Der Spion des Königs - Magnus Forster - E-Book

Der Spion des Königs E-Book

Magnus Forster

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Beschreibung

London, 1639. Als gefragter Portraitmaler geht Richard Faversham, Sohn eines Landadligen, in den Häusern des hohen Adels ein und aus. Vor allem bei den Frauen ist er begehrt, und das nicht nur als Maler. Was niemand weiß: Die Malerei ist nur Tarnung, in Wahrheit arbeitet Richard als Spion für König Charles I. Richard ist von seiner Mission überzeugt - bis er auf die puritanischen Abgeordneten John Pym und Oliver Cromwell trifft und die Seiten wechselt. Ein unglaubliches Abenteuer beginnt ...

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Seitenzahl: 473

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

CoverInhaltÜber das BuchÜber den AutorTitelImpressumPersonenverzeichnisBUCH I: GEHEIMNISRichardCromwellRichardVivianRichardCromwellRichardCharlesRichardVivianRichardVivianRichardCharlesVivianRichardCharlesRichardVivianRichardVivianRichardBUCH II: VERRATCharlesRichardVivianRichardCromwellRichardVivianRichardVivianRichardVivianRichardCromwellRichardCharlesRichardVivianRichardVivianRichardBUCH III: WAHRHEITRichardVivianRichardVivianRichardCromwellVivianRichardCharlesRichardCromwellRichardVivianCromwellRichardCromwellRichardVivianRichardCharlesRichardVivianRichardVivianRichardCromwellRichardVivianRichardNachwortGlossar

Über das Buch

London, 1639. Als gefragter Portraitmaler geht Richard Faversham, Sohn eines Landadligen, in den Häusern des hohen Adels ein und aus. Vor allem bei den Frauen ist er begehrt, und das nicht nur als Maler. Was niemand weiß: Die Malerei ist nur Tarnung, in Wahrheit arbeitet Richard als Spion für König Charles I. Richard ist von seiner Mission überzeugt – bis er auf die puritanischen Abgeordneten John Pym und Oliver Cromwell trifft und die Seiten wechselt. Ein unglaubliches Abenteuer beginnt ...

Über den Autor

Magnus Forster wuchs an der Grenze zu Frankreich auf, lebte lange in England und studierte dort Literaturwissenschaften. Bevor er seinen ersten Roman schrieb, arbeitete er mehrere Jahre als Journalist, Übersetzer und Ghostwriter. Er lebt mit seiner Familie im Rheinland.

MAGNUS FORSTER

Der

SPION

des

KÖNIGS

Historischer Abenteuerroman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

  

Originalausgabe

  

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Dr. Stefanie Heinen

Titelillustration: © dwph/shutterstock; © Studio DMM Photography/ shutterstock; © Luuuusa/shutterstock

Umschlaggestaltung: Massimo Peter-Bille

eBook-Erstellung: Dörlemann Satz, Lemförde

  

ISBN 978-3-404-17816-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Personenverzeichnis

Höflinge und Vertraute des Königs

Richard Faversham, Porträtmaler und Spion

Thomas Montjoy, Baron of Keswick, Chef des Geheimdienstes Seiner Majestät

Charles Stuart, König von England, Schottland und Irland*

Henrietta Maria, Charles’ Gemahlin*

Henry Rich, Earl of Holland, Groom of the Stool und Befehlshaber der königlichen Reiterei*

William Laud, Erzbischof von Canterbury*

Thomas Wentworth, Earl of Strafford, Vertrauter von Charles*

Baron Edward Littleton, Siegelbewahrer der Krone*

London

William Lenthall, Speaker des House of Commons*

John Pym, Abgeordneter*

Denzil Holles, Abgeordneter*

Arthur Haselrig, Abgeordneter*

William Strode, Abgeordneter*

John Hampden, Abgeordneter*

Simon Efforts, Abgeordneter*

John Lilburne, Freidenker*

Witcham House und Ely

Lady Vivian Mortimer

Lady Gladys Mortimer, Countess of Coveney, Vivians Mutter

Lord Aldwyn Mortimer, Earl of Coveney, Vivians Vater

Albert Chisum, Vivians Cousin

Newt, Hausdiener

Linus Addenbury, Verwalter

Oliver Cromwell, Abgeordneter*

Master Jordan Mansfield, Buchhändler in Ely

Holly Thompson, Hebamme

Billy Butcher, Metzgersohn

Seymour Plunge und sein Sohn Rod, Moorbewohner

Uthbert Cummings, Pfarrer von Brandon

Henric Forsyth, Tischler

Alec Cordell, Gerichtsschreiber

Schottland

Alexander Leslie, Earl of Leven, schottischer Adliger, Feldherr und Covenanter*

Eleonore, Leslies Schwester

Earl of Balmerino, schottischer Adliger und Covenanter*

Earl of Lindsay, schottischer Adliger und Covenanter*

Alexander Henderson, Priester und Covenanter

Taylor House und St. Albans

Shirley Taylor, Countess of Grantchester

Rupert, Shirleys Sohn

Gattlin Taylor, Earl of Grantchester

Master Featherstone, Schneider

Amsterdam

Mijnheer van Grote, Drucker

William Erbery, Theologe aus Wales*

Mit einem Stern markierte Personen sind historisch.

BUCH I

GEHEIMNIS

MAI 1639 – JUNI 1639

Richard

Das Schwierigste war, wach zu bleiben. Richard Faversham stand mit dem Rücken zum Fenster im dritten Stock des Palas von Balgonie Castle und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Ein fahler Mond schien durch das Glas und malte Muster auf den dicken roten Teppich und Eleonores fein geschnittenes Gesicht. Sie schlief tief und fest, kein Wunder, denn Richard hatte ihr in das letzte Glas Wein, das sie getrunken hatte, zwei Tropfen Mohnsaft geträufelt. Ausreichend, um sie einige Stunden im Land der Träume festzuhalten. Sie würde im Laufe des Vormittags aufwachen und alles, was zurückbleiben würde, wären leichte Kopfschmerzen, die sie auf den Wein und die ausschweifende Liebesnacht zurückführen würde.

Richard wandte sich ab und schaute nach draußen. Es musste etwa drei Uhr sein. Vor wenigen Minuten war auch der dritte Mann auf der Burg eingetroffen. Er war nicht zu überhören gewesen. Das Tor war mit Getöse geöffnet und wieder geschlossen worden, der Hausherr, Alexander Leslie, Earl of Leven, hatte ihn lautstark begrüßt. Jetzt waren die Generäle der Covenanters, der schottischen Rebellen gegen Charles, den König von England, Schottland und Irland, vollständig versammelt. Die Lords Leven, Balmerino und Lindsay heckten etwas aus. Und Richard würde sich kein Wort entgehen lassen.

Seit Wochen wartete er auf diesen Moment. Seit Wochen porträtierte er Tag für Tag ein Mitglied aus Leslies Familie. Ende März war er eingetroffen, inzwischen war es Mitte Mai. Eigentlich wäre er längst fertig gewesen, aber das Treffen der Generäle hatte sich ständig verzögert. Also musste Richard sich immer wieder neue Ausreden einfallen lassen, warum er so lange brauchte. Einmal gab er vor, kein Azurit mehr zu haben, um Blau anzumischen, ein andermal schützte er Kopfschmerzen vor, die ihn daran hinderten zu arbeiten. Leslie hatte keinen Verdacht geschöpft, im Gegenteil, der Mann war ein vollendeter Gastgeber und ein kenntnisreicher Kunstliebhaber.

Zurzeit war Richard mit Eleonore, Leslies verwitweter Schwester, beschäftigt. Nicht nur, indem er sie auf Leinwand bannte. Leslie ahnte nicht, dass Richard seine Schwester auch nachts beglückte. Selbstverständlich konnte Richard nicht jede Nacht bei Eleonore verbringen, denn sie mussten äußerst vorsichtig sein. Bei einem gemeinsamen Abendessen hatte Leslie beiläufig darüber gesprochen, was er mit dem Mann anstellen würde, der seiner Schwester zu nahe käme. Leslies Ausführungen hatten Richard den Appetit verdorben.

Der Mann war ein harter Hund, er hatte wie so viele Schotten unter dem Schwedenkönig Gustav Adolph gedient und war in der Schlacht bei Lützen beim Tod des Herrschers zugegen gewesen. Von den Schweden hatte Leslie sein Handwerk gelernt. Vor ihm sollte man sich in Acht nehmen. Das wusste auch König Charles, und deshalb war Richard hier.

Er zog sich Hose, Hemd und Wams an. Auf den Hut verzichtete er, ein stürmischer, ungewöhnlich warmer Frühlingswind fegte um die Mauern. Stattdessen band er sich ein Tuch fest um den Kopf, damit ihm seine langen Haare nicht vor die Augen wehten, allerdings so, dass es die Ohren nicht verdeckte. Er musste jeden Mucks hören können, und er wusste nicht, wie nah er an die Generäle herankommen würde, die sich zwei Stockwerke unter ihm in Leslies Schreibstube versammelt hatten.

