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Klappentext: Siegelmeister, Insignia Magicae oder Bernhard von Rabenstein – alles Namen, die den kleinen Jonathan elektrisieren! Jeden Samstag erzählt sein Opa aufregende Geschichten über diese geheimnisvollen Personen. Was Jonathan nicht weiß – alles gehört zu einem Plan, den sein Großvater vor langer Hand ersonnen hat. Aber wie es im Leben so spielt – es kommt immer anderes als man denkt, und so wird der Enkel unversehens in einen Strudel von brandgefährlichen Ereignissen hineingezogen. In deren Verlauf entdeckt Jonathan, dass Großvaters Geschichten scheinbar einen wahren Kern besitzen. Sein bisheriges Leben stürzt in sich zusammen, aber vielleicht erfährt Jonathan gerade dadurch seine wahre Bestimmung! Pressetext: Ist der Tod wirklich endgültig oder ist er vielleicht nur der Beginn von etwas Neuem? Dieser Frage muss sich Jonathans Großvater stellen, als er seinen, von langer Hand vorbereiteten Plan in die Tat umsetzt. Aber wie es im Leben so spielt – es kommt immer anderes als man denkt, und so wird sein Enkel unversehens in einen Strudel von brandgefährlichen Ereignissen hineingezogen. In deren Verlauf erfährt Jonathan, dass Großvaters Geschichten offensichtlich einen wahren Kern besitzen. In diesen Erzählungen drehte sich alles, um die rätselhaften Siegelmeister und deren Bruderschaft, genannt die Insignia Magicae. Sein bisheriges Leben stürzt in sich zusammen, aber vielleicht erfährt Jonathan gerade dadurch seine wahre Bestimmung!
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Seitenzahl: 600
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Jörg Erlebach
Der
Siegelmeister
Nur der Tod bestimmt den Anfang
Jörg Erlebach
Der Siegelmeister Nur der Tod bestimmt den Anfang
1. Auflage © 2025 RavenPort Verlag GmbH, Frankfurt am Main
Autor: Jörg Erlebach
Umschlagdesign: Etienne Sadek
Lektorat/Korrektorat: Thomas Kolpin
Satz/Layout/E-Book: Etienne Sadek
Illustrationen: Lili Veitengruber
Druck: Custom Printing
ISBN Print: 978-3-69061-001-8
ISBN Epub: 978-3-69061-002-5
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Inhalt
Titel
Impressum
KAPITEL 1 – Großvater und Enkel
Eine aufregende Erzählung …
Der nächste Samstag …
Ein Jahr zurück in der Vergangenheit …
Wieder in der Gegenwart – der gleiche Samstag
Eine Woche darauf …
Samstags darauf …
KAPITEL 2 – Der Großvater
Sieben Jahre später …
Ein bedeutungsvolles Treffen …
Vermutung und Erkenntnis …
Wer sucht – der wird finden …
Eine unerwartete Begegnung …
Mors certa, sed hora incerta …
Kommissar Schwarzhoff …
KAPITEL 3 – Der Enkel
Mit zitternden Knien …
Das Laboratorium und andere Geheimnisse …
Das Erbe des Michael Dumont …
Weitere Rätsel und neue Entdeckungen …
Ein erster Verdacht …
Jede Menge Blut …
Viele Fragen – einige Antworten …
Epilog
Zwei Tage später …
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Eine aufregende Erzählung …
„Jonathan! Es ist Zeit!“, rief die Mutter die Stufen hinauf.
Ein zehnjähriger Junge sprang vom Boden seines Kinderzimmers auf und rannte ins Bad. Es war Samstagabend, der wichtigste Tag der Woche – zumindest für Jonathan. An diesem Tag erfolgte kein Genörgel oder Gequengel, wenn es hieß, ins Bett zu gehen. Sorgfältig putzte er sich die Zähne, wusch sein Gesicht und streifte sich seinen blaugrauen Schlafanzug über. Schon hörte er schwere Schritte die Stufen heraufkommen. Endlich – er konnte es kaum noch erwarten. Flink wie ein Wiesel rannte er zurück ins Kinderzimmer und schlüpfte aufgeregt unter die Decke seines Bettes. Es klopfte und im Türrahmen erschien das freundliche Gesicht eines alten Mannes. „Nun? Wie geht es meinem Lieblingsenkel Jonathan? Warst du schon im Bad?“ Seine Stimme war warm und sanftmütig.
„Großvater!“, strahlte ihm der Junge entgegen. „Natürlich – alles gewaschen und sauber!“
Der alte Mann betrat das Zimmer und sah sich aufmerksam um. „Und aufgeräumt hast du auch?“ Gespielt suchend ließ er seinen Blick durch den Raum wandern und nickte schließlich anerkennend. „In der Tat – alles an seinem Platz! Ich sehe, wir können anfangen.“ Er zog einen Stuhl neben das Kinderbett und machte es sich bequem. „Bereit für ein neues Abenteuer?“
Jonathan bestätigte aufgeregt, während er vor Neugier und Anspannung schier platzte. Welche Geschichte würde Großvater diesmal erzählen?
Mahnend hob der alte Mann seinen Zeigefinger. „Doch vorher machen wir was?“
„Muss das sein, Opa?“, stöhnte Jonathan theatralisch auf.
„Natürlich, wir wollen nichts vergessen, oder?“
„Na gut.“
„Wie viele Siegelmeister gibt es weltweit?“
Da war es – das Wort, das Jonathan immer wieder aufs Neue elektrisierte – Siegelmeister. Um diese mysteriösen Männer drehten sich all die Geschichten, die ihm Großvater jeden Samstagabend erzählte. Er berichtete von einem geheimnisumwitterten Orden, genannt die Insignia Magicae. Dieser Geheimbund setzte sich aus den Siegelmeistern zusammen, von denen jeder jeweils einen Gehilfen, den Siegelknappen, an seiner Seite hatte.
„Auf jedem Kontinent gibt es vier Siegelmeister, außer in der Antarktis, dort sind es nur zwei. Also insgesamt sechsundzwanzig“, antwortete Jonathan schnell.
Anerkennend lächelte ihm der Großvater zu. „Sehr gut, Jonathan, aber nun zu einer sehr schweren Frage! Nenne mir die sechs Klassen der Siegel.“
Der Junge kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Siegel der Abwehr, Siegel der Angriffe, Siegel der Heilung, Siegel des Geistes, Siegel der Wahrnehmung und … Mist … wie hieß nochmals das Letzte?“
„Na, die Frage war aber auch wirklich knifflig, doch du hast fünf von sechs Klassen gewusst! Respekt, denn es fehlten nur die Siegel der Wahrheit!“
„Ach ja, richtig – die Siegel der Wahrheit.“, murmelte Jonathan missmutig und blickte verlegen zu seinem Großvater.
„Kein Grund, sich zu ärgern! So, und jetzt wollen wir anfangen!“
Sofort war die Enttäuschung des Jungen verflogen und gespannt lehnte er sich nach vorne, um auch ja keinen Satz zu verpassen.
Der Großvater räusperte sich kurz und begann: „Du hast ja schon viele Abenteuer über einzelne Siegelmeister gehört. Doch heute … „ Dabei hob er den Zeigefinger und setzte eine geheimnisvolle Miene auf. „ … will ich dir vom allerersten Siegelmeister erzählen und wie die Insignia Magicae entstanden ist.“ Doch dann ließ er sich plötzlich seufzend in die Lehne seines Stuhls sinken. Schmunzelnd meinte er, „Wobei ich natürlich nicht weiß, ob du schon bereit für diese wichtige Geschichte bist.“
Jonathan riss ungläubig die Augen auf und starrte seinen Opa entsetzt an. „Ich … ich … bin bereit. Glaub mir, ich bin es wirklich – ganz ehrlich!“
Der alte Mann blickte seinem Enkel tief in die Augen und überlegte laut. „Hmm, ich weiß nicht so recht! Du musst wissen, das ist eine wirklich wichtige Begebenheit. Aber … andererseits konntest du fast alle meine Fragen beantworten – und dein Zimmer hast du auch aufgeräumt. Das zeugt von einem schlauen Verstand und Verantwortungsbewusstsein.“ Ein plötzlicher Ruck fuhr durch den Körper des Großvaters. „Dann also schön – legen wir los!“
Mit unendlicher Erleichterung seufzte Jonathan auf – nicht auszudenken, wenn er diese bedeutsame Geschichte verpasst hätte.
Der Großvater ließ den Blick auf seinem Enkel ruhen. „Kennst du die eigentliche Bedeutung oder den Zweck von Siegeln?“, fragte er unvermittelt.
„Sie sind aus Ton und wenn man sie bricht, wird ein Zauber freigesetzt, der je nach Zusammensetzung der geschriebenen Zeichen auf dem Ton unterschiedlich wirkt.“
„Ja, das ist wohl richtig, aber ich fragte nach dem eigentlichen Zweck.“
Jonathan schüttelte den Kopf.
„Nun, die ersten Siegel wurden bereits vor vielen Jahrtausenden im alten Ägypten verwendet. In jenen Zeiten wurde auch Handel getrieben, doch dieser war natürlich nicht annähernd so schnell und sicher wie in unserer heutigen Zeit. Die Waren wurden damals auf Kamelen, Ochsen, Karren, Schiffen oder gar auf dem eigenen Rücken transportiert. Häufig war man wochenlang unterwegs und die Wege waren nicht nur holprig, sondern auch äußerst gefährlich. Hinter jedem Busch konnten einem Räuber und Banditen auflauern. Salz, Kupfer, Öl oder Gewürze wurden damals in Gold aufgewogen. Und jetzt stell dir vor, du wärst ein Händler im alten Ägypten und hättest gerade drei Kilo Weihrauch erworben. Du hast viel Geld dafür bezahlt, denn Weihrauch war zu dieser Zeit enorm kostbar. Nun musst du deine wertvolle Fracht am Hof des Pharaos abliefern, doch der Weg dorthin ist weit und dauert mit den Kamelen mehr als drei Wochen. Was also wirst du tun?“
Jonathan strahlte über das ganze Gesicht. „Ich würde mit möglichst vielen Menschen reisen, dann wäre es sicherer. Ich glaube, dafür gibt es sogar ein Wort, das ich zwar schon mal gehört habe, mir aber gerade nicht einfällt.“
„Karawane“, meinte der alte Mann schmunzelnd.
