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Zu Beginn des 18. Jahrhunderts tobt in Europa der Spanische Erbfolgekrieg. Bayern ist von kaiserlich-österreichischen Truppen besetzt und das Volk leidet unter der hohen Steuerlast, der Zwangsrekrutierung und den kaiserlichen Soldaten im eigenen Heim. Allerorts bildet sich Widerstand gegen die Besatzer. Der junge Freiheitskämpfer Georg Sebastian Plinganser führt die aufständischen Bauern aus dem Rottal an. In dieser stürmischen Zeit verliebt sich die junge Adelige Charlotte von Weißentingk in den Rebellen …
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Seitenzahl: 198
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Andreas Reichelt
Der Sohn des Hofmarksrichters
Historischer Roman
Bayerische Volkserhebung 1704: Der bayerische Kurfürst Maximilian II. Emanuel verliert in Höchstädt eine entscheidende Schlacht im Spanischen Erbfolgekrieg. Mit der Reichsacht belegt, flieht er nach Brüssel. Die Österreicher besetzen zunächst das bayerische Unterland und beuten dieses mit hohen Steuern aus. Das Volk ächzt unter der Steuerlast, aber auch unter der Einquartierung kaiserlicher Soldaten in den ohnehin kleinen und bescheidenen Haushalten. Wiederholte Zwangsaushebungen drohen das bayerische Volk endgültig zugrunde zu richten. Allerorts bildet sich Widerstand gegen die Besatzer. Einer der Anführer ist der Freiheitskämpfer Georg Sebastian Plinganser. Er führt Tausende Aufständische aus dem Rottal an. Schnell erreichen sie beachtliche Erfolge; das Innviertel um Braunau und Schärding wird zum Zentrum der Aufständischen. In dieser stürmischen Zeit verliebt sich die junge Adelige Charlotte von Weißentingk in den von Gewissensbissen zerrissenen Plinganser. Doch sie gehen einer ungewissen Zukunft entgegen …
Andreas Artur Reichelt wurde 1977 im Rottal geboren. Mit seiner Familie lebt er im ländlichen Niederbayern. Seine Bücher wurden bereits mehrfach ausgezeichnet. In seinen Geschichten ist die Liebe zur Familie, zur Schöpfung und zu ethischen Werten stets spürbar. »Der Sohn des Hofmarksrichters« ist sein erster historischer Roman.
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Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2019
Lektorat: Christine Braun
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Bildes von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Philipp_Sporrer_Der_Schmied_von_Kochel.jpg
Druck: CPI books GmbH, Leck
Printed in Germany
ISBN 978-3-8392-6160-6
Georg Sebastian Plinganser
Rädelsführer der Bayerischen Volkserhebung von 1705.
Nach dem Besuch der Lateinschule in Burghausen wurde er Jurist und später Mitterschreiber, ein höherer Beamter in verantwortlicher Position in unteren Behörden, am Pfleggericht Pfarrkirchen.
Sein Vater war Hofmarksrichter zu Thurnstein/Postmünster und ab 1683 Wirt zu Pfarrkirchen. Georg Sebastian Plinganser starb als Kanzler des Reichsstiftes St. Ulrich und Afra in Augsburg am 7. Mai 1738.
Johann Georg Meindl
Wirtssohn und Freund von Plinganser. Er besuchte ebenfalls die Lateinschule in Burghausen, studierte dann Philosophie und wurde einer der Anführer der Bayerischen Volkserhebung von 1705.
Joseph Sallinger
Vertrauter Plingansers und Meindls. Als Prokurator Mitglied der Gesandtschaft der Aufständischen während der Verhandlungen in Anzing.
Johann Georg Kidler, Johannes Jäger, Sebastian Senser, Georg Hallmayr
Münchner Bürger, die mit den Aufständischen in anderen Bezirken in Kontakt standen und zu den Hauptverschwörern innerhalb der Landeshauptstadt gezählt wurden.
