Der Stoff, aus dem die Liebe ist - Isabel Wolff - E-Book

Der Stoff, aus dem die Liebe ist E-Book

Isabel Wolff

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Beschreibung

Jedes Kleid hat ein Geheimnis. Jede Frau auch. Endlich ist Phoebes großer Traum wahr geworden: Sie hat einen Laden für Vintage-Mode eröffnet. Jede der rauschenden Abendroben erzählt eine Geschichte. Und nichts macht Phoebe glücklicher, als das richtige Kleid für die richtige Frau zu finden. Doch noch immer überschattet ein schreckliches Ereignis ihr Leben. Damals hat sie nicht nur ihre große Liebe verloren, sondern auch die beste Freundin – für immer. Erst als Phoebe die Französin Thérèse kennenlernt, findet sie die Kraft, sich der Vergangenheit zu stellen. Denn die alte Dame weiß, was Schuld bedeutet … «Was für ein zauberhaftes Buch! Eine bittersüße Liebesgeschichte, wunderbar erzählt. Am Ende hat man Tränen in den Augen!» (Daily Mail)

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Seitenzahl: 584

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Isabel Wolff

Der Stoff, aus dem die Liebe ist

Deutsch von Elvira Willems

In Erinnerung an meinen Vater

Welche seltsame Macht doch der Kleidung eigen ist.

Isaac Bashevis Singer

PROLOG

Blackheath, 1983

«Sieb… zehn, acht… zehn, neun… zehn… zwanzig! Ich koooooomme!», rufe ich. «Ob du bereit bist oder nicht …» Ich nehme die Hände von den Augen und mache mich auf die Suche. Im Erdgeschoss fange ich an und schaue, ob Emma hinter dem Sofa im Wohnzimmer kauert oder sich wie ein Bonbon in die karmesinroten Vorhänge eingewickelt hat oder unter dem Stutzflügel hockt. Obwohl wir uns erst sechs Wochen kennen, betrachte ich sie schon als meine beste Freundin. «Ihr habt eine neue Klassenkameradin», verkündete Miss Grey am ersten Schultag nach den Ferien und lächelte das Mädchen in dem steifen Blazer an, das neben ihr stand. «Sie heißt Emma Kitts, und ihre Familie ist vor kurzem von Südafrika nach London gezogen.» Dann führte Miss Grey die Neue zu dem Tisch neben meinem. Dafür, dass sie neun Jahre alt ist, ist sie ziemlich klein und ein wenig pummelig, sie hat große grüne Augen und ein paar verirrte Sommersprossen, einen schiefen Pony und glänzende braune Zöpfe. «Kümmerst du dich bitte um Emma, Phoebe?», fragte Miss Grey. Ich nickte, und Emma lächelte dankbar…

Jetzt durchquere ich die Halle zum Esszimmer und schaue unter dem zerschrammten Mahagonitisch nach, doch da ist Emma auch nicht. Und auch nicht in der Küche, wo der altmodische Schrank mit dem zusammengewürfelten blauweißen Geschirr steht. Ich würde ihre Mutter fragen, in welche Richtung sie gelaufen ist, doch Mrs.Kitts ist gerade «kurz mal weg zum Tennisspielen» und hat Emma und mich allein gelassen.

Ich gehe in die große, kühle Speisekammer und öffne einen niedrigen Schrank, der vielversprechend geräumig aussieht, doch darin sind nur ein paar alte Thermosflaschen. Dann gehe ich die Treppe runter in den Hauswirtschaftsraum, wo die Waschmaschine gerade die letzten Umdrehungen macht. Für den Fall, dass Emma zwischen tiefgefrorenen Erbsen und Eiscreme liegt, hebe ich sogar den Deckel der Gefriertruhe hoch. Danach kehre ich in die eichegetäfelte Halle zurück, wo es warm ist und nach Staub und Bienenwachs riecht. Auf der einen Seite steht ein riesiger, mit reichen Schnitzereien verzierter Stuhl – ein Thron aus Swasiland, hat Emma gesagt–, dessen Holz so dunkel ist, dass es fast schwarz ist. Ich setze mich einen Augenblick darauf und überlege, wo genau Swasiland liegt. Dann wandert mein Blick zu den Hüten an der Wand gegenüber – ein Dutzend oder so–, die an gebogenen Messinghaken hängen. Da ist ein afrikanischer Kopfschmuck aus rosafarbenem und blauem Stoff und eine Kosakenmütze, die wahrscheinlich aus echtem Pelz gemacht ist, ein Panamahut, ein weicher Filzhut, ein Turban, ein Zylinder, eine Reitkappe, eine Schirmmütze, ein Fes, zwei ramponierte steife Strohhüte und ein smaragdgrüner Tweedhut, in dem eine hübsche Fasanenfeder steckt.

Als Nächstes steige ich die Treppe mit den breiten, flachen Stufen hinauf. Oben ist ein quadratischer Flur, von dem vier Türen abgehen. Emmas Schlafzimmer ist hinter der ersten Tür links. Ich drehe den Knauf und bleibe in der Tür stehen, ob nicht ein unterdrücktes Kichern oder ihr Atmen zu hören ist. Ich höre nichts, aber Emma kann ziemlich gut die Luft anhalten – sie kann eine ganze Bahn unter Wasser schwimmen. Ich schlage ihre schimmernde blaue Daunendecke zurück, aber im Bett ist sie nicht. Und auch nicht darunter. Dort steht nur ihre Geheimschachtel, in der sie, wie ich weiß, ihren Glücks-Krügerrand und ihr Tagebuch aufbewahrt. Ich öffne den großen, weißgestrichenen Eckschrank mit den Safari-Schablonenzeichnungen, aber dadrin ist sie auch nicht. Vielleicht im Zimmer nebenan. Als ich eintrete, merke ich, dass es das Zimmer ihrer Eltern ist, und bin ein wenig verlegen. Trotzdem sehe ich unter das schmiedeeiserne Bett und hinter die Frisierkommode, deren Spiegel in einer Ecke gesprungen ist, dann öffne ich den Kleiderschrank und atme den Duft von Orangenschalen und Nelken ein, der mich an Weihnachten erinnert. Als ich Mrs.Kitts’ buntbedruckte Sommerkleider betrachte und sie mir unter der afrikanischen Sonne vorstelle, wird mir plötzlich klar, dass ich gerade gar nicht besonders eifrig nach Emma suche, sondern neugierig herumschnüffle. Ein wenig beschämt verlasse ich das Zimmer. Ich habe keine Lust mehr, verstecken zu spielen. Ich will Rummy spielen oder einfach nur Fernsehen gucken.

