihren Single Malt gerne mal mit einem Drop of Blood statt einem Spot of Water strecken.“

Büssing griff nach Volkerts Hand und drehte sie so, dass dessen zerstochene Fingerkuppen im Schein des Innenraumlichts deutlich sichtbar waren. „Oder sind Sie etwa Diabetiker, Bernhard?“

Volkerts riss seine Hand zurück und fixierte wieder das Armaturenbrett mit seinem Blick.

Die Scheibenwischer zogen weiter monoton ihre Bahnen.

Büssing begann erneut, seinen Siegelring zu drehen, und wandte sich zum Seitenfenster.

Der Regen fiel jetzt senkrecht und trommelte förmlich auf das Dach des Landrovers.

„Da kommt ja einiges runter“, begann Büssing von Neuem. „Der vielgerühmte Edinburgher Stadtregen ist nichts dagegen ...“

„Was wollen Sie von mir, Georg?“

„Eine Antwort“, entgegnete Büssing.

Volkerts umfasste das Lenkrad mit beiden Händen. Seine Finger gruben sich so tief in den äußeren Kranz, dass die Knöchel gelb anliefen. „Ja, verdammt noch mal, ja, ich habe schon einmal daran gedacht. Sind Sie jetzt zufrieden?“

Ein Lächeln lag auf Büssings Gesicht, als er seinen Anschnallgurt löste und sich Volkerts soweit näherte, dass sich ihre beiden Gesichter beinahe berührten. „Ich merke, wie du schluckst, wenn Mike sich in der Geschichte das erste Glas Malt einschenkt, ich kann sehen, wie sich dein Adamsapfel bewegt, wenn du deinen Speichel die Kehle hinunterzwängst, und ich bin mir sicher, dass du dir vorstellst, es wäre der Fullhearted, der seinen Flavour in deinem Mund entfaltet.“

Volkerts schloss die Augen, rieb sich die Stirn und schaltete die Scheibenwischer auf ein schnelleres Intervall hoch. „Sie wissen genau, dass es immer ein Traum bleiben wird. Es kann keinen Fullhearted Whisky geben, weil es ... na, eben unmoralisch wäre, welchen herzustellen. Und jetzt Themenwechsel, ja?“

Büssing lehnte sich zurück, faltete die Hände und atmete hörbar tief ein. „Ein Traum? Das muss es nicht bleiben, Bernhard, das muss es nicht.“

„Was haben Sie gerade damit gemeint?“, griff Volkerts das Thema nach einer Pause wieder auf.

„Wir beide sind anders als die meisten Idioten da draußen, Bernhard.“ Büssing deutete aus dem Fenster. „Wir schätzen das Besondere, oder besser noch: Wir leben für das Besondere. Ich bin siebenundfünfzig Jahre alt und habe so ziemlich jeden Malt gekostet, der auf dem Markt verfügbar ist. Ich könnte sicherlich noch ein paar Jahre so weitermachen, aber ich habe Angst, dass sich dieses Gefühl, dieser Kick abnutzt. Ich will abtreten, bevor das geschieht, verstehst du?“

„Jeder Malt Whisky ist einzigartig. Es wird immer besondere Abfüllungen zu entdecken geben.“

„Ach komm, Bernhard, verkauf´ mich nicht für dumm. Ich sehe doch, dass du dich genauso getrieben fühlst wie ich.“

Büssing lehnte seinen Kopf gegen die Nackenstütze. „Ich bin gesund, ich rauche nicht, treibe ab und zu Sport und habe gute Cholesterin-Werte. Ich bin der ideale Mann für dich.“

„Denken Sie nicht einmal daran, Georg.“

„Es wäre so leicht, Bernhard. Ich würde mich nicht wehren, weil ich mir nichts sehnlicher wünsche. Die Essenz meines Lebens geht in einen wunderbaren Malt Whisky über. Ich hauche mein Dasein in einem akazienfarbenen Strom in Fass-Stärke aus.“

