Der Sprung über den Zaun - Matthias Schippel - E-Book

Der Sprung über den Zaun E-Book

Matthias Schippel

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Beschreibung

Die bewegende Geschichte von Robert und Safina, deren Lebens- und Leidensweg sich in einer Klinik kreuzen und die nicht nur aneinander Gefallen finden, sondern sich auf eine Reise in Safinas Vergangenheit nach Bosnien begeben. Dort suchen sie nach Spuren ihrer im Krieg erlebten schrecklichen Erfahrungen und begegnen Menschen ihrer Familie. Robert hilft ihr als Psychiater zu einer Anerkennung als traumatisierte Asylsuchende in Deutschland. Doch Safina geht ihren eigenen Weg.

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Seitenzahl: 207

Veröffentlichungsjahr: 2014

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TITEL: Der Sprung über den Zaun

Autor: Matthias Schippel

Klappentext: Die bewegende Geschichte von Robert und Safina, deren Lebens- und Leidenswege sich in einer Klinik kreuzen und die nicht nur aneinander Gefallen finden, sondern sich auf eine Reise in Safinas Vergangenheit nach Bosnien begeben. Dort sucht sie die Spuren ihrer im Krieg erlebten schrecklichen Erfahrungen. Robert begleitet sie und hilft ihr auf dem Weg zu einer Anerkennung als traumatisierte Asylsuchende in Deutschland. Doch Safina geht ihren eigenen Weg.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 1

Dämmerlicht fiel durch die Fenster in seine Praxisräume und füllte sie mit einer eigentümlichen Stille und Schwere. Alles war im absoluten Ruhezustand, kein Mensch bewegte sich im Raum, die Möbel und Gegenstände standen an ihrem Ort, als hätte sie seit Jahren keiner mehr bewegt oder in die Hand genommen. Nur das Licht am Anrufbeantworter der Telefonanlange auf seinem großen Mahagonischreibtisch blinkte. Er blickte sich noch einmal in seinem Praxisraum um.

Das war nun also der vorläufige Abschied. Oder endgültig? In diesem Moment wusste er nur, dass die Rückkehr in seine Arbeit als Psychiater in einer kleinstädtischen Praxis vorläufig undenkbar war. Mindesten für ein Jahr lang – er dachte an ein Sabbatjahr – würde er abtauchen und sich nur noch um sich und seine Gesundheit kümmern. Zuviel war passiert und hatte zu diesem scheußlichen Gefühl dauernder Angst und Überforderung geführt. Angst, zu versagen und einen Fehler zu machen, der einen oder eine seiner Patienten ins Unglück stürzen würde. Weil er nicht mehr richtig zuhörte, etwas Wichtiges übersah oder ein falsches Medikament verschrieb. Einmal war es fast passiert bei einer Frau mit Suizidgedanken, dass er ein Medikament gegen Depressionen verabreicht hätte, obwohl sie schwer nierenkrank war und das auf der

Packungsbeilage als Risiko verzeichnet war. In anderen Fällen hatten ihn Patienten darauf aufmerksam gemacht, dass er Fragen stellte, die sie längst beantwortet hatten. „Aber Herr Doktor, das habe ich Ihnen doch schon beim letzten Gespräch gesagt“. Das war ihm unendlich unangenehm, weil er seinen Beruf lange Jahre gewissenhaft ausgeübt hatte. Und jetzt diese Ausfallerscheinungen und Erschöpfungszustände. An manchen Tagen fühlte er sich schon nach zwei oder drei Stunden so müde und lustlos, dass er nur noch mechanisch Protokolle und Patientengutachten schrieb. Er sagte immer öfter Termine ab mit fadenscheinigen Begründungen. Das führte dann bei seinen Patienten zu unterschiedlichen Reaktionen, je nach Persönlichkeit. Einige beschimpften dann seine Bürokraft am Telefon, die sich das anhören musste und ihn dann vorwurfsvoll ansah, wenn sie ihm davon berichtete. „Frau S. hat angerufen, sie ist völlig am Ende, sie braucht dringend einen neuen Termin“. Aber sein Terminkalender ließ aufgrund seiner inneren Verfassung, die er als desolat empfand, aber nach außen abschirmte, nur noch eine begrenzte Anzahl an Terminen zu. Daher hatten sich auch schon einige Patienten an seine Kollegen gewandt, die in der Nähe arbeiteten, und das wiederum hatte schon zu einem finanziellen Verlust geführt, der etwas weh tat. Außerdem litt natürlich sein Ruf als psychiatrischer Facharzt, den er sich über lange Jahre aufgebaut hatte.