Ich wette, du findest mich nicht, Phoebe! Du findest mich niemals, nie im Leben!

Seufzend überquere ich den Flur zum Bad, wo ich hinter dem dicken weißen Duschvorhang nachsehe und den Deckel des Wäschekorbs anhebe, in dem nur ein einziges ausgebleichtes purpurrotes Handtuch liegt. Jetzt gehe ich ans Fenster und hebe die halbgeschlossenen Lamellen der Jalousie hoch. Als ich in den sonnenbeschienenen Garten hinunterschaue, schlägt mein Herz ein bisschen schneller.

Da ist Emma – hinter der riesigen Platane am Ende des Rasens. Sie glaubt, ich könnte sie nicht sehen, aber ich sehe sie, denn ihr Fuß ragt hinter dem Baumstamm hervor. Ich rase die Treppe hinunter, durch die Küche in den Wirtschaftsraum, und dann werfe ich die Hintertür auf.

«Hab dich!», schreie ich und laufe auf den Baum zu. «Hab dich», wiederhole ich glücklich und ein wenig überrascht über meine Euphorie. «Okay», keuche ich, «jetzt bin ich dran. Emma?» Ich schaue sie an. Sie hockt nicht, sondern liegt da, auf der linken Seite, vollkommen reglos, ihre Augen sind geschlossen. «He, steh auf, Em.» Sie reagiert nicht. Und jetzt fällt mir auf, dass ihr eines Bein in einem seltsamen Winkel daliegt. Die Erkenntnis trifft mich plötzlich wie ein Schlag vor die Brust: Emma hat sich nicht hinter dem Baum versteckt, sie ist hochgeklettert. Ich schaue durch die Äste nach oben, entdecke in dem ganzen Grün winzige Flecken Blau vom Himmel. Sie hat sich in dem Baum versteckt, und dann ist sie runtergefallen.

«Em…», murmele ich und bücke mich, um ihre Schulter zu berühren. Ich schüttele sie sanft, doch sie reagiert nicht, und jetzt sehe ich, dass ihr Mund ein wenig offen steht und dass auf ihrer Unterlippe ein Speichelfaden glänzt. «Emma!», schreie ich. «Wach auf!» Doch sie wacht nicht auf. Ich lege die Hände an ihre Rippen und spüre, dass sie sich nicht heben und senken. «Sag was», murmele ich, mein Herz klopft wie wild. «Bitte, Emma!» Ich versuche, sie hochzuheben, doch das schaffe ich nicht. Ich klatsche dicht an ihrem Ohr in die Hände. «Emma!» Der Hals tut mir weh, in meinen Augen brennen Tränen. Ich schaue zum Haus hinüber und wünsche mir verzweifelt, Mrs.Kitts würde über den Rasen gelaufen kommen und alles wiedergutmachen. Doch Mrs.Kitts ist noch nicht vom Tennisspielen zurück, was mich wütend macht, denn wir sind zu jung, um allein gelassen zu werden. Der Groll auf Mrs.Kitts weicht Entsetzen, als ich mir vorstelle, was sie wohl sagen wird – dass Emmas Unfall meine Schuld war, weil ich vorgeschlagen habe, verstecken zu spielen. Ich höre, wie Miss Grey mich bittet, mich um Emma «zu kümmern», und wie sie dann enttäuscht «Tz, tz, tz» macht.

«Wach auf, Em», flehe ich sie an. «Bitte.» Dochsie liegt nur da und sieht… zerknittert aus, wie eine weggeworfene Stoffpuppe. Ich sollte loslaufen und Hilfe holen. Aber zuerst muss ich sie zudecken, denn es wird kühl. Ich ziehe meine Strickjacke aus und lege sie über Emmas Oberkörper, streiche sie über der Brust rasch glatt und stecke sie unter ihren Schultern fest.

«Ich bin gleich wieder da. Mach dir keine Sorgen.» Es kostet mich große Mühe, nicht zu weinen.

Plötzlich setzt Emma sich auf, grinst wie eine Irre, und ihre Augen blitzen vor Vergnügen.

«Ätschi bätsch!», singt sie, klatscht in die Hände und wirft ausgelassen den Kopf in den Nacken. «Ich hab dich wirklich an der Nase rumgeführt, was?», ruft sie und steht auf. «Du hast dir Sorgen gemacht, nicht wahr, Phoebe? Gib’s zu! Du hast gedacht, ich wäre tot! Ich habe ewig die Luft angehalten», keucht sie und streicht sich den Rock glatt. «Ich bin ganz schön aus der Puste…» Sie bläst die Wangen auf, und ihr Pony hebt sich ein wenig, als sie ausatmet, dann sieht sie mich lächelnd an. «Okay, Heebee-Phoebee – du bist dran.» Sie hält mir meine Strickjacke hin. «Ich zähle bis fünfundzwanzig, wenn du willst. Hier, Phoebe, nimm deine Strickjacke wieder.» Emma starrt mich an. «Was ist?»

