Der siebte Sonnenstein - Monika Ruf - E-Book

Der siebte Sonnenstein E-Book

Monika Ruf

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Beschreibung

Sie sind eine Sensation für die Wissenschaftler unserer Welt und für die Magier jenseits der Tore: Die Sonnensteine von Siwa. Aber einer von ihnen ist anders. Mächtig, furchteinflößend – und durch einen Fehler Raennas nun in den Händen einer skrupellosen Bruderschaft. Auf dem Weg, das Artefakt wieder zurückzuholen, trifft sie auf alte Bekannte und neue Gefährten. Freunde, die ihr wichtig genug werden, um ihr Ziel aus den Augen zu verlieren. Und doch führt der Weg, den ihr Herz wählt, wiederum zum siebten Sonnenstein. Nur … wer übermächtige Gegner herausfordert, zahlt manchmal einen hohen Preis.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ähnliche


 

 

Der siebte Sonnenstein

Die Tallari-Saga Band 1

 

ISBN 978-3-96741-042-6

 

Hybrid Verlag

 

© by Hybrid Verlag,

Westring 1

66424 Homburg

www.hybridverlag.de

www.hybridverlagshop.de

1.Auflage 2020

 

Autor: Monika Ruf

Umschlaggestaltung: © 2020 by Creativ Work Design

Lektorat: Paul Lung, Nadine Neu

Korrektorat: Birgit van Troyen

Buchsatz: Rudolf Strohmeyer

 

 

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

 

 

 

 

Monika Ruf

 

 

Der siebte Sonnenstein

 

Die Tallari-Saga Band 1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fantasy

 

 

 

 

 

 

 

Für Lukas, Iris und Eva -

ohne die es Tallari nicht gäbe

 

 

Inhaltsverzeichnis

Prolog6

18

213

317

424

532

638

745

852

958

1065

1173

1277

1382

1488

1592

1698

17104

18110

19117

20121

21128

22136

23141

24145

25150

26155

Danksagung159

DIE AUTORIN160

Prolog

 

1296, Beaumaris Castle

 

Lautes Gepolter riss Emrys unsanft aus dem Schlaf. Jemand machte sich an der Tür zu seiner Kammer zu schaffen. Seine Finger tasteten nach dem Werkzeuggürtel am Kopfende der Schlafstatt, fanden ihn aber nicht. Das Türblatt kratzte über den unebenen Boden. Er kniff die Augen zusammen und erkannte den überraschenden Besuch. Der Nebel aus Müdigkeit und Furcht lichtete sich rasch. Seine Lippen öffneten sich zu einem breiten Grinsen.

Seit der Baumeister ihn auf die Burg geholt hatte, warf Emrys der Küchenmagd begehrliche Blicke zu. Das eine oder andere Mal hatten sich ihre Wangen gerötet, aber nie im Leben hätte er damit gerechnet, sie frühmorgens im Nachtgewand in seine Kammer huschen zu sehen. Als er jedoch Gwynnies weit aufgerissene Augen bemerkte, war ihm klar, dass etwas nicht stimmte. Das erste Licht eines diesigen Tages brach sich ihn ihrem gehetzten Blick.

»Sie sind da, Emrys.« Ihre Stimme überschlug sich.

»Wer? Ich meine, wer außer dir?« Er versuchte zu lächeln, aber ihre Gesichtszüge blieben von Furcht gezeichnet.

»Der Abt und alle seine Häscher. Die Zugbrücke ist schon unten.« Sie schluckte. »Der hässliche Karren steht vor dem Tor.«

»Der mit den Gittern und Ketten? Aber was hat das mit mir zu tun? Warum weckst du mich deswegen so früh am Morgen?«

Gwynnie ballte ihre Hände zu Fäusten. »Du hast doch das Gerüst an der Außenmauer im Gleichgewicht gehalten, als der Balken letzte Woche gebrochen ist, weißt du noch? Keiner von euch ist abgestürzt.«

Emrys erinnerte sich. »Ich habe die Kraft meiner Ahnen genutzt, ja. Der Baumeister war mir wirklich dankbar, der Burgherr auch.« Wie ein Ritter hatte er sich gefühlt, als er an der großen Tafel sitzen und unverdünnten Wein trinken durfte.«

Gwynnie holte seine Gedanken in die Gegenwart zurück. »Dem Abt hat das weniger gefallen.«

»Ja, das stimmt. Er hat mich angeschaut, als wäre ich ein Geist.«

»Oder ein Teufelsanbeter.«

Emrys begriff. Das Blatt hatte sich gewendet. Die Pfaffen hielten nicht viel von der Macht der Ahnen. Hexerei nannten sie das. Nun begehrten sie Einlass, um ihn zu holen und in einen ihrer Kerker zu stecken, bis sie einen Scheiterhaufen für ihn errichten würden.

»Mach schon, du musst hier weg!« Gwynnies schrille Stimme befreite ihn aus seiner Starre.

Bis auf die Kleider, die er am Leibe trug, ließ er alles zurück. Barfuß folgte er Gwynnie in die Speisekammer, kletterte durch die schmale Luke auf den Wehrgang und sprang in den Graben, ohne sich noch einmal umzudrehen. Das eisige Wasser raubte ihm die Luft. Trotzdem tauchte er unter und schwamm, bis er das Schilfgras am anderen Ufer unter den Fingern spürte.

Einer der Bogenschützen des Abtes musste ihn entdeckt haben. Ein Pfeil surrte dicht an seiner Schläfe vorbei und blieb wenige Meter vor ihm im dichten Gehölz stecken. An seiner Wange flammte brennender Schmerz auf. Fahrig fasste er sich ins Gesicht. Auf seiner Hand mischte sich Blut mit Wasser. Ein Streifschuss. Hektisch und mit zitternden Gliedern zog sich Emrys die Böschung hoch. Im dichten Wald, der hier fast bis zum Ufer reichte, bot sich ihm ein kleiner Vorteil. Schnell wandte er sich nach rechts und hielt auf die ersten Stämme zu. Ein kurzer Blick über die Schulter trieb ihn zu noch größerer Eile an. Die Jäger des Abtes hatten die Verfolgung aufgenommen, holten auf. Einige von ihnen folgten ihm zu Fuß, andere saßen auf ihren Pferden, und sie holten beständig auf. Er spürte ihren fanatischen Blutdurst im Nacken. Seine Lungen brannten. Immer öfter stolperte er über Wurzeln und tote Äste.

Schwer atmend lehnte er sich an die borkige Rinde einer mächtigen Eiche und suchte zwischen den dicht stehenden Bäumen nach einem Versteck. Jetzt, wo er still stand, spürte er einen feinen Luftzug, der nicht nur wärmer war als die Kühle des Morgens, sondern auch gegen die Windrichtung trieb. In seiner Panik rannte er dem Phänomen entgegen, ohne einen einzigen Gedanken an die Ursache zu verschwenden. Er schob tiefhängende Zweige zur Seite und stand vor einer massiven Felswand. Der Fluch auf seinen Lippen verkam zu einem tonlosen Zischen, als er sich umwandte und keinen Ausweg fand.

