Der siebenarmige Leuchter - Josef Skvorecky - E-Book

Der siebenarmige Leuchter E-Book

Josef Skvorecky

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Beschreibung

Sieben Erzählungen, so viele, wie Kerzen am siebenarmigen Leuchter brennen: eine Erinnerung an eine untergegangene tschechisch-jüdisch-deutsche Welt in einer ostböhmischen Kleinstadt. Danny, ein leidenschaftlicher Saxophonspieler und empathischer Erzähler, trifft sich mit seiner großen Liebe, der Holocaust-Überlebenden Rebekka. Er erinnert sich an seine Kindheit im Städtchen K. Vor den Augen des Lesers entsteht ein buntes Kaleidoskop kleinstädtischen Lebens der Zwischenkriegszeit mit unvergesslichen Figuren wie Herrn Lehrer Katz, Herrn Doktor Strass, der mit dem Lancia Tag und Nacht von einem Patienten zum nächsten fährt, Dannys Onkel Khon, der mit fünfzig schon alt und verlebt wirkt, aber dennoch Dannys schöne Tante vor den Altar führt, oder auch den drei Löbl-Brüdern, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

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Seitenzahl: 186

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Josef Škvorecký

Aus dem Tschechischenvon Hanna Vintr

Den schon lange Verstorbenen,den längst Vergessenen

Und siehe, da waren Tränen derer, die Unrecht litten und keinen Tröster hatten. Und die ihnen Gewalt antaten, waren so mächtig …

Prediger 4, 1

Inhalt

Mein Onkel Khon

Herr Doktor Strass

Herr Lehrer Katz

Eine Geschichte für Rebekka

Mifinka und Bob der Killer

Die Geschichte vom Kuckuck

Eine kleine Jazzmusik

Rebekka saß in ihrer Trainingshose auf der Couch, den Rücken an einen Polster gelehnt, und erzählte. Es war Sonntag, ein zuckersüßer Tag, wobei ich Sonntag halten konnte, wann ich wollte, Rebekka konnte das nicht. Es war Sonntag, und es regnete. Unter Rebekkas Fenster schaukelte eine Straßenlaterne im feuchten Wind, man hörte Regentropfen auf das Blechgehäuse trommeln, Rebekka erzählte und ich lag auf der Couch, den Kopf auf einem mit Glasperlen bestickten Polster, meine Beine mit Rebekkas Beinen verschränkt. Auf dem runden Tischchen neben der Couch dampfte der Kaffee aus zwei angeschlagenen, einstmals schönen Tassen. Jede war anders, und beide waren Reststücke aus dem Familienporzellan jüdischer Familien, die wohl alle tot waren. Vor dem Fenster glänzten die Fensterscheiben der gegenüberliegenden Zinshäuser und wir hatten kein Licht gemacht. Die Straßenlaterne leuchtete für uns durch den Schleier des Schnürlregens hindurch, von der Kreuzung hörte man das Bimmeln der Straßenbahnen. Es war ein zuckersüßer Konditoreisonntag, Rebekka erzählte und ihre Augen waren wie verglast, wie zwei silbrige Fische aus Glas. Sie erzählte:

„So ging ich los. Es war ein Samstagmorgen. Dahinter stand eine Absicht, denn es war Schabatt. Ich war fünfzehn und wusste, ich würde nicht mehr zurückkommen. Ich wusste, dass man dort Juden umbrachte, und mein Alter wusste es auch. Aber er hat mich nicht einmal begleitet. Mein Vater saß damals die ganze Zeit in der Wohnung, verschwand gleich in der Früh in die Arbeit und schlich abends wie ein Gespenst über die Treppe zurück. Damals hatte er besonders große Angst, weil mein Bruder einen Tag zuvor Reißaus genommen und mir gesagt hatte, in den Transport sollten sich Onkel Ohrenstein und andere Trottel wie er hineindrängen. Wenn man schon den Löffel abgeben muss, müsse man zumindest ein deutsches Schwein mitnehmen. Das hatte mein Bruder in seinen Detektivgeschichten gelesen, weißt du, Danny, man solle jemanden mitnehmen. Schließlich haben sie ihn doch noch geschnappt, keine Rede von jemanden mitnehmen. Nicht mal ein paar Kilo Gepäck, wie ich sie mitschleppte, hat man ihm erlaubt. Aber er hat es wenigstens versucht. Er hat nicht das Maul gehalten. Er hat sich zumindest nicht abführen lassen wie ein Maultier …“