Meine Hände sind zu Fäusten geballt. Mein Gesicht glüht. «Tu das nie wieder!»

Emma blinzelt überrascht. «Es war doch nur ein Spaß.»

«Ein grässlicher Spaß!» Tränen laufen mir übers Gesicht.

«Es… tut mir leid.»

«Tu das bloß nie wieder! Wenn du das noch einmal machst, rede ich kein Wort mehr mit dir – niemals!»

«Es war doch nur ein Spiel», protestiert sie. «Deswegen brauchst du doch nicht gleich…», sie wirft die Hände in die Luft, «…auszuflippen. Ich hab doch nur… gespielt.» Sie zuckt die Achseln. «Aber… ich tu’s nie wieder… wenn’s dich so aufregt. Ehrlich.»

Ich schnappe mir meine Strickjacke. «Du musst es mir versprechen.» Ich starre sie wütend an. «Du musst es mir schwören.»

«Okay», murmelt sie und holt tief Luft. «Ich, Emma Mandisa Kitts, verspreche, dass ich dir, Phoebe Jane Swift, nie wieder diesen Streich spielen werde. Ich schwöre es», wiederholt sie und begleitet ihre Worte mit einer theatralischen Armbewegung. «Auf Ehre und Gewissen.» Und dann fügt sie mit diesem witzigen kleinen Lächeln, an das ich mich auch nach den ganzen Jahren noch so gut erinnere, hinzu: «Ich schwör’s, oder ich will… tot … umfallen!»

EINS

Immerhin ist der September eine gute Zeit für einen Neuanfang,habe ich überlegt, als ich heute sehr früh das Haus verließ. Ich hatte schon immer eher Anfang September als im Januar das Gefühl, dass etwas Neues beginnt. Vielleicht liegt das daran, dachte ich, als ich die Tranquil Vale überquerte, dass sich der September nach der dumpfen Feuchtigkeit des August oft frisch und sauber anfühlt. Oder vielleicht, überlegte ich, als ich an Blackheath Books vorbeiging, auf dessen Fenstern in großen Buchstaben «Schulanfang» prangte, hat es einfach nur damit zu tun, dass im September das Schuljahr beginnt.

Als ich den Hügel hinauf Richtung Heath ging, kam das frischgemalte Firmenschild von Village Vintage in Sicht, und für einen Augenblick durchströmte mich Zuversicht. Ich schloss die Tür auf, nahm die Post von der Fußmatte und machte mich daran, den Laden für die offizielle Eröffnung herzurichten.

Bis um vier Uhr war ich unablässig damit beschäftigt, aus dem Lager im ersten Stock die Kleider auszuwählen und sie auf die Kleiderstangen zu hängen. Als ich mir ein Nachmittagskleid aus den 1920er Jahren über den Arm hängte, fuhr ich mit der Hand über den schweren Seidenatlas und betastete die komplizierte Perlstickerei und die perfekten handgenähten Stiche. Das, sagte ich mir, ist genau das, was ich an Vintage-Kleidern so liebe. Ich liebe die wunderbaren Stoffe und die exzellente Verarbeitung. Ich liebe es, dass sie mit so viel Geschick und Kunstfertigkeit hergestellt worden sind.

Ich schaute auf meine Uhr. Nur noch zwei Stunden bis zur Party. Mir fiel ein, dass ich vergessen hatte, den Champagner kalt zu stellen. Als ich in die kleine Küche sauste und die Kartons aufriss, fragte ich mich, wie viele Leute wohl kommen würden. Eingeladen hatte ich hundert, also sollte ich wohl mindestens siebzig Gläser bereithalten. Ich stapelte die Flaschen im Kühlschrank, drehte ihn bis zum Anschlag hoch und machte mir rasch eine Tasse Tee. Während ich meinen Earl Grey trank, schaute ich mich im Laden um und konnte es kaum fassen, dass nun endlich mein Wunschtraum in Erfüllung gegangen war.

Das Ladenlokal wirkte modern und hell. Ich hatte die Fußbodendielen abbeizen und kalken lassen, die Wände, an denen große, silbern gerahmte Spiegel hingen, waren in einem Taubengrau gestrichen. Es gab schimmernde Topfpflanzen auf Chromständern, einen glitzernden Deckenstrahler an der weißgestrichenen Decke und, neben der Umkleidekabine, ein ausladendes, mit cremefarbenem Stoff bezogenes Bergere-Sofa. Vor den Fenstern erstreckte sich Blackheath in die Ferne, der Himmel war ein schwindelerregendes blaues Gewölbe, vor dem sich weiße Wolken türmten. Hinter der Kirche tanzten zwei gelbe Drachen im Wind, während am Horizont die Glastürme des Canary Wharf im spätnachmittäglichen Sonnenlicht schimmerten und funkelten.

Plötzlich ging mir auf, dass der Journalist, der mich eigentlich interviewen wollte, schon über eine Stunde zu spät war. Ich wusste nicht mal, von welcher Zeitung er kam. Alles, woran ich mich nach dem kurzen Telefonat vom Vortag erinnern konnte, war, dass er Dan hieß und gesagt hatte, er wäre um halb vier hier. Plötzlich befürchtete ich, er könnte womöglich gar nicht kommen – Publicity konnte ich gut gebrauchen. Bei dem Gedanken an den riesigen Kredit, den ich aufgenommen hatte, wurde mir immer noch ganz schwindelig. Während ich das Preisschild an eine bestickte Abendtasche klebte, dachte ich daran, wie ich die Bank davon überzeugt hatte, dass ihr Geld bei mir gut angelegt war.

