Der Spielzeughändler - Volker Bond - E-Book

Der Spielzeughändler E-Book

Volker Bond

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Beschreibung

Daniel Graham ist ein ehemaliger Soldat des Navy SEAL Team Six, der härtesten und schlagkräftigsten Eliteeinheit der Welt. Jetzt arbeitet er für eine streng geheime Operativeinheit der CIA, die unter dem Deckmantel eines internationalen Spielzeugkonzerns in Santa Monica agiert. Um seine Liebsten zu schützen, lässt er seine Frau Sally und seine Tochter Dilan im Glauben, ein einfacher Spielzeughändler zu sein. Als er gerade mit seiner Familie am wunderschönen Pier zu Abend isst, findet er durch Zufall heraus, dass ein Anschlag auf ihn geplant ist. Es bleiben ihm exakt drei Minuten Zeit, um Sally und Dilan aus dem Hotel zu schaffen. Ein aussichtsloses Vorhaben, das nicht nur all sein Können abverlangt, sondern auch das Lügengerüst, das er ein Leben lang um sich aufgebaut hat, wie ein Kartenhaus einstürzen lässt. Nachdem er Sally nicht retten kann und es seiner Tochter verheimlicht, beschwört er ein emotionales Drama herauf, das alles, wofür er einst kämpfte, infrage stellt. In seiner Hoffnungslosigkeit und der Wut, die er den Attentätern entgegenbringt, trifft er eine folgenschwere Entscheidung: Mit Hilfe seines Vorgesetzten Miles Cabrol und der Assistentin Erica sucht er nach den Tätern und entfacht dabei ein nahezu beispielloses Katz-und-Maus-Spiel ...

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Seitenzahl: 592

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Vorwort

Ein Dankeschön an alle, die mich bei der Erarbeitung dieses Buches unterstützt haben!

Dies ist ein fiktionaler Text. Namen, Charaktere, Unternehmen, Schauplätze und Ereignisse werden entweder fiktional verwendet oder sind Fantasieprodukte des Autors. Jegliche Ähnlichkeiten zu realen Personen, ob lebend oder tot sind daher rein zufällig.

Muss gesagt werden

Für dieses Buch habe ich eine große Anzahl von Techniken verwendet, die auch in der Realität funktionieren (zb. Unkrautbombe, Faradayscher Käfig, Australische Maus etc.). Aufgrund meines strengen Gewissens habe ich diese „teilweise“ in ihrer Funktionalität verfälscht.

Die Sarracenia-Grube und das Aragonische Katapult sind meine eigenen Erfindungen.

Volker Bond

>>Man vergisst vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat, aber man vergisst niemals, wo das Beil liegt!<<

Mark Twain

PROLOG

Das Osterei

Santa Monica Pier, Kalifornien, USA

Hotel Lotario, Zimmer 013, 19:55 Uhr

Ein Mann bequemte sich gerade in einen antiken französischen Salonsessel und deponierte das Funkgerät auf die gepolsterte Armlehne. Sein Blick fiel auf die Fotos, die auf dem dunklen Sheesham-Tisch lagen. Das schwarzweiße Interface spiegelte die typischen Assoziationen geheimdienstlicher Aufnahmen wider – Satellitenfotos, Bilder von Überwachungskameras und Restlichtverstärkern. Der Mann fischte drei Aufnahmen aus dem Bündel und prägte sich nochmal die Gesichter der drei Zielpersonen ein. Auf dem linken war ein einsfünfundachtzig großer Mann zu erkennen, ungefähr Mitte Vierzig, dunkle Haare, Dreitagesbart und kräftige muskulöse Statur. Das mittlere Foto zeigte eine Frau, einsfünfundsechzig groß, ungefähr im selben Alter, attraktiv, lange pechschwarze Haare und einen unverkennbaren mexikanischen Teint. Das äußere Bild zeigte eine Teenager-Lady, die der Frau verblüffend ähnlich sah.

Eine Bilderbuchfamilie, dachte der Mann. Dann stapelte er die Fotos wie Spielkarten und legte sie neben das PC-Tablet. Er griff nach der zerknitterten Zigarettenpackung in der Hosentasche und zündete sich eine davon an. Mit einem tiefem Brustzug drückte er sich entspannt in die Rückenlehne und blies den blauen Dunst genussvoll Richtung Decke.

„Erledigt!“, kreischte das Funkgerät.

Der Mann drückte die Call-Taste. „Was wollte der Typ?“

„Mich auf eine Tour nach WeHo einladen.“

„West Hollywood?“, grinste er. „Dann hat er geglaubt, dass du vom rosaroten Ufer bist. Echt süß.“

„Das ist nicht witzig!“

„Verhielt er sich verdächtig?“

„Nein.“

Plötzlich piepte das Tablet auf dem Tisch und das Mikrofon begann zu rauschen.

„Was sind das für Störgeräusche?“

„Was schreibt der Display?“

„Nichts!“

„Okay!“ Er warf einen Blick auf das Tablet, das eine Fehlermeldung des Signals anzeigte. „Die Frequenz moduliert!“

„Was jetzt?“

„Moment, suche eine neue Signalspur!“ Der Mann steckte die Zigarette in eine Aschenbecherkerbe, nahm das Tablet zur Hand und rief eine Satellitenkarte auf. In der Mitte blinkte das Inselfunknetz - ein grün markierter Bereich mit einem gesicherten Funkkanal. Am nordöstlichen Rand überschnitt sich die markierte Zone mit der Linse eines Spionage-Satelliten. Jetzt kannte er den Grund der Störung. „Donald, es ist soweit! Die Hexe ist da! Die Flintstones werden jeden Moment eintreffen!“

„Kommt das Rauschen von ihr? Benutzen sie etwa phasengesteuertes Radar?“

„Nein!“, stöhnte er ungehalten. Wie dumm ist der Typ eigentlich?

„Können sie uns abhören?“

„Warte!“ Er rief das System mit dem Netzwerklogin auf, dann eine weitere Maske, auf der sich eine lange Liste mit verschiedenen Kanälen befand. „Ich aktiviere jetzt Dark-Train. Wechsle Kanal Sat Four auf Six!“

„Verstanden!“

Er öffnete ein Programm, das die Abbildung einer Trieblok als Logo hatte, und tippte am rechten unteren Rand auf das Feld Start. Die Maske klappte zusammen und öffnete einen Ladestreifen, der sich längs verlaufend grün einfärbte. Es dauerte kaum eine halbe Minute, bis das Programm fertig war und sich von selbst schloss. Der Mann öffnete erneut die Satellitenkarte, die nun den Inselbereich in roter Farbe mit einem goldenen Vorhängeschloss präsentierte. Dann blinkte der Display auf dem Funkgerät und der Mann änderte den Frequenzkanal von Four auf Six.

„Donald, kannst du mich wieder einwandfrei hören?“

„Ja!“, meldete dieser. „Zwischenzeitig hat sich etwas geändert. Charly Chaplin hat endlich den Platz verlassen.“

Der Mann blickte auf seine Uhr. „Gerade rechtzeitig. Hat er das Osterei entdeckt?“

„Schätze nicht.“

„Ja oder nein?“, murrte er. „Was sagen die anderen?“

„Track sagt, dass er einen French Toast mit Pommes gegessen hat … reichlich Pommes. Dazu hat er ein Bier getrunken. Er hat kein einziges Mal unter den Tisch gesehen.“

„Also ist er kein Spook?“

„Ich denke nicht!“

„Was macht er jetzt?“

„Er geht nach hinten, die Brücke entlang!“

„Verlässt er das Pier?“

„Keine Ahnung!“

„Was macht ein Kerl in einer lauen Sommernacht mit einer gefütterten Lederjacke auf dem Piersteg?“

„Vielleicht ist ihm kalt?“

„Kalt?“ Er runzelte die Stirn. „Könnte es sich doch um einen Informanten handeln? Einen Kerl, den wir nicht kennen? Trägt er vielleicht Ausrüstung unter der Jacke?“

Das Funkgerät blieb stumm.

„Donald!“ Er nahm noch einen kräftigen Brustzug, bevor er den Glimmstängel im Aschenbecher zerquetschte. „Donald! Verdammt! Antworte!“

„Bin doch da!“, meldete Donald.

Der Mann atmete vor Erleichterung auf. „Wir befinden uns in der heiklen Phase! Du musst erreichbar bleiben!“

„Schon gut, Dietbert hat mir etwas Wichtiges mitgeteilt.“

„Was kann jetzt wichtiger sein?“, fragte er erbost.

„Er glaubt, ich hätte etwas mit dem Unfall zu tun!“

„Unfall? Meinst du Silver Spring?“

„Ja, Tabira wurde gezielt ausgeschaltet. Es war kein Unfall. Es steht sogar in den Nachrichten.“

„Verdammt, keine Echtnamen per Funk!“, regte er sich auf. „Und sagte ich nicht, dass ihr eure Handys im Auto lassen sollt?“

„Warte! Er ruft gerade an! Melde mich gleich wieder!“

„Donald!“, brüllte er und stieß genervt Luft aus. „Du strapazierst gerade meine Geduld!“

Erneut griff er nach der Zigarettenpackung und spielte damit auf seinem Oberschenkel. „Verdammter Scheißkerl!“, fluchte er. Dann blickte er auf seine Armbanduhr und schüttelte den Kopf. Er konnte nicht fassen, dass sein Partner ausgerechnet jetzt ein Gespräch über eine Sache führen musste, die sich längst erledigt hatte. Und das während ein Satellit über seinem Kopf kreiste und vermutlich imstande war, auf das lokale Handynetz zuzugreifen. Er schwor sich insgeheim, nie wieder mit ihm zu arbeiten.

„So, erledigt!“, antwortete Donald nach etwa einer Minute.

„Willst du mich verarschen?“, ärgerte er sich.

„Bleib jetzt ruhig!“

„Sag mir nicht, dass ich ruhig bleiben soll, verdammt! Die Sache muss problemlos über die Bühne gehen!“

„Die Flintstones sind gerade eingetroffen.“, meldete Donald.

