Der Smaragddrache - Britta Strauss - E-Book
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Der Smaragddrache E-Book

Britta Strauss

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Beschreibung

Teil 1 der Dilogie! Zwei verfeindete Völker. Eine verbotene Liebe. Und ein Schicksal, so alt wie die Sterne. Gemma ist die wohlbehütete Prinzessin des Reiches der Grauen Küste. Ihr Leben verbringt sie in einem goldenen Käfig, doch eines kalten Wintertages nimmt ihr Schicksal eine folgenschwere Wendung. Sie wird von ihrem eigenen Vater an Antares, den grausamen König des Südens, verkauft. Fern ihrer Heimat wird sie zu einer Schachfigur im Spiel der Mächtigen. Denn ein magischer Spiegel prophezeit, dass allein sie in der Lage ist, Antares' Todfeind in eine Falle zu locken: Tarek, der Prinz eines geheimnisumwitterten Dschungelvolkes, bietet der Armee des Königs unbeugsam die Stirn. Zahllose Legenden ranken sich um seine Macht. Selbst die tödlichsten Kreaturen des Waldes beugen sich seinem Willen. Es heißt, in seiner Brust schlägt ein Herz aus Smaragd. Es heißt, in seinen Adern fließt das Blut eines Drachen.

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Der Smaragddrache

Gemmas Reise

Britta Strauss

Copyright © 2018 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Christina Schauberger

Korrektorat: Pia Euteneuer

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Alexander Kopainski, John Akhen

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-053-8

Alle Rechte vorbehalten

»Manchmal brauchen wir zwei Dinge im Leben: Hoffnung und Kraft.

Die Hoffnung, dass alles irgendwann besser wird, und die Kraft, bis dahin durchzuhalten.«

Dieses Buch widme ich allen Wegweisern, Kämpfern und Lichtbringern, die selbst dann noch standhaft bleiben, wenn alle anderen Sterne verlöschen.

Inhalt

Prolog

1. Der Ruf des Drachen

2. Im Tempel der Mohini

3. Jenseits des Opalsees

4. Ein Herz aus Smaragd

5. Im Schein der Winterfeuer

6. Malakats Geschichten

7. Aufbruch

8. Tareks Rückkehr

9. Töte sie alle

10. Der Geist des Waldes

11. Ein letztes Mal

12. Hinter dem Horizont

13. Nadirs Botenvogel

14. Die Augen des Drachen

15. Im Wald der Gottesanbeterinnen

16. Das Einhorn

17. Der Geist des Drachenmädchens

18. Gemmas Verzweiflung

19. Südwinde

20. Antares’ Hexe

21. In der Wüste

22. Die Burg des Blauen Mondes

23. Das Ei des Basilisken

24. Der Spiegel des Schicksals

25. Tarakai

26. Die Prüfung der Mohini

27. Im Reich der Geister

28. Gemma und Tarek

29. Am Anfang aller Dinge

30. Der König der Aman-Kaja

31. Das Geschenk des Flussdelfins

32. Dschungelflüstern

33. Blutrotes Wasser

34. Der Schneezahn

35. Ylerias Falle

36. Mogoa

37. Im Kerker

38. Der Geist und die Hexe

39. Das Ende der Freiheit

40. Drachenzorn

41. Für immer gebunden

42. Licht und Dunkelheit

43. Die finsterste Nacht

44. Ylerias Lüge

45. Zwischen zwei Welten

46. Gefangen im Netz

47. Nachtjasmin

48. Der Flammenkristall

49. Gemmas Schlaf

50. Rachedurst

Über die Autorin

Prolog

Die Burg der Grauen Küste

Eine letzte Welle aus weiß glühendem Schmerz fegte über Königin Nereida hinweg. Längst war sie zu schwach, um zu schreien. Sogar zu schwach, um Angst zu empfinden. Das Feuer im Kamin kam nicht mehr gegen den fauchenden Sturm an, der durch die Ritzen der Bleiglasfenster pfiff und in den Gängen der Burg heulte. Obwohl die Helferin der Hebamme unermüdlich dicke Holzscheite in die Flammen warf, vermochte sie es nicht, die beißende Kälte zu vertreiben. Tief biss sie sich im Fleisch fest und überzog die Fenster mit Eisblumen. Meterhoch türmte sich der Schnee vor den Mauern auf, selbst das Meer war zu mächtigen Schollen gefroren, die unter dem Funkeln der Sterne schauerlich stöhnten und knackten.

Nersha, der Gott des Frostes und der Stürme, schien höchstselbst über die Geburt des Thronerben zu wachen. Ein gutes Zeichen. Nereida seufzte, als ihr der Atem des Winters das Leben aus den Knochen saugte. Vielleicht, so hoffte sie, um es ihrem Kind zu schenken. Nersha sang sein Lied, lockte und rief, nahm sie in seine kalten Arme und flüsterte von einem ewigen Schlaf.

So gerne hätte sie ihm nachgeben.

So gerne.

Aber das Kind in ihrem Leib wollte mit aller Macht hinaus in die Freiheit. Es verließ ihren Körper, als wäre es ein Schwert, das sie mit scharfer Klinge entzwei teilte. Ein letztes Mal kam ein Stöhnen über die Lippen der Königin, dann waren ihre Kräfte endgültig versiegt. Von nun an lag alles Weitere in den Händen der Götter. Ob sie lebte oder starb. Ob der König sein eigen Fleisch und Blut annahm oder nicht.

Ein kräftiger Schrei erhob sich über das Tosen des Sturms. Den Göttern sei Dank, das Kind war gesund. Der Atem des Winters hatte sein kleines Herz nicht geschwächt und ihm nicht die Seele entrissen, kaum dass es in die Welt hinausgetragen worden war. Vielleicht war Nereidas Hoffnung mehr als nur das. Vielleicht hatte Nersha ihre Gebete erhört und flößte dem Neugeborenen die Kraft des Schnees, der eisbedeckten Berge und der wilden Stürme ein.

Erschöpft von der Geburt, nickte die Königin ein. Als sie ihre Augen wieder öffnete, hatte die Hebamme das Kind bereits gewaschen und in ein weiches Tuch geschlagen.

»War Nersha mir gnädig?«, flüsterte sie matt. »Ist es ein Junge? Habe ich Gereon endlich einen Erben geschenkt? Sybille! Rede mit mir!«

Die Hebamme wandte sich zu ihr um und sah sie an. Schweigend. Verbittert. Alle Erleichterung war mit einem Schlag dahin.

Sie hatte auch dieses Mal versagt.

Kein Junge. Kein Thronerbe.

König Gereons Enttäuschung würde maßlos sein.

Vielleicht würde er sogar … nein! Sie durfte nicht daran denken! Nicht nach allem, was sie durchgestanden hatte. Nicht nach all der Zeit, in der sie das kleine Geschöpf unter ihrem Herzen getragen hatte, und nicht nach der stundenlangen, qualvollen Geburt, in deren Verlauf sie unzählige Gebete und ebenso viele Flüche losgeworden war.

»Gib sie mir«, bettelte Nereida, doch die Hebamme schüttelte den Kopf und drückte das greinende Kind an ihre Brust.

»Ihr wisst, was getan werden muss, Herrin.« Sybille blickte bestürzt zu Boden. »Ihr wisst es genau.«

»Gib sie mir!« Nereida streckte ihre Arme nach dem Neugeborenen aus. Selbst diese kleine Bewegung brachte sie an den Rand der Ohnmacht. Nein, es durfte nicht alles umsonst gewesen sein! So grausam konnten nicht einmal die Götter sein.

»Ich flehe dich an, Sybille«, flüsterte sie mit letzter Kraft. »Lass sie mich wenigstens einmal halten. Du hast selbst Kinder geboren. Du weißt, wie es ist, Mutter zu sein.«

»Ja, das weiß ich, Herrin.« Eine Träne rann über die Wange der alten Frau. Ihre schrumpeligen, fleckigen Hände hielten das Kind so sanft und vorsichtig, als wäre es ihr eigenes. »Aber ich kann sie Euch erst geben, wenn der König seine Entscheidung getroffen hat.« Damit nahm Sibylle einen tiefen Atemzug, straffte ihre Schultern und wandte sich ihrer Helferin zu. »Geh jetzt, Mädchen. Geh und hole den König.«

Der schwarze Mantel der Erschöpfung legte sich um Nereidas Sinne. Sie war zu schwach, um ihr Kind zu beschützen. Zu schwach, um dem Schicksal auch nur das Geringste entgegenzusetzen. Hatte sie nicht alle Regeln befolgt? Hatte sie nicht jeden Tag gebetet, Opfer in den Tempel gebracht, die Segnung der Priester empfangen und alles getan, was man ihr aufgetragen hatte?

Womit hatte sie diese neuerliche Strafe verdient? Welche Schuld lastete auf ihren Schultern, wenn die Götter wieder und wieder schwarze Fäden in den Teppich ihres Schicksals webten?

Begierig darauf, seinen lang ersehnten Erben in den Armen zu halten, hatte der König unmittelbar vor der Tür im Gang gewartet. Das Mädchen war kaum aus dem Raum gehuscht, als auch schon die schweren, scheppernden Schritte eisenbeschlagener Stiefel erklangen. Und dann stand er plötzlich neben Nereidas Bett. Groß, furchteinflößend und zornig. Es waren keine Worte vonnöten, um ihm ihr Versagen vor Augen zu führen. Alles, was er wissen musste, zeichnete sich in den Gesichtern der drei Frauen ab.