MEIN ONKEL KHON

Mein Onkel Khon war ein reicher Mann und das Glück war ihm hold. Er besaß ein Auto, einen wendigen Tatra 57, und besuchte uns fast jede Woche, denn er hatte meinen Vater gern. Vati und ich gingen ihm dann entgegen und trafen ihn meist weit hinter der Stadt, als es bereits dunkel war, doch im Scheinwerferlicht erkannte uns der Onkel sogleich. Zuerst leuchtete ein Licht am Horizont auf, bewegte sich rasch am Himmel entlang, weil sich hinter dem Bergkamm die Straße in einer Serpentine hinaufwand. Dann erfasste uns der strahlend weiße Lichtkegel und hielt uns fest in seinem Bann. Ich war vollkommen geblendet und sah die Tante kaum, die mich dann stets mit ihren weichen, samtigen Lippen abküsste und mir eine Tüte Bonbons in die Hand drückte. Ihre Lippen dufteten, denn sie waren stark geschminkt. Dabei hätte sie es nicht nötig gehabt, denn sie war ohnedies äußerst hübsch. Geschminkt war sie freilich noch hübscher. Tante war zwanzig Jahre jünger als Onkel Khon, fröhlich war sie und ein noch größerer Fußballfan als er. Einmal nahmen sie mich zu einem internationalen Match nach Prag mit, und die Tante machte dort ein großes Trara, weil der Schiedsrichter fälschlich einen Elfmeter gegen Sparta verhängt hatte. Tante gab dann mit ihrem Schirm einem Ausländer eins auf den Kopf, denn der hatte sich über den Elfmeter sehr gefreut. Damals hatte uns die Polizei mitgenommen, ließ uns aber gleich wieder laufen, was den Onkel wohl einiges gekostet haben mag.

Onkel Khon war Abwerber. Ihm gehörte ein großer Stehimbiss in Prag, doch er war so faul, dass er ihn weitervermietet und sich selbstständig gemacht hatte. Um nicht ganz der Langeweile zu verfallen, war er mit dem Abwerben beschäftigt. Am Nachmittag saß er gerne im Café Paris, las ausländische Zeitungen, zog an seiner goldenen Zigarrenspitze, kaufte Spieler von anderen Abwerbern an und verkaufte sie weiter. Er mochte jüdische Anekdoten, weil er selbst Jude war. Auch spielte er den Menschen gern böse Streiche, bot ihnen kleine Bonbonattrappen aus Gummi an, an denen man sich einen Zahn ausbeißen konnte, oder Zigaretten mit Sternspritzern darin, die unter der Nase lossprühten, sobald man die erste Hälfte geraucht hatte. Oder er tauchte mit einem glitzernden Abzeichen am Revers auf, und wenn ihn dann jemand fragte, was für ein Abzeichen das sei, hielt er ihm das Revers vors Gesicht und spritzte ihn mit Wasser an, denn das Abzeichen hatte an seiner Unterseite eine Gummiblase, und wenn man sie drückte, spritzte das Wasser nur so heraus.

Die Tante war sechzehn, als sie den Onkel kennenlernte. Fünf Jahre gingen sie miteinander. Großvater wollte nicht erlauben, dass sie heirateten. Großvater war Antisemit und der Onkel war Jude. Die Tante traf sich mit dem Onkel heimlich hinter der Stadt und sie fuhren mit dem Auto nach Prag, damit niemand sie sah, und abends brachte der Onkel sie wieder nach Hause. Aber einmal starb ihm am Rückweg von Prag der Motor ab und die Tante verspätete sich. Großvater hatte schon länger geahnt, was vor sich ging, und so stellte er sie zur Rede. Tantchen gab alles zu und Großvater verprügelte sie mit dem Hosenriemen, dabei war sie schon volljährig. Sie hätte den Onkel aber nie zum Mann genommen, wenn es ihr nicht vorher erlaubt worden wäre. Sie war gut erzogen, aber so gut auch wieder nicht, dass sie sich nicht weiter mit ihm getroffen hätte.