«Sie haben also bei Sotheby’s gearbeitet?», hatte die Sachbearbeiterin in der Darlehensabteilung gefragt, während sie in meinem Geschäftsplan blätterte. Wir saßen in einem kleinen Büro, in dem jeder Quadratzentimeter, einschließlich der Decke und der Rückseite der Tür, mit dickem grauem Filz überzogen zu sein schien.

«Ich habe in der Abteilung für Textilien gearbeitet», erklärte ich ihr, «wo ich Vintage-Kleidung geschätzt und Auktionen durchgeführt habe.»

«Dann müssen Sie ja viel davon verstehen.»

«Ja.»

Sie kritzelte etwas auf das Formular, und die Feder ihres Füllers quietschte über das Papier. «Aber Sie haben nie im Einzelhandel gearbeitet, oder?»

«Nein», sagte ich ein wenig entmutigt. «Das stimmt. Aber ich habe sehr schöne, sehr günstig gelegene Räumlichkeiten in einer guten Gegend gefunden, wo es keine anderen Läden für Vintage-Kleidung gibt.» Ich reichte ihr die Broschüre, die der Makler des Ladens in der Montpelier Vale mir gegeben hatte.

«Hübsche Lage», sagte sie, während sie den Prospekt durchblätterte. Ich fasste neuen Mut. «Und so ein Eckladen ist von allen Seiten gut zu sehen.» Ich stellte mir die Fenster vor, in denen prächtige Kleider hängen würden. «Doch die Miete ist hoch.» Die Frau legte die Broschüre auf die graue Tischplatte und sah mich streng an. «Was macht Sie so sicher, dass Sie genügend verkaufen, um die laufenden Kosten bezahlen zu können und noch Gewinn zu erzielen?»

«Weil…» Ich unterdrückte einen frustrierten Seufzer. «Ich weiß, dass Bedarf besteht. Vintage ist inzwischen so in, dass es schon fast wieder zum Mainstream wird. Heutzutage können Sie sogar in Läden wie Miss Selfridge oder Top Shop in der Fußgängerzone Vintage-Kleidung kaufen.»

Schweigend machte sie sich weitere Notizen. «Ich weiß.» Sie schaute noch einmal auf, doch diesmal lächelte sie. «Ich habe neulich bei Jigsaw einen absolut phantastischen Kunstpelz von Biba gekauft – in tadellosem Zustand und mit den Originalknöpfen.» Sie schob mir das Formular über den Tisch zu und reichte mir ihren Füller. «Würden Sie bitte da unten unterzeichnen?»

Jetzt war ich dabei, die Abendkleidung zu sortieren. Ich hängte die Kleider auf eine Stange und suchte die Abendtaschen, Gürtel und Schuhe heraus. Die Handschuhe tat ich in einen Korb, den Modeschmuck in die samtenen Auslagenkästen, und dann drapierte ich den Hut, den Emma mir zu meinem dreißigsten Geburtstag geschenkt hatte, behutsam oben auf ein Eckregal.

Ich trat zurück und betrachtete diese außergewöhnliche, schmal nach oben zulaufende Skulptur aus beinahe bronzefarbenem Stroh.

«Ich vermisse dich, Em», murmelte ich. «Wo auch immer du jetzt bist…» Ich spürte wieder diesen Stich in der Brust, als steckte in meinem Herzen ein Bratspieß.

Hinter mir war ein lautes Klopfen zu hören. Vor der Glastür stand ein Mann ungefähr in meinem Alter, vielleicht ein wenig jünger. Er war groß und gut gebaut und hatte graue Augen und dunkelblonde Locken. Er erinnerte mich an jemand Berühmten, doch ich kam nicht darauf, an wen.

«Dan Robinson», sagte er mit einem breiten Lächeln, als ich ihn einließ. «Tut mir leid, dass ich ein bisschen zu spät komme.» Ich widerstand der Versuchung, ihn darauf hinzuweisen, dass er viel zu spät kam. Er nahm ein Notizbuch aus seiner ziemlich ramponierten Tasche. «Das Interview vorher ist zu lang geworden, dann bin ich im Verkehr stecken geblieben, aber das hier dauert sicher nicht länger als zwanzig Minuten oder so.» Er schob die Hand in die Tasche einer verknitterten Leinenjacke und holte einen Bleistift heraus. «Ich brauche nur die wichtigsten Fakten über das Geschäft und ein bisschen was über Ihren Werdegang.» Er warf einen Blick auf die Hydra aus Seidenschals, die über die Theke kroch, und auf die halb angekleidete Schaufensterpuppe. «Aber wie es aussieht, sind Sie beschäftigt, also, wenn Sie keine Zeit haben…»

«Oh, ich habe Zeit», unterbrach ich ihn schnell. «Ehrlich… falls es Ihnen nichts ausmacht, wenn ich weiterarbeite, während wir uns unterhalten.» Ich hängte ein Cocktailkleid aus meergrünem Chiffon auf einen mit Samt bezogenen Kleiderbügel. «Von welcher Zeitung, sagten Sie noch, kommen Sie?» Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass die mauvefarbenen Streifen seines Hemds nicht zu dem Salbeigrün seiner Chinos passten.

«Die Zeitung ist neu, sie erscheint zweimal wöchentlich und ist kostenlos. Black&Green– Blackheath and Greenwich Express. Die Zeitung gibt’s erst seit zwei Monaten, wir sind noch dabei, uns eine Leserschaft aufzubauen.»

«Ich bin dankbar für jeden Bericht», sagte ich und hängte das Kleid vorn an die Stange mit Tageskleidern.

«Der Beitrag wird am Freitag erscheinen.» Dan sah sich im Laden um. «Die Ausstattung ist freundlich und hell. Man käme gar nicht auf die Idee, dass hier alte Sachen… ähm, ich meine, Vintage-Kleidung verkauft wird», verbesserte er sich.

