Der Sommerhimmel über Irland - Heather Barbieri - E-Book

Der Sommerhimmel über Irland E-Book

Heather Barbieri

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Beschreibung

Komm mit an den Ort, wo Träume geboren werden: Der warmherzige Wohlfühlroman »Der Sommerhimmel über Irland« von Heather Barbieri als eBook bei dotbooks. Ist in diesem beschaulichen Küstenort das Glück zu Hause? Als Kate nicht nur ihre Mutter verliert, sondern auch vor den Scherben ihrer Beziehung steht, sehnt sich nach nichts mehr als einem Neuanfang. Also folgt sie der Stimme ihres Herzens – und reist nach Irland, ins Land ihrer Vorfahren. In dem kleinen Küstendorf Glenmara kann sie endlich wieder frei atmen … nicht zuletzt dank der hiesigen Handarbeitsgruppe, die sie sogleich in ihre Mitte nimmt. Und dann ist da noch der sensible Künstler Sullivan, der selbst eine schmerzhafte Vergangenheit zu verarbeiten scheint. Kate fühlt sich sofort auf magische Weise zu ihm hingezogen – aber kann ihr Herz in Glenmara wirklich eine neue Heimat finden? Heather Barbieri erzählt eine bezaubernde Geschichte voller Wärme und Romantik: »Ein charmanter und berührender Roman«, urteilt Bestseller-Autorin Joanne Harris. Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der berührende Irland-Roman »Der Sommerhimmel über Irland« von Heather Barbieri ist der ideale Schmökerstoff für die Leserinnen von Maeve Binchy und Debbie Macomber. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über dieses Buch:

Ist in diesem beschaulichen Küstenort das Glück zu Hause? Als Kate nicht nur ihre Mutter verliert, sondern auch vor den Scherben ihrer Beziehung steht, sehnt sich nach nichts mehr als einem Neuanfang. Also folgt sie der Stimme ihres Herzens – und reist nach Irland, ins Land ihrer Vorfahren. In dem kleinen Küstendorf Glenmara kann sie endlich wieder frei atmen … nicht zuletzt dank der hiesigen Handarbeitsgruppe, die sie sogleich in ihre Mitte nimmt. Und dann ist da noch der sensible Künstler Sullivan, der selbst eine schmerzhafte Vergangenheit zu verarbeiten scheint. Kate fühlt sich sofort auf magische Weise zu ihm hingezogen – aber kann ihr Herz in Glenmara wirklich eine neue Heimat finden?

Heather Barbieri erzählt eine bezaubernde Geschichte voller Wärme und Romantik: »Ein charmanter und berührender Roman«, urteilt Bestseller-Autorin Joanne Harris.

Über die Autorin:

Heather Barbieri wurde als Tochter irischer Einwanderer in den USA geboren und arbeitete als Zeitschriftenredakteurin, Journalistin und Filmkritikerin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihre Kurzgeschichten sind preisgekrönt; ihre gefühlvollen Romane eroberten die Herzen zahlreicher Leserinnen und Leser. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann und drei Kindern in Seattle, Washington.

Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihren gefühlvollen Roman »Das Inselcottage am Meer«.

Die Website der Autorin: www.heatherbarbieri.com

Die Autorin bei Facebook: www.facebook.com/barbieriauthor

Die Autorin auf Instagram: www.instagram.com/heatherbarbieri/

***

eBook-Neuausgabe September 2023

Die amerikanische  Originalausgabe erschien erstmals 2009 unter dem Originaltitel »The Lacemakers of Glenmara« bei HarperCollins, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 2009 unter dem Titel »Rückkehr nach Glenmara« bei Goldmann

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2009 by Heather Barbieri

Published by Arrangement with Heather Barbieri

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2009 by Page & Turner/Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2023 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Patryk Kosminder, Kwiatek7, Kolpakova Svetlana, Elenamiv, damienjkennedyphotography, Dawid K Photography

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (fb)

ISBN 978-3-98690-813-3

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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blog.dotbooks.de/

Heather Barbieri

Der Sommerhimmel über Irland

Roman

Aus dem Amerikanischen von Sonja Hauser

dotbooks.

FÜR MEINE FAMILIE

Das Leben ist ein Faden, der nie zerreißt und niemals verloren geht.Jacques Roumain

PROLOG

Nähkurs

Was Sie brauchen:

eine Nähmaschine, ja, die von der Mutter, die himmelblaue Singer, deren Summen wie ein Wiegenlied aus der Kindheit klingt, Sie selbst in einem Korb darunter, von dem aus Sie die Hände nach den bunten Fäden ausstrecken.

Einfälle und Hilfsmittel, zum Beispiel:

Klammern, eine Zickzackschere sowie eine spitze, sieben bis fünfzehn Zentimeter lange Schere zum Kantenglätten und Stoffschneiden;

Seidenpapier und Kleenex;

Schneiderkreide und Rollschneider für Punkte, Striche, Bogen, Konturen und Markierungen dessen, was war, und dessen, was sein wird;

allerlei Nadeln zum Feststecken und Verzieren;

Nadelkissen, apfelförmig, damit die Nadeln nicht verloren gehen;

der goldene Fingerhut der Mutter, den man am Zeigefinger trägt, um sich nicht zu stechen, oder an einer Kette um den Hals, damit man ihn nicht verlegt;

Maßband zur Bestimmung von Form und Größe, Metern und Zentimetern;

unterschiedliche Fadensorten;

Stoff aus Musterbüchern und von Ballen – Wolle, Seide, Leinen, Tüll – für die nächsten Arbeiten.

Das Muster?

Stammt es aus der Schublade eines Stoffladens – McCall’s, Butterick, Simplicity –, Namen aus der Kindheit, die Bogen in einem Umschlag, das Ergebnis vorherbestimmt? Oder lassen Sie sich von der Phantasie leiten? Versuchen Sie, die losen Fäden aufzugreifen, die Löcher zu stopfen, etwas Neues zu schaffen? So dass jeder Schritt, jedes Bild, sich nach und nach enthüllt?