Franz Bernhard von Prielmayr
Kriegskommissär der niederbayerischen »Defension Unterland«, später Kommandant der Landesdefension und Präsident der provisorischen bayerischen Regierung.
Johannes Hoffmann
Vom Braunauer Parlament eingesetzter Oberbefehlshaber über zwölftausend Aufständische.
Franz Cura
Franz Cura wird in den Niederbayerischen Heften dem Kampf um Burghausen zugeordnet. In anderen Quellen tritt er erst im Österreichischen Erbfolgekrieg 1740-1745 auf. Aus dramaturgischen Gesichtspunkten wurde Franz Cura im Roman bei der Eroberung Burghausens aufgenommen.
Maximilian Karl Graf von Löwenstein-Wertheim
Fränkischer Landesadministrator im Dienste des Kaisertums. Nachdem Kurfürst Max Emanuel ins Exil gegangen war, wurde er zum kaiserlichen Administrator des Herzogtums Bayern ernannt und residierte in München.
Kornett Philipp von Menz
In Eggenfelden stationierter Offizier der Husaren. Als Kornett gehört er den rangjüngsten Offizieren der kaiserlichen Kavallerie an.
Georg Ignaz von Tattenbach
Kaiserlicher Festungskommandant von Braunau bis zur Eroberung durch die Aufständischen.
Johann Baptist de Wendt
Oberst der kaiserlichen Infanterie und Stadtkommandant von München.
Georg Friedrich von Kriechbaum
Kaiserlicher Offizier und Befehlshaber der österreichischen Truppen in der Sendlinger Mordweihnacht und der Bauernschlacht bei Aidenbach.
Wolf Heinrich von Gemmel
Als Hofkammerrat Angehöriger der bayerischen Landstände. Er erhielt im November 1705 von der Kaiserlichen Administration den Auftrag, auf die Freiheitskämpfer einzuwirken.
Alois Jehle
Kurbayerischer Hauptmann im Dienst der Aufständischen und später Kommandant von Braunau.
Johann Joseph Öttlinger
Pflegskommissär aus Starnberg, der die Aufständischen an die Kaiserliche Administration verriet, um selbst Straffreiheit zu erhalten.
Heinrich Huber
Handschuhmacher aus Burghausen, bei dem Plinganser in seiner Zeit als Schüler der Lateinschule zumindest vorübergehend gewohnt hatte. Der genaue Name ist nicht gesichert. Er spielt eine wesentliche Rolle bei der Eroberung Burghausens.
Freiin Charlotte von Weißentingk
Tochter des Barons von Weißentingk nahe Ingolstadt.
Hubertus von Plettenfeldt
Charlottes designierter Ehemann, den sie gegen ihren Willen heiraten sollte, um den Einfluss der Familie zu festigen.
Maximilian und Xaver Resch
Vater und Sohn, Bauern aus dem Umland von Aidenbach, deren Hof der Sage des »Resch im Dobl« nach eines der letzten Widerstandsnester in der Schlacht von Aidenbach darstellte. Ob die Personen tatsächlich existierten, ist fraglich. Dennoch steht die Sage für die lange Verteidigung einzelner Bauernhöfe. Das Denkmal »Reschendobl« in Egglham erinnert an die über 600 auf diesem Hügel bestatteten Bauern, die bei der Schlacht von Aidenbach 1706 ihr Leben ließen.
Tasso von Aurholz
Kommandant einer Grenadiereinheit des kurfürstlichen Heeres, das in Ingolstadt untergebracht war und vom Volk versorgt und beherbergt werden musste. Die Unterbringung war in der Realität nicht nur wegen der Verpflegung gefürchtet, sondern auch wegen der Gewalttaten der Soldaten, wofür die Figur dieses Kommandanten stellvertretend steht.
Augsburg. 7. Mai 1738.
