Der Spieler - Paolo Bacigalupi - E-Book

Der Spieler E-Book

Paolo Bacigalupi

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Beschreibung

Ein religiöser Führer existiert nur noch als digitale Kopie, ein Flüchtling kämpft ums Überleben, und ein Journalist wird mit einem völlig neuen Paradigma der Berichterstattung konfrontiert ... In einer global vernetzten Welt sind die Folgen politischer Entscheidungen, ob sie nun in New York oder Bangkok gefällt werden, in allen Gesellschaftsschichten spürbar. Überkommene Traditionen werden infrage gestellt, Lebens- und Arbeitsverhältnisse neu definiert. Auch wenn wir uns darüber nicht immer im Klaren sind die Zukunft hat uns längst eingeholt. Und Paolo Bacigalupi erzählt aus dieser Welt von Morgen. - "Die Tasche voller Dharma" ("Pocketful of Dharma" / Fantasy & SF, Februar 1999) - "Das Flötenmädchen" ("The Fluted Girl" / Fantasy & SF, Juni 2003) - "Der Pascho" ("The Pasho" / Asimov's, September 2004) - "Der Kalorienmann" ("The Calorie Man" / Fantasy & SF, Oktober/November 2005) - "Yellow Cards" ("Yellow Card Man" / Asimov's, Dezember 2006) - "Der Spieler" ("The Gambler" / Fast Forward 2, 2008) Die Novelle "Yellow Cards" wurde für den "Nebula Award" nominiert, die Novelle "Der Kalorienmann" mit dem "Sturgeon Award" ausgezeichnet beide spielen vor demselben Hintergrund wie Bacigalupis Roman Biokrieg. Die Erzählung "Der Spieler" wurde für den "Hugo Award" und den "Nebula Award" nominiert, und der Sammelband Pump Six and Other Stories, dem die meisten der vorliegenden Texte entnommen sind, wurde mit dem "Locus Award" ausgezeichnet.

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Beliebtheit




Paolo Bacigalupi

Der Spieler

Deutsch von

Paolo Bacigalupi

Der Spieler

Deutsche Erstausgabe

Herausgegeben von Hannes Riffel & Karlheinz Schlögl

[Quellenangaben am Schluss des Bandes]

© 2012 by Paolo Bacigalupi

Mit freundlicher Genehmigung der Paul + Peter Fritz AG, Zürich

© dieser Ausgabe 2012 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Hannes Riffel & Karin Will

Redaktion: Caroline Melzer & Robert Schekulin

Korrektorat: Hannes Riffel

Autorenporträt: molosovsky

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

Satz: Hardy Kettlitz

Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin

EPUB: Karlheinz Schlögl

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36 | 12683 Berlin

[email protected] | www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-942396-15-8 (gedruckte Ausgabe)

ISBN: 978-3-942396-36-3 (eBook)

Die Tasche voller Dharma

Wang Jun stand auf einer der regenglatten Straßen von Alt-Chengdu und starrte durch den Nieselregen zu Huojianzhu empor.

Sogar die Wolkenkratzer von Chengdu wirkten klein neben dem ins abendliche Dunkel aufragenden massiven Stadtkern. Arbeiter baumelten an dem turmhohen Gerippe, schwangen sich an langen Abseilgurten von einem Bauabschnitt zum nächsten. Andere kletterten gänzlich ungesichert über das bienenwabenartige Gerüst. Die Finger tief darin vergraben, erklommen sie mit gefährlich nachlässiger Leichtigkeit die Streben. Bald schon würde das stetig wachsende Herzstück die nassen Ziegeldächer der alten Stadt überwuchert haben. Dann hätte Huojianzhu, das lebendige Bauwerk, sich Chengdu gänzlich einverleibt.

Sein Skelett wuchs aus eigener Kraft, von mineralhaltigem Gitterwerk genährt und mit einer Zellstoffmembran überzogen. Es war weitläufig und fest in der fruchtbaren grünen Erde des Sichuan-Beckens verwurzelt, und der weitverzweigte Unterbau grub sich immer noch tiefer hinein. Das Erdreich, die Sonne und das stinkende Wasser des Bing Jiang lieferten Nährstoffe und Materialien – Huojianzhu verschlang dabei ebenso gierig Schadstoffe als auch das durch den rußigen Nebel fallende Sonnenlicht.

Im Innern wuchsen lange Rohrleitungen aus seinen Venen und Arterien, die sich des Abfalls, der Nahrung und auch des Datenhungers seiner zukünftigen Bewohner annehmen würden: eine einst nur in der schöpferischen Phantasie von Biotekten existierende vertikal aufragende Stadt, die jetzt reale Gestalt annahm. Das noch im Werden begriffene Geschöpf pulsierte vor Energie. Ausgewachsen würde es einen Kilometer hoch und fünfmal so breit sein – eine gewaltige biologische Stadt, die, auf lebenserhaltende Maßnahmen reduziert, schlafend daliegen würde, während die Menschen durch die ausgehöhlten Arterien laufen, die Venen erklimmen und ihr Erinnerungen in die Haut nageln würden, um sie sich anzueignen.

Während Wang Jun Huojianzhu betrachtete, sann sein Straßenjungenverstand auf Mittel und Wege, die ihn aus den nassen Straßen mit ihrem Hunger in diese Behaglichkeit hineinführen mochten. Einige bereits bewohnte Teilbereiche schimmerten hell. Menschen, die unerreichbar weit über ihm lebten, wandelten in den Korridoren des Organismus. Nur die Mächtigen und Wohlhabenden konnten so hoch oben wohnen. Diejenigen mit Guanxi. Verbindungen. Einfluss.

Durch Dunkelheit, Nässe und Nebel strebte sein Blick zum höchsten Punkt des Gebäudes empor, verlor sich aber lange, bevor er ihn gefunden hatte. Ob die Menschen dort oben wohl die Sterne sehen konnten, und nicht nur den Nieselregen, so wie er? Wenn man Huojianzhu eine Schnittwunde zufügte, so hatte er gehört, dann bluteten die Wände. Manche behaupteten sogar, es würde weinen. Erschaudernd wandte er den Blick wieder der Erde zu und bahnte sich mit seinen streichholzdünnen Beinchen und in gebückter Haltung einen Weg durch die Menschenmassen von Chengdu.

Um sich vor dem Sprühregen zu schützen, trugen die Pendler schwarze Schirme oder blaugelbe Plastikponchos. Ihm hingegen klebte das pitschnasse Haar am Schädel und zeichnete seine Konturen nach. Zitternd blickte er sich um, hielt angestrengt nach geeigneten Opfern Ausschau und war so in die Suche vertieft, dass er beinahe über den Tibeter gestolpert wäre.

Der Mann hatte eine durchsichtige Plastikfolie über seine Ware gebreitet und hockte auf dem feuchten Gehweg. Sein verschwitztes, rußverschmiertes Gesicht glänzte im grellen Schein der Halogenlaternen. Als er lächelte, entblößte er abgebrochene Zahnstümpfe. Dann zog er eine getrocknete Tigerpfote unter der Folie hervor und wedelte damit vor Wang Juns Nase herum.