Büssing gestikulierte jetzt wild mit den Armen. „Ich habe gesehen, du hast deine Angelausrüstung hier im Wagen. Ein schneller Schnitt mit einem scharfen Fischmesser, ein paar Handtücher in die Wunde und mein Herz wandert in einen deiner Köderfischbehälter. Ich habe heute einen dezenten, aber charaktervollen Springbank zum Aufgießen erstanden, ideal für eine blumige Vor-Konservierung!“

„Ich weigere mich, mir Ihren Unsinn länger anzuhören.“

„Das Felsenmeer im Sauerland, keine dreiviertel Stunde von hier. Da gibt es Erdspalten, die bis zu hundert Meter tief sind. Lass ein Stück brennendes Papier hineinfallen ...“

„Hören Sie auf, Georg!“

Büssing drückte seinen Körper durch und starrte an den Himmel der Fahrerkabine. „Es muss heute sein. Heute ist der perfekte Tag. Exzellenter Whisky und jetzt dieser verdammte Regen. Kaum jemand unterwegs ...“

„Verlassen Sie auf der Stelle meinen Wagen!“

„Bernhard, jetzt beruhige dich doch erstmal wieder ...“

„Ich meine es ernst. Raus!“

Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, stoppte der Regen plötzlich.

„Ich hatte geglaubt ...“, begann Büssing.

Volkerts schaltete die Wischanlage ab und legte beide Arme auf das Lenkrad.

Büssings Mundwinkel zitterten. „Ich hatte ...“

Er verstummte.

Die Scheibenwischer hatten mittlerweile ein transparentes Feld geschaffen, das den Blick auf die Straße vor ihnen freigab, durch die ein leichter Wind wehte. Zu schwach, um das feuchte Laub auf dem Gehweg emporzuheben und fortzutragen oder die Stille, die sich jetzt im Wageninneren ausbreitete, zu übertönen. Einzig das Ticken der Uhr, dessen Schall sich über das Armaturenbrett fortsetzte, war zu vernehmen.

Mechanisch. Präzise. Und konstant.

Büssing band seinen dünnen Kaschmirschal neu, knöpfte seinen Mantel zu und blickte zu Volkerts hinüber. „Diese Sache ...“, begann er, „ich meine, was gerade geschehen ist ... worüber wir gesprochen haben, wird doch nicht zwischen uns stehen, oder?“

Volkerts richtete sich auf und schüttelte kurz den Kopf.

„Gut“, sagte Büssing, „das ist gut ... sehen wir uns nächsten Donnerstag beim Tasting in Frankfurt?“

„Ja“, antwortete Volkerts, „wir sehen uns.“

„Gut.“

Büssing öffnete die Verriegelung und stieg aus. Ein letztes Mal beugte er sich in den Fahrerraum. „Und danke noch mal, Bernhard für ... das Reden ... und Ihr ... Ihr Verständnis.“ Er drückte die Tür mehr zu, als dass er sie ins Schloss warf.

Volkerts nahm seine Hände vom Lenkrad. Sie zitterten.

Er öffnete das Handschuhfach und zog einen Metall-Flachmann hervor. Seine Finger schienen ihm kaum zu gehorchen, als er den Verschluss aufschraubte und zwischen seine Oberschenkel klemmte. Aus der Brusttasche seines Tweed Jackets holte er eine Injektionskanüle.

Beim dritten Versuch gelang es ihm, die Schutzhülle abzustreifen; ein kurzer Stich, ein hängender Blutstropfen an seiner Mittelfingerkuppe. Er quetschte das Gewebe mit Daumen und Ringfinger und ließ den Tropfen in den umgedrehten Verschluss fallen. Anschließend füllte er mit Malt Whisky auf und führte das kleine Behältnis vorsichtig an seine Lippen.

Beinahe augenblicklich ging sein Atem wieder gleichmäßiger.

In einiger Entfernung vor ihm: Georg Büssings Umrisse; undeutlich, beinahe eins geworden mit der schlecht beleuchteten Straße.

„Verdammt!“, zischte Bernhard, schlug auf das Lenkrad und verbarg seinen Kopf in seinen Armen.

Einen Moment später blickte er auf und nach vorne. Wie von selbst fand seine Hand den Zündschlüssel.

