Der Stiefsohn - Jurij Hudolin - E-Book

Der Stiefsohn E-Book

Jurij Hudolin

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Beschreibung

Ende der Achtzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts war Jugoslawien noch ein friedlicher Staat, was neben einer brennenden Verliebtheit mit ein Grund für Ingrid sein mag, Benjamin einzupacken, ihn von seiner Schule in Slowenien abzumelden, ihren Job zu kündigen und Hals über Kopf zu ihrem neuen Liebhaber, dem manipulativen Restaurant- und Immobilienbesitzer Civitiko, an die kroatische Küste zu ziehen, ohne zu ahnen, welche fatalen Folgen ihr Neuanfang in der scheinbaren Idylle für sie und ihren Sohn haben wird. Benjamin wächst in Panule bei Pula mit einer apathischen Mutter und einem aufgeblasenen, brutalen Stiefvater auf, der von sich behauptet, schlicht Besitzer – eines Gasthauses, von Immobilien und Menschen – zu sein. Einerseits verspürt das misshandelte Kind Angst und Hass gegenüber dem Stiefvater, andererseits ist der Teenager fasziniert von dessen Macht. Der Roman ist gleichzeitig auch ein sozialer Kommentar der Zeit – der Stiefvater ist der typische Emporkömmling aus der Zeit des Übergangs vom ausgehenden Sozialismus zum aufkommenden Neoliberalismus nach dem Zerfall des jugoslawischen Vielvölkerstaats. Eine saftige Erzählung von einer intimen und einer gesellschaftlichen Tragödie, der durch Einfallsreichtum eine vitalistische Hoffnung eingeimpft wird.

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EPUB

Seitenzahl: 717

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Autor und Klappentext

Titelseite

Buchanfang

Fußnoten

Leseproben

Ekaterine Togonidze - Einsame Schwestern

Matthew Parker - Goldeneye

Steven Millhauser - Stimmen in der Nacht

Jan Kjaerstad - Berge

Carlos Gamerro - Die 92 Büsten der Eva Perón

Nona Fernández - Space invaders / Chilean Electric

José Luís Peixoto - Friedhof der Klaviere

Park Hyoung-su - Nana im Morgengrauen

Ryū Murakami - Das Casting

Shūsaku Endō - Schweigen

Myriam Keil - Das Kind im Brunnen

Gudrun Büchler - Koryphäen

Originaltitel: Jurij Hudolin Pastorek

© Beletrina Academic Press, 2008

www. beletrina.si

Diese Ausgabe wurde durch die Slowenische Buchagentur JAK

und die Trubar Foundation des Slowenischen Schriftstellerverbands, Ljubljana, Slowenien, ermöglicht.

© 2019, Septime Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten.

EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer

ISBN: 978-3-903061-72-9

Lektorat: Evelyn Bubich

Umschlag: Jürgen Schütz

Umschlagbild: © fotolia-Vladimir

Printversion: Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen

ISBN: 978-3-902711-85-4

www.septime-verlag.at

www.facebook.com/septimeverlag

www.twitter.com/septimeverlag

Jurij Hudolin

geb. 1973, Ljubljana, ist seit seinem Lyrikdebüt mit 18 Jahren einer der bekanntesten slowenischen Lyriker und Schriftsteller. Er wuchs in Ljubljana und Istrien auf und studierte Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Serbokroatisch in Ljubljana. Er gilt als einer der scharfzüngigsten zeitgenössischen Autoren Sloweniens, wovon seine zahlreichen Kolumnen in den größten slowenischen Zeitungen zeugen. Neben etlichen Übersetzungen und Kurzgeschichten veröffentlichte er mehr als zehn Lyrikbände und sieben Romane und schreibt Songtexte für einige der bekanntesten Bands Sloweniens sowie Kurzfilmtexte. Sein Roman Ingrid Rosenfeld (2013) war unter den Finalisten für den Kresnik-Preis für den besten Roman des Jahres.

Klappentext

Ende der Achtzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts war Jugoslawien noch ein friedlicher Staat, was neben einer brennenden Verliebtheit mit ein Grund für Ingrid sein mag, Benjamin einzupacken, ihn von seiner Schule in Slowenien abzumelden, ihren Job zu kündigen und Hals über Kopf zu ihrem neuen Liebhaber, dem manipulativen Restaurant- und Immobilienbesitzer Civitiko, an die kroatische Küste zu ziehen, ohne zu ahnen, welche fatalen Folgen ihr Neuanfang in der scheinbaren Idylle für sie und ihren Sohn haben wird. Benjamin wächst in Panule bei Pula mit einer apathischen Mutter und einem aufgeblasenen, brutalen Stiefvater auf, der von sich behauptet, schlicht Besitzer – eines Gasthauses, von Immobilien und Menschen – zu sein. Einerseits verspürt das misshandelte Kind Angst und Hass gegenüber dem Stiefvater, andererseits ist der Teenager fasziniert von dessen Macht. Der Roman ist gleichzeitig auch ein sozialer Kommentar der Zeit – der Stiefvater ist der typische Emporkömmling aus der Zeit des Übergangs vom ausgehenden Sozialismus zum aufkommenden Neoliberalismus nach dem Zerfall des jugoslawischen Vielvölkerstaats. Eine saftige Erzählung von einer intimen und einer gesellschaftlichen Tragödie, der durch Einfallsreichtum eine vitalistische Hoffnung eingeimpft wird. 

Jurij Hudolin

Der Stiefsohn

Das Leben auf des Teufels Land 1987-1990

Roman | Septime Verlag

Prolog

Als Benjamin zwölf Jahre alt war, gingen seine Eltern getrennte Wege. Sie hatten bei Gericht alles schnell erledigt und trappelten davon, um ihr Lebensglück auf unerforschten Feldwegen zu suchen, wie zwei Läufer, inmitten eines sengenden Weinberges, vom Sonnenstich benommen. Valter Zakrajšek, Benjamins Vater, ein Ökonom und Bonvivant, bei dem die Notwendigkeit einer Entziehungskur von seiner Zecherei an dessen Gewissen zu nagen begann, lag in den Armen anderer Frauen, während Mutter Ingrid mit ihrem in die Adoleszenz eintretenden Sohn allein blieb. Nun ja, allein! Bald lernte sie auf einer Gewerkschaftsfeier für die Mitarbeiter der Verwaltung Loris Čivitiko kennen, einen wohlhabenden Gastwirt und Großgrundbesitzer, der aufgeblasen wie ein Frosch seine Muskeln präsentierte, auf seinem Landgut in Panule, einem kleinen Küstendorf im kroatischen Istrien. Einem Dorf, in dem im Sommer das Leben intensiv gelebt wurde und das im Winter wie ein Loch in einer einseitig zugänglichen, bodenlosen Grotte erstarrte.

Jugoslawien war Mitte der Achtzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts noch immer ein Staat, dem Anschein nach noch immer verlässlich, und vielleicht war neben der heißen Verliebtheit auch dies ein Grund, dass Ingrid Benjamin einpackte, ihn von der slowenischen Schule abmeldete, ihre Arbeit aufgab und nach ein paar leidenschaftlichen Besuchen zu Herrn Čivitiko an die kroatische Küste zog. Am meisten und als Einziger weinte Benjamin, ihn hatte niemand irgendetwas gefragt. Ein Kind ist ein Kind und hat sich dem Willen der Eltern zu fügen. Obwohl dieser Wille nur mit Egomanie gefüttert war, einem tierischen Trieb und dem Abwinken mit der Hand, wenn es um die Sorge um einen anderen Menschen ging und darum, diesem ab und an auch einmal ein Ohr zu leihen. Damals war er nur ein Sohn auf dem Papier, der wie jeder Zwölfjährige gerne zu idealisieren pflegte und wohl noch zu jung war, als dass ihn das wankende Rad der Lebensprüfungen gelehrt hätte, den Teufel in den Augen eines Menschen zu erkennen oder ihn zumindest zu erahnen, damit er sich noch zu helfen wüsste, ehe er ihm in die Fänge geriet. Jawohl, wenn die Zeit einmal das Abbild der eisernen Hand des Teufels freigelegt hat, kann dieses niemals mehr weggefegt werden.

Deshalb muss ich die Geschichte von Benjamins Leben in Panule erzählen.

1

An Bierkisten gelehnt, die vor der Tür des Lagers hinter der Theke in die Höhe ragten, blickte er sich in seinem Restaurant um, blickte auf sein Erbe und, das musste er zugeben, auch auf seine Schwielen. Sein Blick war prahlerisch und prophetisch, als sei er der Besitzer der ganzen Welt und aller ausgesprochenen schicksalshaften Worte, die im Mörser des Kosmos zerstampft werden, sodass Kellner Senad es nicht wagte, ihm in die Augen zu sehen, wenn er vorhatte, ihn etwas zu fragen, hauptsächlich bezüglich der Rechnungen, die Loris nach dem Grad der Berauschtheit seiner Gäste ausstellte. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper, wenn er lospolterte und fauchte »draufpfeffern«, und Senad wusste, dass der Preis für die Dienstleistung des Gefressenen und Gesoffenen um ein Drittel gestiegen war. Wie er sich herauswinden und die Lügen vor den Gästen weiterspinnen würde, wenn sie sich in den unvorhergesehenen finanziellen Nachtisch einmischten, war Senads persönliches mentales Dilemma; Čivitiko polterte nur, wenn jemand mit dem Kopf voraus durch die Schwingtür auf den Parkplatz hinauszuwerfen war. Jeder zahlte und das immer, Loris hatte die Hand einer Pizzaschaufel und kümmerte sich nicht um das Urteilsvermögen seines Schlages. Es war sein Land, auf dem er zuschlug und auf dem er Senad anschrie: »Zwing mich nicht in eine verfickte Niederlage«, wenn ihn dieser anflehte, dass es mit den Schlägen reichte und dass der über die Rechnung bestürzte Gast kaum noch Zeichen pulsierender Existenz zeigte.