Sie zögern, denken an Fehler der Vergangenheit, als Sie die Einzelteile vor Zorn durchs Zimmer schleuderten, weil nichts passte, wie es sollte, und Sie weinten wegen eines unförmigen Kragens oder Ärmels, der in Ihrem Schoß lag wie ein verletztes Kind.

Trotzdem werden Sie die Zähne zusammenbeißen und den Faden aufnehmen. Haben Sie keine Angst. Sie finden schon einen Weg.

Dies ist eine Möglichkeit zu beginnen.

BILD EINS

Dieser irische Regen

Kate war seit Stunden auf der Straße unterwegs, nur begleitet vom Regen. Dieser irische Regen gab immer wieder neue Kunststücke zum Besten, wehte von der Seite her, prasselte auf sie nieder, tropfte seufzend von den Blättern oder landete als Hagel auf Kapuze und Schultern und schmolz. Sie gab sich Mühe, ihm keine Beachtung zu schenken, weil sie solche Streiche kannte. Schließlich kam sie aus Seattle, der Stadt ihrer Geburt, ihres bisherigen Lebens und ihres gebrochenen Herzens. Sie hatte Seattle kurz nach der Trennung an einem Tag wie diesem, fast genau einen Monat zuvor, verlassen und wusste nicht, ob sie jemals zurückkehren würde. Doch der Regen oder sein Cousin folgte ihr, mit den Erinnerungen, die sie aus Amerika vertrieben hatten.

Auf den ersten Blick sah die Geschichte wie so viele Geschichten sehr einfach aus. Sie gewöhnte sich an, sie ganz trocken wie eine amüsante Anekdote zu erzählen, und zwar so oft, dass das Timing am Ende perfekt war. Drei Minuten. Länger dauerte es nicht, um das Ende einer fünfjährigen Beziehung zu sezieren.

Die Story lasse sich auf ein paar Sätze reduzieren, sagte sie: Ethan betrog sie mit einem Model, einer jungen Frau mit schwarzen Haaren, heller Haut, aquamarinfarbenen Augen und beträchtlichem Treuhandvermögen. Mit einer Frau, der Prinzen und Fürsten den Hof gemacht hätten, wäre sie in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort geboren worden. Mit einer Frau, so schmal und kantig wie eine Gottesanbeterin, die Kates Entwürfe bei ihrer missglückten Modenschau trug und behauptete, ihre Freundin zu sein.

Das Model sprach fünf Sprachen, war eine ausgezeichnete Fechterin und begnadete Geigerin. Kate besaß keine solchen beeindruckenden Fähigkeiten. Sie konnte genug Französisch, um Essen zu bestellen oder den Weg zur Toilette oder zum Bahnhof zu erfragen, solange ihr Gegenüber keinen zu starken Akzent hatte. Den Kilometer lief sie in fünf Minuten. Sie hielt sich für hübsch, nicht für schön, und für eher klein. Beim Kartenspiel war ihr, anders als bei Glücksspielen, das Schicksal normalerweise gewogen. Sie liebte Filme von Fellini und Popcorn und Schokoladenkuchen – und Ethan, trotz allem, was passiert war.

Sie schaffte es nicht, nicht mehr an ihn zu denken, und malte sich weit überzeugendere Argumente aus, als sie sie in der Wirklichkeit hinbekommen hätte. Die Realität sah folgendermaßen aus: leere Zimmer, allein kochen und essen, weniger Wäsche und eine sauberere Wohnung. (Ethan war ein Sammler und Jäger – von Rechts wegen hätte er ein Warnschild tragen müssen.) Die Realität bedeutete, allein aufzuwachen. Was sie letztlich gar nicht so sehr störte, weil sein Fremdgehen sie wütend machte. Trotzdem lief sie nach wie vor Gefahr, ihm zu verzeihen, wie schon so viele Male zuvor.

Nein, nie mehr, hatte sie beschlossen. Sie würde diesen Aufenthalt genießen und ihre Sorgen auf Distanz halten. Die Straße bot ihr nur zwei Möglichkeiten, vorwärts oder zurück, ohne Gabelungen oder Kreuzungen oder Umwege durch die weiten Felder voller Fingerhut; sie wurde gesäumt von moosbewachsenen Steinmauern und führte vorbei an verfallenen Farmhäusern mit halb eingestürzten Dächern und blinden Fenstern. Kate war seit fast einem Monat zu Fuß und per Anhalter unterwegs im westlichen Teil des Landes, wo Spuren der Zivilisation nur selten bis gar nicht auftauchten. Das gefiel ihr. Dublin, die großartige, starke Stadt, hatte sie innerhalb von vier Tagen kennengelernt: Trinity College, Book of Kells, die Straßen im Georgian Style, die Puppen und Mumien mit zerlumpter Kleidung, Zahnstummeln und Glasaugen in den Vitrinen der Museen, die Junkies, die ihr den Rucksack stahlen (sie war dem Dieb nachgelaufen und hatte ihn sich wiedergeholt), die Sozialwohnungen und den Smog. Alles hatte zwei Seiten – wenn nicht mehr.

Sie war mit Bussen in den sagenumwobenen Westen gefahren – Busse, die sie nicht so weit brachten, wie sie sollten, die sie den Anschluss verpassen ließen oder ganz den Geist aufgaben. Es hieß, dass Ersatzfahrzeuge in einer Stunde eintreffen würden, dann in zwei oder drei, Behauptungen, die irgendwann klangen wie Märchen. Am Ende hatte sie das Warten satt, marschierte zu Fuß weiter und landete schließlich hier, wo Erschöpfung und Regen alles surreal machten.