»Nein«, hauchte Nereida. »Bitte nimm sie mir nicht. Ich flehe dich an. Nimm mir nicht mein Kind!«

»Schweig!« Gereon musterte sie ohne Mitleid. Seine Miene war eine harte Maske aus Enttäuschung und Frustration. Fordernd wandte er sich zu der Hebamme um und streckte die Arme nach dem Kind aus. »Gib sie her!«

Aus einem ersten Impuls heraus wollte Sybille zurückzucken. Nereida sah, wie die Alte gegen das Unvermeidliche aufbegehrte, wie sie das Neugeborene schützend an sich drückte und in einem Anfall von lebensmüdem Mut zu dem König hoch starrte. Doch dann gewann das, was man ihresgleichen seit Jahrhunderten eingetrichtert hatte.

Gehorche. Stelle nichts infrage.

Höre die Befehle deines Herrn und führe sie aus.

Die Wangen tränennass, die Lippen zu weißen Strichen zusammengepresst, überließ Sybille dem König das Mädchen. Es war so falsch, was hier geschah! So schrecklich falsch! Seit undenklicher Zeit stand das Gesetz in Stein geschrieben, hineingemeißelt von alten, missgelaunten Männern, die glaubten, über Leben und Tod entscheiden zu dürfen.

Wann nahmen die Menschen endlich Vernunft an?

Wann würde das alles endlich aufhören?

Ruppig riss der König seine Tochter an sich. Nereida erwartete, dass das Kind ob der groben Behandlung nur umso lauter schreien würde, stattdessen verstummte sein zartes Stimmchen. Vielleicht war es Grausamkeit, vielleicht auch nur purer Zufall, doch Gereon drehte sich so, dass Nereida zum ersten Mal das Gesicht ihrer Tochter sehen konnte. Eine überwältigende Liebe strömte in ihr Herz. Gewiss hatte es niemals ein schöneres Kind unter den drei Monden gegeben. Seine Haut war weiß wie Schnee, sein flaumiges, noch feuchtes Haar wie gesponnenes Silber. Am herrlichsten aber waren die Augen des Mädchens. Zwei Iriden so eisblau wie die Nordlichter, die seit zehn Nächten den Himmel erhellten und über den Eisschollen tanzten. Selbst Gereon hielt in seinem Zorn inne und starrte verblüfft auf das kleine Geschöpf hinab.

»Bitte«, flehte Nereida. »Lass ihre Füße den Boden berühren. Nimm sie als deine Tochter an.«

»Schweig, Weib!« Gereon warf ihr einen scharfen Blick zu. Einst, vor langer Zeit, hatte er sie anders angesehen. Liebevoll. Sanft. Voller Wärme und Zuneigung. Doch das war längst vorbei. Jetzt, da es zwischen ihnen nur noch Missachtung und Demütigung gab, gefror die Zeit zu dicken Klumpen aus Eis. Sie wurde ebenso scharfkantig und unbarmherzig wie das erstarrte Meer. Nereida glaubte, das Herz müsste ihr in der Brust zerspringen. Wenn Gereon das Kind an die Hebamme weitergab, war sein Tod besiegelt. Man würde es hinaus in die Kälte bringen und jenseits der Wolfsmauer in den Schnee legen, wo es den umherstreifenden Tieren als Futter dienen würde.

Welche Dämonen hatten nur solche Gesetze niedergeschrieben?

Und welche Monster sie über Jahrhunderte hinweg befolgt?

Siehst du es denn nicht?, wollte Nereida schreien. Etwas so Schönes können nur die Götter erschaffen haben. Sie wollen, dass das Kind lebt. Begreife es doch! Töte es und Nersha wird dich strafen.

All diese Worte und noch weitaus mehr brannten auf ihrer Zunge, aber die Regeln verlangten, dass sie still zu sein hatte. Alle Entscheidungsgewalt lag bei ihrem Gatten und sie selbst, die das Kind neun Monate lang unter ihrem Herzen getragen und unter Schmerzen zur Welt gebracht hatte, musste sich seinem Willen fügen.

Lange stand Gereon da und starrte wie ein kalter Gott aus Eis auf seine Tochter hinab. Nereida sah bereits vor sich, wie einer seiner Krieger das Mädchen nahm und es hinaus in die Nacht trug, hinter die Mauer zu den heulenden Wölfen, die alles zerrissen, was man ihnen vorwarf.

Es durfte nicht sein! Niemals! Niemals!

Ein unbeschreiblicher Zorn ballte sich in ihrem Leib zusammen. Er wurde stärker, drängte alle Vernunft beiseite und ließ ihre Glieder vor Anspannung zittern. Schon öffnete Nereida den Mund und wappnete sich gegen die Strafe, die sie ereilen würde, als Gereon das Mädchen langsam gen Boden sinken ließ. Ganz sacht berührten die winzigen nackten Füße den Steinboden, dann hob er es wieder empor und hauchte einen Kuss auf seine Stirn.

»Sie soll den Namen Gemma tragen«, verkündete der König der Grauen Küste. »So wie meine Schwester, die die Götter allzu früh zu sich geholt haben.«

Als er der Hebamme das Kind zurückgab, nahm sein Gesicht einen verwirrten Ausdruck an. Ganz so, als könnte er sich nicht erklären, wie er zu dieser Entscheidung gekommen war. Ohne ein weiteres Wort wandte er Nereida den Rücken zu, marschierte mit klappernden Stiefeln aus dem Raum und warf die Tür hinter sich zu.

Im Dschungel der Aman-Kaja

Die Nacht war so friedlich, als gäbe es den Krieg nicht. Ixchal grub ihre nackten Zehen in den Schlamm des Flussufers und versuchte, ihre Angst zu bezwingen. Lebte Ikbat noch? Kämpfte der König der Aman-Kaja tapfer an der Seite seiner Krieger oder lag er längst in einer Lache seines eigenen Blutes?

Der Gedanke, ihren Mann nicht lebend wiederzusehen, raubte Ixchal die Luft zum Atmen. Sie wollte schreien, weinen und fluchen. Sie wollte sich die Haare ausreißen und ihren Schmerz in den Dschungel hinausbrüllen. Stattdessen stand sie einfach nur da und starrte auf das träge fließende Wasser. Zorn brodelte in ihren Eingeweiden. So viel Zorn, dass sie daran zu ersticken glaubte.

Gaben die Knochenmenschen denn niemals auf? Wurden sie niemals müde, die Gefahren des Flusses zu bezwingen und Dutzende von Booten zu verlieren, nur um sich einen weiteren Kampf zu liefern? Wozu brauchten sie noch mehr Land? Das gesamte östliche Ufer gehörte doch längst ihnen.

Oh, sie war es leid, Tag für Tag neue Rauchsäulen am Horizont aufsteigen zu sehen. Sie war es leid, mit Angst aufzustehen und mit Angst einzuschlafen. Aber der Lauf der Dinge war ebenso unerbittlich wie der Hunger der Knochenmenschen. Sie hatten das östliche Ufer förmlich verschlungen, den Wald niedergebrannt und die Erde aufgerissen. Und jetzt, da es dort drüben nichts mehr zu holen gab, dürsteten sie nach dem Blut und den Eingeweiden ihrer Heimat.

»Tötet sie«, flüsterte Ixchal in das Murmeln des Wassers, als könnte der Fluss ihre Worte zum Schlachtfeld tragen. »Tötet sie alle.«

Der Dschungel antwortete mit seinem ewig gleichen Lied. Nachtvögel sangen, Grillen zirpten und Fischkatzen stießen ihre trillernden Jagdlaute aus. Zahllose Stimmen vermischten sich unter dem Licht der drei Monde, schwollen wie ein Wispern auf und ab und zogen ganz allmählich das Gift aus Ixchals Herzen.

O ja, Krieg war wahrhaft eine Krankheit. Selbst wenn man ihm nur aus der Ferne beiwohnte, veränderte er einen. Ihre Gedanken waren niemals finster gewesen und schon gar nicht hatte sie Menschen den Tod gewünscht. Doch jetzt … jetzt war so viel Hass und Zorn in ihren Gedanken. Zu schwer wog das Gewicht ihrer Sorgen, zu tief steckte die Angst in ihren Knochen. Die Geschmeidigkeit ihrer Schritte verkam zu einem müden Schlurfen, als sie ihren ziellosen Weg wiederaufnahm. Ohne den Krieg hätte sie mit ihrem Mann auf weichen Decken gelegen, nackt, aneinandergeschmiegt, Haut an Haut, Atem an Atem. Sie wären ein sich liebendes Königspaar gewesen, von Mohini dazu auserkoren, das Volk der Aman-Kaja zu bewahren und zu beschützen.

Was, wenn sie heute Nacht schändlich versagten?

Verzweiflung bohrte sich wie ein scharfkantiger Stein in ihr Herz, machte es schwer und kalt und zog es in die Tiefe. Dort, wo sie nicht mehr atmen und nicht mehr leben konnte.

»Hör auf damit«, schalt sie sich selbst. »Hör auf! Hör auf, verflucht!«

Ixchal legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die Schönheit der Nacht. Das weiche Licht der Monde glitzerte auf dem Wasser, Bäume raschelten im Wind und breiteten ihre Kronen unter den Sternen aus. Inmitten eines Labyrinths aus Luftwurzeln und Schlingpflanzen taumelten Nachtfalter, Leuchtkäfer und Feuerfliegen umher. Orchideen gruben ihre Wurzeln in die Äste sterbender Bäume und schenkten ihnen im Angesicht des Todes ein prachtvolles Gewand.

So wird der Dschungel auch Ikbats Leib verschlingen, ging es ihr durch den Kopf. Er wird ihn mit Moos und Blüten überziehen und ihn in Erde verwandeln. Dann ist seine Seele überall.