Nur wenige Meter entfernt schnaubte ein Pferd. Der Schweißgeruch seiner Verfolger drang in seine Nase. Er machte einen Schritt rückwärts. Eigentlich hätte sein Rücken längst den Stein berühren müssen. Sein rasselnder Atem musste ihn doch verraten, auch wenn ihn das dichte Geäst vor den Blicken seiner Verfolger weitgehend verbarg! Er wich noch weiter zurück. Auch diesmal blieb der erwartete Widerstand aus. Emrys wirbelte herum. Da war kein Fels, der ihm den Weg versperrte, kein undurchdringlicher Wald. Nur verblühte Gräser und die Umrisse einzelner, hoher Bäume.

Dort, wo er gerade eben noch gestanden hatte, breitete sich eine unnatürliche Dunkelheit aus, die das erste Licht des beginnenden Tages verschluckte. Der Ort strahlte eine mächtige Aura aus, die er nicht verstand. Seine Verfolger waren wie vom Erdboden verschluckt. Emrys ließ sich auf die Knie fallen und dankte den Mächten seiner Ahnen.

Bis er wieder zu Atem kam, rührte er sich nicht von der Stelle. Als die Sonne am Horizont aufging und sich dort, wo eigentlich die halbfertigen Türme von Beaumaris Castle in den Himmel ragen sollten, nur eine weite grüne Ebene ausbreitete, begann er zu begreifen, dass hier etwas Ungeheuerliches geschah.

Vergeblich suchte er nach einem Pfad, einer Hütte oder auch nur einer Spur anderer Menschen. Stattdessen fand er einen munteren Bach, der sich durch das Tal schlängelte. Das Wasser schmeckte frisch. Pilze und wilde Beeren stillten seinen Hunger. Niemand machte ihm die süßen Früchte streitig.

Auf das hier hatten ihn weder die Baumeister noch die Weisen aus dem Hain vorbereitet. Er besaß die Freiheit, zu tun, was immer ihm in den Sinn kam, aber was er nicht selbst in die Hand nahm, blieb unerledigt. Die Nächte verbrachte er in einer Höhle, die er mit Moos auspolsterte. Das Tageslicht nutzte er, um immer weitere Kreise durch die unberührte Landschaft zu ziehen. In den ersten Tagen blickte er noch häufig über die Schulter, aber mit der Zeit verlor sich seine Angst vor den Häschern des Abtes.

 

Am siebten Tag in der neuen, einsamen Welt beschloss er, den Dingen auf den Grund zu gehen und kehrte an die Stelle zurück, an der sich die massive Felswand vor seinen Augen in Luft aufgelöst hatte. Die fremdartige Signatur, die ihm schon bei seiner Ankunft aufgefallen war, beherrschte den Ort nach wie vor. Die Konturen der Gräser und Büsche an dieser Stelle wirkten unscharf. Mit kleinen Schritten näherte er sich dem Zentrum der seltsamen Aura, bis ihn erneut ein warmer Luftstrom umhüllte, der sanft an seinen Armen und Beinen zog. Emrys gab dem Sog nach und rieb sich verwundert die Augen, als er sich im Wald von Beaumaris wiederfand. Wie an dem denkwürdigen Morgen seiner Flucht lehnte er sich an den Felsen und fasste ins Leere. Endlich begriff er das Unfassbare.

Er ließ das Portal hinter sich und betrat noch einmal die vertrauten Wege. Im Schutz der Dämmerung schlich er sich zum Hain der Ahnen und ritzte Botschaften für die Weisen in die bemoosten Oberflächen der Steine, dann kehrte er der Alten Welt für immer den Rücken.

 

 

 

 

Once in the hands of fate, there is no choice

an echo of the wind You hear my voice

(Blackmores Night)

1

Raenna rieb sich die Augen. Das Display begann zu flackern. Ein Counter am oberen rechten Bildschirmrand zählte die Sekunden bis zum Energiesparmodus herunter. Sie stellte das Notebook neben sich auf die Couch und streckte sich. Ihr Nacken schmerzte. Ein einzelner Sonnenstrahl bahnte sich seinen Weg zwischen den halb zugezogenen Vorhängen und zwang sie zum Blinzeln. Für einen Arbeitstag war es schon viel zu hell. Der Blick auf das Handy bestätigte ihre Befürchtung. Sie müsste längst an der Ausgrabungsstätte sein.

Barfuß tappte sie in die Küche und setzte heißes Wasser auf. Der Teekocher begann zu brodeln, noch bevor Raenna den Teebeutel in die leere Tasse gehängt hatte. Die Reste des Torffeuers vom letzten Abend glühten noch im Kamin, verbreiteten aber längst keine Wärme mehr. Auf dem Holztisch stapelten sich Berichte aus englischen und arabischen Fachzeitschriften. Bei Weitem nicht alle davon hatten mit ihrer aktuellen Aufgabe zu tun. Ihr Schlüsselbund, zwei leere Tassen und die Ladegeräte für Laptop und Handy teilten sich den Rest der Tischplatte mit dem achtlos ausgeschütteten Inhalt ihres Rucksacks. Warum musste sich der Sicherheitsausweis für den Hügel auch immer zwischen dem übrigen Kram verstecken? Über dem Chaos thronte der silberne Kerzenständer mit den feinen Gravuren, die zu keiner bisher bekannten Epoche dieser Welt passten.

In letzter Zeit träumte sie wieder öfter von dem Ort, an dem sich niemand über Ornamente wie diese wunderte. Manchmal blickte sie dabei sogar über die Waldlichtung hinaus, die in ihren wachen Erinnerungen immer mehr verblasste. Wenn ihre Sinne in die Welt zurückkehrten, in der sie ihre Gabe ausleben durfte, ohne für verrückt erklärt zu werden, sah sie Wiesen, Felder und menschliche Siedlungen durch die Augen eines Wanderers, der mit seiner warmen, tiefen Stimme durch ihre Träume geisterte. Sie mochte diesen Kerl, und sie mochte die Hoffnung, einen Weg nach Tallari zu finden.

Sie hatte ihre Gründe gehabt, sich für Irland und das Haus ihrer Eltern zu entscheiden. Damals. Inzwischen würde sie fast alles dafür geben, noch einmal wählen zu dürfen. Die Wege des Lichts, auf denen sie ihr Mentor begleitet hatte, standen ihr alleine nicht offen, aber vielleicht gab es Alternativen. Die letzten Funde in Siwa nährten ihre Hoffnung.

Ungeduldig klopfte jemand an ihre Tür. Sie zuckte zusammen.

»Mach auf, du Schlafmütze!«

Diese Stimme kannte sie nur zu gut. Sie gehörte definitiv zu dieser Welt. Raenna bändigte ihre wirre Mähne mit einem Haargummi und schob den Riegel zurück. Vor der Tür stand Dermot, der ihre Ausgrabungen im Keltengrab organisierte, das schelmische Grinsen zwischen den blitzenden Augen und dem Dreitagebart noch breiter als sonst. Er musste sich bücken, um sich den Kopf nicht am Türrahmen anzuschlagen.

»Von wegen Schlafmütze! Ich bin schon seit Stunden wach. Nur auf die Uhr hab ich nicht geschaut.« Sie blies sich eine vorwitzige Haarsträhne aus der Stirn. »Mach dir schnell Tee, wenn du magst, das Wasser ist schon heiß. Ich zieh mir so lang was anderes an. Gib mir fünf Minuten, dann bin ich bereit für den Hügel.«

Dermot schüttelte den Kopf. »Vergiss den Hügel, Raenna.«

»Was? Gibt es schon wieder Streik?«, fragte sie, schon halb im Schlafzimmer.