«Danke», sagte ich leicht spöttisch, obwohl ich mich über seine Beobachtung freute.

Während ich rasch einen weißen Agapanthus aus dem Zellophanpapier wickelte, schaute Dan aus dem Fenster. «Die Lage ist toll.»

Ich nickte. «Mir gefällt es, über den Heath schauen zu können, und der Laden ist von der Straße aus gut zu sehen, sodass ich hoffe, sowohl Laufkundschaft anzuziehen als auch eingeweihte Vintage-Käuferinnen.»

«So bin ich auf Sie aufmerksam geworden», sagte Dan, als ich die Blumen in eine hohe Glasvase stellte. «Ich bin gestern hier vorbeigegangen und habe gesehen», er langte in die Tasche seiner Hose und holte einen Spitzer heraus, «dass Sie bald eröffnen, und da dachte ich, das würde ein gutes Feature für die Freitagsausgabe geben.» Als er sich auf das Sofa setzte, sah ich, dass er seltsame Socken trug – einen grünen und einen braunen. «Nicht dass ich mich besonders für Mode interessiere.»

«Nicht?», fragte ich höflich, während er energisch den Bleistift anspitzte. «Benutzen Sie kein Tonbandgerät?» Ich hatte mir diese Frage nicht verkneifen können.

Er beäugte die frisch angespitzte Spitze und pustete darauf. «Ich mache mir lieber Notizen. Also, dann.» Er steckte den Spitzer in die Tasche. «Fangen wir an. Also…» Er tippte sich mit dem Bleistift an die Unterlippe. «Was soll ich Sie zuerst fragen…?» Ich versuchte zu verbergen, dass es mich ärgerte, wie wenig er vorbereitet war. «Ich weiß», sagte er. «Sind Sie von hier?»

«Ja.» Ich faltete eine blassblaue Kaschmirstrickjacke zusammen. «Aufgewachsen bin ich in Eliot Hill, näher an Greenwich, aber seit fünf Jahren wohne ich in Blackheath, in der Nähe vom Bahnhof.» Ich dachte an mein Eisenbahner-Cottage mit dem winzigen Garten davor.

«Bahnhof», wiederholte Dan langsam. «Nächste Frage…» Dieses Interview würde Stunden dauern – und das war jetzt wirklich nicht möglich. «Haben Sie Erfahrungen in der Modebranche?», fragte er. «Das wollen die Leser doch sicher wissen, oder?»

«Ähm… vermutlich.» Ich erzählte ihm von meinem Abschluss in Modegeschichte am St.Martin’s College of Art and Design und meinem Job bei Sotheby’s.

«Und wie lange waren Sie bei Sotheby’s?»

«Zwölf Jahre.» Ich faltete einen Seidenschal von Yves Saint Laurent zusammen und legte ihn in eine flache Schale. «Man hatte mich sogar vor kurzem noch zur Leiterin der Abteilung für Kostüme und Textilien gemacht. Aber dann… beschloss ich zu kündigen.»

Dan schaute auf. «Obwohl man Sie eben erst befördert hatte?»

«Ja…» Ich spürte einen Stich im Herzen und erschrak zugleich – ich würde aufpassen müssen, was ich ihm sagte und was nicht. «Ich habe dort fast direkt nach dem Studium angefangen, und ich brauchte…» Ich schaute aus dem Fenster und versuchte, der Woge der Gefühle, die über mir brach, standzuhalten. «Ich hatte das Gefühl, ich brauchte…»

«Eine Auszeit?», schlug Dan vor.

«…eine Veränderung. Also bin ich Anfang März in eine Art Sabbathalbjahr gegangen.» Ich legte einer silbernen Schaufensterpuppe eine Kette aus Similiperlen von Chanel um den Hals. «Sie haben gesagt, sie würden mir die Stelle bis Juni freihalten, doch im Mai habe ich dann gesehen, dass der Laden hier zu vermieten war, und da habe ich beschlossen, den Sprung zu wagen und selbst Vintage-Kleidung zu verkaufen. Ich liebäugele schon eine ganze Weile mit der Idee», fügte ich hinzu.

«Ganze… Weile», wiederholte Dan leise. Besonders schnell konnte er nicht schreiben, dafür, dass er Reporter war. Heimlich warf ich einen Blick auf seine seltsamen Schnörkel und Abkürzungen. «Nächste Frage…» Er kaute an seinem Bleistift herum. Der Mann war wirklich zu nichts zu gebrauchen. «Also, woher bekommen Sie Ihre Ware?» Er sah mich an. «Oder ist das ein Geschäftsgeheimnis?»

«Im Grunde nicht.» Ich schloss die Haken einer milchkaffeefarbenen Seidenbluse von Georges Rech. «Ziemlich viele Sachen habe ich von einigen kleineren Auktionshäusern außerhalb Londons gekauft sowie von spezialisierten Händlern, die ich durch meine Arbeit bei Sotheby’s kenne. Dann habe ich Sachen bei Vintage-Messen und bei eBay erstanden, und ich habe ein oder zwei Reisen nach Frankreich unternommen.»

«Warum nach Frankreich?»

«Dort gibt es auf den Märkten in den kleinen Städten sehr schöne Vintage-Kleidung – wie zum Beispiel diese bestickten Nachthemden.» Ich hielt eines hoch. «Die habe ich in Avignon gekauft. Sie waren nicht so teuer, weil die Französinnen nicht so versessen auf Vintage sind wie die Frauen hier bei uns.»

«Vintage-Kleidung ist inzwischen ein ziemlicher Renner, nicht wahr?»