„Das war es – eine Karawane!“
„Sehr gut, doch wenn viele Menschen gemeinsam reisen und man etwas Wertvolles mit sich führt, dann weckt das unter Umständen gewisse Begehrlichkeiten. So könnte es sein, wenn du zum Beispiel nachts schläfst, dass ein Mitreisender seine Finger nach deinem Weihrauch austreckt. Er stiehlt nicht alles, sondern nur ein wenig, so dass es dir nicht auffällt. Und was dann?“
Der Enkel dachte erst angestrengt nach und zuckte schließlich mit den Schultern.
„Du bringst ein Siegel an dem Behältnis an und das funktioniert in etwa so: Du führst ein Seil um deine Truhe und dort, wo die beiden Enden zusammenkommen, drückst du ein Stück Ton darauf und lässt es trocknen. Wenn sich also jemand an deiner Truhe vergreift, muss er erst das Siegel lösen. Siehst du das zerbrochene Siegel, dann weißt du sofort, dass etwas nicht stimmt.“
„Ja, aber dann weiß ich immer noch nicht, wer der Dieb ist, denn ich habe ja geschlafen.“, meinte Jonathan skeptisch.
„Das ist natürlich richtig, doch da du es sofort bemerkt hast, muss es ein Mitreisender gewesen sein. Und da die anderen Händler ebenfalls nicht bestohlen werden wollen, schlagen sie sich auf deine Seite und gemeinsam durchsucht ihr das Lager nach dem Dieb. Wenn also ein Siegel auf oder an den Waren angebracht wurde, hatte das eine abschreckende Wirkung, da jeder Langfinger sofort erkannt hätte, dass sein Diebstahl schnell entdeckt werden würde. Das war also ihr eigentlicher Zweck – Abschreckung und Schutz. Daher stammt auch der Ausdruck versiegeln!“, erklärte der Großvater mit ernster Miene.
„Den kenn ich! Wurden nicht früher, als es noch keine Post gab, Briefe versiegelt, damit man sie nicht lesen konnte?“
Der alte Mann lachte hell auf und streckte den Daumen nach oben. „Du bist wirklich ein schlaues Bürschchen, Jonathan. In der Tat war das vom frühen Mittelalter bis ins späte 19. Jahrhundert die gängige Praxis, aber dazu kommen wir noch.“
Stolz ließ sich Jonathan in sein Kissen zurückfallen und konzentrierte sich wieder auf die Geschichte, denn sein Großvater setzte die Erzählung fort. „Wie gesagt, dienten die Siegel lange Zeit zum Schutz und zur Abschreckung. Doch eines Tages kam eine weitere Eigenschaft hinzu – nämlich die Wirkung!“
„Wirkung? Was ist damit gemeint?“
„Schhhh … lass mich weiterreden, das will ich dir doch gerade erklären!“, ermahnte ihn der Großvater. „Also – damals, im alten Ägypten, glaubten die Menschen, dass sie nach ihrem Tod eine lange Reise antreten würden. Zu diesem Zweck wurden ihnen viele Gegenstände mit ins Grab gelegt. Nahrung, damit sie auf ihrer Reise etwas zu essen hatten, Waffen, damit sie sich verteidigen konnten und Gold, damit man etwas zum Bezahlen hatte. Und jetzt stell dir die Könige des alten Ägypten vor – die Pharaonen. Sie erschufen riesige Grabmäler, die du sicherlich kennst.“
„Ja, ja – die Pyramiden!“, platzte es aus Jonathan heraus.
„Genau! Die Pharaonen wollten natürlich auch nach ihrem Tod auf nichts verzichten, denn schließlich lebten sie ja als gottgleiche Könige. So wurden Unmengen an Gold, Silber, Edelsteinen und Elfenbein in die Grabkammern geschafft, damit es den Pharaonen nach ihrem Tod an nichts mangelte. Doch war es damals nicht anders als heute – große Reichtümer rufen immer das Schlechte im Menschen hervor. Und so war es nicht verwunderlich, dass sich Diebe ans Werk machten, um die Schätze zu stehlen. Wurden sie allerdings erwischt, so war es schlecht um sie bestellt, denn es drohte ihnen die Hinrichtung oder eine andere grausame Bestrafung. Doch all das hinderte sie nicht daran, trotzdem in die Totenstätten einzudringen. Irgendwann beschlossen die Könige von Ägypten, keine Grabmäler mehr zu bauen, die gut sichtbar und frei zugänglich in der Landschaft standen, denn dies schien geradezu eine Einladung an die Grabräuber zu sein. Fortan wiesen sie ihre Baumeister an, unterirdische Grabanlagen zu errichten. Diese Ruhestätten waren nicht weniger opulent ausgestattet, jedoch wies nichts an der Erdoberfläche auf ein solches Bauwerk hin. Doch trotz dieser Vorkehrungen wuchs die Angst, dass die Gräber dennoch entdeckt würden und der tote Pharao somit um seine Seelenreise gebracht wurde. So geschah es, dass einst der große Pharao Ramses der Zweite seinen Hohepriester Wennefer vor eine schwierige Aufgabe stellte. Wennefer sollte das Grab nach dem Ableben von Ramses so sichern, dass niemals wieder ein Mensch diese Ruhestätte betreten konnte. Da Ramses diese Bitte jedoch schon zu seinen Lebzeiten äußerte, bekam der Hohepriester somit die notwendige Zeit, sich Gedanken über den Schutz zu machen. Und er konnte den Pharao an seinen Ideen und Fortschritten teilhaben lassen. Nun musst du wissen, Jonathan, dass den Hohepriestern im alten Ägypten unter anderem die Aufgabe zufiel, bei Toten- und Kultritualen magische Texte und Kultformeln zu rezitieren. Genau das brachte Wennefer auf eine außergewöhnliche Idee, worauf er alle arkanen Gelehrten und Magiekundigen nach Pi-Ramesse an den Hof von Ramses befehlen ließ.“
„Was ist Pi-Ramesse, Opa?“, fragte Jonathan dazwischen.
„Das war die damalige Hauptstadt im Reich von Ramses dem Zweiten. Ähnlich wie es heute Berlin für Deutschland oder Paris für Frankreich ist.“
„Ach so. Gut, dann kannst du jetzt weitererzählen.“
„Oh, vielen Dank für deine Großzügigkeit, Jonathan.“, grinste der alte Mann, während sein Enkel nur aufgeregt nickte. „Die Idee des Hohepriesters war folgende: Jedes Grab wurde, nachdem der Leichnam des verstorbenen Pharaos hineingelegt worden war, mit einem tonnenschweren Felsen verschlossen. Wennefer wollte nun an jeder Seitenlinie des behauenen Steinquaders ein magisches Siegel anbringen, das, wenn es gebrochen würde, Tod und Verderben bringen sollte. Und genau dazu benötigte er die Gelehrten und Magiekundigen. Gemeinsam mit ihnen wollte er etwas völlig Neues erschaffen – ein Siegel, das nicht nur abschreckt, sondern auch etwas bewirkt, wenn es zerstört wird. Sie erforschten sämtliche Schriften, die sich mit Magie beschäftigten, und probierten vielerlei Wege aus – bis – ja, bis es ihnen schließlich gelang, etwas herzustellen, das den Ansprüchen von Ramses genügte. Sie erschufen ein Siegel aus Ton, das, als flache Scheibe modelliert, dann gebrannt und zuletzt mit einer Abfolge von bestimmten Schriftzeichen versehen wurde. Sollte dieses Siegel zerstört werden, dann würde ein magischer Bannspruch freigesetzt, der sich unmittelbar auf alle Personen, die sich in der Nähe befanden, auswirkte. Doch bis Wennefer und seine Gelehrten dieses Ergebnis dem Pharao vorzeigen konnten, ließen viele Tiere und auch Menschen ihr Leben, so zumindest berichten es die alten Schriften. Somit hatten die alten Ägypter das erste magische Siegel erschaffen und viele weitere sollten noch folgen. Kennst du Tutanchamun, Jonathan?“
„Hat der was mit einer goldenen Maske zu tun?“, fragte der Enkel vorsichtig.
„Richtig – es handelt sich um eine Totenmaske ganz aus Gold und darin eingebettet fand man die sterblichen Überreste des Pharaos.“
„Wow!“, flüsterte Jonathan sichtlich beeindruckt.
„Ja, sie ist wirklich imposant, doch entscheidend ist, was bei der Entdeckung des Grabes passiert ist. Es geschah im Jahre 1922, genauer gesagt im November. Ein Archäologe namens Howard Carter stieß durch Zufall in einem Gebiet, das heute unter dem Namen Tal der Könige bekannt ist, auf eine mit Schutt verfüllte Treppe, die in die Tiefe führte. Als sie den Treppenabgang freigelegt hatten, kam eine vermauerte Türöffnung mit unbeschädigten Siegeln zum Vorschein. Der Forscher erkannte sofort, dass dieses Grab vollständig und nicht von Grabräubern geplündert worden war. Und wie du dir jetzt sicher vorstellen kannst, war die ganze Ausgrabungsexpedition vollkommen aus dem Häuschen und jeder wollte bei der Öffnung des Grabes anwesend sein.“
„Oh je – ich ahne Schlimmes!“, platzte es aus Jonathan heraus, der vor lauter Spannung sein Kissen fest umklammert hielt.