An einem stickigen Augustabend im Jahr neunzehnsiebenundachtzig, als sich Ferragosto bereits dem Ende zuneigte und die hitzige und staubige Luft die gefährliche Energie niedriger Triebe segnete, wimmelte es auf der Terrasse des Restaurants Terens von Loris Čivitiko in Panule nur so von Italienern. Der nächtliche Schwarzfang der Fischer präsentierte sich auf den Tischen mit Acqua minerale, Vino bianco, Pelinkovac und Amaro. Die Italiener wurden von Čivitiko immer über den Tisch gezogen, da sie wohl auch das Doppelte zahlten, wenn das Fressgelage nur ordentlich aufgestellt war. Er musste die Italiener nicht aus dem Restaurant bugsieren. Deswegen mochte er sie auf seine Weise irgendwie, obwohl er im August immer Amara terra mia vor sich hinsang, wenn er sah, welche Spuren der Verwüstung sie auf und unter den Tischen und um das Restaurant hinterlassen hatten. Senad war nervös und innerlich gespalten, da er nur schnaufend mit dem Service Schritt halten konnte, zwölf lange Tische für einen Kellner und Čivitikos Augen auf dem Tablett in seinen Händen.

»Dio porco, beeil dich, Senad, bist du aus Zuckerrohr, oder was?«, hetzte er ihn und gustierte, wie üblicherweise in der Zeit der Augustferien, italienische Schimpfwörter. Als Čivitiko zu den Kisten in der Küche zurückkehrte, wo er Zitronenscheiben in Krüge mit heißem Wasser schnalzte, die Senad nach und nach wegbrachte, damit sich die Italiener nach einer weiteren Skampiade die Hände waschen konnten, wartete an der Theke ein feister Italiener in Jägermontur, der sich offensichtlich auch im Jagdtourismus übte. Betrunken, wie es sich für italienische Hedonisten nicht gehörte, fuchtelte er schon von Weitem wütend mit den Händen umher und zischte: »Merda, merda, merda!«

Seine rechte Hand war übersät von Bläschen und roter als ein gekochter Hummer oder sein eigener untersetzter Schädel. Čivitiko brüllte nach einem kurzen Gespräch mit ihm los, dass die gesamte Terrasse erschüttert wurde und ihn alle Gesichter im Nu anvisierten: »Senad!«

Weil er wusste, dass er in der Scheiße steckte, kam Senad einschmeichelnd wie ein Wiesel zur Theke angehüpft. Čivitiko nahm ihn am Kragen und schob ihn ruckartig an den Kisten vorbei ins Lager.

»Du Schwein! Du hast den Fettwanst verbrüht, dass er regelrecht schäumt! Den ganzen Abend hat er einen Travarica bestellt, den du ihm bis jetzt nicht gebracht hast!«

»Chef, so was passiert, ich wollte Sie nicht blamieren, obwohl ich den Travarica wirklich vergessen habe. Aber ich bin ja kein Tintenfisch, ich habe nur zwei Hände«, hob Senad sogar ein wenig die Stimme, was zum ersten Mal vorkam und für Loris eine große Innovation darstellte, was den Mut seines Kellners betraf. Čivitiko beugte sich über den viel kleineren Senad und lehnte seine Nase an die Nase seines Untergebenen, dass Senads Stirn schlagartig zu einem Nährboden für eisige Schweißtropfen wurde.

»Entschuldige dich beim Dickerchen oder das hier verschwindet«, Loris drückte seine Eier zusammen, dass Senad aufjaulte wie ein Hund, der ahnt, dass er zum letzten Mal zum Tierarzt geht.

Senad schenkte einen halben Finger Travarica ein und trat zum Dickerchen, das mit seinen kurzen Würstchenfingern seine pomadigen Haare zurechtstrich und jämmerlich herumheulte.

»Cameriere, cameriere«, schüttelte der Dicke den Kopf und fuchtelte affig mit den Händen.

»Fick dich, du Schwein«, entkam es Senad, als er den Schnaps hart vor ihn hinknallte, dass es sogar über den Glasrand schwappte.

Er hatte es vergeigt, denn als er sich umdrehte, erwischte ihn die Schaufel, dass er auf einen Tisch flog, von dort unter einen zweiten Tisch fiel und die Leute auch schon begannen aufzustehen.

»Hier bin ich der Besitzer! Das ist alles meins! Und du willst mich ficken!«, schrie Čivitiko, ohne sich um die Gäste zu kümmern.

An den Haaren zog er ihn auf die Toilette, von wo kurz darauf ein Knacken wie von berstenden Fliesen zu hören war. Als ob eine Maschine Keramik in einem Rhythmus schnitt, der auf die Note genau war.

Als Čivitiko von der Toilette zurückkam und sich mit einem Papiertuch seine Schaufeln säuberte, wirkte er keineswegs aufgeregt oder sonst in einer Weise psychisch unausgeglichen. Er sammelte die Lira von den Tischen, die die Italiener in der Eile ihrer Paranoia aus ihren Hosentaschen dorthin geworfen hatten, sang Amara terra mia und schenkte sich hinter der Theke ein Weinglas voll Mineralwasser ein.

Loris Čivitiko trank alkoholische Getränke nur selten und bei Anlässen, die er für feierlich hielt, und auch dann nur ein oder zwei Gläschen Malvasier aus seinem eigenen Weingarten.

Als er auf den einzigen noch besetzten Tisch auf der Terrasse zuging, schien er, trotz seiner zwei Meter großen muskulösen Erscheinung, wie ein zahmer kleiner Bär. Er lächelte freundlich, entschuldigte sich, dass das Leben auch die Schwere von Konflikten mit sich bringe, die man duldsam lösen müsse, aber mit so einem Primitivling wie Senad ginge es nicht anders als mit Vehemenz. Er habe ihn entlassen und werde von nun an nur noch Kellnerinnen einstellen und dass ihm scheine, dass sich der kleine bosnische Hundesohn in den zwei Jahren, in denen er ihn genährt und in seinem Ferienwohnwagen habe wohnen lassen, die Taschen zur Genüge mit seinem Geld vollgestopft habe. Und dass ihm das eine Lektion sein möge, dass das Leben ein wankendes Rad sei, das auch mal einen Platten bekommen könne, wenn man für Güte nicht dankbar sei.

Er küsste Ingrid, die vor frischer Verliebtheit bebte, streichelte Benjamin über den Kopf und sagte: »Willkommen in Panule.«

2

In Panule standen etwa fünfzig Häuser von Einheimischen und ihrer Verwandtschaft, die sich nach allen Regeln dörflicher Logik verachteten und sich gegenseitig bespuckten. Wenn sie nur eine Minute lang einen Dorfgenossen vor ihrem Angesicht hatten, zogen sie über einen dritten her und umgekehrt; wenn ihnen aber ein Fremder einen Tritt verpassen wollte, sei es auch nur ein Bauer aus dem Nachbardorf, dann hielten sie zusammen. Ungefähr siebzig Čivitikos lebten in Panule, wenn es nicht Loris’ Brüder waren, dann zumindest seine Cousins, Neffen oder Onkel und Tanten. Das Dorf hätte auch Čivitikovo heißen können. Kein Landbesitz war kleiner als zwanzig Hektar, der auf den Meter genau eingezäunt war, und ein Bruder hätte dem anderen eins mit der Haue drübergezogen, wenn dieser ihm auch nur eine affenfaustgroße Fläche Land abgezweigt hätte. Das Lebensmotto der Bewohner von Panule lautete:

»Hier bin ich der Besitzer!«

Im September wurden die Menschen in Panule von Tourismusangestellten zu Ackerbauern, Viehzüchtern, vielschichtigen Geschäftsleuten, aber Benjamin war nie klar, um was für Geschäfte es sich eigentlich handelte, da man durch die Zucht von Kühen, Pferden und Schweinen normalerweise nicht reihenweise Häuser besaß, einen eigenen Fuhrpark und ein Wochenendhaus zehn Meter von der Küste und einen Kilometer vom Dorf entfernt. Obwohl Čivitiko in den besten Tourismussaisonen die Scheine gleich kistenweise in den Safe beförderte, hätte jemand anderer in den drei Sommermonaten schwer so viel zusammengescharrt, wie die Čivitikos in Panule. Später fand er heraus, dass sie geerbt hatten. Dem zwölfjährigen Benjamin gefiel das irgendwie, da ihn, der damals vom Denver-Clan angetan war, alles zusammen genau an diese Fernsehserie erinnerte. An die Carringtons, aber nicht in einer erfundenen Seifenoper oder in einem Schundroman, sondern in einer realen Landschaft und Geschichte und dem Lebensalbum der Čivitikos. In Panule gab es kein Telefon, auch nicht in den Nachbardörfern, das erste Postamt befand sich im sieben Kilometer entfernten Rakična und dort konnte man sich, nichts Böses ahnend, einen Anruf leisten. In Rakična gab es auch eine Grundschule, die die Kinder aus den umliegenden Dörfern besuchten, und dort hatte der Direktor auch ein Telefon, das Benjamin später immer wieder in eine peinliche Situation bringen und ihm die Röte des Unbehagens ins Gesicht treiben sollte.