Er hielt kurz inne bevor er antwortete. „Wann?“

„Vorhin!“

„Vorhin ist keine Antwort auf meine Frage!“

„Gott … dann eine halbe Minute eben!“

„Kannst du sie sehen?“

„Ja, Pebbles hätte mich beinahe gerammt!“

„Was?“, zischte er. „Aufpassen, verflucht! Du versaust gerade die Operation!“ Vor Aufregung steckte er sich erneut eine Zigarette in den Mund. „Hat sie dich gesehen? Haben dich Fred und Wilma gesehen?“

„Nein.“

„Beziffere die Nein-Wahrscheinlichkeit!“

„Hundert Prozent.“

„Wo hat sich das gerade zugetragen?“

„Neben dem Riesenrad. Pebbles ging etwa einen halben Meter an mir vorbei. Ich konnte mich gerade noch rechtzeitig wegdrehen.“

„Die Hexe ist über dir! Ich hoffe, sie hat dein Gesicht nicht aufgezeichnet.“

„Ich habe mich nach Norden gedreht!“

Er warf einen Blick auf das Tablet. Das Sichtfeld des Satelliten befand sich direkt über Donald. Wenn er sich nach Norden drehte, zeigte er der Linse den Rücken. „Wenigstens etwas, dass du richtig gemacht hast!“

„Die Flintstones bewegen sich zum südöstlichen Eingang und werden in Kürze auf dem Osterei sitzen!“

„Kannst du Tick, Trick und Track sehen?“

„Nein, draußen ist zu viel los. Sie haben aber bestimmt schon ihre Positionen bezogen.“

„Überzeuge dich davon!“

„Kann ich nicht, weil mich sonst die Hexe entdeckt. Außerdem halte ich externen Funkkontakt mit ihnen. Mach dir keine Sorgen, es läuft alles nach Plan! Ich werde das Hotel durch den Hintereingang betreten und mich im Gastraum vergewissern, dass die Flintstones am richtigen Platz sitzen.“

„Pass bloß auf! Fred kennt dich!“

„Er wird nicht mehr wissen, wer ich bin. Das liegt zu viele Jahre zurück.“

„Warte bis sie essen! Dann sind sie beschäftigt und werden dich nicht bemerken. Platzier dich so, dass du den Gastraum schnell wieder verlassen kannst. Dann holst du dir den Ei-Picker!“

„Aye, aye, Onkel Dagobert!“

Keine Zeit zu sterben

Während wir auf unser Essen warteten, blickte ich aus dem Fenster des Hotels und bewunderte die wunderschönen endloslangen Sandstrände, über die gerade die kraftvolle Sonne eintauchte.

„Woran denkst du gerade, Danny?“, fragte Sally.

„An dich natürlich!“, antwortete ich.

„Lügner!“, schmunzelte sie verlegen. „Jetzt mal ehrlich, woran denkst du wirklich?“

Ich nahm ihre Hand und drückte sie. „Wie viele Abende wir hier schon verbracht haben.“, sagte ich und bemerkte den melancholischen Klang meiner Stimme erst hinterher.

„Trotzdem waren es zu wenige.“, seufzte sie und schenkte mir ein vielsagendes Lächeln.

„Seid ihr jetzt fertig?“, fragte Dilan, die es wieder einmal glänzend verstand, die Romantik des Abends mit wenigen Worten zunichte zu machen.

„Wie wär's, wenn wir nach dem Essen eine Runde mit dem Riesenrad fahren?“, fragte ich.

„Sei nicht kindisch, Dad!“, antwortete Dilan.

„Früher bist du oft mit uns gefahren.“

„Gott, Dad! Wen interessiert es, was früher war?“

Sally grinste mich verstohlen an. Ich wusste, was sie gerade dachte. Die Launenhaftigkeit unserer achtzehnjährigen Tochter glich einem Geigerzähler in Prypjat. Sie wollte lieber zuhause bleiben, aber weil wir auf ihre Gesellschaft nicht verzichten wollten, nervte sie uns nun. Sie beharrte darauf, dass, wenn sie mitfahren musste, unbedingt im Innenbereich sitzen möchte. Sie meinte, dass ihr der Wind zu kalt wäre und sich eine Mittelohrentzündung holen könnte. Unser Nesthäkchen hatte sich entgegen unserer Erziehungsziele zu einer eitlen penetranten Muster-Zicke entwickelt, die alles bemeckerte und kritisierte, das nicht ihrem Karma entsprach. Statt draußen zu sitzen, den romantischen Doo-Wop-Klängen einheimischer Hobbymusiker zu lauschen, die Sally so liebte, oder die unzähligen Touristen zu beobachten, wie sie die sunbaked T-Shirt-Läden stürmten, saßen wir in einer völlig überfüllten Räucherkammer, in der es neben dem eintönigen Gemurmel der Gäste nur stickige Umluft aus Deckenventilatoren gab.

Ich senkte den Blick und starrte auf das handgeflochtene Körbchen am Tischrand, das randvoll mit Nachos gefüllt war. Im Hintergrund hetzten Kellner in weißen Anzügen umher und servierten Clam-Chowder. Dabei fiel mir ein Kellner auf, der ständig Probleme mit einem Kinderwagen hatte. Er donnerte gerade zum dritten Mal dagegen. Das Paar, das zwei Plätze neben uns saß, hob das Kleinkind zur Sicherheit aus dem mobilen Transporter und ließ es auf der Bank zwischen ihnen umherkrabbeln. Als ich wieder zu Sally blickte, streifte sie sich gerade verführerisch ihr sandfarbenes Seidenjäckchen ab. „Den stickigen Dunst hält kein Mensch aus!“, stöhnte sie.

Ich nickte mit einem schmalen Grinsen.

„Mum, du weißt, dass ich es hasse, wenn mir die Leute in das Essen starren!“, rechtfertigte sich Dilan und strich sich die goldblonden Strähnchen über ihre langen dunklen Haare.

„Die Leute?“, fragte ich etwas verblüfft. „Du sagtest, dass dir der Wind Ohrenschmerzen bereiten könnte.“

„Der Wind und die Leute! Vor allem aber die Leute! Und dann noch die Möwen, die alles zuscheißen! Das Pier gleicht einem Dalmatinerfell!“, meckerte sie genervt. „Ich verstehe nicht, warum ihr ausgerechnet heute Abend ausgehen müsst! Ausgerechnet heute, wo ich auf Antwort von Billy Morgan warte!“

„Wer ist Billy Morgan?“, fragte ich. „Ein neuer Freund?“

„Das geht dich nichts an!“, fauchte sie. „Wärst du öfters zuhause, wüsstest du es!“

„Da hat sie recht.“, lachte Sally.

„Ich habe momentan viel um die Ohren und … aber ... jetzt bin ich Schuld, weil ich euch zum Essen eingeladen habe?“, stotterte ich etwas irritiert.

„Ja, und weil du immer in dieses dämliche Hotel am Pier gehen musst! Kann es nicht einmal eines in der Innenstadt sein? Das Tender Greens zum Beispiel, oder Amelias, oder Misfit? Nein, es muss immer das Lotario sein!“

„Jetzt ist es aber genug, Dilan!“, herrschte Sally sie an. „Wir sehen Daddy nicht oft und wenn er uns zum Essen einlädt, wünsche ich mir ...“

„Das Lachs-Quiche?“, unterbrach ein Kellner.

Ich hob die Hand, murrte ein unverständliches Yep und bekam sogleich den Teller vor die Nase gesetzt.

„Zuckerrübensalat mit Kartoffelbrei und Spargel?“

„Ich!“, vermeldete Dilan und schnippte dem Kellner mit den Fingern zu.

„Das Burrito Mojado kommt sofort!“, sagte der Kellner und huschte wieder davon.

Als ich gerade dabei war, mein köstliches Gericht zu inspizieren, entging mir Dilan's provokantes Verhalten nicht. Wie eine Royal Lady nahm sie eine aufrechte Sitzposition ein, schob angewidert das in einer Papier-Serviette eingerollte Essbesteck zum Tischrand und tauschte es gegen ihr blaues Plastikbesteck aus der Handtasche.

„Dilan, was soll das?“, fragte ich verärgert.

„Hast du vergessen, dass ich eine Nickelallergie habe?“

„Nein, aber musst du das Besteck derart arrogant zur Seite legen, als ob es dir nicht gut genug ist?“

„Wie soll ich es deiner Meinung nach machen, ohne dass mir Ballongeschwülste, so groß wie Hühnereier, wachsen?“, fragte sie provokant. „Ich bin dann wieder diejenige, die tagelang wie ein Zombie durch die Stadt irrt und tonnenweise Neomycin schmieren muss!“

„Schluss jetzt, Dilan!“, mischte sich Sally ein. „Hör auf in diesem Ton mit deinem Vater zu reden!“ Dann wandte sie sich mir zu. „Und du auch, Danny! Provoziere sie nicht! Du kennst sie doch!“

„Mum hat recht!“, stimmte ich ihr zu. „Machen wir uns einen gemütlichen Abend und genießen das leckere Essen!“

„Genau, Dad!“, grinste Dilan hämisch. „Dein Fisch enthält mehr Jod als die gesamte Stadtapotheke! Wenn du dir noch Scallops bestellst, würde dir ein Kropf in der Größe einer Bowling-Kugel aus dem Hals wachsen!“

„Dilan, verdammt!“, zischte Sally und stoppte damit die Verbalattacke, zu der ich gerade ansetzte. „Du entschuldigst dich sofort bei deinem Vater, sonst dreh ich dir für die nächsten Wochen das Internet ab!“

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“, wehrte sich Dilan entgeistert. „Billy Morgan … Du weißt schon … Das geht nicht!“

„Entschuldige dich!“, forderte sie sie auf. „Sofort!“

„Ich habe nichts Unrechtes gesagt, Mum!“

„Dilan!“ Sally war jetzt richtig sauer. Ich konnte aus ihrem Blick lesen, dass unserem Engelchen bloß wenige Sekunden blieben, bevor sie ihre Drohung in die Tat umsetzte.

