Der steinige Weg Freiheit - Francis Bergen - E-Book

Der steinige Weg Freiheit E-Book

Francis Bergen

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Beschreibung

Rafael ist weder frei, noch ein reiner Mensch. Seine Mutter war ein Ork, sein Leben als Kind verkauft an einen reichen Händler. Obwohl er eine Flucht nie für möglich gehalten hatte, zwingt ihn unerwartet sein eigener Fehler fort. Zwei andere junge Männer, ebenfalls auf der Suche nach Freiheit, begegnen dem Sklaven und gemeinsam verlassen sie das Reich auf dem nächst besten Schiff gen Westen. Noch ahnen sie nicht, dass sie dort den Weg eines berüchtigten Ogerstammes kreuzen werden. Kann Rafael seinen neuen Freunden vertrauen? Geht Veyds Traum vom Abenteurer in Erfüllung? Über welche Leichen muss Elisander noch steigen, um frei zu bleiben?

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Seitenzahl: 413

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für Victor. Meine erste Geschichte, jetzt wo Deine Geschichte beginnt.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Sklaverei

Der Sohn vom Finkenkrug

Der Blender

Die Vasa Baltazar

Wer Wind sät

Neue Ufer

Der einsame Weg

Den Regeln folgen

Weg des Halbblutes

Wiedersehen

Freiheit

Prolog

Eine kleine, hungrige Maus huschte zunächst neugierig, dann aber zielstrebig zwischen den Steinen entlang. Sie hob die Nase, witterte Nahrung. Ihre winzigen Augen schauten den Berg hinauf, aus ihrem Blickwinkel ein gigantisches Gebirge das in die entlegensten Winkel des Himmels ragte. Sie lief weiter, von Stein zu Fels, enge Nischen und schmale Vorsprünge entlang, der lockenden Mahlzeit entgegen. Und den Geräuschen.

Vor der nächsten Öffnung zögerte die Maus. Die Geräusche waren laut und in der Luft lagen auch andere Gerüche. Gefährliche Gerüche. Aber der Hunger war zu groß und so sprang die Maus aus dem Schatten hervor.

Ein riesiger Wolf ragte vor ihr auf. Der Räuber war majestätisch und doppelt so groß wie die Wölfe weiter unten in den Wäldern. Fast schien der Fleischfresser erfreut über den Bissen, der ihm jede Jagd abgenommen hatte. Der unschuldige Nager war starr vor Angst, hypnotisiert, und konnte nicht fliehen, nicht entkommen. Der Bergwolf machte einen starken, aggressiven Schritt vor und bleckte die Zähne.

Dann zerriss die Welt um die Maus herum. Der Wolf wurde von einer gewaltigen Bestie hinfort gefegt. Ein einziger Tritt des riesenhaften Fußes des Ogers hatte das Tier gegen die nächste Felswand befördert. Ein gequältes Jaulen und ein unangenehmes Knacken waren die letzten Geräusche aus seiner Richtung.

Die Maus stand noch immer wie gelähmt da.

Der vier Schritt große Oger brüllte dem Wolf nach. Seine Wut richtete sich jedoch nicht gegen das Tier, es war nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Der Ogerbulle machte Kehrt und stapfte brodelnd einige Schritte fort von der Maus.

Die kleine Maus blickte ihm nach, an ihm vorbei und erkannte den Grund ihres Kommens. Auf einem grob hergerichteten Lagerfeuer brieten zwei Wildschweine. Um das Feuer herum saßen noch mehr O-ger, Männchen und Weibchen, und beobachteten den aufgebrachten Oger. Furcht lag in ihren Blicken. Vor dem Feuer lagen zwei weitere Bergwölfe, kaum mehr als Hunde im Vergleich zu den Ogern.

Aller Hunger der Welt würde die Maus nicht davon überzeugen, sich zu diesen wohlriechenden, schwer bewachten Schweinebraten zu begeben. Sie blickte zurück, witterte erneut. Der getretene Wolf war wahrscheinlich tot, eine gute Mahlzeit. Vielleicht lebte er noch. Zu gefährlich.

Ein kräftiges Brüllen ertönte aus einer großen Höhle vor ihr. Der nervöse Ogerbulle, der gerade noch mit der Faust auf einen massiven Felsen geprügelt und einen Sprung im Gestein hinterlassen hatte, blickte ebenfalls zur Höhle, so wie der Rest seines Stammes. Aus dem Eingang drangen auch Düfte von Essbarem hervor und kein Gestank von Wölfen.

In einem vorsichtigen Bogen näherte sich die Maus der Höhle, während der Oger den direkten Weg nahm und den Ledervorhang zur Seite schob um ins Innere zu gelangen. Nur Augenblicke später folgte das Nagetier, das mühelos unter dem Vorhang hindurch gelangte.

Ein schlängelnder Gang lief in den Berg, an seinem Ende öffnete sich ein halbrunder Raum.

„Was ist das?“, die dumpfe Stimme des Ogers klang verärgert und verwirrt zugleich.

Der Maus waren die Hünen im Raum egal. Sie nahm die beiden Oger, der Bulle von draußen, stehend, ein Weibchen auf einem Felllager, sitzend, kaum wahr. Die Ogerfrau hielt ein… Geschöpf im Arm.

„Es ist unser Sohn. Wie du wolltest.“, liebevoll antwortete das Weibchen, ihre Stimme war ebenso tief wie die des Männchens.

Die Maus verstand keines der Wörter. Sie verstand nur, dass etwas Essbares im Raum war und sie suchte und witterte nach der Nahrungsquelle.

„Das ist kein Oger, das ist nicht von mir!“, der Bulle brüllte laut.

Das kleinere Geschöpf, dessen Form durchaus an einen neugeborenen Oger erinnern konnte, begann zu schreien. Da fiel der Maus eine Schale aus Stein auf, die hinter dem Ogerweibchen stand.

„Hörst du wie weinerlich es brüllt? Wie… was ist das?“

„Marduk, sieh doch, ich habe es gerade geboren.“, die Frau hielt die blutige, gewundene Nabelschnur hoch, die vom Bauch des Kindes herab hing und im Nichts endete.

Die Maus huschte derweil um das Männchen herum, das weiter fassungslos vor der Lagerstätte stand.

„Es ist zu klein. Es sieht aus wie… wie ein halber Mensch.“

„Du redest Unsinn. Woher sollte ich einen Halbmensch haben?“

Die Maus hatte die Rückseite erreicht und näherte sich vorsichtig der Schüssel. Kleine Fliegen hatten sich bereits hier versammelt und schmausten von dem Inhalt.

„Damals… vor einem Jahr…bei dem Überfall auf das Dorf. Du warst über eine Stunde weg. Hast du da ein Männchen der Menschen verführt?“, die Stimmlage des Ogerbullen wandelte sich von irritiert über frustriert zu aggressiv.

Die Maus hüpfte auf den Rand und sah eine blutige Masse in fahlem Wasser. Es roch nicht schmackhaft wie die Wildschweine, aber es war Nahrung und die Maus nicht wählerisch.

Die Ogerfrau stand auf und hielt das Baby schützend im Arm. Sie war einen Kopf kleiner als der Mann, auch deutlich schmaler. Dennoch ein muskelbepacktes Biest.

„Du redest Unsinn.“, sie versuchte beschwichtigend mit dem aufgebrachten Oger zu reden, doch das Ungetüm war in voller Fahrt.

„Nein. Ich glaube dir nichts. Das ist ein Halbmensch, das Ding wird niemals mein Sohn. Ich bringe es zu Habgard, dem Halbriesen, dem kann ich so eine Missgeburt verkaufen.“

Schnell zog die Mutter das Kind weg, als der Bulle danach greifen wollte. Sie funkelte ihn aus zusammengekniffenen Augen an.