Dass es ihr der Großvater letztendlich erlaubte, war das Verdienst meines Vaters. Die Tante war als Stenotypistin in Vaters Bank angestellt und kam nach der Arbeit immer an unserer Wohnung vorbei. Wir hatten unter dem Dach ein kleines Mansardenzimmer, das leerstand. Mein Vater überließ es der Tante, damit sich die beiden dort treffen konnten, denn Großvater hatte angeordnet, dass sie jeden Tag um sechs Uhr zu Hause sein müsse, weshalb es selbst mit dem Auto unmöglich war, an einem Tag nach Prag und zurück zu fahren. Onkel Khon ließ dann den Tatra im Wald hinter der Stadt stehen und näherte sich von hinten unserem Haus, lief quer übers Feld und an den Sonnenblumen vorbei bis zum hinteren Gatter. Tante kam durch die Vordertür, und ich hörte sie jedes Mal, wie sie die Holztreppe hinauftrippelte. Oben waren die beiden dann ganz leise. So ging es ungefähr ein Jahr, weil ihnen Großvater noch immer nicht die Erlaubnis gegeben hatte zu heiraten.

Naturgemäß war das Interesse der jungen Männer an meiner Tante groß, denn sie war hübsch wie alle Mädchen von Mutters Seite. Als sich aber herumsprach, dass sie einem reichen Juden aus Prag die Geliebte machte, ließen sie alle stehen, bis auf einen, Albert Kudrna, der Medizin studierte und alles versuchte, was ihm möglich war. Er kam sogar mit einem Blumenstrauß, und als auch der nichts nützte, drohte er mehrmals, sich umzubringen, und Tante war jedes Mal völlig verstört, aber Kudrna tat es nie. Schließlich spionierte er aus, dass sie sich bei uns mit Onkel Khon traf, und schrieb Großvater einen anonymen Brief. Kudrna war ein Ekel, was er selbst nicht haben konnte, verdarb er zumindest den anderen. Im Krieg schloss er sich der faschistischen Partei „Die Flagge“ an und studierte im Reich. Dann lernte er Dr. Teuner kennen und es hieß, er wolle eine tschechische SS-Division organisieren, die aber nie zustande kam, und so schickte man ihn mit einer gewöhnlichen SS-Division an die Ostfront, von wo er nie mehr zurückkehren sollte.

Großvater lauerte Onkel Khon eines Abends zwischen den Sonnenblumen auf, und als der Onkel zum Wald zurücklief, wo er sein Auto versteckt hatte, sprang er hervor, packte ihn am Hals und schrie: „Du stinkender Jud, erwürgen werd’ ich dich!“ Vielleicht hätte er ihn wirklich erwürgt, hätte sich nicht gerade mein Vater im Bad rasiert, von wo aus man gut zu den Sonnenblumen hinübersehen konnte, und wäre er nicht, als er das Geschrei gehört hatte, ganz so wie er war, hinausgelaufen, um die beiden Streithähne auseinanderzureißen.

Ich blickte aus dem Küchenfenster und sah, wie Onkel Khon mit den Fingern seinen Hals prüfte, sein Gesicht war ganz rot und verschwitzt, und auch der Großvater war ganz rot angelaufen, nur der Bart schimmerte weiß aus seinem Gesicht wie der Wattebart des Heiligen Nikolaus. Nun sah ich Vater, der die Arme ausbreitete, in der Hand noch die eingeseifte Rasierbürste, und dann gingen sie alle drei gemeinsam über den Feldweg zwischen den Getreidefeldern langsam Richtung Wald, Onkel Khon im pflaumenblauen modischen Gabardineanzug, Vater im gestreiften Hemd ohne Kragen und Großvater mit Jägerhut und Gamsbart auf dem Kopf. Die Sonne stemmte sich ihnen in den Rücken, weil es Abend war, und so verschwanden sie an einer Wegwindung weit in den Feldern.

Einige Zeit sträubte sich Großvater noch, doch dann wurde plötzlich Hochzeit gefeiert. Das war in Prag, im Hotel Paris, und ich aß zu viel von der Hochzeitstorte und mir war übel, sodass ich nicht viel von der Festlichkeit hatte. Tante trug ein beiges Kostüm und war sehr hübsch, weil sie damals auch sehr jung war. Onkel Khon trug eine große Gardenie im Knopfloch am Revers und wirkte sehr verlebt.

Ein großer Held war der Onkel wohl nicht gewesen. Einmal war ich mit ihm und mit Vater in einem Restaurant in Prag und am Nebentisch saß eine Gesellschaft, Männer mit preußischem Haarschnitt. Sie kippten ein Glas nach dem anderen und waren im Nu betrunken. Das war im Frühling, im Sechsunddreißigerjahr, drei Monate nach der Hochzeit. Der Onkel war sehr nervös und auch Vater zuckte hin und her, wie mir auffiel, obwohl ich es nicht verstand.