Dass er sich nun um seine Gesundheit kümmerte, war ungewöhnlich, aber notwendig, weil die negativen Rückmeldungen nicht mehr zu überhören waren und auch nicht überzeugend erklärt werden konnten. Vor einigen Wochen hatte ihn seine langjährige Bürokraft und treue Helferin Kathrin - ein Juwel, wenn es darum ging, lästige Telefonate abzufangen - angesprochen und mit sorgenvoller Miene gefragt: „Was ist los mit Ihnen, Herr Doktor, das kenne ich gar nicht bei Ihnen. “ Kurz zuvor hatte er eine Frau aus seiner Praxis gewiesen, die sich bei ihm über mangelnde Termine beschwert hatte. Das war nicht seine Art, und beim Nachdenken über diesen Vorgang am Abend desselben Tages wurde ihm klar, dass es jetzt an der Zeit war, sich nicht mehr weiter vorzumachen, er könne seinen Praxisbetrieb in reduzierter Form aufrechterhalten. Die Qualität seiner Arbeit, das war ihm klar, hatte zu sehr nachgelassen im letzten Jahr, und er merkte das auch an der wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber den Geschichten seiner Patienten. Manchmal hatte er das unangenehme Gefühl, dass sich ihre Geschichten wie Saugnäpfe an ihn hefteten und nach unten zogen. Außerdem war da dieser unangenehme Wiederholungsfaktor, immer mehr bündelten sich die Krisensymptome von Menschen zu einem Haufen ungelöster Eheprobleme, Überlastungen am Arbeitsplatz, Missbrauch und Gewalt in den unterschiedlichsten Formen. Es war für ihn immer schwieriger geworden, diese Problemberge abzutragen, um den Hintergrund herauszufinden und sinnvolle Therapiemaßnahmen einzuleiten. Dann verschrieb er irgendwelche Standartmedikamente, Stimmungs-aufheller oder Appetizer und in schweren Fällen Psychopharmaka. Mehr und mehr hatte er gerade gegenüber Letzterem Aversionen entwickelt, weil er wusste, dass Menschen nach längerer Einnahme davon abhängig wurden und ein Absetzen – eigentlich Ziel der Behandlung – gefährlich wurde. Oder sie spülten die Tabletten ins Klo, weil sie die unangenehmen Nebenwirkungen spürten. Er hätte viel lieber therapeutische Behandlungen durchgeführt, aber er war nun mal Psychiater und konnte nur wenige Patientinnen in Gesprächstherapie nehmen. Die vielen anderen, die sein Wartezimmer bevölkerten, brauchten kurzfristig eine Diagnose, Krankschreibung, Medikamente oder Überweisung in eine Therapie oder Klinik. Das war nun mal sein Job als Psychiater. Es reichte erst mal nach zwanzig Jahren. Er hatte dies an jenem Abend festgestellt, nachdem er die Frau in seiner Praxis angeschnauzt hatte. Er beschloss, seine Praxis für ein halbes Jahr erst mal zu schließen und den Erschöpfungszuständen, die ihn immer häufiger anfielen, auf den Grund zu gehen, und hatte sich in einer Klinik zu einer Therapie angemeldet, die etwa sechs Wochen dauern sollte.

Er sah sich noch einmal in seinen Räumen um, sein Blick fiel auf den großen Lehnstuhl, in dem er sich die vielen Leidensgeschichten angehört hatte. Sie schwebten durch den Raum und füllten ihn, als seien sie von Menschen hinterlassen worden. Er wandte sich zur Tür, löschte rasch das Licht und zog sie leise hinter sich zu.