Da vor der Stube vier Wachen standen, gab es keine Möglichkeit, an der Tür zu lauschen. Zudem hatte Leslie zusätzlich zur Besatzung der Burg vierzig schottische Kämpfer in den Mauern stationiert. Leslie rechnete mit allem. Nur nicht mit einem Maler, der in den Diensten des Königs stand und nicht nur sehr gut porträtierte, sondern auch sehr geschickt im Fassadenklettern war.

Zum Glück regnete es nicht. Das Prasseln des Regens hätte alle anderen Geräusche übertönt, und die Fassade wäre so glitschig gewesen, dass selbst Richard sie nicht hätte bewältigen können.

Er wickelte das Hörrohr aus, das er von einem Kontaktmann erhalten hatte, und schob es in die rechte Wamstasche. Dann öffnete er vorsichtig das Fenster. Eine Böe fegte ins Zimmer, Eleonore stöhnte und rollte sich auf die andere Seite, aber sie wachte nicht auf. Vielleicht träumte sie von einem Sturm auf hoher See.

Richard setzte einen Fuß auf das Fenstersims. Mit einer Hand hielt er sich an dem Fensterkreuz aus Sandstein fest, dann schwang er sich mit dem ganzen Körper hinaus, ging in die Hocke, hielt inne, lauschte.

Eine Erinnerung streifte ihn. Mit seinem Bruder Gregory hatte er oft solche Ausflüge gemacht, nicht an Hausfassaden, sondern an den steilen Felsen des Deadman’s Cove südlich von Dartmouth Castle, wo Richard aufgewachsen war. Sein Vater hatte dort dem Earl of Dartmouth als Hauptmann der Burgwache gedient, und die Jungen waren auf der Burg aufgewachsen. Hätte ihr Vater jemals Wind davon bekommen, was sie an den Klippen trieben, hätte er ihnen das Fell über die Ohren gezogen. Und selbst Richard, der gerne Risiken einging, hatte passen müssen, wenn Gregory ohne Seil so weit hinabkletterte, dass er von der Gischt nassgespritzt wurde. Wenn Gregory nach einer solchen Klettertour wieder oben auf der Klippe angekommen war, hatte er Richard auf die Schulter geklopft und gesagt: »Du bist nun mal mein kleiner Bruder, und ich werde immer besser sein als du.«

Richard hatte den Kopf gesenkt und sich nichts sehnlicher gewünscht, als seinen Bruder zu beeindrucken, als ihn ein einziges Mal zu übertrumpfen. Wie lange war das her!

Richard konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe. Nur der pfeifende Wind war zu hören. Hoffentlich ließ er bald nach! Sonst würde er nicht verstehen, was die drei Generäle besprachen. Es würde Krieg geben, die Schotten lehnten sich gegen den König auf, hatten den Bischof von St. Giles in Edinburgh mit Stühlen, Steinen und Stöcken beworfen, als er aus dem neuen Messbuch gelesen hatte, das König Charles seinen Untertanen zum Geschenk gemacht hatte. Die Schotten, die Presbyterianer waren und der anglikanischen Kirche misstrauten, lehnten das Buch ab, redeten davon, dass die Katholiken das Land übernehmen wollten und bald danach die Franzosen oder, noch schlimmer, die Spanier. Was für ein Unfug! Richard verstand die ganze Aufregung nicht, und letztlich war es auch egal. Charles war König der Schotten, der Engländer und der Iren. Daran gab es nichts zu deuteln, und wer das infrage stellte, stellte die gottgewollte Ordnung infrage.

Die Mauern des Palas waren nicht verputzt, zwischen den mächtigen Blöcken, aus denen er erbaut war, klafften Ritzen, die es Richard leicht machten, bis zum Erdgeschoss hinabzuklettern. Die Wand ging in die Burgmauer über, die wiederum gut dreißig Fuß unter ihm im Burggraben endete. Stürzte Richard ab, würde er sich schwer verletzen oder, wenn er nicht so viel Glück hatte, sein Leben verlieren.

Er bat Gott um Beistand und hangelte sich vorsichtig Stein für Stein nach unten. Der Wind zerrte an seinen Kleidern, versuchte, ihn von der Wand zu pusten, aber Richard krallte sich mit den Fingern in die Mauer. Im Winter hätte er diese Fassadentour nicht wagen können, seine Hände wären in kürzester Zeit steif gefroren gewesen, und mit Handschuhen konnte er nicht klettern.

Warmes Licht strahlte aus dem Fenster der Schreibstube. Richard musste achtgeben, dass ihn niemand sah. Er suchte sich rechts des Fensters sicheren Halt, prüfte, ob er eine Hand loslassen konnte, ohne zu fallen. Es gelang. Er stand fest genug. Mit der freien Hand fingerte er das Hörrohr aus der Wamstasche, nahm das Endstück in den Mund und bog die bewegliche Mitte mit den Zähnen um 90 Grad, sodass er um die Ecke horchen konnte. Langsam drückte er den Schalltrichter auf die Scheibe, dann schob er sich das andere Ende ins Ohr.

Sofort erkannte er Leslies Stimme, seinen rauen Bass, der klang, als würden dicke Steine in einem Fass umhergerollt. Der Wind heulte noch immer und machte es schwer, die Worte zu hören, aber als Richard den Trichter noch ein wenig fester gegen das Glas drückte, waren sie plötzlich deutlich zu verstehen.

»Das sind verdammt schlechte Nachrichten. Sind das denn alles Memmen? Wie sollen wir mit ein paar Tausend Mann des Königs Heer besiegen? Auch wenn die meisten erprobte Männer sind und in Schweden und im Heiligen Römischen Reich gedient haben, sind es einfach zu wenige. Was ist mit den Noblen des Nordens? Wollen sie an ihren Herdfeuern sitzen und beten? Lindsay, was sagt Ihr dazu?«

Lindsay war der Führer der Rebellen. Den durfte man auch nicht unterschätzen, er konnte Leslie ohne Mühe das Wasser reichen. Und doch hatte Leslie natürlich recht, wie Richard wusste. Der König hatte mehr als fünfzehntausend Mann aufzubieten, darunter fünfzehnhundert erfahrene Reiter und mehrere Dutzend Feldschlangen, vortreffliche Kanonen. Es würde ein Gemetzel werden. Oder, was Richard bevorzugen würde: Die Covenanters würden einsehen, dass sie zu weit gegangen und hoffnungslos in der Unterzahl waren. Sie könnten den König um Verzeihung bitten. Charles würde den Feldzug abblasen und all diejenigen gnädig und ohne Strafe in seine Arme schließen, die ihm erneut Treue schworen. Charles hatte schon oft bewiesen, dass er ein strenger, aber doch gütiger Herrscher war, der nicht auf Rache sann. Außerdem förderte er die Malerei, die Musik und das Theater, und einer seiner beliebtesten Zeitvertreibe war das edle Schachspiel. Im Gegensatz zu seinem Vater James entsagte er ausschweifenden Festen und hatte den Hof von Korruption befreit. Sollte man nicht dankbar für einen solchen Herrscher sein?

»Es werden mehr Männer kommen, Leslie, macht Euch keine Sorgen. Wir werden auch noch mehr Feldartillerie aufbieten können. Wir haben vier Falkonets bestellt, sie müssten bald geliefert werden, bezahlt sind sie.« Eine kurze Sprechpause. Schritte. Dann sprach Lindsay weiter. »Es braucht seine Zeit, ein Heer aufzustellen. Letztlich will ich keine Schlacht, selbst wenn wir sie gewinnen könnten. Ich will Verhandlungen. England soll nicht unnötig geschwächt werden. Stellt Euch vor, es bräche ein Bürgerkrieg aus! Die Folgen für uns alle wären verheerend. Wir würden uns angreifbar machen. Die Mächte Europas könnten ihren Zwist unterbrechen und einen Ausflug auf die britischen Inseln unternehmen, um einen anständigen Happen des Königreichs zu erobern. Das müssen wir verhindern. Aber wenn es sein muss, kämpfen wir. Die Armee des Königs besteht aus einem Haufen Bauern. Gepresste Soldaten, kaum trainiert, noch nie im Kampf erprobt. Sie haben fünfzehnhundert Mann Kavallerie, die in ganz ordentlichem Zustand sind und von Holland geführt werden. Ein guter Mann. Aber damit allein kann der König keine Schlacht gewinnen. Und er weiß das. Er wird nicht wie ein junger Hengst losstürmen und riskieren, dass seine Armee vernichtet wird. Er spielt auf Zeit. Genau wie wir. Er braucht die Verhandlungen ebenso dringend wie wir. Wir müssen auf jeden Fall eine Konfrontation verhindern!«

Lindsays Stimme war hell und hatte einen seltsamen Pfeifton. Wahrscheinlich eine Erkrankung der Lunge. Er war gut informiert, und er schätzte den König richtig ein. Bis auf eine Ausnahme: Der König würde sich nicht auf einen Kompromiss einlassen. Er wollte durchsetzen, was er für rechtens hielt. Und er würde einer Schlacht nicht aus dem Weg gehen, wenn er auch nur den Hauch einer Möglichkeit sah, sie zu gewinnen. Vor allem, wenn er damit seine Macht wiederherstellen konnte.