In die Schule fuhr Benjamin mit dem Bus, der die Schüler in den Dörfern und Weilern der Gegend einsammelte. Dieser wurde von Nandu gelenkt, einem versoffenen und fetten Berufschauffeur, der zumindest einmal die Woche bis zu einer ganzen Stunde Verspätung haben konnte, schon klar, warum. Und was das erst für ein Fest war, wenn er überhaupt nicht aufkreuzte oder erst gegen elf Uhr in Panule herumhupte, mit einer Zigarette im Mund und einem Flachmann in der Hosentasche seines stets offen stehenden Blaumanns. Die drei versäumten Stunden mussten niemals nachgeholt werden, und Nandu tat hinter dem Lenkrad groß herum, mit voller Vehemenz und bis ans Ende seiner Tage. Nandu wurde in einen metaphysischen Seinszustand geschleudert, und das direkt am Lenkrad und in der Zeit, als Benjamin dabei war, seine Schulpflicht zu beenden – auf einer ebenen Straße verlor er die Kontrolle über das Fahrzeug und fuhr in eine Steinhütte, natürlich in seinem Blaumann, in dem der Flachmann steckte. Angeblich hatte man später auf die Anamnese gesetzt, die Lebensgeschichte des Chauffeurs habe ein Infarkt beendet und nicht der Flachmann.

Am ersten Schultag der siebten Klasse kam ein Kind aus der Stadt nach Rakična, aus einer anderen Republik, die in Jugoslawien und auch in Panule und den Nachbardörfern als die fortschrittlichste und reichste galt, sozusagen der Sohn des berühmten Loris Čivitiko, der wegen seiner Kohle und Erbschaft geachtet wurde, Slovenac, ein Slowene und obendrein auch noch ein Vorzugsschüler mit einem Zeugnis, das einen Stempel aus der großen Stadt trug; Benjamin Zakrajšek. Loris selbst fuhr ihn bis zur Eingangstür der Schule, den schön gekleideten und verschreckten Benjamin, der schon geschickt mit der serbokroatischen Sprache feilschte, die mit Barbarismen des Istrischen gespickt war, das auch als die offizielle Sprache an der Schule galt. Eine Art nicht zu entschlüsselnde Sprachsuppe, in der sich ijekavische, ekavische, čakavische Dialekte und Italienisch zu einer demokratischen Artikulation vereinten.

Keine Straßen mehr, keine Ampeln, keine Geschäfte an jeder Ecke, keine alten Freunde mehr, keine Fußballtrainings, kein Klavierspiel mehr, die Zeiten waren vorbei, als Ingrid und er auf Valter gewartet hatten, dass er zum Mittagessen heimkäme; nun war er in einem Dorf, wo vor der Schule Kühe weideten, wo die nächste Ampel dreißig Kilometer entfernt war, wo der Angelpunkt der Relevanz das Dorfgasthaus war, weil es etwas anderes so oder so nicht gab, weil es nicht existierte, im Gegensatz zu Tieren. Benjamin wurde vor fünfzehn neuen Mitschülern von einer eigenartigen kindlichen Melancholie übermannt, gefärbt mit der Röte der Adoleszenz, als er sich den Jungen und Mädchen vorstellen musste, deren Väter mit Sicherheit wussten, dass Benjamin der Sohn von Loris Čivitiko geworden war.

Im Dorf wusste man nämlich alles, die Wahrheit aber war eher einer eisernen Hand und dem Geld zugetan.

3

Wenn Nandu die sechs übriggebliebenen Schüler aus dem Dorfzentrum von Panule weiterkutschierte, wartete auf Benjamin üblicherweise bereits das Mittagessen auf dem Tisch, da Ingrid neuerdings als Hausfrau beschäftigt war.

Čivitiko hatte sich verpflichtet, ihre Pensionsbeiträge einzuzahlen, doch es stellte sich schon nach ein paar Monaten heraus, dass er darauf vergessen hatte. Überhaupt herrschte in Panule das totale Patriarchat. Die Männer hatten die Finanzen über, die Männer machten Geschäfte und gingen einer Arbeit nach, während die Frauen die Küche, die Tiere und den Acker überhatten. Und Prügel, wenn etwas schiefging. Im Haus von Loris’ Cousin Dejan, der – so wie Loris Benjamin – dessen Mitschüler Dalen als Sohn und als Verlängerung der Frau angenommen hatte, waren die Rollos stets heruntergelassen, und Dalen humpelte immer und spielte nie Fußball. Benjamin bekam dessen Mutter nie zu Gesicht. Dalen durfte man nicht besuchen, weil Dejan die Tür zum Innenhof und alle anderen Türen absperrte. Man sah ihn nur auf dem Traktor, wenn er Holz schlichtete oder unterwegs war, um die Schweine zu füttern. Dalens Zehen waren plattgedrückt, zusammengestaucht und verklebt in einem Saft aus blutigem Eiter, wie ein mariniertes Rumpsteak, bevor es auf den Grill geklatscht wird. Für jeden Fehler und jede nicht schnell genug erledigte Arbeit bekam er mit dem Stiel einer Schaufel oder einer Axt eins auf die Zehen. Das wusste man, es durfte aber nicht darüber gesprochen werden. Das war angeblich Dejans Spezialität, eine örtlich auftretende Delikatesse sozusagen, und selten schlug er ihn woandershin und anders, und das auch nur dann, wenn er es eilig hatte. Nicht einmal in der Schule wurde klar und laut darüber gesprochen, außer hinter vorgehaltener Hand, auch gab es dort weder einen Psychologen noch eine Sozialarbeiterin. Darüber wurde nicht geschwatzt, weil es nicht wahr war. Außer für Dalen. Benjamin wunderte sich darüber und Dalen tat ihm des Öfteren leid, aber damals hatte er sich noch immer die Vision geschaffen, dass Dalen so schlimm sein musste, dass er es verdiente. Dass manche Leute ihre Nachkommen und Dahergelaufenen, die sie durchzubringen hatten, eben auf diese Art erzogen. Benjamin hörte jeden Tag beim Mittagessen, welche Arbeit ihn im Gezeitenwechsel des Tages zum Sonnenuntergang hin erwartete. Die Ziegen auf die Weide, die Schweine füttern und Holz hacken, Gräben schaufeln und Sand aufschütten, weil Loris die ganze Zeit über seine Sommerterrasse erweiterte oder etwas baute, nur damit sich das Hab und Gut dem Anschein nach vergrößerte. Und am Abend die Arbeit in der Taverne, die Loris im Dorfzentrum besaß und mit seinem Bruder vor Gericht darüber stritt, wer der eigentliche Erbe dieses Gastronomieobjektes sei. Hier kehrten die Bauern aus den umliegenden Dörfern auf Wurst und Wein ein, die sich mit ihren Schweineaugen gegenseitig anstierten, wie gescheiterte Demagogen. Im Herbst und im Winter saßen sie an der Feuerstelle und verfluchten in ihrer faulen Melancholie die Welt und das Unrecht, das ihnen die Politik brachte, die Lebhafteren unter ihnen spielten das Kartenspiel Briscola und beschimpften einander leidenschaftlich in ihrer geistigen Unzulänglichkeit. Manchmal kam Loris’ Bruder Mauro und geriet mit ihm in einen Streit darüber, wer der eigentliche Besitzer sei. Die Gäste waren an all das noch mehr gewöhnt als an die intensiven Wogen der Meeresbrise und winkten mit ihren Händen ab, wahrscheinlich auch deshalb, weil es noch nie zu einer ernsthaften Schlägerei gekommen war. Benjamin schenkte Malvasier ein, brachte den Wein in Krügen an die Tische und bekam hie und da von Čivitiko zu hören, wie ungeschickt er sei und dass es am besten wäre, wenn er ein Jurist werden würde. Čivitiko hatte eben keine Schulausbildung, für die Polizei und alle übrigen war er ein Techniker. Immer und zu jedem sagte er, er sei Techniker, dann Privatunternehmer, Gastwirt und Geschäftsmann. Es stellte sich heraus, dass Čivitikos ungewöhnliche Freundlichkeit aus der Tatsache rührte, dass Ingrid im achten Monat schwanger war und die beiden einen Sohn erwarteten. Čivitiko hatte trotz zwei missglückten Ehen keine Nachkommen und wünschte sich sehnlichst einen Sohn. Wenn einem der Čivitikos die Frau, die er sich nach Panule angeschleppt hatte, nicht zusagte, wurde alles eingepackt und man vertrieb sie unter Androhungen aus dem Dorf. Es gab keine Entschädigungen, keine Korrektheiten, keine schönen Erinnerungen, es gab nie ein »Aufwiedersehen« oder »Viel Glück«, dafür war kein Platz. Man musste büßen. Und einen Nachkommen gebären. Schon seit Jahrhunderten gehörte das Land in Panule den Čivitikos, deshalb musste man eine Frau haben, damit sie einen Sohn gebar. Das war der Beweggrund und der Sinn der Existenz. Nicht das Kind, sondern der Nachkomme des Landbesitzes.

Oh du verdammtes, hartnäckiges Geschlecht.