Kapitel 2

Sie hörte das leise Vibrieren der Gläser im Schrank, es wurde lauter, dann plötzlich Stille. Draußen erstarb ein Motor, Männerstimmen, die mit rauher Stimme kurze Befehle riefen. Sie erlebte Männer, die sie von früher kannte, jetzt ganz

anders. Wie den Mann, der früher Lehrer war und lachte, jetzt aber ein böses Gesicht hatte, eine Uniform und eine Waffe, mit der er auf Menschen schoss. Sie hatte ihn gesehen, und er sie auch. Er würde sie holen, wenn er Lust dazu hatte konnte sie nicht verstehen, sie verstand nie diese Stimmen, auch nicht, was sie taten. Sie taten immer etwas, sie klangen böse und brachten den Tod. Mit schweren Stiefeln liefen sie durchs Dorf und drangen in die Häuser ein. Sie sah das fahle Dämmerlicht des Mondes, das einen schmalen Streifen in ihr Zimmer warf. Er tastete sich zum Bett vor, ergriff ihren linken Fuß, sie schrie und warf sich auf die andere Seite des Bettes. Sie erwartete, dass die Tür aufgestoßen würde und Männer in das Zimmer eindrangen. Aber nur das klagende Miauen en einer Katze. Vor der Tür, oder war es im Flur? Der Flur war dunkel und eng, sie bekam dort immer Angst. Im Flur lauerte auch der Tod. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie hereinkamen, sie vom Bett wegzerrten, in einen Wagen werfen und irgendwo hinfahren würden. Dorthin, wo Männer warteten, um ihr weh zu tun.

Sie zog das Kissen nah an ihren Kopf, es war weich. Nur den Gegenständen konnte sie noch vertrauen, sie waren gleich. Aber die Menschen, die waren anders geworden.

Sie bekam kaum noch Luft, sie musste das Fenster aufmachen. Aber dann wüssten sie, dass sie da war. Sie musste sich still verhalten. So wie die vielen anderen Frauen, die jetzt still und voller Angst in ihren Betten lagen. In deren Träume immer wieder das Böse kam, die schwarzen Schatten, die alles zudeckten, was an Erinnerungen noch da war. Die fröhlichen Menschen mit ihren bunten Kleidern, die zur Musik der Blaskapelle tanzten. Die unschuldigen Gesichter der Kinder, die jetzt erwachsen waren. Die bunten Wiesen und Felder, über die noch kein Militärkonvoi gefahren war. Die alten Frauen, die im Sonnenlicht saßen und Gemüse putzten oder Kartoffeln schälten. Das alles hatten die Schatten zugedeckt.

Und sie hatten auch den Schlaf gestohlen und die Ruhe der Seele. Die Seele war dem Körper entflohen an einen sicheren Ort. Und der Körper hatte keine Kraft mehr, sich zu wehren. Alle Kraft war aus ihm gewichen, seit die Schatten da waren,

die die Männer mit den schweren Stiefeln hinterließen.

Sie hörte wieder die Männerstiefel, und die Stimmen. Und das Schlagen von Autotüren. Sie fuhren weg, aber sie würden wiederkommen, das wusste sie. Und sie zitterte, und die Gläser klirrten leise.

Sie wachte auf, und ihr Kopf hämmerte vor Schmerz. Schmerz. Sie kannte alle die Spielarten des Schmerzes, die seit dem Krieg ihren Körper und ihre Seele bewohnten. Und sie nach Lust und Laune peinigten, oft in der Nacht und am frühen Morgen. Wenn sie sich nicht wehren konnte und

empfänglich war. Sie tastete nach der Packung mit den Kopfschmerztabletten und riss die letzte heraus, um sie mit Wasser hinunterzuspülen. Der Kopfschmerz war ihr treuester Begleiter, aber sie kannte auch die anderen, für die sie keine Tabletten hatte. Die sie zum Weinen oder Schreien bringen konnten, wenn es zu schlimm wurde und sie allein war. Das Alleinsein war das Schlimmste hier in Deutschland. Sie musste weg, hier in Deutschland war sie zu allein und kannte nur wenige Menschen. Es gab nur eine Freundin, mit der sie ihren Schmerz teilen konnte, die auch den Krieg in Bosnien-Herzegowina erlebt hatte. Aber die hatte wenigstens ihre Familie dabei. Sie sei traumatisiert, hatte ihr dieser Arzt mit dem bleichen, ausdruckslosen Gesicht gesagt. Sie müsse in Behandlung und Tabletten nehmen. Aber das wollte sie nicht. Jemand, dem sie vertraute, hatte gesagt, dass die Tabletten ihre Seele noch weiter weg treiben würden. Das wenige Leben, das noch in ihr war, wollte sie behalten. Außerdem brauchte sie einen klaren Kopf hier in Deutschland, vieles war ihr fremd und neu.