Der Großvater nickte ernst. „Um den Eingang freizulegen, mussten sie natürlich die Siegel zerbrechen. Einheimische warnten sie eindringlich davor, doch ihre Mahnungen verhallten ungehört. Carter und seine Kollegen entfernten also die Mauer und fanden sich in einer Art Vorkammer wieder, die zum eigentlichen Grab zu führen schien. Dort entdeckten sie die nächste Tür und ein weiteres großes Siegel aus Ton – darauf stand in Hieroglyphen geschrieben: ‚Der Tod wird auf schnellen Schwingen zu demjenigen kommen, der die Ruhe des Pharaos stört.‘ Doch trotz dieser nächsten Warnung zerstörten sie auch dieses Siegel, denn schließlich wollten sie sehen, was die Hauptkammer der Nekropole an Reichtümern zu bieten hatte. Und siehe da – es passierte nichts – niemand fiel tot zu Boden oder wurde von Speeren und Pfeilen durchbohrt.“
„Das verstehe ich jetzt aber nicht, Opa. Dann war doch schon jemand in dem Grab?“, fragte Jonathan, völlig gebannt von der Geschichte.
Es folgte ein ernstes Kopfschütteln. „Nein Jonathan, alle Siegel waren intakt und lösten etwas aus, das später als Fluch des Pharaos in die Geschichte eingehen sollte. Stell dir nur vor, innerhalb der nächsten acht Jahre starben fast alle, die die Ruhestätte geöffnet oder kurz danach besucht hatten. Insgesamt einundzwanzig Personen fanden den Tod, oftmals unter mysteriösen Umständen. Die alten Ägypter hatten die Siegel immer weiterentwickelt, und dieses in der Gruft des Pharaos Tutanchamun kennen wir heute unter dem Namen Siegel der heraufziehenden Gerechtigkeit. Es geht darum, dass die gewünschte Wirkung nicht sofort eintritt, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt, wobei man heute diese Frist genau bestimmen kann.“ Plötzlich sah der Großvater auf die Uhr. „Du meine Güte, es ist ja schon nach halb neun. Na, da haben wir uns aber ganz schön verplappert – du solltest längst schlafen, Jonathan.“
Der Junge riss entsetzt die Augen auf und glaubte sich verhört zu haben. „Nein, du kannst jetzt nicht aufhören. Ist dieser Hohepriester Wennefer etwa der erste Siegelmeister gewesen?“
Der alte Mann verneinte kopfschüttelnd.
„Dann ist es unfair und du musst weitererzählen, Opa – und darüber hinaus ist morgen Sonntag, da kann ich ausschlafen.“, murrte Jonathan verschnupft.
„Na, ich weiß nicht so recht, außerdem läuft uns die Geschichte ja nicht weg. Sie ist am nächsten Samstag immer noch da – das ist das Gute an Geschichten.“
Der Junge verschränkte trotzig die Arme. „Nein, nein, nein – so geht das nicht, du wolltest mir vom ersten Siegelmeister erzählen und hast dein Versprechen nicht gehalten!“
Der Großvater hob entschuldigend beide Hände. „Schon gut, aber wir müssen deine Mutter vorher fragen, ob sie uns noch eine halbe Stunde zugesteht!“
„Ja, ja, frag sie bitte und ich werde morgen auch bestimmt ein vorbildlicher Junge sein.“
Lachend erhob sich der alte Mann und streckte sich so ausgiebig, dass man seine Knochen laut knacken hörte. Dann verließ er das Kinderzimmer und lief die Treppen hinunter ins Wohnzimmer. Währenddessen faltete Jonathan still die Hände und betete, dass seine Mutter der halben Stunde zustimmte. Während er wartete, vernahm er aus dem Erdgeschoss ein leises Stimmengemurmel, das irgendwann plötzlich verstummte und anschließend kamen zwei Personen die Treppe herauf. In gespannter Erwartung und mit Herzklopfen sah der Junge zur Tür. Großvater betrat wieder das Zimmer, gleich gefolgt von seiner Mutter.
Sie verschränkte sofort die Arme und bedachte ihn mit einem strengen Blick. „So, so – du willst also morgen ein mustergültiges Kind sein?“
Jonathan nickte heftig.
„Das heißt, du hilfst mir beim Ausräumen der Spülmaschine, machst dein Zimmer ordentlich sauber und hilfst Papa im Garten?“
„Uii, das ist aber sehr viel auf einmal!“, stellte der Junge vorsichtig fest.
Die Mutter zuckte mit den Achseln. „Okay, dann wünsche ich dir jetzt eine gute Nacht!“
„NEINNN, Mama! Ja, ich helfe dir und Papa morgen – versprochen!“
Seine Mutter nickte dem Großvater augenzwinkernd zu und richtete ihren Blick wieder auf Jonathan. „Gut, dann will ich eurer Geschichte nicht im Weg stehen, aber nach einer halben Stunde ist endgültig Schluss. Und Jonathan …!“
Er sah sie mit großen Augen an. „Ja, Mama?“
„Ich werde dich morgen an dein Versprechen erinnern.“ Schnell trat sie ans Bett, küsste den Jungen auf die Stirn und legte anschließend dem alten Mann ihre Hand auf die Schulter. „Eine halbe Stunde!“
Der Großvater zwinkerte sie lächelnd an und setzte sich wieder auf den Stuhl neben Jonathans Bett. „Also, wo waren wir stehengeblieben?“
„Pharao Tutanchamun und sein Siegel der heraufziehenden Gerechtigkeit!“, kam es wie aus der Pistole geschossen. „Aber wer war denn nun der erste Siegelmeister, Opa?“
„Hmm – dazu müssen wir über zweitausend Jahre vorwärts springen und vom alten Ägypten nach Europa und ins Mittelalter reisen. Zu diesem Zeitpunkt, also etwa im 14. Jahrhundert nach Christi Geburt, wütete eine unheilvolle Krankheit – die Pest oder auch Schwarzer Tod genannt.“
„Warum denn Schwarzer Tod?“, fragte Jonathan neugierig.
Nun überlegte der alte Mann, wie er diese Frage am besten beantworten konnte, ohne dem Jungen Angst einzujagen und ihm damit eine schlaflose Nacht zu bereiten. Die Pest in all ihren grausamen Einzelheiten zu beschreiben, war vor dem Schlafen sicherlich nicht der richtige Zeitpunkt. Jonathan würde es ohnehin zu einem späteren Zeitpunkt genauer erfahren. „Die Leute bekamen damals einen schwarzen Ausschlag und wenn dies geschah, hatten sie nur noch wenige Tage zu leben.“, versuchte er es und hoffte gleichzeitig, dass es zu keiner neuerlichen Rückfrage kommen würde. Zu seiner Erleichterung blieb der Junge still und nickte verstehend. „In dieser schlimmen Zeit suchten die Ärzte, man nannte sie damals Bader oder Medicus, fieberhaft nach einem Heilmittel gegen den Schwarzen Tod. So auch ein Medicus mit Namen Bernhard von Rabenstein, der in der Nähe von Frankfurt lebte und arbeitete.“
„Opa! Da wohnen wir ja auch – im Frankfurt-Nordend!“, entfuhr es Jonathan aufgeregt.
„Ja, ihr schon! Und wo wohne ich?“
„In Frankfurt-Bornheim – das ist gleich um die Ecke.“, gluckste es vom Bett her.
„Genau!“, lachte der Großvater und fuhr dann fort, „Wie also gesagt, Bernhard von Rabenstein versuchte ein Mittel gegen die Pest zu finden. Eines Tages, das genaue Datum ist längst in Vergessenheit geraten, kam ein seltsam aussehender Fremder in das Dorf. Natürlich wurde er sofort von den Bewohnern misstrauisch und ablehnend beäugt, denn reisende Unbekannte waren in diesen Zeiten nicht gerne gesehen, da man Sorge hatte, dass sie die Pest mitbringen könnten. Der Fremde fragte im Ort nach einer Unterkunft, doch überall wurde ihm zugerufen, er solle sich zum Teufel scheren. So erbarmte sich Bernhard von Rabenstein und bot dem Mann eine Schlafstelle unter seinem Dach an. Diese Entscheidung, getroffen aus Güte und Mitgefühl, sollte das Leben der beiden Männer von Grund auf ändern. Als sie am Abend gemeinsam vor dem Feuer saßen, merkten beide schnell, dass sie durchaus gewisse Gemeinsamkeiten hatten. Beide waren Gelehrte und somit des Griechischen und des Lateins mächtig, was dazu führte, dass sie sich glänzend miteinander unterhalten konnten. Der Fremde stellte sich als Majid Kassam vor – ein Schriftgelehrter von den Ufern des Nils, also aus Ägypten. Dieses Land war Bernhard von Rabenstein nur vom Hörensagen sowie aus den Geschichten der vergangenen Kreuzzüge geläufig. Und beide Männer waren auf der Suche nach etwas – der eine nach einer Medizin gegen die Pest, der andere nach einer bestimmten Person. Auf Rabensteins Nachfrage, wer denn diese gesuchte Person sei, zuckte der Ägypter nur hilflos mit den Schultern und gab eine rätselhafte Antwort: Das wisse er erst, wenn er diesen Menschen gefunden habe. Es wurde eine lange Nacht am wärmenden Feuer, denn schließlich kamen sie aus zwei völlig unterschiedlichen Kulturkreisen. Verständlicherweise hatte Bernhard von Rabenstein genauso wie Majid Kassam tausend Fragen an den jeweils anderen. Und so wurde viel erzählt und diskutiert, es wurde geschmunzelt, gelacht und so manches Mal erstaunt mit dem Kopf geschüttelt. Kurzum, es war ein interessanter Abend, der beide ein wenig näher zusammenrücken ließ, da so manches Vorurteil und Missverständnis ausgeräumt wurde. Trotzdem war und blieb Majid Kassam mit vielen seiner Aussagen vage, rätselhaft und geheimnisvoll. Rabenstein beschlich manchmal das Gefühl, dass der Ägypter etwas vor ihm zu verbergen suchte. Jedoch stand es ihm nicht zu, diesem Umstand auf den Grund zu gehen, denn immerhin hatte er Majid erst am heutigen Tage kennengelernt. Und letztendlich gab auch er, Bernhard von Rabenstein, nicht alles bei einem ersten Aufeinandertreffen von sich preis – jeder hatte eben seine kleinen Geheimnisse.“
„Hast du auch Geheimnisse, Opa?“
Der alte Mann schaute erstaunt zu seinem Enkel. „Nun ja, die habe ich in der Tat.“
„Und welche sind das?“
„Wenn ich sie dir erzählen würde, dann wären es ja keine Geheimnisse mehr, Jonathan!“, lachte er etwas verlegen.