Augsburg hatte sich von den Wehen des Krieges erholt. Durch Straßen und Gassen flanierten wohlhabende Bürger, die ihre Stellung nicht nur über die Kleidung zeigten. Stolz erhobenen Hauptes stellten sie ihre gesellschaftliche Position zur Schau. Sie passierten die Fassaden der Stadthäuser, die im Licht der Frühjahrssonne erstrahlten. In einem dieser Häuser wohnte der Kanzler des Reichsstiftes St. Ulrich und Afra, Georg Sebastian Plinganser.
»Georg?«
Charlotte stand in der Tür zum Arbeitszimmer ihres Mannes und hielt ein kleines silbernes Tablett in Händen, auf dem eine Tasse Tee stand. Ihr Ehemann saß in einem schweren Eichenstuhl an seinem Sekretär und schien gedankenverloren auf ein Blatt Papier zu starren. Die Frühlingssonne strahlte grell durch das Fenster, so dass sie nur die Umrisse ihres Gatten erkennen konnte. Doch sie sah, dass er in der rechten Hand seine Schreibfeder hielt.
»Georg, geht es dir gut?«
Er zeigte keine Regung. Ganz langsam glitt ihm der Federhalter aus der Hand, rollte vom Tisch und hinterließ einen kleinen Tuschefleck auf dem Teppich. Entsetzt ließ Charlotte das Porzellan fallen und hielt sich die Hände vor den Mund.
»Georg …«, hauchte sie.
*
Durch den Dreißigjährigen Krieg wurde in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ganz Europa in Hunger, Armut und Seuchen gestürzt. Zwei Drittel der Bevölkerung Süddeutschlands fiel dem »Weltenbrand« zum Opfer, der sich unter anderem an religiösen Fragen der großen Kirchen entzündete. Adel und Klerus genossen Pomp und Luxus auf Kosten der einfachen Menschen. Die Bevölkerung war sich dieses Umstands bewusst und verlieh ihrem Unmut immer öfter Ausdruck.In Bayern waren die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges noch jahrzehntelang zu spüren.
Ende des 17. Jahrhunderts machte sich, noch auf Seiten der Österreicher streitend, der bayerische Kurfürst Max Emanuel im Großen Türkenkrieg von 1683 bis 1699 einen Namen als genialer Feldherr. Diese Erfolge erreichte er jedoch nur unter erheblicher finanzieller und personeller Belastung seiner Untertanen. Und diese stammten vor allem aus der Landbevölkerung, der größten Bevölkerungsgruppe in Bayern, die jedoch kein politisches Mitspracherecht hatte. Die Menschen verloren ihr Leben in einem Kampf, zu dem sie von ihrem Regenten gezwungen wurden.
In diese Welt wurde dem Hofmarksrichter und späteren Wirt Hans Georg Plinganser ein Junge geboren, der seine Spuren in der Geschichte hinterlassen sollte.
Pfarrkirchen, Gasthaus Plinganser.Im Juni 1690.
»Weg da, ihr Bauerntölpel!«
Zwei Soldaten des Kurfürsten standen an einem Tisch im Schankraum des Gasthauses Plinganser. Ihre blauen Röcke und die roten Hosen unterschieden sich sehr von der braunen Kleidung der Landbevölkerung. Mit ihren Dreispitzen, den schweren Stiefeln, den weißen Perücken und vor allem ihren Säbeln wirkten sie imposant und einschüchternd auf die anderen Gäste. Einer von ihnen packte einen Bauern, der noch Sekunden davor auf einem Stuhl gesessen hatte, am Kragen, zog ihn hoch und stieß ihn beiseite.
»Wenn wir hier sitzen möchten, dann seht ihr zu, dass ihr Land gewinnt!«, schrie der zweite und zog dabei seinen Säbel.
Der Wirt Hans Georg Plinganser, selbst eine stattliche Person, hatte sich mit seinem zehnjährigen Sohn Georg Sebastian auf dem Schoß an einen Tisch gesetzt, um einen Krug Bier zu trinken, als er den sich anbahnenden Streit beobachtete. Er stellte den Buben auf die Beine und eilte zum Geschehen. Bevor er zu sprechen begann, nahm er seinen Schlapphut ab, hielt ihn sich vor die Brust und nahm eine leicht gebeugte Haltung ein.