Sie hatten ihr eine Kur für die Seele angeboten. Gespräche und Hilfe für ihre Zukunft hier. Sie hatte überlegt. Warum eigentlich nicht. Sie war nicht krank, aber sie brauchte Ideen, wie sie hier zurechtkam. Und da waren bestimmt Menschen, die ihr helfen konnten. Vielleicht sogar welche, die etwas Ähnliches erlebt hatten. Wenn sie ihr Tabletten gaben, konnte sie die heimlich ins Klo spülen, das taten andere auch.

Sie würde also morgen für drei Wochen in diese Klinik bei Frankfurt gehen. Aber nicht länger, auf keinen Fall. Danach würde sie zu ihrer Tochter reisen, die zur Zeit bei einer Freundin in Bosnien lebte. Sie fuhr sich durch ihr langes schwarzes zerzaustes Haar und stand auf , um zu duschen und zu frühstücken. Dann musste sie zum Ausländeramt, um sich dort einen neuen Visumstempel zu holen . Die mussten ihr auch noch die Kur bestätigen. Alles genehmigen. Sie war eine Frau, die von Fremden begutachtet und nur als Asylsuchende geduldet wurde, sich alles genehmigen lassen musste. Das waren die ersten Worte, die sie in Deutschland gelernt hatte: „Amt“, „Genehmigung“ und „Bescheinigung“. Das war jetzt ihr Leben in Deutschland. Sie war eine Fremde. Sie hieß Safina, der Nachname tut nichts zur Sache, denn sie wollte ihr altes Leben hinter sich lassen und unerkannt bleiben.

Kapitel 3

An diesem grauen Februartag musste er zum ersten Mal in die Gruppentherapie. In einem nüchternen Raum, dessen Wände grauweiß gestrichen waren, saßen etwa zehn Menschen im Kreis, auf einfachen schwarzgepolsterten Stühlen, unter Deckenstrahlern, die ein warmes Licht im Raum verteilten. Es dauerte eine ganze Weile, bis der erste sprach, ein Mann von etwa 45 Jahren. Er war von seiner Frau verlassen worden, mit der Einsamkeit nicht fertig geworden und seit zwei Wochen in der Klinik. So ging es dann weiter, der Reihe nach. Es war eine Art Vorstellungsrunde, man traf sich ja zum ersten Mal. Als er drankam, stellte er sich als Robert vor, 51 Jahre, Psychiater, was ihm einige missbilligende und auch interessierte Blicke einbrachte. Er versuchte es kurz zu machen, Diagnose Burn-out, eigener Entschluss, eine Therapie zu machen. Er sagte auch, dass es ihm sichtlich schwerfiel, nun auf der anderen Seite als Patient zu sitzen, bisher war er immer in der Rolle des Facharztes. Das kam gut an, es gab nun freundlichere Gesichter, schließlich war er von seinem hohen Ross als Psychiater heruntergeklettert und hatte sich auf dieselbe Stufe wie die anderen begeben.

Nach der Gruppensitzung gab es noch ein Einzelgespräch mit seinem behandelnden Therapeuten, in dem der Therapieplan festgelegt wurde. Es wartete auf ihn ein ziemlich dichtes Programm für die nächsten Wochen, ein Mix aus Gesprächen und körperlichen Anwendungen wie auch sportlichen Aktivitäten. Er entschied sich dann noch für Kunsttherapie als zusätzliches Angebot. Er wollte diese Zeit auf jeden Fall für sich nutzen. Fraglich war für ihn auch, wie es nach dem Klinikaufenthalt weiterging. Auch das wolle er unbedingt klären, erwähnte er im Einzelgespräch, denn er wollte die halbjährige Praxispause einhalten. Der Therapeut, ein etwas ergrauter Psychologe mit Silberblick , der freundlich über seine Brillenränder zu ihm hinübersah, notierte alles in seinem Notizbuch. Ihm wurde nahegelegt, alle Kontakte, auch zu seiner Frau, für die erste Zeit auf das Nötigste zu beschränken.