Der Junge verschränkte nachdenklich die Arme. „Ich habe auch welche! Willst du sie wissen?“
„Das ist gut und nein, ich möchte sie nicht hören. Soll ich nun weitererzählen? Denk daran, wir haben nur eine halbe Stunde!“, mahnte der Großvater, und Jonathan ließ sich seufzend ins Kissen zurückfallen.
„Also weiter – am Morgen des nächsten Tages fragte Rabenstein den Ägypter, ob er nicht noch länger bleiben wolle, um mehr voneinander zu lernen. Majid willigte unter der Bedingung ein, dass ihm die gewährte Unterkunft und das Essen in Rechnung gestellt würden. Widerstrebend stimmte Rabenstein zu, bekräftigte aber mehrmals, dass sein Angebot von Herzen käme und eine Bezahlung nicht notwendig sei. Schließlich verständigte man sich nach einigem Hin und Her auf ein paar silberne Münzen, und Majid blieb. So wurden aus Tagen Wochen und aus Wochen Monate. Im Laufe der Zeit gewöhnten sich auch die Dorfbewohner an den Mann mit der hellbraunen Haut und dem tiefschwarzen Haar. Zwar begegnete man ihm immer noch mit einem gewissen Argwohn, doch zumindest grüßten ihn die Dörfler inzwischen mehr oder minder freundlich. Auch zwischen Bernhard und Majid entstand mit der Zeit eine außergewöhnliche Freundschaft. Die stetigen gemeinsamen Studien, der Wissensaustausch und ihre Ausflüge in die Frankfurter Umgebung schweißten sie mehr und mehr zusammen. Ihre Freundschaft war geprägt von Ehrlichkeit und respektvollem Umgang, was zur Folge hatte, dass beide immer mehr Vertrauen zueinander fassten. Doch traten auch gewisse Eigenarten zutage – vor allem bei Majid. Er hatte ein ausgeprägtes Interesse an verschiedenen Bodenbeschaffenheiten, besser gesagt, er suchte während ihrer gemeinsamen Unternehmungen nach Tonvorkommen. Sobald ihn Bernhard auf diese seltsame Vorliebe ansprach, wich der Ägypter stets verlegen aus und meinte, das wäre schon immer so gewesen, er könne nichts dafür. Außerdem hatte Majid, von seinen wenigen Habseligkeiten abgesehen, einen kleinen wasserdichten Sack aus gegerbtem Ziegenleder, den er stets verschlossen hielt. Rabenstein hatte lange keine Ahnung, was dieser Beutel enthielt. Manchmal verschwand Majid für ein paar Stunden im Wald, ohne sich später zu erklären, was er dort getrieben oder gesucht hatte. Doch schließlich kam der Tag, an dem Bernhard von Rabenstein in seinen Grundfesten erschüttert wurde und Majid Kassam sein Geheimnis offenlegte.“
Es war später Vormittag, als laut und heftig an die Eingangstür zu Rabensteins Hütte geklopft wurde. Er öffnete und blickte in die verweinten Augen einer vollkommen verstörten Frau. „Maria? Was ist passiert?“
Maria wohnte mit ihrem Mann Thomas und dem gemeinsamen Sohn Martin am Rande des Dorfes. Dort bewirtschaftete die Familie eine kleine Parzelle Ackerland, was mehr schlecht als recht zum Leben reichte.
Maria zitterte am ganzen Körper und sie tat sich sichtlich schwer, zu sprechen. „Martin … er hatte einen Unfall. Er lief neben dem Ochsen, der den Karren zog. Der Junge hat wohl einen Stein übersehen und ist gestolpert … „ Tränen traten der Frau in die Augen und nur mit Mühe konnte sie sich beherrschen. „Er ist unter das Fuhrwerk geraten und der Karren hat sein Bein überrollt. Der Knochen steht hervor und er blutet stark. Bernhard, mein Junge atmet kaum noch! Helft uns – bitte! Ihr seid doch der Medicus.“
„Wo ist Martin jetzt?“
„Wir haben ihn heimgetragen – er liegt in seinem Bett.“
„Gut, geht schnell wieder zu ihm – nichts ist besser für ein Kind, als das Gesicht der Mutter zu sehen. Setzt heißes Wasser auf und legt saubere Leinen bereit. Ich hole nur meine Sachen und komme dann gleich zu eurem Haus.“ erwiderte Bernhard, während er schon überlegte, was er alles mitnehmen musste.
Die Frau eilte indes wieder davon.
Majid, der alles mitangehört hatte, trat aus dem Hintergrund und fragte, „Ich kann ebenfalls helfen – ich komme mit.“
Rabenstein nickte stumm und packte seine medizinischen Instrumente ein – Haken, Nadel, Spreizer, Hammer und Meißel. Dazu verschiedene Salben und Tinkturen sowie Mohnessenz für die Schmerzen. Majid hingegen holte seinen Beutel aus Ziegenleder und befestigte ihn an seinem Gürtel. Als Bernhard dies bemerkte, hoben sich seine Augenbrauen und er warf seinem Freund einen erstaunten Blick zu.
„Später, Bernhard – wir müssen uns beeilen!“ kam ihm Majid zuvor.
Wenige Augenblicke später trafen sie am Haus der Familie ein. Martins Vater stand, weiß wie eine Wand, am Eingang und erwartete sie bereits. Als er Majid, der im Schatten von Bernhard lief, erspähte, verdunkelte sich seine ohnehin düstere Miene nochmals um mehrere Nuancen. Er zeigte mit dem Finger auf den Ägypter und fauchte, „Der kommt mir nicht ins Haus!“
Rabenstein stoppte vor dem Mann und blickte ihm finster ins Gesicht. „Er ist ebenso ein Gelehrter wie ich, Thomas! Wenn du willst, dass deinem Jungen geholfen wird, dann rate ich dir jetzt, beiseitezutreten – oder wir treten gemeinsam den Rückweg an.“ Als keine Antwort erfolgte, zischte er gefährlich, „Und? Sollen wir wieder gehen?“
Der Mann fiel in sich zusammen. „Nein, natürlich nicht!“ flüsterte er leise.
Rabenstein nickte, dann schob er den Vater einfach zur Seite und betrat gemeinsam mit Majid das Innere des Hauses. Die Hütte war ärmlich eingerichtet und sofort erspähte er im hinteren Eck des Hauses mehrere Strohsäcke, die mit einem groben Wolltuch abgedeckt waren. Darauf lag, leise wimmernd, ein kleiner, etwa siebenjähriger Junge. Die beiden Freunde eilten zu der Schlafstatt und hielten für einen Moment den Atem an. Der Junge sah schrecklich aus – dicke Schweißperlen rannen in Strömen von seiner Stirn und das Gesicht glänzte bereits fiebrig. Aus dem linken Oberschenkel ragte steil der Teil eines Knochens empor. Rabenstein trat näher und kniete sich neben Martin. Der schwere Karren hatte den Schenkel anscheinend mittig überrollt. Durch das Gewicht war der Knochen so stark zusammengepresst worden, dass er schließlich brach und die eine Hälfte wie ein Geschoss nach oben gedrückt wurde. Der Riss war etwa eine Elle lang und die Wunde blutete stark. Mit Sicherheit war von der anderen Knochenhälfte, die sich immer noch im Schenkel befand, das Knochenmark ausgetreten und hatte vermutlich schon das Blut vergiftet. Rabenstein hatte mit wenigen Blicken erkannt, dass er dem Jungen nicht mehr helfen konnte, denn so eine schwere Verletzung überstieg seine Heilkünste bei weitem. Traurig sah er zu Majid, der anscheinend zum selben Schluss gekommen war – zumindest deutete sein besorgter Gesichtsausdruck darauf hin. Er richtete sich auf, hatte aber gleichzeitig das Gefühl, dass ihn zentnerschwere Gewichte erneut nach unten drücken wollten.
Als er nach einer gefühlten Ewigkeit wieder stand, trat der Ägypter unvermittelt neben ihn und flüsterte so leise, dass es Maria und ihr Mann nicht hören konnten: „Vertraust du mir, Bernhard?“
Er blickte Majid überrascht und mit sichtlichem Erstaunen an. „Natürlich – das weißt du!“
„Gut, dann schick die beiden jetzt raus!“ murmelte Majid und wippte mit dem Kopf in Richtung Martins Eltern.
