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Ein wenig flirten, dass beflügelt, denken Sandra und Christian, als sie sich im südfranzösischen Toulouse in einer Weinbar begegnen, die Jacken vertauschen und stundenlang in der tiefen Nacht miteinander telefonieren. Jedes Wort, jedes Treffen berauscht die Sinne. Eine unfassbare Intensität, die zum tödlichen Strudel wird. Denn ihr leichtes Spiel mit der Liebe entgleitet zunehmend ihrer Kontrolle.
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Seitenzahl: 37
Veröffentlichungsjahr: 2019
Ort und Handlung sind frei erfunden.
Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig
und nicht beabsichtigt.
Impressum
Autorin: Sandra Laroux
Coverfoto: Hilke Maunder
ISBN:
Schwer und bleiern hängt der Himmel über Hamburg. Eine graue Wand aus Wolken, die das Licht schluckt. Die Stahlseile, die die Brücke tragen, verschwinden im Nebel. Eins, zwei, drei, platsch. So lange würde es dauern. Drei Sekunden. Eine winzig kurze Zeit, die ihr ganzes Leben verändern würden. Drei Sekunden für 53 Meter.
Das Geländer war leicht zu überwinden. Um nicht von den Überwachungskameras der Brücke erfasst zu werden, war sie mit ihrem Auto bis zum Scheitelpunkt gefahren. Ein leichter Wind kam auf, riss die grauen, bleiernen Wolken über dem Hafenbecken auseinander. Wie wachsame Augen erhellten hohe Scheinwerfer die Container am Kai. Wuchtige Kräne schoben sie wie von Geisterhand hin und her. Marionetten, willenlos wie sie.
Doch jetzt würde sie nicht den Mut verlieren, sondern springen. Loslassen, fliegen, eintauchen in ewige Nacht.
Wieder überkommt sie ein Weinkrampf. Auf dem Dielenboden ihrer Eimsbütteler Altbauwohnung hockt Sandra, hingekauert zwischen Haustür und Telefon, ausgeliefert den Gedanken, die sich in ihrem Kopf jagten.
Schwarz Klumpen unter den Augen von zerlaufener Mascara. Blond zerzaust die Haare. Verwaschene 501-Jeans, roter Cashmerepulli, die Füße barfuß, die Beine im Schneidersitz. Gedankenverloren malen ihre Finger malen die Maserung des Holzes, verlieren sich zwischen Linien und Kreisen, Erinnerungen und Worten, die sie nicht verlassen wollen.
***
Das Schönste sind die Kurven. Wenn Christian seine rotweiße Honda Transalp in die Kurve legt, sie beide im Schwingen verschmelzen. Am Horizont funkeln die Eisspitzen der Pyrenäen, heiß flimmert der Asphalt. Sie passieren Sonnenblumen, die stramm nach Westen blicken, alte Höfe mit riesigen Taubenhäusern, Gärten mit schnatternden Gänsen. In Cologne, einer charmanten Bastide im Herzen des Gers, machen Sandra und Christian Pause.
Auf der Place de la Halle ordern sie einen Pastis und einen Petit Noir, blicken auf die offene quadratische Markthalle, das Fachwerk der mittelalterlichen Arkadenhäuser, die Blumen geschmückten Steinkübel, und hängen ihren Gedanken nach. Plötzlich unterbricht Christian die Stille. „Du bist nicht die Frau, die ich mir als Lebenspartnerin vorstelle.“
***
Sandra hatte Christian in Toulouse kennengelernt. Eine deutsche Wirtschaftszeitung hatte sie in den Südwesten Frankreichs geschickt. Der Auftrag „Gabelhappen an der Garonne“ war ihre erste große Geschichte für das Düsseldorfer Blatt. 13 Jahre lang hatte Sandra als Redakteurin bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet, in den letzten Jahren zunehmend den Wunsch nach Selbstständigkeit gespürt und erst vor wenigen Wochen, mit Sekt und ihren Freunden, ihr Redaktionsbüro eröffnet. Am ersten Tag hatte sie sich noch gefragt, wie es eigentlich ginge, das mit der Selbstständigkeit, doch dann hatte sie zum Telefon gegriffen und akquiriert.
Nun war sie wieder in Toulouse. Nur undeutlich erinnerte sie sich an ihren ersten Besuch in der Ville Rose, deren Fassaden im Sonnenlicht tiefrot leuchten. An die Veilchen, die als Konserve oder süße Leckerei auf einem Hausboot verkauft wurden, das auf dem Canal du Midi direkt beim Bahnhof festgemacht hatte. An die Platanen und die Place du Capitole, wo um das Kreuz des Languedoc im Boden Bouquinisten alte Bücher und Comics verkauften. Mit InterRail und Rucksack war sie unterwegs gewesen. Vor 15 Jahren. Und hatte mit dem Kreuzgang des Jakobinerklosters ein Ort des Wohlfühlens gefunden, der Ruhe und Stille.
Doch jetzt ist sie wieder in der Stadt, die Nougaro so zärtlich wie jazzig besungen hatte, und bummelt mit dem Michel Sarran durch die Markthallen, vorbei an den mehr als 100 Ständen des Marché Victor Hugo. Foie Gras und fette Würste, Käse und Cassoulet stapeln sich auf den Verkaufstresen, Okzitan schwirrt durch die Luft, mischt sich mit dem Klappern von Absätzen und dem Klingen von Gläsern.
„Hier, probier mal! Ein wenig misstrauisch beäugt Sandra die großen Schalen, in denen sich knusprige Kugeln frittierter Entenhaut auftürmen – Fritons. „Nun trau Dich schon!“ Der Zweisternekoch, der ihr die schönsten Genussadressen an der Garonne für ihre Story zeigt, lacht. „Ein wenig Mut musst Du schon aufbringen, wenn Du hier im Südwesten bist.“
Ein wenig Mut, denkt sie abends, als sie vor der Einsamkeit des Hotelzimmers flieht, im Dunkeln alleine durch die Altstadt bummelt. In einer schmalen Gasse bleibt sie stehen, „Spécialités de Quinquina“ steht auf der Fassade, bittere Aperitifs, und darunter „Bar au Vin“, 1889. Ausgediente Weinfässer dienen als Tische. An der blank gescheuerten Zinktheke schenkt Mathieu wortgewaltig Wein in schlichte Gläser, stapelt Foie Gras, Wurst und Käse zum Bauernbrot auf derbe Holzbretter und gönnt sich selbst hier und da einen kleinen Schluck.
Noch ist die schummrige Weinbar von „Père Louis“ kaum besetzt. Einzig in einer Ecke unterhalten sich zwei Männer und eine Frau. Sie scheinen sich zu streiten. Neugierig blickt Sandra hinüber und beschließt zu bleiben. Sie hängt ihre schwarze Jacke an den Haken und wählt einen Tisch, wo sie das Trio unauffällig beobachten kann. Beiläufig im Reiseführer blätternd, nippt sie nur in kleinen Schlucken am Wein, zögert die Zeit heraus, und wird immer mutiger beim Versuch, einige Worte zu verstehen, einen Blick von jenem Mann zu erhaschen, der ihr den Rücken halb zugewandt hat.