Der Dritte im Bunde, Lord Balmerino, ergriff das Wort, doch plötzlich zerrte eine heftige Böe an Richard, sein rechter Fuß rutschte ab. Verdammt! Er klammerte sich mit den Fingern so fest an den Stein, wie es ging. Jetzt bloß nicht den Halt verlieren!

Richard hätte mit beiden Händen zugreifen müssen, aber dann hätte er das Hörrohr verloren und kein Wort mehr verstanden. Schmerz schoss ihm durch den Arm in die Schulter. Doch es gelang ihm, den Fuß wieder auf den Mauervorsprung zu stellen.

Er schwitzte am ganzen Körper. Sein Arm zitterte. Aber er hatte keine Zeit, sich zu sammeln oder sich darüber Gedanken zu machen, dass er fast abgestürzt wäre. Er musste seinen Auftrag ausführen. Zum Glück war nicht viel Zeit vergangen, er konnte höchstens ein paar Sätze verpasst haben. Rasch presste er das Hörrohr wieder an die Scheibe.

Balmerino sprach nicht mehr, Leslie hatte erneut das Wort ergriffen. »… seht Ihr? Das ist Kelso. Dort wird Charles vorstoßen. Das gebietet das Gelände. Tweed und Teviot fließen hier ineinander, die Gegend ist überwiegend flach, ideal für einen Angriff von Reiterei und Infanterie. Charles wird von Süden kommen, wir von Norden.« Er schwieg einen Moment. »Wir werden uns diese Senke zunutze machen. Unsere Armee wird dreißigtausend Mann stark sein. Vielleicht auch vierzig. Charles’ Männer werden rennen wie die Hasen.«

»Würde ich Euch nicht kennen, Leslie, würde ich sagen, Ihr habt zu viel Claret getrunken«, sagte Balmerino. »Woher wollt Ihr so viele Männer nehmen?«

»Unsere Soldaten kennen sich doch sicher mit Vieh aus? Mit Rindern?«

»Sollen sie auf Kühen in die Schlacht reiten? Beeindruckend.« Lindsay lachte prustend.

»Auch keine schlechte Idee«, entgegnete Leslie. »Aber ich habe eine bessere. Das Frühjahr ist bislang trocken und ungewöhnlich warm. Und wie es scheint, wird es noch eine Weile so bleiben, vielleicht sogar noch heißer werden. Das haben wir seit Jahren nicht gehabt. Die letzten Sommer waren nass und kalt, das Korn ist auf den Feldern verfault, jetzt verdorrt es. Gott prüft uns ohne Unterlass, aber diesmal kommt uns das Wetter gelegen. Gebt mir doch bitte Tinte und Feder, Balmerino, mein Freund.«

Einen Moment konnte Richard nichts hören, dann fuhr Leslie fort: »Wir werden hundert oder zweihundert Reiter auf diesem Hügel aufmarschieren lassen. Mit polierten Brustpanzern. Die Sonne soll sich im Metall spiegeln, das gleißende Licht wird den Eindruck erwecken, es stünden zehnmal so viele Männer dort. Wir ziehen die Reihe so weit in die Länge, wie es irgend geht, stellen die Pferde seitlich zur Angriffslinie. Dahinter lassen wir tausend Mann Fußsoldaten aufmarschieren. Auch diese Reihen ziehen wir in die Länge, so weit es geht. Sie werden drei Reihen tief stehen. Und dann setzen wir unsere Geheimwaffe ein. Ein alter Trick, den ich von den Schweden gelernt habe. Die sind ausgefuchst, bei Gott! Mit zwei Regimentern der schwedischen Elitetruppen würde ich geradewegs bis London durchmarschieren. Die sind dressiert wie Jagdhunde. Was die zu packen kriegen, lassen sie nicht mehr los.«

»Die haben wir aber nicht«, brummte Balmerino. »Also, was ist Euer Plan?«

»Wir haben keine Schweden. Dafür haben wir unsere Rinder. Wir treiben sie zwischen den Reihen hindurch.«

Richard hörte ein klatschendes Geräusch und kurz darauf Balmerinos Stimme. »Aber ja! Der Boden ist ausgetrocknet. Tausende Hufe werden Staub aufwirbeln. Es wird aussehen, als marschiere eine gewaltige Streitmacht auf.«

»Was, wenn der König uns nicht auf den Leim geht?«, fragte Lindsay.

»Dann werden wir kämpfen. Das Überraschungsmoment ist auf unserer Seite. Wir treiben die Rinder in die Reihen der Engländer, sie werden alles niederwalzen, was ihnen in den Weg kommt. Die in Panik geratenen Rinder werden das Zentrum sprengen. Dann können wir die Schlacht gewinnen. Mit Holland werden wir fertig. Unsere Musketen haben eine größere Reichweite als die englischen Arkebusen.«

»Aber die Moral unserer Männer ist auf dem Tiefpunkt. Sie fürchten die Engländer«, gab Balmerino zu bedenken.

»Genau deswegen müssen wir handeln«, sagte Lindsay. »Wir brechen schnellstmöglich nach Kelso auf, überrennen die Stadt und gehen dort in Stellung. Und wir streuen weiter das Gerücht, dass wir über eine unbesiegbare Streitmacht verfügen.«

»So soll es sein«, sagte Balmerino.

»Bis es so weit ist, biete ich Euch eine unserer Wunderwaffen an. In Portwein gesotten. Mit Karotten und Kohl.« Die Männer lachten.

Richard wandte sich ab. Er hatte genug gehört. Er hangelte sich zurück in das Zimmer, wo Eleonore nach wie vor tief und fest schlief. Behutsam küsste er sie auf die Stirn, schlich in sein eigenes Zimmer und legte sich aufs Bett. An Schlaf war jedoch nicht zu denken. Richard musste so schnell wie möglich eine Nachricht auf den Weg bringen. Der König musste erfahren, dass die größte Gefahr nicht von der Armee der Covenanters ausging, sondern von einer Herde Rindviecher.

Cromwell

Oliver Cromwell ließ seinen Blick über den Tisch schweifen. Alles war in bester Ordnung. Sechs seiner acht Kinder saßen auf ihren Plätzen, nur sein Ältester, Robert, war in Harrow in der Schule, und die kleine Frances saß auf Elizabeths Schoß. Sie war gerade ein Jahr alt geworden.

Wie es sich gehörte, warteten die Diener hinter Cromwell, der am Kopfende saß, gegenüber seiner Frau. Nach dem Gebet würden sie das Frühstück auftragen. Es dämmerte, nach dem Mahl würde es hell genug sein, das Tagwerk zu beginnen, das für Cromwell in einer Reise nach London bestehen würde. »Lasst uns beten«, sagte er.

Alle falteten die Hände. Für heute hatte er sich ein Gebet überlegt, das ihm helfen sollte, die bevorstehenden Entscheidungen besser treffen zu können. Die politische Lage spitzte sich immer weiter zu, einerseits bedrohlich, andererseits konnten die Ereignisse in Schottland die Macht des Königs erheblich schwächen und das Parlament stärken.

»Herr, unser Gott! Dir danke ich für meine Familie. Es kann keine bessere geben. Dir danke ich für deine Güte, dass du meine geliebte Tochter Frances wieder gesund gemacht hast. Deine Gnade kennt keine Grenzen. Dich ehren wir, und nach deinen Geboten leben wir. Gib mir also die Kraft, die Frevler gegen dich zu besiegen, damit die Menschen nach deinem Willen leben können, damit sie nicht von der Last der Steuern erdrückt und vom Hunger dahingerafft werden und nicht die falschen Götter anbeten müssen. Beschütze meine Frau und meine Kinder auf all ihren Wegen. Segne unser Tagwerk, damit wir die Kraft haben, dir zu dienen, und segne diese Mahlzeit, die wir dir verdanken.«

Cromwell machte eine Pause, zählte bis drei. Alle sagten gleichzeitig Amen. Jetzt durften sie munter drauflosplaudern. Das Essen wurde aufgetragen, es gab Haferbrei, Brot, Eier, Schinken, Käse und Wurst. Die Milch für die Kinder war noch warm, für Cromwell und seine Frau stand ein Becher verdünntes Bier bereit.