Bernhard wollte etwas fragen, doch sein Gegenüber knurrte gereizt, „Tu es einfach – wir haben nicht viel Zeit. Der Junge wird immer schwächer!“
Ohne weitere Nachfragen drehte sich Rabenstein zu den Eltern. Seine Stimme klang hart und der Tonfall duldete keinen Widerspruch. „Wir müssen jetzt sehen, was wir für euren Jungen tun können – also verlasst das Haus, damit wir ungestört und in Ruhe arbeiten können!“
Wie in Trance nickten beide nur und steuerten auf den Eingang zu.
Als sich die Tür hinter ihnen schloss, fuhr Rabenstein herum. „Was soll das, Majid? Du siehst selbst, dass der Junge nicht mehr zu retten ist!“
Der Ägypter reagierte vollkommen unerwartet. „Halt den Mund, Bernhard, und hör mir jetzt genau zu. Wir brauchen zwei armdicke Stöcke, ein Seil, jede Menge Leinen und heißes Wasser. Hast du in deiner Tasche einen Tee oder Sud, der gegen Schmerzen hilft?“
Völlig überrumpelt ob dieser grimmigen Ansprache brachte Rabenstein nur ein Nicken zustande.
„Gut, geh jetzt zu den Eltern und teil ihnen mit, dass sie die Dinge besorgen und vor die Tür legen sollen. Dann komm wieder zurück – und bei den Göttern – beeil dich!“
Rabenstein tat wie ihm geheißen. Maria hatte gemäß seinem Auftrag bereits einen Kessel mit heißem Wasser und etliche Bahnen sauberes Leinen vorbereitet. Um Seil und Holz wollten sich die Eltern sofort kümmern. Angespannt kehrte er zu dem Jungen zurück. Majid kniete bereits vor ihm und nahm gerade seinen Lederbeutel vom Gürtel.
Als der Ägypter bemerkte, wie sein Freund Wasser und Leinen neben ihm abstellte, blickte er ihn ernst an. „Bernhard, alles, was du jetzt zu sehen bekommst, wirst du nicht verstehen, trotzdem bitte ich dich, keine Fragen zu stellen. Lass mich zuerst meine Arbeit machen – Zeit für Erklärungen wird es später genug geben.“
„Ich weiß nicht, was du vorhast, Majid, aber wie schon gesagt – ich vertraue dir.“
„Gut, dann sei jetzt still und sieh genau zu. Die Zeit ist gekommen, da ich mein Geheimnis preisgeben werde.“
Ohne weitere Worte zu verlieren, öffnete der Ägypter den Beutel und ließ seine Hand darin verschwinden. Als sie wieder zum Vorschein kam, lagen in der Handfläche mehrere seltsame Scheiben. Offensichtlich schienen sie aus getrocknetem oder gebranntem Ton zu bestehen. Die runden Gegenstände waren hauchdünn und im Durchmesser kaum breiter als die Faust eines einjährigen Kindes. Majid suchte drei der Scheiben aus und legte sie behutsam vor sich auf den Boden. Die restlichen, die er offensichtlich nicht benötigte, ließ er vorsichtig in den Beutel zurückgleiten.
„Dann wollen wir mal!“ murmelte er versunken, nahm das saubere Leinen und tauchte es tief in die offene Wunde. Sofort sog sich der Stoff mit Blut voll und Majid reichte das blutverschmierte Bündel an seinen Freund weiter. „Lege das beiseite, wir brauchen es später noch!“ Ohne auf Rabensteins fragenden Ausdruck zu achten, hob er jetzt die erste Scheibe auf. Nachdem er sie genau begutachtet hatte, berührte er damit die Stirn des Kindes und brach sie anschließend in der Mitte entzwei. Im selben Augenblick stöhnte der Junge gequält auf und Rabenstein glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Der hervorstehende Knochen fuhr mit einem Knirschen und Knacken zurück in den Oberschenkel. Von einem Bruch war plötzlich nichts mehr zu sehen, nur die große offene Verletzung, dort, wo das abgebrochene Knochenstück Fleisch und Haut durchstoßen hatte. Der Ägypter griff nach der nächsten Scheibe, legte diese ebenfalls für einen winzigen Moment auf Martins Stirn und brach auch diese in zwei Hälften. Im selben Moment schloss sich auch die klaffende Wunde wie von Geisterhand. Das Bein schien wieder vollkommen intakt zu sein, lediglich eine starke rote Verfärbung blieb gut sichtbar zurück.
Jetzt hielt es Rabenstein nicht mehr aus. „Majid – was zum … „
„Sei still!“ zischte es, während der Medicus immer noch mit offenem Mund auf den Körper des Kindes starrte.
Schon ergriff Majid die letzte Scheibe und vollzog das gleiche Ritual. Als er das Tonstück zerbrach, kippte der Kopf des Jungen leblos zur Seite und Rabenstein entfuhr zeitgleich ein bestürzter Schreckenslaut.
Auch Jonathan entfuhr ein Angstausruf. „Opa! Ist der kleine Martin jetzt im Himmel?“
Der Großvater strich seinem Enkel sofort beruhigend durch die Haare. „Nein, nein – du brauchst keine Angst zu haben – Martin geht es gut. Aber lass mich weitererzählen.“
Ein Seufzer der Erleichterung entwich Jonathan und er kuschelte sich wieder beruhigt in sein Kissen, während der alte Mann den Faden wieder aufnahm.
Majid winkte sogleich ab. „Keine Angst, er schläft nur tief und fest. Beobachte seinen Brustkorb!“
Und in der Tat – dieser hob und senkte sich gleichmäßig. „Majid, wie … wie ist das möglich?“ krächzte Bernhard von Rabenstein.
„Keine Zeit für Erklärungen. Mittlerweile sollten die Eltern Holz und Seil vor die Tür gelegt haben. Wenn du die Sachen bitte holen könntest.“
Der Medicus eilte zur Tür und öffnete sie. Sofort wurde er von den Eltern mit Fragen bestürmt, doch er wies sie entschuldigend zurück und nahm stattdessen nur das Seil und zwei dicke gerade Äste in Empfang. Dann lief er zurück zum Lager des Jungen, wo der Ägypter schon ungeduldig wartete.
„Also Bernhard, du hast gerade gesehen, was passiert ist, und wirst mir sicherlich in einem Punkt zustimmen – sollten die Eltern ihren Jungen plötzlich gesund vorfinden, wird es zu vielen Fragen kommen.“
„Ha, was glaubst du, wie es mir erst geht.“ brummte Rabenstein.
Majid nickte. „Du wirst deine Antworten bekommen, versprochen! Aber jetzt versetze dich in die Lage der Eltern! Sie werden im ersten Moment überglücklich sein, um sich im nächsten zu fragen, wie so etwas möglich sein kann. Sofort wird es heißen – der seltsame Fremde war mit dabei und es wird feststehen, dass ich, der Ungläubige – und somit auch du – mit dem Teufel im Bunde stehe. Es wird sich wie ein Lauffeuer herumsprechen und über kurz oder lang wird die katholische Inquisition auf den Vorfall aufmerksam. Deswegen habe ich vorhin das Leinen in die Wunde getaucht – wir müssen sie glauben machen, dass du den Jungen gewissenhaft als Medicus behandelt hast. Wir werden jetzt das Bein mit einer einfachen Heilsalbe bestreichen und es mit frischen Stoffen umwickeln, dann wird es mit Seil und Holz geschient. Um den Anschein zu wahren, tupfen wir etwas Blut auf den frischen Verband. Anschließend wirst du für ganze drei Wochen täglich bei ihnen vorbeischauen, um zu sehen, wie es Martin geht. Die Eltern werden angewiesen, ihrem Jungen viermal am Tag einen harmlosen Sud gegen Schmerzen und für die Wundheilung einzuflößen. Natürlich wird sich in dieser Zeit der Zustand des Jungen erheblich verbessern, denn die Schockwirkung des Unfalls wird nach und nach abklingen. Seine Eltern jedoch werden nach diesem Zeitraum das wirkliche Ausmaß der Verletzung nicht mehr genau in Erinnerung haben. Nach drei oder vier Wochen wird die Schiene abgenommen – die Wunde hat sich geschlossen und der Bruch ist verheilt. Sie werden zwar immer noch über alle Maßen erstaunt sein, aber aufgrund der mehrwöchigen Behandlungsdauer kann es ihr Verstand nun besser greifen. Sie werden dich als großen Medicus preisen und ihrem Gott danken, dass er dieses kleine Wunder an ihrem Sohn vollbracht hat.“ Majid Kassam sah seinen Freund mit einem fast flehenden Blick in die Augen. „Bernhard, gehen wir jetzt nicht genau so vor, dann werden wir auf den Folterbänken der Inquisition, im schlimmsten Fall auf dem Scheiterhaufen landen.“
Rabenstein war den Ausführungen seines Freundes wortlos gefolgt. Seine Schlussfolgerungen waren absolut einleuchtend und das augenblickliche Handeln dadurch folgerichtig. Majid hatte vollkommen recht, niemand würde ihnen die schnelle Heilung abnehmen, und da die Dörfler ohnehin misstrauisch gegen den Ägypter waren, war es nur eine Frage der Zeit, bis man sie an den Pranger stellte. Vor Rabenstein türmte sich ein Berg an Fragen auf und ihm wurde plötzlich bewusst, dass Majid eine solche Begebenheit anscheinend nicht zum ersten Mal erlebte.
So nickte er dem Ägypter zustimmend zu. Majid atmete erleichtert auf und gemeinsam machten sie sich unverzüglich ans Werk. Einige Zeit später war das Bein verbunden und die zwei Äste mit dem Seil fixiert. Mit dieser Schiene würde der Junge zwar laufen können, aber äußerst eingeschränkt und nur für kurze Zeit. Majid nahm den blutbefleckten Stoff und tupfte davon etwas auf den Verband, so dass der Eindruck entstand, der Medicus hätte die frischen Leinen mit blutverschmierten Händen gewickelt.
„Wann wird er wieder aufwachen?“ fragte Rabenstein vorsichtig.
„Nach etwa einem Tag, vielleicht ein wenig länger.“ Majid besah sich ihre Arbeit und nickte anschließend zufrieden. „Gut, wir sind fertig – holen wir die Eltern.“
Als der Medicus die Eingangstüre öffnete und Mutter sowie Vater hereinbat, stürmten die beiden in die Hütte, direkt zu den Strohsäcken. Maria fiel auf die Knie und begann bitterlich zu weinen.
Thomas, der Vater, blickte Rabenstein mit kalkweißem Gesicht an. „Ist er … ist er tot?“ brachte er nur stockend hervor.
Der Medicus antwortete, während Majid sich ganz bewusst im Hintergrund hielt. „Euer Junge hat großes Glück gehabt. Es sah schlimmer aus, als es gewesen ist. Ich konnte den Knochen zurück an seine Stelle drücken.“
Die Mutter schnellte auf die Beine und fiel Rabenstein um den Hals. „Danke, danke Meister Rabenstein!“
Er drückte sie sanft von sich weg und blickte dann beiden Elternteilen in die Augen. „Hört mir jetzt gut zu!“
Die Sorgenfalten in Thomas und Marias Gesicht wurden wieder tiefer, doch sie blieben stumm und warteten, was der Medicus zu sagen hatte.
„Noch ist euer Junge nicht über den Berg. Ich habe die Wunde so gut es ging versorgt, doch sie könnte sich jederzeit entzünden. Momentan schläft Martin tief und fest, denn er hat starken Mohnsaft erhalten. Wenn er aufwacht, wird er noch unter Schock stehen und verwirrt sein. Aus diesem Grund darf er die ersten Tage weder aufstehen noch das Bein bewegen. Ich werde jeden Tag vorbeikommen und nach ihm sehen. Ihr hingegen seid mir verantwortlich, dass er viermal am Tag einen gebrühten Sud zu trinken bekommt.“ Er griff demonstrativ in seine mitgebrachte Tasche und zog einen kleinen Leinenbeutel hervor. „Dies hilft gegen Wundbrand, Fieber und Schmerzen. Nehmt eine Handvoll der getrockneten Blätter, übergießt sie mit heißem Wasser und lasst das Gebräu einige Augenblicke ziehen. Viermal am Tag! Morgens, mittags, abends sowie vor dem Zubettgehen.“ Er reichte den Beutel der Mutter.
Maria nahm ihn mit zitternden Händen an sich und flüsterte, „Danke, Meister Rabenstein!“
„Nicht vergessen! Viermal am Tag! Wenn der Beutel leer ist, gebt Bescheid, dann fülle ich ihn wieder auf!“
Der Vater trat unsicher und verlegen vor Rabenstein. „Was verlangt Ihr für Eure Hilfe? Wir sind eine arme Familie, doch stehen wir jetzt tief in Eurer Schuld. Ich will versuchen, zu begleichen, was immer Ihr auch fordert.“
Der Medicus legte Thomas die Hand auf die Schulter. „Lasst den kleinen Martin erst einmal gesunden. In der Zwischenzeit überlege ich mir, was ihr für mich tun könntet. Einverstanden?“
Auf dem Gesicht des Vaters erschien ein überraschtes Lächeln und er schüttelte Rabenstein dankbar die Hand.
„Gut, dann verlassen wir euch jetzt, doch vorher möchte ich, dass ihr euch auch bei Majid bedankt. Er hat mir vortrefflich geholfen und großen Anteil daran, dass die Behandlung so gut verlaufen ist.“
Während der Vater sichtlich zögerte, lief Maria dem Ägypter entgegen und streckte ihre Hand aus. „Vielen Dank für Eure Hilfe, das werden wir Euch nicht vergessen!“ Dann setzte sie noch kleinlaut hinzu, „Und bitte entschuldigt unser misstrauisches Verhalten. Wir sind es einfach nicht gewohnt, Fremde im Dorf zu haben, doch Ihr scheint ein guter Mensch zu sein!“
Majid lächelte sie an. „Danke, Maria, und ich nehme Eure Entschuldigung gerne an.“
Der Vater von Martin blieb still, jedoch nickte er Majid ebenfalls freundlich zu, was wohl seine Zustimmung zu signalisieren schien.
So verließen sie das Haus der Familie und machten sich auf den Heimweg. Rabenstein wollte endlich Antworten auf die vielen Fragen, die wie Gespenster in seinem Kopf umhergeisterten. Noch immer konnte er nicht begreifen, was dort in der Hütte gerade passiert war. Und da er nicht annahm, dass Majid mit dem Teufel im Bunde stand, musste es eine andere Erklärung geben – und auf diese war er verständlicherweise mehr als gespannt. Der Ägypter hingegen blieb den ganzen Fußweg bis zu ihrem Heim in sich gekehrt, still und nachdenklich, während Rabenstein vor Ungeduld schier zu platzen drohte. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, brach es wie ein Wasserfall aus ihm heraus. „Majid, wie … wo hast du … was, in Gottes Namen, ist da gerade eben passiert?“
Der Ägypter hob die Hand und bedeutete ihm, zu schweigen. Dem Medicus klappte der Mund zu und er funkelte sein Gegenüber gereizt an.
Majid grinste nachsichtig. „Komm, Bernhard, zuerst schenken wir uns einen Krug Bier ein, setzen uns ans Feuer und dann reden wir in aller Ruhe.“
Der Großvater schaute erneut auf seine Uhr und zog überrascht die Augenbrauen zusammen. „So was aber auch, Jonathan – die halbe Stunde ist tatsächlich schon vorbei.“
„Aber Opa! Ich weiß noch immer nicht, wer der erste Siegelmeister war und wie der Geheimorden entstanden ist.“, maulte der Kleine enttäuscht.
„Oh, natürlich weißt du das. Bernhard von Rabenstein und Majid Kassam haben später die Insignia Magicae gegründet und logischerweise wurde einer von beiden der erste Siegelmeister.“
„Aber wer denn?“
„Das, lieber Jonathan, ist eine andere Geschichte, die ich dir nächsten Samstag erzählen werde.“
„Dann … dann hast du dich nicht an unsere Abmachung gehalten!“ brummte Jonathan mürrisch.
Grinsend fragte der Großvater, „Ach, das habe ich nicht? Hmm, ich denke doch. Was waren meine Worte am Anfang unserer Geschichte?“
Das Kind überlegte angestrengt, zuckte aber schließlich mit den Schultern.
„Nun, ich sagte, ich will dir vom allerersten Siegelmeister erzählen und wie die Insignia Magicae entstanden ist. Habe ich nicht gerade über den Beginn des Ordens berichtet?“
Jonathan seufzte und meinte kleinlaut, „Ja … hast du!“
Wissend lächelte der alte Mann. „Und über wen haben wir die ganze Zeit gesprochen?“
„Bernhard von Rabenstein und Majid Kassam,“ kam es noch kleinlauter vom Bett.
„Und hatte ich nicht eben gesagt, dass einer der beiden der erste Siegelmeister wurde?“
Stummes Nicken.
„Du stimmst mir also zu, dass ich dir vom ersten Siegelmeister berichtet und erzählt habe? Auch wenn du natürlich noch nicht weißt, welcher von beiden diesen Titel später angenommen hat.“
Jonathan ließ sich theatralisch nach hinten fallen und zog sich die Decke über den Kopf. Seine Stimme klang gedämpft und leise. „Ja, ja – Entschuldigung! Du hast dein Versprechen nicht gebrochen, aber ICH muss jetzt bis nächsten Samstag warten und das finde ich voll doof!“
Der Großvater lachte hell auf. „Sieh es mal so, Jonathan, nun kannst du dich die ganze Woche darauf freuen. Bernhard von Rabenstein und Majid Kassam sind wirklich bedeutende Persönlichkeiten, deshalb wartet eine weitere und zudem äußerst spannende Geschichte auf dich!“
Halbwegs besänftigt erschien der Kopf wieder über der Decke und der Junge murmelte, „Na gut, ich kann es ja sowieso nicht ändern!“
„Richtig, doch jetzt ist es an der Zeit, endlich zu schlafen! Gute Nacht, lieber Jonathan, und träume etwas Schönes!“
„Hoffentlich von den Siegelmeistern, Opa.“ klang es zuversichtlich aus dem Bett.
Schmunzelnd erhob sich der Großvater aus dem Stuhl und schob ihn zurück auf seinen angestammten Platz in der Zimmerecke. Nach einem weiteren „Gute Nacht“ schaltete er das Licht aus und schloss zufrieden die Tür zum Kinderzimmer.
Der nächste Samstag …
Ungeduldig erwartete Jonathan seinen Großvater. Natürlich war er auf die Fortsetzung der begonnenen Geschichte gespannt, doch heute lastete noch etwas anderes auf seiner kindlichen Seele. Endlich hörte er von unten die Stimme des Großvaters und gleich im Anschluss seine schweren Tritte, wie er langsam die Stufen nach oben kam. Schon betrat der alte Mann lächelnd sein Zimmer.
Jonathan verschränkte sofort seine Arme und bedachte den Großvater mit einem sehr strengen Blick. „Opa, wir müssen reden!“
„Ich wünsche dir auch einen guten Tag, lieber Jonathan!“ sagte der alte Mann sichtlich erstaunt und holte sich den Stuhl ans Bett. Mit einem leisen Seufzer der Erleichterung ließ er sich nieder und blickte dann zu seinem Enkel. „Nun, wo drückt der Schuh? Du machst ja ein wirklich düsteres Gesicht.“
Der Junge holte tief Luft. „Also Opa – du weißt, dass ich bereits in die fünfte Klasse des Gymnasiums gehe!“
„Natürlich und deswegen bin ich auch ausgesprochen stolz auf dich!“
Jonathan ignorierte das Lob und fuhr ungestüm fort, „Wir haben seit diesem Jahr auch Geschichte! Deshalb habe ich am Mittwoch meine Lehrerin Frau Maurer gefragt, ob sie Bernhard von Rabenstein und Majid Kassam kennt. Du hast doch letzten Samstag gesagt, dass die beiden sehr bedeutende Persönlichkeiten waren. Und jetzt stell dir vor – Frau Maurer meinte, sie hätte die Namen noch nie gehört und diese zwei Männer seien geschichtlich völlig unbekannt. Wie kann das sein, Opa?“
Der alte Mann ließ sich nachdenklich in die Lehne des Stuhls fallen und schaute seinen Enkel ernst an. „Nun, Jonathan, da gibt es vermutlich mehrere Erklärungen. Die erste wäre, dass deine Lehrerin eben nicht alles weiß, jedoch glaube ich, dass sie bestimmt eine sehr kluge Frau ist – sonst würde sie dich ja nicht unterrichten. Meine zweite Begründung hingegen wird sicherlich eher zutreffend sein. Wie ich dir berichtet habe, ist die Insignia Magicae sehr geheim. Und wenn etwas geheim ist, dann haben natürlich nur wenige Menschen Kenntnis davon. Bernhard von Rabenstein und Majid Kassam waren jedenfalls bedeutende Persönlichkeiten, ganz so wie ich es sagte, doch sie wirkten im Stillen und unbemerkt von der Gesellschaft. Oftmals verhält es sich so, dass die eigentlichen Helden einer Geschichte unbekannt bleiben, da sich andere vordrängen, um den Ruhm für sich zu beanspruchen.“
Der Junge überlegte kurz und lächelte auf einmal verstehend. „Hmm, wenn Papa von der Firma kommt, schimpft er manchmal und ist wütend. Er sagt, dass er die ganze Arbeit macht, aber sein Chef dafür gelobt wird. Ist das so etwas ähnliches?“
„Ich will es dir anders erklären, aber du warst schon auf dem richtigen Weg. Nehmen wir einmal an, du möchtest ein Auto kaufen.“
„Aber Opa, ich habe doch noch gar keinen Führerschein!“ gluckste der Junge vergnügt.
„Es soll ja auch nur ein Beispiel sein, Jonathan. Du gehst also in ein Autohaus und der Verkäufer schwärmt in den höchsten Tönen von einem ganz bestimmten Modell. Er verkauft dir genau dieses Auto und du bist auch sehr zufrieden damit. Eines Tages fragt dich ein Freund, wie denn der Name des Ingenieurs ist, der deinen Wagen entworfen hat. Selbstverständlich kannst du ihm diese Frage nicht beantworten, weil du es nicht weißt! Und warum? – weil der Ingenieur der Mensch im Geheimen ist, also derjenige, der die Pläne zu deinem Auto entwickelt hat. Und so fahren Tausende von Menschen dieses Modell, ohne zu wissen, wem sie es wirklich zu verdanken haben.“
„Aber ist das nicht ungerecht?“
„Ja, das ist es, doch leider ist das Leben manchmal einseitig. Es wird an so manchen Tagen ein gutes Werk vollbracht und niemand ahnt, welche Personen hinter diesen edlen Taten stehen. Es ist also nicht weiter schlimm, wenn die meisten Menschen noch nie etwas von Bernhard und Majid gehört haben. Aber genau deshalb ist es wichtig, dass wir – nämlich du und ich – von den beiden wissen und sie durch uns nicht in Vergessenheit geraten!“
„Bist du auch in dieser geheimen Bruderschaft, Opa? Und … und … und gehöre ich jetzt auch dazu?“ fragte Jonathan aufgeregt.
Der alte Mann lachte unwillkürlich auf. „Nun, ich denke, es wird sicherlich mehr dazu gehören, als nur von der Insignia Magicae zu wissen, um ihr tatsächlich beitreten zu können. Aber das sollte uns jetzt nicht weiter interessieren. Wollen wir uns stattdessen nicht auf unsere Geschichte konzentrieren, denn schließlich willst du bestimmt wissen, was nach der seltsamen Heilung des kleinen Martin geschehen ist?“
Der Junge schien angestrengt zu überlegen, ob ihm die Antworten seines Großvaters ausreichten. Schließlich ließ er sich andächtig ins Kopfkissen zurücksinken. „Na gut Opa, dann mal los!“
„Hmm, wo waren wir eigentlich stehengeblieben?“
„Die beiden sind in ihrer Hütte, wollten sich ans Feuer setzen und reden.“ kam die Antwort unverzüglich.
„Ah ja – natürlich. Danke, dass du so gut aufpasst! Nun denn – die beiden zogen sich also die Stühle vor die Feuerstelle und setzten sich … „
Rabenstein hielt es kaum mehr aus, denn die Ereignisse der letzten Stunden waren für ihn nicht nachvollziehbar und noch weniger erklärbar.
Majid hatte die Ellenbogen auf seine Knie gestützt und hielt den Krug Bier vor sich. Gedankenversunken beobachtete er, wie die kleinen Flammen der Glut flackernd über die Holzscheite tanzten. „Weißt du noch, wie wir am allerersten Tag unserer Begegnung hier vor dem Kamin saßen und feststellten, dass wir beide nach etwas suchten?“ begann er plötzlich, ohne seinen Blick vom Feuer abzuwenden.
„Natürlich – und ich suche immer noch nach einem Heilmittel gegen die Pest, jedoch hat mich deine Antwort – damals, wie heute, stets verwundert. Du sagtest, du seist auf der Suche nach einer bestimmten Person und auf meine Frage hin, wer denn dieser Mensch wäre, entgegnetest du … „
„Dass ich das nicht sagen könne – ich wisse es erst, wenn ich ihn sehe!“ vollendete der Ägypter den Satz.
„Richtig, und wie du selbst zugeben musst, hört sich das äußerst seltsam an. Wie kann man nach etwas suchen, wenn man nicht weiß, was es ist oder wo es ist, geschweige denn, wie es aussieht?“
Majid streckte den Rücken durch und blickte zu seinem Freund. „Nun, ich glaube, dass meine Suche zu Ende gegangen ist, denn ich habe die gesuchte Person gefunden! Sie heißt Bernhard von Rabenstein!“
Rabenstein, der gerade einen Schluck Bier aus seinem Krug nehmen wollte, verschluckte sich und wurde von einem heftigen Hustenanfall heimgesucht. Es dauerte einen Moment, bis er sich wieder unter Kontrolle hatte, dann krächzte er ungläubig, „Wie bitte?“
Der Ägypter kicherte amüsiert auf, blieb aber ansonsten still.
„Majid, auch wenn ich deine gesuchte Person bin, der Grund deiner Suche erschließt sich mir nicht. Das warum – du verstehst?“
Schlagartig wurde Majid wieder ernst und nickte. „Ganz richtig! Die Frage nach dem warum ist entscheidend und wegweisend, doch dazu muss ich etwas weiter ausholen. Wie dir bekannt ist, nenne ich meine Heimat das Land am Nil – Ägypten. Dieses Land hat eine sehr lange Vergangenheit und ist geprägt von alten Traditionen und Gebräuchen, von denen viele älter als die meisten Länder in Europa sind. Meine Familie und somit auch ich entstammen einem uralten Geschlecht von Hohepriestern, die einst den Königen des Nils, den Pharaonen, gedient haben.“ Nun berichtete er seinem Freund über Ramses den Zweiten und den einstigen Befehl an seinen Hohepriester Wennefer, ein Siegel zum Schutz des zukünftigen Grabmals zu entwerfen.
„Du willst mir allen Ernstes weismachen, dass Zauberei und Magie wirklich existieren?“ schnappte Rabenstein nach Luft, nachdem der Ägypter seine Ausführungen beendet hatte.
„Gewiss – und du selbst warst vorhin Zeuge! Hast du nicht mit eigenen Augen gesehen, wie sich die Knochen des Jungen wieder ausgerichtet haben und dann zusammengewachsen sind?“
Rabenstein blieb die Antwort schuldig, denn natürlich hatte er es gesehen, doch noch versuchte er verzweifelt, das vorhin Erlebte mit seinem bisherigen Weltbild in Einklang zu bringen. „Aber wie, Majid?“ stammelte er sichtlich hilflos.
Sein Freund stand wortlos auf und griff nach einem Tonbecher, der im Regal über der Feuerstelle seinen Platz gefunden hatte. Er drehte das kleine Gefäß scheinbar gelangweilt vor seinen Augen, blickte dann zu Rabenstein und ließ es mit einem verschmitzten Lächeln fallen. Der Becher schlug hart auf dem Boden auf und zersprang in mehrere Teile. Rabenstein schaute irritiert auf die herumliegenden Scherben und dann auf seinen Freund.
„Was ist gerade passiert, Bernhard?“ fragte Majid unvermittelt.
Rabenstein verzog missmutig den Mund und brummte, „Du hast gerade eben meinen besten Becher zerstört!“
„Ich beschaffe dir Ersatz, versprochen, doch darauf wollte ich eigentlich nicht hinaus. Die Frage, die sich stellt, ist folgende: Welche Kraft hat den Becher in seiner Struktur zusammengehalten? Und es muss eine Kraft geben, denn sonst wäre der Becher ja schon vorher auseinandergefallen. Du kannst mir folgen?“
„Nicht ganz … „
„Nun, überall in unserer Welt sind machtvolle Kräfte am Werk. Kräfte, die zusammenhalten, Kräfte, die erschaffen, Kräfte, die zerstören und so weiter. Wir sehen sie nicht, wissen aber, dass sie da sind. So haben meine Vorfahren einst herausgefunden, dass man auf diese Macht Einfluss nehmen und sie sich zunutze machen kann. All diese Kräfte beruhen in der Regel auf den vielschichtigen Eigenschaften der vier Elemente – Erde, Feuer, Wasser und Luft.“
„Vielschichtig?“ fragte Rabenstein irritiert.