Die Burschenschafter intonierten Fest steht und treu die Wacht am Rhein. Da sah ich, dass der Onkel noch nervöser wurde. Ein Bursche bemerkte uns. Ihm fiel auf, dass der Onkel Jude war, und als sie beim Singen eine kurze Pause machten, brüllte er: „Es lebe Adolf Hitler!“, und dann äugte er zu uns hinüber, was wir wohl dazu zu sagen hätten. Ich sah, wie Onkel Khon rot wurde und schwitzte, was ich nicht verstand. Die Burschenschafter intonierten das nächste Lied und derjenige, dem aufgefallen war, dass Onkel Jude war, brüllte abermals, kaum dass das Lied zu Ende war: „Die Juden raus!“ Onkel Khon erhob sich, trat an ihn heran, ganz rot im Gesicht, und sagte: „Mein Herr …“ Weiter kam er nicht, weil der Bursche in Gelächter ausbrach, dem Onkel einen Stoß versetzte, wodurch dieser ins Wanken geriet und in seinen Sessel zurückstolperte. „Die Juden raus!“, brüllte der Bursche abermals, doch da sprang mein Vater auf ihn zu und versetzte ihm einen Schlag. Dem Burschen fiel etwas aus dem Mund, was, wie sich später herausstellen sollte, sein künstliches Gebiss war, woraufhin er aufgeregt zu nuscheln begann. Die anderen Burschen erhoben sich wie ein Mann und gingen auf den Vater los. Onkel Khon nahm mich an der Hand und flüchtete mit mir nach draußen. Auf dem Gehsteig rief er: „Polizei!“ Ums Eck stießen wir auf einen Wachmann, und der Onkel schickte ihn hinein. Vater wurde mitsamt den Burschen auf das Kommissariat geführt, aber der Onkel ging hin und man ließ Vater gleich wieder frei.

Der Onkel besaß in Prag ein Zinshaus und darin eine große Wohnung mit acht Zimmern. Zwei Zimmer bewohnte seine Schwester, ein lediges Weibsbild, 15 Jahre jünger als er. Sie trug ihr schwarzes Haar kurz wie ein Mann und kleidete sich für gewöhnlich in Herrenhosen. Der Onkel erzählte uns, sie sei das schwarze Schaf der Familie. Sie war Kommunistin und wurde öfters von der Polizei mitgenommen, denn sie schlug bei großen Demonstrationen gern Radau. Aber man ließ sie jedes Mal wieder laufen.

Als ich einmal beim Onkel zu Besuch war, lud sie mich in ihr Zimmer ein. Ein Herr mit weißem Hemd war bei ihr. Er sah aus, als käme er geradewegs von einem Tennismatch, hatte weiße Zähne und lachte die ganze Zeit. Die Tante rauchte eine violette Zigarette, die Spitze war einen halben Meter lang, nannte den Herrn Julínek und goss mir Wein in ein Glas. Dann sagte sie: „Kleiner, was willst du denn einmal werden?“ Ich antwortete, Bankdirektor. „Es wird aber eine Revolution geben“, sagte sie darauf, „und dann wird man dich liquidieren, du kleiner Bourgeois.“ Sie blickte mich fest mit ihren schwarzen Augen an, und ich bekam Angst, wusste ich doch nicht, was das Wort „liquidieren“ bedeutete, aber zu fragen traute ich mich auch nicht. Da sagte der Mann im weißen Hemd: „Aber, aber Paula“, wandte sich dann zu mir und sprach: „Du willst also Bankdirektor werden, junger Mann?“ „Nein“, sagte ich eingeschüchtert und blickte ihn an: „Taucher.“ Der Mann im weißen Hemd prustete los und meinte: „Na, das ist etwas anderes. Das ist ein ehrbarer Beruf“, und er lachte und klopfte der Tante auf die Schulter, und jetzt lächelte auch die Tante ein wenig und ich fürchtete mich kein bisschen mehr, da der Mann jetzt lachte und fröhlich war.

Als Hitler kam, flüchtete Tante Paula über die Grenze und wir hörten nie wieder etwas von ihr. Sie kehrte auch nach dem Krieg nicht mehr zurück.