Cromwell nahm einen Schluck und lächelte zufrieden. Alle erfüllten ihre Aufgaben zu seiner Zufriedenheit. Er hoffte inständig, dass auch er seine Aufgabe erfüllen würde. Gott hatte ihn aus dem Elend gerettet und ihm vor vielen Jahren in einer Vision gezeigt, was er zu vollbringen hatte: Er sollte der mächtigste Mann Englands werden und die Geschicke der Nation lenken. Er sollte Gottes Willen erfüllen und die Republik einführen. Bis dahin war es noch ein langer, steiniger Weg. Immerhin war er zum Abgeordneten für Huntingdon und Ely gewählt worden, war Mitglied des House of Commons und ein enger Freund wichtiger Gegner des Königs. Aber noch stand das Parlament überwiegend auf der Seite von Charles. Viele murrten, aber niemand traute sich, aufzustehen und den Worten Taten folgen zu lassen.

Cromwell wandte seine Aufmerksamkeit Bridget zu, seiner ältesten Tochter, die schon bald ins heiratsfähige Alter kommen würde. Sie war fünfzehn, und Cromwell hatte vor, sie innerhalb der nächsten drei Jahre zu verheiraten. Je eher, desto besser. Bridget hatte ein großes Talent für die Logik. Sie war zwar ein Mädchen, und es konnte ihr schaden, wenn sie sich allzu sehr mit den Dingen des Verstandes beschäftigte, aber logisches Denken förderte die Fähigkeit, Abläufe zu organisieren und einen Haushalt gut zu führen. Deshalb hatte er Elizabeth erlaubt, Bridget in der Logik zu unterrichten. Ihr selbst hatte es ja auch nicht geschadet. Schon jetzt war Bridget fleißig, ordentlich, gehorsam und geschickt bei allen Handarbeiten. Sie konnte ein wenig Latein und hatte einen starken Willen, der sich aber nie gegen ihn oder ihre Mutter wendete. Sie wusste, wo ihr Platz in der Welt war. Mit diesen Fähigkeiten war sie eine gute Partie und würde sicherlich einen ebenso guten Mann finden.

Cromwell hob die rechte Hand. Augenblicklich verstummten alle Gespräche. Was immer seine Kinder gerade in der Hand hielten, legten sie ab, um ihm ihre Aufmerksamkeit zu widmen. Bis auf den dreizehnjährigen Dick. Der steckte sich gerade eine Scheibe Schinken in den Mund und schnitt dabei eine Grimasse. Hatte er das Zeichen seines Vaters nicht gesehen, oder hatte er es missachtet?

»Dick!«, donnerte Cromwell.

Sein Sohn zuckte zusammen, schaute sich um, erkannte, dass alle still waren. Er spuckte den Schinken auf den Teller, wischte sich die Hände ab und sah Cromwell an.

»Ich sehe, du warst unaufmerksam deinem Vater gegenüber und hast dadurch die Tischordnung gestört. Welche Strafe, mein Sohn, erscheint dir für diese Verfehlung angemessen?«

Dick zitterte. Nicht nur, dass er sich nicht an Regeln hielt, der Junge war zu allem Überdruss auch noch ängstlich. Ganz anders als Oliver junior. Der nahm ohne Murren eine Bestrafung hin, wenn sie gerechtfertigt war. Auch wenn es schmerzte. Schläge mit der Rute steckte er, ohne mit der Wimper zu zucken, weg. Inzwischen war er siebzehn und musste nur noch sehr selten gezüchtigt werden, doch auch als kleiner Bub hatte er jede Strafe stoisch hingenommen. Dick heulte schon, wenn er die Rute nur sah. Wie unterschiedlich seine Söhne waren! Oliver junior war ein von Gott Auserwählter, daran zweifelte Cromwell nicht. Er würde seinen Vater stolz machen, er tat es jetzt schon.

Dick brachte kein Wort heraus. Eine gute Gelegenheit, seinen Zweitältesten zu prüfen.

»Oliver, mein Sohn. Welche Strafe hältst du für angemessen?«

Der Junge überlegte einen Moment. »Ich habe gesehen, dass Dick abgelenkt war. Er hat also nicht gegen Euren Befehl gehandelt. Als er es gemerkt hat, hat er sich bemüht, seinen Fehler gutzumachen. Er sollte also wegen Unachtsamkeit bestraft werden. Eine Strafe soll immer die Möglichkeit bieten, dass der Bestrafte etwas lernt. Dick muss lernen, aufmerksam zu sein und die Gaben Gottes zu würdigen. Daher würde ich ihm eine Aufgabe geben, die genau das verlangt. Ich denke, eine Woche lang die Schweine zu hüten und bei ihnen zu hausen, ohne in die Schule gehen zu dürfen, wäre eine angemessene und sinnvolle Strafe.«

Cromwell musste seinem Sohn Hochachtung zollen. Er hatte die Verfehlung erkannt und auch das Wesen der Strafe verstanden. Strafe durfte niemals Rache sein, sondern diente immer der Erziehung. Das war Gottes Wille. Wie es sich gehörte, sollte der Delinquent sich verteidigen dürfen. »Dick. Was sagst du dazu?«

»Ich, äh, ja, ich war nur abgelenkt, Vater. Ich bitte Euch um Verzeihung. Es wird nicht wieder vorkommen. Und bitte nicht zu den Schweinen.« Dick kämpfte mit den Tränen.

Eine Entschuldigung war immer gut, und dennoch war Cromwell enttäuscht. Dick verhielt sich wie ein Diener, der die Schläge seines Herrn fürchtet und sich nicht verteidigt, sondern um Gnade winselt. Warum war Dick so? Was hatte Gott mit ihm vor? Alles war vorbestimmt, also auch das Schicksal seines Sohnes. Dennoch durfte sich Cromwell nicht damit zufriedengeben. Manchmal waren die Zeichen, dass Gott einen Menschen auserwählt hatte, schwer zu deuten, und manchmal fehlten sie vollkommen. Deshalb hatte Gott ihnen aufgetragen, einerseits ihm zu dienen, andererseits aber auch dem Nächsten, damit dieser das Werk Gottes vollenden konnte. Sein Dienst an seinem Sohn musste sein, ihn auf den richtigen Weg zu führen. Oliver junior hatte gut gesprochen, aber einen Aspekt außer Acht gelassen, den er selbst nun einführen würde.

»Nun, Dick, mein Sohn, das hast du schon oft versprochen, aber du hast es, wie du gerade bewiesen hast, nicht eingehalten. Dein Bruder hat ein weises Urteil gefällt, was den heutigen Fall angeht. Aber ich muss auch in Betracht ziehen, was vorher war.«

Oliver junior hob die Hand. Cromwell erteilte ihm die Erlaubnis zu sprechen. Auch er hatte das Recht, sich zu verteidigen. Dem Jungen war die Kritik nicht entgangen, die in den Worten seines Vaters gelegen hatte.

»Das habe ich bedacht. Für die anderen Fälle ist Dick bereits bestraft worden, indem Ihr ihn körperlich gezüchtigt habt. Es ist, wie gesagt, das Wesen der Strafe zu erziehen. Die körperliche Strafe hat, wie wir gesehen haben, keine Wirkung erzielt. Eine Woche Schweine zu hüten ist eine andere Strafe. Sie gibt Dick Zeit zum Nachdenken. Sie gibt ihm die Möglichkeit zu erkennen, wie gut er es hat, wenn er an unserem Tisch sitzen darf, und dass es unabdingbar ist, Regeln und Gesetze zu befolgen. Er wird nie wieder unachtsam bei Tisch sein. Davon bin ich überzeugt.«

Die Argumente waren bestechend. Cromwell war erneut stolz. »Ausgezeichnet vorgetragen, mein Sohn.« Er wandte sich Dick zu, der blass geworden war. »Du wirst ab morgen eine Woche bei den Schweinen verbringen, deren Lager teilen. Essen wirst du, was vom Tisch übrigbleibt. Möge dir dies eine Lehre sein, die dich vor weiterem Fehlverhalten schützt.«

Dicks Unterlippe bebte. »Darf ich mich zurückziehen, Vater?«

»Nein, Dick. Ich habe noch etwas mitzuteilen.«

Dick senkte den Kopf und starrte auf seinen Teller. Cromwell fing einen Blick seiner Frau auf, der sagte: »Es ist recht so. Er muss es lernen.«

Auf Elizabeth konnte er sich verlassen. Sie gab ihm Halt und Sicherheit, auch wenn er harte Urteile fällen musste. Sie liebte alle ihre Kinder gleichermaßen, so wie Cromwell es auch tat. Allein deshalb musste er stark sein. Das Leid, das Dick jetzt erfuhr, würde ihn zu einem besseren Menschen machen. Um nichts anderes ging es. Würde er seine Kinder verzärteln, beginge er Verrat an ihnen und Gott.