»Nein, aber eine Nachricht von deinem Lieblings-Professor.«

»Mickleby?« Raenna spürte ihr Herz schneller schlagen. Langsam drehte sie sich wieder zu Dermot, der noch immer grinste.

»Genau der. Du hast es tatsächlich geschafft: er holt dich nach Siwa zu den Sonnensteinen! Auch wenn ich immer noch nicht verstehe, warum dir ein paar Steinbrocken lieber sind als die Gebeine unserer Vorfahren.«

»Du weißt genau, warum!« Sie erhob ihre Stimme, ohne es zu wollen. Eine heiße Welle aus Vorfreude schoss durch ihren Körper und hinterließ ein Kribbeln in ihrem Nacken. Mechanisch durchquerte sie den Raum und nahm den Teekocher vom Strom, ohne sich von Dermot abzuwenden.

»Weil du irgendwas in den Dingern siehst, das dir Flausen in den Kopf setzt, ja.« Er verdrehte die Augen, aber seine Mundwinkel zuckten.

Raenna starrte ihn an und legte den Kopf in den Nacken. »Mindestens einer von den Steinen hat …«

»… irgendwas an sich, das du mit dem Ort in Verbindung bringst, an dem dein Magie-Kram nichts Besonderes ist. Ich weiß. Du redest seit Wochen davon.«

»Nimmst du mich immer noch nicht ernst? Das ist kein Kram und ich dachte, das weißt du inzwischen.«

»Ja doch. Aber wir haben jetzt keine Zeit für so was.«

Erst als Dermot ihr den Arm entgegenstreckte, fiel Raenna das zusammengefaltete Stück Papier auf, das er theatralisch zwischen den Fingern hielt. Fassungslos starrte sie auf das Flugticket, mit dem er vor ihrer Nase herum wedelte, bis sie ihm das Blatt aus der Hand riss. »Egypt Air … aber … das ist ja schon heute!«

»Exakt.« Ihr Assistent grinste schief. »Du hast noch genau eine Stunde Zeit, um deinen Krempel zu packen, dann fahre ich dich nach Shannon, damit der Flieger nicht auf dich warten muss.«

45 Minuten später drückte Raenna die Tür ins Schloss, das wie immer klemmte. Der Wind, der hier nie wirklich zur Ruhe kam, wehte eine salzige Brise vom Meer herüber. Durch den Nebel aus Gischt konnte sie unscharf die Konturen der dunklen Felsen erkennen, die aus dem schneeweißen Sand ragten – ein Phänomen, das es so nur ein paar Meilen entlang der Küste hier in Carna gab. Raenna sog gierig die Luft ein. Sie liebte diese Mischung aus Seeluft, frischem Torf und Räucherwerk.

»Len hat den Ofen angeheizt. Schade, dass ich diesmal nichts von seinem Lachs abbekomme.« Sie lachte und zwängte sich zusammen mit Koffer und Rucksack in das klapprige Vehikel, das Dermot Auto nannte. Als ihr beim Schließen der Tür Rost auf die Haare rieselte, fragte sie sich, ob der Pritschenwagen die 57 Meilen bis Shannon überhaupt noch schaffen würde.

 

Gerade noch rechtzeitig schob sie ihr Ticket über den Check-In-Schalter, während sie ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat. Die meisten Passagiere saßen längst auf ihren Plätzen, als sie noch nach der richtigen Sitzreihe suchte. Endlich fand sie ihren Platz und bugsierte den Rucksack in das Gepäckfach. Sie spürte einen leichten Ruck, als sich die Maschine in Bewegung setzte. Höchste Zeit, sich hinzusetzen. Längst blinkten die Anschnallzeichen. Die unausweichlichen Sicherheitsanweisungen der Stewardess rauschten an ihr vorbei. Der Flug war bis auf den letzten Platz ausgebucht. Lachende Kinderstimmen mischten sich mit dem Singsang der Väter und Mütter, die ihre liebe Not damit hatten, ihren Nachwuchs davon abzuhalten, über die Lehnen der Sitze zu klettern. Genüsslich schlürfte Raenna kühlen Orangensaft und zog ihr Handy aus der Jeans. Der Mail-Eingang blinkte. Sie drehte das Display, um besser lesen zu können:

 

Um 17.30 Ortszeit wird Sie mein Chauffeur Musal Karimi in der Ankunftshalle abholen und auf direktem Weg zu den Ruinen fahren. Wir treffen uns dort für weitere Absprachen.

Thaddäus Mickleby

 

Raenna hoffte, an diesem Abend die einzige Neue im Team zu sein und den Professor für sich alleine zu haben. Sie verspürte nicht die geringste Lust, über die Sonnensteine mit Leuten zu diskutieren, die von der anderen Welt nichts wussten. Noch nicht. Mindestens einer der Sonnensteine trug Signaturen, die definitiv aus Tallari stammten. Die Fachwelt rätselte, warum das spezifische Gewicht der Artefakte nicht in die üblichen Raster passte.

Raenna glaubte zu wissen, woran das lag. Sie wollte die Steine sehen, berühren – und keine abgedroschenen Litaneien über die Stammbäume der Pharaonen vorgebetet bekommen. Seit dem ersten Bericht über den Fund in der ägyptischen Wüste beschäftigte sie sich mit der Frühgeschichte der Oase. Inzwischen kannte sie unzählige Details und Überlieferungen. Auch die, an die ihre Kollegen nicht glaubten. Endlich bekam sie Zugriff auf handfeste Beweise, die ihre Erinnerungen an Tallari bestätigten. Zumindest hoffte sie das.

Immer wieder sah sie auf die Uhr. Ihre Finger trommelten auf die Armlehnen, bis sich ihr Nachbar mitleidig zu ihr drehte.

»Flugangst?« Er zog eine Augenbraue hoch, was seinem spitzen Gesicht mit dem grauen Ziegenbart einen lächerlichen Zug verlieh.

»Was … öhm, nein, warum?«

»Sie sind nicht gerade entspannt.«

Raenna schüttelte den Kopf und zwang sich, ihre Finger auf den Lehnen liegen zu lassen, zumindest so lange, wie Meister Ziegenbart sie anstarrte. »Alles gut, ich fliege ständig.«

»Flugangst ist keine Schande. Da gibt es Seminare und …«

»Ehrlich, ich habe kein Problem in der Luft, ich will nur endlich ankommen.«

Der sprechende Ziegenbart zuckte mit den Schultern und vertiefte sich wieder in seine Zeitung. Raenna sah aus dem Fenster und kniff die Augen zusammen.

Endlich begann die Maschine zu sinken. Unter der Wolkendecke machte sie eine felsige Küstenlinie aus, die mit der Zeit in eine ausgedehnte Dünenlandschaft überging. Irgendwo dort lagen die Sonnensteine von Siwa und warteten darauf, dass endlich jemand ihr wahres Wesen erkannte. Mit jedem Meter, den sie dem Boden näher kam, wuchs ihre Aufregung.

 

Sie hievte ihren Koffer vom Gepäckband und konnte es kaum noch erwarten, die gläserne Absperrung hinter sich zu lassen. Die Scheiben zur Ankunftshalle öffneten sich automatisch und gaben den Weg für den Pulk von blassen Europäern frei. Die ägyptische Hitze traf sie nach dem klimatisierten Gepäckbereich mit voller Wucht. Sie japste.

Ein Blick in die Runde bewies ihr, dass kein vernünftig denkender Mensch in langen Jeans, dicken Socken, Hemd und Sweatshirt hier auflaufen würde. Jedenfalls nicht, wenn er mehr als eine Dreiviertelstunde Zeit hatte, sich vorzubereiten. Mit der freien Hand wischte sie sich eine Schweißperle von der Schläfe.