Animal Farm

Draußen ging bereits wieder die Sonne auf. Viertel vor vier. Also zog ich mir etwas über und schlurfte die Treppe herunter, durch den Flur auf die Veranda.

Paulina saß mit dem Rücken an einen Pfeiler gelehnt und rauchte eine Zigarette. „Du meinst sicher, ich kann dich nicht leiden. Aber das stimmt nicht.“ Sie klopfte mit ihrer rosa Pfote auf den Mauervorsprung. „Komm, setz’ dich neben mich!“

Dass Paulina sprechen konnte, verblüffte mich nicht. Ich war vielmehr überrascht, dass ihre Stimme so viel weicher als ihr hysterisches Quieken vom Vortag klang.

Die Mauer dünstete die Kühle und Feuchte der Nacht aus. Paulinas Vorderbein aber fühlte sich wunderbar warm an; genau, was ich jetzt brauchte. Außerdem besaß es dieselbe Haptik wie der hochwertige Velour-Teppich im Schlafzimmer meiner Eltern.

Wir hockten eine Weile dort in der Morgendämmerung, ohne dass unser Schweigen unangenehm wurde.

Ich glaube, es passierte in dem Moment, als Paulina ihre Zigarette ausdrückte, dass sie mich ansah und sagte: „Weißt du, was dein Problem ist? Deine Antriebsarmut! Und dir fällt es schwer zu differenzieren.“

Ich erkannte nicht sofort, worauf Paulina hinauswollte. Sie legte ihre Pfote an meine Stirn, und wie ein Einspieler in einem TV-Boulevard-Magazin blitzten Situationen vor mir auf. Gelegenheiten, bei denen ich mein vermeintliches Schicksal widerstandslos angenommen hatte, statt das einzufordern, was mir zustand. Irgendwann erhob sich Paulina und sagte: „Es könnte sein, dass ich dir demnächst wehtun muss. Nimm es mir nicht übel, aber es geht manchmal nicht anders.“

„Okay“, erwiderte ich, denn ich wusste, ich würde sie töten. Möglicherweise nicht morgen oder übermorgen, aber spätestens, wenn sie mir geholfen hatte, mein Ziel zu erreichen.

Ich beobachtete, wie sie aufrechten Ganges in Richtung Stall schritt, als wäre es das Normalste der Welt für eine Sau.

„Los, jetzt bist du dran!“ Michael drängte mich in den Verschlag. „Die Sau ist harmlos, du musst nur deinen inneren Schweinehund überwinden.“

„Jau, Schweinehund, das is‘ gut. Ich lach’ mir ’n Ast. Volle Kanne doppeldeutig!“, fiel Frank mit ein.

Was für Komiker! Aber ich hatte Zeit. Kleine Ziele, die realistisch zu erreichen sind, das trichterten sie einem doch immer ein, egal, welche Maßnahme, welches pädagogische Konzept und welcher Kostenträger. Alles vollkommen durchschaubar.

„U S V S t eem?“, las Michael, „Warum haste denn die beknackten Buchstaben auf deinem Shirt drauf?“

Noch etwas Aufgeschnapptes: Man muss den Klienten da abholen, wo er steht! Also sagte ich: „Meine Fresse, null Ahnung, irgend so eine Wäscherei-Nutte muss mein Zeug vertauscht haben!“

Michael schlug mir beinahe freundschaftlich auf den Rücken und stellte gleichzeitig fest: „Wenn du noch mehr Probleme mit denen da in die Wäscherei hast, dann sag auf jeden Fall Bescheid, die haben sowieso noch was bei uns im Salz liegen. Eigentlich haben die meisten was bei uns im Salz liegen. Ach egal, sag einfach Bescheid, klar?“

Ich hatte das Gefühl, dass Paulina mich anstarrte. Sämtlicher Liebreiz, den ich vor wenigen Stunden noch in ihren Augen gesehen hatte, schien verschwunden. So, wie sie es angekündigt hatte.