«Sehr begehrt.» Ich legte rasch einige Ausgaben der Vogue aus den 1950er Jahren auf den Glastisch beim Sofa. «Frauen wollen Individualität, keine Massenproduktion, und das bekommen sie bei Vintage. Vintage ist Originalität und Flair. In der Fußgängerzone kann eine Frau natürlich ein Abendkleid für zweihundert Pfund kaufen», fuhr ich fort und fand langsam Gefallen an diesem Interview, «und am nächsten Tag ist es so gut wie nichts mehr wert. Doch für dasselbe Geld hätte sie sich ein Kleid aus einem wunderbaren Stoff kaufen können, das keine andere Frau trägt und das, wenn sie es nicht zerreißt, im Wert noch steigt. Wie dieses hier.» Ich holte ein kleines Abendkleid aus petrolblauem Taft von Hardy Amies aus dem Jahr 1957 heraus.

«Entzückend», sagte Dan und betrachtete das Nackenband, das schlanke Mieder und den Bahnenrock. «Man würde denken, es ist neu.»

«Was ich verkaufe, ist in perfektem Zustand.»

«Zustand…», murmelte er, während er wieder kritzelte.

«Die Kleider sind gewaschen oder gereinigt», fuhr ich fort und hängte das Abendkleid zurück an die Stange. «Ich habe eine wunderbare Näherin, die größere Reparaturen und Änderungen vornimmt; die kleineren mache ich selbst – ich habe hinten ein kleines Atelier mit einer Nähmaschine.»

«Und wie sind die Preise?»

«Das ist verschieden. Fünfzehn Pfund für ein Seidentuch mit handgerolltem Saum, fünfundsiebzig Pfund für ein Tageskleid aus Baumwolle, zwei- bis dreihundert Pfund für ein Abendkleid bis hin zu tausendfünfhundert Pfund für Haute Couture.» Ich holte ein Abendkleid aus goldener Rippseide aus den frühen 1960er Jahren von Pierre Balmain heraus, das mit Schmelzperlen und silbernen Pailletten bestickt war, und hob die Schutzhülle hoch. «Dies ist ein wichtiges Kleid, entworfen von einem bedeutenden Modedesigner auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Oder dort…» Ich griff nach einer Palazzohose aus Seidensamt mit einem psychedelischen Muster in rosa und grünen Bonbonfarben. «Diese Hose ist von Emilio Pucci. Sie wird mit Sicherheit eher als Investition gekauft als zum Anziehen. Pucci ist genau wie Ossie Clark, Biba und Jean Muir für Sammler von großem Interesse.»

«Marilyn Monroe hat Pucci geliebt», sagte Dan. «Sie wurde in ihrem Lieblingskleid aus grüner Seide von Pucci beerdigt.» Ich nickte, denn ich mochte nicht zugeben, dass ich das nicht gewusst hatte. «Die sind witzig.» Dan wies auf die Wand hinter mir, an der wie Gemälde vier trägerlose Abendkleider in Ballerinalänge hingen – eines zitronengelb, eines bonbonrosa, eines türkisfarben und eines limonengrün–, alle mit einer Korsage aus Satin und einem aus zahllosen Lagen bestehenden Petticoat, auf denen Kristalle funkelten.

«Die habe ich an die Wand gehängt, weil ich sie ganz phantastisch finde», erklärte ich. «Es sind Partykleider aus den fünfziger Jahren, aber ich nenne sie ‹Cupcake›-Kleider, weil sie so bezaubernd und süß sind und so farbig wie der Zuckerguss auf diesen kleinen Kuchen. Allein ihr Anblick macht mich fröhlich.» Zumindest so fröhlich, wie ich überhaupt sein kann, fügte ich in Gedanken traurig hinzu.

Dan stand auf. «Und was ist das?»

«Ein Mini-Crini von Vivienne Westwood.» Ich hielt ihn für ihn hoch. «Und dies», ich holte einen terrakottafarbenen seidenen Kaftan heraus, «ist von Thea Porter, und dieses kleine Etuikleid aus Veloursleder ist von Mary Quant.»

«Und das hier?» Dan hatte ein zartrosa schimmerndes Abendkleid aus Satin mit Kuttenkragen, zarten Volants und flatterndem Schwalbenschwanzsaum hervorgeholt. «Einfach wundervoll, man kann sich vorstellen, dass Katharine Hepburn so etwas getragen hat oder Greta Garbo… oder Veronica Lake», fügte er hinzu, «in Der gläserne Schlüssel.»

«Oh. Den Film kenne ich nicht.»

«Er wird unterschätzt – er ist von 1942 nach einer Romanvorlage von Dashiell Hammett. Howard Hawks hat in Tote schlafen fest daraus zitiert.»

«Ehrlich?»

«Aber wissen Sie was…?» Er hielt das Kleid hoch. «Es würde Ihnen stehen.» Er sah mich an. «Sie haben eine gewisse Film-noir-Melancholie an sich.»

«Ehrlich?» Wieder hatte er mich überrascht. «Dieses… dieses Kleid hat mir tatsächlich mal gehört.»

«Wirklich? Wollen Sie es nicht mehr?», fragte Dan fast ein wenig entrüstet. «Es ist doch sehr schön.»

«Ja, aber… ich… ich mag es nicht mehr.» Ich hängte es wieder weg. Ich musste ihm nicht die Wahrheit sagen. Dass Guy es mir geschenkt hatte, vor nicht mal einem Jahr. Da waren wir seit einem Monat zusammen gewesen und hatten einen Wochenendausflug nach Bath unternommen. Ich hatte das Kleid in einem Schaufenster entdeckt und war hineingegangen, um es mir anzusehen – hauptsächlich aus beruflichem Interesse, denn es kostete 500Pfund. Doch später, während ich im Hotelzimmer war und las, schlich Guy sich hinaus und kam mit dem Kleid wieder, eingepackt in rosa Seidenpapier. Jetzt hatte ich beschlossen, es zu verkaufen, denn es gehörte zu einem Teil meines Lebens, den ich unbedingt vergessen wollte. Den Erlös würde ich einer Wohltätigkeitseinrichtung spenden.