Natürlich dachte Benjamin nicht in dieser Weise nach, da ihm Čivitiko das erste halbe Jahr wirklich nichts anhaben wollte, geschweige denn, dass er ihn geschlagen hätte, so wie Dejan Dalen schlug. Er schlug nur Schurken und Gauner, wie Senad einer war, dachte sich Benjamin und war sogar stolz auf Loris. Die Adoleszenz machte ihm ordentlich zu schaffen und im Gegensatz zu seinen Städterfreunden aus Slowenien war er sich selbst und der Arbeit auf dem Acker überlassen. Der einzige Kontakt mit den Menschen war – neben der Schule, wo er nie richtige Freunde hatte – die Arbeit in der Taverne, wo er den Bauern zuhörte, die aber mehr oder weniger betrunken waren und denen nur Tagträume von einem richtigen sexuellen Erlebnis im Kopf herumspukten. Träume, die sich in Wirklichkeit nie zu einer Berührung der süßen Heide des Schrittes materialisierten, da das Weib zu Hause abgerackert und für Nichts zu gebrauchen war. Diese Bauern bumsten nicht, auch die Touristinnen im Sommer nur äußerst selten und sogar Loris kläffte öfter, welche von ihnen denn mit so ungehobelten Taugenichtsen mitgehen würde.

Es waren mehr Worte, bitter und scharf, fromme Wünsche, eine primäre Form der Fiktion, eine Metaphysik des niedrigsten Ranges. Onanie und Hass. Wegen ihrer reumütigen Ehefrauen hassten sie Frauen mehr als ihre eigenen verpfuschten Leben. In ihrer primären Natur waren sie sich nicht bewusst, dass der Beweggrund für den Hass und die Präpotenz, die sie in sich trugen, sie selbst waren und dass ihnen die Welt um sie herum nichts Böses wollte, und was sollte ihnen die Sühne ihrer abgemühten und stumpfen Frauen, die weder den Wunsch noch die Kraft zum Widerstand hatten, bedeuten.

4

Als Ingrid im Winter Friderik zur Welt brachte, flippte Loris völlig aus, als hätte er ein ozeanografisches Mysterium entdeckt, das die ganze Welt erkundete. Bei der Feier versammelten sich außer Mauro Loris und seine vier Corleone-Brüder aus Panule. Benjamin bediente sie nicht mit Krügen, sondern brachte den Wein einfach in Eimern, da sie sich damit übergossen und ihn auf ihrem Land verschütteten. Sie kamen ihm vor wie eine sonderbare und unerklärlich besessene Gesellschaft.

Loris hatte einen Nachkommen bekommen. Benjamin verspürte zum ersten Mal eine Art Eifersucht, einen Schmerz, dass er vaterlos war, dass er ein Dahergelaufener, ein Anhängsel, ein Kellner der mächtigen Brüder, ein Diener und Träger war, ein Lakai ohne Brieftasche, ein Laufbursche, ein Taugenichts und ein ewiger Gaul, auch wenn er noch so sehr ein Teil von ihnen sein wollte, und so sehr ein Idol suchte und es in Loris Čivitiko finden wollte. Ein anderes gab es auch nicht. Auch selbst so stark und muskulös sein und einen Cowboy-Pick-up besitzen und in den Dörfern rundherum so überheblich tun wie die Čivitikos. Überlegen und unantastbar sein, derjenige sein, der alles und jeden nach Wunsch und nach seinem Maß herumwirbeln konnte. Und obwohl die Menschen und die Mitschüler redeten, dass er einer der Čivitikos sei, dass auch er einer von jenen sei, die Besitzer und die Drehscheibe aller Worte in der Region seien, dass er dieser Nachkomme sei, der in ein paar Jahren herumquasseln würde, was ihm beliebte, spürte Benjamin, dass dem nicht so war. Dass man ihn als ein Anhängsel des Objektes betrachtete, das Loris einen Nachkommen gegeben hatte. Dass seine Einser in Rakična und die Arbeit am Hof nichts bedeuteten. Dass es sich im Grunde um ein Spiel des Blutes handelte, das die Geschichte über das Leben ein Bogen auf einem Hufeisen von Erbschaften war und dass nur das zählte. Die anderen muss man ausnützen und sie verwerfen, wenn sie nichts mehr nützen, damit sie wie ein Rädchen ins Gebüsch wegrollen, das von der großen Maschinerie der Habgier abgefallen war und das sofort ausgetauscht werden musste. Etwas, das man bekam oder jemandem anderen aus den Händen riss, war schon von sich aus schweinisch, deswegen war es manchmal sinnvoll, es wegzuwerfen oder zu verkaufen, sein Erbe jedoch nicht, niemals, einen solchen Fehler vernichtet die Sippe. Aber Benjamin tröstete sich, dass sie ihn dennoch gerne hatten, da ihn niemand schlug, und das war im Hinblick darauf, wie sich Loris anderen gegenüber benahm und wie es Dalen erging und wie schnell Čivitiko aufknurrte und seine Schaufel bereithielt, etwas Ungewöhnliches und über alle Maßen Liebevolles, das war ein regelrechter Tempel der Liebenswürdigkeit. Das war ein Kuriosum oder eine Außergewöhnlichkeit, die man heiligsprechen oder sie als eine positive und suggestive Motivation für geistig aufgewühlte Menschen verwenden hätte können.

Der kleine Friderik hatte wahrscheinlich nichts Böses ahnend Loris’ Beziehung zu Benjamin beschworen; Nun war dieser weder liebenswürdig noch böse, sondern nur noch offiziell. Er gab Befehle wie eine Maschine.

Nach drei Monaten musste Friderik getauft werden. In Rakična stand neben der Schule eine kleine heruntergekommene Kirche mit undefinierbaren Fresken, die eher an Umrisse einer vergangenen Zeit erinnerten. Als Patin wählte Loris Ingrids Schwester Filomena aus, die in Deutschland lebte und bei der zu Hause man einiges unter der Matratze fand. Wahrscheinlich tat er dies wegen seines Sohnes, aber auch und vor allem wegen sich selbst.

Als die Delegation aus Deutschland in einem Mercedes in Panule einfuhr, riefen Filomena und Ingrids Mutter aus:

»Wo bist denn du gelandet! Wo sind wir denn hier? Wo hast du so einen Ort gefunden, den es nicht einmal auf der Landkarte gibt!«

Das stimmte.

»Wir haben uns zweimal auf den schlammigen Feldwegen verfahren«, übertrieben sie ein wenig, denn die Verachtung war sofort geboren, als sie diesen Arsch der Welt anvisiert hatten.

Filomena, die angesichts der Schwere ihrer Geldtasche und der Erinnerung an ihre fetten Kontoauszüge etwas selbstbewusster war und der Čivitiko die ganze Zeit zuckersüß in den Arsch kroch, bearbeitete ihre jüngere Schwester mit einem ganzen Repertoire an Schimpfwörtern, dass sie sich in Gottes Arschhaare begeben hatte, in eine hinterwäldlerische Gegend bar jeden Vergleiches, die noch kein Fuß eines normalen Menschen betreten hatte, geschweige denn eines feinen und kultivierten Herrn.

Ingrids These darüber, dass die Liebe alles niederzureißen vermochte, provozierte in den Augen ihrer Mutter und ihrer Schwester nichts außer Spott und Bestürzung, da Ingrid eine Reihe von längeren Beziehungen hinter sich hatte und eine missglückte Ehe mit dem Lebemann Valter Zakrajšek. Es stellte sich heraus, dass sich Čivitiko nach der Deutschen Mark sehnte und bebte und schwitzte und arschkroch, damit Filomena ihr Patengeld in bar auszahlte und ihm auf die Hand, mit einer Halskette für Friderik konnte er nicht gerade zufrieden sein, geschweige denn glücklich.

»Bitte, bitte, ist es nicht schön hier bei uns, schauen Sie, das hier habe ich mit meinen eigenen Schwielen geschaffen, das ist es, das ist mein Haus und hier sind Sie stets willkommen, hier haben wir die Schweine, Ziegen, Schafe, Hunde und Katzen, Oliven, Tomaten, das ganze Gemüse, einen Weingarten, ja, ich mache meinen eigenen Wein, werden Sie ihn kosten, hier ist er, da, ich schenke Ihnen gleich ein, kommen Sie, willkommen, wissen Sie, ich habe Sie gern, wie meine Ingrid und diese meine beiden goldenen Kindlein, das ist alles für die beiden, für die beiden arbeite ich, das ist eine Anlage für die Zukunft, das ist der Puls der Unsterblichkeit, sollen wir uns nicht zusammenreden, dass wir zusammenarbeiten, würden Sie etwas investieren, ich bin offen, wissen Sie, ich sage es einfach gerade heraus, das soll Sie nicht stören, ich bin ein anständiger Kerl, alles habe ich mit meinen eigenen Händen selbst gemacht, die Tür steht auch für Sie offen, das wird noch ein Touristenparadies werden, Sie werden sehen, investieren Sie ihr Geld hier, es muss nicht auf der Bank sein, Sie sind ja die Patin, geben Sie es den Neffen, wir werden zusammenarbeiten, das wird schön, geben Sie her …«, reihte Loris Čivitiko die Worte wie aufgefädelt aneinander und bebte wie im Fieber kurz vor dem Tod, nur hie und da blieb er ein wenig stecken, wegen des Speichels, der in seinem Mund zusammenlief.