Zum Glück wartete ihr Chauffeur, ein drahtiger Ägypter mit dunklen Augen und einem bunten Halstuch, auf der anderen Seite der Glastür schon. Er hielt ein Pappschild in die Luft, auf dem »Miss Raenna Darkin from Ireland« stand.

Als sie mit wehenden Haaren auf den kleinen Mann zustürmte, wich er kaum merklich zurück. Raenna stutzte. In seinen weit aufgerissenen Augen erkannte sie nicht nur Neugier, sondern auch Furcht.

»Musal Karimi?«

Er nickte stumm und sah sie für den Bruchteil einer Sekunde an, bevor er den Blick hastig abwandte und ihr den Koffer abnahm.

»Ich bin wohl der Grund dafür, dass Sie der Professor zum Flughafen geschickt hat. Aber warum fürchten Sie sich vor mir?«, fragte sie fließend in seiner Landessprache und rieb sich mit dem Handballen die nächste Schweißperle aus dem Auge.

»Ihr Ruf ist Ihnen vorausgeeilt, Miss. Sie sehen Dinge, die nicht da sind. Das ist nicht gut!«

Sie öffnete den Mund, um ihm eine deftige Antwort entgegen zu schleudern, besann sich aber gerade noch rechtzeitig. Er trug keine Schuld an den Lästereien ihrer Kollegen.

Musal Karimi zerrte den Koffer hinter sich her und bugsierte ihn zu einem Pickup direkt vor der Ankunftshalle. Dabei vermied er es auf ungeschickte Art, ihr in die Augen zu sehen. Sie hätte sich gerne mit ihm unterhalten und machte ein paar vorsichtige Anläufe, aber er war nicht dazu zu bewegen, mehr als »Ja, Miss.« oder »Nein, Miss« zu antworten. Mit einer fahrigen Geste deutete er auf die Beifahrertür. Resigniert warf sie ihren Rucksack auf den Rücksitz und stieg ein. Nach einer schweigsamen halben Stunde Fahrt fielen ihr die Augen zu. Ihre Sinne verließen das Reich der wachen Realität und kehrten zurück nach Tallari.

An der Schwelle zum Tiefschlaf wartete der Wanderer auf sie. Raenna freute sich über seine Gesellschaft. Er fürchtete sich wenigstens nicht vor ihr. Im strömenden Regen machte er sich an der Tür einer Herberge zu schaffen. Dunkle Strähnen hingen ihm nass und zerzaust in die Stirn. Die Hand, mit der er sich die widerspenstigen Haare nach hinten strich, war ebenso gebräunt wie sein Gesicht. Selbst jetzt, wo alles an ihm triefte, lag der Anflug eines Lächelns in seinen dunklen Augen. Wie immer, wenn er lächelte, bildete sich ein kleines Grübchen auf seiner linken Wange. Dort, wo er sich umwandte, um die Tür zu schließen … oder um seine Begleiterin zu begrüßen? … hinterließen seine Stiefel kleine Pfützen auf den Holzdielen. Raenna blickte verwundert auf ihre eigenen, vollkommen trockenen Füße.

Die Flammen der Kerzen flackerten und warfen unstete Schatten an die rußigen Wände der Taverne. Über der Feuerstelle hing ein verbeulter Kessel. Der Geruch von würziger Suppe und frisch gebackenem Brot hing in der Luft. Raenna mochte diesen Ort. Niemand schien sie zu bemerken. Ihr Magen knurrte. Ihr Begleiter bestellte sich einen Teller Beinfleisch mit Rüben und einen Humpen Dünnbier. Raenna leckte sich die Lippen, als der Wanderer den randvollen Krug in einer fließenden Bewegung auf der massiven Tischplatte abstellte.

Ob er wohl etwas dagegen hätte, wenn sie einen Schluck daraus nähme? Mit geschickten Fingern band er den schweren Umhang auf und breitete ihn neben der Feuerstelle auf der Bank aus. Schlagartig begann der dicht gewebte Wollstoff zu dampfen. Überrascht stellte Raenna fest, dass die weiten Ärmel seines leinenen Hemdes kaum feuchte Flecken aufwiesen.

Aus dem Stimmengewirr am Tresen hörte sie eine Stimme heraus. Warum eigentlich? Der Kerl sprach nicht lauter als die Würfelspieler. Im Gegenteil. Eigentlich bemühte er sich sogar, leise zu sein. Aber der Wanderer konzentrierte sich auf das Gespräch und auch sie verstand jedes Wort. Der Fremde redete auf eine schwarzhaarige Schönheit ein, die ihre Locken zwischen den Fingern drehte. »Vielleicht, Maris, vielleicht. Diese Sonnensteine sind jedenfalls hier in Tallari gewesen. Sie tragen Signaturen, die wir eindeutig zuordnen können.«

Die Sonnensteine? Natürlich. Die Sonnensteine. Raennas Sonnensteine. Raennas Traum. Sie biss sich auf die Lippe.

Die Stimme, der der Wanderer lauschte, sprach weiter. »Die Wissenschaftler mit ihren Geräten und Röhren aus Metall behaupten, sie lagen dort mehr als 2000 Jahre lang unter Steinen und Sand begraben.«

Raenna spürte einen eisigen Blick in ihrem Rücken. Sie wirbelte herum. Eine vermummte Gestalt stand am Windfang und mühte sich damit ab, die Tür wieder zu schließen, um den Wind auszusperren. Trotz des Feuers im Kamin schien die Luft zu gefrieren, als der neue Gast die Kapuze abnahm und seinen langen, schneeweißen Bart entblößte. Das unverbindliche Lächeln, das seine Lippen kräuselte, erreichte die wachsamen Augen nicht. Sein Blick blieb für einen winzigen Moment an dem Wanderer hängen, ohne dass er ihm einen Gruß zukommen ließ. Von Raenna nahm er keinerlei Notiz.

Gut so.

Trotzdem jagte ihr die emotionslose Miene des Alten einen Schauer über den Rücken. Auch der Wanderer schien erleichtert, als er sich wieder von ihm abwandte.

Der Wirt trocknete seine Hände an einem fleckigen Tuch ab und schlurfte auf den neuen Gast zu. »Meister Caldrin! Welch seltener Besuch hier in Auber. Was darf ich Euch anbieten?«

Raenna blinzelte, weil ihr der Rauch einer frisch entzündeten Fackel in den Augen brannte. Als sich die Schlieren vor ihren Augen verzogen, wich sie zurück. Vor dem imposanten Magier mit dem weißen Rauschebart, der offensichtlich eine Beschwörung wirkte, stand die schwarzhaarige Schönheit von vorhin, die Arme in die Hüften gestemmt und die grauen Augen zu wütenden Schlitzen verengt. »Hört auf mit dem Quatsch! Wisst ihr nicht, wie gefährlich das ist? Stellt Euch gefälligst in den Sturm, wenn Ihr ein Tor öffnen wollt!« Ihre Stimme erinnerte Raenna an die Klinge eines scharfen Messers.

»In den Sturm stellen werde ich mich wohl tatsächlich«, zischte der Magier. »Meine Zeit ist kostbar und ich muss mich mit größeren Bedrohungen als einem Portal und einer halbwüchsigen Furie befassen.«

Portal? Portal!

Raenna war sich plötzlich nicht mehr sicher, wen der imposante Magier als Furie sah. Diese Maris oder sie. Jedenfalls holte sie erleichtert Luft, als der Alte die Tür hinter sich ins Schloss zog. Sie löste ihren Blick von dem Windfang und nahm sich vor, den Wanderer nach dem Weg durch das Portal zu fragen, aber als sie sich zu ihm umwandte, tanzte vor ihren Augen ein buntes Halstuch auf einem nervös auf- und abwippenden Adamsapfel.

2

 

»Miss, Sie müssen aufwachen. Wir sind da!«

Das Portal spukte noch immer durch Raennas Gedanken. Krampfhaft klammerte sie sich an den Traum, den sie nicht loslassen wollte, aber die Bilder aus Tallari zogen sich unaufhaltsam in ihr Unterbewusstsein zurück. Sie blinzelte und blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich in ihren Wimpern verfing und einen roten Schatten in ihrem Sichtfeld hinterließ. Musal stand neben dem Pickup und hielt die offene Beifahrertür fest, als würde sie ohne seine Hilfe aus den Angeln fallen. Die Scheinwerfer strahlten ein einfaches, weiß getünchtes Bauwerk an, weniger als drei Schritte von der Windschutzscheibe entfernt.

Wie lange hatte sie geschlafen? Diffuses Mondlicht beschien schroffe Felsen und zeichnete die bizarren Konturen von ineinander verschachtelten, längst eingestürzten Mauern vor dem tiefblauen Nachthimmel nach.

Ein Teil ihres Verstandes klammerte sich noch immer an den Traum und die Portale. Der andere Teil, der Vernünftige, sortierte die realen Bilder vor ihren Augen und zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen.

Langsam begriff sie, wo sie sich befand. Die Ruinen von Shali, das längst zerfallene Herz der Oase, laut Karte kaum mehr als einen Steinwurf vom heutigen Siwa entfernt. Aber was bedeuteten schon Karten? Die Luft vibrierte. Die uralten Mauern folgten den verborgenen Linien der Macht, als wäre es selbstverständlich, Straßen und Siedlungen an die Pfade der Energie anzupassen. Raenna sog die Nachtluft in ihre Lungen. Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus, obwohl sie nicht fror. Noch trug der Nachtwind die Hitze des Tages mit sich und die Oberflächen der behauenen Steine gaben die Wärme zurück. In einigen Stunden würde es anders sein. Jetzt war sie froh um das Sweatshirt, das sie zusammengeknüllt als Kopfkissen in die Beifahrertür geklemmt hatte. Sie drehte den Kopf, um Musal nachzusehen, der sich auf das einzige intakte Gebäude zubewegte. Irgendein Wirbel in ihrem Nacken knackte leise.

Die dicken Mauern des weiß getünchten Hauses waren selbst schon fast ein altertümliches Relikt, und doch um fast zweitausend Jahre jünger als die Felsbrocken und Mauerreste der Ruinen hinter dem Bauzaun. Um die schummrige Laterne vor dem Eingang drängten sich Motten. Irgendwo in der Nähe heulte eine Hyäne.

Raenna rieb sich die Augen und verscheuchte die lebendigen Tavernenbilder aus ihrem Kopf. Schon hier draußen, vor der eingezäunten Anlage, erahnte sie an den Strukturen der Hügel und Felsen den Verlauf ehemaliger Mauern und Wege. Sie lehnte sich aus dem offenen Fenster, um mehr von der Anlage zu erkennen. Das Gelände wirkte leer und ruhig. Zu ruhig.

Sie richtete sich im Autositz auf und wandte sich an Musal. »Wollte Professor Mickleby nicht hier auf uns warten?«

Sie zog ihr Handy aus der Hosentasche, aber der Posteingang blinkte nicht. Der Assistent rüttelte an der verschlossenen Tür der Zentrale und schüttelte den Kopf. »Ja Miss, das hat er gesagt. Ich weiß auch nicht, warum er nicht da ist.«

Er stieg wieder in den Wagen und legte umständlich das Headset der Freisprechanlage an. Raenna hatte keine Lust, ihn beim Telefonieren zu beobachten. Mühsam schälte sie sich aus dem Sitz und streckte ihren steifen Rücken. Ihre Beine wehrten sich nach der langen Fahrt noch ein wenig gegen die Bewegung, aber Raenna ignorierte die Taubheit und überquerte den sandigen Parkplatz. Ein steinerner Trog weckte ihr Interesse. Sie ging in die Knie, um die Oberfläche mit den Fingerspitzen zu ertasten.

Nach weniger als einer Minute kurbelte Musal mit gesenktem Kopf das Fenster herunter. Raenna hörte das Quietschen, stand auf und wandte sich Micklebys Assistenten zu. Einer der Ohrstecker baumelte neben seinem Kinn.

»Und? Was sagt er?« Raenna rieb sich den Sand von den Händen.

»Es gab Probleme mit einer Genehmigung. Einer der Kommissare hat ihn auf die Wache zitiert. Dabei bin ich mir sicher, dass er alles unterschrieben hat. Ich habe doch die Papiere selbst geprüft.«

Raenna kannte die Stolpersteine der Behörden gut genug. Nicht selten verschafften sich die Offiziellen mit sinnlosen Formalitäten einfach nur eine Daseinsberechtigung oder hielten die Hand auf.

»Hat er gesagt, ob er nochmal herkommt? Wie lang müssen wir warten?«

Musal schüttelte den Kopf. »Ich soll Sie ins Hotel bringen. Der Schlüssel für Ihr Zimmer liegt auf dem Fensterbrett, sagt er. Er hat wohl schon geahnt, dass er nicht rechtzeitig zurück ist.«

Musal machte Anstalten, wieder auszusteigen, aber Raenna hatte das Fenster der Ausgrabungs-Zentrale schon erreicht, bevor seine Beine den Boden berührten. Tatsächlich fand sie eine Schlüsselkarte mit buntem Aufdruck unter einer umgedrehten Tasse.

 

Die magischen Schwingungen auf der Anlage krochen Raenna unter die Haut. Einige davon fühlten sich alt und spannend an. Aber auch jüngere Signaturen mischten sich in die Spuren. Raenna konnte der Versuchung nicht widerstehen. Noch einmal lief sie zu dem Pickup, fischte nach ihrem Rucksack im Fußraum, machte aber keinerlei Anstalten, in den Wagen zu steigen.

»Miss?« Musal kratzte sich am Ohr.

»Fahren Sie schon mal vor. Den Koffer können Sie gerne im Hotel abliefern. Ich komme dann zu Fuß nach. Ein paar Schritte werden mir nach der langen Sitzerei nicht schaden.«

Musal schüttelte heftig den Kopf. »Miss, nein … das geht nicht, Sie können nicht … das sind fast zwei Meilen bis Siwa!«

Sie grinste und legte den Kopf in den Nacken. »Und wenn schon. Ich bin schon viel weitere Strecken gelaufen.«

»Aber es ist dunkel, Miss. Sie sind alleine. Und Sie sind …«

Ungeduldig fiel sie ihm ins Wort. »… ein erwachsener Mensch, der auf sich selbst aufpassen kann. Keine Sorge, mir passiert schon nichts.«

Wieder erkannte sie Angst in Musals Augen, diesmal allerdings gemischt mit einer gesunden Portion Empörung darüber, dass sie ihm widersprach. Sie biss sich auf die Lippe, um das Grinsen aus ihrem Gesicht zu vertreiben. Es lag nicht in ihrem Sinn, Musal zu kränken. Ganz und gar nicht. Nur auf seine anerzogene Ritterlichkeit hatte sie nicht die geringste Lust. Ein paar Stunden alleine mit den Steinen. Das verschaffte ihr die beste Gelegenheit, um endlich Antworten auf ihre Fragen zu finden. Ab morgen würde sie hier auf der Anlage mit einer Hammelherde von Kollegen herumgeführt werden.