«Warum interessieren Sie sich für Vintage-Kleidung?», hörte ich Dan fragen, während ich in den beleuchteten Vitrinen, die die linke Wand säumten, die Schuhe arrangierte. «Liegt es daran, dass die Sachen im Vergleich zu Kleidern, die heute gefertigt werden, von so hoher Qualität sind?»

«Zum einen, ja», antwortete ich und rückte einen grünen Wildleder-Pumps aus den 1960er Jahren in einen eleganten Winkel zu seinem Pendant. «Vintage zu tragen ist ein Statement gegen die Massenproduktion. Aber das, was ich an Vintage am meisten liebe…» Ich sah ihn an. «Nicht lachen, versprochen?»

«Selbstverständlich nicht…»

Ich strich über den hauchdünnen Chiffon eines peignoir aus den 1950er Jahren. «Was ich daran wirklich liebe… ist die Tatsache, dass die Sachen die persönliche Geschichte einer Frau erzählen.» Ich ließ den Federbesatz über meinen Handrücken gleiten. «Ich überlege, wie sie wohl war, die Frau, die es einmal getragen hat.»

«Ehrlich?»

«Ich frage mich, was für ein Leben sie wohl geführt hat. Ich kann kein Kleidungsstück anschauen – wie zum Beispiel dieses Kostüm», ich ging hinüber zu der Stange mit den Tageskleidern und holte eine maßgeschneiderte Jacke und den dazu passenden Rock aus dunkelblauem Tweed aus den 1940er Jahren heraus, «ohne über die Frau nachzudenken, die es wohl getragen hat. Wie alt war sie? Hatte sie einen Beruf? War sie verheiratet? War sie glücklich?» Dan zuckte die Achseln. «Das Kostüm hat ein britisches Etikett von Anfang der vierziger Jahre», fuhr ich fort, «also überlege ich, was dieser Frau während des Krieges widerfahren ist. Hat ihr Ehemann überlebt? Hat sie überlebt?»

Ich ging hinüber zu den Schuhen und holte ein Paar Seidenbrokat-Slipper aus den 1930er Jahren heraus, die mit gelben Rosen bestickt waren. «Ich betrachte diese zauberhaften Schuhe und stellte mir die Frau vor, die sie besessen hat, wie sie darin stand und ging oder getanzt oder jemanden geküsst hat.» Ich wandte mich einem Pillbox-Hut aus rosafarbenem Samt zu und hob den Schleier an. «Ich betrachte einen kleinen Hut wie diesen und versuche mir das Gesicht der Frau vorzustellen, auf deren Kopf er einmal gesessen hat. Denn wenn man ein Vintage-Kleidungsstück kauft, kauft man nicht nur Stoff und Faden – man kauft ein Stück der Vergangenheit.»

Dan nickte. «Das Sie in die Gegenwart herüberretten.»

«Genau. Ich gebe diesen Kleidern ein neues Leben. Und ich finde es toll, dass ich sie reparieren kann», fuhr ich fort. «Wo es im Leben doch so vieles gibt, was man nicht mehr reparieren kann.» Wieder spürte ich ganz deutlich diese Leere im Herzen.

«Unter diesem Aspekt habe ich Vintage-Kleidung noch nie betrachtet», sagte Dan nach einem Augenblick. «Es gefällt mir, dass Sie so viel Leidenschaft für das haben, was Sie tun.» Er sah auf seinen Notizblock. «Sie haben mir einige tolle Zitate gegeben.»

«Gut», antwortete ich leise. «Es war sehr nett, mich mit Ihnen zu unterhalten.» Auch wenn der Anfang ziemlich hoffnungslos war, hätte ich beinahe hinzugefügt.

Dan lächelte. «Also… dann lasse ich Sie wohl besser mal weitermachen – und ich sollte zusehen, dass ich hieraus einen Artikel mache, aber…» Er unterbrach sich, als er den Hut auf dem Eckregal erblickte. «Was für ein toller Hut. Aus welcher Zeit ist der?»

«Aus unserer. Er wurde vor vier Jahren gefertigt.»

«Sehr originell.»

«Ja, ein Unikat.»

«Wie viel kostet er?»

«Er steht nicht zum Verkauf. Ich habe ihn von der Designerin geschenkt bekommen – einer guten Freundin. Ich wollte ihn hier im Laden haben, weil…» Mir schnürte sich die Kehle zu.

«Weil er so schön ist?», meinte Dan. Ich nickte. Er klappte sein Notizbuch zu. «Und kommt sie zur Eröffnungsparty?»

Ich schüttelte den Kopf. «Nein.»

«Eine letzte Sache noch», sagte er und holte einen Fotoapparat aus der Tasche. «Mein Herausgeber hat mich gebeten, zu dem Artikel auch ein Foto von Ihnen zu machen.»

Ich schaute auf meine Uhr. «Wenn es schnell geht. Ich muss noch die Ballons vorne anbringen und mich umziehen und den Champagner einschenken, und in zwanzig Minuten kommen meine Gäste.»

«Überlassen Sie das mir», hörte ich Dan sagen. «Als Wiedergutmachung dafür, dass ich zu spät gekommen bin.» Er schob sich den Bleistift hinters Ohr. «Wo sind die Gläser?»