Filomena ging Čivitiko auf die Nerven und das schleuderte sie ihm in einem abgehackten Aussagesatz direkt ins Gesicht. Dass in der Geschäftswelt alle solchen Schleimer Schweine und Schwindler seien. Wenn man aufrichtig sei, habe man es nicht nötig sich einzuschleimen. Sie wollte nicht einmal in Panule übernachten. Ingrids Mutter auch nicht. Die Patengesellschaft hatte sich schon mitten am Nachmittag und noch vor dem Dessert, das Benjamin hätte servieren müssen, in eine miese Vorstellung von Loris Čivitiko verwandelt. Er war nämlich auf seinem Grund und auf seinem Grund konnte er auch fremdes Geld verlangen, bar auf die Hand, oder es gäbe Saures. Und nachdem alle im Konflikt um Čivitikos missglückten Versuch, nach den Markscheinen zu haschen, auseinandergegangen waren, konnte die Vorstellung erst so richtig losgehen. Loris Čivitiko drehte durch und ein Sturm war losgebrochen. Die Niederlage wegen der Mark konnte er nicht einfach so auf sich sitzen lassen. Eine Niederlage auf seinem eigenen Grund, dabei war er ihnen in den Arsch gekrochen, deswegen konnte er das nicht einfach so hinnehmen. Dass er jemandem umsonst in den Arsch kriecht! Irgendwelchen aufgeblasenen Gastarbeiter-Ärschen und das für eine verfickte Halskette. Vor eingefärbtem Blech werde er sicher nicht niederknien! Er schäumte vor Wut, denn er war erniedrigt worden. Er konnte keine Niederlage leiden und man musste sich sofort rächen, am Erstbesten, der in Reichweite war.

»Ingrid!«, schrie er und das Weiße in seinen Augen glänzte, vier Gläser Wein waren für ihn genug, dass er die ganze Zeit über mit dem Weißen in seinen Augen dreinblickte.

»Hör mir gut zu, du: ich scheiß auf deine slowenische Mutter, hast du nicht gesagt, dass diese Schwaben-Fotze Deutsche Mark mitbringen wird? Und jetzt? Ich schlag die Alte zusammen und alles, was Gott hier in Panule sieht!«

Dann schwieg er. Wie eine verwundete Bestie ging er auf und ab. Auf und ab. Auf und ab. Zwischen auf und ab spuckte er ein paar Mal heftig auf den Boden und knurrte etwas von Geizhälsen und slowenischen Gastarbeitern.

»Ingrid!«, schrie er erneut, dass Benjamin, der sich hinter dem Kühlschrank in der Küche versteckte, ein paar Tropfen Urin in die Unterhose entkamen.

»Bumm, paff«, prasselte es auf Ingrid herab, dass sie auf dem Rasen vor dem Haus unter den Tisch rollte.

»Dir werd’ ich leere Versprechungen zeigen. Wer sind denn diese Schwaben-Scheißer, dass sie einfach so, mir nichts, dir nichts, ohne irgendetwas aus Panule abhauen. Hier bin ich der Besitzer«, brüllte er, nahm die Tasche mit dem kleinen Friderik, der ahnungslos an seinem Schnuller sog und schloss sich im Schlafzimmer ein.

Als sich Ingrid das Blut abgewischt hatte, sprang sie ihm hinterher, während Benjamin in seinem Zimmer unter dem Kopfkissen in Tränen der Angst versank. Damals wusste er noch nicht, dass es mehr weh tat, mit seinen eigenen Augen mitanzusehen, wie die eigene Mutter zusammengeschlagen wurde, als wenn er selbst eine Tracht Prügel bekam; wie hätte er es auch wissen können, wo doch die Prügel auf Frideriks Tauffeier ein Erstlingswerk in Panule waren und überhaupt die ersten Prügel für seine Mutter, die Benjamin mit seinen eigenen Augen mitangesehen hatte.

5

Am nächsten Morgen, als Benjamin aufwachte, traf er auf seine Mutter mit einem unterlaufenen Auge und auf Čivitiko, der seinem Blick auswich, als ob es ihm vor dem Anhängsel De profundis unangenehm wäre. Zum ersten Mal in seinem Leben sah er eine Frau mit einer Strieme unter dem Auge und wenn er das mit Valters gebrochener Nase verglich, die er einmal gesehen hatte, als dieser wegen seiner zu lockeren Zunge und seiner Herumprahlerei in Spelunken eins auf die Nase bekommen hatte, war das schrecklich. Čivitiko sah in die andere Richtung, als er ihn in die Taverne schickte, während Ingrid gut gelaunt war, als steckte sie in der Haut eines Menschen, der nie von irgendjemandem geschlagen worden war. Als hätte es keinen Skandal gegeben, keine erstmaligen Prügel, kein Geschrei und keinen Groll, der sich für immer in Čivitikos Erinnerung eingeprägt hatte. Loris vergab nie, das bedeutete für ihn Schwäche und er war der Auffassung, dass dies dazu führte, von anderen in den Arsch gefickt zu werden.

Damals öffnete Benjamin die Taverne schon allein, er beherrschte schon so einiges, auch jenes Drittel auf der Rechnung, das Čivitiko nach dem Grad der Berauschtheit seiner Gäste drauflegte. Bis gegen Abend die etwas angetrunkenen Bauern und Wochenendausflügler hereingetröpfelt kamen, die auch im Winter ihre Grundstücke besuchten, oder reiche Städter mit großen Villen am Meer, machte Benjamin Feuer in der Feuerstelle, polierte die Gläser, rieb die Fliesen auf der Toilette sauber und die Spuren von Scheiße in der Kloschüssel weg und putzte die Kaffeemaschine. Von Loris bekam er niemals Geld für irgendeine Arbeit, auch kein Taschengeld, und wenn er etwas aus Unwissenheit falsch machte, drohte ihm dieser, dass er ihm keine Turnschuhe kaufen werde, wenn er sie benötige. Was er als Taschengeld bekam, kam entweder von Valter oder Ingrid gab es ihm aus Loris’ Geldtasche, bevor dieser begann, sie in den Safe zu sperren. So hatte er mit der Zeit genügend für ein BMX-Rad angespart, das er sich so sehr wünschte. Und ein reicher Städter brachte es ihm auch aus der großen Stadt, einer noch größeren Stadt, als Benjamins Geburtsstadt. Wahrscheinlich hätte es ihm auch Valter gebracht, wenn er ihm sein Angespartes gegeben hätte, aber Loris wollte kein Wort über ihn hören, geschweige denn, dass dieser in Panule aufgetaucht wäre.

»Was musst du so angeben?«, sagte Loris immer wieder zu ihm, als er wirklich ein wenig prahlerisch mit seinem BMX im Dorf herumfuhr.

»Arbeite lieber was, du bist den Slowenen gar nicht ähnlich«, ätzte Čivitiko.

Weil ihm wegen der Arbeit fast keine Zeit für sein Rad blieb, entschied er, es zu verkaufen; den Käufer würde er nicht lange suchen müssen, da ihn der Reihe nach auch die Bengel aus den Nachbardörfern darum bitten kamen. Und er verkaufte es wirklich schnell, er verdiente noch ein wenig dabei und verstaute das Geld, das er in eine Socke gesteckt hatte, in einer Lade. Als er nach drei Tagen die Lade öffnete, um nachzusehen, ob das Geld noch da war, um wie ein paranoider Geizhals zu überprüfen, ob es wohl nicht verdunstet oder gar von Mäusen angeknabbert worden war, fehlte es. Ingrid wusste nichts davon und Loris war irgendwo in Italien. An jenem Abend konnte er nur schwer einschlafen.

Um fünf Uhr in der Früh fiel die Zimmertür samt den Angeln direkt auf Benjamins Kopf.

»Verfickte Scheiße, du willst meine Sachen verkaufen! Du Dieb! Gib mir das Geld zurück!«, polterte Loris und verpasste dem Liegenden einen Tritt gegen den Hals.

Benjamin sprang auf und entwand sich zwischen seinen Beinen auf den Flur hinaus und die Treppe hinunter aus dem Haus. Barfuß und nur mit einer Unterhose bekleidet lief er über das Grundstück und über den Zaun weiter zum Wald des Nachbarn. Er rannte und stürzte immer wieder im Gestrüpp, stolperte über Wurzeln, bis er das Meer erreichte. Dort kroch er in einen verlassenen Urlaubswohnwagen. Dann begann er darüber nachzudenken, warum Loris so ausgerastet war; er hatte kein Geld gestohlen, weder aus der Kassa noch aus einer Lade, er hatte höchstens dann und wann einmal Trinkgeld eingesteckt, obwohl ihm Loris eingebläut hatte, dass er das nicht dürfte. Aber schlussendlich war das Fahrradgeld seines, es war nicht aus Loris’ Kassa gekommen. Er zitterte vor Kälte, das Tosen der Wellen und das Heulen der Bora nährten im Dunkeln noch seine Angst, dass er mit den Zähnen klapperte und sich zugleich entschuldigte, als ob sich ihm ins Herz und Hirn wirklich eine niederträchtige und beschämende Tat eingeprägt hätte, die er nie vor der Welt entschuldigen würde können. Er wartete darauf, Loris’ Geschrei zu hören – das war angsteinflößend und für sein Leben wohl noch besorgniserregender als dessen Schaufel. Er kramte in dem Zeug, das sich im Wohnwagen befand und fand eine verrottete Zeltplane. Er wickelte sich darin ein und horchte in ein Knäuel zusammengekauert, ob Loris bereits vor dem Wohnwagen stand und angesichts der naiven Beute über Benjamins lauten Herzschlag verhohlen lachte. Aber das war eine Illusion der Paranoia und außer der Bora und dem Schlagen der Wellen war da nichts, nur Benjamin kam es so vor, als drückte er sein Herz in seinen feuchten Handflächen zusammen, und die ganze Zeit fragte er sich: Warum?