»Setzt euch zu mir an den Tisch, damit die Herren Offiziere ihren Stammplatz haben können. Ich gebe euch ein Bier aus.«
Mürrisch halfen zwei der Angegriffenen ihrem am Boden liegenden Freund auf die Beine und folgten dem Wirt. Die Soldaten hingegen setzten sich demonstrativ an den Tisch und riefen: »Zwei Krüge Bier für die Obrigkeit!«
Hans Georg Plinganser bediente die beiden und sagte dann leise zu ihnen: »Ich bin Hofmarksrichter zu Postmünster und habe gute Kontakte. Lasst euch von meiner Schenke hier nicht täuschen.« Er hielt kurz inne, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Kommt nächstes Mal zu mir, dann mache ich euren Tisch frei.«
Die Offiziere nickten mürrisch und widmeten sich nun ihren Getränken. Hans kehrte zu seinem Sohn zurück, der auf seiner Unterlippe kauend dasaß.
»Vater, warum hast du zu den Soldaten gehalten? Die Bauern waren doch zuerst da«, fragte der Junge.
»Sich mit der Staatsmacht anzulegen, bekommt niemandem. Geh ihnen besser aus dem Weg, Bub. So einen Kampf verliert man immer.«
»Aber das ist doch nicht gerecht!«, echauffierte sich der Kleine und nestelte dabei an dem Verband am Unterarm herum, den er tags zuvor angelegt bekommen hatte. In seinem Elternhaus bestanden die Wände aus behauenem Holz, das eine raue Oberfläche aufwies. Im Spiel hatte er sich versehentlich einen großen Schiefer tief in die Haut getrieben. Noch immer nässte die Wunde.
Der Vater hatte seinen Bierkrug wieder zur Hand genommen und leerte ihn in einem Zug. Mit dem Hemdsärmel wischte er sich den Schaum von den Lippen, stellte das Gefäß zurück auf den Tisch und wandte sich nochmals seinem Sohn zu. »Nein, gerecht ist es wahrlich nicht. Aber wir können es nicht ändern.«
Mit diesen Worten ging er in die Küche, begleitet von einem Hustenanfall. Seit geraumer Zeit litt der Wirt und Hofmarksrichter unter schwindender Gesundheit.
Der kleine Georg Sebastian hingegen dachte kurz über das soeben Geschehene nach, rückte dann den Verband seiner Wunde am Arm zurecht und begab sich in den Garten zum Spielen. Auf seinem Weg durch die Küche stibitzte er sich eine Wurst und biss genüsslich hinein.
Im kleinen Garten hinter der Gastwirtschaft gab es kaum genug Platz für kindliche Abenteuer. Doch ein am Boden liegender Ast regte die Fantasie des Buben an. Er hob ihn auf, betrachtete ihn von allen Seiten und befand ihn für ideal, um als Spielzeug zu dienen. Kurzerhand riss er einige kleine Äste ab und hatte nun einen leicht gebogenen Stock vor sich. Ihn wie eine Muskete haltend rannte er damit zwischen den Büschen umher und zielte auf unsichtbare Gegner. Seine einfache Baumwollkleidung war verdreckt und zerschlissen, doch mit der »Muskete« in der Hand fühlte er sich kraftvoll.
»Nehmt das!«, rief er und tat so, als würde er seine Büchse nachladen.
»Spielst du Soldat?«, rief seine Mutter aus dem Küchenfenster. Sie hatte ihn unbemerkt bei seinem Spiel beobachtet.
»Nein, Bauer.«
»Bist also auf der Jagd«, schmunzelte sie.