Der Onkel hatte einen alten Dackel, der an einer schweren Augenkrankheit litt. Doch der Onkel ließ ihn in Wien operieren, in einem Hundesanatorium, und das Hündchen wurde wieder gesund. Es trottete gerne auf den dicken Teppichen von Zimmer zu Zimmer, trat vorsichtig auf seinen krummen Beinchen auf, wackelte mit dem Kopf und atmete angestrengt. Es kam jedem entgegen, beschnupperte ihn und sah ihm dabei in die Augen, als ob es um Rat fragen wollte. Gab ihm jemand ein Bonbon oder ein Stück Salami, hatte er sein Herz erobert. Brot fraß das Hündchen keines. Zum Schlafen legte es sich immer auf einen Polster vor dem Kamin, und keiner hatte es jemals bellen gehört. So dachte ich, dass das Hündchen stumm war.

Anfang März, drei Jahre nach der Hochzeit, bekam Onkel Khon ganz plötzlich eine Lungenentzündung. Er lag im Schlafzimmer und Tante war bei ihm, und ich saß mit Vater im Zimmer und wir sahen zu, wie die Sauerstoffflasche gebracht wurde. Noch bevor er starb, bekam auch Tante eine Lungenentzündung. Onkel starb und drei Tage nach seinem Tod begann auch sie schwer zu atmen. Mutter saß an ihrem Bett, ich stand an der Fußseite und blickte auf den Vater. Er stand hinter der Mutter und über seine Wangen kullerten die Tränen. Tante weinte ebenfalls und sagte still und unglücklich: „Paul, Paul!“ So hatte der Onkel geheißen. Dann war bereits die Sauerstoffflasche im Zimmer und sie starb. Ich weinte auch, doch am meisten Vater. Ich habe ihn noch nie so weinen gehört.

In der Nacht begann der Dackel zu heulen. Vater und ich schliefen im Gästezimmer. Tante war am Vorabend gestorben und der Vater wollte gleich am nächsten Morgen die Beerdigung arrangieren. Der Dackel heulte und es hallte gespenstisch durch die Räume. Ich spürte, dass Vater wach war. Da stand er auf und zog seinen Nachtmantel an. „Wohin gehst du, Papa?“, fragte ich ihn.

„Bleib nur liegen“, sagte der Vater, aber ich kletterte aus dem Bett und wir gingen gemeinsam durch die Halle, die vom Mondschein erleuchtet war, ins Zimmer hinüber, wo meine tote Tante lag. Der Mond schien auf den Teppich vor dem Bett, und hier lag der kleine Dackel und klagte. Er klagte und klagte und ich hockte mich zu ihm hin und streichelte ihn am Kopf, aber das Hündchen klagte und schluchzte. Ich strich über die kurzen glatten Hundehaare auf dem winzigen Kopf und das Hündchen klagte, und dann schluchzte es auf einmal auf und blieb liegen. Ich spürte, wie es unter meiner Hand starr wurde. Es war gestorben.

An das schluchzende Hündchen dachte ich oft zurück, in den Jahren, die folgen sollten. Ich weiß nicht einmal, warum. Der nächste Tag war der 15. März, da marschierten die Deutschen in Prag ein. Als man Onkel und Tante im Krematorium verbrannte, war beim Begräbnis nur eine Handvoll Menschen zugegen, Tante Paula war schon jenseits der Grenze und die Wohnung war von der Gestapo beschlagnahmt worden.

Und ich hörte immer noch Tante, wie sie traurig rief: „Paul! Paul!“, und ich wusste, es war für immer vorbei.