„Fisch ist ungesund! Ich habe das nicht böse gemeint!“

Sally verschränkte die Arme an der Hüfte und blickte sie giftig an. Dilan wusste, dass ihre Ausflüchte keinen Erfolg erzielen würden. Somit blieb ihr keine Wahl als nachzugeben. Beschämt wie ein kleines Kind rollte sie ihre Augen zu meiner Wenigkeit. „Sorry, Dad!“, murmelte sie leise, ohne dabei ihre Lippen zu bewegen - fast wie ein Bauchredner, aber ohne Puppe.

Ich atmete kräftig durch, würzte den Lachs mit Salz und Pfeffer nach und trank einen Schluck edlen Cabernet Sauvignon aus dem heimischen Napa Valley. „In Ordnung! Lasst uns jetzt essen!“

Plötzlich fielen die Blicke der beiden hinter mich. Ich drehte mich um und sah den Kellner. Sein Blick sagte mir, dass er bereits die ganze Zeit hier stand und den letzten Teil unserer Auseinandersetzung mitbekam. Er wartete bloß auf den richtigen Moment, um das Essen zu servieren. „Das Burrito Mojado!“, sagte er sodann und platzierte den Teller unter Sally's Nase. Nachdem er wieder gegangen war, hätte ich beinahe gelacht. Aber Sally verstand es perfekt, der peinlichen Situation keinen heiteren Aspekt abzugewinnen. Sie rückte näher zu Tisch, rollte das Besteck aus der Serviette und wünschte uns Guten Appetit.

Sally war eine hochanständige und impulsive Frau, die stets wusste, was sie wollte. Dieses Temperament verdankte sie großteils ihren mexikanischen Genen. Sie boten ihr eine riesige Bandbreite an Charaktereigenschaften, die sie nacheinander miteinander zu verknüpfen wusste. Zuerst diese ungeheure Ausstrahlung, diese Bodenständigkeit, der feurige Ausdruck in den Augen, die pechschwarzen Haare, die großen Brüste und die bis ins Detail perfektionierten Kurven. Man könnte meinen, Gott hatte die mexikanische Frau anders geschaffen, die Bauteile mit mehr Liebe zum Detail gewählt und die Gussmasse so verteilt, dass alles an den richtigen Stellen Platz fand. Mit ihr hatte ich auch nie einfachen Sex. Mit ihr hatte ich ausschließlich Sex bis zur Ekstase! Wo andere Frauen bereits abwinkten, legte sie erst richtig los. Nach den ersten Malen musste ich meinen Schwanz mit Eisbeutel kühlen, damit er nicht verglühte. Ich betrachtete es als himmlische Notwendigkeit, diese unglaubliche Leidenschaft an mich zu binden. Sie war die Quintessenz meiner Partnervorstellung! Deshalb heiratete ich sie auch. Diesen Schritt habe ich bis heute keinen einzigen Tag bereut. Ihr richtiger Name war übrigens Seda, nur nannte sie niemand so. Alle nannten sie Sally. Ihre Eltern, Jose und Erendira Valleres, stammten aus Tijuana, einer Grenzstadt nahe San Diego. In jungen Jahren wanderten sie zwecks besserer Verdienstmöglichkeiten nach Sorrento Valley aus, einem Vorort von San Diego. Jose fand einen Job als Lagerarbeiter, arbeitete sich bis zum stellvertretenden Abteilungsleiter hoch, während sich Erendira um Sally kümmerte. Ich lernte sie in den Neunzigern kennen, kurz vor dem ersten Golfkrieg. Gerade zu einer Zeit, als ich mich auf einer Selbstfindungsexpedition befand. Ich hatte das College hingeworfen und damit auch meinen Kindheitstraum, später einmal im Fernsehen Wetterfrosch zu spielen. Den Entschluss fasste ich aber nicht aus Faulheit oder irgendeiner anderen Form von Unlust. Ich war in einer depressiven Phase und kämpfte mit dem Verlust meiner Eltern. Ich werde wohl nie den Tag vergessen, als ich während des Unterrichts zum Direktor zitiert wurde, der mir schonend beizubringen versuchte, dass sie bei einem Einkaufsbummel in Westwood Village brutal überfallen und ermordet wurden. Und das wegen einem Paar Esprit-Schuhe, einer italienischen Import-Lederjacke und hundertfünfzig Dollar. Die Polizei sagte mir, dass es sich um ein paar zugedröhnte Jugendliche handelte, die schnelles Geld für ihren nächsten Trip suchten. Beschaffungskriminalität nannten sie das. Die Tat geschah mitten am Tag, während der Hochsaison. Ohne ein Wort zu sagen, stachen sie mit Taschenmessern auf Mum und Dad ein, schnappten sich die Utensilien, ließen die Opfer auf dem Bürgersteig verbluten und ergriffen die Flucht. Schon zwei Gassen weiter wurden sie von Streifenpolizisten aufgegriffen und widerstandslos verhaftet. Zurückgelassen haben sie ein paar schockierte Passanten und einen pubertierenden Teenager, der im Tränenmeer erstickte. Und das für hundertfünfzig Mäuse und ein paar mittelmäßige Klamotten.

Daraufhin fand ich Unterschlupf bei Onkel Bob und Tante Vicky. Mangels Lebensmut und einer vernünftigen Zukunftsperspektive warf ich das College hin. Es folgten drei Jahre nicht enden wollender Hoffnungslosigkeit und Selbstmitleid, bis mir mein Onkel den gutgemeinten Ratschlag gab, mich bei der Army zu melden. Nach reiflicher Überlegung tat ich es. Jedoch meldete ich mich nicht bei der Army, sondern bei den Navy-SEALs in Coronado. Nach der Hochzeit und den Flitterwochen zog ich mit meinen Waffenbrüdern in den Krieg. Sally wusste zwar immer, wo ich gerade war, aber nicht, was ich tat. Aus Sicherheitsgründen verschwieg ich ihr meine wahre Berufung und behauptete für den Nachschub der Army zuständig zu sein. Nach meiner Beförderung zur SEAL-Elite wurde ich nach Virginia beordert, woraufhin wir umziehen mussten. Dilan war bereits auf der Welt und Sally gefiel es dort überhaupt nicht. Sie vereinsamte, vermisste ihre Heimat und wollte wieder zurück nach Kalifornien. Also gab ich nach und verließ die Navy. Mit Hilfe meines damaligen Befehlshabers kam ich bei einem Spielzeugriesen in Santa Monica unter. Wir kauften uns ein bescheidenes Haus in der Kensington Road und Sally war wieder glücklich und zufrieden.

Ich war immer der Hauptverdiener der Familie gewesen und die meiste Zeit unterwegs. Offiziell arbeitete ich im Fernhandel der Spielzeugkette TRAVUS in der Mills Street. Mit sechzehntausend Mitarbeitern und unzähligen Zweigstellen in ganz Amerika setzte die Firma jährlich weltweit mehr als achtzig Milliarden Dollar um. Neben Spielwaren aller Art erzeugten wir noch Puppen in aufwendiger Handarbeit. Wenn man das Gewerbe nicht kannte, hatte man keine Ahnung, welchen Aufwand das darstellte. Man brauchte Drücker, Drechsler, Schnitzer, Gelenkmacher, Stopfer, Augenmacher, Puppenschuhmacher, Perückenmacher und Puppenfriseure. Dazu kamen die neuen elektrischen und feinmechanischen Errungenschaften, die beinahe gänzlich die früheren Bossierarbeiten ersetzten. Und nur die Wenigsten wussten, dass wir teilweise auch für die Rüstungsindustrie arbeiteten, insbesondere für die Bekleidung. Das rückte unsere Branche in ein ganz anderes Licht und war auch der eigentliche Grund, warum ich dort arbeitete. Aber davon hatte meine Familie auch keine Ahnung ...

Während ich gerade mein leckeres Gericht genoss, ließ ich den Blick unbewusst durch das Lokal schweifen. Dabei fiel mir ein Mann auf, der am Tresen stand und gerade den Blick von mir abwandte. Ich wusste nicht, woher ich das Gesicht kannte, aber mein Gedächtnis begann zu rattern. Die spitze Nase, der struppige Flokati-Haarschnitt, dazu der Blick und das Gehabe … all das formte sich zu einem Bild, das mir bekannt vorkam. Nur wusste ich nicht woher.

Der Mann stemmte sich gelassen vom Tresen weg und verschwand Richtung Toiletten. Ein drückendes Unwohlsein machte sich in meiner Bauchgegend breit und ließ meine Alarmglocken läuten. Ich hatte zwar ein gutes Gedächtnis, aber es war leider nicht so gut, dass ich mir jedes Gesicht merken konnte. Was aber immer funktionierte war mein Bauchgefühl. Es sagte mir augenblicklich, ob es sich um eine gute oder schlechte Bekanntschaft handelte. Und bei diesem Mann spürte ich deutlich, dass ich ihm hier niemals begegnen durfte. Dazu kam sein jetziges Verhalten, dass er mich beobachtete und dabei unauffällig wirken wollte. Er tat so, als blickte er nur zufällig zu mir. Nachdem ich ihn bemerkte, sah er schnell weg und verließ seelenruhig seinen Platz – so ruhig, dass er am liebsten gelaufen wäre. Hier war etwas faul! Und dem musste ich nachgehen. Ich legte das Besteck zur Seite und erhob mich vom Platz.

„Was ist los, Schatz?“, fragte Sally.

„Ich muss kurz auf die Toilette.“, antwortete ich und machte mich auf den Weg.

Hinter dem Tresen führte eine Doppelflügeltür in den Sanitärbereich, der im dahinterliegenden Flur lag. Rechts der Flügeltür befand sich eine Treppe zu den Gästezimmern und auf der rechten Seite lag der Eingang zur Küche. Ich betrat die Herrentoilette. Bis auf ein Pissoirbecken waren alle besetzt. Drei Männer standen vor den Waschbecken und die Kabinen waren alle, bis auf zwei, besetzt. Es war ein ungünstiger Zeitpunkt, um vor all den Notdürftigen die Türen einzutreten, um herauszufinden, ob der Typ gerade auf einem der Töpfe saß. Wenn er sich tatsächlich vor mir versteckte, dann würde er sicher noch eine zeitlang dort hocken bleiben. Da war es wichtig, den Gang im Auge zu behalten. Ich verließ die Toilette und ging zum Ende des Flurs. Auch hier kein Hinweis auf den Verbleib des Mannes, nur ein paar Gäste, die sich ein wenig umsahen. Ich ging zurück zur Treppe und begab mich in den ersten Stock. Auch hier dasselbe Bild. Eine Treppe, die in ein weiteres Stockwerk führte und dann der Flur, der um die einzelnen Gästezimmer führte. Hier war es im Gegensatz zum Erdgeschoß enorm ruhig. Kein Wunder, denn es war acht Uhr abends und die Gäste saßen im Speisesaal. Als ich gerade dabei war, die Treppe zum nächsthöheren Stockwerk zu nehmen, sah ich, wie der Mann vom Tresen gerade in ein Zimmer schlich und die Tür hinter ihm versperrt wurde. Als ich mich nähern wollte, verließ ein Zimmermädchen das benachbarte Zimmer und blickte mich fragend an. Ihr folgte ein Mann in einem dunklen Anzug, der das Schild mit der Aufschrift Bitte Zimmer reinigen vom Türknauf nahm. Vermutlich ein Hotelmanager.

„Mr. Engels?“, fragte er mich.

Ich überlegte kurz und bejahte schließlich. Ich wollte mir alle Optionen offen halten, bevor ich mich zu einer weiteren Vorgehensweise entschloss.

„Die Kaffeeflecken auf dem Teppich und der Wand wurden gesäubert.“

„Danke!“, antwortete ich freundlich. Das Zimmer grenzte direkt an jenes, in das soeben der Mann vom Tresen ging. Wenn ich schlau war … „Blöderweise habe ich den Schlüssel im Speisesaal vergessen. Könnten Sie mir ausnahmsweise die Tür für ein paar Minuten offen lassen?“, fragte ich.

„Selbstverständlich Mr. Engels!“ Dann wandte er sich an das Zimmermädchen. „Hast du verstanden, Bibi?“

„Ja.“, murmelte die etwas mollige Südländerin mit der weißen Schürze. „Ich gieße noch schnell die Blumen und lasse dann offen.“

„Später, bitte!“, mischte ich mich ein. „Ich muss nur kurz etwas holen und dann können Sie die Blumen gießen.“

„Aber der Putzkarren steht noch im Zimmer.“

„Kein Problem, er stört mich nicht. Ich brauche nur ein paar Minuten!“

„Kein Grund zur Eile!“, sagte der Mann im Anzug. „Bibi, du kannst zwischenzeitig Tracy mit Zimmer Zweiundzwanzig helfen!“

Schnell huschte ich mit einem freundlichem Lächeln an ihnen vorbei ins Zimmer. Links standen große dunkle Holzkleiderkästen, danach folgte die Tür zum Badezimmer und auf der anderen Seite befand sich die Toilette. Anschließend gelangte ich in einen großen Wohnraum, wo links hinter der Mauer ein Doppelbett stand und rechts gegenüber eine bequeme Wohnzimmernische mit einem kleinem Tisch, Sesseln und einem Flachbildfernseher. Dahinter war die Wand, die ans Nachbarzimmer grenzte. Ich lehnte mein Ohr an diese, um vielleicht etwas von nebenan mitzubekommen. Die Wand war zum Glück nicht dick und ich konnte tatsächlich jemanden sprechen hören. Leider verstand ich kein Wort. Ich musste einen Weg finden, um mithören zu können. Wenn man sich in einem geschlossenem Raum unterhielt, selbst wenn man dies leise tat, breitete sich das Gesagte in Form von Schallwellen im ganzen Raum aus und brachte Wände sowie Glasfenster zum Vibrieren. Das nannte sich Festkörperschwingung. Ich musste ein Hilfsmittel finden, um diese Spannungsimpulse zu verstärken. Am besten eignete sich dafür ein hundsordinäres Wasserglas. Also schaute ich mich um. Auf dem Tisch standen viele Utensilien - Aschenbecher, Zigarettenpackung, Feuerzeug, Zuckerdose und eine Thermoskanne. Neben der vorderen Mauerkante stand der Putzkarren von Bibi mit jeder Menge Putzmitteln, Handtücher, Kübeln, Besen, Putztücher und einem Set zur Pflanzenpflege. Ich eilte ins Badezimmer und hatte Glück. Statt der üblichen Zahnputzbecher aus Plastik standen hier welche aus Glas. Ich schnappte mir eines und lief zurück. Ich drückte das Glas an die Wand und mein Ohr gegen den Glasboden.

„... bin mir sicher!“, sagte eine Männerstimme.

„Na gut!“, antwortete eine andere Stimme, die sich von der ersten durch eine tiefere Tonlage unterschied.

„Wo hast du ihn?“, fragte die erste Stimme.

„Hier!“

Dann wurde es kurz leise und ich konnte nur ein undeutliches Murmeln verstehen.

„ … falls Enbi die Explosion überlebt, werden sie ihn mit Blei vollpumpen!“, sagte wieder die erste Stimme.

„Wahrscheinlich wird es auch Kollateralschäden geben.“, sagte die zweite Stimme. „Aber je mehr dabei umkommen, umso besser für uns. Die Polizei wird länger damit beschäftigt sein, wem der Anschlag gegolten hat.“

„Wann soll ich sie hochjagen?“

„In drei Minuten!“

„So früh?“

„Er hat dich am Tresen gesehen. Du weißt, dass er einen guten Riecher hat und wozu er imstande ist!“

„Aber sie haben das Essen erst vor ein paar Minuten bekommen! Sie werden jetzt nicht aufstehen und abhauen! Falls doch, werden Joe, Will und Tony dafür sorgen, dass sie nicht weit kommen!“

„Nein! Kein Risiko! Ich kenne Enbi! Drei Minuten, verstanden? In genau drei Minuten jagst du sie hoch!“

„Drei Minuten, okay!“

Ich hörte Schritte und dann, wie jemand die Tür auf und zu machte. Schnell begab ich mich zurück zur Eingangstür und blickte durch den Türspion. Ich sah den Mann vom Tresen, wie er gerade die Treppe nach unten ging und dabei einen kleinen Schalter mit ausziehbarer Antenne in der dunkelbraunen Jackentasche verschwinden ließ.

Verdammt! Meine Befürchtungen bestätigten sich! Die Typen meinten mich! Enbi war mein Deckname! Die beiden wussten, wer ich war. Sie hatten mich hier am Pier gefunden und heckten den Plan aus, meine Familie und mich zu töten. Aus dem letzten Teil des Gesprächs konnte ich schließen, dass sie eine Bombe unter unserem Tisch platzierten und mit drei Männern die Ausgänge sicherten. Ich hatte keine Zeit mir Gedanken darüber zu machen, wer diese Typen waren! Ich musste mir Gedanken machen, wie ich Sally und Dilan retten konnte.

Ich atmete kräftig durch und bereitete mich geistig und mental auf einen Einsatz vor. Das Vergnügen war vorbei! Ich sammelte mich, dann stellte ich die Zeitstopp-Funktion meiner Armbanduhr auf zwei Minuten und fünfzig Sekunden. Zwei Minuten und fünfzig Sekunden verblieben mir jetzt, meine Familie und mich aus dem Gefahrenbereich zu schaffen. Das Problem war, dass ich nicht einfach zurückspazieren konnte, um Sally in zwei kurzen Sätzen zu erklären, dass mein gottverdammtes Leben eine Lüge war und sie sich in Gefahr befanden. Die beiden würden mir kein Wort glauben, egal wie ich es ihnen zu erklären versuchte. Sie würden mir die Wahrheit nicht einmal ansatzweise abkaufen. Schon gar nicht in drei Minuten!

Zwei Minuten und dreißig Sekunden.

Langsam sollte mir etwas einfallen! Das Problem war, dass der Mann vom Tresen bereits weg war und die Zeit zu knapp, ihn erneut zu suchen. Ich musste unbedingt zum Tisch zurück, bevor die Kerle vor dem Hotel misstrauisch wurden. Würde ich nicht zurückkehren, wüssten sie, dass ich von ihrem Vorhaben erfahren hatte und würden meine Familie gleich töten. Kehrte ich zurück, wären meine Familie und ich tot. Es gab kein Entrinnen! Auch konnte ich Sally und Dilan nicht einfach schnappen und die Lokalität verlassen. Dadurch, dass sie alle Ausgänge sicherten und ich unbewaffnet war, blieb mir keine Wahl, als wieder zum Tisch zurückzukehren und wenn möglich ... Verdammt, mir musste etwas anderes einfallen!

Ich stellte das Glas auf dem Putzkarren ab und blickte mich um. Ich fand aber nichts, das mir behilflich war.

Noch eine Minute und fünfundfünfzig Sekunden.

Ich verließ das Zimmer. Dabei zog ich Bibi's Generalschlüssel ab, der noch im Türschloss steckte, und verstaute ihn in der Hosentasche. Wenn nicht alles schiefging, blieb mir zumindest eine Fluchtmöglichkeit. Aber soweit musste ich es vorerst einmal schaffen. Ich überlegte wieder. Der Funkschalter war klein, viel kleiner als ein Walkie Talkie, und hatte Kippschalterfunktion, mit der die Zündung per Funk ausgelöst wurde. Das bedeutete, dass die Bombe unter dem Tisch den dazu nötigen Empfänger besaß. Vielleicht kam ich da irgendwie heran, um die Verbindung zu unterbrechen? Aber dazu müsste ich mich bücken und die Typen hätten es bemerkt. Dann würden sie sofort zünden! Nein, das war viel zu auffällig.  Aber selbst wenn ich es unbemerkt bewerkstelligen könnte, was würde es mir nützen? Ließe sich die Bombe nach Ablauf der Frist nicht fernzünden, verschafft mir das maximal ein Zeitfenster von einer weiteren Minute, bevor die Männer das Hotel stürmten und mich und meine Familie erledigten. Verflucht! Ich bekam den Kopf nicht frei und konnte den sintflutartigen Adrenalinschub nicht stoppen, der mich momentan durchströmte. Ich blickte nach links und rechts, in der Hoffnung, dass ich etwas entdecken würde … sinnlos, da war nichts!

Eine Minute und dreißig Sekunden.

Ich ging zurück ins Erdgeschoß. Nach dem Passieren der Doppelflügeltür stand ich wieder im Speisesaal. Ich blickte kurz über die Tische, den Tresen und zu den Leuten. Dann blickte ich zu den Fenstern, aber das reflektierende Licht an den Glasscheiben verdunkelte mir die Sicht nach draußen. Auch von dem Mann mit dem Funkschalter war nichts mehr zu sehen. Er hatte sich bestimmt irgendwo verkrochen, um nicht von der Detonation getroffen zu werden.

Ich ging weiter. Sally und Dilan aßen seelenruhig vor dem Tisch und hatten keinen blassen Schimmer, was sich im Moment abspielte.

Einerseits sagte mir eine Stimme, dass ich nicht weitergehen soll und andererseits eine andere, dass ich es tun musste. Obwohl sich mein Verstand noch nicht entschieden hatte und mir unaufhörlich Warte noch! durch die Gedanken trommelte, bewegten sich meine Beine von selbst. Ich bog um den Tresen. Die Zielgerade! Es trennten mich nur mehr wenige Meter von der Bombe. Ein Blick auf die Uhr.

Achtundvierzig Sekunden.

Verdammt, wo war die Zeit hingekommen? Ich ging knapp am Kinderwagen vorbei. Da fiel mir ein Gurt auf, der über dem Schieber hing. Aus den Gurttaschen schaute die Antenne eines Babyfons. Ich blieb stehen. Als Dilan noch ein Baby war, besaßen wir auch so ein Teil. Ich erinnerte mich, dass diese Dinger gerne die Frequenzen anderer Geräte störten – besonders Funkwellen! Das wars! Vielleicht gewann ich bloß eine Minute damit, aber besser als in dreißig Sekunden tot zu sein. Ich platzierte mich vor dem Kinderwagen und beugte meinen Oberkörper zu der Familie.

„Entschuldigen Sie bitte!“, sagte ich und kramte unauffällig nach dem Gurt. Damit es von hinten niemand sehen konnte, platzierte ich mich geschickt davor.

„Ja?“, fragte der etwa fünfundzwanzigjährige Mann.

„Ihr Kinderwagen steht sehr ungünstig. Soll ich ihn vor das Hotel stellen?“

Der Mann sah mich erbost an. „Nein, er bleibt wo er ist!“

„Schon gut, war nur ein Vorschlag!“ Mittlerweile hatte ich den Empfänger aus der oberen Gurttasche gezogen und heimlich in meine Hosentasche verschwinden lassen. „Wenn sich einer der Kellner die Beine bricht, ist das Ihre Schuld!“

„Meinetwegen! Jetzt lassen Sie uns in Ruhe!“, antwortete der Mann genervt und wandte sich von mir ab, während mich seine Frau mit einem tödlichen Blick in Stücke riss.

Ich beugte mich weiter nach vorne, griff nach der Funkstation und aktivierte sie. „Ich wollte nur freundlich sein.“, sagte ich abschließend.

Bevor ich mich umdrehte, warf ich noch einen kurzen Blick auf den Gurt und sah das Leuchten des Kontrolllämpchens an der Station. Dann folgte ein weiterer Blick auf die Uhr.

Acht … sieben … Schnell aktivierte ich den Empfänger in der Hosentasche und begab mich zurück zum Tisch.

„Was ist los?“, fragte Sally.

„Nichts.“, entgegnete ich angespannt ruhig.

„Kennst du die Familie?“

„Nein.“

„Was wolltest du von dem Mann?“

„Den Kinderwagen zur Seite schieben.“

Mein Herz pumpte wie ein Presslufthammer. Jeder Muskel und jede Faser meines Körpers zog sich zusammen, um sich auf den bevorstehenden tödlichen Schlag vorzubereiten. Ich hatte keine Ahnung, ob die Funkwellen des Babyfons reichten, um den Kanal des Auslösers zu stören. Ich konnte es nur hoffen.

Ich blickte zu Sally und Dilan. Würden wir alle in den nächsten Sekunden von der Wucht der Detonation zerfetzt werden?

Sally blickte wieder zu mir hoch. „Isst du nicht weiter?“

Dann blickte mich auch Dilan an. „Du siehst blass aus, Dad. Sagte ich nicht, dass dir das viele Jod nicht gut bekommt?“, grinste sie unverschämt.

Ich saß nur da und wartete auf den Schlag. Den brachialen lauten Knall, der uns alle innerhalb einer Sekunde in Stücke riss. Ich war so angespannt, dass die Unterarmmuskeln derart zu schmerzen begannen, als ob ich gerade Dreißig-Kilo-Hanteln gestemmt hätte. Aber je länger ich wartete, umso mehr Zeit verstrich. Ich blickte wieder auf die Uhr. Unser Tod war exakt eine halbe Minute überfällig! Der Mann vom Tresen musste den Zündschalter längst gedrückt haben.

„Danny?“, fragte Sally wieder.

Es hatte den Anschein, dass ich unser Leben für eine weitere Minute verlängerte. Natürlich konnte ich falsch liegen und die Bombe jeden Moment explodieren, aber trotzdem durfte ich nicht warten. So lange sie nicht explodierte, musste ich handeln. Also stellte ich die Stoppfunktion erneut - dieses Mal auf exakt eine Minute. Bis dahin muss ich meine Familie aus der Schusslinie bringen! Und das, wenn möglich, so unauffällig wie möglich!

„Was ist das für ein Rauschen?“, fragte Dilan.

Scheiße, der Empfänger in der Hose! Ich hantierte blind nach dem Lautstärkenregler und rollte ihn schnell nach unten.

Dilan blickte auf meinen Schoß. „Was hast du da eingesteckt? Du hast es gerade leiser gedreht, oder?“

„Mir ist schlecht! Ich glaube, dass du recht hattest. Der Fisch ... das Jod ...“, entgegnete ich.

„Dad, was hast du in deiner Hosentasche?“, fragte sie misstrauisch.

„Das Handy.“, antwortete ich rasch, ohne nachzudenken. Daraufhin fiel ihr Blick sofort zu dem Weinglas, das unglücklicherweise links von meinem Handy stand. Auch Sally sah mich ganz verdattert an. Beide wussten, dass ich log, aber sie saßen nur da und starrten mich an. Aber es kam noch schlimmer. Auch der junge Vater von nebenan blickte gerade abwechselnd zu mir und zum Kinderwagen.

Die ganze Situation lief aus dem Ruder. Bevor Dilan weitersprechen konnte, beugte ich mich nach vorne und tat so, als wollte ich mit der Hand in die Hosentasche greifen und dabei unvorsichtigerweise das Weinglas umstieß. Der Inhalt bespritzte ihr schwarzes Bench-Top, woraufhin sie wie ein aufgescheuchtes Huhn vom Sessel sprang. „Dad! Verflucht! Pass doch auf!“

„Danny!“, rief Sally empört.

Mittlerweile zog ich mehrere Blicke auf mich, was überhaupt nicht gut war. Der junge Vater stand auf und inspizierte den Kinderwagen.

Ich blickte zu Dilan. „Komm, ich mache es sauber!“

„Nein! Fass mich nicht an!“, zischte Dilan. „Mum wird es tun!“

„Komm mit!“, seufzte Sally und warf mir einen bösen Blick zu. „Ich mache es sauber!“

Die beiden standen auf und gingen Richtung Toilette. Dabei streiften sie den jungen Mann, der  wild am Gürtel des Kinderwagens kramte. Ich zog den Empfänger aus der Hosentasche, deponierte ihn unauffällig neben meinem Teller, verhüllte ihn mit der Serviette, schnappte mein Handy und folgte den beiden.

„Halt!“, sagte der junge Mann und hielt mich am Arm fest. „Der Funk für das Babyfon fehlt! Haben Sie ihn etwa gestohlen?“

„Nein!“, antwortete ich und riss mich von seiner Hand los.

„Er war vorhin noch da! Und jetzt ist er weg!“, erklärte er. „Ihre Tochter sagte vorhin, dass etwas in Ihrer Hosentasche rauscht! Und die Station ist eigenartigerweise aufgedreht! Zufall?“

„Ja!“, antwortete ich schnippisch und demonstrierte ihm die leeren Hosentaschen. Ich ignorierte ihn und ging weiter. Hinter meinem Rücken hörte ich, wie seine Frau sagte: „Geh ihm nach! Er lügt!“

Ich ging schneller. Nachdem ich die Doppelflügeltür passierte, sah ich Sally, wie sie gerade die Damentoilette betreten wollte. „Sally!“, brüllte ich. „Warte!“

Sie drehte sich um. „Gleich!“

„Nein!“ Ich lief zu ihr, packte sie am Arm und hielt sie fest. Dilan, die sich gerade über das Waschbecken beugte, verstand die Welt nicht mehr.

„Ihr kommt auf der Stelle mit!“, herrschte ich sie an.

„Nein, Dad!“, schrie Dilan außer sich vor Wut. „Mit dem verdreckten Shirt gehe ich nirgendwo hin!“

„Was zum Teufel ist mit dir los?“, brüllte mich auch Sally an und machte erneut Leute auf uns aufmerksam. Obwohl ich es schaffte, meine Familie vom Esstisch wegzubringen, war die Art und Weise viel zu auffällig gewesen. Es war nur eine Frage von Sekunden, bis die Typen vor den Ausgängen hier auftauchten.

Ein kurzer Blick auf die Uhr. Die Zeit war längst abgelaufen!