»Ja. Ich jage Soldaten.«
Seine Mutter runzelte die Stirn. Aus dem Hintergrund rief der Vater nach ihr. Sie warf ihrem Buben einen liebevollen und doch besorgten Blick zu, überlegte einen Moment, als wollte sie noch etwas sagen, wandte sich dann aber um und ging zurück an die Arbeit.
Burghausen, Jesuitengymnasium und Lateinschule.Wenige Jahre später.
»Schorsch, hast du dich schon auf Latein und Geschichte vorbereitet?«
»Brauche ich nicht.« Georg Sebastian Plinganser war ein Halbwüchsiger mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein. »Ciceros Schriften habe ich schon längst gelesen. Und nicht nur ein Mal.«
Johann Georg Meindl teilte sich das Zimmer mit ihm und nahm Plingansers Hilfe in der Grammatik oft und gern in Anspruch. Beide standen sie an der Schwelle zum Mannsein, jedoch konnte man Georg das Jahr ansehen, das er älter war als sein Freund. Groß und breitschultrig hatte er bereits einen deutlich sichtbaren Bartwuchs.
Dunkle Holzvertäfelung sorgte in dem Zimmer selbst bei Tageslicht für eine düstere Atmosphäre, bei der man nur unter Zuhilfenahme einer Kerze zu lesen vermochte. Als ob eben jene Düsterkeit von Johann Besitz ergriffen hätte, sackte er in seinem Stuhl sitzend zusammen. Kleinlaut gab er zu: »Ja, aber ich habe Cicero noch nicht gelesen.« Hoffnungsvoll sah er zu seinem Weggefährten hinüber, der auf seinem Bett lag und die Holzdecke ihres Zimmers in der Lateinschule Burghausen betrachtete. »Der alte Gössler hat gesagt, er werde darüber hinaus sogar Ciceros Werdegang prüfen. Und ich verstehe seine Schriften noch nicht einmal richtig.«
Georg setzte sich mit einem lauten Seufzer auf und fing an, Johann von Ciceros Herkunft aus noblem Hause zu erzählen. Auch Ciceros Verhältnis zu Cäsar ließ er nicht aus, wie dieser den Herrscher anfänglich unterstützte, ihn später jedoch verachtete und zu seinem Gegner wurde.
»Er war ein toller Redner, versuchte immer wieder, im Senat Einfluss zu nehmen und die Gegebenheiten zu verbessern. Die griechische Philosophie hatte es ihm angetan, weshalb es ihm ein Anliegen war, althergebrachte Herrschaftsmodelle im römischen Staat zu etablieren. Unterm Strich wurde er irgendwann für vogelfrei erklärt. ›Proscriptio‹ hieß das damals. Dann wurde er auf der Flucht umgebracht.«
Johann hing geradezu an den Lippen seines Freundes, als dieser ihm die Geschehnisse um die Person Ciceros näherbrachte. »Mensch, Schorsch, warum kann der alte Gössler das nicht so erzählen?«, fragte er.
Georg antwortete nicht. Er stierte auf den Dielenboden zu seinen Füßen und schüttelte langsam den Kopf. »Weißt du, was mir wirklich übel aufstößt? Cicero war kein Hanswurst. Und er hatte Prinzipien. Aber als er versuchte, das System von innen zu verändern, hat er sich zu töricht angestellt. Und das kostete ihn das Leben.«
Johann verstand nicht so recht, was ihm sein Freund sagen wollte. »Das kann uns doch völlig egal sein.«
Nun erhob sich Georg, ging direkt auf den Freund zu und packte ihn bei den Schultern. »Denk nach, Hans! Denk nach. Willst du ewig so weiterleben? Deine Eltern haben doch auch ein Wirtshaus, genau wie meine.«
Johann nickte. »Ja, aber was hat das …«
Georg unterbrach ihn: »Und unsere Eltern können davon gut leben, oder?«
Johann nickte erneut.