Jeder ihrer Schritte hinterließ eine Spur, manchmal sichtbar, manchmal nicht, eine Spur, die sagte: Ich war hier, es gibt mich. War dies nicht einer der Gründe, warum Menschen weggingen? Um zu vergessen und sich neu zu erfinden?

Zu Hause galt sie als eher ruhiger Mensch, trat hinter den geselligen Leuten in ihrem Leben – Ethan, Ella, sogar ihrer Mutter – zurück und gab sich mit der Rolle der stillen Begleiterin zufrieden, gut für eine gelegentliche kluge oder geistreiche Bemerkung.

Hier war sie auf sich allein gestellt. Ein merkwürdiges Gefühl, ja, doch ein Teil von ihr wollte etwas Neues, ein neuer Mensch werden.

Die Luft roch nach feuchtem Gras, Gülle und Torffeuern, obwohl Kate, abgesehen von Kühen und Schafen, keinerlei Lebewesen in der Nähe entdecken konnte. Und das waren nicht die weißen, sauberen, wuscheligen Schafe aus ihren Träumen, sondern Tiere mit schmutzig gelblicher, verfilzter Wolle. Mäh, sagte das Schaf, Mäh antwortete Kate und hätte fast zu weinen angefangen, weil Ethan, immer zum Albern aufgelegt, so etwas getan hätte. Mäh?, als hätten die Tiere die Mutter verloren, so wie Kate im vergangenen Februar.

Nicht weinen, ermahnte sie sich und lächelte trotz allem. So schwierig war das gar nicht. Man kann sich für das Glück entscheiden.

Normalerweise machte ihr der Regen nichts aus, aber das hier war zu viel. Ich hätte mir eine trockenere Gegend, zum Beispiel Spanien, aussuchen sollen, dachte sie. Doch Spanien wurde in diesem Jahr heimgesucht von Feuerquallen, Stromausfällen und Wühlmäusen, die die Ernte auffraßen – das hatte sie in der Zeitung gelesen.

Sollte das Wetter nicht besser sein, so kurz vor dem ersten Mai? Sie suchte Zuflucht unter einem rosa blühenden, stark duftenden Rhododendronbusch, um an einem Müsliriegel zu knabbern. Er schmeckte wie Sägemehl, vielleicht weil sie keinen Hunger hatte – den hatte sie nie am Anfang oder Ende einer Liebesgeschichte, am allerwenigsten nach dieser, die eigentlich ewig hätte dauern sollen. Alle waren so sicher gewesen, dass sie und Ethan heiraten würden, dass sie den Brautstrauß bei der Hochzeit im mittelalterlichen Stil fangen würde, der sie im März beiwohnten (die Brautleute liebten nicht nur einander, sondern auch die Gesellschaft für kreativen Anachronismus). Dort hatte er sie, wenn schon nicht direkt am Altar, so doch nur unweit davon entfernt, stehen lassen, neben der schmelzenden Eisskulptur eines Ritters in glänzender Rüstung, eine Pfütze um die Füße, das Schwert kaum mehr als ein Zahnstocher.

»Ich kriege keine Luft«, hatte Ethan nach der Trauung gesagt. Das turmbewehrte Gebäude in Seattles Denny-Regrade-Viertel war für die Feier in ein Schloss verwandelt und mit Gobelins, Standarten und Wappen geschmückt und das bewaldete Anwesen in eine Miniaturversion von Sherwood Forest verwandelt worden. – Eine beeindruckende Szenerie, besonders nach mehreren Krügen Ale.

»Ich verstehe, was du meinst«, flüsterte Kate mit gekünstelt englischem Akzent zurück. »Mein Hüfthalter bringt mich noch um – aber dir steht die Strumpfhose ausnehmend gut.« Vom Festsaal wehte der Geruch von Braten und Gemüse herüber. Sie fragte sich, wie es ihr gelungen war, in diesem Aufzug einen Bissen hinunterzubringen, und sehnte sich nach bequemerer Kleidung, doch die Feier stand nach dem Wunsch der Braut unter einem Motto. Kate fand das abwechselnd amüsant und lächerlich.

»Nein.« Ethan wich ihrem Blick aus. »Ich meine, ich halte das nicht mehr aus.«

»Was?« Sie lächelte weiter, weil sie sich den Abend nicht verderben lassen wollte. »Natürlich können wir gehen, aber Sean ist sicher enttäuscht, wenn du das Ritterturnier verpasst.« Das Gleiche galt für sie selbst, weil sie hoffte, anschließend tanzen zu können. Die Eltern der Braut hatten Dudelsackpfeifer engagiert, die bereits fröhlich vor sich hin spielten. Ein Narr, der mit klingelnder Kappe Purzelbäume den breiten Flur entlang schlug, verfehlte nur knapp eine Ming-Vase von unschätzbarem Wert. Feuerschlucker führten ihre Kunst auf dem Balkon vor. Ob sie sich dabei manchmal die Zunge verbrannten?, fragte sich Kate.

»Nein, ich meine die Sache mit uns.« Er wartete, bis die Worte bei ihr ankamen. »Es ist vorbei. Tut mir leid.« Dann entfernte er sich wankend, was die anderen Gäste sicher dem Alkohol zuschrieben. Bevor er den Ausgang erreichte, klopfte ihm ein Mann auf die Schulter, und wenig später prostete Ethan bereits wieder lachend anderen zu. Er war nicht nur ziemlich robust, sondern wusste auch, dass Kate ihm nicht folgen würde, um ihm eine Szene zu machen.

Sie sah ihn mit offenem Mund an, nicht unähnlich dem gebratenen Schwein im Mittelpunkt des Fests, allerdings ohne Apfel. Hatte das Treuegelübde der Brautleute Ethan aus der Fassung gebracht? Das konnte sie verstehen. Sie würde ihn nicht drängen und sich, wie immer fest mit einer späteren Versöhnung rechnend, von Ella nach Hause bringen lassen.