Damals wusste er noch nichts davon und kannte Loris’ hartnäckige und beharrliche Prinzipien noch nicht, dass man auf das Opfer warten musste und ihm dann, wenn es das am wenigsten erwartete, alles heimzahlte.

6

Am nächsten Tag fuhr Čivitiko mit seinem Pick-up, in dem er Tiere, Kisten, Holz, totes Fleisch, Menschen, Müll und Schweinefraß transportierte, nach Teslić in Bosnien. Dort hatte er eine Verbindungsperson und seine kleine Börse zur Anmietung von Saisonarbeitern, die er in seinem zerfallenden Wohnwagen am Rand seines Grundstücks wohnen ließ und die er in seine eigenwilligen Business-Gepflogenheiten einweihte. Die Saisonarbeiter taten alles, von morgens bis abends. Sie arbeiteten auf dem Feld, im Tourismus, im Service, hüteten Vieh, machten Fischfang, Malerarbeiten, kochten Fraß für das Vieh, erledigten die Olivenernte, es gab keine Arbeit, die Loris nicht für andere Menschen gefunden hätte, obwohl er alles selbst konnte, das musste man zugeben, deswegen verlangte er mindestens so viel von anderen, wenn sie einen Lohn haben wollten. Und von den Menschen verlangte er, dass sie schon von vornherein eingeschult sein sollten und er wollte, dass sie die Arbeit wie die Alteingesessenen beherrschten, deswegen jagte er sie größtenteils bald wieder mit etwas Kleingeld nach Hause oder mit einem noch größeren Loch in der Tasche als zuvor, als sie mit wässrigem Mund nach Panule gekommen waren, um sich ihr Brot zu verdienen.

Über Benjamin und seine Frechheit, irgendwelche Sachen zu verhökern, damit sich der kleine Slowene auf seinem Stück Land im Business versuchte, dachte er fast gar nicht mehr nach. Er würde ihn kurz angebunden halten, wenn er Scheiße bauen sollte, würde er ihn vor dem Stall in den heißen und dampfenden Mist tunken, dass er wie ein Huhn in die Umarmung ernsthafter Arbeit flattern würde. Keine freundlichen Adjektive mehr, Arbeit und wieder Arbeit, wenn er etwas zu essen haben wollte. Seine Einser in Rakična und die Begeisterung der Dorflehrerinnen über sein Wissen, das er von der slowenischen Schule mitbrachte, waren für ihn nicht von Wert, das brachte keinen Nutzen, geschweige denn Profit. Höchstens umgekehrt: Der Kleine flattert mit den Flügeln, er denkt, er wird einfach so die Geschäfte beherrschen, ja, das denkt er, vielleicht denkt er sogar, er wird einmal erben. Man muss ihm zeigen, dass von einem Pedigree eines dahergelaufenen Punks nie etwas anderes werden kann als ein gewöhnlicher Knecht, im besten Fall ein guter Knecht, ein Lakai, den der Herr manchmal auch tätschelt und ihm dann und wann ein nettes Wort zukommen lässt, nicht nur eklige Beleidigungen und Tritte. Dann dachte er den Stiefsohn weg, er würde ihn mit links zähmen, wo sollte er denn schließlich hin, wenn er ihn aus Panule vertrieb, nachdem er mit seiner blauäugigen Mutter nackt und barfuß in seine Umarmung gehüpft gekommen war. Auf seinen Besitz, wo die Knüppel nach seinem eigenen Bemessen durch die Luft schlagen würden. Nun war der Erbe geboren, der kleine Friderik war da und Ingrid würde langsam in die Hände spucken müssen. Schon, schon, dass sie eine Geburt hinter sich hatte, aber das war nicht genug, die Arbeit rief und es war am besten, wenn er sie in die Küche steckte, im Winter in die Taverne und im Sommer ins Terens. Das Weib wird sich schon zurechtfinden, er sah, dass sie sich anschiss, wenn er mit seiner Schaufel loslegte, dass sie keinen Konter gab und auch nicht auf ihr Recht pochte und schweigend ins Schlafzimmer marschierte und ihn drüber ließ, und sei es mit geschlossenen Augen, ihm war es egal, ob sie die Augen geschlossen hatte, Hauptsache sie machte die Beine breit. Das gefiel ihm, das war die Triebfeder der Beziehung, wegen Schnauzens und Quakens hatte er schon ein paar Weiber aus Panule vertrieben, dann würde er sie eben auch noch vertreiben, wenn sie Scheiße bauen würde, er würde ihr die Fotze aufreißen, wenn es sein musste. Der Erbe war da.

Er war zufrieden, er schaltete und fuhr langsam, er wusste, dass er Besitzer war, dass ihm niemand etwas anhaben konnte und dass er sich die besten Arbeiter aussuchen würde. Zwei Männer und eine Frau, ein geiles Weib. Vielleicht würde er sie auch mal irgendwo vernaschen, wenn es ihn jucken würde, ja, er würde eine solche nehmen, dass er sich mal auf die Schnelle erfrischen könnte und sie dann verstoßen wie einen räudigen Hund, damit er ihr zu verstehen gab, wer ihr Besitzer war. Sowieso ließen ihn die Saisonarbeiterinnen immer drüber, und seien es Mütter mit Kindern, sie machten die Beine breit und hielten die Augen zu, verkrampften sich und flehten ihn an, er solle endlich kommen, weil vor ihren Augen ein paar hundert Mark herumtanzten. Dieses lächerliche Kleingeld, das er ganz nebenbei einer etwas größeren Gruppe von betrunkenen Gästen dazurechnete, mit einer Rechnung konnte er sie auszahlen, dieses bettelnde Ungeziefer. Jetzt hatte er ihn schon lange nicht mehr irgendwo anders hineingesteckt als in Ingrid, er würde langsam wieder anfangen müssen, damit er nicht die Unterschiedlichkeit des Fleisches vergaß, es war wesentlich zwischen dem einen und dem anderen Frauengeschlechtsteil unterscheiden zu können. Er steckte ihn immer mit einem Gefühl des Triumphes rein, dann fühlte er sich, als betrachte er all seine Grundbucheintragungen, vielleicht ein wenig schlechter, nur so viel, damit niemand jemals das eingezeichnete Erbe anspuckte, einen Menschen schon, ein Mensch konnte ihn hereinlegen, die Erbschaft aber blieb und machte ihn besser als andere Menschen. Ein Erbe war geboren, die Geschichte war gesichert, ein neuer Čivitiko war da.

Er würde die Arbeiter noch härter rannehmen als bisher. Sie würden nicht dreinschauen wie irgendwelche zugedröhnten Snobs auf Urlaub, keine Sprünge ins Meer, die Mitte des Nervensystems in ihrem Bauch musste die ganze Zeit über zittern, wie ein menschlicher Motor rattern, der sich auch nicht anzuhalten traute, wenn der Herr nicht da war. Wer stellte heutzutage die Leute noch so ein, dass er ihnen ein Dach über den Kopf bot und zu essen gab und manchmal noch den einen oder anderen Dinar für den Nachtisch, wer war heute noch so? Wer würde zu husten wagen, dass er nicht gut sei? Wer würde so eine fette und schmierige Lüge hervorzwitschern? Die Tatsache, dass sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiteten, auch bei größter Hitze und an den Stellen, die völlig der Sonne ausgesetzt waren, dass sie um eins, zwei, drei am intensivsten betonierten, dann, wenn es auf die nicht gesonnten bosnischen Körper herunterbrannte, dass sie manchmal in Ohnmacht fielen und wie getroffene Rehböcke umkippten, das war nichts, sollen sie sich stählern, warum fiel er denn nie? Schlussendlich tangierte ihn das auch nicht, sich mit solchem Kleinkram zu befassen, er war schließlich der Besitzer, der Boss, der Chef, der Sheriff, der Erbe, er war, was auch immer man wollte. Loris Čivitiko.

Er würde seine Geschäfte ausbauen, das war wie das Einmaleins. Jetzt war das das Wesentliche, jetzt musste er die Augen weit offenhalten und die Ohren spitzen. Kein Nachgeben mehr, keine Ablässe mehr, kein einziger geschenkter Dinar für irgendjemanden, nichts, rein gar nichts. Alle würden nach seiner Pfeife tanzen, es war genug; wenn es ihm beliebte, würde er niemandem mehr etwas zahlen, und sollte sich bloß jemand zu widersetzen versuchen, wenn er die Eier hatte.

Als er nach Teslić kam, warteten mehr als dreißig Leute darauf, um Arbeit zu betteln. Er schob seine Sonnenbrille zur Mitte des Kopfes, drehte sich ruckartig auf dem Absatz seiner polierten und beschlagenen Schuhe um und spuckte vor sie hin, verfluchte Scheiße, diese arbeitslosen Faulsäcke. Im Stillen wünschte er sich, dass sie sich um den Lohn prügelten.

Sein rechtmäßiger Erbe war da.

7

Benjamin zitterte vor Kälte und schlug sich nur mit einer Unterhose bekleidet und einer umgehängten Zeltplane durch das Gestrüpp zurück nach Panule. Die grünen Vorhänge bewegten sich, als er durch das Dorf ging, im Nu wusste die ganze Ortschaft, dass der kleine Slowene völlig durchgedreht sein musste. Um zehn Uhr morgens lief er nackt im Dorf herum, warum arbeitete er nicht, warum saß er nicht auf einem Traktor oder in der Schule?