„Weißt du, Marduk, die Grauwurzelknollen, die du brauchst, um Katatunga zu machen, wirken auch bei Menschen.“, der Bulle starrte sie fassungslos an, an seinem Hals trat eine breite Ader hervor.

„Der kleine Mensch hat versucht sich zu wehren. Aber er war trotzdem ein besserer Liebhaber als du!“, die letzten Worte brüllte die Frau in sein Gesicht. Sie ließ das Kind auf die Felle fallen, dann gingen die O-ger aufeinander los.

Der Boden erzitterte, als die massigen Monster aneinander an die Gurgel gingen. Das kleinere Weibchen biss dem Bullen in die Brust und versuchte gleichzeitig die Arme des Männchens zu packen. Marduk schrie vor Wut. Er nutzte sein gewaltiges Gewicht, um die Frau umzustoßen und auf den Boden zu pressen.

Die Steinschale wurde umgestoßen und die kleine Maus unter Blut, Gekröse und Wasser begraben. Mühsam strampelte sich die Maus frei, huschte zum Höhlenrand in Sicherheit.

„Du stirbst jetzt!“, das Brüllen des Bullen ließ den Raum erbeben. Dann vergrub er seine Hauer in den Hals der Frau und biss herzhaft zu. Das Weibchen gab ein röchelndes Stöhnen von sich. Der Oger stand auf und nahm ein breites, geschärftes Metallstück von der Aufhängung an der Wand. Unmenschlich ragte der Bulle über der sterbenden, bluthustenden Ogerfrau auf und grinste, als er mit einem kräftigen Schlag den Kopf und die zum Schutz erhobene Hand abhakte.

Die Maus lief aufgeregt durch Blut, abgetrennte O-gerhände und riesige Ogerfüße hindurch, um aus der Höhle hinaus zu kommen. Der erste Hunger war gestillt, der Ort zu gefährlich. Außerdem war die Maus voller Blut und musste sich bald reinigen.

Noch bevor die Maus unter dem Ledervorhang hindurch rennen konnte, kam der Oger an ihr vorbei, aber beachtete den winzigen Nager natürlich nicht. Er schob den Vorhang auf, trat ans Licht.

„Hier.“, dabei hielt er in der Linken den Kopf empor, den er soeben abgeschlagen hatte. „Sie hat ein Mädchen gemacht. Dafür habe ich sie getötet.“, er warf den leblosen Kopf vor die Wölfe, die sofort über das graue Fleisch herfielen.

„Das Kind hab ich gefressen. In dem Sack sind ihre Sachen.“, dabei gab der Beutel, den er über seine rechte Schulter geschwungen hatte, einen hilflosen Schrei von sich. „Ich gehe zum Halbriesen und verkaufe die Sachen. Wenn ich zurückkehre, suche ich mir eine neue Frau aus.“

Die Maus zögerte erst, doch als sich die Bergwölfe in den Kopf verbissen hatten, fühlte sie sich sicher genug, um die Flucht anzutreten. Geschwind spurtete sie zurück, den Weg hinab den sie gekommen war.

Der Oger nahm einen anderen Weg, hinab vom Berg.

Sklaverei

Im Waschraum seines Herrn angekommen begann Rafael damit seine Hände zu waschen und fuhr dann mit seinem Gesicht fort. Ebergesicht, ging ihm der Gedanke durch den Kopf.

Er sah in den Spiegel und zog an seiner Nase. Die Haut endete mit dem Knorpel, das knollige Endstück, das andere hatten, fehlte. Übergroße Nüstern, nicht zu verdecken, nahmen zu viel seines kindlichen Kopfes ein. Er betastete kurz seine unteren Eckzähne, die kleinen weißen Bergen gleich aus seinem Mund herausragten, selbst wenn er geschlossen war. Rafael legte seinen Kopf schief und betrachtete sein Ohr. Spitz, natürlich nicht so spitz wie bei einem Elfen, und abstehend. Er drückte es an seinen Kopf, kämmte grob die Haare darüber. Es half nichts.

„Rafael! Wo steckst du, nutzloser Ork!“, die Stimme des Händlers Großenfels drang zu ihm.

Halbork, dachte Rafael, mein Vater war ein Mensch, so wie Ihr. Er könnte das seinem Herrn niemals ins Gesicht sagen. Der Händler Großenfels redete zwar schlecht über ihn, aber ansonsten behandelte er ihn gut. Nur selten bekam er einen Schlag auf den Hinterkopf, wenn er Dinge zerbrach oder Arbeit zu langsam verrichtete. Genug zu essen gab es auch und er litt nie Hunger. Gemächlich trottete er den Gang entlang auf seinen Herrn zu.

Der Händler Großenfels war ein kräftiger, hoch gewachsener Mann mit schwarzem Haar und sauber rasiertem Gesicht. Neben seinem Besitzer stand dessen Sohn Benedict. Seine Kleidung war dreckig, sein Gesicht voller Schmutz und seine Nase blutete. Auch an seiner Schulter war ein roter Fleck zu erkennen, offenbar hatte Rafaels Biss hier eine ansehnliche Wunde hinterlassen.

„Da bist du ja! Was fällt dir dazu ein?“, der Händler sprach laut und deutete auf seinen Sohn.

„Ich wollte…“, weiter kam Rafael nicht, der erwachsene Mensch unterbrach ihn direkt.

„Keine Ausreden! War ich nicht immer gut zu dir? War mein tapferer Benedict nicht immer gut zu dir? Was fällt dir ein, ihn grundlos anzugreifen?“

Rafael besah sich den Jungen vor ihm, der ihn mit leicht gesenktem Kopf aus zusammengekniffenen Augen böse anfunkelte. Tapfer? Grundlos? In den fünf Jahren, die Rafael nun schon im Dienst des Herrn Großenfels stand, hatte der zwei Jahre ältere Benedict ihn stets gepiesackt, geprügelt, verspottet und beleidigt. Immer war er größer gewesen, kräftiger, doch die Zeiten hatten sich geändert. Rafael war gewachsen und durch die Arbeit auf Feldern und am Haus stärker geworden. Auch das halborkische Blut trug seinen Teil bei. Jetzt war er der stärkere und hatte es ihn zum ersten Mal spüren lassen.

Ebergesicht.

„Ich hab’…“

Bamm! Die Faust des Händlers traf den jungen Halbork im Gesicht wie ein Hammerschlag. Sein Schädel begann zu dröhnen und er konnte sich nur mühsam aufrecht halten.

„Sprich nicht in diesem Ton mit mir! Ich dulde keine Widerworte von einem kleinen, dreckigen Orksklaven, hast du verstanden! Also, was fällt dir ein meinen unschuldigen Sohn anzugreifen? Antworte!“

Ebergesicht.

Eine Träne rann Rafaels Wange hinab.

„Er! Er hat angefangen! Ich hab mich nur gewehrt, er hat mich beleidigt!“, Rafael schrie, schrie Benedict an. Beide Menschen schauten überrascht zu ihrem Sklaven, in Benedicts Blick lag Furcht. Der Händler holte tief Luft.

„Was fällt dir ein!“

Bamm! Der nächste Fausthieb traf Rafael im Gesicht, schickte ihn zu Boden. „Wie kannst du meinen Sohn, das Opfer deiner Prügel, auch noch beschuldigen? Ich werde dich lehren uns den Respekt zu zollen, der uns gebührt, schmieriger Bastard!“, mit erhobenem Zeigefinger spie der Herr seinem Sklaven die Worte entgegen, während Rafael am Boden kauerte und sein Kinn hielt. „Benedict, geh und hol deinem Vater eine Peitsche aus dem Stall.“

Rafael sah zu seinem einstigen Peiniger hoch, der ein süffisantes Grinsen zurück warf und losging, das Folterwerkzeug für seinen neuen Peiniger zu holen.