»Und trotzdem müssen sie vor der Obrigkeit kriechen. Der Kurfürst macht sich lieb Kind bei den Kaiserlichen, indem er die Türken zerlegt. Erst haut er Wien raus, dann kämpft er ganz Ungarn frei. Und auf wessen Schultern?«
Nun verstand Johann, worauf Georg hinauswollte. »Auf unseren!«, antwortete er mit einem bitteren Unterton.
»Auf unseren!«, wiederholte Georg. »Junge Männer werden zwangsrekrutiert. Nachts aus ihren Betten gezerrt und in ein völlig fremdes Land geschickt, um für einen fremden Kaiser zu kämpfen. Die Steuern drücken unseren Eltern und Verwandten das Genick ab.«
Nun brach es auch aus Johann heraus: »Letzten Monat hat der Kurfürst zehn Soldaten bei uns einquartiert. Dieser elende Beutelschneider. Zehn! Die meine Eltern zu versorgen haben. Und jetzt wissen sie nicht, wie sie mein Schulgeld zahlen sollen. Die einzige Kuh, die wir noch hatten, haben die Soldaten geschlachtet. Mit dem Bajonett. Dreckskerle!«
In seinen Augen bildeten sich Tränen.
»Ich war dabei, als die Kuh zur Welt kam. Mit diesen Händen habe ich sie trocken gerieben und warmgehalten. Und die Schweine schlachten sie im Vollrausch für einen vollen Magen.«
Er nahm ein Taschentuch aus seiner Hosentasche, schnäuzte sich und fuhr dann fort: »Nicht ein bayerischer Magen wurde mit meiner Kuh gefüllt. Reichssoldaten sind es gewesen. Sachsen. Sachsen haben meine Kuh gefressen. Damit dieses Raubgesindel dann nach Ungarn ziehen und für den Herren Adeligen Türken umbringen kann. Und dann wahrscheinlich ungarischen Bauern wieder die Kühe wegfressen!«
Nun hatte er sich richtig in Rage geredet.
»Wer weiß, wann wir rekrutiert werden. Aber ich gehe nicht in ein fremdes Land. Ich kämpfe nicht für Kurfürst oder Kaiser. Wenn ich kämpfe, dann für eigen Haus und Hof. Lieber sterbe ich bayerisch, als für das Adelspack mein Leben zu geben.«
Die beiden saßen eine Viertelstunde schweigend da und hingen ihren Gedanken nach. Es war nicht das erste Gespräch dieser Art und würde wohl auch nicht das letzte sein. Doch bemerkten sie beide, dass sie immer emotionaler mit diesem Thema umgingen. Auch die anderen Schüler äußerten manchmal solche Gedanken. Die Unterdrückung durch die Obrigkeit ging an niemandem spurlos vorüber.
Georg fand als Erster die Sprache wieder. »Und deshalb ist unsere Lektüre des Cicero wichtig. Nächstes Jahr gedenke ich in Ingolstadt Jura zu studieren. Ich will danach versuchen, den Staat von innen zu ändern. Nur soll es mir besser gelingen als Cicero, der hinterher umgebracht wurde. Ich werde das System ändern, ohne in Gefahr zu geraten.«
Wortlos drehte sich Johann um und kramte ein Geschichtsbuch unter seinem Sekretär hervor. Er schlug es auf und las ein paar Worte aus der Einführung des Kapitels über Cicero vor, in der aus der Bibel zitiert wurde:
»›Mein Sohn, fürchte Jehova und den König; mit Aufrührern lass dich nicht ein. Denn plötzlich erhebt sich ihr Verderben; und ihrer beider Untergang, wer weiß ihn?‹«
Er blickte von seinem Buch auf und sah seinem Freund in die Augen.
»Ist das möglich? Die Verhältnisse zu ändern, ohne dabei in Gefahr zu geraten?«
Georg nickte mit geschlossenen Augen. »Wirst schon sehen. Und zwar bald!«
*
Im Jahr 1700 starb der kinderlose Habsburger Karl II., König von Spanien, woraufhin der Spanische Erbfolgekrieg entbrannte. Eigentlich sollte der Sohn des bayerischen Kurfürsten Max Emanuel das Erbe Karls II. antreten, allerdings verstarb dieser 1699. Karl II. bestimmte noch vor seinem Tod den Enkel des französischen Königs Ludwig XIV. als seinen Erben, was Max Emanuel nach Karls Tod nicht hinnehmen wollte. Doch nicht nur er, auch Habsburg und England meldeten Ansprüche an. Sie fürchteten die militärische Machtfülle, die durch diese Thronfolge für Frankreich und Spanien entstünde. Aus dem Machtstreben und Ringen um die spanische Krone erwuchs ein grausamer Krieg. Neben den Franzosen trat nun auch Bayern in diesen Streit um die Erbfolge ein. Max Emanuel ließ sich von Frankreich kaufen – ihm wurde eine Statthalterschaft in den Niederlanden sowie eine Menge Gold versprochen – und kämpfte fortan auf dessen Seite. Auf der Gegenseite standen die mächtigen Nationen England und Österreich. Beide Seiten errangen Siege, nur um dann auch wieder Niederlagen beigebracht zu bekommen. Viele der Kämpfe fanden auf bayerischem Boden statt.
Eine Konstante zeigte sich jedoch während der Kriegsjahre: Allerorts war es die einfache Landbevölkerung, die im Spiel der Mächtigen den Blutzoll zu entrichten hatte. Stück für Stück verarmte, verhungerte, ja, verzweifelte das Volk an der Unterdrückung durch seine Herrscher. Nachts wurden junge Männer aus ihren Häusern, aus ihren Betten geholt und gefesselt der Armee übergeben, um für den Kurfürsten in den Krieg zu ziehen. Zurück blieben Frauen, Kinder und alte Männer, die sich nun um die Ernährung der Familie zu kümmern hatten.
Schloss Weißentingk, nahe Ingolstadt.März 1704.
»Keine Widerrede, du wirst dich fügen!«
Baron Adalbert von Weißentingk war über die Widerspenstigkeit seiner Tochter Charlotte zutiefst erzürnt. Sie hatte sich an die Absprachen und Vereinbarungen der Familie zu halten. Wenngleich er nur ein einfaches Hausgewand trug, wirkte er doch einschüchternd, groß und voluminös wie er war.
»Mutter!«, flehte das Mädchen.
Die Baronin legte ihren Arm um die verzweifelte Achtzehnjährige und strich ihr über die Haare. Trotz des Feuers im Kamin war es in dem prunkvoll eingerichteten Salon des Schlosses kühl. Die mangelnde Wärme schien eher zwischenmenschlicher als räumlicher Natur zu sein. Charlotte jedenfalls fröstelte es.
»Du wirst ihn bestimmt lieben lernen. Sobald du ihn besser kennenlernst«, versuchte ihre Mutter Trost zu spenden.
Der Vater verließ energischen Schrittes den Raum.
»Weißt du, Kind, gewinnt der Kurfürst erst den Krieg, dann ist eine adelige Heirat wichtig für den Fortbestand unserer Familie. Zudem hat dein Bräutigam Anspruch auf die Krone, wenngleich in untergeordnetem Rang. In jedem Fall würde es unseren Stand verbessern.«
Wie sehr Charlotte den Standesdünkel der Adeligen verabscheute! Gerade der niedere Adel war stets bestrebt, durch Heirat sein Ansehen sowie seinen Einfluss auszudehnen. Der hohe Adel hingegen konnte nicht riskieren, unter dem eigenen Niveau zu ehelichen. Das Ergebnis war, dass kaum jemand mehr aus Liebe den ewigen Bund der Treue eingehen konnte. Wie sehr sie doch die vornehme Geburt verabscheute.
Manchmal hatte sie ihren Reitlehrer heimlich begleiten dürfen, wenn er abendliche Feierlichkeiten der Dienstboten und des einfachen Personals besuchte. Der Gesang, die Freundschaften und die ungezwungene Lebensart hatten es ihr angetan. Dennoch hatte sie sich dort immer wie ein Fremdkörper gefühlt, ein Zustand, den sie in der Gegenwart Adeliger ebenso spürte. Und nun sollte sie den Schlimmsten von allen heiraten, Hubertus von Plettenfeldt, einen Mann von gedrungener Statur und Einfältigkeit in Person? Nein, das konnte und würde sie niemals akzeptieren.
Schluchzend vergrub sie ihr Gesicht in den Armen ihrer Mutter, einer wunderschönen Frau, die über die Jahre an Stattlichkeit noch gewonnen hatte.
»Meine Ehe mit deinem Vater wurde auch arrangiert. Und sieh, welch schöne Frucht sie trug. Dich.«
Keine noch so aufmunternden Worte konnten Charlotte eine Hochzeit mit einem unsympathischen Scheusal schmackhaft machen. Auch wenn sie keine andere Wahl hatte.
»Aber wo bleibt denn da die Liebe?«, wimmerte sie.
»Die kommt später. Manchmal.«
Ingolstadt.Juli 1704.
Die Armut des einfachen Volkes widerte Adalbert von Weißentingk an. Erhobenen Hauptes saß er mit seiner Gattin und Charlotte in seinem Landauer, seiner neuen, vollgefederten Kutsche mit herunterklappbarem Verdeck. Sie war sein ganzer Stolz – galt sie doch als Statussymbol der Reichen und Mächtigen. Er ließ sich bei geöffnetem Dach bestaunen, würdigte selbst die Umgebung jedoch mit keinem Blick. Die Sonne entfaltete eine angenehme Wärme auf der Haut, jedoch schien sich nur Charlotte daran zu erfreuen. In ihrer feudalen Kleidung in hell leuchtenden Farben passten weder Vater noch Tochter in das Bild der Armut, Verwahrlosung und des Schmutzes der Straßen, durch die sie fuhren. Schon als Kind hatte Charlotte bemerkt, wie ausgemergelt und geschunden das einfache Volk wirkte. Verdreckte Kleidung, ungewaschene Gesichter. Und doch hatten sie oft eine Leichtigkeit in ihrem Verhalten an den Tag gelegt, das sie beneidete. Sie schienen ein viel freieres Leben zu führen, als sie es sich je zu wünschen gewagt hatte. In den letzten Jahren war diese Leichtigkeit jedoch verschwunden. Immer öfter hatte Charlotte das Gefühl, die Bauern und Bürger, auf die sie während ihrer Einkäufe traf, würden sie mit Hass und Neid betrachten. Sie meinte eine Feindseligkeit zu spüren, die insbesondere in den letzten Monaten bedrohlich wirkte. Dabei wäre sie selbst am liebsten ein ganz einfaches Mädchen aus normalem Hause gewesen. Und keine von Weißentingk.
Die Kutsche hielt vor dem »Gasthaus zu den drei Eichen«. Der Baron atmete tief durch und sprang mit einem eleganten Satz aus dem Gefährt. Mitten in eine matschige Pfütze. Mit Verlassen des Ingolstädter Zentrums hatten sie den befestigten Bereich der Straßen gegen vom Regen durchnässte Wege der Randbezirke getauscht.
Langsam senkte er den Blick zu seinen Schuhen hinab, verzog das Gesicht und gab dann seinem Unwillen Ausdruck: »Warum essen wir nicht zu Hause? Wozu weiter in diesen unsäglichen Vierteln des einfachen Pöbels umherirren?«
Er schien bereits vor Betreten der Schenke wütend zu sein. Daher verzichteten Frau und Tochter darauf, etwas zu erwidern. Missmutig ging er voraus und öffnete die Tür zum Gastraum.
Nachdem sie an einem Tisch Platz genommen und je eine Portion vom edelsten Gericht des Tages erhalten hatten, machten sie sich daran, dieses zu kosten.