Sie hatte sich wieder in das zurückverwandelt, was sie in Wirklichkeit war: Eine fette Geburtsmaschine, die einmal halbiert an einem Haken hängen und einen blauen Kreis für minderwertige Qualität auf die Hüfte gestempelt kriegen würde.

Paulina grunzte. Laut, wild und hässlich. Zeitgleich schoss etwas vor, zerriss meine Hose, rammte seine Hauer in meine Wade und begann, mit den Kiefern zu mahlen. Der Schmerz kam direkt und mit unbeschreiblicher Intensität, stärker als ich erwartet hatte.

Ich spürte mich!

Irgendwie schaffte ich es dennoch, nicht zu schreien, einen Finger in das austretende Blut zu drücken und mir damit drei Striche auf jede Wange zu ziehen, bevor ich in Bewusstlosigkeit versank.

„Kannst du mir mal verraten, wie man es anstellt, eine altersschwache Sau so zu reizen, dass sie einem den kompletten Unterschenkel zerfetzt, Junge?“

Ich drehte mich auf die andere Seite. Was wusste dieser Drei-Betten-Hospital-Arzt schon über meine Motivation oder über Paulina?

„Wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass unser Herrgott dir mehr Intelligenz mitgegeben hat als den ganzen anderen kleinen Idioten in dieser Maßnahme, die nach meinem Dafürhalten nur Steuergelder verschwendet, dann würde ich jetzt mein Autogramm unter das Formular setzen und dich postwendend wieder rüberschicken.“

Er machte eine kleine Pause, schien auf eine Reaktion von mir zu warten. „Aus deiner Akte weiß ich, dass du viel über Reisen und fremde Kulturen liest. Und dass du dich gut ausdrücken kannst. Also, willst du über irgendwas reden?“

Ich stierte erst ihn, Dr. Jankermann – so hatte er sich zumindest vorgestellt – an, dann die Wand.

„Also gut, es ist dein Leben, nicht meins“, sagte Jankermann. „Noch drei Tage zur Beobachtung, dann gehst du wieder rüber.“

Gegen Ende der Woche kam Paulina in mein Zimmer und brachte mir einen bunt zusammengestellten Strauß Sommerblumen, so wie sie damals zu Hauf an der Straße gelegen hatten.

Eine Weile saß sie nur schweigend da, dann entledigte sie sich ihrer sehr geschäftsmäßig wirkenden Kostüm-Jacke, die nicht über ihre wirkliche Profession hinwegzutäuschen vermochte. Ihr Bauch mit den rosafarbenen Zitzen fiel in mehreren Wellen über ihre Hose. „Findest du mich eigentlich attraktiv?“

Was für eine Frage an jemanden, dem sich augenblicklich nicht viele Möglichkeiten boten!

Ohne eine Antwort abzuwarten, schälte sie sich aus ihrem knappen, karierten Hüftrock und kroch zu mir ins Bett. „Du weißt, dass es nur um eins geht, oder?“

Ich nickte, sah sie an und sagte: „Ja!“

Was ich allerdings dachte, war ,Wir oder Sie’.

„Gut“, grunzte sie und fing an, mich zu beißen.

„Du musst dich fallen lassen“, schnaubte Paulina, während ihr Speichel meinen Bauch benetzte, bis auch ich es fühlen konnte, und begann, mich hin- und herzuwerfen, zu wälzen und in ihr Quieken miteinzusteigen.

Wir lagen auf dem Rücken, Paulina hatte einen Arm, oder besser gesagt ihr Vorderbein, um mich geschlungen und blies den Rauch ihrer Zigarette in die Luft.

„Ich glaube, ich mache Fortschritte. Unterstützt du mich weiter?“, fragte ich.

„Sicher, schließlich liegt mir was an dir.“

Ich brach eine Mohnblüte von meinem Strauß ab und steckte sie hinter Paulinas Ohr.

„Ich muss wieder los“, sagte sie und ließ den Rauch aus ihrer runden Schweinenase strömen.

Hanna Alina Kleinschmidt als eine engagierte Sozialarbeiterin zu bezeichnen, wäre meiner Meinung nach übertrieben gewesen. Sie machte ihren Job und schien froh zu sein, wenn sie so oft wie möglich rauchen und Kaffee trinken konnte.

Keiner der anderen Teilnehmer hatte trotz ihrer recht ansehnlichen weiblichen Rundungen jemals irgendein Interesse an ihr als Frau signalisiert, was ungewöhnlich für diese Art von therapeutischer Maßnahme war. Trotzdem konnte sie die meisten der auffällig gewordenen jungen Erwachsenen recht gut führen, ihnen Grenzen aufzeigen, sie – wenn nötig – aber auch mal umarmen; eine Grundhaltung, auf der ich aufgebaut hatte.

„Was macht dein Bein?“, fragte sie laut genug für alle und deutete auf meinen Unterschenkel, den ich auf einem Strohballen hochgelegt hatte.

„Muss.“

„Es ist wichtig, dass du trotz deiner Verletzung mit dabei bist, wegen deiner Integration in die Gruppe.“

„Ja, schon klar.“

Hanna Alina stützte sich auf das Gatter, das sonst Vieh und Mensch trennte. „Hier fließt jede Menge positive Energie“, stellte sie mit übertriebener Fröhlichkeit fest, „ihr Jungs arbeitet an euch, mental wie physisch. Das spüren selbst die Tiere hier.“

Leicht überschwänglich holte sie plötzlich etwas Rotes hervor und steckte es sich hinter ihr Ohr.

Mohnblüten im Sommerwind.

„Auch wenn du mit deiner Verletzung beeinträchtigt bist“, fügte sie etwas leiser an, „versuch’ mal in dich hineinzuhorchen. Wonach ist dir gerade, was möchtest du tun, Daniel? Hab’ keine Angst, deine Emotionen zu verbalisieren, ich fange dich auf!“

Ich blickte ihr in die Augen. Als Gratiszugabe bekam Hanna Alina das schönste, antrainierteste Psychiatrie-Lächeln, das ich akut abrufen konnte. „Hörst du das eigentlich auch?“, fragte ich.

Ihr „Was?“ ging regelrecht unter in dem anschwellenden Gequieke der Schweine: „oink oink us oink versus oink theeem oink!“

Hanna Alina – nein, in diesem Moment erkannte ich, dass mir in Wirklichkeit Paulina gegenüberstand – lehnte mit fragender Miene am Gatter und schien immer noch zu horchen.

Ich setzte zu einem Scherensprung über die Begrenzung an. So beruhigend wie ein wärmender Umschlag quoll das Blut aus meiner aufplatzenden Naht am Bein.

In einer fließenden Bewegung legte ich ihr die wunderbare Perlenkette um, die ich aus ihrem Zimmer entwendet hatte, denn sie sollte schließlich hübsch für ihren Tod sein.

Aus demselben Grund hatte ich damals schließlich das Auto gewaschen, bevor ich auf der Landstraße auf die Jagd gegangen war.

Mit einem letzten Kuss auf ihre Wange hauchte ich ihr „us vs. them“ entgegen, bevor ich ihr die Schatulle mit den Tabletten reichte, die ich nicht geschluckt, sondern unter der Zunge behalten, später ausgespuckt und gesammelt hatte. Paulina versuchte ihr wissendes Schweinelächeln. Oh, auch sie war so leicht durchschaubar. Jetzt.

Sanft schlug ich ihr unter die Pfote. Obwohl die Tabletten wie buntgefleckte Mini-Flummis aussahen, sprangen sie nicht wieder vom Boden hoch. Ich legte meine Hand auf die Stelle unter Paulinas Zitzen; eine gute Stelle, an der keine Knochen im Weg waren, wo sich die Bauchdecke leicht durchbrechen ließ.

Es erinnerte mich an damals: Der Gnadenstoß nach meinem Wildunfall mit menschlichem Wild.

Ich nahm den rostigen Jesusnagel, den ich in tagelanger Arbeit aus einem Stallbalken gezogen hatte, und holte aus.

Noch ehe ich es vollenden konnte, packten mich die kräftigen Arme von Dr. Jankermann, seine langen Zähne verbissen sich in meinem Oberarm.