»Der König hat es wohl verstanden, die Schotten gegen sich aufzubringen«, begann Cromwell seine Ausführungen. »Ein Krieg scheint unvermeidlich. Charles hat all seine Untertanen aufgerufen, ihm in den Krieg zu folgen. Seid beruhigt, ich werde dem Ruf nicht folgen. Aber ich werde mich mit einigen Männern treffen, die wie ich der Meinung sind, dass der König zu weit geht. Ich werde einige Tage fort sein, wir treffen uns in London.«

Er lächelte Oliver junior an. »Solange dein älterer Bruder in Harrow ist, sollst du mich in allen Dingen vertreten, während ich auf Reisen bin. Auch wenn es um das Moor geht. Du wirst den Leuten beistehen. Du wirst jeden Mann des Königs wegen jeder noch so belanglosen Kleinigkeit verklagen. Aber bleibe immer bei der Wahrheit. Wir dürfen keine Lügen verbreiten, damit würden wir uns nur angreifbar machen.«

Oliver junior, der seinen Vater jetzt schon überragte, schien noch einen Zoll zu wachsen. »Ich werde Euch nicht enttäuschen, Vater.«

Cromwell erhob sich, und seine Familie mit ihm. Er gab allen einen Kuss auf die Stirn. Auch Dick, der ein wenig zurückzuckte, als sein Vater sich ihm zuwandte.

»Dick, mein Sohn. Bedenke, dass ich dich nicht strafe, weil ich dich hasse, sondern weil ich dich liebe. Das darfst du nie vergessen.«

Dick blickte zu seinem Vater auf, in seinen Augen schimmerten Tränen. Cromwell wusste nicht, ob es Tränen der Rührung waren ob seiner tröstenden Worte oder Tränen des Zorns.

Zuletzt nahm er Elizabeth in die Arme, spürte ihren warmen festen Körper und ihren starken Willen. Er schaute ihr tief in die Augen. »Gib gut acht auf dich, mein Schatz. Ich wüsste nicht, was ich ohne dich anfangen sollte.«

Elizabeth legte eine Hand auf seine Wange. »Schau du, dass du in einem Stück wiederkommst. Ich kenne dich doch, du Heißsporn. Sei klug, und remple nicht gleich jeden Royalisten an, der dir in London über den Weg läuft.«

Cromwell lächelte. »Dein Wunsch ist mir Befehl.«

Er küsste sie zart auf den Mund, wandte sich abrupt um und verließ ohne ein weiteres Wort das Haus. Sein Pferd stand bereit, er schwang sich in den Sattel und gab ihm die Sporen. Er würde sein Versprechen Elizabeth gegenüber halten. Er würde keinen Royalisten anrempeln. So glimpflich würde es nicht abgehen.

Richard

Richard blickte in den strahlend blauen Maihimmel. Kein Wölkchen in Sicht. Gut so, schließlich würde er eine Weile im Freien beschäftigt sein. Er band sich das Tuch so vor Nase und Mund, dass er noch genug Luft bekam, aber ausreichend geschützt war. Dann gab er den Dienern, die ihm neugierig zusahen, ein Zeichen, dass sie verschwinden sollten. Er wollte sie nicht unnötig in Gefahr bringen. Erst als sie sich zurückgezogen hatten, nahm er einen Brocken Königsgelb aus einem Ledersäckchen, legte ihn in den Mörser, breitete ein Tuch darüber aus und begann, den Brocken vorsichtig zu zerstoßen. Der gelbe Staub war gefährlich, und er musste höllisch aufpassen. Wenn der Mörser umkippte, würde er Menschen und Tiere krank machen oder sogar töten.

Anthonis van Dyck, sein Mentor und Lehrer, hatte ihm eingeschärft, mit Königsgelb vorsichtiger umzugehen als mit einem Fass Pulver, denn der Arsengehalt des Minerals war extrem hoch, und mancher Kollege hatte seine Nachlässigkeit mit dem Leben bezahlt.

Nach einigen Minuten legte Richard eine Pause ein. Er spürte noch immer seine Muskeln. Als er bei seinem nächtlichen Ausflug vor zwei Tagen fast abgestürzt war, hatte er sich einige Zerrungen zugezogen. Vor allem die rechte Schulter tat weh. Er versuchte, sich gegenüber seinem Gastgeber nichts anmerken zu lassen, was nicht immer leicht war. Wenn er sich zu abrupt vom Tisch erhob, war der Schmerz sehr unangenehm. Bis er wieder vollständig hergestellt wäre, würde es wohl noch ein paar Tage dauern. Zumal er in der Nacht auch noch einen Albtraum gehabt und bis zum Morgengrauen wach gelegen hatte. Die Klettertour hatte Erinnerungen hervorgewühlt, die er normalerweise lieber ruhen ließ. Er hatte von Gregory geträumt und von jenem Moment auf den Klippen, der sein Leben für immer verändert hatte.

An dem Tag nämlich hatte er es doch gewagt hinabzuklettern und war auf einem glatten Stück abgerutscht. Als er am Kliff gehangen hatte, den sicheren Tod vor Augen, war es Gregory gewesen, der ihn davor bewahrt hatte, abzustürzen und an den Felsen des Deadman’s Cove zu zerschellen. Doch der Preis dafür war zu hoch gewesen. Gregory hatte sich verschätzt. Zwar erlangte Richard mit seiner Hilfe wieder Halt unter den Füßen, sein Bruder aber verlor das Gleichgewicht und stürzte in den Tod.

Gregory war seinetwegen gestorben, und das hatte Richard sich nie verziehen. Sein Vater hatte seit dem Tag nicht ein Wort mehr mit ihm gesprochen, sodass es eine Erleichterung für Richard gewesen war, als er wenige Monate später zur Ausbildung nach London geschickt wurde. Alles war besser gewesen als dieser ständige stumme Vorwurf. Selbst heute, fast zwanzig Jahre später, verweigerte sein Vater jeden Kontakt.

Richard hatte es aufgegeben, um Vergebung zu bitten. Er hatte seinen Vater aus seinem Leben verbannt. Nicht aber seinen Bruder. Was immer er auch tat, widmete er ihm. Er hatte sich geschworen, Gregorys Andenken Ehre zu machen, indem er immer alles gab, indem er ständig besser wurde. Wenn er mit steif gefrorenen Fingern den Pinsel umklammerte, um den dreißigsten Versuch zu unternehmen, die Falten eines Gewandes richtig hinzubekommen, tat er das für Gregory. Und wenn er nachts an einer glitschigen Mauer hinaufkletterte, um für den König zu spionieren, geschah auch das für Gregory. Damit sein Bruder nicht umsonst gestorben war.

Richard schob die Erinnerungen weg und arbeitete weiter. Während er die Farbe behutsam zerstieß, ging er seinen Plan noch einmal in Gedanken durch. Leslies Gäste waren bereits am nächsten Morgen wieder aufgebrochen, und Richard wusste nicht, wie viel Zeit ihm blieb. Er musste die Neuigkeiten weiterleiten, und er durfte nicht dabei erwischt werden, nicht der Schatten eines Verdachts durfte auf ihn fallen.

Alexander Leslie wusste natürlich, dass Richard ein Maler war, der auch am Hof ein und aus ging. Daher wurde er zwar mit großem Respekt, aber mit ebenso großem Misstrauen behandelt. Er konnte nicht einfach eine Nachricht verschicken. Sie würde abgefangen werden, und mit etwas Pech würden Leslies Leute den Code entschlüsseln und so erfahren, dass Richard sie belauscht hatte.

Ganz abgesehen davon herrschte ohnehin ein Mangel an Boten. Seit Monaten schon gab es keine mehr, wegen des drohenden Krieges, der Truppenbewegungen und des hohen Bedarfs an Überbringern auf allen Seiten war das Nachrichtensystem fast völlig zusammengebrochen. Wichtige Botschaften wurden fast nur noch von Militärs übergeben, aber hier oben in Schottland gab es natürlich keine königlichen Soldaten.

Richard hatte dennoch jemanden gefunden. Er hatte sich mit Sionn unterhalten, einem der Diener, der bereit war, dem Pferdeknecht eines Händlers, der über York nach London reisen würde, gegen ein kleines Entgelt eine Bildrolle zu übergeben. Der Knecht würde das Bild dann an die Kontaktperson übergeben. Selbst wenn etwas schiefging, ein Gemälde würde Leslies Leuten wohl kaum verdächtig erscheinen. Zumal sie keine geheime Botschaft darin entdecken würden.

Denn die war nur für Eingeweihte zu entschlüsseln. Das Verfahren hatte Richard selbst entwickelt. Zuerst brachte er mit einer verdünnten, fast transparenten Lasur den codierten Text auf. Er war kaum lesbar. Man musste das Bild mit einer leichten Salzsäure abwischen, damit man die Zeichen erkennen konnte. Als Nächstes trug Richard eine weitere Lasur auf, die als Trennschicht diente. Hätte er die Ölfarbe direkt auf die Nachricht gepinselt, wäre sie nicht mehr zu restaurieren gewesen. Die Trennschicht ermöglichte es, die obere Schicht Ölfarbe mit einem Skalpell vorsichtig abzutragen. Auf die Trennschicht malte Richard eine ländliche Szenerie, die er in wenigen Stunden vollendet hatte. Das Bild musste einen Tag lang trocknen, dann konnte er es versenden. Zwei Tage insgesamt brauchte er, um eine Nachricht herzustellen, aber der Aufwand lohnte sich. Niemand außer Thomas Montjoy, seinem Chef beim Geheimdienst des Königs, konnte die versteckte Nachricht entschlüsseln.