Sie täuschte sich. Noch am selben Abend zog er zu einem Freund mit der Begründung, er brauche Zeit und Raum zum Nachdenken. Die meisten seiner Habseligkeiten ließ er bei ihr. Wenn sie anrief, war er nie da. Nach einer Weile begann sie daran zu zweifeln, dass er bei dem Freund wohnte. Doch wo sonst sollte er sein? Sie wartete zwei Wochen, bis der Freund endlich Mitleid mit ihr hatte und ihr erzählte, dass Ethan seit Monaten mit dem Model zusammen sei und sich bald verloben wolle. Nicht Ethan und Kate würden also ihre Träume in Manhattan verwirklichen (er in der Finanz-, sie in der Modewelt), sondern Ethan und das Model. Kate blieb ohne Freund und mit nur wenigen Interessenten für ihre erste Modelinie zurück. Ihr Konzept funktioniere einfach nicht, erklärte ihr Agent Jules; sie solle etwas »für ein exklusiveres Marktsegment« probieren. Die einzigen Abnehmer waren zwei kleine örtliche Boutiquen; das Geld, das sie verdiente, deckte kaum ihre Ausgaben, was bedeutete, dass sie im Second-Hand-Laden ihrer besten Freundin Ella Änderungsarbeiten annehmen musste. Doch sie hatte es satt, Säume auszulassen, Knöpfe anzunähen und Knopflöcher zu verstärken, was ihre Kunden mit ein wenig Geduld selbst geschafft hätten. Kates Fingerspitzen waren wund von der Arbeit; sie hatte Näherinnenhände wie ihre Mutter.

Ich muss hier weg, teilte sie Ella mit. Nicht von dem Laden, sondern von der Stadt, dem Bundesstaat, dem Land. Nach Irland, in die grüne Heimat ihrer Vorfahren, das Land der Regenbogen, der Magie, der Kobolde und märchenhaften Goldtöpfe.

Kate und ihre Mutter hatten gemeinsam fahren wollen, doch dann war ihre Mutter an Krebs gestorben und hatte ihr ein kleines Erbe hinterlassen, damit Kate allein reisen könne. Daraufhin hatten Kate und Ethan einen Europatrip mit Abstecher nach Irland ins Auge gefasst, den Kate letztlich als Flitterwochen verstand, Ethan jedoch offenbar nicht.

Und nun war sie hier, auf der anderen Seite der Welt, und wanderte diese Straße voller Schlaglöcher entlang, die weiß Gott wohin führte. Dabei versuchte sie zu vergessen, wie Ethans Haare ihm morgens nach dem Aufstehen vom Kopf abstanden, wie er Kaffee kochte und den Toast verkokelte und aus wie vielen Farben seine Augen bestanden – Grün und Gold und Braun und Blau. Solche Augen hatte sie noch nie gesehen. Ihnen war sie sieben Jahre zuvor im College-Literaturkurs verfallen, wo er ihr eine Frage über Thomas Hardy stellte. War das ein schlechtes Omen gewesen? Sie hatte eine ganze Weile gewartet, bis er sich endlich für sie entschied, an dem Abend, an dem sie zu viel tranken, miteinander ins Bett fielen und unzertrennlich wurden.

Nächstes Mal würde sie besser aufpassen und sich nur noch auf einen Mann einlassen, der sich nüchtern in sie verliebte. Auf einen Mann mit soliden, zuverlässigen Augen, die sich mit einer Farbe begnügten, zum Beispiel Braun. Vorausgesetzt, sie hatte jemals wieder genug Selbstvertrauen, es mit jemandem zu versuchen.

Plötzlich Gebimmel auf dieser irischen Straße. War sie tot, erfroren? Waren das die Glocken der himmlischen Heerscharen oder von Feen? Oder die des Narren von der Hochzeit, der sich über sie lustig machen wollte? Oder von einem Mörder, der sie mit einer rasselnden Kette im Straßengraben umbringen würde, was Ethan, wenn er irgendwann davon erführe, um sie trauern ließe?

Nein, sie war nicht berühmt genug für das Interesse der Medien. Sie wäre lediglich eine Fußnote bei den Nachrufen des Seattle-Post-Intelligencer wert: Aufstrebende örtliche Modeschöpferin stirbt auf einsamer irischer Landstraße. Kate verbarg sich hinter den Büschen.

Pferdeschnauben, Hufgeklapper. Dann tauchte ein bunt bemaltes Fuhrwerk auf, eine Art Planwagen in leuchtenden Rot-, Gelb- und Grüntönen. Ein stämmiger Mann hielt die Zügel des dicksten Gauls in den Händen, der ihr je zu Gesicht gekommen war. Der Mann und sein Wagen sahen aus, als wären sie einem Märchen oder dem Yellow Submarine der Beatles entsprungen.

Sie starrten einander mit großen Augen durch die Blätter der Büsche hindurch an. »Noch nicht vom Regen weggespült?«

Sie schüttelte den Kopf. Dabei wurde sie von oben bis unten nass, denn die Tropfen klatschten von den Zweigen auf ihre Kapuze, als wollten sie applaudieren.

»Wo soll’s hingehen?« Er trug eine Segeltuchjacke, Jeans und nagelneue Sneakers; seine Haut war cognacfarben und von tiefen Falten durchzogen. Sein Gesicht besaß eine natürliche Offenheit, der sie zu Hause nur selten begegnet war.

»Irgendwohin, wo’s trocken ist«, antwortete sie mit müdem Lächeln und senkte den Blick ein wenig.

»Hinter den Büschen werden Sie da wohl kaum Erfolg haben – auch wenn die Blätter Ihnen gut zu Gesicht stehen.«

Kate ließ die Finger über eine Geißblattranke gleiten. »Der Pflanzenlook ist diese Saison in.« Sie spürte, wie sie rot wurde.