Sie umringten mich, Paulina und der restliche Abschaum, der im Stall arbeitete, und trieben ihre abgebrochenen, kariösen Zahnstümpfe ebenfalls in mein Fleisch.

Juliana Walthers / Karateporno-Produzentin

„Klaus? Essen!“

Klaus Siebert schlurfte zum Tisch. „Rosen?“ fragte er, schniefte und wischte sich die Nase am Ärmel seiner Trainingsjacke ab. „Is´ heute was Besonderes?“

Regine schien einen Moment zu zögern, ehe sie Klaus anlächelte. „Nein. Mir war heute einfach nach Blumen.“

Klaus zog die Stirn kraus, setzte sich, öffnete seine Bierflasche und schaute zum Fernseher. „Ich denk´, du kannst die Sendung nich´ ausstehen?“

„Kann ich auch nicht!“, antwortete Regine.

„Und warum machste die dann an?“

„Soll ich sie wieder ausstellen?“

„Nee.“

„Willkommen zurück! Für alle, die gerade erst zu uns gezappt haben: Heute steht er, der sich selbst bescheiden als supergrößtes Lästermaul der deutschen TV-Landschaft bezeichnet, zum zweihundertfünfzigsten Mal in diesem Format vor der Kamera. Höchste Zeit für einen Überraschungsgast! Aber mehr dazu später. Hier kommt erstmal der Mann, der den Talk nach eigenen Angaben lebt, atmet und ... pieeeep. Hier kommt Jürgen „Bernie“ Bertram!

„Was sind das denn für Krümel auf dem Salat?“

„Pinienkerne.“

„Schmecken irgendwie nach Tanne. Die kannste selber essen. Ich will noch Kotelett.“

„Du siehst gut aus, Bernie, ein exzessiver Wellness-Urlaub oder Maske?“

... Hahahaaa ...

„Danke, Horst, du auch, wie geht´s deiner Vorhautverengung?“

... Hahahaaa ...

„Zweihundertfünfzig Mal Bernie, zweihundertfünfzig Mal kompromissloser Talk, aber heute bringen wir dich an deine Grenzen.“

„Only the sky is the limit, Horst!“

„Oh, but beware of pitfalls, Bernie, hier kommt er, dein Überraschungsgast, hier kommt Juliana Walthers!“

Klaus schob Regine seinen Teller hin. „Soll ich das so essen? Komm, hier, kleinschneiden!“ Er starrte weiter auf den Fernseher, während Regine das Kotelett in mundgerechte Happen teilte.

„Eine Frage vorweg, Sternchen, warum tragen Sie einen Ganzkörper-Lappen, der nur einen Sehschlitz für Ihre Augen freihält? Haben Sie zu kleine Titten oder ist das irgendeine religiöse Ausrichtung?“

... Hahahaaa ...

„Weder noch, Bernie, es hat etwas mit meinem Beruf und meiner Lebenseinstellung zu tun.“

„Und was ist Ihre Berufung?“

„Ich bin Produzentin. Ich produziere Karatepornos.“

... Hahahaaa ...

„Karatepornos? How the fuck soll das funktionieren?“

„Setzen Sie einfach mal Ihre Phantasie ein, Bernie, oder ist das etwa nicht Ihre starke Seite?“

„Ich glaube nicht, dass mich mein neunzehnjähriges Bunnycat, das sich gerade in meiner Garderobe warm schnurrt, für phantasielos hält, Juli-Baby!“

... Hahahaaa ...

Klaus gabelte sich ein Stück Kotelett in den Mund und kaute einen Moment, ehe er mit einem Schluck Bier nachspülte, sich die Hand auf den Bauch legte und laut aufstieß. Ein Stück Kotelettpanade flog über den Tisch und landete neben Regines Wasserglas.

„Die Alte hat deine Figur, Regine, und genau dein Tittenproblem!“

Regine lächelte und aß ihren Salat weiter.