Richard bewegte seine steifen Schultern. Seine Finger taten jetzt schon weh, und die Farbe war noch lange nicht fertig. Er brauchte sie für das Kleid, das Eleonore trug. Sonnengelb in vielen Schattierungen. Es betonte ihre perfekte Figur, und wenn sie für ihn saß, machte sie sich einen Spaß daraus, ihn mit Küsschen, Handbewegungen und zweideutigen Bemerkungen zu reizen. Bis jetzt hatte er während der Sitzungen all ihren Verlockungen widerstanden, und er gedachte nicht, dies zu ändern. Vergnügen war Vergnügen, und Beruf war Beruf. Leslie zahlte gut, und Richard musste seine Tarnung aufrechterhalten, wenn ihm sein Leben lieb war.

Der Brocken zerfiel nur langsam. Damit Richard die Pigmente mit dem Öl mischen konnte, mussten sie so fein wie möglich sein. Es durften keine Stückchen oder Verunreinigungen darin sein. Obwohl der Staub tödlich war, liebte er diese Vorbereitungen. Sie machten ihm möglich, was den meisten anderen Menschen wie ein Wunder erscheinen musste: Aus Staub erzeugte er Bilder, die lebendig aussahen. Auch wenn es ein steiniger Weg war und er manchmal geglaubt hatte, dass er es nie schaffen würde.

Er erinnerte sich an den ersten Tag bei seinem Meister.

»Faversham«, hatte van Dyck geraunzt. »Willst du nicht lieber Vorlagen für Radierungen in Metall kratzen? Da kommt es nicht so drauf an, dass man etwas von Farben versteht.«

Dabei hatte sich Richard nach den vielen Jahren der Lehre eingebildet, schon nahezu alles zu können.

Er war erst elf Jahre alt gewesen, als ein Maler, der ein Portrait des Earl of Dartmouth anfertigen sollte, auf sein Talent aufmerksam geworden war. Er hatte den Earl überredet, für die Ausbildung des Sohnes seines Hauptmanns aufzukommen. So war Richard wenige Monate nach Gregorys Tod bei einem Maler in London in die Lehre gegangen. Anfangs weinte er die ganze Nacht hindurch, hatte Heimweh und trauerte um seinen großen Bruder. Doch irgendwann beschloss er, es seinem Meister zu zeigen, weil er Gregory versprochen hatte, niemals aufzugeben. Er übte, bis er den Pinsel nicht mehr halten konnte oder nichts mehr sah. Sechs Jahre später hatte der Meister ihm nichts mehr beibringen können und dafür gesorgt, dass ein anderer reicher Gönner es möglich machte, dass Richard zu dem jungen Ausnahmetalent Anthonis van Dyck nach Antwerpen geschickt wurde. Van Dyck weihte Richard in die tiefsten Geheimnisse der Malerei ein, und das hieß noch mehr üben, noch mehr arbeiten. Es gab mehr als einen Moment, in dem Richard am liebsten seine Pinsel zerbrochen und seine Farben in die Schelde geworfen hätte. Doch Gregory wies ihm immer wieder den Weg.

Nach weiteren fünf Jahren des Studiums in der Meisterklasse wurde Richard als Porträtmaler in die Malergilde aufgenommen, und als van Dyck nach London an den Hof von König Charles ging, begleitete Richard ihn als einer seiner Assistenten. Richard wusste, dass er nie an seinen Meister heranreichen würde, aber er war gut genug, um den englischen Adel zu beeindrucken. Konnte man van Dyck nicht bekommen, weil dieser im Auftrag des Königs beschäftigt war oder auf dem Kontinent weilte, wollte man Faversham. In seiner Zeit in Antwerpen war Richard zusätzlich von einem Freund van Dycks in der Waffenkunst unterrichtet worden, sodass er mit Schwert und Pistole ebenso gut umgehen konnte wie mit dem Pinsel. Fähigkeiten, die ihm zugutekamen, als Charles’ Spionagechef Thomas Montjoy Männer rekrutierte.

An all das dachte Richard, während er fast eine halbe Stunde lang den Stößel immer wieder auf die gleiche Art führte, bis das Pulver so fein war, dass es zu fließen schien. Er nahm das Tuch weg, prüfte das Pigment noch einmal. Die Heirat mit dem Öl konnte vollzogen werden. Tröpfchenweise fügte er es hinzu, rührte nicht, sondern hob das Öl mit einem lanzenförmigen Spatel unter, bis das Pigment nicht mehr staubte. Jetzt war es gebrauchsfertig. Je nach dem, für welchen Zweck er es brauchte, konnte er es durch Zugabe von weiterem Öl flüssiger machen. Richard legte das Mundtuch ab und warf es zusammen mit den Nasenstopfen in den Abfallkübel.

Er winkte den Dienern und bat sie, alles zusammenzuräumen und auf sein Zimmer zu bringen. Nur die frische Farbe trug er selbst. Eleonore wartete bereits auf ihn. Sie saß in einem roten Plüschsessel, das goldgelbe Kleid fiel ab der Brust in weiten Falten bis zum Boden, wo der Saum auseinanderzufließen schien wie geschmolzenes Gold.

»Da ist ja der Schelm, der mir die Nachtruhe raubt und dann mein bleiches Gesicht und die Ringe unter meinen Augen auf Leinwand bannt«, rief sie. »Ich dachte schon, Ihr kommt nicht mehr, Master Faversham.«

Ohne auf Eleonores neckische Bemerkung einzugehen, tauchte Richard die Pinselspitze in das Königsgelb, mischte es auf der Palette mit einem Hauch Schwarz, um die Schatten der Falten herauszuarbeiten. Master van Dyck hatte ihm immer wieder die Grundregel eingeschärft: »Erkenne das Licht, aber male die Schatten. Erst wenn du die Schatten malst, kann das Licht strahlen.«

Nach einer Stunde verlangte Eleonore eine Pause. Auch Richard war müde. Während Eleonore sich umzog, ließ Richard sich etwas Wein und einen Imbiss bringen. Dann verlangte er nach Sionn.

»Wirst du den Knecht heute noch treffen?«, fragte er.

»Ja, Master Faversham, sein Herr bringt zehn Flaschen Aqua vitae für Lord Leslie, bevor er morgen in aller Frühe aufbricht. Da seine Lordschaft einer seiner besten Kunden ist, beliefert er ihn immer höchstpersönlich.«

Richard zog eine kleine Rolle aus seinem Ärmel. Er hatte das Bild in geöltes Leinen eingewickelt, um es gegen Feuchtigkeit zu schützen. Er zögerte, bevor er Sionn die Rolle übergab. So viel hing davon ab, dass das Bild rechtzeitig eintraf. Aber er hatte keine Wahl, er musste das Schicksal des Königreichs in die Hände eines Dieners und eines Pferdeknechtes legen.

»Dies muss unverzüglich nach York. Zum Haus von Margret West gegenüber der Kirche St. Michael le Belfrey. Sie wird es an den Mann weitergeben, für den es bestimmt ist.« Richard hatte Sionn erzählt, das Bild sei eine Auftragsarbeit, die er verspätet fertiggestellt habe. Da es ein Geschenk sein solle, müsse es so schnell wie möglich seinen Zielort erreichen.

Der Mann, an den Margret West das Bild weitergeben würde, wäre kein anderer als Thomas Montjoy. Richard war nicht einmal sicher, ob dieser in York weilte. Doch das musste er auch nicht. Margret West war seine Kontaktperson für diesen Auftrag, mehr brauchte er nicht zu wissen.

Er ließ ein paar Münzen in Sionns Hand fallen, der sie eilig in seiner Tasche verschwinden ließ.

»Kann ich sonst noch etwas für Euch tun, Master Faversham?«

»Das ist alles, Sionn, ich danke dir.«

Sionn ergriff die Rolle, Richard hielt sie fest. »Wenn ich erfahren sollte, dass du oder dein Mann mich betrogen habt, wird es euch schlecht ergehen. Ist das klar?«

»Aber ja, Master Faversham.« Sionn zuckte nicht mit der Wimper.

Richard öffnete die Hand, Sionn ließ die Rolle unter seinem Wams verschwinden. Dann verbeugte er sich und verließ das Zimmer. Richard sah ihm nachdenklich hinterher. Wenn er sich in dem Diener täuschte, waren nicht nur seine Tage gezählt, sondern vielleicht auch die seines Königs.

Vivian

Vivian Mortimer versicherte sich noch einmal, dass ihr niemand gefolgt war, bevor sie abstieg. Dann führte sie Beauty, ihre Stute, hinter einen Baum, der sich einsam über die karge Ebene erhob, die zwischen Witcham House und dem Moor lag. Nichts rührte sich.