Rebekka erzählte mir, was passiert war, genau so, wie es ihr der alte Wachtmeister Baloun berichtet hatte. Er tat damals in der Gartenstraße Dienst, und da sah er sie: Leo, der vorne lief, bog um einen Gartenzaun und rannte mit aufgeknöpftem Sakko davon, die Augen weit aufgerissen, sodass der Wachtmeister erschrak, als er ihn erblickte; aber da sei in ihm der Diensteifer erwacht: „Wissen Sie, Fräulein, ich hab’ mir gesagt, schau mal einer an, ein Dieb. Der Arme sieht zwar hungrig und unausgeschlafen aus, ist aber ein Dieb, und so hab’ ich mir gesagt, Wachtmeister, schnapp ihn dir, Dieb ist Dieb, auch wenn es auf der Welt nur so wimmelt von Dieben, die zu verhaften du nicht befugt bist. Nicht wahr, Fräulein, wir Polizisten sind dafür da, die kleinen Fische zu schnappen, und die großen bezahlen uns dafür. Diese Weisheit hab’ ich nicht aus meinem eigenen Kopf, Fräulein, sondern von Tonda Řeháček, den ich gleich viermal eingelocht hab’. Das war ein Langfinger, der in der Kneipe ‚Zum abgebrochenen Henkel‘ verkehrte, die Sie nicht kennen können, denn da waren Sie noch ein kleines Mädchen. Und so hab’ ich mir gesagt: Wachtmeister, das ist jetzt gar nicht schön, aber du musst ihn fangen, als Hüter von Recht und Ordnung. Herrgott noch mal, eine schöne Ordnung ist das hier heutzutage.“ Und in dem Moment, als sich Baloun auf ihn warf, schwangen sich drei grüne Schatten hinter der Gartenecke hervor, und dann noch zwei, in Uniformen der Schupo. Sie wirkten wie Wesen aus einer anderen Zeit, ganz anders als der gesprächige alte und gutmütige, aber auch gestrenge Wächter über die Schönen der Nacht, der nur mehr ein halbes Jahr bis zu seiner Pensionierung hatte. Auch das Villenviertel Bubeneč befand sich scheinbar in einer vierten Dimension, in der die alte und die neue Zeit simultan nebeneinander verliefen, und dort war die Grausamkeit hypertrophiert. Die Uniformen brüllten augenblicklich los und ihre Stimmen bissen sich in Balouns Ohren fest, wie die Zähne einer Bulldogge: „Wachtmeister, haftnehmen den Kerl!“ Und so stürzte er sich auf ihn. „Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe, Fräulein. Wir sind darauf trainiert worden, uns auf Menschen zu werfen. Ich muss es wohl beim Training gelernt haben. Er lief mir direkt in die Arme, schlug einen Haken nach rechts, es hätte gereicht, sich zu ihm hinüberzustrecken, aber als ich die Typen in Grün bemerkte, machte ich einen Sprung wie ein Saufbruder, landete knapp daneben und ließ mich fallen wie einen Sack, sodass mir der Helm vom Kopf rutschte und über den Gehsteig kollerte. Ich tat, als wär’ mir schwarz vor Augen geworden, aber leider umsonst, da auf der anderen Seite ebenfalls Grüne aufgetaucht waren.“ Und dann erzählte er, wie der ausgemergelte, hungrige und gehetzte Mensch plötzlich erstarrte, wie seine Muskeln, nicht mehr der Wille, nur mehr seine Reflexe ihn veranlassten umzudrehen, das war nicht mehr der Verstand, auch nicht der Wille. Er wusste, er saß in der Falle, dennoch drehte er sich um und lief über die Straße zu den Gartenzäunen des Villenviertels vis-à-vis, und der Wachtmeister, der auf dem Boden lag und sich tot stellte, folgte ihm mit seinem Blick aus den zugekniffenen Augen. Der Mann wirkte wie ein Hase, der um sein Leben läuft. Ein Hase, der über ein kahles, zerfurchtes Feld läuft und von beiden Seiten von einem Rudel bellender Hunde gejagt wird. Der Wachtmeister sprach mit der Gefühlskälte eines alten Mannes, weniger zu ihr, zu Rebekka, der Schwester, als zu sich selbst. Er erzählte Rebekka von diesem entsetzlichen Film vor seinem inneren Auge, der schlimmsten Erinnerung seines Lebens, eines Lebens, das er unter Taschendieben, leichten Mädchen, Kassenknackern und Zuhältern verbracht hatte, doch das, so sagte er, seien allesamt Menschen gewesen. „Er schaffte es noch, zu einem Zaun hinüberzulaufen, Fräulein, und wollte hinaufklettern, aber in dem Moment war der größte Schupo schon bei ihm, ein blonder SSler, der ihn nicht einmal anfiel wie ein Hund, nein, er wartete, bis der Junge ein Bein über den Zaun geschwungen hatte, und dann packte er ihn gaaanz langsam, als wäre es ein Spaß, hinten an der Hose. Sein Gesicht verzerrte sich dabei zu einer Fratze. So eine Grimasse schneiden keine Menschen, Fräulein, so verzog nur Inspektor Maduna das Gesicht. Maduna war Geheimpolizist in der Bartolomäusstraße gewesen und schließlich im Knast gelandet, weil er Mädchen gequält hatte. Wenn Maduna die Visage verzog, wusste ich, jetzt wird er dem Delinquenten gleich eine aufs Maul geben. Und der hier, Fräulein, verzog sie genauso und sagte: Na, Jud, wir ham Zajt. Und er hielt den Burschen hinten an der Hose fest und dieser zerrte und riss herum, Fräulein, er trat auch, als glaubte er, noch entkommen zu können – seien S’ mir nicht bös’, Fräulein, aber er sah dabei aus wie Chaplin in einem