„O.k., ich versuch´ jetzt mal, mich an dein Set zu versetzen. Normalerweise gibt´s da einen Kameramann, auch einen Kabelträger, aber wie hab´ ich mir deine Truppe vorzustellen? So, wie wenn man Alice Schwarzer bei einem Stück Schwarzwälder Kirschtorte das Kommando über die GSG 9 überträgt?“

... Hahahaaa ...

„Naja, ich würde es als ein Kollektiv von Frauen bezeichnen, unter denen Sie mit Ihrem Bluthochdruck und Ihrer Wirbelsäulen-Fehlstellung keine zehn Minuten überleben würden, Bernie!“

... Hahahaaa ...

„Autsch, das tat weh! Ja, Bernie, da hat dich Juliana aber kalt erwischt.“

„Warum machst du nicht einfach das, was du am Besten kannst, Horst? Deine Fresse halten!“

... Hahahaaa ...

Klaus nahm ein Stück Kotelett und hielt es unter den Tisch. „Guter Hund, bis´ meine Beste.“

Anschließend wandte er sich wieder Regine zu. „Warste heute mit Arca draußen?“

„Sicher, wie jeden Tag.“

„Was soll ´n das bitte heißen? Überfordert dich das etwa, neben deinem kleinen Arschwackel-Tippsenjob und ´n bisschen Staubsaugen mal ´ne Stunde mit dem Schäferhund Gassi zu gehen?“

„Nein, natürlich nicht!“

„Dann is´ ja gut.“

„Ja.“

„Eben.“

„Ich muss mich noch mal einmischen, Juliana. Ich glaube, weder Bernie noch ich verstehen, wie ein Karateporno technisch funktionieren soll. Ich meine, Pornofilme und Nacktheit? O.k., untrennbar! Andererseits Karate: Eine dynamische Sportart. Das impliziert für mich Bewegung, Sprünge, Drehungen. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber männliche primäre, bei Frauen auch sekundäre Geschlechtsmerkmale stehen nun mal meist ab und weisen zwangsläufig, proportional im Verhältnis zu ihrer jeweiligen Größe, die Tendenz zum Schwingen, Wackeln, Schlackern oder wie auch immer auf ...

... Hahahaaa ...

„Primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale? Was soll ´n das sein?“, fragte Klaus in Richtung Fernsehgerät.

„Brust, Vagina, Penis“, sagte Regine und brach ein Stück von dem dunklen Stangenbrot aus dem Baguette-Schiff ab.

„Das is´ bestimmt wieder so ´ne Kreuzworträtselfrage, wenn Homo-Horst und du das wissen. Kehr, ey, eure Zeit möchte ich haben!“

„Der Impetus der Geschlechtsteile ist in der Tat ein interessanter Aspekt, aber leider Dienstgeheimnis, Horst. Wie die Formel 7 X von Coca Cola. Sie verraten mir ja auch nicht, wie es Ihnen gelingt, Ihr Toupet so aussehen zu lassen, als hätten Sie Gel im Haar.“

„Tja, Horst, das ist das, was ich dir seit zweihundertfünfzig Sendungen zu erklären versuche. Aber jetzt keep it mal real, Juli! Karateporno! Warum müsst ihr beknackten Emanzen immer alles ummodeln, was Kerlen Spaß macht? Bruce Lee war doch ein straight geiler Typ!“

„Seine Filme strotzen nur so vor phallischer Symbolik, Bernie! Oder assoziieren Sie bei ,Der Mann mit der Todeskralle’ etwa Weiblichkeit?“

„Juli-Cherie, nur für dich führe ich jetzt diesen Kelch mit Tonic-Water an meinen Mund und ich glaube, draußen scheint sogar der Mond. Ist das genug weibliche Symbolik für dich?“

... Hahahaaa ...

„Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen, Horst: Im antiken China und Japan gab es Gruppen von Frauen, die ganzkörpervermummt durch das Land zogen und für die Rechte ihrer Geschlechtsgenossinnen kämpften. Sie spürten männliche Unterdrücker auf, und was sie dann taten, ist der Vorläufer von Karateporno. Die Historie wird in ,Die 18 Kämpferinnen aus Brokat’ oder ,Dein letzter Hochzeitstag, Sessel-Samurai!’ richtig deutlich. Ich arbeite übrigens gerade an einem zweiten Teil.“

„Das ist doch alles gequirlter Kot. Die Alte is´ bestimmt total frigide. Regine?“

„Hey, so long, Drachenlady, aber mal ernsthaft: Welcher männliche Darsteller stellt sich denn für so einen B-Streifen freiwillig zur Verfügung? Oder anders gefragt, wie groß muss die berufliche Verzweiflung sein, diesen Schritt zu gehen?“

... Hahahaaa ...

„Lassen Sie es mich so ausdrücken, Bernie: Wir brauchen keine Darsteller im herkömmlichen Sinne, weil wir sehr nah an der Realität arbeiten.“

Klaus wandte sich um. Regine stand im Türrahmen und schnitt mit einer Schere ein Rechteck in eine schwarze Schürze.

„Biste jetzt total bescheuert? Haste zu viel Haushaltsgeld, oder was?“

Wortlos hielt sich Regine das Tuch so vor ihr Gesicht, dass nur noch ihre Augen zu sehen waren.„Du bist es!“

„Was?“, fragte Klaus.

„Du bist Juliana Walthers!“

„Was für ´n Schwachsinn!“

„Sie rollt das „R“ genau wie du, und sie kratzt sich andauernd zwischen den Beinen.“

„Und wann, bitte schön, soll ich noch Karatepornos machen? Falls du´s verdrängt hast: Ich bin Berufskraftfahrer.“

Regine schüttelte den Kopf. „Du fährst morgens auf einem LKW weg und kommst abends auf einem wieder. Was beweist das schon? Außerdem, ich habe den Sessel-Samurai-Film gesehen!“

„Na herzlichen Glückwunsch!“

„Nein, nein, es ist ein fabelhafter Film, vielleicht sogar dein bester. Das muss schlimm für dich gewesen sein, diese Doppelidentität.“

„Häh?“

„Hier zu Hause das Gegenteil von dem sein zu müssen, was du die Darsteller in deinen Filmen verkörpern lässt!“

Klaus kratzte sich am Kopf, ging zum Tisch und nahm einen großen Schluck Bier. Regine folgte ihm. „Dass du mich heute hinter deine Maske hast blicken lassen, war so süß von dir. An unserem Hochzeitstag.“

„Hochzeitstag“, sagte Klaus. „Ja.“

„Und jetzt, wo ich dein Geheimnis kenne, macht mich das irgendwie so ... verstehst du?“ Regine zwinkerte Klaus zu.

„Du meins´ ...?“

„Ich hab dich viel zu lange vernachlässigt, Klaus. Komm, sag mir, was würde dich anmachen, jetzt in diesem Moment?“

„Keine Ahnung, das is´ jetzt ein bisschen überraschend ... fang mal irgendwie an.“

„Nagetiere sind eine immer stärker werdende Bedrohung für Ihr Wohneigentum. Unser bewährter Fallrohrschutz NageRex hilft Ihnen, mögliche Auf- und Abstiegswege für die pelzigen Schädlinge unbenutzbar zu machen.“

„Oh, das ist gut, verdammt gut!“ Klaus ließ seinen Kopf in den Nacken fallen, dann warf er ihn von links nach rechts.

„Nein, ... du bist gut, Klaus, ich hab dich nur ... die ganze Zeit ... für jemanden gehalten, der du gar nicht bist ... wie hast du das mit deiner Stimme gemacht?“

„Wie?“

„Du klingst ... so hoch im Fernsehen.“

„Ach das ... Training ... mach mal noch etwas weiter unten! He, was is´ ´n das da oben in der Ecke?“

„Oh, das ist ... unsere neue Wärmebildkamera, du weißt schon, umweltbewusster ... Haushalt, wir werten sie später ... aus und sparen einen Haufen Geld.“

„Aber die hat sich grad bewegt!“

„Sicher, da ist ein Sensor ... drin und wir verbrennen ja auch ... grade jede Menge Energie.“

„O.k., mach weiter.“