»Tatsächlich? Da bekommt das irische Grün doch gleich eine ganz neue Bedeutung.« Er schnippte das Wasser von seiner Hutkrempe. »Wollen Sie mitfahren?«

Sie wischte Flechten von ihrer Jacke, um Zeit zu gewinnen. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie ihm vertrauen konnte. Außerdem musste sie sich vergegenwärtigen, in welcher Lage sie sich befand: Hier gab es nur die Straße, die Schafe und den Regen – und diesen Mann, der ihr möglicherweise eine angenehme Alternative bot. Es war Zeit, ein Risiko einzugehen.

»Bei dem Wetter können Sie jedenfalls nicht mehr lange draußen bleiben«, fuhr er fort. »Sonst holen Sie sich den Tod.«

Kate stellte sich vor, wie die tragische Heldin eines viktorianischen Romans ihr Leben auszuhauchen. Sie streckte die Hand aus, fing darin Regentropfen auf und drehte sie um, so dass sie auf den Boden fielen.

»Dann kommen Sie mal rauf hier.« Er klopfte auf den Sitz neben sich. »Ich kann Gesellschaft brauchen.«

BILD ZWEI

William der Reisende

In all den Jahren seines Umherziehens hatte William der Reisende noch nie ein so wehmütiges Gesicht gesehen, in dem sich Hoffnung und Traurigkeit mischten. Ihre Haut war fein wie Porzellan, und ihre leuchtenden Augen verrieten jede Gefühlsregung, egal, ob nachdenklich oder fröhlich. Ihre kastanienbraun schimmernden Haare wellten sich in der feuchten Luft. Die Kapuze hatte sie nach vorn gezogen, als wollte sie sich die Elemente und den Rest der Welt vom Leib halten, doch einige Strähnen lugten hervor und rankten sich um ihre Wangen. Viel hatte sie in letzter Zeit wohl nicht gegessen, denn unter ihrer hellen Haut zeichneten sich die Knochen ab. Sie wirkte zerbrechlich, schien aber auch Kraft zu besitzen und Spaß zu verstehen. Zum Schutz gegen die Kälte breitete er eine karierte Decke über ihre Knie und eine zweite über ihre Schultern. Es würde eine Weile dauern, bis sie sich aufgewärmt hätte. Noch klapperte sie mit den Zähnen. Er fragte sich, wie lange sie bei dem Wetter schon unterwegs war und ob sie ein Ziel hatte. Sie gab sich selbstsicher, doch das Zittern ihrer Hände war bestimmt nicht nur auf die Kälte zurückzuführen. Er bot ihr eine Damaszenerpflaume an, die er in Galway erworben hatte.

Sie bedankte sich und biss hinein; der Saft rann ihr das Kinn hinunter. Sie wischte ihn mit dem Handrücken weg. An ihrem Finger zeugte nur noch eine schmale weiße Linie von dem Ring, der einmal daran gesteckt hatte.

Sie reiste mit leichtem Gepäck, Rucksack und Schlafsack. William sah ihr an, dass andere Dinge sie belasteten, ohne sie vollends niederzudrücken. Sie war eine Kämpfernatur. Das erkannte er an dem staunenden Blick ihrer leuchtend grünen Augen, mit denen sie ihre Umgebung betrachtete.

»Wo kommen Sie her?«, erkundigte sich der Reisende. Kate sagte es ihm.

»Mein Neffe ist mal in Seattle gewesen. Er war ganz verrückt nach der dortigen Musikszene. Ich persönlich kann nicht allzu viel anfangen mit dem neuen Zeug, aber ein ordentliches craic mit Flöten, Dudelsack und Fiedeln mag ich. Waren Sie schon mal bei einem?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sie haben’s wohl nicht so mit Menschenmassen, was? Geht mir genauso«, sagte er. »Aber craics sind was anderes. Die Musik bringt die Leute zusammen; da bleibt keiner lange außen vor.«

»Ja, die Musik.« Die irischen Klänge mit ihrer Mischung aus Freude, Schmerz und Hoffnung ließen tief in ihrem Innern eine Saite erklingen und rührten sie zu Tränen, das hatte sie bei dem Straßenmusikanten vor der Bushaltestelle gemerkt.

»Sie verstehen also, was ich meine.«

»Tut mir leid«, entschuldigte sie sich und wischte sich die Tränen mit dem Ärmel ab. Die Müdigkeit machte sie verletzlich.

»Keine Ursache. Es ist eine Gabe, so intensiv zu empfinden.«

»Dieser Ort mit seiner Musik hat etwas an sich …«

»Wie lange sind Sie schon hier?«, fragte er.

»Ungefähr drei Wochen. Ich weiß nicht einmal mehr, welcher Tag heute ist. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren.«

»Das kann durchaus etwas Gutes sein«, tröstete er sie. »Aber falls es Sie interessiert: Heute ist der erste Mai.«

»Schon?« Sie schob ihren Rucksack mit dem Fuß unter den Sitz. Viel war nicht darin: Kleidung und Toilettenartikel, ein Skizzenblock und Stifte; eine Digitalkamera voller Aufnahmen, die sie von sich mit dem Selbstauslöser vor Sehenswürdigkeiten gemacht hatte, vor dem Eingang zum Grabhügel von Newgrange etwa oder vor dem Blarney Stone. Ein Tag hier, ein Tag dort, zu allen Touristenattraktionen von Mittel- und Südostirland, mit dem Bus und zu Fuß, jeden Morgen mit der Aussicht auf ein neues Abenteuer.

Ihr wertvollster Besitz war der goldene Fingerhut ihrer Mutter Tallulah. Diese hatte einst einen Goldschmied gebeten, eine kleine Schlaufe ans obere Ende zu löten, damit man ihn wie einen Talisman an einem schmalen Band tragen konnte. Als Baby hatte Kate beim Baden damit gespielt, jetzt hing er an einer Kette um ihren Hals.