Ixchal lief weiter. Immer weiter. Bis etwas Dunkles im Wasser an ihr vorübertrieb. Zunächst schenkte sie dem Ding kein großes Interesse, denn es geschah oft, dass die Strömung Treibholz und Kadaver mit sich riss. Doch dann bemerkte sie, dass das Gebilde an eine Wiege erinnerte. Ja, es sah ganz nach einem jener Behältnisse aus, in die die Hirschmenschen ihre Kinder zu legen pflegten. Ixchal ging näher an das Ufer heran und versuchte, mehr zu erkennen. Falls es eine Wiege war, so musste sie vollkommen verbrannt sein. Schwarz verkohlte Blumengirlanden, Federgrasbüschel und Kränze aus Schlingpflanzen schmückten das Gebilde und erinnerten an das struppige Fell eines Wasserschweins.

Plötzlich erkannte Ixchal, dass die Wiege nicht allein den Fluss hinuntertrieb. Dutzende von Hornechsen begleiteten ihren Weg, doch keine von ihnen wagte sich näher heran. Denn ein Boto beschützte das sonderbare Treibgut. Kein Geschöpf des Dschungels, nicht einmal die gefräßigsten aller Echsen, wagten sich an die heiligen Flussdelfine. Es war altes, ungebrochenes Gesetz und so selbstverständlich und allumfassend wie der Himmel, das Leben und der Tod.

Nun vergaß Ixchal alles um sich herum. Fasziniert beobachtete sie, wie der Boto das Gebilde in Richtung Ufer bugsierte. Mal stieß er es mit seiner flaschenförmigen Schnauze an, mal drängte er sich mit seinem ganzen Körper dagegen und zwang es gegen die Strömung zu den Baumwurzeln, die wie dicke Schlangen in das Wasser tauchten und dort eine Art Netz bildeten.

Ohne den Delfin aus den Augen zu lassen, kletterte Ixchal über einen umgestürzten Stamm und kämpfte sich durch das Dickicht zum Ufer hinunter. Der Boto schien es nun umso eiliger zu haben. Er verpasste der Wiege einen energischen Stoß, sodass sie zwischen zwei Wurzeln rutschte und sich darin verkeilte. Dann, als wäre mit diesem Kraftakt alles Leben aus ihm gewichen, drehte sich das Tier auf den Rücken, öffnete seine zahnbewehrte Schnauze zu einem stummen Seufzer und wurde von der Strömung zurück auf den Fluss gezogen.

Kein Wesen des Wassers schwamm geschickter und schneller als ein Boto, aber dieses Tier vollführte keinen einzigen Flossenschlag mehr. Leblos trieb es dahin, hinein in die lauernde Horde der Echsen. Selbst jetzt wagten sie es nicht, Mohinis heiligstes Wesen anzugreifen. Unbehelligt glitt der Delfin in die Mitte des Flusses, wo eine starke Strömung ihn mit sich riss. Bestürzt blickte Ixchal dem in der Ferne verschwindenden Leichnam nach. Die Zeiten, in denen ihr Volk an böse Omen geglaubt hatte, gehörten der Vergangenheit an, und doch hatte der Anblick des toten Tieres einen Schatten auf ihre Seele geworfen. Den Schatten einer dunklen, traurigen Zeit, die sich unaufhaltsam näherte.

Verloren die Aman-Kaja den Krieg?

Würde ihr Mann, ihr treuer Gefährte, ihr über alles geliebter König auf dem Schlachtfeld sterben?

Plötzlich drang ein leises, klägliches Wimmern an Ixchals Ohren. War das nicht das Weinen eines Kindes? Kraftlos und zu Tode erschöpft? Und kam es nicht aus dem schwarzen, verbrannten Ding, das der Delfin mit letzter Kraft an das Ufer getragen hatte?

Hastig stürzte Ixchal zum Wasser, watete hinein und zerrte an dem Gebilde. Mit einem widerspenstigen Knirschen gaben die Wurzeln es frei und noch ehe die Hornechsen auf drei Schritt Entfernung herangekommen waren, hatte Ixchal die Wiege bereits auf ihre Arme gehoben und trug sie auf feste Erde.

Unmöglich, dass darin etwas überlebt hatte! Der Gestank nach Asche, Tod und Feuer stieg ihr in die Nase. Kohle schwärzte ihre Finger, als sie an dem Gestrüpp zerrte, das den Blick in das Innere des Gebildes verwehrte. Unter mehreren Decken, die lichterloh gebrannt haben mussten, bewegte sich etwas. Ungläubig fetzte Ixchal die schwarzen Stofffetzen beiseite, entfernte die Überreste von Schlingpflanzen und Blüten und erstarrte.

Ein Kind blickte ihr entgegen. Kein Säugling mehr, vielleicht drei Jahre alt, mit großen, wunderschönen Augen und dichtem schwarzem Haar. Schnell schob Ixchal auch den Rest des verkohlten Stoffes beiseite, bis der kleine nackte Körper gänzlich freigelegt war.

»Aber …«, stieß sie fassungslos hervor. »Aber das kann doch nicht … das ist unmöglich.« Vorsichtig legte sie eine Hand auf den Oberkörper des Jungen. Wie konnte er unversehrt sein, wenn seine Wiege gebrannt hatte? Wenn alles um ihn herum aus Schwärze und Asche bestand?

Dann dachte sie an den Boto und in Ixchal keimte der Gedanke auf, dass göttliche Mächte ihre Hände im Spiel hatten.

»Smaragdgrüne Male«, flüsterte sie und strich mit der Spitze ihres Zeigefingers über die Wange des Jungen. Winzige, leuchtende Sprenkel zierten dort die Haut und zogen sich bis hinauf zu seiner Schläfe. »Das Zeichen königlichen Blutes. Wo kommst du nur her?«

Das Kind verstummte und blickte zu ihr auf, als hätte es seine Furcht mit einem Mal vergessen. Ergriffen von einem tiefen, wehmütigen Glücksgefühl hob Ixchal es auf, drückte es an ihre Brust und spürte, wie kraftvoll das Herz in diesem kleinen Körper schlug. Hatte der Boto etwa sein Leben für den Jungen hingegeben? Hatte er einen toten Leib mit seiner Seele wiederbelebt, so, wie es in manchen Geschichten erzählt wurde?

Falls ja, musste dies der Beginn eines großen Schicksals sein. Denn nur in den ältesten Legenden und in den bedeutsamsten Geschichten griff Mohini in die uralten Gesetze des Lebens und des Sterbens ein.

Ixchal beugte sich vor und küsste die Stirn des Kindes. Was mochte ihm nur geschehen sein? Hatten die Hirschmenschen ihn geopfert? Hatten sie ihn in eine brennende Wiege gelegt und dem Fluss überantwortet, um ihren grausamen Gott zu befriedigen? Oder waren ihm seine Male zum Verhängnis geworden?

Ixchal streichelte den Kopf des Jungen und warf einen Blick auf das östliche Ufer. Dort, über den niedergebrannten Überresten der Wälder, die dem Hunger der Knochenmenschen zum Opfer gefallen waren, leuchtete Tarek. Der ewige Stern. Unveränderlich zog er seine Bahnen am Himmel, ging niemals unter und stand selbst am Tage als blasses Licht über dem Horizont.

»Du sollst seinen Namen tragen«, entschied Ixchal. »Den Namen eines unzerstörbaren Gestirns. Eines Wegweisers, der uns seit Anbeginn der Zeit tröstet und führt.«

Denn eines Tages, das spürte sie mit überwältigender Klarheit, würde er genau das sein. Ein Licht. Ein Wegweiser in dunklen Zeiten, der selbst dann noch standhaft blieb, wenn alle anderen Sterne verlöschten.

»Tarek«, hauchte sie seinen Namen in den Wind, blickte gen Osten und beschloss, dass sie von nun an einen Sohn hatte.

Kapitel 1

Der Ruf des Drachen

Tarek

Achtzehn Jahre später

Auf dem schwarzen Obsidian der Schwertklinge war das Blut nahezu unsichtbar. Es tropfte nicht mehr von der scharfen Spitze, zäh und glänzend wie flüssiger Rubin, sondern überzog das Vulkanglas mit einer nach Tod stinkenden Kruste. Ich war mir sicher, diesen Geruch niemals wieder loszuwerden. Meine ruhelosen Gedanken waren angefüllt mit Schmerz, verzerrten Gesichtern, aufgerissenen Augen, zerhacktem Fleisch und brechenden Knochen. Wie viele Männer hatte ich in meinem ersten Krieg getötet?

Zwei Dutzend? Drei Dutzend?

Oder viel, viel mehr?

Ich wollte nicht daran denken. Niemals wieder.

Es musste sein, ging mir die Stimme meiner Mutter Ixchal durch den Kopf. Sie haben die letzte Grenze überschritten. Sie haben den Großen Fluss entweiht und mussten sterben. Alle miteinander. Damit wir leben können.

Ja, es hatte sein müssen. Denn wenn niemand die Knochenmenschen aufhielt, würden sie die Welt verschlingen. Alles Leben, vom größten bis zum kleinsten Wesen, würde ihrem Hunger zum Opfer fallen. Und doch fühlte es sich falsch an, im Zorn zu töten. Es war, als würde man mit jedem Herzen, das man durchbohrte, und mit jeder Kehle, die man aufschlitzte, ein Stück von sich selbst verlieren. Als würde man innerlich erstarren, während man sein Schwert in lebendiges Fleisch stieß. Dabei hatte es mir zwischendurch sogar Freude bereitet. Und gerade dieses fremdartige Gefühl von Macht und Rachedurst war es, das mich am meisten entsetzte.