„He, Wichser!“, brüllte der junge Mann von vorhin und hielt mir den Empfänger unter die Nase. „Wieso haben Sie unser Babyfon gestohlen und den Funk unter Ihrer Serviette versteckt?“

Ich wich seinem strengen Blick aus und schaute durch die kleinen Glasfenstern der Doppelflügeltür, um mich zu vergewissern, dass der Killertrupp noch nicht zu sehen war. Dann schlug ich dem zornigen Vater den Empfänger aus der Hand. Ich wollte verhindern, dass er auf die dumme Idee kam, ihn abzuschalten. Damit hatte er nicht gerechnet und blickte mich irritiert an. Das war die Gelegenheit, um meiner Familie den Ernst der Lage zu demonstrieren. Blitzschnell drehte ich mich hinter den Mann und nahm ihn in den Würgegriff. Dabei wandte ich eine spezielle Technik an. Ich verschränkte Ober- und Unterarm in einen bestimmten Winkel um seinen Hals, um die Schlagadern zuzudrücken. Mit dem anderen Arm fixierte ich seinen Nacken, damit er sich nicht befreien konnte. Der Mann begann sich zu wehren, weil er das Gefühl bekam, gewürgt zu werden. Aber das tat ich nicht! Er schnappte panisch nach meinen Armen und versuchte sie wegzudrücken, aber ich hatte den Griff so gut angesetzt, dass er keine Chance hatte. Sally erstarrte vor Schreck. Ebenso Dilan. Sie konnten nicht glauben, was ich soeben tat.

„Ruhig bleiben!“, flüsterte ich dem Mann zu. „Nicht wehren! Ihnen passiert nichts!“

Ich drückte fester zu. Er röchelte und mit letzter Kraft stieß er mir ein paarmal den Ellbogen in die Seite. Ich schluckte den Schmerz. Als letzten Ausweg versuchte er an meinen Haaren zu ziehen. Ich vereitelte es, indem ich ihn weiter nach vorne drückte. Währenddessen behielt ich vorrangig die Fenster der Flügeltür im Auge.

„Um Gotteswillen!“, brüllte Sally. „Bist du völlig verrückt geworden? Lass den Mann los!“

Dann klappte er ohnmächtig zusammen und ich bettete ihn zu Boden. Nach etwa einer Minute sollte er wieder aufwachen. Außer fürchterlichen Kopfschmerzen wird er keine Schäden davon tragen.

Ich packte Sally und Dilan und zerrte sie von der Toilette weg. „Ihr kommt jetzt mit!“, fletschte ich aggressiv die Zähne. Es ging alles so schnell, dass sie nicht wussten, wie sie reagieren sollten. So entsetzt hatte ich die beiden noch nie erlebt. Im Moment der Verwirrung schleppte ich sie zur Treppe. Zwischenzeitig liefen zwei Männer und eine Frau zu dem Ohnmächtigen. Ein Typ zückte sein Handy und versuchte ein Foto von mir zu schießen, während ein anderer zu telefonieren begann.

Oben im ersten Stock erblickte ich Bibi, die gerade ihren Schlüssel suchte. Sie sah mich, erschrak und trat ein Stück zur Seite. Ich floh mit Sally und Dilan in das Zimmer und versperrte es.

„Danny, was machst du? Bringst du uns jetzt alle um?“, fragte Sally verängstigt. Dilan begann zu weinen und wirkte völlig überfordert. Bevor ich antwortete, musste ich erstmal meine Gedanken ordnen.

„Die rufen jetzt die Polizei!“, schrie Sally verzweifelt. „Sie werden dich verhaften! Du hast den Mann getötet! Danny, warum hast du das getan? Was ist in dich gefahren?“

Ich ignorierte sie und begann zu planen: Zimmer sichern! Fluchtweg suchen!

Ich lief in die Wohnzimmernische, holte den Tisch, rannte damit zurück zur Tür und verkeilte ihn unter dem Türknauf. Dann eilte ich zum Fenster, das sich auf der westlichen Stegseite befand. Ungefähr fünf Meter unter uns schäumte das Meer. Sehr gut! Wir mussten ins Wasser! Ich nahm einen Holzsessel und schlug die Scheibe ein. Ich traf so gezielt, dass der dünne Holzrahmen zerbrach und mit dem Großteil der Scheiben nach draußen fiel.

Plötzlich hörte ich feste Tritte gegen die Tür. Das Schloss und der Türkörper knarrten. Scheiße! Der Killertrupp! Dann knallte es! Projektile bohrten fingernagelgroße Löcher durch die Tür und flogen quer durch das ganze Zimmer. Sally kreischte laut auf und Dilan stolperte ins Badezimmer.

„Weg da!“, brüllte ich und warf mich auf den Boden. Dilan hockte neben dem Badezimmereingang und Sally stand mitten in der Schussbahn. Sie bewegte sich keinen Schritt … und die Kugeln jagten links und rechts an ihr vorbei. Ich brüllte sie an, aber sie reagierte nicht. Dann folgten Schläge gegen ihren Körper. Sie stolperte nach vorne und fiel auf die Knie. Oh Gott, nein! Ich robbte unter dem Kugelhagel zu ihr, zog sie zu Boden und schleifte sie hinter den Putzkarren.

Nach ein paar Sekunden kehrte Stille ein. Sie luden nach.

„Dilan, zu mir!“, schrie ich. „Schnell!“

Ein kurzer Blick zur Tür. Sie hatten mindestens dreißig Löcher in die Tür geballert und traten wieder heftig dagegen.

„Verdammt! Dilan! Komm jetzt!“, schrie ich. Sie zögerte. Sie hatte zu viel Angst, um mir in dieser Situation zu vertrauen. Ich musste auf die Verfolger reagieren, sonst bekamen wir kein Zeitfenster, um uns nach draußen zu retten! Ich blickte mich um. Ein Bett, Nachttischkästen, Lampen und Holzsessel.

„Wurde ich angeschossen?“, fragte Sally und betrachtete vorsichtig das Loch in der Bluse. „Ich blute!“

Ich krabbelte zu Bibi's Putzkarren und holte ein Tuch. „Drück es fest auf die Wunde!“

„Werde ich jetzt sterben?“

„Nein!“

„Aber … was, wenn ...“, stotterte sie verängstigt.

Sie schlugen immer fester gegen die Tür und die harten Tritte rissen einen tiefen Spalt in den Türkörper. Mir blieben nur mehr wenige Sekunden, um Dilan zu holen! Aber wenn ich jetzt los stürmte, würde ich es nicht mehr schaffen. Ich blickte mich schnell um. Neben dem Vorzimmerkasten hing ein Feuerlöscher ...

„Du stirbst nicht, Schatz! Warte hier! Ich hole Dilan!“ Sofort sprang ich hoch und schnappte ihn mir. In dem Moment brach ein Teil der Tür aus und ein riesiges Loch klaffte neben dem Schloss. Zum Glück hielt der Tisch noch stand und verhinderte ein vorzeitiges Durchbrechen. Ich sah einen dunkelhäutigen Mann mit Vollbart, der nur kurz hindurchschielte und dann seine Maschinenpistole durch das Loch schob. Währenddessen hatte ich den Sicherungsstift gezogen und kräftig auf den roten Knopf geschlagen, um den Löscher unter Druck zu setzen. Ich klemmte die Flasche unter meine linke Achsel, zielte mit dem trichterförmigen Ende des Schlauchs auf das Loch, lief los und drückte ab. Der Pulverschaum traf den Typen mit voller Wucht, sodass er die Waffe fallen ließ und nach hinten stolperte. Bevor ich mich zu Dilan ins Badezimmer begab, sprühte ich das Loch von allen Winkeln aus, um auch die anderen zu treffen. „Dilan!“, brüllte ich. „Komm!“ Sie reagierte nicht! Während ich wild weitersprühte, trat ich ein paar Schritte zurück, nahm den Schlauch in die andere Hand und zog Dilan mit der rechten vom Boden hoch. „Du musst weg da!“, keuchte ich hektisch und rannte mit ihr los. Sie zitterte und blickte mich verwirrt an, bevor ich sie hinter die Wohnzimmernische schubste. Währenddessen fielen auch vereinzelt Schüsse, aber nur vier durchschlugen die Tür und trafen den Kleiderschrank und die Wand. Kurz darauf war der Feuerlöscher leer. Scheiße! Dann heftiges Dauerfeuer und tobende Schreie von den Schützen. Wieder fetzten die Projektile quer durch das Zimmer und schlugen überall ein.

Trotz der aussichtslosen Lage musste ich mich jetzt konzentrieren und versuchen die Nerven zu behalten. Das Ziel war noch immer das Fenster! Ich musste eine neuerliche Ablenkung finden! Am besten eignete sich dafür ein Sprengsatz. Ein einfacher Sprengsatz! Fluchtartig ging ich schnell alles durch, was ich dafür in Frage käme - Aschenbecher, Zigaretten, Feuerzeug. Halt! Das Feuerzeug! Gabs einen Gasherd im Zimmer? Nein, wozu auch? Aber die Gäste, die das Zimmer bewohnten, hatten höchstwahrscheinlich einen privaten Gaskocher im Gepäck. Das erklärte die Thermoskanne, mit der Kaffee gekocht wurde! Mit einer Gaskartusche und dem Feuerzeug könnte ich etwas bewerkstelligen!

Die Schützen stellten das Feuer ein und hämmerten wieder gegen die Tür. Das Holz knarrte, der Türkörper brach weiter aus. Ich hörte wie die Teile auf den Boden fielen. Das Loch war jetzt so groß, dass sie den Tisch entfernen konnten. Oh Gott! Die Suche nach einer Gaskartusche war viel zu aufwendig. Dazu fehlte mir die Zeit! Mir musste etwas anderes einfallen! … Der Putzkarren … Pflanzenschutzmittel! Ich eilte nach hinten und fand Thorox Schädlingsbekämpfungsmittel, Thorox Insektizid, Thorox Aus für Blattläuse, Thorox Evergreen und Thorox Unkrautvernichter. Für eine kleine selbstzündende Bombe brauchte man zwei Komponenten: Ein Oxidationsmittel und etwas, das damit oxidierte. Unkrautvernichter enthielt Chlorat. Chlorat war ein Oxidationsmittel. Ich blickte nach hinten. Die Zuckerdose! Tja, und Zucker war der optimale Mischstoff! Jetzt noch ein Behälter … die Thermoskanne!