»Die Menschen lassen sich von der Uhr versklaven. Sind Sie in Urlaub?«, erkundigte sich der Reisende.

»Ja, und auf der Suche nach Inspirationen.«

»Ich hatte mir schon gedacht, dass Sie Künstlerin sein könnten.«

»Was hat mich verraten?«

»Ihre Hände.«

Sie betrachtete ihre Finger, bevor sie sie in die Taschen schob. »Ein besonders gutes Handmodell würde ich nicht abgeben, was?«

»Brauchen Sie ja auch nicht. Es sind hübsche Hände, klein und zupackend, mit einer Schwiele hier und da, damit die Leute wissen, dass sie etwas wegschaffen.«

»Früher mal, ja.«

Der Reisende reichte ihr ein Taschentuch. »Vielleicht wollen Sie sich das Gesicht abtrocknen, auch wenn’s nicht so aussieht, als würd’s bald zu regnen aufhören.« Er schwieg eine Weile, weil er ihr Zögern spürte. »Sie sind zu jung, um sich von einer Enttäuschung entmutigen zu lassen. Irgendwann kommt die Freude zurück, und dann wird alles umso schöner. Liebe ist Leben, wissen Sie.«

Ethan hatte ihr diese Weisheit bei der Vorbereitung auf eine Prüfung vorgelesen. »Tolstoi«, sagte sie mit leiser Stimme.

»Ja, sinngemäß.« Der Reisende hielt während des Gesprächs den Blick auf die Straße gerichtet; trotzdem hatte sie das Gefühl, als könnte er tief in ihr Herz blicken.

»Sie beschäftigen sich also mit Büchern … und Menschen?«, fragte sie.

»Ich mag gute Geschichten.«

»Der Wagen sieht aus wie eine Wanderbücherei.« Sie deutete auf die Stapel von Büchern unter der Segeltuchplane, gebundene Ausgaben, Paperbacks, alle zerlesen:

O’Brien, Trevor, Banville, Joyce, Doyle, Beckett, Pynchon und andere.

»Ich habe Zeit fürs Lesen. Es schärft den Verstand.«

»Ich liebe die Romane von Edna O’Brien, besonders die Country-Girls-Trilogie.«

»Natürlich. Und wie sieht’s mit Joyce aus?«

»Ja, aber meine Mutter war wohl sein größter Fan.«

»Sie muss eine tolle Frau sein. Nicht viele sind bereit, sich auf ihn einzulassen.«

»Ja.« Sie betrachtete die Landschaft, versuchte, sie mit den Augen ihrer Mutter zu sehen, die Farben satt glänzend wie bei einem Ölgemälde, der Himmel dunkelgrau über den Feldern mit Fingerhut, Lupinen und wilden Narzissen, dazu samtiges Moos und in der kurz durchbrechenden Sonne grün-golden leuchtende Grasbüschel. Da vertrieb der Regen das Licht, und sie begann sofort wieder zu frieren.

Sie fuhren eine ganze Weile schweigend dahin. Kate lauschte dem Prasseln des Regens auf Plane und Hut des Reisenden, dem Klappern der Pferdehufe, dem Klirren von Zügeln und Zaumzeug, dem Knarren der Räder, dem Säuseln des Windes im Gras. »Ich komme mir vor, als wäre ich in die Vergangenheit gereist«, bemerkte sie schließlich.

»Ja, dies ist ein magischer Ort. Deshalb kehre ich immer wieder hierher zurück.«

»Womit verdienen Sie sich Ihren Lebensunterhalt?«

»Sie meinen, außer mit meinen amateurphilosophischen Studien? Damit lässt sich jedenfalls kein Geld machen.« Er lachte. »Ich schlage mich mit Reparaturen durch. Es gibt immer irgendetwas zu richten.«

So holperten sie stundenlang auf einer kleinen Straße dahin, auf der Farmer, Soldaten, Pilger und Überlebende der großen Hungersnot bereits vor ihnen gereist waren.

Kate döste ein und träumte von Ethan. In ihrem Traum ging er Hand in Hand mit einer anderen. Kate versuchte, ihm etwas nachzurufen, brachte aber nichts heraus. Während sie sich abmühte, wölbte sich ihr Körper von innen nach außen, bis am Ende nur noch ein Stück Stoff übrig war, das eine Obdachlose vom verdreckten Gehsteig aufhob und mit einer großen Nadel in der schwieligen Hand auf ein Loch in ihrer Jeans nähte.

Verschwinde aus meinem Unbewussten!, hätte sie am liebsten geschrien. Da wachte sie auf, nach Luft schnappend wie ein gestrandeter Fisch, die Wange gegen einen Getreidesack gepresst.

»Ein Albtraum?«, fragte der Reisende.

Sie rieb sich die Augen und richtete sich auf. »Zum Glück nur ein Traum.« Sie würde sich nicht unterkriegen lassen. Wieder hatte sich die Farbe des Firmaments verändert; jetzt war es blau mit Goldrand, und über Kate kreisten Seemöwen. »Sieht aus wie im Himmel«, sagte sie.

»Und bald wieder wie in der Hölle, grau und trist. Man weiß nie, was der nächste Tag bringt. Aber so bleibt das Leben immerhin spannend.«

»Haben Sie denn nie genug vom Reisen?«

»Ich? Nein. Ich bin dafür geschaffen. Jeder kann das allerdings nicht. Die meisten Menschen müssen irgendwann sesshaft werden.«

Da hörte sie Jubelrufe über einen Hügel im Westen herüberschallen. »Was ist da drüben los?«

»Das St.-Brendan-Fest«, antwortete er. »Soweit ich weiß, soll es zwei Wochen dauern. Der eigentliche Feiertag ist erst später im Monat.«

»St. Brendan. Wer war das noch mal? Ein Märtyrer?« Ihre Mutter hatte aufgrund ihrer irischen Eltern und ihrer Erziehung in einer Konfessionsschule praktisch jeden Heiligen gekannt und ein Buch zu dem Thema besessen, das seit Generationen weitervererbt wurde. Die blutrünstigen Geschichten darin hätten modernen Revolverblättern alle Ehre gemacht.