Seine Frau. Das war auch noch ein Thema, das ihm auf der Seele lag. Meike und er waren jetzt 27 Jahre zusammen, davon 21 verheiratet. Kinderlos. Das war lange Jahre ein schwieriger Punkt gewesen. Meike war Lehrerin, und auf Grund ihrer beruflich angespannten Situation hatten sie den Kinderwunsch lange zurückgestellt. Irgendwann war es dann zu spät, sie hatten sich endgültig gegen Kinder entschieden. Das war schwer und mit einigen Tränen verbunden gewesen. Aber sie hatten gemeinsam getrauert, und das hatte sie einander näher gebracht. Zumindest eine Zeit lang, sie hatten in dieser Phase schöne Urlaube gemacht. Aber der Alltag und die Eheroutine zu zweit hatten sie wieder eingeholt, und die Entfremdungen waren in den letzten Jahren spürbarer geworden. Meike hatte es immer wieder angemahnt, darüber zu reden, etwas zu ändern, vielleicht eine Beratung zu machen. Er hatte sich dem entzogen, war immer mehr in die Arbeit geflüchtet und immer später nach Hause gekommen. Das hatte sie ihm übel genommen, sich immer mehr in ihr Zimmer zurückgezogen oder war einfach weggegangen. Ihre Gefühle waren abgekühlt, die Gemeinsamkeiten auf ein notwendiges Minimum reduziert, oft am Wochenende. Dann redeten sie eine Weile, aber beide spürten, dass etwas Wichtiges fehlte und manchmal sogar eine Kälte zwischen ihnen Platz ergriff, die ihn erschreckte und irgendwann die Frage aufwarf, wie es denn nun weitergehen solle. Darauf fanden beide keine Antwort und hüllten sich erst einmal in Schweigen, was die gemeinsame Zukunft betraf. Er hatte ihr vor dem Abschied in die Kur gesagt, dass er dieses Thema für sich bearbeiten wolle. Das sagte er nun auch seinem Therapeuten, der es sogleich notierte.

Beim Mittagessen im großen Speisesaal saß er mit einigen aus seiner Gruppe am Tisch. Es gab Zucchinicremesuppe als Vorspeise, dann Kartoffelbrei mit Frikadellen und Möhrengemüse, eins seiner Lieblingsgerichte. Er ließ es sich schmecken, versuchte langsam zu essen und nicht das Essen in sich hineinzuschlingen, was Meike ihm oft vorgehalten hatte. Es herrschte ein dichtes Schweigen, das keiner zu durchbrechen wagte. Alle waren offenbar mit ihrem Innenleben beschäftigt und dem, was sie am Vormittag gehört oder erzählt hatten. Einige weißgekleidete Bedienstete gingen fast lautlos durch den Raum und trugen Speisen auf. Die Teppiche, die überall lagen, dämpften die Geräusche in der Klinik , so dass alles recht leise ablief. Hier war er auf sich zurückgeworfen, dachte er, das war aber nach den letzten Jahren auch gut so. Sein Bedürfnis nach Kontakten oder Gesprächen war sehr begrenzt, er genoss das schweigende Mahl an seinem Tisch. Er blickte zum Nebentisch, und sofort fiel ihm eine schmächtige Frau auf, die mit blassem Gesicht und zum Pferdeschwanz gebundenem schwarzen Haar langsam ihre Suppe löffelte. Ihr Blick ging nach unten, aber er konnte ihre Augen sehen. Schöne, dunkle Augen, die zu ihrem feingeschnittenen Gesicht passten und ihr eine besondere Ausstrahlung verliehen. Er spürte, wie sich etwas in ihm bewegte, es fiel ihm schwer, seinen Blick wieder von ihr zu nehmen, bevor sie bemerkte, dass er sie anstarrte. Ein leichtes Schamgefühl befiel ihn, dass er sich schon nach so kurzem Aufenthalt von einer Frau ablenken ließ. Er würde diese Frau kennenlernen , das wusste er in diesem Moment, und es war eine Intuition, die Befremden in ihm hervorrief.

In diesem merkwürdigen Bewusstseinszustand suchte er sein Zimmer auf, um Mittagsschlaf zu halten.