„Dilan! Du wartest hier bei Mum!“, sagte ich und warf einen kurzen Blick zum Eingang. Ein gutes Drittel der Tür fehlte! Der dunkelhäutige Kerl war dabei, hindurch zu steigen. Er feuerte. Kleine Mauerteile schmetterten an mir vorbei. Ich rutschte nach unten und warf den Feuerlöscher nach ihm. Klong! Erwischt! Er stürzte wieder zurück. „Du Hurensohn!“, brüllte er. „Schießt! Er ist hinter der Mauer!“

Wieder schmetterten die Projektile durch das Zimmer und klopften den Putz von der Mauer. Rasch suchte ich die Utensilien zusammen. Zuerst ließ ich das Feuerzeug in der Hosentasche verschwinden und hob die Thermoskanne auf - Edelstahl, eine sogenannteBodum Travel Flask-Kanne. Perfekt! Ich schraubte den Deckel ab und kippte den Inhalt auf den Teppichboden. Das wird Bibi gar nicht gefallen. Jetzt noch die Zuckerdose und nichts wie zurück zum Putzkarren.

„Zielt besser!“, brüllte der Typ. „Ich gehe wieder rein! Gebt mir Feuerschutz!“

„Ist er bewaffnet?“, fragte ein anderer.

„Nein, sonst hätte er längst zurückgeschossen!“

„Dilan!“, brüllte ich. „Nimm alles, was du finden kannst und wirf es gegen die Tür!“

„Was?“ In Anbetracht der Situation war sie völlig überfordert damit.

Ich packte den Sessel und schleuderte ihn Richtung Eingang. „Und jetzt du! Nimm alles, was dir in die Finger kommt! Schnell!“

Während sie sämtliche Ziergegenstände Richtung Tür warf, kramte ich nach dem Unkrautvernichter und füllte den Behälter etwa bis zur Hälfte an. Dann öffnete ich die Zuckerdose und leerte den gesamten Inhalt dazu. Jetzt noch den Deckel drauf, zudrehen und fertig.

„Ihr springt aus dem Fenster, wenn ich es sage, verstanden?“, befahl ich.

„Wohin?“, fragte Dilan.

„Ins Wasser!“ Ich packte die beiden an den Händen. „Es wird jetzt mächtig knallen! Ihr rennt los, sobald es knallt! Keine Sekunde früher und keine Sekunde später! Ihr zögert nicht!“ Ich versuchte es in ihre Köpfe zu bläuen!

„Ich wurde angeschossen! Ich blute! Ich werde sterben!“, protestierte Sally. Sie nahm die Hand von der Hüfte und zeigte mir die Wunde.

„Um Gotteswillen, Mum!“, erschrak Dilan.

„Blödsinn!“, antwortete ich. „Das ist nur eine Fleischwunde!“

„Aber ich ...“

„Nein, Schatz!“, unterbrach ich sie. „Keine Zeit zu sterben! Ihr macht was ich sage!“

Das hatte richtig gesessen. Ich konnte es von ihrem Gesicht ablesen.

„Drin!“, hörte ich den dunkelhäutigen Mann sagen. „Ich nehme sie jetzt vom Badezimmer aus in Beschuss! Währenddessen steigt ihr auch hindurch und dann machen wir sie fertig!“

Schnell schüttelte ich die Thermoskanne und rollte sie den Boden entlang Richtung Eingang. Ich wusste, dass ich die Reaktionsmittel relativ riskant mischte und der Unkrautvernichter aufgrund der vielen Zusatzchemikalien extrem instabil war. Ich konnte von Glück reden, dass das Zeug nicht in meinen Händen hochging. Durch das Schütteln und dem dadurch entstehenden Druck im Inneren des luftverschlossenen Behälters beschleunigte ich die Reaktionen der Substanzen zusätzlich. Das Edelstahl bot dazu genug Stabilität, damit sich der Druck noch größer staute, bevor er explodierte.

„Scheiße! In Deckung!“, brüllte der Mann. Der Behälter hatte noch nicht die Eingangstür erreicht, als er unter einem ohrenbetäubenden Knall detonierte und die Kannenteile als tödliche Splittermunition verschoss. Der Druck war so gewaltig, dass ich schon glaubte, eine Handgranate wäre explodiert. „Jetzt!“, brüllte ich. Sally und Dilan hasteten zum Fenster und beugten sich hinaus ... aber zögerten. Das überraschte mich nicht, weil ich bereits ahnte, dass ihnen die nötige Überwindung fehlte. So zog ich Sally am Hosenbund hoch und drückte sie nach draußen. Sie kreischte, verlor das Gleichgewicht und stürzte in die Tiefe. Dann machte ich dasselbe mit Dilan, die laut Warte, Dad, warte! rief. Ich wartete nicht! Während sie sich schaufelnd an das Fensterbrett klammern wollte, hörte ich Sally bereits ins Wasser platschen.

Ich sprang hinterher und landete knapp neben Dilan im Wasser. Es ging alles sehr schnell und weil ich vorher nicht wusste, wie tief das Wasser war, überraschte es mich nicht, dass ich relativ rasch Grund unter den Füßen spürte und ziemlich unsanft auf dem Hintern landete. Immerhin befanden wir uns nur wenige Meter vom Strand entfernt. Aber zum Glück war es tief genug, dass ich mir keine Verletzungen zuzog.

„Habt ihr euch verletzt?“, fragte ich die beiden, nachdem ich ihre Köpfe wie Korken neben mir treiben sah.

„Scheiße!“, brüllte Dilan fröstelnd. „Scheiße!“

„Bei dir auch alles okay?“, fragte ich Sally.

„Die … Wunde … Gott … Die Schmerzen!“

„Halte durch! Unter den Steg, schnell! Und seid leise!“, sagte ich, packte die beiden und zog sie mit.

„Dad, mein Bein!“, jammerte Dilan, als sie wieder Boden unter den Füßen hatte. Sie biss die Zähne zusammen. „Es schmerzt!“

„Zieh die Schuhe aus!“, befahl ich.

„Und wohin damit?“ Sie hielt mir die High-Heels-Sandaletten vors Gesicht. Wortlos entriss ich ihr das Paar und warf es in die See hinaus.

„Bist du verrückt?“, rief sie verdattert. „Die haben fast zweihundert Dollar gekostet!“

„Weiter jetzt!“ Ich packte beide und watete mit ihnen zwischen die glitschig vermoosten Stützen hindurch. Hier war es extrem dunkel und die schäumenden Wogen trieben uns weiter ans Ufer. Viel Platz hatten wir dort nicht, weil die Konstruktion bereits in den Strand mündete. Wir konnten uns nur gebückt fortbewegen, während die Wellen hindurch peitschten und uns ständig zu Fall brachten.

„Was hast du jetzt vor?“, fragte Sally verzweifelt. „Wer waren diese Leute? Wer hat auf uns geschossen?“

„Später! Kommt einfach mit!“

Als wir schon fast auf der anderen Seite waren, blieb ich stehen. Von oberhalb hörte ich lautes Gekreische und konnte auf dem Sandstrand das rotierende Flackern von Blaulicht erkennen. Die Polizei war bereits vorort. Aufgrund der Schießerei und der Explosion werden auch bald SWAT-Einheiten eintreffen. Aber vorerst wird die Polizei das Lotario abriegeln und sich über den Tathergang informieren. Das war die Gelegenheit, unseren Vorsprung weiter auszubauen. Aber wohin? Ich wusste nur, dass wir hier unmöglich bleiben konnten! Weder die Killer, noch die Polizei durfte uns entdecken. Die Gefahr war noch nicht gebannt! Würde uns die Polizei festhalten, wurden wir wieder zum Ziel der Killer, bevor wir den Cops den tatsächlichen Hergang erklären konnten. Ich war auf mich gestellt! Und meine Familie auch – nur wussten sie es nicht! Ich musste alles unternehmen, um von hier wegzukommen. Solange wir nicht sicher waren und die Killer wussten, wo wir uns aufhielten, befanden wir uns in Lebensgefahr. Ich musste ein weiteres Zusammentreffen mit allen Mitteln verhindern. Dadurch, dass meine Unkrautbombe die Killer verwirrte, wussten sie zwar momentan nicht, wohin wir flüchteten, aber ich war davon überzeugt, dass sie genau in diesem Moment vor hatten, das Wasser und die Strände abzusuchen. Unser Vorteil war, dass die Schießerei Unruhe stiftete und gerade eine große Menschenmenge panisch versuchte, das Pier zu verlassen. Das verschaffte uns die Gelegenheit, im Schutze des Tumults unterzutauchen! Also war ich wieder gefordert, alles zu unternehmen, diesen Tumult zu unserem Vorteil zu nutzen.

Ich blickte mich um. Da waren der Sandstrand, Liegeplätze, zusammengeklappte Sonnenschirme, eine Eis-Diele, ein Hot-Dog-Stand und eine Surfschule, die bereits allesamt geschlossen waren. Wenn wir den Strand verlassen wollten, mussten wir uns einen fahrbaren Untersatz besorgen. Das dafür notwendige Equipment würde ich nur in der Surfschule finden.

Ich sah, dass viele Passanten Richtung Innenstadt flüchteten. Die Polizei war vorrangig mit dem Hotel beschäftigt! Unsere Chance!

„Sally! Dilan! Hier entlang!“, rief ich und packte sie an den Händen.

„Wo willst du mit uns hin?“, fragte Sally.

„Zur Surfschule! Wir laufen!“

„Ich kann nicht laufen!“, protestierte Dilan. „Ich glaube, dass ich mir den Knöchel gebrochen habe.“

„Du musst laufen!“, herrschte ich sie an.

„Nein, ich kann ...“

„Dilan!“, unterbrach ich sie. „Unser Leben steht auf dem Spiel! Du wirst laufen! Und selbst wenn du dir beide Beine gebrochen hättest, wirst du laufen, verstanden?“

„Das Wasser ...“, stöhnte Sally. „Mein ganzer Körper brennt. Mein Kopf schmerzt so furchtbar!“

„Ihr werdet beide durchhalten! Und jetzt los!“, forderte ich sie energisch auf.

Sally strich sich erneut über die blutende Hüfte. Ich konnte ihr ansehen, dass ihr das Laufen schwer fiel, aber es gab keine Alternativen! Momentan stand ihr Körper noch unter Adrenalin und unterdrückte die Schmerzen großteils. Dass sie mit Wasser in Berührung kam, war einerseits gut, weil die Wunde ausgespült wurde, die Hautporen sich zusammenzogen und die Blutung etwas stoppte. Andererseits war es aber schlecht, weil die Verunreinigungen böse Entzündungen hervorrufen konnten. Bestimmt verspürte sie ein brennendes Ziehen im Wundkanal, das sie im Moment verzweifeln ließ. Wir konnten aber nicht hierbleiben und ihre Schmerzen bedauern! Wir mussten uns bewegen, solange sich ihr Körper im Ausnahmezustand befand.

Ich lief los und zog die beiden mit. Dilan humpelte und Sally keuchte. Ungefähr auf Höhe des Geländers, also ein paar Meter vom Ende des Piers entfernt, blieb ich stehen. Die Leute, die oben umherirrten, bemerkten uns nicht. Ich umklammerte die Hände meiner Liebsten und rannte weiter. Diesmal im Sprint quer über den Strand. Sally begann laut zu stöhnen und wäre beinahe hingefallen. Dilan biss die Zähne zusammen und versuchte durchzuhalten. Ich spürte, wie sie sich an mich lehnten.

Nach einer Minute hatten wir die sechzig Meter bis zur Surfschule bewältigt. Ich setzte die beiden auf der vom Pier abgewandten Schattenseite ab. „Ihr wartet hier! Ich bin gleich wieder zurück!“, sagte ich mit erhobenem Zeigefinger.

„Dad!“, rief Dilan. „Die Polizei ist schon da! Wir müssen wieder zurück! Sie werden uns helfen!“

„Niemand wird uns helfen!“, entgegnete ich.

„Mum braucht einen Arzt! Was hast du vor?“

Ich überlegte kurz. „Keine Zeit für Erklärungen! Jetzt wartet ihr hier und verhaltet euch ruhig! Niemand darf uns bemerken!“

„Danny, bist du von allen guten Geistern verlassen?“, schnaubte Sally wütend. „Ich wurde angeschossen und habe Schmerzen! Vor meinen Augen dreht sich alles! Ich bin am Ende! Auf dem Pier stehen Polizei- und Rettungsautos … und du willst nicht zurück?“

Ich hockte mich zu ihr und blickte ihr tief in die Augen. „Vertrau mir Schatz, bitte!“

„Wo willst du mit uns hin, verdammt?“

„Weg von hier! Die Typen, die auf uns geschossen haben, werden nur darauf warten, dass wir zur Polizei gehen!“

„Dann rufen wir sie eben hierher zu uns!“, meinte Dilan.

„Um die Aufmerksamkeit aller auf uns zu lenken?“

„Besser als hier zu bleiben! Hier werden uns die Typen erst recht schnappen! Wenn viele Menschen um uns stehen, werden sie es nicht wagen, auf uns zu schießen!“, sagte Sally.

„Die Typen hatten vor, uns mitten in einem überfüllten Hotel zu erschießen! Was glaubt ihr, warum ich euch ins Gästezimmer geschleppt habe?“, antwortete ich.

„Wer sind diese Typen?“, fragte Sally.

„Ich weiß es nicht! Ich weiß nur, dass sie uns töten werden, sobald sie uns finden! Davon wird sie kein Polizist und keine Menschenmenge abhalten! Vertraut mir und verhaltet euch ruhig, bis ich wieder zurück bin!“

Ich begab mich zu einem der Fenster und schlug es mit dem Ellbogen ein. Dann stieg ich hindurch und landete in einem kleinen dunklen Raum, wo Surfbretter, Schwimmwesten, Neoprenanzüge, Kleinteile, Werkzeug sowie Riggs gelagert wurden. Ich kramte nach dem Feuerzeug, das ich gestohlen hatte, trocknete es und nach mehrmaligen Versuchen machte ich Licht, um mich umzusehen. Zuerst suchte ich nach einem Kleiderbügel aus dünnem verchromten Stahl. Dann brauchte ich noch einen Schraubenzieher und einen Bohrer. Den Kleiderbügel fand ich sofort und verstaute ihn in einem Plastiksack. Für das Werkzeug brauchte ich etwas länger. Einen kleinen Flachschraubenzieher und einen Akku-Bohrer entdeckte ich in einem Werkzeugkoffer im Eckkasten. Zusätzlich nahm ich mehrere kleine Bohrer mit, um später nicht zu bereuen, mich bei der Größe verschätzt zu haben. Um die Funktionalität zu testen, setzte ich einen der Metall-Bohrer in den zylinderförmigen Schaft und zog ihn elektronisch fest. Somit hatte ich den Beweis, dass der Akku aufgeladen und einsatzbereit war.

Wichtig war jetzt, dass ich bei der Wahl des Fahrzeugs darauf achtete, dass es älterer Baureihe war. Bei modernen Autos und Nobelmarken wäre der Aufwand viel zu groß und zu auffällig gewesen. Zudem besaßen sie Alarmanlagen, Wegfahrsperren, Computer und vieles mehr! Ich brauchte ein Fahrzeug, dass sich wie früher vom Lenkrad starten ließ und keines, wo ich zuvor die Motorhaube öffnen musste, um die Zündspule kurzzuschließen.

Ich packte das Werkzeug ein und verließ das Gebäude.

„Mum geht es nicht gut!“, sagte Dilan.

Ich hockte mich zu ihr. Tatsächlich, ihr Gesicht war blass und sie konnte kaum noch atmen.

„Sie braucht einen Arzt!“ Dilan's Stimme klang ungewohnt ruhig. Sie hatte Angst, was natürlich verständlich war.

„Komm, Schatz!“, sagte ich und zog sie hoch.

„Dad! Sie braucht einen Arzt!“, betonte Dilan nochmal. „Wir müssen in ein Krankenhaus! Und zwar schnell!“

„Ich weiß!“, antwortete ich und wandte mich wieder Sally zu. „Schatz! Du musst durchhalten! Du schaffst es! Das ist nur eine Fleischwunde! Wir werden dich in ein Krankenhaus bringen, sobald wir hier weg sind! Aber jetzt musst du aufstehen!“

Sie blickte mich verständnislos an. Ihre Augen glänzten und wirkten träge und müde. Das war überhaupt kein gutes Zeichen. Im Moment konnte ich aber nichts für sie tun. Nachdem ich die ersten Schritte mit ihr wagte, stöhnte sie und drohte zusammen zu sacken. Ich ließ sie aber nicht los und hielt sie fest. Dabei sagte mir ihr qualvoller Blick: Du verlangst Unmögliches, Danny! Du wurdest nicht angeschossen, also hast du leicht reden! Der Schmerz raubt dir nicht gerade den Verstand!

Richtig! Es war aber nicht meine Absicht, sie zu quälen. Das wollten andere! Ich konnte zwar nicht dasselbe von ihr verlangen, was ich mir seinerzeit als Soldat freiwillig zumutete, aber in Anbetracht der außergewöhnlichen Situation musste ich sie quälen, weil es keinen anderen Weg gab. Ich wusste, dass es meine Schuld war, dass wir in diesen Schwierigkeiten steckten, aber das spielte im Moment keine Rolle! Wenn wir überleben wollten, dann musste ich dieses Opfer von ihr abverlangen! Darum werde ich auch nicht nachgeben! Ich will, dass die schießwütige Bande keine weitere Gelegenheit bekam, uns noch einmal vor die Waffenläufe zu kriegen.

„Verdammt, Danny!“, stöhnte Sally mit letzter Kraft. „Warum haben die auf uns geschossen? Was wollen die von uns?“

„Später, Schatz, später!“, sagte ich, während ich ungehindert mit ihr weiter marschierte. „Spare dir die Kraft für später!“

„Dad, was hast du vor?“, fragte Dilan. „Mein Knöchel ist geschwollen! Ich kann nicht mehr laufen!“

„Es gibt kein Ich kann nicht!“, zischte ich sie wütend an. „Wir können und wir werden! Wir geben nicht auf! Wir laufen jetzt zum Ocean Front Walk!“ Ich zeigte ihr die Richtung. „Etwa siebzig Meter östlich liegt ein Parkplatz, wo wir uns ein Auto schnappen und flüchten werden!“

„Wohin flüchten wir?“, fragte Sally erschöpft. „Und warum nehmen wir nicht unser Auto?“

„Zunächst müssen wir deine Schusswunde versorgen! Dann …“, überlegte ich. „Dann werde ich mir etwas einfallen lassen. Und zu deiner anderen Frage: Wenn diese Schießwütigen gewusst haben, wo wir essen, dann wissen sie auch, wo wir unser Auto abgestellt haben!“

„Waren es Polizisten, die auf uns geschossen haben?“, fragte Dilan. „Weil du den Mann erwürgt hast?“

„Nein, weder waren das Polizisten, noch habe ich den Mann erwürgt!“, entgegnete ich ungehalten.

„Aber warum haben sie auf uns geschossen? Warum wollen sie uns töten?“, fragte sie unter Tränen.

„Ich werde es herausfinden, sobald wir in Sicherheit sind! Kommt jetzt!“

„Willst du deshalb nicht zur Polizei gehen? Weil du ein Verbrecher bist?“

„Ich bin kein Verbrecher! Warum ich nicht zur Polizei gehe, habe ich euch schon erklärt! Und jetzt bitte ich dich, den Mund zu halten und zu laufen!“, herrschte ich sie an.