Nun hatten alle einen Beweis vor ihren eigenen Augen, dass er abgedreht war, ein Irrer, hinter der Theke las er irgendwelche Bücher über Psychologie und Bücher des lügnerischen Abenteurers Karl May, der in Deutschland von Indianern träumte und ähnlich eigenartigen Dingen, nun hatten sie den Beweis in der Hand, dass er krank im Kopf war, kreiste bereits eine Stunde später der Tratsch unter den Frauen im Dorf, die Herren würden am Nachmittag mit dieser Information beehrt werden. Wir haben gewusst, dass dieses Kind nicht vor seiner eigenen Tür gekehrt hat, jemand, der hinter der Theke und auf der Weide Bücher liest? Auf wessen Rechnung geht das und auf Kosten von wessen Gewinn? Čivitiko müsste ihn härter rannehmen, mit einem Wasserschlauch zum Beispiel, oder mit dem Wasserhahn, das wäre genug, warum haben wir den Kleinen noch nicht auf dem Traktor gesehen, er sollte zumindest Strohballen pressen oder silieren. Unsere Kinder pflügen schon in der dritten Klasse, Dalen sogar in der zweiten, auch wenn er umgekippt ist und dann mit dem Axtstiel eins drüber bekommen hat, was ist schon dabei? Nun pflügt er bei allen, die keinen Traktor besitzen und Dejan verdient gut dabei. Dejan erzieht Dalen schon seit einem Jahrzehnt und er ist noch nicht ganz dort, wo er sein soll. Und was ist mit dem da?

Man sieht, dass er kein Čivitiko ist, lästerten sie abends vor dem Kamin.

Benjamin sagte sich, er werde es wagen, er würde durch das große Hoftor direkt auf die Haustür zugehen, etwas anderes blieb ihm nicht übrig, er werde riskieren, Prügel zu bekommen oder sogar verstümmelt zu werden, gewiss aber eine Garbe an Erniedrigungen, so konnte er nirgendwohin. Die Polizei war dreißig Kilometer entfernt und wenn er dort Unterschlupf gefunden hätte, hätten ihn die Polizisten, Čivitikos Verbündete, bestimmt wie ein Lamm Loris’ Messer ausgeliefert. Aber diesmal hatte er Glück. Er war nicht zu Hause, er sei auf Dienstreise, sagte Ingrid und kehrte das Laub vor dem Haus zusammen. Dass er ihn nicht verhauen werde, habe er angeblich gesagt, dass er ihm eine Entschuldigung für die gesamte kommende Woche schreiben werde. Er werde sie dem Direktor persönlich geben, er werde ihn gemeinsam mit den Arbeitern in die Arbeit einweisen und abends in die Taverne. Es wird alles in bester Ordnung sein, tröstete ihn Ingrid, du weißt doch, dass Loris schnell zornig wird. Aber in seinem Inneren ist er gut und anständig. Ja, anständig, sagte sie, er würde dir nämlich hunderte Fahrräder kaufen, nur, damit du ihm keine Schande machst. Die Leute werden denken, dass wir völlig plemplem sind, sagte sie, Loris hat das einen Stich versetzt, Loris sagt, dass man aufpassen muss, was die anderen Leute denken, dass sicherlich nicht jeder Mistkerl auf seine Kosten vergnügt herumtratschen wird. Tu so sowas nie wieder und schlaf dich aus. Schlaf dich aus und denk darüber nach, bereite mir kein Kopfzerbrechen, wir sind ja schließlich eine Familie und eine Familie muss zusammenhalten, und nicht das Hab und Gut anderen verkaufen, stellte sie sich auf die Seite ihres Mannes. Es war ja nichts, fügte sie noch hinzu, während Benjamin zitterte, mit Kilos von Decken zugedeckt, und nicht einschlafen konnte, den blutigen Fleck an der Wand betrachtete, wo er vor ein paar Tagen mit seinem Turnschuh eine Stechmücke erschlagen hatte.

8

Ingrid kehrte und kehrte unten im Hof, schwipp schwupp, schwipp schwupp, schwipp schwupp, die ganze Zeit im gleichmäßigen Rhythmus, wie eine Maschine, bis sie bemerkte, dass sie an ein und derselben Stelle kehrte. Dass sie wie ein Roboter bei der Arbeit war, den man nicht umprogrammiert hatte. Für einen Augenblick dachte sie, sie sei verrückt geworden und setzte sich in einen Korbsessel im Hof. Ihr Kopf glühte und ihre Gedanken entflohen ihr, um sich dann ähnlich wie im Rahmen einer Lebensanamnese wieder an einem Punkt zusammenzufinden, an dem sie ihre Lebenslage rekapitulierte.

Bald würde sie vierzig werden, zwei Kinder, ihre langjährige Arbeit als Sekretärin des Direktors in einem großen slowenischen Unternehmen, was hieß Sekretärin, die rechte Hand, und das mit einem Gehalt, das sich sehen lassen konnte, Tänze, Empfänge und gute Geschäftsabendessen, Geschäftsreisen und die Möglichkeit, Karriere zu machen, es gab schließlich nicht viele Sekretärinnen mit universitärer Ausbildung und Kenntnissen mehrerer Fremdsprachen. Ein recht anständiges Leben, dachte sie sich, bis ihre Kontemplation vom Bild des Valter Zakrajšek überdeckt wurde. Fünfzehn Jahre mit ihm, fünfzehn Jahre Feiern und Warten, wann er angekrochen käme, wann er sich ins gemeinsame Bett legen und sofort losschnarchen würde, wann er sagte, er gehe nur schnell Tomatenmark kaufen und drei Tage später wiederkäme, wenn ihn schon alle Chefs und Nachbarn suchten, wann er irgendwelche Freunde und eine ausgelassene Horde anschleppen würde, die in der Wohnung weiterfeiern würde, wann, wann, wann? Bei Zakrajšek gab es für sie nur dieses »wann wird …«, aber es hatte nie ein richtiges Familienleben gegeben, er kümmerte sich nur um sich und seine Unterhaltung. Er trank die ganze Zeit, er hing nicht chronisch am Tresen, aber er machte Party, seine Gitarre war für ihn wie ein Zauberelixier, permanent im Kofferraum seines unentbehrlichen Ami 6, er hatte Spaß und kümmerte sich weder um sie noch um das Kind. Das konnte sie nicht mehr aushalten. Auch nicht die spöttischen Blicke der Nachbarn, als er tagtäglich nach der Arbeit einfach am Wohnblock vorbei ins Gasthaus fuhr. Nüchtern sah sie ihn normalerweise nur, wenn er am Wohnblock vorbeifuhr. Also durch mehrere Scheiben hindurch. Diese Art von Beziehung war nicht nur verletzend, sondern flößte ihr eine melancholische Leere ein, in die Loris angeritten gekommen war, ja, er war ein Prinz auf einem Pferd mit seiner Lebenslust und Ambition. Sie war überzeugt, dass sie richtig gehandelt hatte, als sie ihre Stelle und ihre Wohnung im Zentrum von Ljubljana wegen Loris aufgegeben hatte, sie wollte ein Familienleben und Loris spielte auf die Karte des Familienbusiness. Nun war ihre Karriere die Familie und so dachte sie, dass es richtig war, das hatte sie während ihrer Ehe mit Zakrajšek nicht erlebt. Dann stand sie aus dem Korbsessel auf und nahm den Besen in die Hand. Sie hielt wieder inne. Aber Zakrajšek hat mich nicht geschlagen. Er hat mich kein einziges Mal geschlagen. Er schrie manchmal, aber er hat mich nicht geschlagen. Loris war in dieser Frage anders.

Schwipp schwupp, schwipp schwupp, schwipp schwupp, kehrte Ingrid Čivitiko das Laub zusammen.

Er wird mich und Benjamin nicht mehr schlagen, wird er nicht. Der Mann ist eben wütend geworden und hat gewissermaßen auch recht. Ich bin in einem anderen Land, hier gibt es andere Gepflogenheiten, wir Menschen sind verschieden, das ist ein Dorf, ein idyllisches Dorf am Meer, das war mein Kindheitstraum, dem Beton aus Ljubljana zu entkommen, sagte Ingrid Čivitiko, die eine Städterin durch und durch war. Was soll ein Zakrajšek, fünfzehn Jahre habe ich weggeworfen, fünfzehn Jahre habe ich gewartet, dass er mir am Ende wie ein Hase in eine Entzugsklinik davongelaufen ist. Er ist zerbrochen wie ein Span, ich aber bin ins Paradies gekommen, mein Loris ist eben so, wie er ist. Er wollte sofort ein Kind, und das sagt, dass er sich eine stabile Familie wünscht. Wer macht denn Kinder noch einfach so, aus Langeweile, sagte sie sich und lächelte dann nach einer Weile in sich hinein.

Schwipp schwupp, schwipp schwupp, schwipp schwupp … mit aller Macht wollte sie das Glück der Sicherheit und der Süße des Familienlebens umarmen, sie wünschte sich nur das, das setzte sie sich zum Ziel ihrer Lebensmission und redete sich ein, auf dem richtigen Weg zu sein. Auf dem Weg der Liebe, die nicht nur leeres Wortgefasel auf Papier war.