Sie hatte seinen Blick beim Mittagessen aufgefangen, sie hatte sich angewöhnt, alles zu registrieren, was sich in ihrem Umfeld bewegte. Es war wie eine instinktive Gefahrenabwehr und betraf besonders Männer in ihrer Nähe. Männer waren in ihr Leben eingedrungen und hatten dort Verwüstungen angerichtet, nur deshalb hielt sie sich in dieser Klinik auf. Meist flüchtete sie nach den Therapiesitzungen und dem Essen im Speisesaal auf ihr Zimmer. Dort legte sie sich auf ihr Bett und schloss die Augen, um in eine Phantasiewelt einzutauchen, die sie entspannte und sie manchmal mit schönen Erinnerungen aus der Kindheit verband. Vor allem aber mit Musik, der Kraft, die ihr Leben bewegte und sie vielleicht am Leben hielt. Sie war Musikerin, hatte längere Zeit nach dem Studium als Geigerin in einem Orchester in Sarajevo gespielt und damit ihren Lebensunterhalt verdient. Nach ihren schlimmen Erfahrungen im Krieg war sie dazu nicht mehr in der Lage, sie hatte die Stelle aufgeben müssen und war nur noch als Gelegenheitsmusikerin aktiv. Zur Zeit machte sie auch ab und zu Straßenmusik, mit einer kleinen Gruppe von Balkanmusikern, da passte sie mit der Geige gut rein. Sie konnte, wenn sie abschaltete, innerlich Musik hören, viele Melodien waren in ihrem Inneren gespeichert, die sie abrufen konnte, ohne viel Mühe. Diese Fähigkeit empfand sie als großes Geschenk. Ab und zu setzte sie einen MP3-Player auf, um besondere Musik wie Jazz oder auch Weltmusik in sich aufzunehmen. Nach einiger Zeit riss dann die Wolkendecke aus trüben Gedanken auf, und die geheimnisvolle Wirkung der Musik begann wie eine Medizin zu wirken. Deshalb glaubte sie auch nicht daran, dass ihr Medikamente wirklich helfen würden, die ihr immer wieder verschrieben wurden. Damit handelte sie sich häufig mahnende Blicke und Unverständnis ein. Sie hasste es, sich als Objekt eines dieser Psychiater zu fühlen, die ihr gegenübersaßen und alles aufschrieben, was sie sagte. Im letzten Einzelgespräch hatte sie noch einmal klar gesagt, dass sie eine Traumatherapie ablehne und auch kein aufwendiges Gutachten wolle, obwohl sie wusste, dass ihr das bei ihrem Asylantrag auf unbegrenzten Aufenthalt helfen konnte. Sie konnte sich nicht vorstellen, diese ganzen Fragen, die sie stellen würden, um an ihre Erlebnisse zu kommen, zu beantworten und diese Prozedur mehrere Tage lang mitzumachen. Sie würden ihre Seele mit all den Bildern schlimmer Erfahrungen durchwühlen und durchpflügen und sie sezieren mit ihren scharfen Messern an Fragetechniken, denen sie irgendwann nicht mehr standhalten würde. Sie hatte eine Freundin, die das mitgemacht hatte. Nein, für sie kam diese Tortur nicht in Frage. Sie musste es auf andere Weise schaffen. Wie? Das wusste sie auch noch nicht, aber sie hoffte, hier Menschen zu treffen, die ihr einen Weg zeigen konnten. Die Musik würde ihr auf jeden Fall beistehen. Sie nahm ihre Geige aus dem Kasten und spielte ihr bosnisches Lieblingslied, und Tränen liefen über ihr zartes Gesicht.

Die kleine Kapelle spielte das Lied im Sonnenlicht auf dem Dorfplatz, bei der Hochzeit, und alle tanzten, und auch Safina tanzte und drehte sich immer wieder um sich selbst.

Kapitel 4

Er hatte es sich in der Sitzecke neben dem Speisesaal gemütlich gemacht, es war Samstag, das Frühstück gerade vorbei und der Tag lag weitgehend terminfrei vor ihm. Das besserte seine Laune, denn die Woche war sehr anstrengend, und es gab einiges zu verdauen. Insgesamt aber hatte sie ihn in der Richtigkeit seines Beschlusses bestärkt, sein Seelenleben einer dringend notwendigen Prüfung zu unterziehen. Das betraf natürlich auch die Ausübung seines Berufes und die Frage der Tauglichkeit, an der ihn immer mehr Zweifel befallen hatte. Es war gut, dass er nun hier Menschen gefunden hatte, die ihm weiterhalfen und Rückmeldungen gaben, was mit ihm los war. Er faltete die Zeitung auseinander, die er im Ständer gefunden hatte, seine Lieblingszeitung, die „Frankfurter Rundschau“.