»Nein, er ist im Vergleich zu anderen Heiligen relativ glimpflich davongekommen. Brendan der Navigator«, klärte der Reisende sie auf. »Er hat sich mit einer Gruppe Mönche in einem coracle, einem kleinen Ruderboot, auf den Weg gemacht, die Welt zu erkunden, und ist der Schutzpatron der Seeleute und Reisenden.«

»… In einem coracle. Kann man mit so etwas das Meer befahren?«, fragte Kate.

»Ja. Es hat einen hölzernen, mit Ochsenhaut bespannten Rahmen.«

»Klingt eigentlich nicht stabil genug fürs Meer«, meinte Kate. »Haben Brendan und seine Crew es geschafft?«

»Heißt es. Um sich mit einem coracle hinauszuwagen, braucht man einen guten Magen und Vertrauen, so viel steht fest. Aber St. Brendan und seine Mönche hatten ja Gott und den Glauben auf ihrer Seite. Wahrscheinlich ist es ihm und seinen Mannen ganz gut ergangen, auch wenn sie am Ende nicht das Paradies fanden, nach dem sie suchten, und das Meer ihnen möglicherweise übel mitspielte.«

»Ich glaube nicht, dass ich zu so einer Reise in der Lage gewesen wäre – ich brauchte auf jeden Fall ein Schiff und eine Schwimmweste«, sagte Kate.

Er musste lachen. »Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Sie überlassen nichts dem Zufall, was?«

Plötzlich erschien ihr das Grün, falls das möglich war, noch grüner, wie in Träumen. »Wo sind wir?«

»In der Nähe von Glenmara. Die Straße ist zu Ende. Weiter nach Westen geht’s nur noch in der Luft oder zu Wasser. Ich setze Sie hier ab.« Er brachte das Pferd zum Stehen, das unwillig den Kopf in den Nacken warf. »Sie müssen sich aufwärmen. Der Ort befindet sich gleich da drüben hinter dem Hügel.« Er deutete in die Richtung, aus der die Rufe herüberdrangen. »Warum bleiben Sie nicht eine Weile, um zu sehen, was sich ergibt?«

Kate sprang vom Wagen und streckte ihre von der Fahrt steifen Glieder. »Ist die Gegend denn so einzigartig?«

»Ja, wenn Sie es zulassen.«

Kate schwang den Rucksack auf die Schulter. »Kommen Sie nicht mit?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich fahre lieber weiter.«

»Ich könnte Sie begleiten.« Schon jetzt fehlten ihr das Holpern des Wagens und seine angenehme Gesellschaft.

»Lieber nicht«, sagte er. »Es ist nicht so romantisch, wie es auf den ersten Blick erscheint, dieses Umherziehen, sondern hart und schmutzig, aber ich mag es.«

»Wo wollen Sie hin?«

»Ich möchte mein Lager irgendwo an der Küste aufschlagen, weil ich gern dem Meer lausche. Den richtigen Ort erkenne ich, sobald ich dort bin. Und Sie auch, vielleicht schon früher, als Sie meinen.« Er schnalzte mit der Zunge, und das Pferd setzte sich wieder in Bewegung. Kate hätte ihn leicht einholen können.

»Warten Sie«, rief sie ihm von der Kreuzung mit dem verwitterten Schild nach Glenmara aus nach. »Ich weiß nicht mal, wie Sie heißen.«

»William«, antwortete er über die Schulter gewandt. »William der Reisende.«

BILD DREI

Ein Dorf am Ende der Welt

Ihre Bemühungen – Anzeigen in den Lokalzeitungen, Pressemitteilungen an die Fremdenverkehrsämter – hatten nichts gefruchtet. Die Busfahrer brachten die Touristen lieber zu Orten mit Museen, Workshops und gewichtigerer Historie. Ihr Dorf besaß wie so viele sterbende gälische Weiler eine obskure Geschichte, die letztlich nur den Einheimischen etwas bedeutete. Auch wenn es nie genug Geld oder Arbeit gab, besonders jetzt, da auch noch die Fischerei, falls man sie überhaupt so nennen konnte, zusammenbrach, versuchten die Bewohner der Welt ein lachendes Gesicht zu zeigen.

Die Klosterruine an der Küste, von der nur noch die Grundmauern aus Kalkstein standen und in der die Nonnen an Fieber oder wahrscheinlicher, scherzten die Ortsansässigen, an Langeweile gestorben waren, konnte sich natürlich sehen lassen. Doch in der Gegend gab es keinen heiligen Schrein, keine Piktenfestung und keine Menhire, obwohl einmal jemand das Gerücht verbreitet hatte, dass ein ganz bestimmter Stein auf Declan Moores Feld heilig sei, was die Leute glaubten, bis der Geistliche die Sache als Lüge entlarvte. Pfarrer Dominic-schmor-in-der-Hölle-Byrne verdarb ihnen gern den Spaß. Dem Fünfundsiebzigjährigen entging nichts, er behielt seine Schäfchen Tag und Nacht im Auge. Bernie erachtete er als eine der Stützen seiner Gemeinde. Das war sie auch. Bis zu einem gewissen Grad.

»Weißt du, dass sie im Fish-and-Chips-Laden die Bücklinge wieder in Zeitungspapier einwickeln?«, fragte ihre Freundin Aileen sie.

»Ach nein!«, rief sie entsetzt aus. Seit dem Tod ihres Mannes John im vorigen Jahr war sie alleinige Herausgeberin und Verfasserin von Artikeln der vierseitigen Zeitung The Gaelic Voice. Die Polizeikolumne, die sie auf Aileens Drängen vor Kurzem eingeführt hatte, erfreute sich besonders großer Beliebtheit:

Mann ruft garda, weil seine Nachbarin um zwei Uhr morgens Frank Sinatra hört. Garda rät ihm zu Geduld, weil die Frau unter Liebeskummer leidet.

Frau ruft garda, weil eine Ratte auf ihrem Sofa sitzt und das Fußballspiel ansieht; könnte er sie vertreiben? Garda fragt, ob die Ratte Fan von Manchester United ist.

»Doch«, meinte Aileen mit einer Nadel im Mund. »Wie hoch ist die Auflage momentan?«

»Hundert Stück, die umliegenden Dörfer eingeschlossen«, antwortete Bernie. »Wenn’s nach mir ginge, hätten alle Orte entlang der Küste ihre eigenen gälischen Zeitungen. Das ergäbe ein richtiges gälisches Zeitungsimperium.«

»Sachte, sachte. Du hörst dich schon an wie Machiavelli.« Aileen lachte. »Willst du irgendwann eine englischsprachige Ausgabe rausbringen?«

»Das wär unehrlich.«

»So mit Untertiteln wie im Film, meine ich. Es ist doch allgemein bekannt, dass die Sprache ausstirbt, auch wenn wir das noch so sehr bedauern.«

»Bekannte Fakten sind mir noch nie wichtig gewesen, und außerdem habe ich es mir in den Kopf gesetzt, das Gälische am Leben zu erhalten. John hätte es so gewollt.«

Sie hätten stundenlang so weiterreden können, doch der Tag neigte sich dem Ende zu. Die Standbesitzer packten ihre Sachen zusammen oder dösten auf ihren Stühlen weg. Um diese Uhrzeit waren auf den Straßen nur noch ein paar Teenager und zwei ältere Pubstammgäste, Denny Fitzpatrick, der Vater ihrer Freundin Oona, und Niall Maloney, bekleidet mit Hose, Pullover und Kappe, unterwegs. Sie würden sich bestimmt nicht für die Spitze interessieren.

»Zu einem Biergarten oder Espressostand würden die Leute kommen«, meinte Aileen. »Mein Sohn hat eine Espressobar in Galway, die trägt den Buchladen, den er sonst schon längst hätte schließen müssen. Primär interessieren sich die Kunden für den Kaffee, sekundär für Yeats.«

»Wo soll das noch hinführen?« Bernie liebte Gedichte, die sie und ihr Mann einander jeden Abend vorgelesen hatten. Sie hätte nicht gedacht, dass sie irgendwann den Klang seiner Stimme vergessen würde, und alles dafür gegeben, sie noch einmal zu hören. »Wir können keinen Espresso verkaufen«, sagte sie. »Zu gefährlich, wegen der Spitze.«

»Stimmt wahrscheinlich. Allerdings könnt ich im Moment was Belebendes vertragen. Ich hab letzte Nacht nicht sonderlich gut geschlafen. Die Wechseljahre, weißt du.« Aileen litt unter Hitzewallungen. Sie war eine beeindruckende Frau, die sicher für jünger gehalten worden wäre, wenn sie nicht ständig selbst über das Thema gesprochen hätte.

Aileen hatte sich nie sonderlich wohl gefühlt in ihrem Körper, weil ihr nicht bewusst war, dass ihre Schwächen – die etwas zu große Nase, die Lücke zwischen den Zähnen und ihre hagere Gestalt – sie zusammengenommen attraktiv machten. Und sie hörte auch nicht zu, wenn Bernie ihr das sagte. Wir sind befreundet, Bee, du musst mir ja nach dem Mund reden, meinte sie dann.

»Probier’s mal mit Baldriantee«, schlug Bernie vor. »Der soll helfen.«

»Erregt wahrscheinlich Krebs.«

»Heutzutage gilt fast alles als krebserregend. Mach dir nicht so viele Gedanken. Du lebst nur einmal.« So lautete ihr Mantra seit Johns Tod, besonders wenn sie sich vormittags dabei ertappte, wie sie stundenlang aus dem Fenster starrte, der Tee neben ihr inzwischen kalt, ihr Labrador Fergus besorgt winselnd zu ihren Füßen.

»Ich bin einfach nicht so gestrickt – besonders schlimm wird’s, wenn ich nicht zur Ruhe komme. Ich würde viel geben für eine durchgeschlafene Nacht. Früher hab ich geschlafen wie ein Murmeltier …«

»Ja, ich erinnere mich. Als kleines Mädchen hast du fürchterlich geschnarcht.«

»Das waren die Polypen. Ist besser geworden, seit sie draußen sind, obwohl ich das Gefühl habe, dass ich jetzt beim Ausatmen durch die Nase pfeife.«

»Vielleicht solltest du eine Band mit Flöten und Fiedeln gründen«, neckte Bernie sie lächelnd. Bernadette Anne Cullen und Aileen Mary Flanagan waren seit vierundvierzig Jahren befreundet und konnten gar nicht glauben, wie schnell die Zeit vergangen war mit Liebesabenteuern, Enttäuschungen, Streitereien, Hochzeiten und Todesfällen. Und noch immer saßen sie zusammen an diesem Klapptischchen, dem genauen Ebenbild dessen, an dem sie als Kinder im Sommer Zitroneneis verkauft hatten. Sie waren unzertrennlich, wie eine kleine Familie, meinte Aileen, allerdings ohne den störenden Ballast.

»Ha, ha. Sollen wir Schluss machen? Alle andern packen ihre Sachen zusammen.« Aileen warf ein spitzenverziertes Geschirrtuch in den Korb zu ihren Füßen.