Sie hatte den richtigen Moment abgepasst. Alle waren beschäftigt. Nur am Stallknecht war sie nicht ungesehen vorbeigekommen, doch der war ihr treu ergeben. Obwohl er wusste, dass Vivians Vater, Lord Coveney, ihn hart bestrafen würde, wenn er es herausfand, deckte er ihre kleinen Ausflüge.

Vivian wartete noch ein wenig, ließ den Blick über die Landschaft schweifen. Niemand zu sehen. Sie stieg wieder in den Sattel und lenkte Beauty in Richtung des Treffpunkts, an dem sich ihre kleine Gemeinde heute versammeln würde. Sie hatten eine Kate mitten im Moor gewählt. Das halb verfallene Gebäude lag an einem der vielen Nebenarme des Flusses Great Ouse, die sich durch das Moor schlängelten.

Ein guter Platz, an dem sich niemand freiwillig aufhielt. Denn die meisten glaubten, der Ort sei verflucht, weil die Bewohner der Kate vor vielen Jahren von einem Tag auf den anderen verschwunden waren und man sie später tot am Rand des Moors gefunden hatte. Seitdem hieß es, die Kate dulde niemanden in ihren Mauern, weil sie dem Teufel gehöre, der auch das Moor beherrschte. Abergläubischer Unsinn! Aber Vivian und ihrer Gemeinde kam es zupass.

Wie viele Einheimische missbilligte Vivian die Pläne des Königs, das Moor trockenzulegen. Nicht aus Angst vor dem Teufel. Sondern wegen der zahllosen Existenzen, die davon abhingen. Durch eine Trockenlegung würden viele Familien ihr Land verlieren, denn die neuen, trockenen Flächen plante die Krone an Großgrundbesitzer zu verkaufen, die dort Getreide anbauen und damit auch die Schatztruhen des Königs füllen sollten. Vivians Vater hingegen förderte die Trockenlegung, denn er hatte schon lange ein Auge auf die Flächen östlich von Witcham House geworfen.

Vivian erreichte die Kate, band Beauty dahinter an, klopfte drei Mal und zählte bis zehn. Dann klopfte sie weitere zwei Mal. Die Tür öffnete sich mit einem lauten Quietschen, Vivian zuckte zusammen. Hoffentlich hatte das niemand gehört!

Master Mansfields Kopf erschien, sein kahler Schädel glänzte in der Abendsonne, Schweißtropfen liefen ihm an der Schläfe hinab. Er zog ein graues Tuch hervor, wischte sich über den Kopf. »Lady Vivian. Kommt herein. Elvin ist da, außerdem Billy und Margret und Chad.«

»Master Mansfield, Ihr müsst die Scharniere schmieren. Man hört die Tür bestimmt eine Meile weit«, zischte Vivian. »Wollt Ihr, dass wir alle am Pranger enden? Oder am Galgen?«

»Um Gottes willen, nein, Lady Vivian, auf gar keinen Fall. Ich werde mich unverzüglich darum kümmern. Wie konnte ich nur so unaufmerksam sein! Verzeiht einem alten Mann.«

Vivian erschrak über sich selbst. Sie hatte Mansfield nicht zurechtweisen wollen wie einen tollpatschigen Knecht. »Schon gut, Master Mansfield. Ich muss mich entschuldigen, dass ich so grob zu Euch war.«

Während Vivian eintrat, nahm sie sich vor, noch mehr darauf zu achten, die anderen ihre Angst und Anspannung nicht allzu sehr spüren zu lassen. Sie hatte sich für die Seeker entschieden, hatte trotz aller Gefahren, die damit verbunden waren, beschlossen, einer religiösen Gemeinschaft anzugehören, die den Doktrinen der anglikanischen Kirche widersprach. Also musste sie auch die Konsequenzen aushalten.

»Wie schön, Euch zu sehen, Lady Vivian«, begrüßte Billy Butcher sie, ein junger Metzgersohn aus Ely.

Vivian nickte ihm zu und lächelte.

Die anderen nahmen nur kurz Augenkontakt auf und fielen sofort wieder in den Zustand der Erwartung. Dazu saßen sie aufrecht auf einem Schemel oder Stuhl, die Hände im Schoß gefaltet und versuchten, alle Gedanken zu vertreiben, damit ihre Seele frei war für die Eingebungen des Herrn. Es war üblich, dass die, die zuerst kamen, auch zuerst begannen. Es gab keinen Vorbeter, kein Messbuch und keine Regeln. Die Seeker glaubten nicht an Hierarchien. Und sie glaubten auch nicht an Vorbestimmung. Jeder Gläubige musste seine eigenen Entscheidungen treffen und auf deren Grundlage sein Leben gestalten. Dabei halfen die Erkenntnisse, die Gott ihm schenkte, wenn er zu ihm in Kontakt trat. Irgendwann, so glaubten sie, würde Jesus auf die Erde zurückkehren, und dann würde die zweite Zeit des Paradieses anbrechen.

Vivian hatte sich den ganzen Tag auf die Sitzung gefreut. Natürlich konnte sie auch in ihrem Zimmer die Erwartungshaltung einnehmen, aber wenn sie allein war, stellten sich selten besondere Erkenntnisse ein. Ihre Gedanken drehten sich ständig um die tausend Dinge, die sie erledigen musste, vor allem jetzt, wo Vater nicht da war. Es gab so viel zu bedenken, angefangen beim Zählen der Eier bis hin zur Einteilung der Arbeiten für die Dienerschaft. Obwohl ihr Vater Linus Addenbury, einen fähigen und zuverlässigen Mann, als Verwalter für Witcham House eingesetzt hatte, musste Vivian vieles in die eigene Hand nehmen.

Sie setzte sich auf einen freien Platz, legte ihre gefalteten Hände auf die Oberschenkel, schloss die Augen und sprach tonlos ein Gebet, mit dem sie ihre Sitzung einleitete: »Gottvater, ich weiß, dass du über uns wachst, dass deine Güte allumfassend ist. Du liebst jedes Menschenkind, ganz gleich, ob arm oder reich, Katholik oder Protestant, Atheist oder Seeker. Du bist der Bote des Friedens. Gib uns Menschen Weisheit und Stärke, deine Botschaft weiterzutragen. Gib denen, die dein Wort nicht hören können, Erkenntnis und Güte. Gib mir Kraft, meine Aufgaben zu erfüllen. Schütze die Seeker, denn sie begehren nichts Unrechtes und sind deine demütigen Diener.«

Heute wollte Vivian versuchen, neue Erkenntnisse über den Zustand des Todes zu erlangen, diesen ewigen Schlaf ohne Bewusstsein. Es war gefährlich, ihre Gedanken in diese Richtung zu lenken, zu oft überfiel sie dabei übermächtige Trauer, die ihr Leben tagelang verdunkelte, doch sie hoffte, dass Gott ihr eine tröstende Botschaft senden würde. Sie kannte viele Menschen, die im ewigen Schlaf lagen, Menschen, die alt oder krank gewesen waren. Gott hatte sie abberufen, weil ihre Zeit gekommen war. Doch warum hatte Gott ihnen Jamie genommen?

Ein Jahr war ihr Bruder jetzt tot, und noch immer schmerzte es sie, an ihn zu denken. Jamie war voller Leben gewesen – bis ein Unbekannter ihn von heute auf morgen einfach ausgelöscht hatte. Am Abend vor seinem Tod hatte er mit Freunden in einer Gaststätte gewürfelt. Irgendwann waren die Freunde nach Hause gegangen, doch Jamie hatte es noch nicht ins Bett gezogen, er hatte angekündigt, noch woanders ein Bier zu trinken. Wohin er gegangen war, konnte der Sheriff nicht herausfinden. Und auch nicht, ob ihn irgendwer noch gesehen hatte, nachdem er sich von seinen Freunden verabschiedet hatte. Als er am nächsten Tag nicht zu Hause war, nahmen alle an, dass er irgendwo seinen Rausch ausschlief. Doch als er bis zum Abend nicht auftauchte, ließ Lord Coveney nach ihm suchen. Jeder, der laufen konnte, auch Kinder und Alte, durchkämmten die Gegend, suchten das Moor ab, doch sie fanden nichts. Schließlich entdeckte ein kleines Mädchen Jamies Leiche in Ely, in einer Gasse, hinter einem Fass. Jemand hatte ihm die Kehle durchgeschnitten.

Vivian zog ihr Taschentuch aus dem Ärmel und tupfte sich eine Träne von der Wange. Letzte Woche wäre Jamie siebzehn geworden. Mutter war seit seinem Tod beinahe verstummt und verließ nur selten ihr Schlafzimmer. Vater weigerte sich, über Jamies Tod zu reden. Nachdem der Sheriff die offizielle Untersuchung ohne Ergebnis abgeschlossen hatte, hatte Vivian ihren Vater beschworen, weiter nach dem Mörder ihres Bruders zu suchen. Doch er hatte sich geweigert.