Ich ließ das Schwert fallen, legte den Kopf in den Nacken und atmete die kühle Nachtluft ein. Es war vorbei. Vorerst. Alles Kommende lag in den Händen der Götter. Müde entledigte ich mich meines Bogens und des Köchers, zog die blutgetränkte Rüstung aus Hornechsenhaut aus und stellte mich nackt in das Licht des Marmormondes.

Früher hatte ich diese Nächte geliebt. Vierzig Tage lang würde der riesige Himmelskörper über die Welt wandern, ehe er ebenso lange wieder hinter dem Horizont verschwand. Ich wäre in seinem hellen Schein durch den Dschungel gestreift, hätte in einer Quelle ein Bad genommen und auf einem weichen, mit Moos bewachsenen Ast geschlafen. Doch jetzt würde mich der Anblick des schönsten aller Monde stets an den Krieg erinnern.

Eine Zeit lang gelang es mir dennoch, meine Gedanken vom nächtlichen Dschungel besänftigen zu lassen. Endlos erstreckte sich der Wald zu Füßen des Palastes von Itznamná über Berge und Täler, atmete Nebelfetzen aus und füllte die blaue Nacht mit unzähligen Stimmen.

Doch allzu schnell kehrte es zurück. Das Wissen, dass der errungene Sieg kein wirklicher Sieg war.

Jetzt, da die Knochenmenschen das andere Ufer des Flusses mit ihren gierigen Fingern berührt hatten, würde ihr Hunger noch größer werden – und ihr Verlangen nach Vergeltung. Bisher hatten wir uns darauf beschränkt, die Feinde auf vielerlei Arten abzuschrecken und vom Ufer fernzuhalten. Doch an diesem Tag, der mit einem blutigen Sonnenaufgang herangebrochen und in einem Berg aus Leichen geendet war, hatte jegliche Gnade ein Ende gefunden. Von nun an, das spürte ich bis tief in die Knochen hinein, würde es nur noch schlimmer werden.

Im untersten Stockwerk des Palastes lärmten die siegreichen Krieger und jene Frauen, die ihnen die Nacht versüßen würden. Draußen im Wald jedoch erhoben sich die Jubelrufe des Volkes in den sternenklaren Nachthimmel, vermischten sich mit dem Singen der Zikaden, dem Trillern der jagenden Mondkatzen und den wehmütigen Rufen eines Shyama-Büffels, der durch die nahen Sümpfe zog und vielleicht spürte, dass seine Welt dem Untergang geweiht war.

»Tarek!« Mein Freund O’bat schlug den Vorhang vor dem Eingang zurück und kam ins Zimmer getrampelt. »Das kann doch nicht dein Ernst sein.«

»Es ist mein Ernst.« Ich machte mir nicht einmal die Mühe, mich zu ihm umzudrehen. »Mir ist nicht nach Feiern zumute. Verschwinde und lass mich in Ruhe.«

O’bat grunzte verständnislos. »Ich höre wohl nicht recht! Ein Dutzend Diamanttäubchen wartet darauf, dich zu umgurren. Ich habe ihnen in den herrlichsten Worten geschildert, wie du …«

»Verschwinde!«

»Du bist ein Trottel!«

»Von mir aus.«

O’bat brummte einen Fluch, stampfte einmal mit dem Fuß auf und trat, vermutlich verbunden mit einer abwinkenden Geste, den Rückzug an. Von nun an würde ich mir ein Dutzend Mondläufe lang anhören müssen, was für ein prüder Dummkopf ich war. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit würde er meine Männlichkeit anzweifeln, Scherze über gewisse Körperstellen reißen und mich mit einem Ausdruck mitleidiger Herablassung betrachten. Sei es drum. Ich war immer noch der Prinz dieses Palastes, in jeglicher Hinsicht mein eigener Herr und niemandem zur Rechenschaft verpflichtet.

Schon gar nicht diesem froschhirnigen Großmaul.

Ich trottete zu meinem Lager und kippte wie ein Stein hintenüber, als hätte mich der Schlag einer Keule getroffen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang hatten wir gekämpft, gesiegt und getötet. Ohne jedes Innehalten. Das Letzte, wonach mir jetzt der Sinn stand, waren vergorene Juna-Trauben, grölende Männer und lüsterne Priesterinnen, die bissiger wurden als Mondkatzen, wenn sie ihren Willen nicht bekamen. Natürlich verstand O’bat die Welt nicht mehr. Welcher junge Mann im Höhepunkt seiner Kraft zog das Alleinsein den Berührungen einer schönen Frau vor? Dabei hätte er es besser wissen müssen. Wie oft hatte ich ihm meine Gründe erläutert? Wie oft hatte ich ihm die Konsequenzen einer lauschigen Nacht mit einer der Priesterinnen geschildert? Er hatte gut reden. Ihn würde man niemals in das königliche Grün kleiden, auf einen Thron setzen und zu einer schnellen Heirat drängen. Auf seinen Schultern würde niemals das Schicksal eines ganzen Volkes lasten. Aber selbst wenn ich so frei gewesen wäre wie mein Freund – wie könnte ich lachen und feiern, wenn meine Gedanken mit Tod ausgefüllt waren? Wenn noch immer das Blut unserer Feinde an meinem Körper klebte und die Schreie der Sterbenden in meinen Ohren gellten?

Morgen würde man die Leichen der Gefallenen verbrennen und ihre Asche in den Großen Fluss streuen. Und doch brandete Jubel durch die Nacht. Jubel über einen Sieg, der in Wahrheit das genaue Gegenteil war.

Still lag ich da und starrte an die von Sternwinden überwucherte Decke, ehe meine Gedanken endlich schwammig wurden. Einen kostbaren friedlichen Augenblick lang schwebte ich zwischen Schlaf und Wachen. Besudelt und nackt auf schwarzen Pantherfellen ausgestreckt, die Muskeln steif vom Töten, das Haar noch immer von grünen Federn und Blutklumpen durchsetzt. Aber kaum war ich ganz in den Tiefen des Schlafes versunken, zerrte mich ein Ruf wieder in die Wirklichkeit zurück.

Nein, kein Ruf.

Es war ein Schrei.

Er entstammte keines Menschen Kehle. Und es war auch kein gewöhnliches Tier, das seinen Schmerz in die Nacht hinaus brüllte.

Dieses Grollen, so tief und machtvoll wie der Herzschlag der Erde, ließ den Dschungel und den Himmel erzittern. Es vibrierte in meinem Körper, in meiner Seele und in den Bodenplatten aus grün geädertem Mondstein. Es ließ Wolken aus Vögeln und Fledermäusen aufflattern, brachte die Sterne zum Klirren und säte eine unbeschreibliche Angst in das Herz eines jeden Wesens, das ihn vernahm.

Der Smaragddrache starb.

Und ich wusste, wem sein letzter Ruf galt. Ebenso, wie ich meinen eigenen Namen und das Schicksal meiner Geburtssterne wusste.

Ungläubig lag ich da und rührte mich nicht, während der Schrei des Drachens verstummte und die Welt gefror, als würde ihr Lauf von nun an für immer enden. Kein Laut drang mehr aus dem Dschungel. Jedes Tier, selbst die sonst unaufhörlich singenden Zikaden, ruhten still.

Vielleicht hatte ich mich nur geirrt. Vielleicht war dieses Gefühl, das mich plötzlich mit solcher Heftigkeit packte und gefangen hielt, nur meiner Furcht geschuldet.

Doch je länger ich dalag und nichts tat, umso lauter wurde der Ruf des sterbenden Drachens. Denn jetzt, da er für den Rest der Welt verstummt war, kroch er direkt in meinen Kopf.

Komm, befahl er mir ohne Worte. Komm und beende es.

Abrupt fuhr ich hoch. Träumte ich nur? Schlief ich noch immer? Draußen im Dschungel herrschte eine unnatürliche Stille. Groß und prächtig leuchtete der Marmormond am Himmel, die Sterne funkelten so gleichgültig wie in jeder Nacht und ein lauer Wind zupfte an den Baumwipfeln.

Komm, drängte der Ruf ein zweites Mal. Komm schnell.

Ich blinzelte, stand auf und trat auf die Terrasse. Der Wunsch des Drachen musste erfüllt werden. Es gab keinen anderen Weg. Sein Ruf war ein unabwendbarer Befehl der Göttin, dem ich bedingungslos zu folgen hatte. Von nun an zählte mein Wille nicht mehr.

Aber warum ich? Warum ausgerechnet ich, obwohl ich mir niemals gewünscht hatte, den Ruf zu hören?

Ich fuhr herum, als plötzlich der Vorhang vor dem Eingang zurückgeworfen wurde. Ixchal stürmte herein, einen Umhang aus grünen Quetzal-Federn in den Händen, gefolgt von meinem Vater Ikbat und drei Priesterinnen der Mohini. Die Frauen, die gerade noch kichernd und schnurrend aus dem Krieg heimgekehrte Männer verwöhnt hatten, waren wieder zu ernsten, demütigen Dienerinnen der Muttergöttin geworden. Sie starrten mich an, als wäre ich auf einem Stern reitend vom Himmel herabgestiegen.

»Tarek«, flüsterte meine Mutter und da wurde mir klar, dass ich mich nicht in einem Traum befand. Ich war hellwach. Ebenso wie jeder andere Mensch in diesem Raum.

Der Beschützer des Waldes und des Himmels starb. Und er hatte nicht etwa einen der jungen Männer ausgewählt, die ihre unsterbliche Seele verkauft hätten, um den Ruf zu vernehmen.

Nein, er wollte mich.

Das musste ein Irrtum sein.

»Ich weiß«, sagte Ixchal, trat vor mich und bedeckte meinen Körper, indem sie mir den Umhang um die Schultern legte. »Aber du hast keine Wahl. Du trägst die Male des Smaragdes und damit fließt königliches Blut durch deine Adern.«

»Warum ich? Warum nicht Khalik, Damomar oder O’bat? Sie sind die geborenen Kämpfer. Nicht ich.«

»Denkst du, der Drache wählt jenen aus, der am besten töten kann?« Mein Vater lächelte traurig, legte eine Hand auf Ixchals Schulter und seufzte. »Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie tapfer du dich geschlagen hast. Jeder weiß, dass das Herz des Dschungels in deiner Brust schlägt und dass du nach einem gewonnenen Krieg allein in dein Zimmer gehst, anstatt dich mit Juna-Wein und Priesterinnen zu vergnügen, ist in meinen Augen keine Schwäche, sondern das Zeichen einer alten Seele.«

Beide schlossen einen Moment lang die Augen und wirkten, als kämpften sie gegen aufsteigende Tränen. Vermutlich wurde ihnen erst jetzt klar, was der Ruf des Drachen bedeutete.

»Einer Seele«, führte Ixchal den Gedanken meines Vaters leise fort, »die der Beschützer des Waldes und des Himmels als würdig empfindet.«

»Ich bin nicht würdig!«, brach es aus mir heraus, denn mehr als alles andere fühlte ich mich schmutzig, erschöpft und elend. »Ich bin vieles, aber nicht der Nachfolger des Drachen.«

Meine Eltern lächelten nur sanft.

»Ach, Tarek«, seufzte Ixchal. »Die wirklich Starken erkennen ihre eigene Stärke nicht. Sie halten sich sogar oft für schwach. O’bat kämpft wie ein wütender Büffel, aber er ist auch genauso dumm. Damomar hat das Mundwerk einer Brüllkröte und das Herz eines Grashüpfers. Und was Khalik betrifft … nun ja, wenn du ihm die Wahl zwischen einer willigen Priesterin und seiner Pflicht lässt, wird er immer die Priesterin wählen.«

Ich nahm einen tiefen Atemzug. »Ihr wisst, was es bedeutet, wenn ich den letzten Willen des Drachen erfülle.«

»O ja, das wissen wir.« Ixchal strich mit der Spitze ihres Zeigefingers über die smaragdgrün schillernden Sprenkel, die sich über meine Brust zogen und auch einen Teil des Rückens bedeckten. Sie waren das uralte Zeichen der Königsfamilie. Das Mal der Edlen und Auserwählten. »Es bedeutet, dass sich das Schicksal deiner Geburtssterne erfüllt. Seit dich deine wahren Eltern dem Fluss überantwortet haben, ist nichts aus Zufall geschehen.«

»Aber warum jetzt schon? Ich habe weder eine Frau gewählt noch die Prüfungen der Mohini bestanden. Ich bin immer noch mehr Junge als Mann.«

»Du bist schon längst kein Junge mehr.« Der Blick meines Vaters wurde streng. »Du hast bewiesen, dass in dir nicht nur das Herz eines Kämpfers steckt, sondern auch das eines wahren Freundes. Du hast es bewiesen, indem du deine Feinde ehrenvoll und nicht grausam getötet hast. Du hast es bewiesen, indem du das Leben deiner Gefährten vor dein eigenes gestellt hast. Und du hast es bewiesen, indem du dich heute zurückgezogen hast, anstatt etwas zu feiern, das keiner Feier würdig ist.«

In einer hilflosen Geste des Aufbegehrens senkte ich den Kopf. »Aber ich will das Herz des Drachens nicht.«

»Eben deshalb wirst du es bekommen.« Ixchals Hand presste sich fordernd gegen meinen Rücken und schob mich vorwärts. »Priesterinnen? Bereitet ihn auf seine Reise vor. Ich weiß, dass die Zeit drängt, aber mein Sohn soll alle Segnungen erhalten, die ihr ihm geben könnt.«

Kapitel 2

Im Tempel der Mohini

Meine Sinne hüllten sich in Nebel, als die Frauen mich leise wie Geister umflatterten und durch lange, von Lianen und Schlingpflanzen überwucherte Gänge führten. Plötzlich fühlte sich der Palast wie ein fremdartiger Ort an. Zu viele Augen starrten mich an. Zu viel Neid zeichnete sich in den Mienen jener ab, die die Bürde der Verantwortung weitaus lieber getragen hätten als ich.

Dummköpfe! Hatten sie denn niemals darüber nachgedacht, was es bedeutete, auserwählt zu werden? Waren sie so blind? So besessen von Ruhm und Ehre, dass sie die Wahrheit dahinter nicht sahen?

Je näher wir dem heiligen Teich kamen, umso drückender wurden die Düfte, die in trägen Schwaden durch die Gänge waberten. Bald verwandelten sie sich in jenen undurchdringlichen, den Atem erstickenden Nebel, der einem das Gefühl gab, im Nichts zu versinken. Es war ein Gefühl, das viele nicht ertrugen. Oft geschah es, dass die Priesterinnen ihre besinnungslosen Begleiter in das Heiligtum tragen mussten, wo sie erst nach einem tiefen, von wirren Träumen ausgefüllten Schlaf wieder zu sich kamen.

Ich aber liebte das Gefühl, das mich inmitten der Dämpfe überkam. Beim ersten Mal, als ich im heiligen Teich der Mohini meinen festen Platz in der königlichen Familie erhalten hatte, war ich im Nebel von Furcht gepackt worden. Doch schon nach wenigen Schritten war mir die Leichtigkeit und das träumerische Schweben in die Knochen gefahren. Ich wünschte mir, der Gang möge nie ein Ende nehmen. Alle Erinnerungen an den Krieg verblassten. Vergangenheit und Zukunft waren fern. Es gab nur mich und ein warmes, einschläferndes Raunen, das mir versprach, dass alles gut werden würde.

Doch auch diesmal lichtete sich der Dunst allzu schnell und mit ihm der Schleier, der sich um meine Sinne gelegt hatte. Vor mir tat sich das Rund aus schneeweißen Säulen auf, die den heiligen Teich wie stille Wächter umrahmten. Vor unfassbar langer Zeit hatten die Baumeister der Aman-Kaja den Tempel in den Berg aus Mondstein hineingeschlagen. Manche behaupteten, den Teich habe es damals schon gegeben, verborgen im Herzen des Berges. Andere glaubten zu wissen, dass Mohini selbst dem ersten König und der ersten Königin diese Quelle geschenkt hatte.

Ein grünes Licht ohne Ursprung beleuchtete das Wasser und den sanften Nebel darüber. Als die Priesterinnen mich über eine breite Treppe in den Teich führten, wurde dieser Schein unvermittelt heller, pulsierte im Rhythmus eines schlagenden Herzens und passte sich der Farbe meiner Male an.

»Mohini segnet dich«, säuselte die älteste Priesterin, zog den Umhang von meinen Schultern und reichte ihn an eine ihrer Schwestern weiter. »Die große Mutter der Schöpfung wird ihre drei Hände über dich halten. Bestehend aus Geburt, Leben und Tod.«

»Geburt, Leben und Tod«, wiederholten die jüngeren Priesterinnen wie aus einem Mund, stiegen in das Wasser und gossen aus goldenen Kannen Öl in ihre Hände. Dann umringten sie mich wie weißseidene Falter, murmelten Beschwörungen, wiegten sich mit halb geschlossenen Augen und bedeckten meinen Körper mit der Essenz der Göttin, während eine der Priesterinnen mit hingebungsvoller Miene die blutbesudelten Federn aus meinem Haar zupfte und sie im Wasser reinigte.

Doch weder die sanften Berührungen noch die einschläfernden Stimmen vermochten es, meine Gedanken zu beruhigen. Der Ruf des Drachen war verklungen, nicht jedoch das Gefühl, das er mir in den Kopf gepflanzt hatte. Es blieb keine Zeit mehr. Der Beschützer des Waldes und des Himmels lag im Sterben und wenn ich zu spät kam, war alles verloren.

»Warum hat er uns nicht eher geholfen?«, fragte ich die selig lächelnden Priesterinnen, die keinen Hehl daraus machten, wie gerne sie ihrer Aufgabe nachkamen. »Als er sich das letzte Mal unserem Volk gezeigt hat, war mein Vater noch nicht einmal geboren.«

Die älteste Priesterin verstummte und blickte zu mir auf, während ihre Schwestern weitersangen, mit den Händen das leuchtende Wasser schöpften und es mir über den Kopf gossen. »Die Geburt eines Smaragddrachen, sein Leben und sein Tod bewegen sich in so viel größeren Bahnen als das flüchtige menschliche Leben.« Sinnierend strich die Älteste mit ihren Spinnenfingern über die Sprenkel auf meiner Brust. »Unser Beschützer ist alt und schwach geworden. Vielleicht war es eine Krankheit, die ihn lähmte. Vielleicht befand er sich im Schlaf der Heilung, der letztendlich nicht stark genug war. Viele tausend Jahre lang stand er uns zur Seite. Verurteile ihn nicht für ein kurzes Menschenleben, in dem er uns nicht vor Unglück bewahren konnte.«

Ich blinzelte und schwankte. Allmählich wurden meine Augenlider doch noch schwer von all dem Murmeln, Singen und Flüstern. Benommen musterte ich die Netze der Tempelspinnen, die zwischen den Säulen aufgespannt waren: Kunstwerke aus smaragdgrüner Seide, auf eine grauenhafte Weise schön und so verwirrend wie gesponnene Fieberträume. Als wären die Tiere von meinem Blick aufgeweckt worden, begannen sie plötzlich, die komplizierte Struktur ihrer Schöpfungen zu verändern. Flink huschten sie über die Netze, gaben ein leises Sirren von sich und spannen neue Stränge, während sie andere zerrissen.

Die Priesterinnen lächelten noch zuversichtlicher, doch das musste nicht zwangsläufig etwas Gutes bedeuten. Ebenso wie die Göttin konnten auch ihre Dienerinnen im furchtbarsten aller Schicksale etwas Schönes entdecken, das einem höheren Zweck diente.

»Schon jetzt ist sein Herz aus Smaragd«, schmollte eine der Frauen, die gerade an einer äußerst empfindlichen Stelle versucht hatte, mir eine Regung zu entlocken. »Es ist ganz kalt und hart.«

»Nein«, erwiderte die Älteste. »Du bist nur nicht diejenige, der es bestimmt ist, sein Feuer anzufachen.«

Eine der anderen Priesterinnen schnaubte. »Selbst die Lenden eines Greises brennen heißer als seine. Was für eine Verschwendung bei solch einem Mann.«

»Ja«, brummte eine dritte. »Sogar der hässliche, steinalte Quetzal-Fänger hat es sich nicht nehmen lassen, sabbernd wie ein brünstiger Büffel durch unsere Lager zu kriechen. Und du, Prinz Tarek, würdigst uns keines Blickes.«

»Das ist auch gut so«, erwiderte die Älteste streng. »Jetzt hört auf zu plappern und sputet euch. Die Zeit rennt uns davon.«

Plötzlich von Eile gepackt, zerrten mich die Frauen aus dem Wasser, trockneten meinen Leib mit weichen Tüchern, schütteten noch ein paar Beschwörungen über mir aus und malten mit grüner und schwarzer Farbe magische Symbole auf meine Stirn, die Brust und die Arme.

Die Älteste brachte meine Jagdkleidung und beharrte darauf, dass ich mich nicht etwa selbst anzog, sondern es ihnen überließ. Bei jedem Kleidungsstück, das sie mir anlegten, murmelten sie weitere Gebete, wiegten sich hin und her und begannen zu zittern, als verlangte ihnen die Zwiesprache mit der Göttin mehr Kraft ab, als ihre menschlichen Körper hergeben wollten. Zarte Finger verknoteten die Schnüre des Wamses aus weich gegerbter Leguanhaut, zurrten die Beinlinge am Riemen des Schurzes fest und zogen die Schäfte der Stiefel zurecht, die mich vor Schlangenbissen schützen sollten. Zuletzt banden sie mein nasses Haar zurück und knoteten wieder jene grünen Federn hinein, die sie mir gerade erst ausgezupft hatten.

Eine Ewigkeit schien währenddessen zu verstreichen.

Als die Älteste endlich mit den Waffen und einem Proviantbeutel herbeigeeilt kam, hatte ich längst die Geduld verloren. Kurzerhand riss ich ihr den Gürtel mit den Dolchen aus der Hand und schnallte ihn mir selbst um, überprüfte das Obsidianschwert in seiner Scheide aus Jade, legte Bogen, Köcher und Beutel um meine Schultern und fuhr zu der Ältesten herum.

»Wo finde ich den Smaragddrachen?«

»Im Namenlosen Land«, antwortete sie. »Hinter dem Opalsee.«

»Was?« Überrascht riss ich die Augen auf. »Das ist unerreichbar weit entfernt. Wie stellst du dir das vor? Soll ich zu Fuß über das Säurewasser gehen?«

»Nein.« Die Priesterin schüttelte tadelnd den Kopf. »Du reitest auf dem Rücken des Manqu. Er wird dich innerhalb von zwei Tagen über den See tragen.«

Wieder blinzelte ich ungläubig. »Der Manqu? Mohinis Drache?«

»Natürlich. Schließlich war es die Göttin selbst, die dich auserwählt hat. Er wird dir gehorchen, wie er einst mir gehorcht hat.«

Ehe ich eine weitere Frage stellen konnte, wurde ich aus dem Tempel hinaus und zurück in den Nebel gedrängt. Wir gingen rasch, das Gefühl des seligen Nichts währte nur kurz. Kaum verließen wir den magischen Teil des Palastes, umringte uns eine lärmende Menschenmenge. Zu Hunderten drängten sich die Bewohner des Palastes in den Gängen, murmelten und tuschelten und begafften mich wie staunende Kinder. Niemand richtete das Wort an mich. Nicht einmal Ixchal.

In diesem Augenblick spürte ich zum ersten Mal die Last der Verantwortung auf meinen Schultern. Sie nahm mir die Luft zum Atmen und kroch in meine Muskeln, doch ich ging hoch erhobenen Kopfes, aufrecht gehalten von einem verzweifelten Stolz und dem Willen, mein Schicksal anzunehmen. Zerfressen von Neid brodelte O’bat vor sich hin. Damomar sah mit wütender Fassungslosigkeit seine Hoffnungen dahinschwinden, selbst vom Smaragddrachen auserwählt zu werden. Khalik erblickte ich nirgendwo, vermutlich hatte er sich in die hinterste Reihe zurückgezogen oder war der Verabschiedung gänzlich ferngeblieben.

Was, bei Mohinis süßem Atem, hatte den Beschützer des Waldes und des Himmels zu dieser Entscheidung veranlasst? Warum wählte er ausgerechnet den einzigen Mann weit und breit, der lieber ein gewöhnlicher Jäger als ein Auserwählter gewesen wäre? Den Mann, dem es schon zu viel war, als Prinz anerkannt zu sein, und der sich tagelang im Dschungel versteckte, um der ständigen Aufmerksamkeit zu entgehen?

Als sich auch noch der Manqu aus der Dunkelheit herab schwang und mit lautem Flügelrauschen auf dem Versammlungsplatz landete, fiel meinen Freunden gänzlich die Kinnlade herunter. Ich verneigte mich vor Ixchal und Ikbat, murmelte den Menschen einen Gruß des Abschieds zu und ging zu dem Manqu, der riesenhaft wie ein Shyama-Büffel über mir aufragte, seinen schuppigen Kopf neigte und mir den Nacken darbot.

Über die gesamte Rückenlinie des Tieres hinweg sprossen dicke Hörner aus der kupferfarbenen Haut, angefangen vom größten Horn auf seiner Stirn bis hin zu den kleinen Buckeln auf der Schweifspitze. Ich setzte mich zwischen zwei dieser Auswüchse in Höhe des Nackens, unmittelbar vor den mächtigen Flügeln, an deren metallisch schimmernden Federn der Wind zupfte.

Ein ehrfürchtiges Murmeln, Raunen und Seufzen ging durch die Menge. Ich sah Angst und Stolz in den Mienen der Menschen, Bewunderung und Liebe, Neid und Wut. Es gab wohl keinen einzigen jungen Mann in der Menge, der nicht auf der Stelle mit mir getauscht hätte.

Die älteste Priesterin nickte.

Der Manqu gehorchte ihrem lautlosen Befehl, stieß sich vom Boden ab und tauchte mit kraftvollen Flügelschlägen so schnell in den Himmel ein, wie ein Fels in die Tiefe einer Schlucht stürzt. Mir schwanden die Sinne. Himmel und Erde verschwammen und wirbelten in einem wilden Tanz um mich herum. Mit aller Kraft klammerte ich mich am Horn fest, kniff die Augen zusammen und wartete darauf, dass der Fall ein Ende nahm.

Irgendwann wurde der Flügelschlag des Manqu sanfter. Ich blinzelte in den fauchenden Wind hinein und sah, dass wir in schwindelerregender Höhe durch die Tiefen des Sternenhimmels glitten wie Fische durch dunkles Wasser. Hastig überprüfte ich meine Waffen, fand den Köcher sicher verschlossen und das Schwert unversehrt an meiner Seite baumelnd vor.

Mit gestrecktem Hals strebte der Drache auf das Gebirge im Westen zu. Dort in der Ferne, weit hinter den scharfen, von zerzausten Bäumen bewachsenen Gipfeln, breitete sich der Große Fluss zum Opalsee aus. Und wiederum dahinter lag das Namenlose Land. Ein Ort, den wir nur aus Geschichten kannten. Es hieß, dass einst ein König den weiten Weg auf sich genommen hatte, um dem Ruf des Smaragddrachen zu folgen. Und es hieß, dass er mit großartigen Erzählungen über fremde Ufer und nie gesehene Wunder zurückgekommen war.

Nun würde ich mit eigenen Augen sehen, wie viel Wahrheit in den Legenden lag. Denn in dieser Geschichte war ich der sagenhafte König, der dem Ruf eines sterbenden Drachen folgte.

Kapitel 3

Jenseits des Opalsees

Die Wirklichkeit war fern wie ein Traum, während der Manqu lautlos durch die Nacht glitt, Dampf aus seinen Nüstern atmete und mit schimmernden Schwingen die Luft zerteilte. Unter mir sah ich den Großen Fluss im Mondschein glänzen, wie eine Anakonda aus Silber schlängelte er sich durch den Dschungel auf den Horizont zu. Nebelschwaden verfingen sich in den Wipfeln der hoch aufragenden Geisterbäume, tief in den Dschungeltälern kauerte die Finsternis wie Tiere aus undurchdringlicher Schwärze.

Als ich zum östlichen Horizont blickte, zeichnete sich in weiter Ferne ein kaum wahrnehmbarer, orangefarbener Schimmer ab: Der Widerschein jenes gewaltigen Lagers, das seit Jahren unaufhörlich wuchs. Man erzählte sich, dass seine Bewohner jeglichen Glauben verloren hatten und weder etwas von Mohini noch von den Waldgeistern wussten. Erde und Himmel fraßen sie gieriger als jeder Heuschreckenschwarm, während sie beständig Nachwuchs gebaren, so lange, bis ihre Frauen ausgemergelt und knochendünn im Kindbett starben.

Man sagte auch, dass sie getrieben waren von einer sonderbaren Wut, die keinen Grund und keine Ursache kannte, und seit ich den Knochenmenschen im Kampf begegnet war, wusste ich, dass zumindest dieses Gerücht der Wahrheit entsprach.

Bis zum östlichen Flussufer hatten sich diese Geschöpfe durch den Dschungel gefressen und alles Leben niedergebrannt. Ohne jedes Zögern stießen sie zu, wenn der Gegner ihnen den Rücken zuwandte, und wenn ein Besiegter um sein Leben flehte, kannten sie keine Gnade. Weder sprachen sie Worte des Dankes noch solche der Vergebung.

Nicht nur, dass mein Leben seit jeher von dieser Bedrohung bestimmt war. Nicht nur, dass ich damit leben musste, dutzendfach den Tod gebracht zu haben. Nein, jetzt lag auch noch der Fortbestand der Aman-Kaja in meiner Verantwortung. Ich allein entschied darüber, ob Itznamná meinem Volk weiterhin eine Heimat sein würde, so wie es seit ungezählten Jahrtausenden der Fall war. Oder ob die Stadt mitsamt ihrer heiligen Quelle dem Fraß der Knochenmenschen zum Opfer fallen würde.

Pfeile richteten nicht viel gegen die Waffen dieser Ungeheuer aus. Feuerspuckende Geräte waren um so vieles stärker als jedes Schwert und jeder Dolch. Dass wir den Kampf am Fluss gewonnen hatten, war pures Glück gewesen, auch wenn es manch ein Krieger anders sah. Nur eine Handvoll mehr Knochenmenschen – und wir wären verloren gewesen.

Beim nächsten Kampf würden unsere Feinde schlauer sein.

Und zahlreicher.

Sehr viel zahlreicher.

Eine unbeschreibliche Wut braute sich in mir zusammen. Ich dachte darüber nach, meinen Drachen zum Umdrehen zu zwingen und den Knochenmenschen einen gehörigen Schrecken einzujagen. Doch die Waffen unserer Feinde waren stark genug, um selbst den Panzer einer ausgewachsenen Hornechse wie Glas zersplittern zu lassen. Vermutlich würden sie mich mitsamt dem Manqu vom Himmel schießen.

Stunde um Stunde flog der Drache weiter gen Westen, bis die Nacht dem Morgen zu weichen begann. Am Fuße schroffer Felsklippen legten wir eine kurze Rast ein. Während der Manqu still wie ein Felsen ruhte und beide Augen geschlossen hielt, füllte ich hastig meinen leeren Magen, trank ein paar Schlucke aus der Wasserflasche und ging dem Drängen meines Körpers nach. Als ich wieder auf den Rücken meines Reittieres stieg, war der Südstern nicht einmal einen Fingerbreit weitergewandert.

Wir ließen den weichen Teppich des Dschungels hinter uns und tauchten in das Labyrinth der schwarzen Berge ein. Felstürme schlossen sich wie Käfigstäbe um uns und schienen bis hinauf in die Sterne zu stechen. Der Manqu spielte mit den Winden, schwenkte in geschmeidigen Bögen nach links oder rechts und streifte mit den äußersten Spitzen seiner Schwingen hin und wieder einen der Felsgrate. Manchmal, wenn ein Tal besonders tief war und an seinem Grund ein See glänzte, flog er bis zum Spiegel des Wassers hinab und durchschnitt ihn mit seinen herabhängenden Klauen. Eine unbändige Freude schien den Drachen voranzutreiben, als sähe er den Sieg über die Knochenmenschen bereits vor sich und könnte es nicht erwarten, das Ziel unserer Reise zu erreichen.

Mit jeder zurückgelegten Meile wurde die Last auf meinen Schultern größer. Wie gerne hätte ich diesen Flug ohne jeden Gedanken an das Kommende genossen, denn auf dem Rücken eines Manqu zu reiten war das Herrlichste, das ich jemals getan hatte. Hin und wieder kitzelte ein Lachen in meiner Kehle, wenn das Tier besonders übermütig in die Lüfte stieg und durch eine tief hängende Nachtwolke jagte, aber niemals konnte ich es herauslassen. Warum überwältigte mich ausgerechnet jetzt die Angst? Warum spürte ich jetzt, da alles von meiner Stärke und Entschlossenheit abhing, zum ersten Mal jene Lähmung in meinen Muskeln und in meinen Gedanken, von der so viele Geschichten sprachen? Manchmal war ich mir sogar sicher, versagen zu müssen – nur um im nächsten Augenblick wütend auf mich selbst und meine Schwäche zu sein.

Ja, ich hatte mich immer für stark gehalten.

Bis heute.

Als sich im Osten der Aufgang der ersten Sonne ankündigte, erreichten wir den Opalsee. Abrupt endete das Gebirge in einem aufklaffenden Abgrund, dahinter gab es nichts als Wasser. In einer sanft gekräuselten Fläche erstreckte sich der See bis hinter den Horizont, durchzogen von blau schimmernden Strömungen und Strudeln, die in Aufruhr gerieten, sobald der Drache sie mit seinen Flügelspitzen streifte. Schnell erkannte ich, dass das Leuchten von kleinen, fedrigen Wesen stammte, die in Schwärmen durch das Wasser zogen und einer Art Tanz zu folgen schienen. Zumindest glaubte ich nach einer Weile, eine Ordnung in den Strömungen erkennen zu können. Mal bildeten die Wesen träge Strudel, mal schwärmten sie auseinander und sprenkelten die Schwärze mit ihrem Licht wie Sterne den Nachthimmel. Dann wieder ballten sie sich zusammen und kreisten um sich selbst wie die bunten Nebel des Alls, nur um erneut auseinanderzulaufen und noch seltsamere Formationen zu bilden.

Erst, als der Drache hoch in den Himmel stieg, offenbarte sich mir die ganze Schönheit des Sees. Seine gewaltige Wasserfläche war von einem Horizont bis zum anderen von dem leuchtenden, einschläfernden Tanz der kleinen Geschöpfe durchzogen. Fast vergaß ich, weshalb wir hierhergekommen waren, lehnte meine Stirn gegen das Horn des Manqu und beobachtete das Schauspiel, bis meine Lider schwer wurden. Nach Art der Jäger lieferte ich mich dem Schlaf niemals ganz aus, sondern blieb an der Oberfläche der Dunkelheit. So ruhte ein Teil meines Geistes, während der andere noch immer die Welt wahrnahm, die ihn umgab.

Als ich das fünfte Mal nach einem kurzen Schlaf die Augen aufschlug, ging im Osten eine blasse Smaragdsonne auf. Ihr grünes Licht vermischte sich mit dem Schimmer des Marmormondes und tauchte die Welt in eine kupferfarbene Dämmerung. Diese unwirklichen Momente zwischen Tag und Nacht zogen mir gänzlich die Kraft aus den Knochen. Zu lange hatte ich keine Ruhe mehr gefunden. Zu lange meine Grenzen ausgelotet und überschritten. Mit jeder verstreichenden Stunde fiel es mir schwerer, den Schlaf des Jägers beizubehalten, doch ich musste widerstehen. Schon, um nicht vom Rücken des Drachen in die Tiefe zu stürzen.

Schläfrig beobachtete ich den Aufgang der Gelben Sonne, deren strahlendes Licht den Marmormond in einen blassen Schatten verwandelte und die grüne Scheibe der Smaragdsonne verschlang. Vor uns inmitten des goldglänzendes Wassers erkannte ich eine Insel, kaum größer als der Versammlungsplatz des Palastes.

Der Manqu hielt darauf zu und landete mit der Leichtigkeit einer Schwalbe auf den sandfarbenen Felsen. Anfangs glaubte ich, er wollte schlafen, denn er rollte seinen Leib zu einer Kugel zusammen und schloss die Augen. Doch als ich seinem Geschmack nach zu lange untätig herumstand, fletschte er die Zähne und knurrte mich böse an. Also aß und trank ich so hastig wie beim ersten Mal, streckte meine steifen Glieder und erledigte hinter einem der Felsen, was erledigt werden musste.

Zu gerne hätte ich den Anblick des im Sonnenlicht funkelnden Sees in mich aufgenommen, doch dafür blieb keine Zeit. Ich kletterte auf den Rücken des Manqu, schlang meine Arme um das Horn und hielt den Atem an, als das Tier seine Schwingen spreizte und zurück in den Himmel stürzte.

Einen Tag und eine halbe Nacht lang flogen wir ununterbrochen, ehe der Drache erneut auf einer winzigen Insel landete. Wieder erlaubte er mir nur ein kurzes Innehalten, das gerade reichte, um in aller Hast das Nötigste zu erledigen. Inzwischen schmerzten meine an Bewegung gewöhnten Muskeln unerträglich. Sämtliche Glieder waren steif wie die eines Greises und meine Gedanken von dem monotonen Vorbeiziehen des Wassers betäubt. Selbst das Zeitgefühl ging mir verloren.

Ich sah die beiden Sonnen untergehen, beobachtete das Aufglimmen der Sterne und das Schwinden der Dämmerung, bis eine weitere Nacht unter dem blauen Schein des Marmormondes hereinbrach. Schließlich segelte der Manqu zum zweiten Mal durch die kupferfarbene Morgendämmerung, bis wir endlich im hellen Licht des Tages festes Land entdeckten.

Geschmeidig landete der Drache auf einem schwarzen Kieselstrand, ließ seine Flügel hängen und gähnte so lautstark, dass kreischende Vogelschwärme aus den Bäumen aufstoben.

Als ich träge von seinem Rücken rutschte, knickten meine vom ungewohnten Sitzen eingeschlafenen Beine unter mir weg. Wie ein unbeholfenes Kleinkind sackte ich in die Knie, mir war schwindelig, mein Kopf mit Schlamm gefüllt. Selbst eine der Wasserflaschen aus dem Beutel zu ziehen, glich einem Kraftakt. Ich leerte sie mit langsamen Schlucken, stopfte sie zurück in den Beutel und versuchte, wieder Herr über meine Sinne zu werden.

»Wollen wir nicht weiterfliegen?«, fragte ich den Manqu, doch der starrte mich nur aus großen obsidianschwarzen Augen an und schnaufte nach Verwesung stinkenden Dampf aus.

»Heißt das, ich muss den Rest des Weges laufen?«

Der Drache schnaufte erneut.

»Gut.« Ich hob die Arme und ließ sie wieder fallen. »Dann hoffe ich, dass du hier auf mich wartest?«

Wieder bestand die Antwort nur aus einem müden Grollen. Offenbar war der Drache zu Tode erschöpft und nicht gewillt, auch nur einen einzigen weiteren Flügelschlag zu vollführen.

Ich stemmte mich hoch, streckte meine Glieder, rollte mit den Schultern und vollführte ein paar halbherzige Kampfübungen, bis ich glaubte, wieder halbwegs Herr über meine Muskeln und Sehnen zu sein.

Das also war das Namenlose Land? Jener Ort, von dem so viele Legenden berichteten? Seltsam. Die Wälder dieser Küste sahen aus wie jene, die ich hinter mir gelassen hatte. Die Bäume waren die gleichen, die Schlingpflanzen und Blumen ebenso. Es gab schillernde Kolibris, bunte Vögel, Eidechsen und Käfer, Orchideen und Vorhänge aus hellblau und weiß blühenden Sternwinden.

War ich erleichtert oder enttäuscht?

Gleichgültig! Ich musste den Drachen finden, und das so schnell wie möglich.

Kapitel 4

Ein Herz aus Smaragd

Kaum tat ich einen ersten Schritt in Richtung des Waldes, wurde mir klar, wohin ich mich wenden musste. Ohne weiteres Zögern tauchte ich in das flimmernde Dämmerlicht des Dschungels ein, zog mein Schwert und schlug mir einen Pfad durch das Dickicht. Der Duft der Schlingpflanzen und Orchideen wurde nach wenigen Schritten betäubend, immer wieder musste ich mir Käfer, Spinnen und Tausendfüßler vom Gesicht und den Armen wischen. Schlangen schnappten nach meinen Beinen, doch die Leguanhaut, aus der jeder Teil meiner Jagdkleidung bestand, war ebenso weich wie unzerstörbar. Vorsichtig zupfte ich die Reptilien ab, die versucht hatten, ihr Gift in mein Fleisch zu spritzen, warf sie zurück in das Dickicht und nahm meinen Weg wieder auf.

So ähnlich dieser Wald dem meiner Heimat auch war, gab es doch einen Unterschied. Niemals, nicht einmal in den abgelegensten Tälern, hatte ich eine solche Masse an Lebewesen erblickt. Die Wipfel der Bäume wimmelten vor Affen, Flughunden und bunt schillernden Vögeln, an der Borke jedes Stammes hingen Eidechsen, handtellergroße Käfer, Falter und Spinnen. Jeden Schritt musste ich mit größer Vorsicht setzen, denn wohin ich auch trat, huschten unzählige kleine Geschöpfe vor mir davon, schnappten nach mir, fauchten und zischten oder stellten sich tot. Als ich einen flachen Strom überquerte, dessen Wasser mir gerade bis zu den Knöcheln reichte, sonnten sich dicht an dicht gedrängt gewaltige Hornechsen am Ufer, länger als jedes Tier, das ich in meinem bisherigen Jägerleben erblickt hatte. Angespannt hielt ich den Atem an, schlich mich an den schuppigen Körpern vorbei und füllte meine brennende Lunge erst wieder mit Atem, als ich den Wald am anderen Ufer erreicht hatte.

Dort, unter den tief hängenden Zweigen eines Bernsteinbaumes, ruhten zwei fett gefressene Anakondas und verdauten ihr Mahl. Jede der Schlangen war doppelt so dick wie der Umfang meines Körpers. Als ich an ihnen vorüberlief, hoben die Tiere ihre ochsengroßen Köpfe und zischten mir eine Warnung zu. Eine versuchte halbherzig, nach mir zu schnappen, doch sie war derart träge und verschlafen, dass ich mir nicht einmal die Mühe machen musste, ihren Zähnen auszuweichen.

Meine nächsten Schritte setzte ich noch behutsamer. Ich durchquerte flache Täler und schäumende Flüsse, kletterte steile Hänge empor und bewegte mich, wann immer es die Beschaffenheit der Bäume zuließ, in ihrem Geäst voran. Schließlich gelangte ich zu einem Vorhang aus dornigen Lianen, deren Stränge sich wie gierige Hände nach mir ausstreckten, über meine Haut kratzten und sich in der Kleidung verhakten. Zunehmend wütend schlug ich auf das Gestrüpp ein, kämpfte mich aus der Umklammerung der Lianen frei, zerrte den letzten Strang von meinem Bein und sackte zitternd in die Knie. Dieser Dschungel war heißer als der Schlund des Zuma-Vulkans. Für gewöhnlich lief ich tagelang, ohne zu schwitzen oder außer Atem zu kommen, doch etwas an der Luft dieses Waldes saugte mir die Kraft aus den Gliedern.

Erschöpft blinzelte ich in das schillernde Licht, das sich seinen Weg durch das Laub der Bäume bahnte und den Boden mit hellen Flecken betupfte. Seiner Farbe nach musste es bereits später Nachmittag sein. War ich schon so lange unterwegs? Schläfrig lehnte ich mich gegen einen Stamm, dachte an den seltsamen Singsang der Priesterinnen und an die heiligen Spinnen in ihren grün leuchtenden Netzen. Ich dachte an das Wasser des Teiches und die mit Öl getränkten Hände, die über meinen Körper geglitten waren.

Dann gingen mir O’bats Zorn und die stolze Traurigkeit meiner Zieheltern durch den Kopf. Ihr Sohn, den Ixchal vor achtzehn Jahren aus dem Wasser des Großen Flusses gefischt hatte, war für die höchste aller Aufgaben ausgewählt worden. Er würde sie alle überdauern. Einsam und von der Göttin beschenkt. Gesegnet und verflucht.

Ein Lachen drang aus meiner Kehle. Ich lachte, bis ich zur Seite kippte und der Länge nach im Moos landete. Was war los mit mir? Hatte ich das Netz eines Cupacs berührt? War mir ein Fieber zu Kopf gestiegen? Ich blickte an mir herab, drehte meine Arme und entdeckte einen schwarzen Tausendfüßler, der sich an meinem Handgelenk festgesaugt hatte. Tief steckten sein spitzer Kopf und die nadelfeinen Beinchen in meinem Fleisch.

Bei Zumas blinden Augen, warum hatte ich den Biss nicht bemerkt? Lag es daran, dass mein Körper von dem langen Flug verweichlicht war? Oder gab es in diesem Wald irgendetwas, das meine Sinne benebelte und meine Haut betäubte? Vorsichtig entfernte ich das Tierchen, warf es zu Boden und beobachtete, wie es fauchend und Blut spuckend unter einem Haufen aus welkem Laub verschwand.

Eine Hand auf den Biss gepresst, kniete ich im Moos und wartete. Vertraut mit allerlei Bissen und Stichen, kämpfte mein Körper mit der gewohnten Schnelligkeit gegen das Gift an. Doch jeder Augenblick, den ich vergeudete, war einer zu viel. Mit wütender Entschlossenheit rappelte ich mich auf, nur um nach wenigen Schritten gegen den Stamm eines Baumes zu sinken und nach Luft zu ringen. Über mir raschelte und wisperte es. Blaurückenaffen versammelten sich auf einem tief hängenden Ast und beäugten mich misstrauisch. Ihnen folgten mannsgroße, in allen Farben des Regenbogens leuchtende Papageien, weiß gefleckte Gmuffen, Leguane und Mondkatzen. Eines der elfenbeinfarbenen Raubtiere fletschte die Zähne und spannte seine Muskeln an, doch ich hielt dem Blick seiner eisblauen Augen stand, leerte meinen Geist von jeglicher Angst und packte den Griff des Schwertes.

Greif mich anund du stirbst.

Die Katze schloss ihr Maul, drückte sich flach gegen den Ast und grollte verwirrt. Ihre gerade noch angelegten Ohren richteten sich auf, der Schweif mit der fedrigen Quaste peitschte unschlüssig hin und her.

Allmählich machte das Gift des Tausendfüßlers meine Gliedmaßen taub, doch ich durfte keine Zeit mehr verlieren. Meine sonst so sicheren Schritte verkamen zu einem plumpen Taumeln, anstatt mir mit kräftigen Hieben den Weg freizuschlagen, drückte und quetschte ich mich wie ein ungeschicktes Kind durch das Dickicht, schlug kraftlos nach Lianen und Schlingpflanzen und musste immer wieder innehalten, um nach Atem zu ringen.