Sie klopfte kurz auf das Autodach, wob einen einfachen Spruch der Beruhigung und blickte dem kleinen Ägypter tief in die Augen. Sie sah ihm zu, wie er kopfschüttelnd und leise murmelnd in sein Auto stieg, den Motor startete und auf der staubigen Straße verschwand. Sofort regte sich ihr Gewissen. Es war nicht fair, in seinen Geist einzudringen. Er kannte die Gabe nicht und konnte sich nicht dagegen wehren.

Sie sah dem Fahrzeug nach, bis der Nachthimmel die Rücklichter komplett aufsaugte, dann konzentrierte sie sich mit allen Sinnen auf Siwa, die beeindruckende Ruinenstadt Shali und die Sonnensteine.

Nachdenklich fuhr sie mit den Fingerspitzen über den groben Putz des Hauptgebäudes und versuchte, den unsichtbaren Energieadern zu folgen. Sie erinnerte sich an die Vorlesungen von Professor Mickleby. Er brannte für seine Theorien und Entdeckungen, aber nicht für die Banalitäten des Alltags. Er ließ seine Unterlagen zu Hause oder vergaß zu essen, bis ihm schwindlig wurde. Einmal blieb die Tür der Fakultät ein komplettes Wochenende lang offen stehen, weil der Professor nicht daran gedacht hatte, sie zu schließen. Vielleicht hatte er ja auch diesmal nicht richtig zugesperrt.

Raenna versuchte, das Türschloss mit der Hotelkarte zu öffnen. Leider ohne Erfolg. In die Nische vor dem einzigen Fenster des kleinen Häuschens hatte jemand einen grob zusammengezimmerten Holzrahmen geklemmt, mit Leder bespannt wie eine aus der Form geratene Trommel. Bestimmt eine Anordnung von Mickleby, um die Artefakte vor allzu hellem Tageslicht zu schützen. Sie zerrte an dem improvisierten Fensterladen, bis er nachgab und laut knirschend in den Sand fiel. Erschrocken fuhr Raenna herum, aber die Motten vor der Lampe blieben die einzigen Lebewesen in ihrer Nähe. Vorsichtig lehnte sie den bespannten Rahmen an die Mauer und hebelte das Fenster mit dem Klemmbrett aus ihrem Rucksack so weit auf, wie es der Kippriegel zuließ. Ihre Wangen glühten. Eine Woge aus Adrenalin und Neugier überrollte den kurzen Anflug von schlechtem Gewissen.

Sie zwängte sich durch den schmalen Spalt und wartete einen Moment, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Die Kamera fiel ihr sofort auf. Zum einen, weil der Elektromotor jedes Mal leise surrte, wenn sich der Schwenkarm neu ausrichtete, zum anderen, weil ein kleines, grünes Lämpchen unter dem Objektiv durchgehend blinkte.

Raenna grinste, als sie begriff, dass hier zwar in regelmäßigen Abständen der gesamte Vorraum gefilmt wurde, die Kamera aber nicht in der Lage war, direkt nach unten zu scannen. Sie beobachtete genau, nach welchem Schema sich der Schwenkarm drehte, dann bewegte sie sich in dem Takt, den die Technik vorgab. Wie ein Schatten huschte sie an der Wand entlang, immer fest an das Mauerwerk gedrückt, bis sie schließlich genau unter dem Gerät stand. Beim nächsten Surren des Motors legte sie sich flach auf den Boden und robbte direkt unter der Kamera durch, im Zickzack auf die einzige Tür zu, die aus dem Raum hinaus führte. Zum Glück stand diese offen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. Ihre Lungen gierten nach Nahrung. Mit offenem Mund sog sie die staubige Luft ein.

Sie schlüpfte durch die Tür und aktivierte die Taschenlampe an ihrem Handy. Was sich vor ihren Augen auftat, war geeignet, um jedem Archäologen das Herz aufgehen zu lassen. Der zweite Raum erwies sich um einiges größer als das Vorzimmer und zu zwei Dritteln vollgestellt mit Regalen, in denen sich alle möglichen Funde stapelten. An den meisten klebten schon die unvermeidlichen Zettelchen mit Nummern und Querverweisen.

Nur drei Schritte von ihr entfernt, auf einem langgezogenen Arbeitstisch, lagen sie auf zusammengefalteten, weichen Tüchern: die Sonnensteine von Siwa, die genug Rätsel aufgaben, um Wissenschaftler aus aller Welt in die Wüste zu locken. Die Steine waren kleiner, als sie auf den Fotos wirkten. Raenna spürte, wie das Blut in ihren Adern pochte. Sie erkannte alles, was sie aus den Fachzeitschriften bereits wusste: die fehlenden Verwitterungsspuren, die exakt symmetrischen Formen und die schimmernden Einschlüsse. Aber sie sah noch mehr als das. Vorsichtig hielt sie ihre Hand ein Stück über die Steine und atmete tief durch. Noch nie hatte sie Artefakte gesehen, die eine solche Menge an Energie ausstrahlten.

Jeder der sieben Steine trug eine bestimmte magische Signatur in sich. Für die meisten Menschen mochten diese Brocken einfach nur Steine sein, die erstaunlicherweise auch nach Jahrtausenden keine Spuren von Erosion zeigten, doch Raenna erahnte ihr Wesen. Um alle sieben Steine wirklich zu verstehen, würde sicherlich mehr als ein Leben notwendig sein. Ihre Hände zitterten.

Zwei der Steine – ein unscheinbarer Granitbrocken und ein Quader aus makellosem Marmor – strahlten direkt und unverschlüsselt in ihre Seele. Sie japste, als die bekannten Schwingungen, aus denen sie selbst ihre Energie schöpfte, wie im Zeitraffer durch ihren Körper jagten. Vertraut und gleichzeitig neu, wie eine Essenz aus allem, was sie wusste oder noch lernen könnte. Die Zeit schien still zu stehen, so lange sie die beiden Steine in den Händen hielt.

Aber es gab noch mehr zu entdecken. Neugierig ließ sie ihre Finger über die anderen Artefakte gleiten. Der leichte Kalksandstein mit seiner porösen Oberfläche sorgte für ein prickelndes Gefühl in ihren Fingerspitzen, Schiefer und Feuerstein strahlten Wärme ab. Einer der Steine hatte die Farbe von hellem Ton und schmiegte sich mit seiner glatten Oberfläche perfekt in ihre Hand.

Der Bernstein am Ende des Tisches unterschied sich von den anderen. Er funkelte heller, als es durch Raennas schwach leuchtendes Handy zu erklären gewesen wäre. Die freie Magie aus den Energieadern dieses uralten Ortes manifestierte sich und verband sich mit einem gierigen Sog, der Raennas Erinnerungen angriff. Das Saugen ging von dem glimmenden Bernstein aus. Sie wich zurück und hielt die Luft an, aber der Energiestrom folgte ihr, bis sich eines der Holzregale in ihren Rücken drückte. Sie merkte, wie der Stein versuchte, sich aus ihrer Magie zu nähren und blockierte ihren Geist. Die saugende Präsenz staute sich vor ihr auf wie eine viel zu schnell wachsende Gewitterwolke. Raenna nahm ein wütendes Grollen wahr, das sie eher spürte als hörte. Sie biss die Zähne zusammen und suchte nach einem Objekt, auf das sie ihre Konzentration lenken konnte, um den Bernstein aus ihren Gedanken und Sinnen zu verbannen. Intuitiv stolperte sie zum Tisch zurück und hob den Granitbrocken auf.

Kaum hielt sie ihn in der Hand, veränderte sich der Energiestrom. Raenna glaubte, das Meer rauschen zu hören. Sie nahm das Bild auf und konzentrierte sich auf Wellen, in deren Schaumkronen sich das Sonnenlicht brach. Je deutlicher die funkelnden Tropfen in ihren Gedanken Form annahmen, desto schwächer wurde der Energiesog des Bernsteins. Langsam zog sich die gierige Präsenz aus ihrem Geist zurück.

Aber der Bernstein lehnte sich gegen die Veränderung auf. Tentakel aus saugender Energie bäumten sich auf und versuchten, die Vision des Meeres unter sich zu begraben. Raenna schloss ihre Faust um den Granitbrocken noch fester und hielt ihn wie ein Schutzschild zwischen sich und den Bernstein. Viel zu schnell floss ihre Gabe durch das Artefakt, aber sie brauchte ihre ganze Kraft, um dem Bernstein Paroli zu bieten. Endlich zog sich die aggressive Macht vollends zurück.

Mit zitternden Knien begrenzte Raenna ihren Energiefluss. Sofort erschienen feine, silbrige Linien auf dem dunklen Granit, Buchstaben in der alten, keltischen Schrift der irischen Westküste. Raenna blinzelte, um die Inschrift zu entziffern. Die Worte, die sich nach und nach in ihrem Geist formten, ergaben keinen Sinn, die Melodie, mit der sie verbunden waren, schon. Die Töne harmonierten so selbstverständlich, dass sie die Augen schloss und mitsummte.

Der Traum kehrte in ihr Bewusstsein zurück … die Schänke … der Geruch … die schweren Tische … die Erinnerung an das Feuer im Kamin.

Feuer … Sie spürte, wie ihre magische Kraft in und durch den Granit in ihrer Hand floss. Oder war es die Melodie selbst? Nicht aggressiv wie bei dem Bernstein, sondern gleichmäßig und leise. Sie ließ es zu.

In diesem Moment begann die Luft vor ihren Augen zu flimmern. In einem Durchmesser von ungefähr zwei Metern vor ihrem Gesichtsfeld löste sich die Welt auf. Mit wabernden Rändern öffnete sich eine Schneise ins Nichts.

Raennas Herz klopfte wild. Furcht und Neugier mischten sich zu einem bizarren Klumpen, der ihr den Hals zuschnürte und sie gleichzeitig weiter trieb. Sie formte die letzten Worte aus ihrem Traum mit den Lippen nach. Sie schienen zu wirken, obwohl sie kaum mehr als ein Flüstern zustande brachte.

Portal? Portal!

Ein heißer Luftstrom wehte ihr entgegen. Schützend hielt sie die Hände vor die Augen.

Feuer …

Entschlossen trat sie einen Schritt nach vorne. Sie spürte einen scharfen Luftzug, der auf ihre Handflächen traf – dann gaben ihre Beine nach.

3

 

Als sie wieder zu sich kam, bestand ihre erste Empfindung aus Schmerz, dicht gefolgt von Hitze. Es roch nach angesengter Baumwolle. Tränen und Rauch brannten in ihren Augen. Nur einen Augenblick später nahm ihr ein Schwall lauwarmes Wasser die Luft. Ihr Ausweichversuch misslang, weil sie mit dem Kopf gegen eine raue Wand stieß. Der Boden, auf dem sie saß, schwankte gefährlich. Ihre Hände suchten Halt und fanden abgewetzte Holzdielen. Sie prustete und spuckte. Ein unangenehmer Geschmack nach Seife machte sich in ihrem Mund breit. Zischend erstarben kleine Flammen neben ihren Füßen und hinterließen ein taubes Gefühl an ihrem linken Knöchel.

Mit zittrigen Händen wischte sie sich das Wasser aus dem Gesicht, setzte sich auf und starrte in zwei weit aufgerissene, graue Augen. Wütend zusammengekniffene Lippen und ein kohlrabenschwarzes Meer aus wilden Locken vervollständigten das Bild, das sich ihr bot. Dieser Zorn kam ihr bekannt vor. Das Gesicht auch. Maris?

»Das gibt es doch nicht«, flüsterte sie und klammerte sich krampfhaft an ihre Lebensgeister, um nicht wieder die Besinnung zu verlieren. Sie löste den Blick von dem wütenden Gesicht und blinzelte, weil das Licht einer Fackel sie blendete. Die Pfütze, in der sie kauerte, endete an einem hölzernen Pfeiler, der wie ihr eigenes Hosenbein qualmte. Hinter ihr knisterte das Kaminfeuer. Auch ohne sich umzudrehen, ahnte sie, dass dort ein gefüllter Kessel hing … Beinfleisch mit Rüben. Am Tresen saßen einige Gäste. An einem der Tische ebenfalls. Alle starrten sie an. Die Blicke brannten auf ihrer Haut. Oder kam das von dem Feuer? Sie wusste, wie die Tische standen. Die Taverne? Die Taverne aus ihrem Traum? Aber wie konnte das sein? Langsam wandte sie ihren Kopf und versuchte, einen neuen Hustenanfall zu unterdrücken. Sie suchte etwas in diesem Raum. Nein. Sie suchte Jemanden. Wenn das hier die Gaststube aus ihrem Traum war, musste auch er hier irgendwo sein.

Der leere Spüleimer flog durch den Raum und schlug weniger als einen halben Meter neben Raennas Kopf ein. Sie rollte sich gerade noch rechtzeitig zur Seite. War diese Maris irre? Mit geballten Fäusten baute sie sich vor Raenna auf.

»Was soll das denn werden, willst du hier alles in Brand setzen?«

Es dauerte einige Sekunden, bis Raenna begriff, was Maris meinte. Ihr Hosenbein war nicht zerrissen, sondern angesengt. Genau wie der hölzerne Pfosten, an den sie ihre Schulter lehnte. »Nein, ganz sicher nicht. Ich wusste nicht, dass ich …«

»Du wusstest es nicht?« Die Stimme von Maris überschlug sich und sie warf theatralisch die Arme in die Luft. »Dann lass verdammt noch mal die Finger von Dingen, die du nicht kannst! Sind denn heute alle verrückt geworden? Jedes Kind weiß, dass spontane Tore Energie freisetzen. Und was macht unkontrollierte Energie? Genau, Feuer. Aber klar, warum solltest du das auch wissen?« Sie warf das nasse Spültuch nach Raenna.

Sie fing es auf und versuchte, sich an der Wand in ihrem Rücken hochzuschieben. Doch ihre Beine versagten den Dienst. Also bedachte sie die wütende Frau vor ihr mit einem trotzigen Blick. »Halt die Luft an! Ich hatte nicht vor, ein Tor zu öffnen. Zumindest nicht so. Ich weiß ja nicht mal, wie so was geht.« Eine Welle aus Übelkeit ließ sie erzittern. Sie presste die Lippen zusammen.

Maris zog die Augenbrauen hoch. »Ja, klar. Natürlich. Aber probiert hast du es trotzdem mal.« Sie winkte ab und schnaubte. Einer der Würfelspieler am Tresen lachte anzüglich.

Langsam verzog sich der Nebel aus Raennas Bewusstsein. Sie schielte zu dem Tisch, an dem sie in ihrem Traum gesessen hatte. Beide Hocker waren zurückgeschoben. Ein leerer Suppenteller stand neben einem halbvollen Krug. Etwas an diesem Bild beruhigte Raenna. Mechanisch griff sie nach dem Sonnenstein, der neben ihr auf dem Boden lag und steckte ihn in die Hosentasche. »Ich sag ja nicht, dass ich es nicht irgendwie wollte, aber …«

»Behalt deine Ausreden einfach für dich«, wetterte Maris, die grauen Augen inzwischen zu schmalen Schlitzen verengt.

Raenna fühlte sich wie ein Kaninchen in der Falle. Schwerfällig stützte sie sich auf die Ellenbogen und wartete, bis der Boden unter ihr nicht mehr schwankte und der unerträgliche Druck hinter ihren Schläfen einem gleichmäßigen Pochen wich. Die Haut über ihrem linken Knöchel spannte. Vorsichtig legte sie den nassen Lappen über das schmerzende Gelenk, was ihr tatsächlich ein wenig Linderung verschaffte.

Sie sah sich um und entdeckte immer mehr Details, die sie aus ihrem Traum kannte. Sie spürte die feuchten Dielen unter ihren Händen und beobachtete einen großgewachsenen Mann mit schulterlangen, dunklen Haaren, der ihr den Rücken zuwandte und mit weichen Wildlederschuhen die restlichen Glutherde austrat. Geschnürte Lederbänder hielten die weiten Ärmel seines hellen Leinenhemdes von den Ellenbogen bis zu den Handgelenken zusammen. Den Gürtel trug er mehrfach um die Taille gebunden. Erleichtert lehnte sich Raenna zurück. Jede seiner geschmeidigen Bewegungen kam ihr vertraut vor. Kein Zweifel: auch der Wanderer existierte tatsächlich. Im Gegensatz zu Maris wirkte er nicht wütend, sondern fokussiert.

Nur widerwillig löste sie ihren Blick von seinem Rücken und wandte sich wieder an Maris. »Das sind keine Ausreden. Glaub es mir oder lass es sein.« Ihre Stimme zitterte und sie räusperte sich, um nicht wie ein weinerliches Häufchen Elend zu klingen. »Ich bin einer Melodie gefolgt und habe meine Gabe fließen lassen, ja. Aber nicht, um hier die Bude abzufackeln. Das Portal ist einfach entstanden.«

»Selbst wenn«, zischte Maris, »die Entscheidung, es auch zu benutzen, hast du ganz alleine getroffen, oder nicht?«

»Doch, schon. Aber das Feuer kam von dem Portal, nicht von mir. Es hätte auch ganz ohne mich gebrannt, richtig?«

»Da hat sie recht, das musst du zugeben.«

Raenna wusste, zu wem diese weiche, tiefe Stimme gehörte. Der Wanderer streckte ihr seine sonnengebräunte Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen. In seinen dunklen Augen lag der Anflug eines Lächelns, das von Maris mit einem wütenden Funkeln beantwortet wurde. Raenna wusste, wo seine Grübchen auftauchen würden, noch bevor sich sein Lächeln bis zu den geschwungenen Lippen ausbreitete. Die schulterlangen Haare fielen ihm ins Gesicht, als er sich zu ihr beugte.

Maris riss sie unsanft aus ihren Beobachtungen. »Halt dich da raus, Aves! Das ist doch völlig unwichtig. Es gibt einen guten Grund dafür, dass der Kodex Beschwörungen nur im Freien erlaubt. Ist ja nicht deine Einrichtung, die sie einfach mal so demoliert.«

»Genauso wenig wie deine«, raunte Aves, ohne ihr einen Blick zu schenken. Raenna griff nach seiner Hand und ließ sich von ihm hochziehen.

Maris schlug mit der flachen Hand gegen einen Balken. »Aber im Gegensatz zu euch Stümpern liegt mir was daran, dass Herdals Taverne morgen noch steht.«

Raenna löste ihren Blick von dem Wanderer und wandte sich zu ihr. Für einen Augenblick rechnete sie schon damit, dass die schwarzhaarige Schönheit einen der Krüge auf dem Tresen nach Aves werfen würde, doch sie starrte ihn nur weiterhin wütend an.

Schuldgefühle kochten in Raenna hoch. »Gib mir ein paar Minuten und ich bringe das wieder in Ordnung«, sagte sie mit gesenkter Stimme und wich dem stechenden Blick aus.

Sie brauchte Zeit. Mehr Zeit, als ihr Maris vermutlich zugestand. Im Moment schaffte sie es einfach nicht, die verbrannten Stellen zu versiegeln, aber das musste sie Maris nicht auf die Nase binden. Obwohl sie an den Gebrauch von Magie gewohnt war, fühlte sie sich ausgelaugt. Der bittere Geschmack von Galle und Seife kratzte noch immer in ihrem Hals.

»Lass das lieber jemanden machen, der Ahnung davon hat«, giftete Maris weiter. »Nicht, dass du aus Versehen die komplette Taverne nach Surona verschiebst, wenn du ein paar Brandlöcher aus den Balken kriegen willst.«

Nun gesellte sich zu Raennas schlechtem Gewissen auch Wut. »Himmel, es tut mir leid, okay?«, fauchte sie und fixierte die andere Frau ihrerseits mit einem bösen Blick. »Wegen mir sind die Balken angekokelt und ich richte sie auch wieder her.«

»Lass sie«, flüsterte Aves und legte ihr die Hand auf den Arm. Der Ärmel seines Hemdes fiel weich auf ihr Handgelenk. Seine Hand fühlte sich angenehm kühl an. Raennas Knöchel brannte höllisch, als sie das Gewicht vorsichtig verlagerte, aber eine Brandblase würde sie nicht umbringen. Sie biss die Zähne zusammen und ließ sich zu der Eckbank neben dem Kamin führen.

»Nimm es ihr nicht übel«, raunte Aves mit einem Seitenblick auf Maris. »Sie muss sich heute ständig gegen Leute wehren, die mit Portalen herumspielen.«

»Ich hätte nie gedacht, dass es so einfach ist. Ich bin doch nur der Melodie gefolgt.«

Sie ließ sich auf die Eckbank fallen und versuchte die neugierigen Blicke vom Nachbartisch zu ignorieren.

»Es ist passiert … einfach passiert.«

»Das glaubst du doch selber nicht!« Maris warf Raenna erneut einen wütenden Blick zu, wischte den Sitz eines Hockers mit dem Ärmel trocken und setzte sich mit an den Tisch. Die beiden Kerle am Nachbartisch reckten die Hälse, um das Schauspiel nicht zu verpassen.

Raenna senkte die Stimme. »Doch. Und irgendwann werde ich es hoffentlich auch verstehen.«

Aves lehnte sich zurück und legte den Kopf ein wenig schief. »Du weißt, wo du dich hier befindest, denke ich. Magie kennst du auch, also warum hast du keinen der herkömmlichen Wege genommen?

---ENDE DER LESEPROBE---