»Wozu soll das gut sein?«, hatte er sie angeherrscht. »Das macht ihn auch nicht wieder lebendig.«

Vivian hatte das Thema nicht wieder angesprochen, denn sie ahnte, warum ihr Vater nicht weiter nachforschen wollte: Er war überzeugt davon, dass Jamie in dubiose Machenschaften verwickelt gewesen war und dass diese ans Licht kommen könnten, wenn man zu tief bohrte. Er befürchtete, dass der Name seines Sohnes und damit auch sein eigener beschmutzt werden könnte.

Vivian glaubte nicht, dass Jamie von einem zwielichtigen Geschäftspartner ermordet worden war. Ihr Bruder war manchmal übermütig gewesen. Aber er war kein Verbrecher. Und sie würde alles darum geben, seinen Mörder seiner gerechten Strafe zuzuführen.

Jetzt war Vater fort, vor einer Woche aufgebrochen nach York, um den König zu unterstützen. Die Schotten rebellierten, weil Charles ihnen ein neues Messbuch aufzwingen wollte. Für Vivian waren beide Seiten im Unrecht. Wie konnte man sich um ein Messbuch streiten? Ihr Vater aber hatte verkündet, wer das Messbuch des Königs infrage stelle, der stelle den König infrage und sei ein Verräter an Vaterland und Krone.

Ohne Vater im Haus war es friedlicher, aber Vivian spürte auch die Last der Verantwortung. Mutter war ihr keine Hilfe. Und es war kein Jamie da, der sie aufmuntern konnte.

Süßer kleiner Jamie! Als er geboren wurde, war Vivian gerade sechs Jahre alt gewesen. Sie hatte ihn halten dürfen, dieses kleine, verschrumpelte Wesen, und ihn vom ersten Augenblick an geliebt. Er hatte unter Gottes Schutz gestanden, hatte überlebt, anders als Vivians andere Geschwister, obwohl er oft krank gewesen war. Die Röteln hatte er überstanden, einen schlimmen Husten und das Fieber. Jamie war stärker gewesen als alle Krankheiten. Und jetzt war er fort. Herausgerissen aus ihrem Leben. Und nichts konnte sie trösten.

»Herr, sag, warum hast du mir Jamie genommen?«, fragte sie stumm.

Vivian verbannte alle anderen Gedanken, doch Gott schwieg, versagte ihr eine Eingebung. Verlangte sie zu viel? War es anmaßend, von Gott eine Antwort zu erwarten?

Schließlich öffnete sie die Augen. Die anderen sahen sie an, lächelten. Sie war die Letzte, die in Erwartung verharrt hatte. Am Stand der Sonne, die ihr Licht durch das winzige Fenster der Kate schickte, erkannte Vivian, dass mindestens eine Stunde vergangen sein musste.

»Ich sehe, dass Ihr geweint habt, Lady Vivian«, sagte Master Mansfield. »Möchtet Ihr darüber reden?«

Vivian atmete tief ein und aus. Mit ihrer Mutter konnte sie nicht über ihre Trauer sprechen, es hätte deren Seele noch mehr verdunkelt. Wo, wenn nicht hier, war der richtige Ort, um ihr Herz zu erleichtern?

»Gott spricht nicht zu mir, und ich kann Jamie nicht loslassen. Mein Herz ist schwer wie Blei. Meine Mutter vergräbt sich in ihrem Kummer, mein Vater will nicht über meinen Bruder reden. Und jetzt ist er in den Krieg gezogen. Was soll ich nur tun?«

Billy hob die Hand. Damit zeigte er an, dass er etwas beitragen wollte. Master Mansfield nickte ihm zu. Einstimmig hatten sie dem alten Buchhändler die Aufgabe übertragen, nicht nur die Treffen der Seeker zu organisieren, sondern auch die Redezeit zuzuteilen und darauf zu achten, dass jeder zu Wort kam.

»Ihr solltet herausfinden, wer Lord Jamie totgemacht hat, und ihn vor Gericht bringen. Nicht aus Rache. Sondern damit Euer Bruder – damit seine Seele Ruhe findet.« Billy war rot angelaufen. Er blickte auf seine Füße. »War das dumm von mir?«

»Aber nein, mein Junge«, sagte Mansfield. »Nichts, was du sagst, ist dumm.«

Vivian starrte Billy an. Bisher hatte sie nicht im Traum daran gedacht, den Mörder selbst zu suchen. Der Sheriff hatte nichts herausgefunden, ihr Vater wollte nicht weiter nachforschen. Was konnte sie als Frau schon ausrichten, ganz allein und gegen den Willen Lord Coveneys? Aber er war nicht da und würde Wochen, vielleicht sogar Monate fortbleiben. Wenn sie in dieser Zeit etwas herausfand, wäre er ihr bestimmt dankbar, vor allem, wenn sich erwies, dass sein Verdacht gegen Jamie falsch war. Und wenn sie nichts herausfand, musste er es nie erfahren.

Billy nestelte an seinem Wams herum. Darunter trug er ein graues Hemd aus Wolle, auf dem einige dunkelbraune Flecken zu sehen waren. »Die Leute haben Angst vorm Friedensrichter und vorm Sheriff ganz besonders. Die würden denen nichts sagen, selbst wenn sie was wissen. So hab ich’s jedenfalls gehört. Weiß ja nicht, ob das stimmt.« Er presste die Lippen zusammen und musterte die Spitzen seiner abgewetzten Schuhe.

»Ist das wahr?«, fragte Vivian.

Billy nickte.

»Und was ist mit mir? Haben die Leute auch Angst vor mir? Schließlich bin ich Lord Coveneys Tochter.«

Billy schüttelte heftig den Kopf. »Nee, Euch finden die Leute nett. Die würden Euch alles sagen, was sie wissen. Da bin ich sicher.«

Ein warmes Gefühl rieselte durch Vivians Körper. Es gab Hoffnung. Zwar würde nichts und niemand ihr Jamie zurückbringen, aber vielleicht konnte sie seinen Mörder ausfindig machen und dafür sorgen, dass sein Tod gesühnt wurde. Und es gab Menschen, die bereit waren, ihr zu helfen.

Sie beugte sich vor. »Weißt du denn etwas, Billy? Über die Nacht, in der Jamie ermordet wurde?«

»Dann hätt’ ich’s schon längst gesagt, Lady Vivian. Da schwör ich drauf.«

»Ja, natürlich, Billy.«

»Sollen wir uns ein wenig umhören, Lady Vivian?«, fragte Chad Flock, der Schuster. »Ganz unauffällig. Kann ja nichts schaden, oder?«

»Das würdet ihr für mich tun?«

»Lord Jamie war ein guter Mensch«, sagte Chad. Er räusperte sich. »So wie Ihr.«

Vivian spürte erneut Tränen aufsteigen. »Danke.«

Master Mansfield klatschte in die Hände und erhob sich. »Nun dann, meine lieben Freunde. Es wird Zeit, nach Hause zu gehen. Ich lasse euch wissen, wann wir uns wieder treffen. Dann werden uns vielleicht Nachrichten von William Erbery aus Amsterdam erreicht haben. Wenn wir Glück haben, wird er sogar Zeit für uns haben und uns besuchen. Geht mit Gott, und seid vorsichtig, dass niemand euch entdeckt.«

William Erbery! Vivians Herz schlug schneller. Wie wunderbar es wäre, ihn wiederzusehen. Einmal war er nach Ely gekommen, und seine Worte waren Balsam für ihre Seele gewesen. Ohne ihn würde es keine Seeker geben, er hatte die wahre Natur Gottes erkannt, Vivians Herz damit berührt und ihren Verstand überzeugt.

Schweigend verließen die Seeker die Kate. Obwohl alle bis auf Vivian aus Ely hergekommen waren, würden sie auf verschiedenen Wegen in die Stadt zurückkehren. Niemand sollte sie zusammen sehen. Nur allzu schnell entstanden Gerüchte.

Auch Vivian wollte sich in den Sattel schwingen, doch Master Mansfield hielt sie zurück. »Auf ein Wort, Lady Vivian.«

Master Mansfields Miene war ernst. Verflogen war sein beinahe unterwürfiges Verhalten ihr gegenüber. Jetzt stand der Anführer der Seeker von Cambridgeshire vor ihr. Ein Mann, der sicherlich alle Bücher gelesen hatte, die er in seinem Buchladen zum Kauf anbot. Und noch viele mehr, die er unter der Theke verwahrte. Von diesen Werken hatte auch Vivian einige gelesen. Sie versteckte sie unter einem losen Dielenbrett in ihrem Zimmer.

Sie hielt das Pferd am Zügel: »Ist es so weit?«

»Ja. Endlich. Exemplare für ganz Cambridgeshire. Innerhalb der nächsten drei Wochen. Kann ich auf Euch zählen?«

»Aber ja, Master Mansfield. Wie immer.«

»Ihr seid Euch sicher? Wenn man Euch erwischt, drohen Euch schlimme Strafen. Selbst Euer Vater wäre machtlos.«