»Willst du Tigerknochen?«, sagte er mit einem anzüglichen Grinsen. »Gut für Manneskraft.«

Wang Jun blieb wie angewurzelt vor der hin- und herbaumelnden amputierten Gliedmaße stehen. Nur noch der trockene Knochen, einige faserige Sehnen und etwas zottiges Fell des lange verstorbenen Besitzers waren erhalten. Neugierig betrachtete Wang Jun dieses Überbleibsel, dann streckte er die Hand aus, um die seltsam verbogenen gelben Krallen und die abgetrennten Sehnenstränge zu berühren.

Aber der Tibeter riss sie weg und lachte laut. An seinem Finger steckte ein angelaufener, mit Türkisen besetzter Silberring – eine Schlange mit dem eigenen Schwanz im Maul wand sich scheinbar endlos um seinen Finger.

»Anfassen kannst du dir nicht leisten.« Er räusperte sich und spuckte auf den Boden, wo sich gleich neben ihm eine gelbe, von smogschwarzen Klümpchen durchsetzte Schleimpfütze sammelte.

»Und ob«, erwiderte Wang Jun.

»Wie viel hast du denn in den Taschen?«

Wang Jun zuckte mit den Achseln, und der Tibeter lachte wieder. »Gar nichts hast du, du mickriger kleiner Kerl. Komm wieder, wenn du etwas in den Taschen hast.«

Dann schwenkte er seine Potenzmittel vor interessierten und zahlungskräftigeren Kunden, die sich inzwischen versammelt hatten. Wang Jun verschwand wieder in der Menge.

Der Tibeter hatte recht. Seine Taschen waren leer. Bis auf eine rattenverseuchte Wolldecke, die er in einem Stone Ailixin-Pappkarton versteckt hatte, einen kleinen kaputten VTOL-Spielzeugflieger und eine abgerissene gelbe Schulmütze aus Wolle besaß er nichts.

Als er damals von den grünen Terrassen der Berge hierhergekommen war, hatte er allerdings noch weniger besessen als das. Mit leeren Händen und leeren Taschen, bereits von der Pest gezeichnet und voller Erinnerungen an ein stilles staubiges Dorf, in dem nichts mehr lebte, war er nach Chengdu gekommen. Die Erinnerung an den Schmerz hatte sich derart tief in seinen Körper eingegraben, dass er in Gedenken an dieses Leid dauerhaft in einer Kauerhaltung verharrte.

Damals hatte er leere Taschen gehabt, und auch heute noch hatte er leere Taschen. Vielleicht hätte ihm das zu schaffen gemacht, wenn er je etwas anderes außer Mangel gekannt hätte. Außer Hunger. Wie der Tibeter ihn abgefertigt hatte, war für ihn nicht ärgerlicher als die Neonschriftzüge an den Dächern der Türme, die den Regen wechselweise in rotes, gelbes, blaues und grünes Licht tauchten. Elektrische Farben erfüllten die Finsternis mit einem hypnotisierenden Rhythmus und funkelnden Träumen: Red Pagoda Cigarettes, Five Star Beer, Shizi Jituan Software und die Heaven City Banking Corporation. Konfuzius Jiajiu versprach die tröstliche Wirkung warmen Reisweins, JinLong Pharmaceuticals hingegen ein langes Leben – und all das lag außerhalb seiner Reichweite.

Also hockte er sich, gebeugt und verkrüppelt, mit seinen leeren Taschen und seinem genauso leerem Magen in einen vom Regen blankgeputzten Hauseingang und suchte mit weit aufgerissenen Augen nach jemandem, der ihn heute Abend ernähren würde. Hoch über ihm hingen die leuchtenden Versprechungen, eher denjenigen Menschen zugedacht, die in den Hochhäusern lebten – die hatten Bargeld und Beamte in ihren Taschen. Dort oben gab es nichts, was er kannte oder verstanden hätte. Hustend befreite er sich von dem schwarzen Schleim in seinem Hals. Diese Straßen hingegen kannte er sehr wohl. Organischen Verfall und Verzweiflung konnte er nachvollziehen. Den Hunger spürte er nagend im Bauch. Mit gierigem Blick beobachtete er die an ihm vorbeihastenden Menschen und rief ihnen in einem Gemisch aus Mandarin, Chengdu-Dialekt und den einzigen englischen Worten, die er kannte, zu: »Gebt mir Geld. Gebt mir Geld.« Er zupfte an ihren Regenschirmen und an ihren blaugelben Ponchos. Strich über Designerärmel und gepuderte Haut, bis sie nachgaben und ihm Geld hinwarfen. Diejenigen, die sich losrissen, bespuckte er. Die Wütenden, die ihn packen wollten, biss er mit scharfen gelben Zähnen.

Jetzt, in der Regenzeit, sah man nur wenige Ausländer. Der späte Oktober scheuchte sie nach Hause, zurück in die Provinzen, heimwärts in andere Länder. Magere Zeiten standen bevor, so mager, dass er sorgenvoll an seine Zukunft dachte, wenn er das zerknitterte Papier zählte, das ihm die Passanten hinwarfen. Er umklammerte die leichten Jiao-Münzen aus Aluminium, die zu seinen Füßen landeten. Die Ausländer hatten immer Papiergeld und gaben auch öfter etwas, wurden aber immer weniger.

Nachdem er die Straße abgesucht hatte, kratzte er an einem feuchten Betonbrocken, der am Boden lag. Beim Bau von Huojianzhu, so hieß es, wurde keinerlei Beton verwendet. Er überlegte, wie sich dort wohl die Böden anfühlten oder die Wände. Nur dunkel erinnerte er sich noch an sein Zuhause, bevor er nach Chengdu gekommen war: eine Lehmhütte mit einem Boden aus festgestampfter Erde. Er bezweifelte, dass der Stadtkern ebenfalls so aussehen würde.

Sein Magen begann heftig zu knurren. Über ihm lief in Endlosschleife ein Video von Lu Xieyan, einem Sänger aus Guangdong, der die Menschen auf den Straßen dazu anhielt, die drei Übel der Religion zu meiden: Dogmatismus, Terrorismus und Separatismus. Ohne die gellende Anklage weiter zu beachten, ließ Wang Jun den Blick über die Menge schweifen.

Ein blasses Gesicht tauchte aus dem Strom von Chinesen auf. Ein Ausländer, der irgendwie sonderbar wirkte. Weder ging er entschlossen auf ein Ziel zu, noch stand er gaffend vor der Pracht Chengdus. Vielmehr schien er sich hier wie zu Hause zu fühlen. Sein langer schwarzer Mantel reichte bis zum Boden. Da der Mantel aus glänzendem Stoff war, spiegelten sich das Rot und Blau der Neonlichter und der Schein der Straßenlaternen darin. Die Muster zogen Wang Jun in ihren Bann.

Er schlich sich näher heran. Der Mann war groß – bestimmt zwei Meter – und trug eine Brille mit dunklen Gläsern, die seine Augen verdeckte. Wang Jun wusste, um was für eine Brille es sich handelte, und war sicher, dass der Mann hinter den tintenschwarzen Ovalen hervorragend sehen konnte. Mikrofasern in den Linsen absorbierten Licht, verstärkten und regulierten es, bis der Mann den Tag vor Augen hatte, auch wenn er sie in der Nacht vor den anderen verbarg.

Wang Jun wusste auch, dass die Brille wertvoll war und Dreifinger-Gao sie ihm abkaufen würde, falls es ihm gelang, sie zu stehlen. Also beobachtete er den Mann, wie er mit seinem sicheren, arroganten Gang die Straße entlangschritt, und wartete. Klammheimlich heftete Wang Jun sich ihm an die Fersen. Als der Mann in eine kleine Gasse einbog und verschwand, hastete Wang Jun hinterher.

Er spähte in den engen Rachen der Gasse hinein. Gebäude drängten sich dort im Dämmerlicht. Es roch nach Exkrementen, Tod und Verwesung. Er musste an die Tigerpfote des Tibeters denken, leblos und verdorrt, am Knochen und an den Sehnen mit kleinen Kerben versehen, weil sich einige Kunden bereits ihr auserwähltes Stück Männlichkeit hatten herausschneiden lassen. Platschend hallten die Schritte des Ausländers durch die Nacht; der gleichmäßige Gang eines Mannes, der auch im Dunkeln sehen konnte. Geduckt schlich Wang Jun hinterher, wobei er sich blind vorantasten musste. Er berührte die rauen Wände. Fertigbeton. Die Schwärze streichelnd folgte er der fliehenden Beute.

Ein Flüstern durchbrach die tröpfelnde Stille. Als Wang Jun erkannte, dass da gefeilscht wurde, musste er lächeln. Besorgte sich der Ausländer ein Mädchen? Heroin? Es gab so viele Dinge, die ein Ausländer kaufen konnte. Er blieb ruhig stehen, um zu lauschen.

Hörte, wie das Flüstern hitziger wurde, bevor es mit einem überraschten Aufschrei endete. Irgendjemand würgte, keuchte, und dann folgte ein Platschen. Wang Jun sträubten sich die Nackenhaare, und er verharrte so reglos wie der Beton, an den er sich drückte.

»Kai deng ba«, vernahm er die Worte seiner Heimat. Wang Jun spitzte die Ohren, als er den vertrauten Akzent hörte. Etwas leuchtete auf, und das grelle Licht blendete ihn. Als er wieder sehen konnte, blickte er direkt in die dunklen Augen des tibetischen Straßenhändlers. Der Tibeter lächelte und entblößte dabei erneut verkrustete Zahnreihen. Wang Jun stolperte nach hinten, suchte nach einer Möglichkeit zu entkommen.

Doch der Tibeter schnappte sich Wang Ju. Zwar wehrte er sich und biss den Tibeter sogar in die Hand, aber der Tibeter war schnell und drückte Wang Jun fest auf den feuchten Gehweg, bis er nichts mehr sehen konnte außer zwei Paar Stiefel – die des Tibeters und die seines Begleiters. Erst wand er sich noch ein wenig, erkannte dann aber, wie sinnlos diese Trotzhandlung war, und gab auf.

»Ein Kämpfer bist du also«, sagte der Tibeter und drückte ihn noch einen Moment länger auf den Boden, nur um ihm eine Lektion zu erteilen. Dann riss er Wang Jun wieder auf die Beine. Dabei hielt er ihn mit festem Griff am Genick gepackt. »Ni shi shei?«, fragte er dann.

»Niemand. Ein Bettler. Niemand!«, heulte Wang Jun schlotternd.

Der Tibeter sah genauer hin und lächelte. »Der hässliche Junge mit den leeren Taschen. Also bist du doch auf die Tigerkralle aus?«

»Ich bin auf gar nichts aus.«

»Du wirst auch nichts bekommen«, sagte der Begleiter des Tibeters. Der Tibeter grinste. Wang Jun erkannte gleich, dass die neue Stimme Hunanesisch sprach.

Der Hunanese fragte: »Wie heißt du?«

»Wang Jun.«

»Was für ein ›Jun‹?«

Wang Jun zuckte mit den Achseln. »Weiß ich nicht.«

Lächelnd schüttelte der Hunanese den Kopf. »Ein Bauernjunge«, sagte er. »Was pflanzt du an? Kohl? Reis?« Er lachte. »Die Menschen in Sichuan sind ungebildet. Du solltest wissen, wie man deinen Namen schreibt. Ich nehme an, dass ›Jun‹ für Soldat steht. Bist du ein Soldat?«

Wang Jun schüttelte den Kopf. »Ich bin ein Bettler.«

»Soldat Wang, der Bettler? Nein. Das passt nicht zusammen. Du bist einfach Soldat Wang.« Er lächelte. »Und jetzt verrate mir, Soldat Wang, warum treibst du dich hier im Regen in dieser dunklen Gasse herum?«

Wang Jun schluckte. »Ich wollte die dunkle Brille des Ausländers haben.«

»Tatsächlich?«

Wang Jun nickte.

Der Hunanese starrte ihm in die Augen, dann nickte er. »Na schön, kleiner Wang. Soldat Wang«, sagte er schließlich. »Du kannst sie haben. Geh da rüber. Und nimm sie dir, wenn du dich traust.« Der Griff des Tibeters lockerte sich, und Wang Jun war frei.

Als er genauer hinsah, erkannte er, dass der Ausländer mit dem Gesicht nach unten in einer Pfütze lag. Nachdem ihm der Hunanese aufmunternd zugenickt hatte, trat er näher an den reglosen Körper heran, bis er direkt über ihm stand. Dann streckte er die Hand aus und zog am Haar des großen Mannes, bis sich auch das Gesicht tropfend aus dem Wasser hob und er an die teure Brille herankam. Wang Jun nahm dem Leichnam die Brille ab und ließ den Kopf behutsam in die Lache zurückgleiten. Der Hunanese und der Tibeter beobachteten ihn lächelnd, während er das Wasser von der Brille schüttelte.

Dann krümmte der Hunanese einen Finger, um ihn zu sich heranzuwinken.

»Und jetzt, Soldat Wang, habe ich noch eine Mission für dich. Diese Brille ist dein Sold. Steck sie ein. Nimm dies« – ein blauer Datenwürfel lag in seiner Hand – »und geh damit zur Renmin Lu-Brücke, die über den Bing Jiang führt. Gib ihn der Person mit den weißen Handschuhen. Sie wird dafür sorgen, dass sich deine Taschen ein wenig füllen.« Er beugte sich verschwörerisch zu Wang Jun hinab, legte ihm eine Hand in den Nacken und hielt ihn so, dass sich ihre Nasen berührten und Wang Jun den modrigen Atem des Fremden riechen konnte. »Wenn du ihn nicht dort ablieferst, wird mein Freund dich jagen und dafür sorgen, dass du stirbst.«

Der Tibeter lächelte.

Wang Jun schluckte und nickte, dann schloss er die kleine Hand um den Würfel. »Auf, auf, Soldat Wang. Erfülle deine Pflicht.« Der Hunanese ließ ihn los, und Wang Jun stürzte auf die Straßenlaternen zu; den Datenwürfel hielt er dabei fest umklammert.

Das Paar sah ihm hinterher.

»Denkst du, er wird überleben?«, fragte der Hunanese.

Der Tibeter zuckte mit den Achseln. »Wir müssen darauf vertrauen, dass Palden Lhamo ihn von nun an beschützen und lenken wird.«

»Und wenn sie das nicht tut?«

»Das Schicksal hat ihn zu uns geführt. Wer vermag zu sagen, welches Los ihm beschieden sein wird? Vielleicht wird niemand einen Betteljungen durchsuchen. Vielleicht werden wir beide den morgigen Tag erleben, um das herauszufinden.«

»Oder vielleicht erst nach einer weiteren Drehung des Rades.«

Der Tibeter nickte.

»Und wenn er auf die Daten zugreifen sollte?«

Mit einem Seufzer wandte sich der Tibeter ab. »Dann ist auch dies vorherbestimmt. Komm, sie sind uns wahrscheinlich schon auf den Fersen.«

Schwarz und schwerfällig wie ein Ölteppich floss der Bing Jiang unter der Brücke hindurch. Wang Jun hockte auf dem Geländer über rußverschmierten, in den Stein gehauenen Drachen und Phönixen, die in Wolken herumtollten. Er blickte auf den Strom hinab und beobachtete Kartons voller Styroporschnipsel, die träge auf der zähflüssigen Wasseroberfläche dahintrieben. Nachdem er sich geräuspert hatte, zielte er mit dem Rotz auf eine der Kisten. Doch er verfehlte sie, sodass der Schleim mit dem übrigen Abwasser verschmolz. Erneut besah er sich den Würfel. Drehte ihn in der Hand hin und her, wie er es bereits mehrfach getan hatte, während er auf den Mann mit den weißen Handschuhen gewartet hatte. Er war so blau und glatt, wie es nur hochentwickelter Kunststoff sein konnte. Fühlte sich an wie der winzige Plastikstuhl, den er einmal besessen hatte. Leuchtend rot, aber genau so glatt wie der Würfel. Darauf hatte er gesessen und gebettelt, bis ein stärkerer Junge ihm den Stuhl weggenommen hatte.

Jetzt drehte er den blauen Würfel in den Händen, strich über seine Oberfläche und schob neugierig einen Finger in die schwarze Datenbuchse. Ob er wohl mehr wert war als die Brille, die er gerade trug? Sie war ihm zu groß und rutschte ihm deswegen ständig von der Nase. Aber es war so unglaublich, auch im Dunkeln wie bei Tag sehen zu können, dass er sie unbedingt aufbehalten wollte. Also rückte er die Brille zurecht und wandte sich wieder dem Würfel zu.

Dann sah er sich suchend nach dem Mann mit den weißen Handschuhen um, aber da war niemand. Wang Jun drehte den Würfel weiter in der Hand. Fragte sich, was wohl darauf gespeichert sein mochte, dass ein Ausländer dafür sein Leben hatte lassen müssen.

Der Mann mit den weißen Handschuhen kam nicht.

Wang Jun hustete und spuckte noch einmal aus. Wenn er zehn große Styroporstücke gezählt hatte, und der Mann dann immer noch nicht da war, würde er den Würfel behalten und verkaufen.

Zwanzig Styroporstücke später begann es zu dämmern, aber von dem Mann mit den weißen Handschuhen war immer noch nichts zu sehen. Wang Jun starrte den Würfel an. Fragte sich, ob er ihn ins Wasser werfen sollte. Doch stattdessen wartete er, während die Nongmin nach und nach ihre vollgeladenen Handkarren über die Brücke zogen. Von den feuchten, fruchtbaren Feldern in der Ferne kamen sie in die Stadt, trugen Gemüse auf dem Rücken und hatten noch Schlamm zwischen den Zehen. Der Tag brach an. Huojianzhu zeichnete sich groß und lebendig vor dem heller werdenden Himmel ab. Erneut hustete Wang Jun und spuckte aus, dann sprang er vom Brückengeländer. Ließ den Datenwürfel in eine seiner zerschlissenen Taschen gleiten. Der Tibeter würde ihn sowieso niemals wiederfinden.

Sonnenlicht sickerte durch den Dunstschleier der Stadt. Chengdu nahm die Hitze in sich auf. Die Luft war feucht – eine letzte Hitzewelle, bevor der Winter hereinbrach, ein verrückter Wetterumschwung. Wang Jun schwitzte. Er hatte Dreifinger-Gao in einer Spielhalle aufgespürt. Gao hatte nicht nur drei Finger. Er hatte zehn, und er benutzte sie alle, um einen dreidimensionalen Soldaten zu steuern, der sich durch die Gebirgszüge Tibets kämpfte und eine Rebellion niederschlug. Bei den Triaden von Chengdu war er dafür bekannt, dass er den CEO von TexTel dazu gebracht hatte, ihm monatlich zehntausend Yuan Schutzgeld zu zahlen, bis er wieder nach Singapur zurückversetzt wurde. Mit drei Fingern.

Wang Jun zupfte an Dreifingers Lederjacke. Aufgrund der Ablenkung starb Gaos Soldat, dem sofort, als er weggeschaut hatte, Stöcke schwingende Mönche zu Leibe gerückt waren.

Wütend sah er Wang Jun an. »Was ist?«

»Ich habe etwas zu verkaufen.«

»Ich will keine von diesen Platinen, die du mir immer andrehen willst. Ich hab dir doch gesagt, dass sie ohne das Herz nicht zu gebrauchen sind.«

»Ich habe etwas anderes«, sagte Wang Jun.

»Was?«

Als er ihm die Brille hinhielt, weiteten sich Dreifingers Pupillen. Aber er tat so, als wäre sie ihm gleichgültig. »Wo hast du die her?«

»Gefunden.«

»Lass mich mal sehen.«

Zögernd reichte Wang Jun Dreifinger die Brille. Dreifinger setzte sie auf, nahm sie aber gleich wieder ab und warf sie Wang Jun hin. »Ich geb dir zwanzig dafür.« Dann wandte er sich um und begann ein neues Spiel.

»Ich will einhundert.«

»Mei me’er.« Jetzt sprach er im Beijing-Slang. Auf keinen Fall. Fing an zu spielen. Sein Soldat kauerte geduckt auf einer Hochebene; vor ihm erhoben sich schneebedeckte Gipfel. Stürzte los, rannte durch niedriges Gras bis zu einer Hütte, die aus den Häuten toter chinesischer Soldaten bestand. Wang Jun beobachtete ihn und sagte: »Geh nicht in die Hütte.«

»Ich weiß.«

»Fünfzig würde ich nehmen.«

Dreifinger schnaufte verächtlich. Sein Soldat entdeckte einige Reiter, die sich ihm näherten, also ging er hinter der Hütte in Deckung. »Ich werde dir zwanzig geben.«

»Vielleicht zahlt BeanBean mir mehr«, sagte Wang Jun.

»Ich werde dir dreißig geben – kannst ja versuchen, ob du bei BeanBean mehr bekommst.« Sein Soldat wartete ab, bis sich die Reiter zusammengeschart hatten. Dann schoss er eine Rakete mitten in sie hinein. Als sie explodierte, durchlief ein Grollen den Spielautomat.

»Hast du die dreißig jetzt gleich?«

Dreifinger wandte sich von dem Spiel ab, und prompt wurde seinem Soldaten von genetisch hochgezüchteten Sherpas der Garaus gemacht. Ohne die Schreie des Soldaten weiter zu beachten, zahlte Dreifinger Wang Jun das Geld. Anschließend überließ Wang Jun Dreifinger wieder seinen Spielen und feierte den Verkauf, indem er sich eine freie Stelle unter der Brücke nahe dem Bing Jiang suchte. Dort legte er sich in der glühendheißen Nachmittagssonne zu einem Nickerchen hin.

Als er gegen Abend erwachte, hatte er Hunger. Die Münzen wogen schwer in seiner Tasche, also dachte er über die vielen Möglichkeiten nach, die ihm sein neuer Reichtum bot. Zwischen den Geldstücken ertastete er die ungewohnt kantige Form des Datenwürfels. Er zog ihn hervor und betrachtete ihn von allen Seiten. Beinahe hätte er vergessen, woher sein Geld stammte. Während er den Würfel anschaute, musste er wieder an den Hunanesen und den Tibeter denken und an seine Mission. Er überlegte, ob er den Tibeter suchen und ihm den Würfel zurückgeben sollte, aber irgendetwas sagte ihm, dass er den Mann, der Tigerknochen verkaufte, heute Abend nicht antreffen würde. Ihm knurrte der Magen. Also steckte er den Datenwürfel wieder in die Tasche und klimperte mit den Münzen, die er dort aufbewahrte. Heute hatte er die Taschen voll Geld. Er würde gut essen.

Wie viel kostet der Mapo Tofu?«

Der Koch schwenkte gerade eine Suppe in einem großen Wok, schaute kurz zu ihm herüber und lauschte dann wieder dem Brutzeln.

»Zu teuer für dich, kleiner Wang. Geh und such dir einen anderen Ort zum Betteln. Ich will nicht, dass du meine Kunden belästigst.«

»Shushu, ich habe Geld.« Wang Jun zeigte dem Koch die Münzen. »Und ich möchte essen.«

Der Koch lachte. »Xiao Wang ist reich! Also gut, kleiner Wang, dann verrate mir, was du gerne hättest.«

»Mapo Tofu, Schweinefleisch Yu-Xiang, Reis für zwei Liang und ein Wu Xing-Bier.« Hastig brachte er seine Bestellung vor.

»Der kleine Wang hat anscheinend einen großen Magen! Wo soll denn da das ganze Essen reinpassen, frage ich mich?« Als Wang Jun ihn daraufhin wütend anstarrte, sagte er: »Gut, setz dich, du sollst dein Festmahl haben.«

Wang Jun nahm an einem der niedrigen Tische Platz und blickte in das prasselnde Herdfeuer. Dann sah er zu, wie der Koch ein paar Chilischoten in den Wok warf. Als ihm der Essensgeruch in die Nase stieg, wischte er sich über die Lippen, weil ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Die Frau des Kochs machte ihm eine Flasche Five Star auf, und er beobachtete, wie sie das Bier in ein noch feuchtes Glas goss. Die Hitze ließ allmählich nach. Dafür fielen ein paar Tropfen auf das Jutedach des Straßenrestaurants. Wang Jun trank sein Bier und beobachtete die anderen Speisenden, welche Gerichte sie aßen, mit wem sie da waren. Sie alle hatte er schon einmal um Geld angebettelt. Aber nicht heute Abend. Heute Abend war er ein König. Reich, mit Geld in den Taschen.

Die Ankunft eines Ausländers ließ ihn aufmerken. Ein breitschultriger Mann, dessen langes weißes Haar zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden war. Seine Haut war blass, und er trug weiße Handschuhe. Als er unter die schützende Juteplane trat, ließ er den Blick über die Gäste schweifen. Er hatte fremdartige blaue Augen. Die Chinesen starrten von ihren Tischen aus zurück. Sobald er Wang Juns gebückte Gestalt erblickte, lächelte der Fremde. Er setzte sich Wang Jun gegenüber und sprach ihn auf Mandarin an, wenn auch mit starkem Akzent: »Du bist der kleine Wang. Du hast etwas für mich.«

Wang Jun starrte den Mann an und erwiderte, angespornt von der Aufmerksamkeit der anderen Chinesen, großspurig: »Ke neng.« Vielleicht.

Der Ausländer zog die Stirn kraus und beugte sich über den Tisch. Doch er wurde von der Frau des Kochs unterbrochen, die gerade in diesem Moment Wang Juns Mapo Tofuservierte. Kurz darauf kam auch das Schweinefleischgericht. Dann füllte sie eine Schale, die breiter war als Wang Juns Hand, mit dampfendem Reis und stellte sie vor ihn. Ohne den Mann aus den Augen zu lassen, langte Wang Jun nach den Stäbchen und fing an, das Essen in sich hineinzuschaufeln. Die Schärfe des Tofus trieb ihm Tränen in die Augen, und er verspürte ein Kribbeln, als ihm die gemahlenen Pfefferkörner allmählich den Mund betäubten.

Die Frau des Kochs fragte, ob der Fremde mit Wang Jun essen wolle, und Wang Jun musterte den Mann daraufhin prüfend. Tastete nach den Münzen in seiner Tasche, während ihm der Mund brannte. Aber angesichts der Größe des Ausländers kam ihm sein Reichtum mit einem Mal unzureichend vor. Zögerlich bejahte Wang Jun auf Chengdu Hua, dem Dialekt der Stadt, damit der Ausländer ihn nicht verstehen konnte. Daraufhin füllte die Frau eine weitere Schüssel mit Reis, nahm ein Paar Essstäbchen und stellte beides vor den Mann, der sie unentwegt dabei beobachtete. Dann betrachtete er den weißen Berg Reis vor sich und wandte sich wieder Wang Jun zu. Schüttelte den Kopf und sagte: »Du hast etwas für mich. Gib es mir jetzt.«

Dass dieser Mann sein Essen zurückgewiesen hatte, traf Wang Jun. Verärgert ließ er sich zu einem »Warum sollte ich das tun?« hinreißen.

Wieder runzelte der blasse Mann die Stirn und schaute ihn aus blauen Augen kalt und wütend an. »Hat dir der Tibeter nicht gesagt, dass du mir etwas geben sollst?« Er streckte eine behandschuhte weiße Hand aus.

Wang Jun zuckte mit den Achseln. »Du bist nicht zur Brücke gekommen. Warum sollte ich ihn dir jetzt geben?«

»Hast du ihn?«

Wang Jun wurde misstrauisch. »Nein.«

»Wo ist er?«

»Hab ihn weggeworfen.«

Der Mann langte über den Tisch und packte Wang Jun am verschlissenen Kragen. Zog ihn näher zu sich heran. »Gib ihn mir, sofort! Du bist sehr klein, ich kann ihn mir also nehmen, oder aber du gibst ihn mir. Du kannst heute Abend nicht gewinnen, kleiner Wang. Fordere mich nicht heraus.«

Wang Jun starrte den Ausländer an. Plötzlich sah er etwas Silbernes in dessen Brusttasche aufblitzen. Ohne zu zögern griff er nach dem Glitzerding und zog daran, bis es zwischen ihren Gesichtern hing. Die Gäste an den umliegenden Tischen keuchten auf, als sie erkannten, was Wang Jun da in der Hand hielt. Wang Juns Hand begann zu zittern, schüttelte sich vor lauter Entsetzen immer stärker, bis ihm der abgetrennte Finger des Tibeters mitsamt dem verzierten Türkisring aus der Hand rutschte und mitten in das Yu Xiang-Schweinefleisch plumpste.

Der Ausländer lächelte ein gleichgültiges Lächeln. Er sagte: »Gib mir den Datenwürfel, bevor ich mir auch von dir noch eine Jagdtrophäe hole.« Wang Jun nickte und griff langsam in die Tasche. Der Blick des Ausländers folgte seiner Bewegung.

Vor lauter Verzweiflung streckte Wang Jun die andere Hand aus und nahm sich eine Handvoll siedend heißen Mapo Tofu vom Teller. Ehe der Mann reagieren konnte, hatte er ihm das Tofu-Chili-Pfeffer-Gemisch direkt in die blauen Augen geschleudert. Während der Ausländer aufheulte, versenkte Wang Jun seine spitzen gelben Zähne in das blasse Fleisch der Hände, die ihn festhielten. Nachdem der Fremde Wang Jun losgelassen hatte, rieb er sich mit blutenden Händen wie wild die brennenden Augenhöhlen.

Wang Jun nutzte die neugewonnene Freiheit, ließ den brüllenden Ausländer zurück und rannte in die Dunkelheit der Gassen und Seitenstraßen, die keiner so gut kannte wie er.

Als der Regen stärker wurde, kehrte die Kälte nach Chengdu zurück, und zwar heftiger noch als zuvor. Betonböden und Gemäuer strahlten Kälte ab, Wang Juns Atem bildete kleine Nebelwölkchen. Gekrümmt hockte er in dem Karton, auf dem das Logo von Stone Ailixin Computers prangte. Aus den Bildern unter dem Logo hatte er geschlossen, dass er einmal für Satellitentelefone verwendet worden war. Von den Überresten seiner Kindheit umgeben, kauerte er sich darin zusammen.

Er konnte sich noch immer an den Landstrich erinnern, aus dem er stammte, an ein Zuhause aus Lehmziegeln. Deutlicher noch standen ihm die Berge mit den Reisterrassen vor Augen, und wie er an diesen glitzernden Feldern entlanggerannt war. Während seine Eltern, bis zu den Knöcheln im braunen Wasser stehend, gearbeitet hatten und überall grüne Reistriebe aus der Brühe emporschossen, hatte er mit einem Micro Machine-Flieger in der Hand im warmen Sommerschlamm gesessen und gespielt. Als er später aus seinem stillen Dorf weggegangen war, hatte ihn sein Weg wieder an ebendiesen Terrassen vorbeigeführt. Da niemand sie abgeerntet hatte, waren sie saftig grün gewesen.

Im kalten Fertigbetonschatten der Wolkenkratzer streichelte er sein Spielzeug-VTOL. Die Flügel, die sich nach oben und unten klappen ließen, waren abgebrochen und längst verloren gegangen. Er drehte es um und betrachtete den druckgegossenen Eisenrahmen. Dann zog er den Datenwürfel hervor und starrte ihn an. Wog das Spielzeug und den Würfel gegeneinander ab. Dachte schaudernd an den abgetrennten Finger des Tibeters mit dem silbernen Ring zurück. Der weiße Mann mit den blauen Augen würde nach ihm suchen. Er schaute sich in seiner Kiste um. Die Micro-Machine steckte er in seine Tasche, die unansehnliche Decke aber ließ er zurück. Dann nahm er seine gelbe Anchuan Maozi, die Verkehrssicherheitsmütze für Schulkinder, die er einem noch kleineren Jungen abgenommen hatte. Nachdem er sich die gelbe Wollkappe über die Ohren gezogen hatte, verstaute er den Datenwürfel wieder in seiner Tasche und ging fort, ohne noch einmal zurückzublicken.

Dreifinger sang gerade schwülstige Liebeslieder in einer Karaokebar, als Wang Jun ihn aufstöberte. Zwei Frauen mit glatter Haut und ausdruckslosem Blick leisteten ihm Gesellschaft. Beide trugen einen rotenSeidenqipao, wie es in Shanghai Mode war. Zwar wirkten die hochgeschlossenen Kragen traditionell, doch die Röcke waren an den Seiten fast bis zur Taille geschlitzt. Als Wang Jun sich im schummrig roten Licht näherte, warf Dreifinger ihm durch den rauchverhangenen Raum einen wütenden Blick zu.

»Was?«

»Hast du einen Computer, der so etwas lesen kann?« Er hielt den Datenwürfel in die Höhe.

Dreifinger starrte den Würfel an und streckte die Hand danach aus. »Wo hast du das her?«

Wang Jun ließ den Würfel nicht los, zog ihn aber auch nicht zurück. »Hab ich jemandem abgenommen.«

»Demselben Jemand, von dem du die Brille hattest?«

»Vielleicht.«

Dreifinger musterte den Datenwürfel. »Das ist kein handelsüblicher Datenwürfel. Siehst du die Stifte da drin?« Wang Jun blickte auf den Stecker. »Er hat nur drei Stifte. Du bräuchtest also einen Adapter, um zu lesen, was auch immer da drauf ist. Und selbst dann ist nicht sicher, ob du wirklich an die Daten kommst. Hängt davon ab, für welches Betriebssystem er entwickelt wurde.«

»Was muss ich also tun?«

»Gib ihn mir.«

»Nein.« Wang Jung wich einen Schritt zurück.

Eine der Frauen kicherte angesichts dieses Machtkampfs zwischen Mini-Gangsterboss und Straßenkind. Sie strich Dreifinger über die Brust. »Ärger dich nicht wegen des Taofanzhe. Widme dich lieber uns.« Dann kicherte sie wieder.

Wang Juns Blick wurde zornig. Dreifinger schob die Prostituierte fort. »Verschwindet.« Sie zog einen übertriebenen Schmollmund, ging aber mit ihrer Kollegin hinaus.

Dreifinger streckte die Hand aus. »Lass mich mal sehen. Ich kann dir nicht helfen, wenn du mich dieses tamade Teil nicht anschauen lässt.«

Stirnrunzelnd reichte Wang Jun ihm den Datenwürfel. Dreifinger betrachtete ihn von allen Seiten. Dann spähte er in die Buchse und nickte. »Man braucht das Huanglong-Betriebssystem.« Er warf ihn wieder zurück und sagte: »Das wurde für den medizinischen Bereich entwickelt. Sie benutzen es bei Gehirnoperationen oder bei der DNA-Sequenzierung. Ziemlich speziell. Wo hast du das her?«

Wang Jun zuckte mit den Schultern. »Hat mir jemand gegeben.«

»Fang pi.« Blödsinn.

Wang Jun antwortete nicht, und nachdem sie sich eine Weile eingehend gemustert hatten, sagte Dreifinger schließlich: »Xing, ich werde ihn dir abkaufen. Weil ich neugierig bin. Ich gebe dir fünf Yuan. Willst du ihn verkaufen?«

Wang Jun schüttelte den Kopf.

»Na schön. Zehn Yuan, aber mehr nicht.«

Wang Jun schüttelte wieder den Kopf.

Dreifinger Gao runzelte die Stirn. »Bist du über Nacht reich geworden?«

»Ich will ihn nicht verkaufen. Ich möchte wissen, was drauf ist.«

»Das wollen wir beide.« Dieses Mal musterten sie einander noch länger. »Also gut«, sagte Dreifinger schließlich. »Ich werde dir helfen. Aber wenn das, was da drauf ist, irgendeinen Wert hat, dann gehören Dreiviertel des Gewinns mir.«

»Yi ban.«

Dreifinger verdrehte die Augen. »In Ordnung. Also die Hälfte.«

Wohin gehen wir?«

Dreifinger eilte durch den kühlen Nebel. Führte Wang Jun in immer kleinere Gassen hinein. Die modernen, glänzenden Bauten aus Stahl und Glas wichen Lehmhütten mit strohgedeckten Dächern oder solchen mit Ziegeln. Das Kopfsteinpflaster unter ihren Füßen war ausgetreten – alte Frauen standen in dunklen Hauseingängen an Türrahmen gelehnt und starrten sie ausdruckslos an. Wang Jun beobachtete sie misstrauisch. Die Blicke der alten Frauen folgten ihnen lange.

Dreifinger blieb stehen und zog ein Päckchen Red Pagodas hervor. Steckte sich eine in den Mund. »Rauchst du?«

Wang Jun nahm den ihm angebotenen Glimmstängel und beugte sich zu dem Streichholz hinunter, das ihm Dreifinger hinhielt. Gelb loderte die Flamme auf, bevor sie unter dem Druck der nassen Luft niedersank. Wang Jun zog fest an der Zigarette und atmete dann den Rauch aus. Dreifinger zündete sich ebenfalls eine an.

»Wohin gehen wir?«

Dreifinger hob die Schultern. »Hierher.« Er deutete mit einer Kopfbewegung auf das Gebäude hinter ihnen. Schweigend rauchte er noch eine Weile, warf die Zigarette schließlich auf das feuchte Kopfsteinpflaster und trat sie mit einem seiner schwarzen Stiefel aus. »Mach deine auch aus. Schadet den Computern.« Wang Jun schnippte die Kippe gegen eine Wand. Rote Funken stoben umher, bevor sie qualmend am Boden landete. Dreifinger stieß eine Holztür auf. Die Farbe darauf war abgeblättert und der Rahmen derart verzogen, dass er sich dagegen werfen musste, bis sie laut kratzend nachgab und sie eintreten konnten.

Im schummrigen Licht konnte Wang Jun Dutzende von Monitoren erkennen. Bildschirmschoner und Datensätze flimmerten darüber hinweg. Kolonnen von Schriftzeichen und Zahlen flossen dahin, mit weit entfernten Informationsnetzwerken verbunden. Schweigende Menschen bearbeiteten unaufhörlich ihre Tastaturen, ansonsten war es still.

Dreifinger zog Wang Jun mit sich zu einem der stummen Programmiererund sagte: »He Dan, kannst du den lesen?« Er stupste Wang Jun an, und Wang Jun hielt den Datenwürfel hoch. He Dan griff mit anmutigen Fingern spinnengleich nach dem Würfel und hielt ihn sich nahe vors Gesicht, um ihn im spärlichen Licht zu betrachten. Nachdem er kurz mit den Achseln gezuckt hatte, wühlte er in einem Haufen Adapter. Er wählte einen aus, verband ihn mit einem losen Kabel und steckte ihn in den Datenwürfel. Dann gab er irgendetwas in den Computer ein, bis die Fenster und die Randleisten zu flackern begannen und eine andere Farbe annahmen. Als eine Box erschien, drückte er eine Taste.

»Wo bin ich?« Die Stimme war verzerrt und so laut, dass die Lautsprecher knackten. Die anderen im Raum zuckten zusammen. He Dan regelte die Lautstärke herunter. Die Stimme erklang erneut, dieses Mal leiser: »Hallo?« Sie klang ein bisschen verängstigt. »Ist da jemand?«, fragte sie.

»Ja«, antwortete Wang Jun ohne nachzudenken.

»Wo bin ich?« Die Stimme begann zu zittern.

»In einem Computer«, sagte Wang Jun.

Dreifinger schlug ihm auf den Hinterkopf. »Sei still!«

»Wie bitte?«, fragte die Stimme.

Sie lauschten schweigend.

»Hallo, hat da jemand gesagt, ich sei in einem Computer?«, fragte sie dann.

Wang Jun sagte: »Ja, du bist in einem Computer. Was bist du?«

»Ich bin in einem Computer?« Die Stimme klang verwirrt. »Eigentlich sollte ich operiert werden. Wieso bin ich in einem Computer?«

»Wer bist du?« Wang Jun ignorierte Dreifingers wütenden Blick.

»Ich bin Naed Delhi, der neunzehnte Dalai Lama. Wer bist du?«

Die Tippgeräusche verstummten vollends. Niemand sagte auch nur ein Wort. Wang Jun konnte das schwache Surren der Ventilatoren und die brummenden Monitore hören. Einige Programmierer wandten sich dem sprechenden Computer zu. Wang Jun hörte, wie sich vor der Tür jemand räusperte und ausspuckte. Der Computer sprach einfach weiter, unbeeindruckt von der Wirkung, die seine Worte gehabt hatten. »Hallo?«, sagte er. »Mit wem spreche ich?«

»Mit Wang Jun.«

»Hallo. Warum kann ich nichts sehen?«

»Du bist in einem Computer. Du hast keine Augen.«

»Ich kann hören. Warum kann ich hören, aber nicht sehen?«

He Dan mischte sich ein: »Der Software-Emulator von Ihrem Programm erlaubt keine Bildübertragung.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Sie sind eine künstliche Intelligenz. Ihr Bewusstsein ist Software. Ihr Input läuft über die Hardware. Und die vertragen sich nicht mit dem System, auf dem wir Sie installiert haben.«

»Ich bin keine Software«, sagte die Stimme bebend. »Ich bin der Dalai Lama der Gelbmützen. Der neunzehnte, der als solcher wiedergeboren wurde. Es ist nicht mein Schicksal, als Software wiedergeboren zu werden. Sie müssen sich irren.«

»Bist du wirklich der Dalai Lama?«, fragte Wang Jun.

»Ja«, antwortete der Computer.

»Wie ...«, begann Wang Jun, aber Dreifinger zog ihn von der Anlage weg, noch ehe er seine Frage beenden konnte. Er kniete sich vor Wang Jun hin und packte ihn mit zitternden Händen am Kragen. »Wo hast du diesen Würfel her?«, fauchte er, wobei sich ihre Gesichter fast berührten.

Wang Jun zuckte mit den Achseln. »Den hat mir jemand gegeben.«

Dreifinger schlug Wang Jun so schnell ins Gesicht, dass dieser die Hand nicht kommen sah. Wang Juns Kopf federte zurück. Seine Wange brannte. Die Programmierer schauten zu, während Dreifinger ihn anzischte: »Lüg mich nicht an. Wo hast du dieses Ding her?«

Wang Jun fasste sich an die Wange. »Von einem Tibeter, ich habe es von einem Tibeter, der Tigerknochen verkauft, und von einem Mann aus Hunan. Und da war eine Leiche. Ein großer Ausländer. Die Brille, die ich dir verkauft habe, gehörte dem toten Ausländer.«

Dreifinger legte den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke. »Lüg mich bloß nicht an. Weißt du überhaupt, was das bedeutet, falls wir wirklich den Dalai Lama auf einem Datenwürfel haben, den du in deiner Tasche herumgetragen hast?« Er schüttelte Wang Jun. »Weißt du, was das bedeutet?«

»Ich sollte ihn einem Mann mit weißen Handschuhen geben«, jammerte Wang Jun, »aber der ist nie aufgetaucht. Und da war noch ein anderer Mann. Ein Ausländer, und der hat den Tibeter getötet und ihm den Finger abgeschnitten, und meinen wollte er auch haben, und da bin ich weggerannt, und ...« Sein wimmerndes Gestammel wurde immer schriller.

Dreifinger legte Wang Jun die Hände um den Hals und drückte zu, bis ihm die Ohren klingelten und ihm schwarz vor Augen wurde. Wie von weit her hörte er Dreifinger sagen: »Fang ja nicht an zu heulen. Ich bin nicht deine Mutter. Wenn du mein Leben noch komplizierter machst, als es ohnehin schon ist, reiß ich dir die Zunge raus. Hast du verstanden?«

Wang Jun nickte benommen.

Dreifinger ließ ihn los und sagte: »Gut. Geh und sprich mit dem Computer.«

Nachdem Wang Jun tief durchgeatmet hatte, stolperte er zurück zum Dalai Lama.

»Wie bist du in den Computer reingekommen?«, fragte er.

»Woher weißt du, dass ich in einem Computer bin?«

»Weil wir deinen Datenwürfel angeschlossen haben, und dann hast du angefangen zu reden.«

Der Computer schwieg.

»Wie ist es da drin?«, versuchte es Wang Jun erneut.

»Grauenvoll und still«, sagte der Computer. »Ich sollte eigentlich operiert werden, und jetzt bin ich hier.«

»Hast du geträumt?«

»Ich kann mich an keinen Traum erinnern.«

»Führst du einen Aufstand gegen mein Heimatland an?«

»Du sprichst Chinesisch. Kommst du aus China?«

»Ja. Warum bringst du die Leute dazu, in Tibet zu kämpfen?«

»Wo befindet sich dieser Computer?«

»In Chengdu.«

»Meine Güte. Das ist weit von Bombay entfernt«, flüsterte der Computer.

»Du bist aus Bombay?«

»Ich wurde in Bombay operiert.«

»Ist es einsam da drin?«

»Ich kann mich an nichts erinnern. Aber es ist sehr still hier. Totenstill. Auch wenn ich dich hören kann, fühle ich doch nichts. Hier gibt es überhaupt nichts. Ich fürchte, ich bin gar nicht real. Das ist unerträglich. Alle meine Sinne sind verschwunden. Ich möchte aus diesem Computer heraus. Hilf mir. Bring mich in meinen Körper zurück.« Flehend hallte die Stimme des Computers aus den Lautsprechern.

»Wir könnten ihn verkaufen«, sagte Dreifinger unvermittelt.

Wang Jun starrte Dreifinger an. »Du kannst ihn doch nicht verkaufen.«

»Wenn sie dich jagen, dann will ihn irgendjemand haben. Also könnten wir ihn verkaufen.«

Der Computer sagte: »Ihr dürft mich nicht verkaufen. Ich muss nach Bombay zurück. Ich bin ganz sicher, dass meine Operation nicht beendet werden kann, solange ich nicht dort bin. Ich muss zurück. Ihr müsst mich zurückbringen.«

Wang Jun nickte zustimmend. Dreifinger aber lächelte nur spöttisch. He Dan sagte: »Wir müssen ihn ausstöpseln. Ohne Stimuli wird er sonst vielleicht noch verrückt, ehe ihr euch entschieden habt, was ihr mit ihm machen wollt«, sagte He Dan.

»Augenblick«, sagte der Dalai Lama. »Ihr müsst mich anhören. Wenn mein Körper tot sein sollte, dann müsst ihr diesen Computer, in dem ihr mich festhaltet, zerstören. Sonst kann ich vielleicht nicht wiedergeboren werden. Selbst Palden Lhamo wird meine Seele so nicht finden können. Sie ist sehr mächtig, aber wenngleich sie rittlings in ihrem Sattel aus der Haut des verräterischen Sohnes über den Blutsee reitet, wird sie mich möglicherweise nicht aufspüren können. Meine Seele wäre dann hier gefangen, auf unnatürliche Weise konserviert, während mein Körper bereits zerfällt. Versprecht mir das bitte. Ihr dürft mich nicht zurücklassen ...«

He Dan schloss das Programm und fuhr den Computer herunter.

Dreifinger sah ihn fragend an.

He Dan zuckte mit den Achseln. »Möglicherweise ist das der Dalai Lama. Wenn wirklich jemand hinter dem kleinen Bettler her ist, dann spricht das dafür. Seine Identitätsmatrix hochzuladen, während er operiert wird, wäre nicht weiter schwer.«

»Aber wer sollte das tun?«