Im Waschraum seines Herrn angekommen begann Rafael damit seine Hände zu waschen und fuhr dann mit seinem Gesicht fort. Er blickte nicht auf, der Anblick im Spiegel war zu niederschmetternd für ihn. Er wusste, wo die Narben waren, wo die Jahre der Peitsche und der Faust ihre Spuren hinterlassen hatten. Um sein halb abgerissenes linkes Ohr wusste er ebenso. Er wusste, wo die übergroßen Eckzähne seinen geschlossenen Mund verließen und sich nach oben bogen. Kurz betastete er seine Oberlippe, die Stoppeln waren spitz, aber es gab keinen Grund sie jetzt zu rasieren. Die restlichen, borstigen Haare, die sein Gesicht inzwischen zierten, ließ er ohnehin ungeschoren. Nur unter der Nase kitzelte und zwickte der Bart gelegentlich, wenn er zu lang wurde. Jakob, der Kutscher, hatte mal gesagt, die Art Bart, wie Rafael ihn stehen ließ, nannten die Menschen „Schifferkrause“.

„Rafael! Wo steckst du, nutzloser Ork!“, die Stimme des Händlers Großenfels drang zu ihm.

Halbork, dachte Rafael, mein Vater war ein Mensch, so wie Ihr. Noch immer konnte er seinem Herrn das nicht ins Gesicht sagen. Zehn lange Jahre stand er nun schon in seinem Dienst, verkauft an den Höchstbietenden. Gemächlich trottete er den Gang entlang auf seinen Herrn zu.

Im Haar des Händlers begannen sich graue Strähnen abzuzeichnen. Neben seinem Besitzer, stand dessen Sohn Benedict. Seine Kleidung war dreckig, Gesicht und Hände beschmiert mit Schmutz. Das linke Knie war aufgeschlagen und blutig. Als Rafael vor seinem Herrn stand, senkte er den Kopf, um diesen nicht zu überragen. Benedict, andererseits, war eine gute Handbreit kleiner als sein Vater und auch mit gesenktem Kopf überragte ihn Rafael deutlich. Die beiden Menschen waren zudem erheblich schmaler als der muskulöse Halborksklave. So standen sie für einen Augenblick, wie zwei Hunde vor einem Wolf. Einem hässlichen Wolf.

„Rafael, da ist wieder ein wildes Tier in unserem Wald. Der Wolf hat meinen Sohn gejagt, los hol dir eine Mistgabel und verscheuch’ das Tier.“

Der junge Sklave hob den Kopf und sah dem Händler Großenfels in die Augen. Vor einem Jahr hatte er zuletzt die Peitsche herausgeholt. Vermutlich hatte er Angst, der inzwischen ausgewachsene Halbork könnte sich wehren, ihm den Hals umdrehen. Doch auch ohne Prügel, gehorchte Rafael. Er nickte.

„Oder töte das Mistvieh direkt, dann haben wir hoffentlich Ruh.’“

„Jawohl, Herr.“

Es war ein lauer Frühherbsttag. Den Weg zum Waldrand verlängerte Rafael um einen Abstecher in den Stall. Die Heugabel, die er dort mitnahm, diente nur als Vorwand. Das Stück gammlige Wurst hingegen, das er in einer Nische verborgen hatte und nun in sein Hemd steckte, würde bald einen Zweck erfüllen. Was sein Herr Wald nannte, war kaum mehr als ein Hain, ein kleines Wäldchen das sich auf dem Besitz des Händlers Großenfels befand. Die Bäume waren so wenige, dass es völlig unmöglich schien sich zu verlaufen, denn von überall konnte man in wenigstens einer Himmelsrichtung hinaus blicken.

Er war beinahe bis zur anderen Seite gelaufen, bis er den Wolf sah. Das Tier hockte an der Baumlinie und vergrub seine Schnauze in etwas am Boden. Rafael verlangsamte seine Schritte, lehnte die Mistgabel an einen Baum und holte die Wurst hervor. Der Wolf wand seinen Kopf um, sah den Halbork direkt in die Augen. Sein Maul war blutig, etwas hing heraus. Noch zwei weitere Schritte und Rafael konnte den toten Hasen sehen, der vor dem Wolf lag. Das Tier hatte offenbar nicht auf seine Belohnung warten wollen und sich bei den Hopplern bedient, die hier irgendwo ihren Bau hatten. Rafael ging unbeirrt, aber weiterhin langsam und bedächtig, vorwärts.

„Na, mein Schöner, hast du deinen Hunger gestillt? Ich will dir nichts davon nehmen.“

Der Wolf riss weiter Fleischstücke aus seiner Beute, gab schmatzendes Stöhnen von sich. Als Rafael ihn schließlich erreichte, sah das Tier zu ihm empor und legte den Kopf etwas schief.

„Hast du den blöden Benedict fein gejagt?“, während Rafael mit ruhiger Stimme auf den Wolf einredete, begann er ihn hinter den Ohren zu kraulen. Die Augen des Wolfes schlossen sich und er knurrte leise und gleichmäßig.

„Mit den blutigen Fängen hast du ihm sicher viel Angst gemacht.“

Rafael stand auf und ging die letzten Schritte aus dem Wald hinaus. Der Wolf folgte ihm und blieb neben ihm stehen, gemeinsam blickten sie über das Land.

Im Westen, ganz weit dort hinter den Hügeln und kleinen Wäldchen, den Feldern und kleinen Weilern, lag Silfing und das Meer. Die Stadt hatte er nur einmal zu Gesicht bekommen, damals, als man ihn in dieses Reich geschleppt und am Marktplatz verkauft hatte. Die Erinnerung an die Überfahrt, das Schiff, selbst die Erinnerung an seinen kleinen Bruder der mit ihm hierher gebracht worden war, verblasste immer mehr. Sein Blick wanderte Richtung Norden und weiter herum. Er hatte eine Vorstellung, was dort war, er hatte Karten zu Gesicht bekommen. Aber was das wirklich für Orte waren, wie der Elfenwald roch oder sich die Städte anhörten, nichts davon war für ihn wirklich. Er drehte sich weiter, sah Richtung Osten, in die Bäume hinein. Dort lag das Herrenhaus, sein Heim und Gefängnis. Dahinter die Felder des Bauern Jung, der das Land vom Händler Großenfels gepachtet hatte. Rafael seufzte bei dem Gedanken an alles dahinter. Einige kleine Städte, das Mittelgebirge und schließlich die große Hauptstadt Balsephon. Er kannte nichts davon. Schließlich sah er wieder hinunter zum Wolf, der brav gewartet hatte und erwartungsfreudig mit dem Schwanz wedelte. Rafael warf ihm die Wurst hin und das Tier fing das Stück in der Luft. Es verschwand im Schlund, ohne ein Geräusch.

„Lecker, hm? Jetzt lauf, lauf in dein Revier.“

Kurz schien der Wolf unschlüssig umher zu blicken, dann rannte er los in Richtung Süden. Sehnsüchtig sah Rafael dem kleiner werdenden Tier hinterher, wie er dorthin zurücklief, wo er herkam. Wo er hingehörte. Anders als beim letzten Mal hatte er ihn nicht gebeten wieder zu kommen und er erwartete nicht den stattlichen Wolf je wieder zu sehen.

Als er einige Minuten später mit der Heugabel aus dem Wald trat und in seinem typischen, langsamen Gang zum Haus zurück schlenderte, kam ihm die kleine Maria entgegen. Das Kind war jetzt elf Jahre alt, hatte lange nussbraune Haare und einen niedlichen Leberfleck auf der Wange. Ihr blaues Kleid wehte im Wind als sie auf ihn zu rannte.

„Hallo Rafael, bist du fertig mit dem Wolf? Können wir spielen?“

Rafael zog den linken Mundwinkel hoch. „Ich weiß nicht, ob dein Vater…“

„Ich habe schon gefragt, du bist entlassen bis nach dem Essen!“

„Gut, dann los. Was willst du spielen, meine Kleine?“

Nach dem Abendbrot ließ ihn Gertrude, die Haushälterin, noch Wäsche falten und einräumen. Als er endlich zu seiner Kammer schleichen durfte, lagen die anderen Bediensteten schon in ihren Betten. Während sich die anderen kleine Räume im Erdgeschoss und dem Anbau teilen mussten, hatte er als einziger seine eigene Kammer im Keller bekommen. Es war keine Belohnung oder Ehre, vielmehr wollte sich niemand mit seinem Geruch abgeben, und die Kammer war winzig. Das Bett war zu kurz für ihn, die Türe ging nicht komplett auf, weil sie gegen den Rahmen stieß und die Bretter des kleinen Regals in dem seine Untertücher, Hosen und Hemden lagen, waren morsch. Aber es waren seine zwei Quadratmeter.

Er bettete seinen Kopf auf das alte Kissen, wissend, dass dort drunter sein großer Schatz verborgen lag. In all den Jahren hatte er, wann immer eine Münze zu Boden fiel und es keinem aufgefallen war, schnell zugegriffen und so seine Reichtum auf beachtliche neun Kupferschilling anwachsen lassen. Das Geld lag gut versteckt in der stinkenden Matratze, die außer ihm niemand berührte. Was er mit dem Geld jemals anfangen sollte, war ihm selbst nicht klar. So wie die Dinge standen, würde er sein Leben als Sklave des Händlers und später seiner Kinder verbringen, und für die Kupfer weder Speis noch Trank erstehen. Dennoch gaben sie ihm ein Gefühl von Sicherheit, von Besitz und merkwürdiger Freiheit in seiner kleinen Zelle.

In einem Buch über Traditionen der alten Könige hatte er gelesen, dass man den Toten eine Münze in den Mund legte, damit sie den Fährmann über den Fluss in die Unterwelt bezahlen könnten. Vielleicht würde er seine Münzen ja dereinst selbst schlucken, um sein eigenes Seelenheil zu sichern. Die Möglichkeit, dass er die Münzen jemand Anderen in den Mund legen könnte, streifte seinen Verstand nur kurz. Wem auch?

Schlafen war jetzt noch nicht seine Absicht. Nach einer Stunde stand er auf und schlich vorsichtig hinaus, die Treppen herauf bis zum zweiten Stock. Hier ging er vorsichtiger, langsamer um kein Geräusch zu machen. Selbst den Atem hielt er an, als er am Schlafzimmer seines Herrn vorbei glitt. Sein Weg endete vor einer kräftigen Eichentüre, in die ein aufgeschlagenes Buch geschnitzt worden war. Die Türe klemmte oft und ein Geräusch musste Rafael hier um jeden Preis vermeiden. Langsam stärker werdend, mit allem Fingerspitzengefühl, das er aufbringen konnte, zog er an der Türe bis sie ihm endlich den Weg frei machte.

In der Bibliothek entzündete er eine kleine Öllampe und holte seine Lektüre vom gestrigen Abend hervor.

„Von den Gefahren der Berge“ erzählte vor allem von Riesen, aber auch von Bergtrollen, wilden Hügelvölkern und hinterhältigen Kobolden. Er liebte es zu lesen. Außer Maria ahnte wohl niemand im Haushalt der Großenfels, dass er des Lesens mächtig war. Als die Kleine vor sechs Jahren mit dem Unterricht begann, zeigte sie ihm die ersten Buchstaben und wie sich Wörter bilden. Danach ging es fast von allein. Es dauerte, bis er die schwierigen Bücher des Händlers flüssig lesen konnte, aber da sein Bedarf an Schlaf viel schneller gedeckt zu sein schien, als es bei den reinen Menschen der Fall war, konnte er sich jeden Abend eine Lesestunde erlauben. Nach zweiundzwanzig Seiten voller Löwen und Giganten aus dem Gebirge, schloss er das Buch und stellte alles wieder an seinen Platz. Niemand sollte vermuten, dass er sich hier nachts herum trieb. Zu seinem Glück trauten sie ihm nichts zu, weshalb noch nie Verdacht auf gekommen war. Auf seinem Weg zurück zu seinem kargen Bett sann er über die vielen Geschichten, Legenden und Mythen nach, die er in den letzten Jahren gelesen hatte. Drachen und Helden, Könige und Götter, Zwerge und Elfen. Letztere waren natürlich keine Legenden, er hatte selbst schon Elfen gesehen, die bei dem Händler Schmuck oder Edelsteine gekauft hatten, und sogar ein Zwerg war einmal hier gewesen, auch wenn Rafael ihn nur von hinten hatte sehen können. Doch die wirklich unglaublichen Geschichten lagen in der Ferne, im Elfenwald oder im Reich der Ranari, in den Bergen oder Übersee. Nichts davon würde er jemals zu Gesicht bekommen.

Endlich zurück in seiner Kammer fiel er schnell in einen ruhigen Schlaf mit seichten Träumen von Monstern und Zwergen.

„Diese verdammten Angriffe…“, Händler Großenfels verzog ärgerlich das Gesicht, während Rafael das morgendliche Waschwasser in den Raum brachte. Er hielt einen Brief in Händen den er demonstrativ schüttelte. „Das war der letzte, jetzt bleiben alle meine Lieferanten von den Blutfußbergen aus. Das wird eine üble Zeit. Wo ist Benedict? Rafael, hol meinen Sohn, das muss ich mit ihm besprechen.“

„Sehr wohl, Herr.“, Rafael senkte den Kopf. „Soll ich danach zu Bauer Jung auf das Feld?“

„Ja, natürlich, ich denke die Apfelernte läuft noch? Also mach dich nützlich so gut du kannst. Dass mir bloß keine Klagen kommen! Ach so, halt. Vorher schlägst du bitte noch Brennholz, da ist fast nichts mehr für die Öfen.“, mit ausgestrecktem Zeigefinger deutete der alte Großenfels auf Rafael, der sich jetzt entfernte und tat was man ihm aufgetragen hatte.

Als er die Villa verließ, beschenkte ihn die Sonne mit wärmenden Strahlen die sich durch eine ungleichmäßige Wolkendecke arbeiteten. Rafael wanderte gemächlich um das Gebäude herum, beobachte kurz Jakob, den Kutscher und Bernhard, den Koch, wie sie sich mit der Kutsche auf den Weg nach Silfing machten. Großeinkauf am Markttag, für Rafael blieb abends davon nur das Abladen übrig. Aus der anderen Richtung sah er die Lehrer von Maria und Benedict kommen, zwei junge Männer aus dem nächsten Ort, die plaudernd die Straße herunter liefen.

Brennholz zu hacken war anstrengend und eintönig. Aber nicht wenig seiner heutigen Kraft stammte vom Heben und Senken der Axt. Holzscheit um Holzscheit wurde auf den Stapel gehäuft, bis Rafael schwitzte und die Sonne sich hinter langsam dichteren Wolken zu verstecken begann. Das Brennholz reichte nun wieder Mannshoch, zufrieden mit seinem Werk verstaute Rafael die Axt und lief hinüber zum Obstgarten.

„Kimm her, Rafel, do kanns gleech anfang.“, Bauer Jung war gut über dreißig Jahre alt und schmächtig gebaut. Mit seinen beiden Kindern war er dabei, Äpfel zu sortieren. Die ganze Familie arbeitete auf den Feldern mit, die Pachteinnahmen und kostenlosen Lebensmittel waren ein solides Standbein für den Händler Großenfels.

Bauer Jung gab Rafael eine Holzleiter und einen großen Umhängesack. „Do muss dei Äppel vorsichtich pflügen, weiste ja, ne? Ik will dor dat nich nochma zegen, woll.“, dann ließ er den stämmigen Halbork auf die Apfelbäume los.

Die nächsten Stunden verbrachte Rafael zwischen Ästen und Früchten, pflückte und brachte volle Säcke zum kleinen Bauernhaus an dem die Kleinen das Obst reinigten und sortierten.

Auf den Feldern zu arbeiten gefiel Rafael. Bauer Jung erklärte zwar nur wenig, aber trotzdem hatten die Jahre einiges an Wissen über die Landwirtschaft beim Sklaven abgeladen. Ob Dreifelderwirtschaft oder Düngung, Rafael wäre als freier Halbork sicher in der Lage, seinen eigenen Hof zu führen. Zumindest einen kleinen. Aber wäre das so anders, als jetzt? Das Bewirtschaften eines Bauernhofes kostete viel Zeit und Mühe, war die Ernte schlecht, hatte man nur Sorgen am Hals und die Pacht musste auch noch eingebracht werden. Abgesehen von gelegentlichen Fahrten zum Wochenmarkt nach Silfing oder Besuchen bei der Familie verließ Bauer Jung das Land der Großenfels Familie ebenso wenig wie Rafael. Zwar war er kein Sklave in der Art, wie Rafael einer war, doch unter Freiheit stellte sich der Halbork etwas anderes vor.

Irgendwann, die Sonne war inzwischen hinter Wolken verschwunden, aber vermutlich noch nicht weit über den Zenit hinaus, sah er erst einen Boten zum Herrenhaus galoppieren und wenig später den Händler mit ihm zusammen zurück nach Silfing reiten. Wenig später verließen die Lehrer zusammen mit Frau Großenfels und der Dienstmagd Olcha das Anwesen und trotteten scherzend nach Osten. Rafael sah dem Vierergespann interessiert hinterher. Seine Wangen bekamen ein leichtes Leuchten und er wendete seinen Blick sofort ab, als er sah, wie tief die Hände der Lehrer die Hüften der Frauen hinab glitten.

Er konzentrierte sich wieder auf die Äpfel, reckte sich auf der höchsten Sprosse stehend einem hohen Ast entgegen, als ihn ein tief grollendes Geräusch aufschrecken ließ. Rafaels Kopf schnellte herum um den Ursprung des Donners auszumachen, in der Ferne nahte ein Herbststurm. Die plötzliche Bewegung, die Ablenkung und das schmale Gleichgewicht waren eine schlechte Kombination, und Rafael spürte seinen Halt schwinden. Hastig versuchte er nach einem Ast zu greifen, doch bekam nur Zweige zwischen die Finger, die seinem Gewicht nichts entgegen setzen konnten. Er stürzte, quälend langsam, mit der Leiter nach hinten. Kurz schien es, als bekäme er einen kräftigen Ast doch noch zu fassen, aber stattdessen blieb nur sein Hosenbein daran hängen. Als er endlich neben der Leiter auf dem weichen Erdboden aufschlug, baumelte der größte Teil seiner Hose zwei Schritt über ihm vom Baum.

„Wat is dett denn?“, Bauer Jung kletterte von seiner Leiter aus einem anderen Apfelbaum heraus. „Kennste nich ufpasn? Has dei halbn Äppel unner dor be’raben!“

Langsam richtete sich Rafael auf, klopfte sich die Erde vom Körper und besah sich seine Verletzungen. Ein paar Schürfwunden, wahrscheinlich blaue Flecken, aber nichts von Belang.

„Dit…“, der Bauer riss den Stofffetzen der mal eine Hose gewesen war vom Baum. „…dit würd der Großnfels dor von Lohn absin, wenne wat bekäms.“ Dabei fuchtelte der kleine schmale Mann wild mit der zerrissenen Hose vor Rafael herum. Der Halbork presste ein „Entschuldigung.“ hervor und wollte die Leiter wieder an den Baum stellen.

„Wat würd dat nu? So kannse nich weitermachn. Ik will nich, dat minne Kinna din Gedängel do rausguckn sehn!“, Rafael folgte mit seinem Blick dem zeigenden Finger des Landwirtes. Sein Schritt wurde vom Untertuch verdeckt, gleichwohl hielt das Tuch gerade so das Nötigste. „Bring det Fetzn zur Trudi, vleicht kannse wat rettn, muss ja bloß für dik tun.“

Teilnahmslos zuckte Rafael mit den Schultern, nahm die Reste seiner Hose aus der Hand des Bauern und bewegte sich langsam zurück zum Haus. Dabei lief er den dunklen Wolken entgegen, das Gewitter kam in seine Richtung. Blitze durchzuckten den schwarzen Himmel, das Dröhnen des Donners grub sich in Rafaels Magen und ließ den jungen Halbork für einen Moment erstarren. Gebannt sah er hinauf, beobachtete die weißen Zacken die langsam aber unaufhaltsam zu ihm strebten. Dieses herbstliche Unwetter war das erste in diesem Jahr und wirkte bedrohlich. Bedrohlicher als sonst.

Rafael schüttelte seinen Kopf wild und setzte sich wieder in Bewegung. Hinter dem Herrenhaus holte Gertrude, die Haushälterin, hastig Laken von den Wäscheleinen und fluchte dabei. Die ersten Regentropfen fielen auf Rafaels Kopf und ihm wurde bewusst, weshalb die alte Dame schlecht gelaunt war. Sie war ohnehin nie freundlich zu ihm, er beschloss daher einen anderen Eingang zu nehmen und die Reparatur der Hose auf einen anderen Tag zu verschieben. Längst war Gertrude mit den Kleidern im Haus verschwunden - vermutlich auf den Speicher, um sie dort aufzuhängen – als er endlich am Kellereingang ankam, die Türe aufriss und in der Villa verschwand.

Drinnen war es noch finsterer als erwartet. Rafaels gute Orkaugen waren zwar in der Lage selbst in stockdunkler Nacht vieles zu erkennen, doch trotzdem hatte Dunkelheit stets einen mürben Beigeschmack. Nachdem er die Türe verschlossen und somit Blitz und Donner ausgesperrt hatte, warf nur noch eine kleine Kerze ihr kümmerliches Licht in den schmalen Gang der Zugang zum Rest des Kellers gewährte. Das tänzelnde Lichtlein projizierte geheimnisvolle Schatten an die Wände, die einen bedrohlichen, wenn auch irgendwie gefährlich sanften Reigen aufführten und Rafael merklich beunruhigten. Langsam schlurfte er voran, nahm jeden seiner Schritte und das Quietschen der nassen Ledersandalen auf den Dielen ganz bewusst war.

Er wurde einfach das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmte, obwohl es hier nichts Ungewöhnliches zu sehen gab. Schon hunderte Male war er des Nachts, in völliger Dunkelheit, durch diesen Korridor gelaufen. Nie war ihm dabei mulmig gewesen. Geschweige denn, dass es ihm Angst und Bange wurde, wie nun. Irgendetwas war anders, doch noch konnte er es nicht fassen. Was er hörte und sah, waren seine eigenen Schritte, das Grollen des Gewitters und das Flackern der kleinen Kerze.

Rafael bog um eine Ecke nach links und ging am Waschraum vorbei, in dem er Gertrude arbeiten und leise fluchen hörte. Offenbar war sie doch nicht zum Speicher gegangen. Was immer sie tat, es war wirklich nicht der rechte Zeitpunkt sie mit der Hose zu belästigen. Wahrscheinlich hätte sie ihn nur angeschrien, und er wäre genauso weit gewesen wie jetzt auch. Weiter also, zu seiner Kammer. Immer noch donnerte es draußen beinahe unablässig, das Gewitter musste genau über ihnen sein und immer noch quietschten seine Schuhe auf dem Holzboden.

Dieser Teil des Gangs war überhaupt nicht erhellt, und nur ganz schwach warf die hinter ihm zurückgelassene Kerze ihr oranges Licht an ihm vorbei. Da er sowieso nicht auf das Licht angewiesen war, war er froh nun von den Schatten befreit zu sein, und langsam in reine Dunkelheit eintauchen zu können.

Gerade schritt er am Vorratskeller vorbei, als er ein Geräusch aus Richtung seines eigenen Kämmerleins hörte.

Obgleich seine Ohren wesentlich größer als bei einem Menschen waren, hörte er nicht besser als jeder andere. Im Gegenteil, in seinem Linken hörte er gelegentlich ein Rauschen seit einer schweren Tracht Prügel vor zwei Jahren. Das Gewitter und sein nasses Schuhwerk taten ihr Übriges, um zu verhindern, dass er die Geräusche aus seiner Kammer früher hätte wahrnehmen können. Weiterhin in Erwartung eines Unheils, die Vorzeichen waren schließlich ausreichend deutlich, beschleunigte er seine Schritte zu einem soliden Tempo, um endlich zu seinem Raum zu gelangen. Noch trennten ihn drei, vier Schritt von der Türe, als er aus den Geräuschen, welche bisher nur aus Knarren von Holz und einer Art Reißen bestanden hatten, deutlich die Stimme Marias heraushörte. „Nicht!“

Sein Mund blieb offen stehen, während sich sein Schritt verlangsamte, weil er unsicher war, was dies zu bedeuten hatte. Wie in Verzögerung stolperte er vorwärts. Im Hintergrund grollte noch immer das Gewitter, und weiterhin drang das Knarren, vermischt mit einem leisen Stöhnen, aus seiner Kammer zu ihm herüber.

Schließlich löste er sich aus seiner Verwirrung und rannte zu seiner Tür. Gerade wollte er die Türe aufstoßen, als er eine Andere Stimme aus seiner Kammer hörte.

„Jetzt halt endlich still! Dann würde es auch nicht wehtun!“

Es war Benedicts Stimme. Sie klang angestrengt, genervt und sehr wütend. Wieder überfiel Rafael ein Schock, wie paralysiert starrte er auf die Türe, unfähig zu verstehen was das sollte. Schweiß brach ihm aus den Poren, kalter Schweiß, und sein Herz begann zu rasen. In seinem Schädel pochte etwas. Sein Hirn versuchte krampfhaft einen Sinn zu entdecken, um zu verstehen, was vor sich ging. Doch erfolglos. Bis er wieder die Stimme des Sohnes seines Herrn vernahm.

„So, schon viel besser. Siehst du?“, seine Stimme klang plötzlich fröhlicher, wenngleich immer noch angestrengt. „Wir verlieren alle etwas bei dieser Sache. Du gerade eben dein Bewusstsein, der hässliche Dreckssack von Ork sein Leben und ich…“

Wollte er sie etwa in diesem Zimmer verprügeln? Und es Rafael in die Schuhe schieben?

„…ich verliere meine Unschuld.“, Benedict gab ein lautes Lachen von sich, so diabolisch wie es einem achtzehn Jahre alten Händlersohn nur möglich war.

In Rafael kochte plötzlich Wut über. Vergewaltigung! Seine eigene kleine Schwester! Dieses Monster wollte sich tatsächlich an seiner eigenen Schwester vergehen. Adrenalin wurde durch Rafaels Adern gepumpt, sein Gesicht verhärtete sich zu einer grausigen Maske und ein gutturaler Schrei entfuhr seinen Lungen. Wahrscheinlich war er selbst auf ähnliche Weise, durch unfreiwilligen Verkehr, gezeugt worden, was seine Raserei noch weiter schürte.

Er riss die Türe entgegen den Angeln auf, das Holz zerbarst zwischen seinen Pranken und als es gegen die Wand geschleudert wurde. Die Reste der Türaufhängung baumelten nutzlos im Rahmen und der verwirrte und erschrockene Benedict sah seinem Feind mit großen Augen entgegen.

Mit den heruntergelassenen Hosen hätte er in jeder anderen Situation wohl lächerlich ausgesehen, doch mit der halbnackten Schwester hinter ihm, deren gespreizte Beine von der Bettkante baumelten, war es eine Szene, die Rafaels Adrenalinspiegel nur noch weiter steigen ließ.

„Du? Ich… ich dachte du wärst auf dem Feld.“

Der wuchtige Halbork grunzte nur verächtlich. Sein Speichel rann ihm aus den Mundwinkeln, und der kalte Angstschweiß von vor wenigen Augenblicken war längst heißem Zornesschweiß gewichen. Mit den hervorstechenden Hauern, der halb zerrissenen Hose und dem Glühen in den Augen hätte er einen ausgewachsenen Bären eingeschüchtert. Benedict stand nur verständnislos da und starrte wie ein Kaninchen vor der Schlange den Berg aus Muskeln vor ihm an.

Rafael stieß erneut einen markerschütternden Kampfschrei aus. Speichel flog Benedict entgegen, der sich die Ohren zuhalten musste. Rafael hatte nie „gelernt“ einen solchen Schrei auszustoßen, doch gelang es ihm auf Anhieb ganz vortrefflich. Wäre Benedict jetzt getürmt, wäre die Sache wahrscheinlich unblutig ausgegangen, immerhin sah Rafael ihn jetzt als eindeutigen Verlierer an. Doch stattdessen sah der junge Mensch den ausgewachsenen Halbork plötzlich mit leerem Blick an und schrie:

„Sterben sollst du! Und wenn ich dafür hundert Frauen misshandeln muss, du sollst sterben!“

Im ersten Moment konnte Rafael die Wut und den Hass überhaupt nicht fassen. Mit offenem Mund stand er dort vor seinem eigenen Heim mit zerrissener Hose und verständnislosem Blick. Doch der Moment des Entsetzens währte nicht lange, und schon verzog der Halbork das Gesicht wieder zu einer grimmigen Fratze, ballte seine fleischige Hand zu einer steinharten Faust und ließ diese Waffe dann auf Benedicts Gesicht niederfahren.

Die Wucht des Schlages ließ den jungen Mann nach hinten taumeln. Er stolperte über die Bettkante, und stieß sich den Kopf an der Wand dahinter, bevor er wie leblos zusammensank. Doch noch war Rafael nicht fertig mit ihm. Gerade öffnete der Jugendliche wieder seine Augen, als der wütende Halbork sich auf ihn warf und begann ihn nun mit beiden Fäusten zu traktieren.

Fünf, sieben, neun Mal schlug Rafael mit aller Wut und aller Kraft auf den inzwischen bewusstlosen Körper seines Widersachers ein. Mehrfach hörte man das Knarren des Holzes unter ihnen, und das Brechen der Knochen des schmalen Menschenkörpers. Eines dieser Geräusche musste wohl die kleine Maria aus ihrer Bewusstlosigkeit geweckt haben, denn sie gab einen spitzen, durchdringenden Schrei von sich.

Rafael hielt inne, und sah mit großen, blutunterlaufenen Augen das jungen Menschenmädchen an. Sie begann sofort zu weinen, richtete sich auf und versuchte Rafael von ihrem Bruder zu schubsen. Rafael war natürlich zu schwer für die Kleine, bewegte sich aber von selbst, wie sie es wünschte, wenn auch perplex und ohne eigenen Antrieb.

„Was hast du mit ihm gemacht! Bene, Bene! Wach auf Bene!“, sie griff Benedict bei den Schultern und schüttelte ihn so gut sie konnte. Keinen Ton gab ihr Bruder von sich, leblos lag er auf der schmalen Pritsche die Rafaels Bett darstellte.

„Du Monster!“, plötzlich starrte sie Rafael mit hasserfüllten Augen an. „Du Monster hast ihn umgebracht!“

Sie sprang auf und hieb mit ihren Fäusten auf Rafael ein, doch die schlanken Hände vermochten nicht ihm weh zu tun. „Verrecken sollst du!“

„Aber…“, Rafael verstand nicht, denn der Gedanke, dass er Benedict umgebracht hatte, lag noch unter dem Nebel in seinem Kopf begraben. „Er wollte dich doch missbrauchen…“

„Du lügst! Er ist mein Bruder, er würde mir nie etwas tun! Du, du, du bist das Monster hier! Ich werde Papa sagen, dass er dich töten soll.“, immer noch schlug sie wie besessen auf den Brustkorb des Halborks ein, jedoch mit nachlassender Kraft.

Langsam dämmerte Rafael, was passiert war, die Gedanken begannen sich zu ordnen und Furcht kam auf, brach wie die tosende See auf ein Segelschiff über ihn herein. Seine Muskeln, die vorher allesamt angespannt gewesen waren, versagten ihren Dienst und er fiel auf die Knie. Maria musste einen Schritt zurück machen, damit er sie nicht umwarf. Dabei setzte sie sich unwillkürlich wieder auf die Pritsche, neben ihren Bruder.

Rafaels Verstand kochte. Angst, Wut, Verwirrung, alles sammelte sich und machte das Denken schwer. Was würde er nun tun? Der Herr würde ihn umbringen, dass stand außer Frage. Selbst Maria würde das jetzt tun, wenn sie gekonnt hätte. Dabei wollte er ihr doch nur helfen. Sie vor dem durchgedrehten Bruder retten. Benedict war der Schuldige. Aber nun war der Mensch tot und er war schuld daran. Er hatte es verdient - zumindest glaubte Rafael das - doch dies würde den Herrn niemals überzeugen. Eher noch würde es ihn dazu bringen, einen schlimmeren Tod für Rafael zu ersinnen, um sich an dem Halbork zu rächen. Was nun, das war die Frage, und er wusste keine Antwort. Also tat er das, wofür er gekommen war.

Als Rafael begann die Reste seiner Hose auszuziehen, war Maria plötzlich still. Kein Schluchzen und Heulen, kein Wehklagen mehr. Sie sah ihn einfach nur mit großen, furchtsamen Augen an.

Rafael legte die zerrissene Hose in das Regal neben seinem Bett und holte eine neue heraus. Als wäre es ein normaler Morgen zog er sich in aller Ruhe an, band die Hose mit dem dünnen Juteseil zu, und kontrollierte den Sitz seiner Wäsche gewissenhaft.

Die Angst in Marias Augen war wieder Zorn gewichen, doch noch immer gab sie kein Geräusch von sich. Kurz war ihm, als könnte er das Heben und Senken von Benedicts Brustkorb ausmachen. Doch Tote atmen nicht. Mit einem leicht blutigen Zeigefinger, das Blut vermutlich aus dem Gesicht Benedicts, kratzte sich Rafael am Kopf und versuchte nun erneut einen klaren Gedanken zu fassen.

Ob es am kratzenden Finger oder am hasserfüllten Blick Marias lag, wusste Rafael nicht, doch der einzige Gedanke der ihm kommen wollte war: Flucht!

Es war natürlich Wahnsinn, fliehen zu wollen. Er kannte sich in der Welt dort draußen einfach nicht aus. Nun gut, gelesen hatte er so einiges, aber praktische Erfahrung mit irgendjemandem außer den Bediensteten des Herrn hatte er einfach nicht.

Dazu kam, dass auf flüchtige Sklaven im Allgemeinen Kopfgelder ausgesetzt wurden und es genug arme Tölpel dort draußen gab, die gerne mal ein paar Silber einstreichen wollten.

Und natürlich, nicht zu vergessen, er hatte den Sohn seines Herrn umgebracht. Somit hätte dieser noch mehr Interesse daran, Rafael an einem Galgen zu sehen. Oder der Enthauptung beizuwohnen. Oder selbst einige Steine bei der Steinigung zu werfen. Warum nur entsannen die Menschen so viele Möglichkeiten einander umzubringen?

Jedenfalls war es schlicht Irrsinn fliehen zu wollen. Er wusste nicht wohin, was er dort sollte oder wem er vertrauen könnte. Dazu war er ein halber Ork, die Menschen würden ihm nicht vertrauen.

Trotz allem, obwohl seine Chancen gerade heraus verschwindend waren, trotz alledem war Flucht seine einzige Möglichkeit, wenn er überleben wollte.

Wollte er das denn?

Der Gedanke kam nur kurz, aber er war da: Wollte Rafael, Mörder Benedicts, überhaupt weiterleben? Schnell spürte er seinen eigenen Überlebensdrang und auch ein merkwürdiges Gefühl, dass seine Tat nicht so schlimm war, wie sie schien. Er nahm an, dass dies von seiner orkischen Seite kam und verwarf alle Gedanken in dieser Richtung um sich wieder auf sein Vorhaben zu konzentrieren.

Tatsächlich, inzwischen war es sein Vorhaben zu fliehen. Nicht mehr ein wilder, haltloser Gedanke tief im Inneren, sondern ein beschlossener Plan. Er würde fliehen.

Aber wohin? Das Einzige was ihm sinnvoll erschien war Silfing, dort dann auf einem Schiff anheuern, als Bootsjunge oder dergleichen, und herüber auf einen der anderen Kontinente. Wie hieß der Ort, aus dem Händler Großenfels seine Smaragde einfuhr? Soweit würden sie ihn nicht verfolgen, zumindest hoffte er das. Vielleicht konnte er auf diese Weise sogar zurück zu seinem Geburtsland, auch wenn es dort eigentlich nicht viel für ihn zu sehen oder erfahren gab. Trotzdem erfüllte ihn der Gedanke mit einem gewissen Grad an Wärme.

„Verschwinde.“, zischte Maria ihn an. „Verschwinde von hier, du Monster! Mein Vater wird dich umbringen! Qualvoll! Ich will dich nicht mehr sehen, also verschwinde endlich von meinem Bruder! Oder willst du ihn fressen, du Scheusal?“

Tiefer Hass lag in ihrer Stimme, fast noch mehr als in ihren Worten. Rafael sah sie unentschlossen an. Nicht etwa, dass sein Plan plötzlich verschwunden wäre. Er war unentschlossen, ob er dem kleinen Mädchen, mit dem er so oft gespielt hatte, das für ihn die einzige freundliche Seele in all den Jahren gewesen war, etwas zum Abschied sagen sollte. Etwas Wichtiges vielleicht. Doch selbst wenn er etwas zu sagen gehabt hätte, sie hätte ihm wohl kaum zugehört.

„Du warst ein fürchterliches Haustier!“

Das war er also für sie. Mit flinken Händen langte er nach den Münzen unter seinem Kissen, stieß dabei den Leichnam zur Seite und hörte ein Stöhnen. Unsinn, er stöhnte selbst und stopfte die Kupferstücke in die frische Unterhose die in seinem Regal lag, und die er nun als Behelfsbeutel nahm, und fuhr herum, um aus dem Zimmer zu stürmen. Einen Moment lang hielt er inne, drehte langsam den Kopf. Sein Blick schwenkte langsam von Benedikts leblosen Körper zu Maria. Er sah sie fest an, und sie erwiderte den Blick immer noch mit Jähzorn und Entschlossenheit, gar untypisch für ein elfjähriges Kind.

„Es tut mir leid.“

Er lief, den Gang herunter, die Treppe herauf und hinaus ins Freie. Er hätte schwören können Maria noch einmal erfreut aufschreien und lachen hören zu können, gerade als er das Haus verließ, aber er konnte sich keinen Grund vorstellen, warum sie das tun sollte. Daher schob er das auf seinen verwirrten Verstand, der ihn aus aus der Sklaverei und herein in den sicheren Untergang drängte.

Überraschenderweise war das Gewitter, so schnell es gekommen war, schon wieder abgeklungen. Blitz und Donner waren nur noch entfernt wahrzunehmen, und der Regen begrenzte sich auf ein leichtes, fast sanftes Nieseln.

„Wenn das ein Zeichen ist, “, sagte Rafael halblaut, „dann zumindest kein Schlechtes.“

Seine Füße schmerzten bald. Er war es nicht gewöhnt zu laufen, aber in dem Tempo würde er Silfing in weniger als zweieinhalb Stunden erreichen, also machte Rafael keine Anstalten seinen Schritt zu verlangsamen. Immerhin hatte er praktisch kein Gepäck, musste also nicht mehr als sein eigenes Körpergewicht tragen. Aber das war für den ungeübten Läufer schon zu viel, so dass er doch irgendwann, nach nicht einmal der Hälfte des Weges eine Rast einlegen musste.

Die Straße nach Silfing hatte er gemieden, zu viel Verkehr, zu viele Menschen. Vielleicht bekannte des Händlers. Stattdessen lief er durch die Wäldchen, in einem sicheren Bogen um alle Gebäude und großen Wege herum. Wann immer er auf freies Feld kam oder jemand in Sicht war hatte er seinen Schritt beschleunigt.

Jetzt saß er wieder in einem Wäldchen, irgendwo im Nirgendwo zwischen der Villa des Großenfels und seinem Ziel, der Stadt Silfing. Er sah sich immer wieder um, ob ihn schon jemand verfolgen würde, doch seiner Sorgen zum Trotz hielt er das nicht für sehr wahrscheinlich. Silfing zu erreichen, bevor der Händler Gelegenheit haben würde die Jagd auf ihn zu organisieren, das schien kein großes Problem, immerhin war er ja nicht daheim. Und trotzdem war die Angst da, und auch nicht wegzubekommen, egal wie schön er sich die Freiheit ausmalen wollte.

Einige Minuten verschnaufte er bereits, als er einen neugierigen Marder neben einem Baum vielleicht fünf Meter entfernt ausmachte.

Mit einem Male waren Zweifel und Furcht wie verflogen und Rafael konzentrierte sich nur noch auf das Tier. Es war ein Nerz, wie der Halbork erfolgreich seinem Gedächtnis entnahm. Nerze wurden wegen ihres Felles gejagt, reiche Menschen trugen Mäntel und Mützen aus Nerzhaar - und zwar sehr reiche, denn die Tiere waren verteufelt selten. Aber Rafael war es absolut nicht danach dem kleinen Tierchen das Fell über die Ohren zu ziehen. Er wollte nur ein wenig Unterhaltung, einen Freund.

„K’k’k’, na komm her kleiner Kerl, ich tu’ dir nichts.“ Der Marder bewegte sich keinen Millimeter, sondern starrte erwartungsvoll in Richtung des riesigen Halborks.

Rafael ließ sich nach vorn auf seine Knie fallen und hockte sich nah an den Boden. „K’k’k’, wirklich, ich bin harmlos.“

Langsam, und bereit jederzeit umzukehren, kam der Nerz näher. Doch zwei Meter vor Rafael blieb er erneut stehen und diesmal sah er Rafael noch erwartungsvoller an. Er gab einen kleinen „Quiek“-Ton von sich, und wartete.

Rafael richtete sich auf. „Tja, ich kann ja verstehen, dass du mir nicht vertraust. Seh’ ja doch eher gefährlich aus.“, verloren glitt sein Blick vom Nerz ab in das Dickicht des Wäldchens.

Der Nerz beobachtete ihn noch einen Augenblick und kam dann näher, bis er Rafaels Hand berührte. Der sah halb überrascht, halb erfreut herunter zu dem kleinen Tier und begann immer breiter zu lächeln. Nachdem er sich in den Schneidersitz gesetzt hatte, nahm er den kleinen Marder auf den Arm, begann ihn zu streicheln und erzählte ihm die Geschichte seines Lebens. Und vor allem von diesem verhängnisvollen Tag.

Das kleine Tier schien aufmerksam zuzuhören, gab hin und wieder schnurrende Geräusche von sich und schaute an den richtigen Stellen erstaunt auf, ganz so als verstünde er den Sinn der Worte des Halborks.

Die Zeit verging schneller, als Rafael es merkte, und als er schließlich mit seinen Erzählungen geendet hatte, waren fast zwei Stunden ins Land gegangen. Als der Jüngling den Stand der Sonne wahrnahm, sprang er erschrocken auf. Ebenso erschrocken klammerte sich der Marder an seiner Kleidung und darunter schmerzhaft an seiner Haut fest. Rafael nahm das Tier behutsam von seiner Brust und wollte ihn auf den Boden setzen.

„Es tut mir leid, aber ich muss jetzt weiter. Du weißt ja jetzt, warum ich es eilig habe.“

Doch anstatt fortzulaufen, wie er es von dem kleinen Tier erwartet hatte, kletterte er behände seinen Arm herauf und setzte sich auf seine Schulter.

„Nanu? Willst du etwa mitkommen? Du hast wohl nicht verstanden wo ich hin gehe.“

Ganz als wollte er sagen: ‚Hältst du mich für dumm?’ biss der Marder Rafael ins Ohr. Dieser gab einen unterdrückten Schmerzlaut von sich und schnappte sich dann mit seinen großen Händen das wilde Tier in seinem Nacken. Er hielt den Marder kurz vor sein Gesicht, und betrachtete ihn genau.

Viel wusste er nicht über diese Tiere. Dieses Exemplar war von Kopf bis Schwanz etwa fünfundvierzig Zentimeter lang, wog vielleicht vier Kilogramm. Daraus schloss Rafael dass es sich um ein erwachsenes Tier handelte. Sein Schritt zeugte davon, dass es sich um ein Männchen handelte. Wahrscheinlich, so dachte der Halbork, ist er ein junger Erwachsener, der keine Familie und kein Revier hat und er möchte mit mir mitkommen, um neuen Lebensraum zu erschließen. Der Marder sah ihn mit Kulleraugen an, einem Welpen gleich, als ob das Rafaels Vermutung verbessern könnte.

„Ach fein, dann bin ich wenigstens nicht allein.“, und wie auf Kommando verzog das Tier sein Maul so, dass es ein wenig an ein Grinsen erinnerte. „Aber wir müssen aufpassen, dich will man fast genauso gerne zu fassen kriegen, wie mich. Also hopp, auf meine Schulter mit dir.“

Zufrieden schnurrend kletterte der kleine Nerz auf die breiten Schultern des massiven Halborks. Dieser setzte sich nun wieder in Bewegung und schickte sich an noch vor Einbruch der Dunkelheit die Stadt zu erreichen. Inzwischen, so vermutete er, war die Jagd auf ihn längst ausgerufen, doch wenn er ein Gasthaus im Süden der Stadt als Übernachtungsmöglichkeit ausfindig machen konnte, so hätte er gute Chancen unerkannt zu bleiben. Am nächsten Morgen würde er noch vor Sonnenaufgang zum Hafen gehen und erstmal auf dem nächstbesten Schiff anheuern. Hauptsache weg von hier. Wenn er dann seinen neuen Begleiter wieder in die Wildnis entlassen hätte, könnte er gezielter nach einem Weg suchen, auf die anderen Kontinente überzusetzen.

„Ach so, da fällt mir ein, du brauchst ja einen Namen, wenn du schon mit mir reisen willst.“, er sah den Nerz auf seiner Schulter an, als könne der ihm seinen Namen verraten. „Wie wäre es mit ‚Kalamnar’? Ich finde, dass klingt gut. Kalamnar war der Name eines berühmten Drachentöters, der vor über einhundertzwanzig Jahren gelebt hat und mehr als ein Dutzend Drachen erschlagen haben soll. Gefällt er dir?“

Eine Antwort schuldig bleibend sah der Nerz ihn einen Moment an und legte dann seinen Kopf nieder.

„Ich werte das mal als ein ‚Ja’. Immerhin hast du mir nicht ins Ohr gebissen.“