Majid zuckte mit den Schultern. „Feuer kann wärmen, aber auch zerstörerisch sein. Luft ist lebensspendend, denn wir brauchen sie zum Atmen. Sie kann aber in Form von Stürmen oder Orkanen lebensvernichtend sein. Du verstehst, was ich meine?“
Da jetzt ein bestätigendes Nicken erfolgte, fuhr der Ägypter mit seinen Erklärungen fort. „Gut! So lassen sich mit bestimmten Worten, Zeichen oder Symbolen Teile dieser elementaren Eigenschaften an etwas binden, daher spricht man von einem sogenannten Bindezauber. Und genau das macht ein Siegel aus! Eine bestimmte Eigenschaft wird an die Tonscheibe gebunden – bricht man das Siegel, wird die darin eingeschlossene Kraft wieder freigesetzt und entfaltet ihre Wirkung. Es können auch mehrere Eigenschaften verknüpft an ein Siegel gebunden werden.“ Wie zur Bestätigung ergriff Majid seinen geheimnisvollen Lederbeutel, öffnete ihn und legte mehr als ein Dutzend Tonscheiben vor Rabenstein auf den Tisch.
Zum ersten Mal konnte Rabenstein die seltsamen Siegel genauer in Augenschein nehmen. Unscheinbar sahen sie aus, schlicht, farblos und sehr dünn. Es handelte sich immer um ein flach geklopftes rundes Stück Ton – im Durchmesser kaum größer als ein Gulden. Die Scheiben waren entlang der äußeren Kreislinie rundherum mit filigranen Bildern und Zeichen verziert, während in der Mitte ein einzelnes, größeres Symbol prangte.
„Mensch, so ein Siegel würde ich auch gerne haben, Opa. Hast du schon mal eines gesehen?“ rief Jonathan aufgeregt dazwischen.
„In der Tat, das habe ich! Und vielleicht bekommst du irgendwann auch einmal die Gelegenheit dazu. Man weiß ja nie.“ erwiderte der alte Mann mit einem geheimnisvollen Lächeln.
„Wow, das wäre echt super.“ strahlte der Junge begeistert.
„Wollen wir fortfahren?“
„Ähm ja – natürlich.“ erfolgte die umgehende Antwort.
Rabenstein fuhr also mit seinen Fingern behutsam über eines der Siegel und blickte fragend zu Majid. „Darf ich?“
„Natürlich, doch nimm lieber das daneben – es ist ungefährlicher!“
Sofort zuckte Rabensteins Hand zurück. „Wie – gefährlich?“
„Es gibt natürlich nicht nur Siegel, die heilen, sondern auch dem Angriff oder der Verteidigung dienen. Das hier … „ Majid zeigte auf die Tonscheibe, die sein Freund gerade aufnehmen wollte. „ … ist ein Siegel der wütenden Furie. Wird es gebrochen, so wird die Kraft deiner Muskeln um ein Vielfaches gesteigert. Du könntest mit bloßen Händen Knochen brechen, kleinere Bäume entwurzeln oder einen wirklich schweren Felsbrocken über acht, neun Pferdelängen von dir wegschleudern. Dieses Siegel ist äußerst nützlich im Kampf gegen mehrere Gegner, aber eben auch sehr gefährlich. Wenn du es ohne triftigen Grund brichst, wird sich deine Stärke und Raserei gegen unbeteiligte Menschen in deiner Nähe richten. Du musst wissen – die einmal entwichene Kraft aus einem gebrochenen Siegel verpufft nicht einfach, sondern muss aufgebraucht werden.“
Rabenstein gab einen deutlichen, aber undefinierbaren Zischlaut von sich und meinte dann, „Das erfordert sicherlich einen sehr verantwortungsvollen Umgang. Nicht auszudenken, wenn die Siegel in falsche Hände geraten.“
„Vollkommen richtig erkannt, Bernhard. Und jetzt verstehst du die seltsame Antwort hinsichtlich meiner Suche vielleicht ein klein wenig besser. Das Geheimnis um die Siegel wird seit vielen Generationen innerhalb meiner Familie gehütet und ist daher nur sehr wenigen Menschen bekannt.“
Bernhard von Rabenstein blickte seinen Gesprächspartner überrascht, aber auch etwas argwöhnisch an. „Und warum gerade ich? Warum willst du mich in dieses Mysterium einweihen?“
„Damit, werter Bernhard, sind wir beim eigentlichen Grund meiner Suche angelangt. Momentan wissen genau fünf Menschen auf dieser Welt von den magischen Siegeln, dich eingeschlossen. Wie du unschwer erraten wirst, handelt es sich bei den anderen vier Personen um mich selbst und um drei weitere Nachfahren des Hohepriesters Wennefer – mein Bruder, mein Vater und mein Onkel. Da meine Frau vor mehreren Jahren an Wundbrand starb, bin ich kinderlos. Mein Onkel und seine Frau haben ebenfalls keine Kinder und können aufgrund ihres Alters auch keine mehr zeugen. Mein Vater ist zu alt, um weiteren Nachwuchs in die Welt zu setzen und so ruhen unsere Hoffnungen ganz auf meinem Bruder und dessen Frau. Doch waren wir uns nach vielen Gesprächen einig, dass dies nicht ausreichen wird, um unser Erbe dauerhaft zu erhalten. Die Siegel sind zu kostbar, um sie in Vergessenheit geraten zu lassen. Vor diesem Hintergrund beschlossen wir, dass sich einer auf die Suche nach geeigneten Menschen begeben muss, die unser Vermächtnis später weitertragen. Da mein Vater sowie mein Onkel jedoch zu alt sind und mein Bruder aus bekanntem Grund bleiben muss, fiel mir diese Aufgabe zu. Ich packte also meine wenigen Habseligkeiten und zog los – das war vor mehr als drei Jahren. So kam ich über Alexandria, Athen, Neapel nach Verona. Von dort aus überquerte ich die Alpen und landete schließlich hier, in der Nähe von Frankfurt.“
„Herr im Himmel, was für eine Reise. Ein Wunder, dass du es wohlbehalten bis hierher geschafft hast.“ staunte Rabenstein.
Majid lachte trocken auf. „Es war so manch gefahrvolle Situation dabei und ich sage dir, ich musste mich mehr als einmal meiner Haut erwehren. Doch das soll jetzt nicht Gegenstand unseres Gespräches sein, denn für einen ausführlichen Reisebericht haben wir später noch genug Zeit.“
„Eines verstehe ich nicht, Majid. Warum bist du nicht in Ägypten geblieben und hast dort gesucht? Warum nimmst du stattdessen so eine gefahrvolle Reise auf dich?“
Wieder lachte der Ägypter. „Es ist ja nicht so, dass ich mit der festen Absicht aufgebrochen bin, Frankfurt zu erreichen.“
Rabenstein schüttelte ungläubig den Kopf. „Aber … aber hast du in dieser ganzen Zeit nicht eine Person getroffen, die dir geeignet oder zumindest verheißungsvoll schien?“
Sofort wurde sein Gegenüber wieder ernst. Majids Stimme wurde leiser und geriet fast zu einem Flüstern. „Das hört sich einfacher an, als es in Wahrheit tatsächlich ist. Du selbst hast vorhin erkannt, wie wichtig es ist, dass das Geheimnis der Siegel nicht in falsche Hände gerät. Natürlich habe ich auf meinem Weg viele Menschen kennengelernt, doch um mehr über sie zu erfahren, muss man Zeit mit ihnen verbringen – viel Zeit. Aber das muss derjenige auch wollen und zulassen. Und das ist, wie du ja bei meiner Ankunft in eurem Dorf selbst erlebt hast, in diesen unruhigen Zeiten und noch dazu als Fremder, äußerst schwierig.“
„Opa?“
„Ja, Jonathan?“
„Eins verstehe ich nicht!“
„Und das wäre?“
„Wenn nur fünf Leute, und das auf der ganzen Welt, von den Siegeln gewusst haben, woher weißt denn du davon?“
Der alte Mann hob gespielt den Zeigefinger. „Das, mein lieber Enkel, ist eine durchaus berechtigte Frage, die davon zeugt, dass du mitdenkst und Dinge hinterfragst. Und das ist eine ausgesprochen gute Eigenschaft, doch wir haben noch viele gemeinsame Samstage und es gibt noch so viel zu erzählen. Sei dir gewiss, dass auch eine Geschichte dabei sein wird, die da lautet: Wie erfuhr mein Opa von den Siegelmeistern.“
„Uii – da bin ich jetzt schon gespannt.“
Amüsiert lächelte der alte Mann seinem Enkel zu und meinte, „Wollen wir weitermachen?“
Und natürlich wollte Jonathan das.
Bernhard von Rabenstein nickte traurig. „Ich verstehe! Du musst verzeihen, aber meine weiteste Reise führte mich vor drei Jahren in den Dom zu Speyer und das liegt nur eine knappe Tagesreise zu Fuß entfernt. Ich kann mir gut vorstellen, dass du allein deiner Hautfarbe wegen in vielen Orten ablehnend oder sogar feindselig empfangen wurdest.“
Majid senkte den Blick und schaute nachdenklich ins Feuer „In sehr vielen … „ murmelte er leise vor sich hin.
Eine ganze Weile sagte Rabenstein nichts, dann meinte er schließlich niedergedrückt, „Tut mir leid, auch das mit deiner Frau.“