Sie stand am Kaffeeautomaten, und er nahm wahr, wie sie versuchte, ihn in Gang zu setzen. Das schien nicht zu gelingen, und so nahm er die Gelegenheit wahr. „Kann ich helfen?“ Sie sah ihn mit dem Blick eines Menschen an, der sich bei etwas Wichtigem gestört fühlt. „Nein danke, das schaffe ich schon“. Sie drückte wiederum vergeblich auf den Knopf mit der Aufschrift „Kaffee weiß“. Sie lächelte schwach zu ihm hin, als ob sie sich für ihre abweisende Bemerkung entschuldigen wollte. „Vielleicht können sie mir doch helfen, ich bin technisch ziemlich schlecht.“ Er lächelte zurück. „Ich vermute, sie haben ein Eurostück hineingeworfen, der wechselt aber leider keine Münzen, ich gebe ihnen ein 50-Cent-Stück, damit müsste es gehen.“ Er zog eine Münze aus seiner Hosentasche und reichte sie ihr. Sie warf sie in den Automaten, der folgsam surrte und sein Werk verrichtete. Sie nahm den gefüllten Plastikbecher und bedankte sich bei ihm. Einen Moment standen sie sich unschlüssig gegenüber, sie machte Anstalten zu gehen. „Ich sitze da drüben, wollen sie sich nicht dazusetzen?“. Er zeigte zu seinem leeren Stuhl, über dem die Zeitung weit ausgebreitet lag. Sie zögerte, hatte eigentlich wenig Lust, mit diesem Mann zu reden, der sie beim Essen schon mehrfach so seltsam angestarrt hatte. Da sie aber ein höflicher Mensch war, nahm sie seine Einladung an und nahm den freien Platz neben ihm ein. In kleinen Schlucken trank sie ihren heißen Kaffee, während er nach einem Gesprächsauftakt suchte. Bloß nicht zu viele Fragen stellen, nahm er sich vor, das mag sie bestimmt nicht. Sie wirkte zart und zerbrechlich, noch mehr als in den Tagen zuvor, und saß etwas zusammengesunken im Sessel. Auch sie hatte wahrscheinlich eine anstrengende Woche hinter sich. „Sind sie auch in dieser Woche hier angekommen? Wie geht es Ihnen hier?“ Sie reagierte zunächst nicht, strich sich über ihr lockiges schwarzes Haar. Ihre faszinierend braunen Augen trafen seine mit einer Unmittelbarkeit, die ihn irritierte und gleichzeitig ein warmes Gefühl in ihm auslöste. Nach einer Weile, in der ihre Augen nach einer Antwort auf die Frage suchten, was er wohl von ihr wolle, antwortete sie: „Sie fragen wohl gerne Menschen. Ich nehme an, das hat mit ihrem Beruf zu tun. Sind sie auch so ein Mensch, der sich um andere kümmert?“ Er spürte, wie er leicht errötete und sich ertappt fühlte. Woher konnte sie wissen oder ahnen, dass er in einem helfenden Beruf arbeitete? War es ihre Intuition, oder hatte sie jemanden aus seiner Gruppe gefragt, was er beruflich machte? Dann war er ihr mindestens schon aufgefallen, und sie wusste, dass er Psychiater war. Also war es das Beste, in die Offensive zu gehen. „Tja, da sind sie schon nahe dran, ich bin als Psychologe tätig und arbeite mit Menschen.“ Er musste ihr ja nicht gleich auf die Nase binden, dass er Psychiater war. Leider gab es da häufig Reaktionen, die zu einem gewissen Abstand führten, denn in seiner Zunft arbeiteten nun mal Leute, die nicht gerade zimperlich mit Menschen umgingen. Dazu kam die fragwürdige Tradition

der Psychiatrie in der deutschen Vergangenheit. Manche dachten bei dem Wort immer noch an Wegsperren, Elektroschocks oder Ruhigstellen mit Tabletten. Aber die Frau neben ihm sah nicht so aus, als sei sie Deutsche, eher schätzte er sie als Südländerin oder vielleicht auch Türkin ein. Er wagte nicht, sie danach zu fragen und wartete auf ihre Reaktion. Wieder schwieg sie eine ganze Weile. Sie war sehr mit sich beschäftigt, nahm er an, und überlegte, ob sie sich wohl auf ein Gespräch mit ihm einlassen solle. Er versuchte, sich auf ihren Gesprächsrhythmus einzustellen, um ihr Raum für ihre Entscheidung zu lassen, was sie mit ihm anfangen wolle. Wieder sah sie aus ihrem versunkenen Schweigen auf und zog ihn mit ihren magischen Augen in ihren Bann. Dieser Moment des Blickes und der Verzögerung ihrer Antwort verlieh ihren Worten, die folgten, ein besonderes Gewicht. „Glauben sie, dass Psychologie Menschen wirklich