9

Die Bosnier waren herzliche Scherzbolde, wie es bei ihnen üblich ist. Fikret und Nijaz zogen in den Wohnwagen neben dem Stall, wo bei Regengüssen Eimer vonnöten waren, damit das Wasser nicht durch den Boden in die Erde gelangte, während Ðenana sogar ein kleines Appartement über dem Terens bekam; man kann schon ahnen, warum Loris solche Güte beschlichen haben mochte. Obwohl Loris Benjamin nicht eines Blickes würdigte, um ihm seine gegenwärtige Gemütsstimmung zu zeigen, trug ihm Ingrid am Abend auf, dass am nächsten Morgen um sechs Uhr Abfahrt sei. Dass Loris mit dem Direktor gesprochen habe, dass er die ganze Woche nicht in die Schule kommen würde, dass die Sache geregelt sei, dass er das mit Leichtigkeit schaffen werde, dass er stolz auf sich sein solle.

Den ganzen Tag säuberten sie einen Steilhang. Ein Steilhang, dass man nicht mit beiden Beinen nebeneinanderstehen konnte, lauter Gestrüpp, Wacholderbüsche und Gestein. Auch Loris arbeitete fröhlich, er war eigenartig altruistisch gelaunt gegenüber seinen Mitmenschen, denjenigen, von denen er den Lohn nicht würde verschlucken können, ein Übel ohnegleichen. Bei kurzen Pausen hörte er nicht auf, sich die Hände zu reiben. Als würde er Gold spinnen.

»Soweit das Auge reicht gehört das alles Čivitiko!«, warf der Besitzer aller Worte in jener Gesellschaft und wohl auch noch woanders ein.

»Ah, haben Sie das gekauft?«, fragte Nijaz vorsichtig.

»Einen Scheiß hab ich gekauft, das ist von Generation zu Generation direkt auf das Konto meiner Erbschaft gegangen«, grinste Loris.

»Dann wird das einmal dir gehören«, neckte der Spaßvogel Nijaz Benjamin, der errötete.

»Ach, das werden wir noch sehen«, beeilte Loris die Rhetorik des Unsinns abzuschneiden.

»Wisst ihr, Jungs, mit dem Land muss man vorsichtig umgehen. Darin liegt das Geld wie Wacholdernadeln auf meinen Hektar. Aber, man muss gescheit damit umgehen. Diese Bauern aus den Nachbardörfern haben ihr mageres Erbe für Kleingeld verscherbelt. Nicht ausgeputzt, nicht ordentlich hergerichtet, bloßes nacktes Gebüsch und Brombeergestrüpp haben sie für ein paar hundert Mark verkauft, irgendwelchen Gastarbeitern und ähnlichen Vollidioten, die schon ein Vierteljahrhundert Konserven fressen, damit sie sich dann einen Flecken kaufen, von hartnäckigem Wacholder überwuchert. Idioten, die einen wie die anderen. Darin liegt nicht der Sinn von Business, geschweige denn des Lebens. Zuerst muss man das Grundstück ein bisschen herrichten, durchkämmen und dann die Käufer einladen. Ihnen das Versprechen geben, dass es hier einmal Strom, Wasser und eine Telefonleitung geben wird und freilich auch eine Hausnummer. Ihnen das Versprechen geben, fast den Beweis, dass sie sich hier ein richtiges Häuschen hinstellen werden können, zwei winzige Schritte vom saubersten Meer der gesamten Adria entfernt. Und nicht so, wie diese Nachbarn ihre Ehre und ihr Geld vergeigt haben«, redete Čivitiko gescheit.

»Steht das dann also zum Verkauf?«, fragte Nijaz.

»Hör zu und merk dir eines: frag mich nie wieder solch private Sachen. Hab ich dich denn etwa dafür angestellt? Bohr nicht in meine Sachen, weil sonst … werden wir anders zusammenarbeiten und wenn es sein muss mit Rohrzangen! … Lass das gefälligst!«

Nijaz war verwirrt, er verstand nicht … mit Rohrzangen … Was für Rohrzangen? Er arbeitete ja bereits mit Rohrzangen. Oder nicht?! Er hielt sie ja in den Händen, wie denn sonst!?

»Ich habe es ja nicht böse gemeint …«, entschuldigte sich Nijaz.

»Wolltest du nicht, hast es aber probiert. Wenn ich es von selbst erzähle, dann erzähle ich es, wenn nicht, sei leise. Das gilt für alle. Ihr kaut mein Brot und ihr steht auf meiner Erbschaft«, brach Loris in Gelächter aus.

»Amara terra mia«, fügte er noch seinen Drohungen bei.

In einer Woche hatten sie beinahe den gesamten Hang bis zum Meer gesäubert und alles bis zum Grund und Boden ausgerupft, am Kiesstrand machten sie erst halt.

»Na, Jungs, seit meinem Großvater hat niemand einen Fuß auf dieses Land gesetzt und nun haben wir ihm ein neues Antlitz verliehen«, trompetete Čivitiko.

Die Sonnenlage des Hanges ließ erahnen, dass die Sommer ohne das abgetrennte Gestrüpp hier eine regelrechte Hölle sein würden, aber niemand wagte es mehr, Loris zu fragen, woher der dringende Wunsch kam, so einen scheinbar unbrauchbaren steilen Hang zu säubern. Am letzten Tag kennzeichneten sie den Hügel mit Steinen und teilten die Loipe in zwölf Quadratmeter gleich große Parzellen auf. Nun wussten auch Benjamin, Nijaz und Fikret ungefähr, worum es ging, nur dass ihnen die Rechnung nicht aufging, wer das kaufen und auf so ein steiles Gelände einen Wohnwagen stellen oder sogar das Fundament für ein Haus legen würde. Dort konnte kein Mensch, auch kein Zelt stehen und jeder größere Stein rollte zum Meer hinunter. Aber Loris pfiff die Melodie des Liedes A vitar puše, Aber der Wind weht und grinste dauernd vor sich hin. Er bot Nijaz und Fikret sogar einen Whiskey an und sagte zu Benjamin »Wo bist du, mein Kleiner«, was seine Politkultur bei Weitem übertraf, dass Benjamin dachte, dieser Stiefvater sei vielleicht gar nicht so schlecht, dass sie vielleicht von nun an, nach ein paar heftigen Monaten in Panule, für immer eine glückliche Familie sein würden. Sie waren es ja auch bisher gewesen, wer könnte sagen, dass sie es nicht waren, Konflikte und Missverständnisse gibt es in jeder Familie, es ist nicht leicht, wir Menschen sind verschieden und haben ein Recht auf schlechte Tage und plötzliche Wutausbrüche. So ein plötzliches Aufbrausen bedeutet noch nicht, dass wir wirklich so sind, mein Stiefvater will mir ja in Wirklichkeit nichts tun, er würde mir nie Schaden zufügen, er hat mich nicht zusammengeschlagen, auch Ingrid nicht, obwohl sie ihm keine Deutschen Mark organisiert hat, sie ist schuld, dass er ihr eine verpasst hat, er hat ihr ja nur eine verpasst, er hat sie nicht zusammengeschlagen, ihr kein Ohr ausgerissen oder ein Auge ausgestochen, den Schädel zerschlagen oder die Hüften gebrochen, geschweige denn ihre Hand zerschmettert, aber das hat er gebraucht, er wollte Mark-Scheine, korrigierte Benjamin selbst seine Gedanken wieder ein wenig.

Dejan schlägt Dalen jeden Tag, er kann überhaupt keinen Ball kicken, mich aber wollte Loris nur einmal verprügeln, seit er mich eingestellt hat, und hat es nicht getan, er hat mich nicht zerlegt, wenn er gewollt hätte, hätte er es getan, warum habe ich denn auch das Fahrrad verkaufen müssen, das hätte wirklich nicht sein müssen, ich werde diesen Loris gernhaben. Er hat mich wie einen Sohn aufgenommen, er ist jetzt mein Vater, ich werde ihn gernhaben, hing Benjamin auf der Ladefläche des Pick-ups seinen Kontemplationen nach.

Er brauchte dringend einen Vater, er war ziemlich gebeutelt und Loris war ein Macho. Wie Arnold aus dem Ort in der Nähe von Graz, so wollte auch er mit achtzehn sein. Mit großen Muskeln, Geld und einem großen Auto. Schließlich würde auch er ein Erbe sein, Loris hat ihn als seinen angenommen, wenn nicht, hätte er ihn schon am ersten Tag aus Panule verjagt. Hundertprozentig hätte er nicht am ersten Tag zu Ingrid und ihm gesagt: »Willkommen in Panule!«

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»Diesen Grund hat mir mein Großvater an seinem Totenbett überschrieben und er wusste, dass es vierzig Jahre später pures Gold wert sein wird. Dass ein gewöhnlicher struppiger Hügel mehr wert sein würde als diese hundert Jahre alte Taverne, wegen der ich Mauro eines Tages den Schädel einschlagen werde. Er ist ja nicht einmal so ein Wicht, seine Alte schürt seinen Neid auf meine Geschäftserfolge und sie hätte wahrscheinlich gerne auch noch etwas anderes, weil er nicht kann«, grinste Loris, jauchzte nahezu. Er schnippte Popel aus seiner Nase in alle Richtungen und immer auf die Person, die seiner Meinung nach weniger wert war als er. Also: beinahe auf jeden.

Sie saßen am Tisch und aßen zu Abend, Loris entschied, er werde sie für die erfolgreich durchgeführte Arbeit belohnen. Nijaz und Fikret aßen hastig, löffelten übermütig ihre Suppen. Loris schnippte Popelkugeln in sie und verdrehte die Augen, und als Fikret bei der Hauptspeise ein Wienerschnitzel in die Hand nahm und wie ein Tier davon abzubeißen begann, riss Čivitiko der Faden: