Der Stempelschneider - Jürg und Susanne Seiler - E-Book

Der Stempelschneider E-Book

Jürg und Susanne Seiler

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Beschreibung

Ariston, der Stempelschneider, stellt die Prägestempel für die berühmten Münzen von Athen her. Als Anerkennung für seine guten Dienste in einer Notlage erhält er die Erlaubnis, ein Haus zu erwerben, was sonst nur Bürgern und nicht Handwerkern und Metöken, die nicht das volle Bürgerrecht haben, erlaubt ist. Für Ariston und seine Familie scheint das Glück vollkommen zu sein. Aber da erfährt Panos, der Sklave der Familie, dass Sohn Niko gesehen wurde, wie er über die Mauer zu den Frauengemächern des berüchtigten Tyrannen Kritias geklettert ist. Die Familie ist in höchster Gefahr und flieht bei Nacht und Nebel aus der Stadt. Sie versuchen sich zum Hafen von Korinth durchzuschlagen, um nach Syrakus zu reisen, die Häscher des Kritias sind ihnen aber bald einmal auf den Fersen. Gelingt es ihnen, ihr Ziel Syrakus zu erreichen und dort ein neues Leben aufzubauen oder geht ihre Flucht immer weiter?

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Seitenzahl: 709

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Jürg und Susanne Seiler

Der Stempelschneider

Historischer Roman aus der Antike

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog : Amphipolis, 368 vor Christus ̶ Panos

Ariston

Das Fest : Athen, 405 vor Christus ̶ Panos

Ariston

Die Flucht : Athen, 404 vor Christus ̶ Panos

Über Stock und Stein : Attika, 404 vor Christus ̶ Panos

Am Meer : Pagai / Korinth, 404 vor Christus ̶ Panos

Endlich sicher : Auf See , 404 vor Christus ̶ Panos

Gefangenschaft und Rettung : Syrakus, 413 - 410 vor Christus ̶ Ariston

Die Ankunft : Syrakus, 404 vor Christus ̶ Panos

Heiliges Gold : Athen, 407 vor Christus ̶ Ariston

Intermezzo : Syrakus, 404 vor Christus ̶ Panos

Das Notgeld : Athen, 407 vor Christus ̶ Ariston

Die neue Heimat : Syrakus, 404 vor Christus ̶ Panos

Der Gardist : Syrakus, 403 vor Christus ̶ Panos

Die Hochzeit : Syrakus, 401/400 vor Christus ̶ Panos

ärger mit Niko : Syrakus, 399 vor Christus ̶ Panos

Flucht und Enttäuschung : Syrakus/Athen, 399 vor Christus ̶ Niko

Die „Beruhigungsmünze“ : Syrakus, 399 vor Christus ̶ Panos

Das Geheimnis : Syrakus, 392 vor Christus ̶ Ariston

Erbstreitigkeiten : Syrakus, 391 vor Christus ̶ Panos

Sturm und Piratenüberfall : in der ägäis, 390 vor Christus ̶ Panos

Wieder eine neue Heimat : Aspendos, 388 vor Christus ̶ Panos

Kriegszustand : Aspendos, 388 vor Christus ̶ Ariston

Kriegsgeschichten : Syrakus, 413 - 411 vor Christus ̶ Ariston

Nächtlicher überfall : Aspendos, 388 vor Christus ̶ Ariston

Misstrauen und neue Flucht : Aspendos, 387 vor Christus ̶ Panos

Die Heilung : Epidauros, 387 vor Christus ̶ Ariston

Das lange Warten : Rhodos, 387 vor Christus ̶ Panos

Heimkehrpläne : Epidauros, 387 vor Christus ̶ Ariston

Wieder vereint : Rhodos, 387 vor Christus ̶ Panos

Noch eine Heirat : Rhodos, 386 vor Christus ̶ Panos

Endlich ein Sohn : Rhodos, 384 vor Christus ̶ Panos

Neue Reisepläne : Rhodos, 382 vor Christus ̶ Panos

In Piratenhand : Rhodos, 381 vor Christus ̶ Panos

Die Rettung : Rhodos, 381 vor Christus ̶ Panos

Die Rückkehr : Athen, 381 vor Christus ̶ Panos

Wieder zu Hause, oder? : Athen, 380 vor Christus ̶ Ariston

Nikos Söldnerzeit : von Athen bis Aspendos, 399 - 388 vor Christus ̶ Aristons Aufzeichnungen

Kronia, ein Fest und eine Leiche! : Athen, 379 vor Christus ̶ Panos

Die letzte Flucht : Athen, 379 vor Christus ̶ Panos

Namensliste

Glossar

Nachwort

Anhang

Impressum neobooks

Prolog : Amphipolis, 368 vor Christus ̶ Panos

Der Stempelschneider

Ein goldener Tag neigt sich dem Ende zu, das Blau des Himmels wird dunkler, die Olivenbäume verlieren ihren silbrigen Schimmer, und der Strymon im Tal verschwindet zwischen fast schwarzem Gebüsch. Auch für Ariston, meinen Schwiegervater, der zufrieden auf der kleinen Holzbank unter dem Rebendach sitzt, ist der Lebensabend gekommen. Er hat so viel erlebt, durchgestanden, sich so viel erkämpft und immer wieder das Beste für seine Familie gesucht. Ismene, seine Frau, kommt aus dem Haus und setzt sich zu ihm, es war immer ihr Traum, ihre alten Tage in ihrer Heimat, ihrem geliebten Athen verbringen zu können, und jetzt sitzen sie hier in Amphipolis und werden wohl kaum mehr nach Athen zurückkehren können. Aber sie beide strahlen Zufriedenheit aus.

„Athen,“ lächelt Ismene, „ja Athen war immer meine Heimat und ich dachte, nur dort könnten wir richtig glücklich sein. Wie falsch war das, Glück liegt nicht an einem Ort, in einer Stadt oder in einem Haus, Glück, das weiss ich jetzt, liegt im Herzen und daher findet man es, wo immer man ist. Die Menschen rennen dahin und dorthin, jagen dem Glück nach und merken nicht, dass sie es bei sich tragen.“

„Ja,“ meint Ariston, „wir sind glücklich hier, nicht wahr, Ismene? Wichtig ist ja nur, dass die Familie beisammen ist.“

Ja, das haben wir immer geschafft, wenn wir auch ab und zu den Neid der Götter zu spüren bekamen. Wir werden beisammen bleiben, unsere Geschicke sind schon so lange miteinander verknüpft.

Ariston

Ismene und ich sitzen unter der Rebenlaube und lassen den Tag in Stille verklingen. Heute vor achtzig Jahren kam ich in Athen zur Welt, ein langes Leben also, das nicht jedem beschieden ist. Meine ganze Familie hat sich in diesen Tagen bei uns versammelt, Helena ist mit ihrem Mann und den Kindern von ihrem Landsitz bei Idomenai an der Grenze zu Päonien angereist, und auch Niko hat sich für einige Wochen aus seinem Soldatenleben verabschiedet. Panos schaut von seinem Platz aus zu uns hinüber. Denkt er ab und zu an eine Rückkehr nach Athen? Für Ismene und mich kommt das sicher nicht mehr in Frage, wir sind nun hier so daheim, wie man nur daheim sein kann. Wir sind geachtete Bürger dieser Stadt geworden, auch der Archon schaut hie und da vorbei, fragt mich um meine Meinung aus meiner reichen Erfahrung. Weshalb sollten wir uns noch einmal an einem neuen Ort eingewöhnen müssen?

Natürlich stammen wir aus Athen, aber die Stadt heute ist nicht mehr die Stadt, die wir kannten und liebten, dorthin umzuziehen müsste zwangsläufig in einer Enttäuschung enden. Zudem wird die Region ständig von Kämpfen zwischen Spartanern, Thebanern, Athenern und wem sonst noch erschüttert. Hier hingegen sind wir von Ruhe und Frieden umgeben.

Heute Vormittag hat mich auch der Münzmeister besucht. Er hat mir zum Geburtstag gratuliert und ein ganz spezielles Präsent mitgebracht: Die erste aus einer neuen Serie von Tetra-drachmen mit dem Apollokopf, wie ich ihn vor zwei Jahren entworfen und zur Ausführung vorgeschlagen hatte, das Gesicht von vorne und etwas zur Seite gedreht, eine Huldigung an meinen Lehrmeister Eukleidas von Syrakus. Er machte ein ziemliches Geheimnis um diese neue Serie, aber als er mir diese Münze aushändigte, strahlte er über sein ganzes rundes Gesicht. Diese Münze ist ein ganz besonderes Geschenk und eine überraschung für mich, denn sie haben auf der Rückseite, unter der Fackel, ein grosses „A“ eingeprägt.

„Siehst du,“ meinte er zu mir, „so wird dein Name, Ariston, als der des grossen Künstlers und Herstellers der wundervollsten Stempel, die ich je gesehen habe, immer in Erinnerung bleiben.“

Ich halte jetzt die Münze wieder in meiner Hand, betrachte sie, und auch Ismene blickt auf sie herab. Dann legt sie ihre Hand auf die meine und sagt verträumt:

„Wie viele Erinnerungen kann doch eine einzige Münze wachrufen.“

Tetradrachme, Amphipolis, geprägt 368/67 vor Christus

Numismatica Ars Classica, Auktion 46, Los 230, www.arsclassicacoins.com

Das Fest : Athen, 405 vor Christus ̶ Panos

Schon hat die Morgenröte mit zartem Finger den Himmel über den Hügeln rosa gefärbt, es ist Zeit aufzustehen und meinen Pflichten nachzugehen. Auf dem alten Feigenbaum im Hof zwitschern schon die ersten Vögel, im Wasserbecken im Hof spiegeln sich schwach die letzten Sterne und in der Ferne hört man Hundegebell. In unserem Haus aber herrscht noch verschlafene Stille. Erst seit wenigen Wochen wohnen wir in diesem geräumigen Haus. Es ist ein wunderbarer Platz für uns alle. Der grosse Hof mit der gedeckten Terrasse lädt an heissen Tagen zum Verweilen, das Wasserbecken in der Ecke ist so tief, dass der Thraker, der Sklave, der die niedrigen Arbeiten ausführt, nicht mehrmals am Tage Wasser holen muss, um es aufzufüllen, im Gästeraum kann mein Herr seine Gäste bewirten, die Frauengemächer im oberen Stock sind geräumig. Natürlich habe ich diese nie gesehen. Anisa, die Sklavin, die meine Herrin und die kleine Tochter betreut, hat mir aber die Gemächer genau geschildert.

Auch mein Herr und sein Sohn sind glücklich über ihre neuen Räume und vor allem ist die Werkstatt viel grösser und viel heller als die vorherige, ein wichtiges Detail, denn mein Herr ist ein Handwerker. Er fertigt Schmuckstücke aus Gold und Silber, vor allem aber graviert er die Stempel, mit denen Münzen geschlagen werden. Er ist ein Meister seines Fachs, unübertroffen weit und breit. Er stellt Stempel für alle Münzen her, vom winzigen Tetartemorion, das nicht grösser ist als der Fingernagel eines Neugeborenen, über den nur wenig grösseren Obolos, bis zur grössten, der Tetradrachme. Oft schaue ich ihm zu, wenn ich keine andere Arbeit habe, und bewundere, wie er winzig kleine Details wie die Federn der Eule oder die Helmzier der Athene auf diese Stempel zaubert.

Im alten Haus mussten der Thraker und ich mit einer kleinen Schlafstätte hinter dem Haus vorlieb nehmen, im Winter war es kalt und feucht und im Sommer brachte kein einziges Lüftlein Kühlung in diesen Backofen. Jetzt habe ich mein eigenes, zugegeben kleines Zimmer, aber es ist angenehm und eine grosse Verbesserung im Vergleich zu meiner vorherigen Unterkunft. Ja, ich bin ein Sklave. Zuerst war ich Hauslehrer für den Sohn, Nikodemos, der unterdessen aber im Gymnasium ausgebildet wird. Meine Pflichten sind vielfältig, ich bin so etwas wie der Hausmeister, zuständig für die Begleitung meines Schützlings zum Gymnasium, jedoch auch für den reibungslosen Ablauf im Hause. Meine Stellung ist zurzeit nicht schlecht, trotzdem bin ich immer noch und vor allem ein Sklave.

Das war nicht immer so. Vor nicht allzu langer Zeit war ich es, der von einem Sklaven unterrichtet und zur Ausbildung ins Gymnasium begleitet wurde. Ich beachtete unsere Sklaven kaum, sie waren einfach da, hatten da zu sein, wann immer ich etwas wollte, nie haben wir sie gelobt, aber jedes Versäumnis wurde bestraft. Heute bin ich der Sklave und bereue diese Haltung bitter. Mein Herr ist wohl der bessere Meister, als wir es damals waren. Werden die Götter mich dafür bestrafen?

Mein Schicksal wendete sich, als Melos von den Athenern belagert wurde. Mein Vater Kleopatros und mein älterer Bruder Kleombrotos kämpften an vorderster Front, aber ich war noch zu jung, um als Schleuderer oder Bogenschütze mitzukämpfen, obgleich mich darin auch von den älteren kaum einer übertraf. Ich war dazu verdammt, zusammen mit den Dienern und Frauen zu Hause auf Nachricht zu warten. Sorgen machten wir uns keine. Waren denn unsere Streitkräfte nicht die tapfersten weit und breit? Hatten wir die Athener nicht kürzlich schon zweimal geschlagen? Würden uns nicht auch noch die Spartaner zu Hilfe kommen? Waren unsere Mauern, unsere Verteidigungslinien nicht die besten?

Je länger die Belagerung dauerte, desto mehr wich aber die Gelassenheit der Unruhe. Das Essen und das Wasser in der Stadt wurden knapp, Gerüchte machten die Runde und bald breitete sich Besorgnis aus. Wir alle hofften auf Hilfe von aussen, vor allem von den Spartanern, aber ein Tag nach dem andern verging und weit und breit war nichts von einer Armee zu sehen, die uns zu Hilfe eilen wollte. Immer wieder wurde ich zusammen mit meinem Sklaven ausgeschickt, um in Erfahrung zu bringen, was sich an den Mauern abspielte. Das Bild war immer dasselbe.

Eines Tages wurden wir wieder ausgeschickt, um Nachrichten einzuholen.

Je näher wir an die Mauern kamen, desto schrecklicher wurde der Lärm. Vorsichtig näherten wir uns der Stelle, an der mein Vater und mein Bruder das Kommando hatten. Ich kletterte hinauf zu meinem Bruder, der mich packte und hinter einen Mauervorsprung zog.

„Hör zu,“ sagte er, „es läuft schlecht, bald werden sie durch die Mauer brechen, oder wir müssen kapitulieren, unser Vater ist tot und viele andere Kämpfer auch. Es gibt keine Rettung mehr, es läuft auch ein Gerücht über Verrat um. Ich weiss nicht, wie die Athener mit uns verfahren werden. Ich glaube nicht daran, dass sie Milde zeigen werden, auch wenn sie dies jetzt versprechen. Solche Versprechen werden meist gebrochen, sobald die Feinde in der Stadt sind. Sieh zu, dass du dich mit deiner Mutter verstecken kannst. Viel Glück, kleiner Bruder!“

Und schon eilte er wieder auf seinen Posten. Wir rannten durch die verwinkelten Gassen nach Hause, um die Familie zu warnen. Als wir atemlos in den Hof stürzten, hatte sich die ganze Familie mit den Sklaven schon dort versammelt. Mein alter Onkel erkundigte sich:

„Wie sind die Nachrichten.“

Ich erzählte, was mein Bruder mir anvertraut hatte. Schrecken malte sich auf alle Gesichter, doch mein Onkel blieb ruhig.

„Wir müssen warten und hoffen,“ erklärte er, und dann erhielt jeder eine Handvoll Oliven und etwas Wasser.

„Die Vorräte sind bald alle,“ meinte er, „aber wir werden durchhalten.“

Alle setzten sich nun in eine schattige Ecke, und wieder warteten wir und horchten auf die beängstigenden Geräusche, die uns von allen Seiten erreichten. Nach einer Weile schickte mein Onkel einen Sklaven auf das Dach, er sollte jede Veränderung sofort mitteilen. Ich wollte ihn begleiten, aber der Onkel hielt mich zurück. Der Tag neigte sich dem Abend zu, der Himmel begann blasser zu werden und sich rosa zu verfärben.

Dann, ganz plötzlich, erhob sich mein Onkel und horchte.

„Hört ihr das?“ fragte er.

Verwundert erhoben wir uns alle ebenso. Die Geräusche der Schlacht, an die wir uns seit Tagen gewöhnt hatten, veränderten sich, die rauen Kämpferstimmen hatten einen anderen, triumphierenden, Ton angenommen, dazu drang das gellende Geschrei von Frauen, vielen Frauen, zu uns, lauter und lauter wurde es, näher und näher kam es, und die Angst, unser ständiger Begleiter der letzten Tage, schickte kalte Schauer über uns. Das letzte noch so kleine Stücklein Hoffnung, das wir gehegt hatten, schmolz dahin wie die seltenen Schneeflocken, mit denen ab und zu ein strenger Winter für ein paar Stunden unsere Stadt verzaubert hatte.

„Der Kampf ist vorbei, mögen die Athener milde mit uns verfahren,“ rief mein Onkel und kniete vor unserem Hausaltar nieder.

Wir blieben unschlüssig im Hof stehen. Hatte der alte Onkel Recht, wurde wirklich nicht mehr gekämpft?

„Siehst du etwas,“ rief ich dem Sklaven auf dem Dach zu.

„Ja,“ rief er zurück, „da draussen laufen Leute.“

Ich öffnete das Tor. Da eilten ein paar Bürger aus der nächsten Gasse auf uns zu und riefen:

„Die Tore sind offen, sie haben die Stadt den Athenern übergeben, lauft, so schnell ihr könnt, den Athenern ist nicht zu trauen.“

Ich rannte zurück in den Hof und überbrachte die schlechte Nachricht. Mein Onkel sagte ganz ruhig.

„Ich werde das Haus den neuen Herren übergeben. Ich bin ein alter Mann, was immer geschieht, ich habe ein gutes und langes Leben genossen.“

Meine Mutter wurde bleich, sagte dann aber gefasst:

„Versteckt euch, so gut es geht! Ich glaube nicht an die Milde der Athener.“ Sie umarmte mich und wisperte: „Rette dich, mein Sohn, vielleicht gelingt es dir, zu fliehen, versuch es, ich weiss nicht, welches Schicksal dir sonst auferlegt wird!“

Dann zog sie sich in ihr Zimmer zurück und schickte die Sklavin weg. Wir alle wussten, dass sie sich umbringen würde, denn mit der Frau eines Anführers pflegten die Sieger nie nachsichtig umzugehen. Der Onkel pflanzte sich mit ein paar Sklaven neben dem Hauseingang auf. Ich hingegen beschloss, mich nicht auf Gedeih und Verderb den Athenern auszuliefern und suchte nun zuerst nach einem guten Versteck. Bald wurde klar, dass dies ein schwieriges Unterfangen war. Sollten wir auf das Dach klettern? Die aufsteigenden Rauchsäulen in der Stadt zeigten uns, dass da und dort schon Häuser in Brand gesteckt worden waren, keine gute Idee also. Im Vorratsraum? Dort suchten sie sicher ohnehin nach Wein, auch nicht besser. Blieb also nur noch die Flucht. Aber wohin? In den Gassen hörte man von allen Seiten das Geheul der Krieger, sie waren schon überall.

Mein Sklave und ich kletterten nun auf das Dach und hofften, ein paar Gassen zu erspähen, die noch nicht geplündert wurden. Das sah nun allerdings schlecht aus, Rauchsäulen stiegen auf allen Seiten auf, überall Schreie und verzweifelte Hilferufe. Aber aufgeben kam nicht in Frage. Wir kletterten durch das kleine Fenster auf der Rückseite des Hauses, dann über die Mauer in den nächsten Hof, der alte riesige Feigenbaum half uns über die nächste Gasse und bald befanden wir uns in einer etwas ruhigeren Gegend. Hier waren die Häuser klein und schäbig, keine Vorhöfe luden zum Verweilen, keine Feigenbäume spendeten den ersehnten Schatten. Bei den meisten Häusern standen die Haustüren weit offen, die Bewohner hatten wohl das Heil in der Flucht gesucht. Das war ja gar nicht so schlecht für uns, wir konnten uns jederzeit in einem leerstehenden Gebäude verstecken. Dies war bald auch schon nötig, der Lärm kam näher und weit vorne blitzten blanke Schwerter. Rasch stürzten wir in ein Haus hinein und suchten nach einem Versteck. Im Raum selbst war nichts zu finden, das mehr als einem Hasen Deckung bieten konnte, und der Lärm kam immer näher. Schon hörten wir Stimmen aus dem Nachbarhaus, wir waren verloren.

„Der Dachbalken!“ wisperte mein Sklave, und so schnell wir konnten kletterten wir hinauf und legten uns flach auf den grössten Dachbalken. Würden sie uns trotzdem sehen? Schon trat ein grosser schmutziger Krieger mit einem vernarbten Gesicht in den Raum und sah sich um. Wir hielten den Atem an und lagen starr auf dem Balken. Ein zweiter Krieger trat ein, warf den Tisch um, schaute in den Kochtopf und fand:

„Die hausen wie die Schweine, da ist nichts, vergiss es, wir suchen ein nobleres Haus, da wird es doch wenigstens Wein haben!“

Daraufhin verliessen beide das Haus. Der Narbige drehte sich unter der Türe nochmals um, schaute in alle Ecken und sagte:

„Wo sind bloss all die Leute hin?“

„Vielleicht schon verhungert,“ brummte der andere, „komm, ist doch nicht wichtig, wir wollen Beute!“ Und weg waren sie.

Erst nach einer Weile wagten wir es, vom Dachbalken herunter zu steigen. In der Gasse war es unterdessen ruhig, wir flohen weiter immer Richtung Osten, wo wir das kleine Ausfalltor wussten. Wir hofften, dass die Kämpfer sich nun in den Quartieren mit den grösseren Häusern aufhalten würden. Mein Herz wurde zu Stein bei dem Gedanken, denn dort wartete ja mein greiser Onkel. Weiter eilten wir, bei jedem Geräusch warfen wir uns in eine dunkle Ecke oder in ein leerstehendes Haus, aber wir kamen gut voran. Weit konnte es bis zum kleinen Tor nicht mehr sein, zudem wurde es langsam dunkel und dies konnte uns ja nur nützen.

Gelang es uns, die Stadt zu verlassen, konnten wir uns durch die Olivenhaine davonmachen, jedenfalls war dies mein Plan. Weiterhin hielten die Götter eine schützende Hand über uns. Einmal entwischten wir um Haaresbreite einer Truppe Soldaten, indem wir uns in einem dichten Gestrüpp versteckten und uns still hielten, obschon die Dornen uns rundherum zerkratzten.

Aber dann war es vorbei mit unserer Glückssträhne. Um eine Ecke herum liefen wir ein paar Athenern direkt in die Arme. Wir versuchten wegzurennen, aber auf der anderen Seite tauchten weitere Kämpfer auf. Der Anführer packte mich und begutachtete mich wie ein Huhn auf dem Markt. Dann fand er:

„Netter Junge und gut gekleidet, sicher der Sohn eines Aristokraten, vielleicht kann er sogar lesen und schreiben.“

Da wurde ich zornig und schrie: „Natürlich kann ich das, ich bin auch ein guter Läufer und Kämpfer, denkt ihr, wir Leute aus Melos können nur Oliven pflücken?“

Der Anführer der Athener lachte: „Der Bengel ist gut, frech wie ein Spatz, noch nicht ganz trocken hinter den Ohren, aber den kann man sicher noch brauchen. Lasst ihn leben! Wir können ihn als Sklaven verkaufen, der wird viel Geld bringen. Fesselt ihn und bringt ihn zu den Schiffen.“

Zusammen mit meinem Sklaven brachten sie mich zum Hafen, und ich merkte plötzlich, dass wir nun gleich gestellt waren: Wir beide waren Sklaven. So schlimm dies war, wir teilten das Schicksal der ganzen Stadt. Die wehrfähigen Männer wurden ermordet, Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft. Meine Mutter sah ich nie mehr wieder. Später, viel später, erfuhr ich von einem Händler, dass sie sich selbst umgebracht hatte. Damit war von meiner Familie niemand mehr am Leben, und das war der Anfang meines Sklavendaseins.

Eng zusammengepfercht mit vielen anderen wurde ich nach Athen gebracht und auf dem Sklavenmarkt verkauft. Ich dachte, weil ich aus einer höheren Familie stammte und eine gute Ausbildung genossen hatte, würde ich doch sicher als Hauslehrer bei einem vornehmen Bürger landen und war dann sehr enttäuscht, dass mich nur ein Handwerker, der nicht einmal Bürger Athens war, kaufte. Erst später merkte ich, dass mir das Glück auch in meiner schlimmen Lage noch hold war. Ich hätte auch in den Silberminen von Laurion landen können, und dieses Schicksal war das Schlimmste, was einem Sklaven passieren konnte, denn von dort kam nie jemand zurück. Auch im Haushalt eines Aristokraten sind die Sklaven oft ständig in Angst, denn eine schlechte Laune des Herrn oder auch nur eine kleine Nachlässigkeit kann schlimme Folgen haben, die Strafen reichen von Schlägen bis zum Verkauf an die Silberminen.

Da ist das Leben im meinem Haushalt doch sicherer, mein Herr ist milde, die Frau des Hauses, die nicht nur zurückgezogen in ihren Gemächern lebt, sondern überall im Hause zu sehen ist, eine sanfte Schönheit, und Phoebe, die kleine Tochter, verspricht noch schöner und liebenswerter zu werden. Auch mein Schützling Nikodemos, den alle nur Niko nennen, erweist sich meist als umgänglicher Junge, wenn er mich auch in letzter Zeit oft in Angst und Schrecken versetzt. Denn immer wieder gelingt es ihm, sich meiner Aufsicht zu entziehen. Er ist ein ausgezeichneter Läufer und kann so blitzschnell einen Moment der Unaufmerksamkeit ausnützen und sich richtiggehend in Luft auflösen. Ich konnte bisher wenig dagegen tun. Sollte ich mich bei meinem Meister beklagen? Keine gute Idee. Es ist meine Pflicht, ihn nicht aus den Augen zu lassen, verschwindet er also, bin ich nachlässig, und man wird mich bestrafen. Also sagte ich dem Meister nichts, ich versuchte zwar mit Niko zu sprechen, erfuhr aber nie, was er auf seinen Ausflügen machte. Nichts Gutes, sagte mir mein Gefühl, und die späteren Ereignisse sollten mir Recht geben.

Meine Stellung im Haushalt hat sich über die Jahre auch sehr verbessert. Ich bin der eigentliche Hausmeister und der Herr vertraut mir in allen Belangen. Sein Geschäft beansprucht ihn voll und ganz, er konzentriert sich auf das Herstellen seiner Stempel und Siegel und das Anfertigen von Schmuck für die reichen Damen. Bei allen Belangen des Haushalts pflegt er zu sagen:

„Fragt Panos, er weiss was zu tun ist.“

Habe ich mich nun mit meinem Sklavendasein abgefunden? Nein, es geht mir zwar gut, aber der Wunsch nach Freiheit ist trotzdem da, er wächst und nagt an mir. Eines Tages werde ich wieder ein freier Mann sein, vielleicht arm, aber frei, das habe ich mir geschworen und irgendwann wird sich eine Gelegenheit bieten, diesen Wunsch umzusetzen. In meinen Träumen segelte ich oft auf einem stolzen Schiff zurück nach Melos, betrat den geliebten Boden, suchte nach übrig gebliebenen Verwandten und Bekannten. Eine Stimme tief unten wisperte dann zwar: da ist niemand mehr, vergiss es, die jüngeren Leute sind alle ermordet oder verschleppt und die alten Leute sind unterdessen alle tot, was willst du dort, du wirst enttäuscht sein! Dennoch hat dieser Traum mich gestärkt bis zum Tage, an dem ich auf dem Markt einen Mann sah, der mir bekannt schien. Ich näherte mich ihm, er drehte sich um, betrachtete mich lange, und dann breitete sich ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht aus.

„Panos!“ rief er, „bist du es wirklich?“

Jetzt erkannte ich ihn auch, es war Lysias, ein Mitschüler aus dem Gymnasium von Melos. Wir fielen uns in die Arme und boten in unserer Freude wohl ein ziemliches Spektakel.

Auch Lysias war als Gefangener nach Athen gekommen und gehörte jetzt als Sklave zum Haushalt des Kritias. Er hatte auch Nachrichten aus Melos, und die zerstörten alle meine Träume. Was meine kleine Stimme immer gewispert hatte, war wahr. Die Athener herrschten mit eiserner Hand, fast alle Einwohner von Melos waren ermordet oder verschleppt worden, und die Besitztümer waren unter athenischen Siedlern verteilt worden. Einzig ein paar Schafhirten und alte Bauern auf den Hügeln waren übrig geblieben und unterdessen wohl auch schon tot.

„Wir können nicht nach Melos zurück,“ seufzte er, „wir müssen auf andere Weise unser Geschick verbessern.“

Das war das Ende des Traums mit meiner Rückkehr nach Melos, aber mein Los verbessern, das will ich immer noch! Die Worte meines Fechtlehrers sind in mein Gedächtnis eingegraben: Geduld! Geduld führt mehr Kämpfe zum Sieg als Geschick. Ich werde meinen Weg in die Freiheit finden, bis dahin übe ich mich in Geduld.

Jetzt aber heisst es, die Vorbereitungen für das grosse Fest der Hauseinweihung in Angriff zu nehmen. Nur selten wird einem Nicht-Bürger das Recht erteilt, Grundbesitz zu erwerben. Meinem Meister, dem Stempelschneider, war diese hohe Ehre zuteil geworden. Theramenes, der Schutzherr meines Herrn, war so begeistert von seiner ausserordentlich guten Arbeit und der Hilfe in einer schwierigen Zeit, dass er für ihn die Erlaubnis erwirkte, ein Haus zu kaufen. Und dieses Haus wird nun, mit Theramenes als Ehrengast, eingeweiht.

Ich hole den Thraker, seine Aufgaben sind die niedrigen Arbeiten im Haus. Er hat keinen Namen, er spricht auch kaum griechisch, seine Geschichte kenne ich nicht, er ist irgendwie als Sklave hierher gekommen. Ich befehle ihm, den Hof zu säubern, die Veranda zu trocknen und dies alles besser denn je; ich mache ihm klar, dass heute die kleinste Nachlässigkeit schlimme Folgen haben wird.

Dann eile ich zu Niko, meinem Schützling, der immer noch in seinen Träumen verfangen ist.

„Aufstehen,“ rufe ich, „die Arbeit ruft, wir wollen auf den Hügeln die frischesten und schönsten Ranken holen, damit die Frauen nachher Blumenkränze herstellen und alles schmücken können!“

Niko reibt sich die Augen, dann zeigen sich zornige Falten auf seiner Stirn:

„Du wagst es, mich zu wecken? Du wagst es, von mir zu verlangen, zu den Hügeln zu laufen!“

„Falsch,“ antwortete ich, „nicht ich bin es, der dich weckt und dorthin schickt, es ist dein Vater, und du willst doch sicher seine Wünsche erfüllen. Ausserdem bist du zwar der beste Läufer, aber auch der braucht täglich Training, sei also froh, dass du die Gelegenheit, deine Laufkunst zu üben, bekommst.“

Die Falten auf Nikos Gesicht glätten sich, er springt auf.

„Gut, rennen wir, wer ist schneller auf dem Hügel der Musen?“

Beim Wasserbecken im Hof kühlen wir uns noch etwas ab und los geht es.

Bald stehen unsere Körbe mit Blätterranken im Hof. Nun fehlen nur noch die Blumen. Da drückt mein Herr mir ein paar Münzen in die Hand:

„Geh zum Markt, kauf Blumen und die frischesten und süssesten Trauben und Feigen!“

Die Münzen sind sehr kostbar aber auch sehr klein und können leicht verloren gehen, also stecke ich sie in meine Backen, da sind sie sicher und renne los. Der Markt ist der Platz in Athen, den ich besonders liebe. Das Durcheinander von Farben, Gerüchen, Waren von überall her, Menschen, die alle möglichen Sprachen sprechen. Ich liebe diesen Platz und begutachte jetzt die verschiedenen Stände. Da sind Trauben, aber sind sie nicht etwas klein?

„Schau mal meine Feigen,“ ruft mir ein Händler zu, „das sind die grössten weit und breit.“

Ich betrachte die Früchte und lache den Händler aus.

„Gross? Diese Feigen sind Winzlinge, geeignet für Kleinkinder!“

Der Händler ist nicht beleidigt, zeigt mir dafür seine Trauben und wirklich, die sind gross und schön. Aber sind sie auch süss?

„Süss? Du hast in deinem ganzen Leben noch nie so süsse Trauben gegessen, glaub mir, soll ich dir welche einpacken?“

„Kann ich sie erst probieren?“

„Nun ja, wenn es sein muss, iss mir aber nicht meinen ganzen Vorrat weg!“

Da ist nun wirklich keine Gefahr. Bei der ersten Traubenbeere zieht sich mein Inneres zusammen. Brr! Ich schüttle mich.

„Du hast die Trauben zu früh geerntet! Geduld mein Lieber!“

Bald aber ist es mir gelungen, einen Korb voll süsser Feigen und wunderbarer Trauben zu kaufen. Jetzt fehlen nur noch die Blumen. Auf der anderen Seite des Marktes werden Blumen in allen Farben angeboten. Rot, hat meine Herrin gesagt, rote und weisse Blumen wären schön, aber achte darauf, dass sie ganz frisch sind! Die Auswahl ist gross und ich finde einen Korb voll von frischen Blumen, die Herrin wird begeistert sein.

Wieder zurück begutachte ich die Arbeit des Thrakers. Der Hof ist gewischt, die Veranda vom nächtlichen Regenwasser befreit, die Liegen sind bereit gestellt. Die Frauen flechten nun Kränze aus den Ranken und den Blumen, und bald sind Hausaltar, Eingang und Torbogen mit Blumen geschmückt. Die Liegen werden mit neuen Tüchern bedeckt. Die Muster spiegeln die Webkunst meiner Herrin wieder und werden den Gästen sicher gefallen. Auch die Blumenkränze, die sich die Gäste aufsetzen können, sind schon bereit. Das grosse Fest kann beginnen.

Ariston

Schon seit langem bin ich eigentlich wach. Auf der anderen Seite der Wand, im Frauenteil des Hauses, schläft meine Frau sicher auch nicht mehr, ich kenne sie zu gut, als dass ich mich von der Ruhe drüben täuschen lassen würde. Heute ist schliesslich unser Tag, den wir mit einem grossen Fest begehen wollen. Endlich bin ich, Ariston, der Sohn des Eupeithes, Besitzer eines eigenen Hauses!

In Athen ist es den Nicht-Bürgern ja im Prinzip nicht erlaubt, Grund und Boden zu besitzen. Wir Metöken sind nur geduldet, soweit wir zur Prosperität und zum Glanz dieser Stadt beitragen. Und meinen Anteil daran leiste ich ja bestimmt: Aus meiner Hand kommen nämlich die Stempel, die zur Prägung der athenischen Eulen, der auf der ganzen Welt bekannten und geschätzten attischen Drachmen und Tetradrachmen, verwendet werden. Diese meine Kunst hat jetzt schliesslich dazu geführt, dass uns die Bewilligung zum Erwerb unseres Hauses erteilt wurde. Das ist aber eine lange Geschichte, die ich vielleicht einmal meinen Enkeln erzählen werde, denn jetzt ist keine Zeit zu müssigen Gedanken über die Vergangenheit, die Gegenwart ruft. Eigentlich wurde ich ja von Theramenes geradezu dazu gedrängt, dieses Haus zu erwerben. Klar, das Haus war von seinem ehemaligen Besitzer in seinem Testament mehr oder weniger gezwungenermassen den Dreissig Regierenden vermacht worden, und Theramenes war mit dessen Verkauf beauftragt. Er wusste, dass ich über die entsprechenden Mittel verfügte, und er wollte die Liegenschaft so rasch als möglich loswerden. Ich hätte sie aber kaum erworben, wäre ihre Lage nicht so ausgesprochen günstig gewesen. Das Haus liegt in einem Wohnviertel südwestlich der Akropolis, in dem eigentlich Handwerker nicht gerade erwünscht sind. Aber meins ist ein recht stilles Gewerbe, das ohne viel Lärm, ohne lästige Gerüche oder grosse Staubentwicklung ausgeübt wird, und der kurze Weg in die städtische Münzanstalt in der Südostecke der Agora machte die Liegenschaft doch sehr attraktiv. So haben wir letzte Woche das Haus übernommen und eingerichtet, und heute werden wir unseren neuen Status gebührend feiern.

Ich stehe auf, und sofort ist auch Aktivität im Frauengemach zu vernehmen. Ismene hat also wirklich nicht mehr geschlafen.

Draussen auf dem Hof höre ich die leise Stimme meines Dieners, Panos, der dem Thraker, unserem zweiten Sklaven, Anweisungen für den heutigen Tag gibt. Gut so, Panos ist ein sehr aufmerksamer, verantwortungsbewusster und initiativer Sklave, und man merkt ihm seine Herkunft an – er stammt aus gutem Hause. Ich habe ihn vor vielen Jahren nach der Eroberung von Melos durch unsere Stadt aus der Kriegsbeute gekauft, weil ich damals unbedingt einen Gefährten und Erzieher für meinen Sohn brauchte, bevor ich mit dem athenischen Aufgebot zur Expedition nach Sizilien aufzubrechen hatte.

Seine trotzige Haltung auf dem Sklavenmarkt gefiel mir damals: Trotz seines jugendlichen Alters, das ihn vor der Hinrichtung bewahrt hatte, zeigte er keine Unterwürfigkeit, sondern er trug sogar einen gewissen Stolz zur Schau. Als ich ihn kaufte, sah er einen Augenblick lang etwas enttäuscht aus, er hatte sich wohl nicht einen Handwerker als zukünftigen Herrn vorgestellt. Ich habe ihn einmal gefragt, was er in diesen Augenblicken gefühlt hätte, und worauf sein stolzes Auftreten auf dem Sklavenmarkt beruhte. Er hat mir dann anvertraut, dass er der einzige überlebende seiner Familie aus der Aristokratie von Melos sei. Auch als Sklave sei er es aber seinen Vorfahren schuldig, nie aufzugeben und seine Herkunft nie durch niedriges, unehrenhaftes Verhalten zu beflecken.

Der Ausspruch mit dem „nie aufgeben“ hat mich zuerst schon etwas beunruhigt, das könnte ja schliesslich heissen, dass er bei der erst besten Gelegenheit durchzubrennen versuchen würde. Vor allem in der Zeit der sizilianischen Gefangenschaft habe ich mich oft gefragt, ob er wohl bei meiner Frau und den Kindern ausgeharrt habe, und ich war sehr erfreut, ihn bei meiner Rückkehr als – im praktischen, wenn auch nicht im rechtlichen Sinne – effizienten Hausmeister anzutreffen. Mein alter Onkel hat in meiner Abwesenheit das Haus verwaltet und die Geschicke der Familie geleitet. Kurz von meiner Heimkehr ist er aber plötzlich verstorben, und meine Familie stand ohne Schutz und Leitung da. Panos hat nicht etwa die Gelegenheit gepackt und die Flucht ergriffen, er ist bei meiner Familie geblieben und hat sie betreut und beschützt. Dafür werde ich ihm immer dankbar sein. Vielleicht werde ich ihm einmal die Freiheit schenken. Darüber muss ich noch nachdenken, aber jetzt ist das Wichtigste, dass dieses Fest ein Erfolg wird. Heute darf nichts schief gehen.

Ich gehe nach unten, hole mir im Vorbeigehen eine Handvoll Oliven, ein Stück Brot und Käse, mein Frühstück, und gehe dann in den Hof. Panos bemerkt mich augenblicklich und kommt zu mir hinüber.

„Ich habe dem Thraker klar gemacht, dass der Hof heute wirklich ganz sauber sein muss, damit die Gäste schon beim Eintritt ins Haus eine guten Eindruck erhalten. Ich glaube, er hat es verstanden, obschon man bei seinem barbarischen Dialekt nie ganz sicher sein kann. Ich nehme an, er wird auch die Veranda noch trocken wischen. Dann würde ich jetzt gerne zum Musenhügel gehen, um die für die Kränze benötigten Ranken zu pflücken, solange sie noch vom morgendlichen Tau frisch sind. Ist das in Ordnung?“

„Ja, klar,“ sage ich „aber nimm doch Niko mit, sonst treibt er hier doch nur Unfug und versäumt die Sklavin.“

Er nickt, auf seinem Gesicht zuckt ganz kurz ein Ausdruck auf, den ich nicht ganz verstehen kann, aber dann wendet er sich ab und geht ins Haus, um meinen Sohn zu wecken. Kein Problem also, ich kann beruhigt sein, dass die ganzen Vorbereitungen wie am Schnürchen laufen werden, und ich kann mich jetzt meinen täglichen Verpflichtungen zuwenden.

Ich betrete meine Werkstatt und hole die beiden neuen Stempel für Tetradrachmen, die ich in der Münzstätte abzuliefern habe. Es sind Stempel, die ich als kleine Meisterwerke bezeichnen kann, und ich hoffe sehr, dass sie den Münzmeistern auch gefallen. Ich habe in der Werkstatt drei Probeabschläge auf Bleirondellen gemacht, die ich ihnen zur Prüfung vorzeigen kann, und sowohl der Stempel für die Vorderseite mit dem Kopf der Göttin Athena, als auch die Eule auf der Rückseite sind mir nach meiner Meinung hier ausgezeichnet gelungen.

Ich stecke die Stempel und Probeabschläge in eine Tasche und mache mich auf den Weg, um den Areopag herum in Richtung der Agora. Unterwegs komme ich ins Grübeln. Lange habe ich nämlich mit Theramenes und den Münzmeistern über eine zeitgemässere Darstellung der Göttin auf diesen Münzen diskutiert. Es schien mir immer, die Art, wie die Augen der Athena aussehen, sei allzu altväterisch und sollte doch dem Zeitenwandel angepasst werden können. Theramenes war zwar schon mit mir einverstanden, dass in einem Gesicht im Profil eigentlich auch die Augen im Profil dargestellt werden müssten, aber viele seiner Kollegen seien gegen eine grössere Veränderung des Münzenbildes. Sie argumentierten, die athenischen Eulen seien dermassen bekannt und weitherum als Geld so fraglos akzeptiert, dass ein drastischer Wechsel im Aussehen dieser Münzen der attischen Wirtschaft nur schaden könnte.

„Was, wenn wir bei jeder grösseren Zahlung für Getreide oder Schiffsbauholz einen Eichmeister mit offiziellen Gewichten mitschicken müssten, der dem Verkäufer das volle Gewicht des Silbers nachzuweisen hätte?“ fragten sie. „Dann könnten wir das Silber gleich in Barrenform liefern und würden uns die Auslagen für Stempel, Stempelschneider und Münzarbeiter sparen.“

Ich glaube, diese Bedenken sind grundlos, aber letztlich musste ich mich fügen und das Auge Athenas immer noch als von vorn gesehen darstellen. Allerdings habe ich mir die Freiheit genommen, das Bild, das ich für die Prägung der Notmünzen vor rund zwei Jahren verwendet habe, wieder aufzunehmen und etwas weiter zu entwickeln. Meine Athena hat nun ein Auge, das etwas näher an der Natur ist, ohne dass aber ein klar bemerkbarer Unterschied zu den früheren Darstellungen besteht. Ich bin gespannt, ob die Münzmeister diesen feinen Unterschied bemerken.

Wie dem auch sei, wenn ich zurück bin, muss ich mich voll den Vorbereitungen zum Fest widmen. Panos wird mit den Ranken zurück sein, dann muss ich ihn auf den Markt schicken, damit er alles Nötige noch herbeischaffen kann. Das Fest ist ja nicht nur für die Familie ein Anlass zur Freude, sondern bedeutet auch einen wichtigen Schritt für die Sicherung unserer Zukunft. Ganz besonders bin ich natürlich geehrt, dass Theramenes zugesagt hat, an diesem Fest teilzunehmen. Er ist sozusagen mein Schutzherr, und ein Metöke, auch wenn er wirtschaftlich so gut gestellt ist wie ich, kommt doch nicht immer ohne die schützende Hand eines Athener Bürgers aus.

Mit Theramenes habe ich aber einen guten Freund, wenn man einen Höhergestellten so bezeichnen darf, der mir auch schon einmal vor Gericht geholfen hat. Damals, als meine Steuern plötzlich verdoppelt wurden und ich mich dagegen wehren wollte, aber nicht wusste, wie ich das tun sollte, hat er meinen Fall aufgegriffen und die Willkür in der Festsetzung der Steuerbeträge vor Gericht gegeisselt. Er war mir auch beigestanden, als ich völlig ungerechtfertigt angeklagt wurde, Silber aus der Prägeanstalt entwendet zu haben. Gerade weil er an diesem Fest anwesend sein wird, ist es ausserordentlich wichtig, dass es ein Erfolg wird, es muss einfach ein grosser Erfolg werden. Dann werden das Glück und die Zukunft meiner Familie in Athen gesichert sein!

Die Flucht : Athen, 404 vor Christus ̶ Panos

Ein paar Monate sind seit dem grossen Fest vergangen. Das ganz grosse Glück ist bei uns eingezogen, gleich eimerweise scheinen die Götter ihr Wohlwollen über uns auszugiessen. Seit Theramenes bei uns zu Gast war, werden die noblen Damen mit Schmuck aus Aristons Händen überschüttet, und jedermann scheint einen neuen Siegelring zu brauchen. Mein Herr kann sich der Aufträge kaum erwehren und hat seinen Sohn als Hilfe herangezogen. Dies allerdings war nicht von Erfolg gekrönt. Niko ist zu ungeduldig und offenbar auch zu ungeschickt. Seine Stärken liegen wohl nicht in den kleinen feinen Dingen, sondern eher im Kämpfen und Laufen. Seufzend hat der Meister dieses Unterfangen aufgegeben und dafür mich zu seinem Helfer gemacht.

Ich wurde zwar nicht als Handwerker erzogen, in Melos hätte ich es mir nicht träumen lassen, dass ich eines Tages Schmuck herstellen und Stempel schneiden würde, aber jetzt fasziniert mich diese Tätigkeit. Es braucht viel Geduld, gute Augen, eine ruhige Hand und ganz exaktes Arbeiten. Das gefällt mir, und ich scheine mich nicht allzu ungeschickt anzustellen, ich wurde sogar von meinem Meister schon gelobt. Natürlich darf ich nur kleinere Dinge tun, alles liegt noch fest in den Händen des Meisters, aber ich mache schon die ersten Schritte auf dem Weg zu dieser Kunst. Wer weiss, vielleicht öffnet sich da der Weg für mich zu seinem Nachfolger.

Auch bei den Frauen hat sich das neue Glück ausgewirkt. Immer wieder schweben die Klänge von Ismenes oder Phoebes Lyra über unseren Hof. Das Glück scheint so vollkommen zu sein, dass ich meinen Traum schon ab und zu vergesse und mich mit meinem Schicksal abfinde. Könnte ich nicht auch hier die Freiheit erlangen und ein gutes Leben führen? Melos ist ein Traum, aber wenn dort nur Athener, ein paar Olivenbäume und Schafe zu finden sind, was soll ich dort?

So leben wir alle glücklich in dem neuen schönen Haus, die Geschäfte laufen gut, tagtäglich ergiesst sich wärmender Sonnenschein über unseren Hof, der kleine Olivenbaum in der Ecke treibt neue Blättchen und sogar der alte Feigenbaum neben dem Eingang, den mein Meister eigentlich fällen wollte, überrascht alle mit einer Fülle von Früchten. Jedermann geht zufrieden seinen Aufgaben nach und am Abend versammelt sich die Familie im Vorhof und geniesst die letzten wärmenden Strahlen der untergehenden Sonne.

Jeder von uns glaubt, dass dies nun bis zum Ende unserer Tage so weitergehen wird. Haben wir nicht hart dafür gearbeitet, jeder auf seine Weise? Ist unser Herr nicht der unbestrittene Meister seines Fachs, sind seine Arbeiten nicht die besten weit und breit? Wir haben sozusagen das Dach des Glücksolymps bestiegen und können nun ein geruhsames und zufriedenes Leben führen. Das Glück ist aber ein zerbrechliches Gut und dies müssen auch wir erfahren.

Ich bin auf dem Markt um Oliven zu kaufen. Rund um mich herum ist ein Gewimmel von Händlern, immer wieder versucht einer, mir Dinge anzudrehen, die mein Herr bestimmt nicht will, aber es ist manchmal gar nicht so einfach, einen besonders hartnäckigen Kerl wieder loszuwerden. In einer Ecke ist offenbar ein neuer Stand. Eine grosse Menschenmenge umringt ihn, und das kann nur heissen, dass Händler aus fernen Ländern hier eingetroffen sind.

Ich möchte auch wissen, was sie Wunderbares anbieten, und versuche zwischen all den Leuten hindurch einen Blick zu erhaschen. Die Händler sind wohl Ägypter oder von noch weiter her. Sie haben dunkle und auch etwas grimmige Gesichter, das aber scheint die Käufer nicht zu verunsichern. Denn was sie anbieten, ist hier selten und daher sehr gefragt: Skarabäen aus einem seltsamen grünen Stein, kleine Figürchen aus Elfenbein, kostbare kleine Kügelchen, die wenn man sie verbrennt, einen herrlich angenehmen Duft verbreiten. Die Waren sind ungeheuer teuer, aber auch dies scheint die Leute nicht abzuschrecken, die Fremden machen gute Geschäfte.

Ich allerdings kann hier nichts kaufen, ich wende mich ab und schon hat mich das Schicksal ereilt. Der Korbhändler hat mich gesehen. Der Korbhändler ist meine besondere Plage. Vor einiger Zeit brauchte meine Herrin einen Korb, den habe ich diesem Händler abgekauft. Der Korb war von wirklich guter Qualität, so wurde ich etwas später ausgeschickt, um noch einen zu kaufen. Seither ist der Händler überzeugt, dass wir ständig neue Körbe brauchen. Denkt er, wir essen sie auf? Sobald er mich erblickt, stürzt er daher, heftet sich an meine Fersen und preist seine Ware an. Was immer ich sage, scheint nicht in seinen Kopf einzudringen, er verfolgt mich durch den ganzen Markt. Ich versuchte es schon mit: Pass auf, wenn du weg bist, werden deine Körbe gestohlen. Aber auch das nützt nichts, sein Sklave passt ja auf. So bleibt mir jeweils nur die Flucht, denn der Händler ist eher rundlich gebaut und nicht gerade schnell auf den Beinen. Ein guter Sprint zick-zack durch die Menschenmenge ist das Einzige, das mich von seiner Gegenwart befreien kann.

So suche ich auch jetzt wieder das Heil in der Flucht, und nach kurzer Zeit höre ich sein Keuchen hinter mir nicht mehr, er hat aufgegeben. Nun kämpfe ich mich durch das Gewühl bis zum Stand des Speusippos, der die besten Garne verkauft. Nirgends sonst finde ich nämlich Wolle und Garne mit so intensiven Farben. Hier muss ich mich etwas gedulden, denn ich bin nicht der Einzige, der seine Ware schätzt.

Plötzlich spüre ich, dass jemand seine Augen auf mich richtet. Ich drehe mich um und lasse meinen Blick über die bunte Menschenmenge schweifen. Tatsächlich, ein Stück weiter, neben dem Stand des Schuhmachers, steht ein Mann, der seine Augen auf mich gerichtet hält. Kaum schaue ich zu ihm hin, fällt sein Blick zu Boden, und er verschwindet hinter zwei zankenden Händlern. War das nicht Lysias, mein Freund aus Melos? Ich wende mich wieder dem Stand des Speusippos zu, warte auf die Gelegenheit, meine Wünsche anzubringen, da raunt mir jemand ins Ohr.

„Du kennst mich, wir sind beide aus Melos und nur darum will ich dir helfen. Komm zum Friedhof hinter die Grabstele des Peisandros.“

Ich drehe mich um, aber da sind nur die Menschen, die schon vorher mit mir auf eine Gelegenheit gewartet haben. Die Worte sind aber in mein Gedächtnis eingegraben. Ich will dir helfen. Wozu helfen? Ich brauche keine Hilfe, es geht mir gut! Was soll das? Ein sonderbares Gefühl ist aber da. So kaufe ich schnell, was ich brauche, besorge mir noch einen Olivenzweig und eile zum Friedhof. Wo ist das Grab des Peisandros? Ich wandere auf und ab und plötzliche sehe ich die Stele. Nun lege ich den Olivenzweig auf ein Grab, verbeuge mich, um wie ein Grabbesucher auszusehen, denn irgendetwas warnt mich: Sei vorsichtig. Dann schreite ich langsam zu der Stele. Eine Stimme zischt:

„Schnell, setz dich zu mir, da in den Schatten.“

Und wirklich, mein Freund aus Melos ist es, der mich angestarrt hatte. Er sitzt zusammengekauert in der dunklen Ecke zwischen dem Olivenbaum und der Stele. Ich quetsche mich neben ihn, damit wir nicht gesehen werden können.

„Was soll das?“ frage ich.

Er hält die Hand hoch.

„Still, hör zu,“ und flüstert: „Deine Familie ist in grosser Gefahr. Du weisst, ich bin Sklave bei Kritias, daher weiss ich, was dort geschieht. Dein junger Herr trifft sich mit der Tochter des Kritias, ich selbst habe ihn über die Mauer klettern und in den Frauengemächern verschwinden sehen. Du weisst, was das bedeutet. Die Tochter ist dem Sohn des Hippomachos versprochen. Sie liebt es aber mit Männerherzen zu spielen. Kanntest du den Sohn des Antores? Auch er schlich zu ihr, er war verliebt über beide Ohren, aber sie hat ihn verraten und seither hat man nichts mehr von ihm und seiner Familie gehört. Sind sie tot? Oder in Laurion? Oder als Sklaven verkauft? Niemand weiss es. Euch wird es gleich ergehen, ich bin sicher nicht der einzige, der den Jungen gesehen hat. Sobald Kritias davon weiss, bricht Unheil über eure Familie herein, darum warne ich dich, rettet euch so schnell ihr könnt. Mit Kritias ist nicht zu spassen.“

Mein Inneres hat sich zu Stein verwandelt. Sich mit Kritias anlegen, das ist wohl das Dümmste was man tun kann. Er ist brutal und gewissenlos. Er ist der mächtigste der Dreissig Tyrannen, die nach der Kapitulation mit Hilfe der Spartaner die Macht übernommen haben. Zuerst waren alle froh, dass der Krieg vorbei war und nun etwas Ruhe einkehren würde. Aber vor allem Kritias hat sofort eine Schreckensherrschaft aufgezogen. Flüsternd berichten die Leute von ermordeten, verschwundenen und in die Sklaverei verkauften Menschen. Mein Herr ist nicht direkt von Kritias abhängig. Sein Schutzherr ist Theramenes, ein freundlicher und umgänglicher Mensch. Wären alle Tyrannen wie er, könnte sich Athen glücklich schätzen und in Frieden und Wohlstand leben. Kritias aber kennt offenbar nur ein Ziel: noch grössere Macht und vor allem Reichtum. Es ist schon ein Vergehen, sich in Frauengemächer einzuschleichen, ganz egal bei wem und wo. Niemand wird dies ungestraft lassen. Bei Kritias aber ist dies der sicherste Weg in ein schreckliches Unheil. Es ist ganz klar: Er wird unsere Familie vernichten. Mit einem Schlag ist der Glückspalast, in dem wir uns wähnten, zerbrochen.

„Rette dich und deine Familie,“ wiederholt Lysias steht auf, legt seine Hand auf meine Schulter.

„Alles Gute, Bruder!“ und dann ist er wie ein Schatten verschwunden.

Ich sitze erstarrt in der Ecke hinter der Stele. All die schrecklichen Dinge, die man hinter vorgehaltener Hand von Kritias erzählt hat, schiessen mir durch den Kopf. Wir Sklaven werden gar nicht beachtet, darum erfahren wir viel mehr, als unsere Herren denken und der Austausch dieser Nachrichten läuft wie geschmiert. Sicher ist alles Mögliche heillos übertrieben, aber wenn nur die Hälfte von dem, was man sich über Kritias erzählt, stimmt, ist es schon ungeheuerlich genug.

Meine Beine wollen erst gar nicht gehorchen, aber dann springe ich auf und laufe so schnell ich kann durch die verwinkelten Gassen zu meinem Haus. Eile tut Not, wer weiss, vielleicht hat Kritias schon davon erfahren und hetzt seine Schergen auf uns. Zuerst renne ich auf dem schnellsten Weg durch die breiten Gassen. Dann weiche ich in die kleineren Gässchen aus, und immer wieder schaue ich zurück. Verfolgt mich jemand? Sind die Leute des Kritias schon auf dem Weg zu unserem Haus?

Haben wir uns alle zu sicher gefühlt, die Zeit des Glückes zu sehr genossen? Ariston fühlte sich immer auf dem Olymp angekommen, wenn er sich im schattigen Hof ausruhen konnte, die Klänge von Phoebes Lyra über ihn hinweg zogen und er Ismene von seiner Arbeit erzählen konnte. Kann ein Mensch noch glücklicher sein, fragte er immer wieder. Ismene hingegen hat sich Sorgen gemacht, aber tun das die Frauen nicht immer? Sie hat von unseren Nachbarinnen gehört, dass ein paar Familien verschwunden sind. Über Nacht, einfach weg.

„Da ist etwas Schreckliches passiert,“ sagte Ismene, „ich traue diesem Kritias nicht, oder besser gesagt, ich traue ihm alles zu. Vielleicht sind die Leute von seinen Schergen umgebracht worden? Oder in die Sklaverei verkauft? Vielleicht sind sie in Laurion, niemand weiss es.“

Ich habe diese Gerüchte auch gehört und gebe zu, auch mich haben sie beunruhigt. Ich bin ja nur der Sklave, aber Aristons Familie ist unterdessen meine Familie, sie liegt mir am Herzen und ich möchte sie beschützen. Allzu grosse Sorgen habe ich mir aber trotzdem nicht gemacht, denn Ariston ist ja nur ein Metöke, wir sind also nicht so wichtige Leute, und Theramenes hält seine schützende Hand über ihn.

Ariston hat immer wieder betont:

„Uns kann nichts passieren, wir sind sicher! Vielleicht sind diese Gerüchte ja gar nicht wahr. Warum sollten nicht ab und zu Familien einfach wegziehen? Sie reisten vielleicht zurück zu ihren alten Eltern irgendwo in den Hügeln? Fanden einen neuen Wirkungskreis in einer grossen, florierenden Hafenstadt? Da gibt es so viele Möglichkeiten, kein Grund, sich Sorgen zu machen.“

Ich war mir da nicht so sicher, dachte aber, ich sehe wohl einfach zu schwarz. Auch Ismene sagte zwar nichts mehr, aber ihr Schweigen sprach für sich. Ihre Sorgen sind immer noch da, da bin ich sicher, weil aber eine ganze Weile keine solchen Schreckensmeldungen mehr die Runde machten, hat bestimmt auch sie ihre Sorgen ein wenig abgelegt und die glücklichen Tage genossen, die ich nun zerstören werde. Die grosse, bunte Seifenblase des Glücks, in der alle sich sicher glaubten, wird durch meine Nachricht zerplatzen.

Es ist bald Abend. Niko sollte aus dem Gymnasium zurück sein. Ariston hat erlaubt, dass er ohne meine Begleitung dorthin geht, er ist ja sechzehn, also schon ein junger Mann und braucht, wie er immer wieder betont, kein Kindermädchen mehr. Ich hoffe sehr, dass er schon zu Hause ist.

Atemlos stürze ich in den Hof, knalle das Tor zu und schaue mich um. Ariston springt erschrocken auf, normalerweise trete ich leise wie ein Schatten ein, aber heute tut Eile Not, da gibt es keine Rücksichten. Sofort erkennt Ariston, dass ich in heller Panik bin, ihm ist klar, dass etwas Ungeheuerliches passiert sein muss. Niko ist nicht im Hof, ist er im Haus oder noch in der Stadt? Ich versuche wieder zu Atem zu kommen und wende mich dann an Ariston:

„Herr, ich muss mit dir sprechen, es ist wichtig, es geht um Leben und Tod.“

Ariston wird bleich, sagt dann aber:

„Sprich, erzähle, was dich in so helle Aufregung versetzt.“

Was ich ihm erzähle, scheint ihn in Stein zu verwandeln. Die Familie des Antores war ihm wohl bekannt, auch er hat vom Verschwinden gehört und – das muss er zugeben – es hat auch ihn beunruhigt, denn er wusste sehr wohl, dass diese Familie niemals einfach abgereist wäre. Weil er aber dem Unheil nicht ins Gesicht sehen wollte, hat er dieses Ereignis einfach tief unten in seinem Bewusstsein vergraben und immer, wenn es an die Oberfläche kommen wollte, hat er eiligst an etwas anderes gedacht.

Aber was die Sache nun wirklich über alle Massen schrecklich macht, ist das dumme Verhalten seines Sohnes. Wie konnte er nur? In Frauengemächer einsteigen! Das ist ein Verbrechen, und das ist ihm nur allzu bekannt!

Ariston ist bald klar, dass die Situation für die ganze Familie verzweifelt ist, er ist wie zu einer Säule erstarrt und sein Gehirn scheint den Dienst zu verweigern. Ich stehe da und warte auf eine Antwort, auf Taten, auf irgendetwas.

Endlich löst sich seine Starre.

„Wo ist Niko,“ fragt er.

„Ich weiss nicht, ich bin ja erst nach Hause gekommen.“

Er ruft nach dem Thraker und verlangt, dass er Niko herbringt. Der aber ist nirgends zu finden. Meine Angst nimmt ungeheure Ausmasse an und ich brauche alle Kraft, um nicht in Panik zu verfallen. Ruhig bleiben, das ist jetzt das Wichtigste, nur mit klarem ruhigem Verstand lässt sich vielleicht noch ein Ausweg finden! Ariston ruft jetzt nach Ismene und schickt alle andern weg. Noch einmal erzähle ich, was passiert ist. Sie wird bleich, ist aber erstaunlich gefasst.

„Auf so etwas habe ich immer gewartet, nicht auf die Dummheit unseres Sohnes, aber auf ein Unglück, das Kritias auf uns nieder fallen lässt.“

Ariston meint nun:

„Was Nikodemos getan hat, ist unverzeihlich und wird schreckliche Folgen haben. Aber wir haben ja immer noch unseren Schutzherrn, Theramenes, vielleicht kann dieser uns helfen.“

„Nein,“ sagt Ismene, „dies ist eine Tat, die auch Theramenes auf das Schärfste verurteilen wird, hier kann auch er uns nicht helfen.“

In diesem Moment wird das Tor aufgestossen und ein atemloser Niko stürzt herein.

„Habt ihr gehört,“ ruft er aufgeregt, „die Familie des Antores ist verschwunden und nicht genug damit, Theramenes ist im Rathaus festgenommen und ins Gefängnis gebracht worden. Man behauptet, er sei zum Tode verurteilt, in Fesseln abgeführt und bereits hingerichtet worden.“

Erst jetzt fallen ihm unsere steinernen Mienen auf.

„Habt ihr das schon gehört? Ist das schon überall bekannt?“ fragt er etwas unsicher.

„Nikodemos, was hast du getan? Bist du in die Frauengemächer bei Kritias eingedrungen?“ fragt Ariston nun.

Er wird rot und sagt sofort:

„Nein, auf keinen Fall, das ist doch verboten!“

„Stimmt, es ist verboten, sehr sogar, aber du wurdest gesehen, wie du über die Mauer geklettert bist!“

Jetzt schaut Niko zu Boden.

„Die Tochter von Kritias, ich liebe sie und sie liebt mich, ich kann ohne sie nicht leben!“

Jetzt mische ich mich ein.

„Ja, das haben einige vor dir auch schon gesagt und sie sind alle verschwunden, die meisten samt ihren Familien. Möchtest du sie einmal in Laurion besuchen? Vielleicht sind ein paar davon noch am Leben, zum Beispiel der Sohn des Melanchos oder der des Antenor, die kennst du ja vom Gymnasium.“

Niko erstarrt.

„Es ist also wahr,“ flüstert er. „Was soll nun werden?“

Wie ein kleiner Junge fängt er an zu weinen.

Ich vergesse meine Stellung als Sklave, packe und schüttle ihn.

„Reiss dich zusammen, du hast deine ganze Familie in schreckliche Gefahr gebracht. Hör also auf zu heulen und hilf uns, damit wir uns retten können!“

Wie ein Häufchen Elend sinkt er zu Boden, aber immerhin hört er auf zu weinen.

„Aber was tun wir jetzt?“ fragt Ariston und ringt verzweifelt die Hände.

Ismene nimmt nun plötzlich das Zepter in die Hand und bestimmt ruhig, als sei dies eine ganz normale Entscheidung:

„Wir müssen weg und zwar schnell. Wir können nicht hoffen, dass die Dummheit unseres Sohnes Kritias nicht zu Ohren kommt, vielleicht weiss er es bereits und schickt schon seine Schergen aus. Zudem hast du gehört, Ariston, Theramenes ist tot, er kann uns also auch nicht mehr helfen. Wir verschwinden sofort!“

„Ja, du hast Recht, aber wohin? Wohin können wir fliehen, wo sind wir sicher?“ jammert Ariston.

Er ist völlig ratlos und weiss offensichtlich keinen Rat. Hilfesuchend schaut er zu mir.

„Panos, hilf uns, was sollen wir nur tun!“

Niko schlägt vor:

„Wir können in die Berge fliehen, da gibt es Hütten und Olivenhaine, da können wir uns verstecken.“

„Für eine kurze Zeit wäre dies ein guter Plan, aber nicht über längere Zeit,“ finde ich. „Wir würden sicher von einem Bauern gesehen, der dies auf dem Markt erzählt. Irgend jemand hört davon, zählt zwei und zwei zusammen und meldet dies dem Kritias. Wir wissen ja nicht, ob der nicht sogar einen Preis auf Nikos Kopf aussetzt! Aber wir könnten nach Theben fliehen, das haben vor uns schon viele getan, die sich die Gunst der Tyrannen verscherzt hatten und um ihr Leben fürchten mussten. Sogar Sklaven aus Laurion konnten ab und zu fliehen und suchten ihr Heil dann in Theben, denn die sind unabhängig, dort haben weder die Athener noch die Spartaner das Sagen.“

Alle überlegen angestrengt, so einfach ist eine Flucht nicht, denn wir wollen ja nicht den Schergen des Kritias in die Arme laufen, wir müssen immer einen Schritt voraus denken.

Jetzt hat Ariston seine gewohnte Ruhe wieder gefunden und sagt:

„Hört alle zu! Theben ist zu gefährlich, gerade weil immer wieder Verfolgte dorthin geflohen sind. Sicher wird Kritias einen Schlägertrupp in diese Richtung losschicken. Wir müssen nach Syrakus fliehen. Ich war ja dort, ich habe dort noch Freunde, die werden uns helfen, und der Arm des Kritias reicht nicht so weit. Wir gehen nach Piräus und suchen ein Schiff, das uns dorthin mitnimmt!“

„Piräus,“ meine ich, „Piräus ist zu gefährlich, dort wimmelt es von Soldaten, auch Leute des Kritias sind dort, und die Zehn Tyrannen von Piräus sind ebenso schlimm wie unsere Dreissig. Es wäre kaum möglich, ungesehen auf ein Schiff zu gelangen.“

„Dann muss es eben ein anderer Hafen sein. Wir fliehen nach Korinth, von dort legen immer wieder Schiffe nach Syrakus ab! Aber es ist schon Herbst. Die Seeleute fürchten die Winter-stürme, also müssen wir so rasch als möglich dort eintreffen, um noch einen Platz auf einem der letzten Schiffe zu ergattern. Von Athen nach Korinth führt eine gute Strasse, auf dieser sollten wir rasch vorwärts kommen.“

Alle denken über den Plan nach, dann findet Ismene:

„Das ist schon richtig, wir kommen schnell voran, aber die Reiter des Kritias auch und sogar noch schneller. Wir nehmen erst ein Stück der guten Strasse, müssen dann aber bald in die Hügel ausweichen. Dies ergibt zwar einen weiteren Weg, aber wir sind sicherer!“

„Ja,“ stimmt Ariston zu, „das ist ein guter Plan. Wir erzählen, dass wir das Heiligtum der Demeter in Eleusis besuchen und dort opfern wollen. Das glaubt uns jedermann, bald ist ja das grosse Opferfest. Der Thraker bleibt hier, er wäre nur ein Hindernis auf dem Weg. Alle andern kommen mit.“

Ismene erklärt nun:

„Ich habe immer wieder von verschwundenen Familien gehört und dem Frieden nicht getraut. Daher habe ich bereits Bündel für genau einen solchen Notfall gepackt. Eigentlich können wir sofort aufbrechen.“

Wir alle sind sprachlos. Ariston umarmt Ismene und sagt:

„Die Götter haben mich nicht nur mit einer schönen, sondern auch mit einer klugen Frau beschenkt! Noch im Unglück bin ich ein glücklicher Mann!“

Ismenes Befürchtungen und Sorgen sind immer auf taube Ohren gestossen, jetzt aber hilft uns ihre Weitsicht. Keine Minute können wir nun verlieren, Eile tut not! Ich haste ins Haus, um dem Thraker weiszumachen, dass wir nach Eleusis pilgern wollen und bald wieder zurück sein werden. Ob ihm das Demeterheiligtum bekannt ist, weiss ich nicht, aber er wird dies wohl einfach glauben.

Ich befehle ihm, gut auf das Haus aufzupassen. Aber ich möchte auch, dass er nicht sieht, wie wir weggehen, sonst fallen ihm vielleicht doch noch unsere Bündel auf, die wohl viel zu gross sind für Leute, die nur zwei Tage wegwollen um zu opfern. Er ist ja nicht der Hellste, aber man weiss nie! Sobald wir bereit sind, werde ich ihm noch etwas Wein mit einem Schlaftrunk bringen, damit er unseren Aufbruch nicht mitbekommt.

Aber jetzt muss erst einmal unser genauer Fluchtplan geschmiedet werden. Vor uns steht die erste grosse Hürde: Die Stadttore sind nämlich bereits geschlossen und die Wächter auf den Posten. Die lassen uns nicht so einfach ziehen, wenn sie nicht schon auf uns warten! Nachts kann niemand in die Stadt hinein, aber genauso wenig aus der Stadt hinaus. Man muss einen sehr guten Grund anführen, um die Wächter dazu zu bewegen, die Tore nochmals zu öffnen. Eine Pilgerreise genügt da auf keinen Fall. Was tun?

Ariston, Ismene und ich beraten, Ideen werden vorgetragen und gleich wieder verworfen, auch Niko hilft mit, aber kein Plan scheint durchführbar zu sein. Aus der Stadt hinaus müssen wir aber. Schliesslich lege ich den andern einen wagemutigen Plan vor:

„Wir sollten nicht zum Dipylon, dem Tor in Richtung Eleusis, gehen, sondern zum Acharner Tor Richtung Theben. Dort oben in den Bergen hat Diokles, ein Freund des Kritias, ein Landhaus, auf dem er grosse Feste zu feiern pflegt. Ich kenne ein paar Sklaven aus seinem Haushalt. Wird ein solches Fest gefeiert, müssen sie ihm im Schutze der Dunkelheit Mädchen und Knaben bringen. Die Wachen werden uns sicher anhalten, aber dann behaupten wir, die Frauen seien Freudenmädchen und Niko ein Junge, die wir alle zu einem solchen Fest bringen müssen.“

Niko ist empört, und Ismene weist dies sofort von sich. Aber nach einer Weile merken alle, dass dies wohl die einzigen Möglichkeit ist, die Stadt zu verlassen.

Ich suche nun nochmals den Thraker, ich muss ihn jetzt ausser Gefecht setzen, was sehr einfach ist, er freut sich wie ein Kind, als ich ihm Wein bringe, setzt sich sofort hin und will ihn geniessen. Nochmals schärfe ich ihm ein, dass er gut auf das Haus aufpassen solle, er hat aber nur noch Augen für den Weinkrug, er wird unser Verschwinden nicht bemerken. Alle eilen in ihre Zimmer, um die letzten Sachen zusammenzupacken.