«Oh. Hinter der Theke sind drei Kartons, und im Kühlschrank in der kleinen Küche dahinten sind zwölf Flaschen Champagner. Danke», fügte ich hinzu, während ich noch ängstlich überlegte, ob es Dan wohl fertigbringen würde, den Champagner überall zu verspritzen; doch er füllte den Veuve Clicquot gewandt in die Gläser; Veuve Clicquot Vintage natürlich, das musste einfach sein. Währenddessen machte ich mich rasch ein wenig frisch und zog mein Kleid für den Abend an, ein Cocktailkleid aus taubengrauem Satin, dazu silberne Slingpumps von Ferragamo. Dann legte ich ein wenig Make-up auf und fuhr mir mit einer Bürste durch die Haare. Schließlich knotete ich den Haufen blassgoldener Heliumballons von einer Stuhllehne und band sie draußen vor dem Laden fest, wo sie in der steifen Brise hüpften. Als die Kirchenuhr sechs schlug, stand ich mit einem Glas in der Hand in der Tür, und Dan machte seine Fotos.

Nach einer Minute senkte er die Kamera und schaute mich an, eindeutig ein wenig verwirrt.

«Tut mir leid, Phoebe, aber meinen Sie, Sie kriegen vielleicht ein Lächeln hin?»

Meine Mutter kam just in dem Augenblick, als Dan ging.

«Wer war das?», fragte sie und eilte direkt in die Umkleidekabine.

«Ein Journalist namens Dan», antwortete ich. «Er hat mich gerade für ein Lokalblatt interviewt. Er ist ein bisschen chaotisch.»

«Er sah sehr nett aus», sagte sie und trat vor den Spiegel, um sich zu betrachten. «Er war grauenhaft gekleidet, aber ich mag Locken bei Männern. Es ist so ungewöhnlich.» Im Spiegel sah sie mich besorgt und ein bisschen enttäuscht an. «Ich wünschte, du würdest wieder jemanden finden, Phoebe – es gefällt mir nicht, dass du allein bist. Allein zu sein ist nicht lustig. Wie ich selbst bezeugen kann», fügte sie bitter hinzu.

«Ich finde es ganz schön. Ich habe vor, ganz lange allein zu bleiben, vielleicht für immer.»

Mum öffnete ihre Handtasche. «Das ist wahrscheinlich das Schicksal, das mir blüht, Schatz, aber ich möchte nicht, dass du es mit mir teilst.» Sie nahm einen ihrer teuren neuen Lippenstifte heraus. Er ähnelte einem goldenen Geschoss. «Ich weiß, dass du ein schweres Jahr hinter dir hast, Schatz.»

«Ja», murmelte ich.

«Und ich weiß», sie warf einen Blick auf Emmas Hut, «dass du… getrauert hast.» Meine Mutter hatte keine Vorstellung davon, wie sehr ich getrauert hatte. «Trotzdem verstehe ich immer noch nicht», ich wusste, was jetzt kam, «warum du dich von Guy trennen musstest. Ich weiß, dass ich ihm nur drei Mal begegnet bin, aber ich fand ihn charmant, gutaussehend und nett.»

«Er war all das», stimmte ich ihr zu. «Er war toll. Er war perfekt.»

Unsere Blicke trafen sich im Spiegel. «Aber was ist denn dann zwischen euch passiert?»

«Nichts», log ich. «Meine Gefühle haben sich einfach… verändert. Das habe ich dir doch schon gesagt.»

«Ja. Aber du hast mir nie gesagt, warum.»Mum zog die Farbe – ein leicht grelles Korallenrot – über ihre Oberlippe. «Die ganze Sache kam mir ziemlich verrückt vor, falls du mir die Bemerkung erlaubst. Natürlich warst du zu diesem Zeitpunkt sehr unglücklich.» Sie senkte die Stimme. «Aber was mit Emma passiert ist…» In dem Versuch, die Bilder zu verdrängen, die mich für immer verfolgen werden, schloss ich die Augen. «Also… es war schrecklich.» Sie seufzte. «Ich verstehe einfach nicht, wie sie so etwas tun konnte… Wenn man bedenkt, dass sie alles hatte… so vieles.»

«So vieles», wiederholte ich bitter.

Mum betupfte ihre Unterlippe mit einem Papiertaschentuch. «Aber was ich nicht begreife, ist, warum du, auch wenn du sehr traurig warst, eine glückliche Beziehung mit einem sehr netten Mann beenden musstest. Ich glaube, du hattest so etwas wie einen Nervenzusammenbruch», fuhr sie fort. «Es würde mich nicht wundern…» Sie drückte die Lippen zusammen. «Ich glaube, du hast nicht gewusst, was du tust.»

«Ich habe genau gewusst, was ich tue», erwiderte ich ruhig. «Aber weißt du was, Mum, ich möchte nicht darüber reden…»

«Wie hast du ihn eigentlich kennengelernt?», fragte sie plötzlich. «Das hast du mir nie erzählt.»

Ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg. «Über Emma.»

«Ehrlich?» Mum schaute mich an. «Wie nett von Emma», sagte sie und wandte sich wieder dem Spiegel zu, «dich mit so einem reizenden Mann bekannt zu machen.»

«Ja», sagte ich unsicher…

«Ich habe jemanden kennengelernt», hatte Emma vor mehr als einem Jahr aufgeregt am Telefon gesagt. «Ich bin ganz durcheinander, Phoebe. Er ist… einfach wunderbar.» Ich war skeptisch, nicht nur, weil Emma oft sagte, dass sie einen «wunderbaren» Mann kennengelernt hatte, sondern weil diese Männer in der Regel alles andere als wunderbar waren. Zuerst geriet Emma total ins Schwärmen, und einen Monat später machte sie einen weiten Bogen um sie und sagte, sie seien «schrecklich». «Ich habe ihn bei einer Fundraising-Party kennengelernt», erklärte sie. «Er leitet einen Investmentfonds – aber das Gute daran ist», fügte sie in ihrer typischen liebenswerten Arglosigkeit noch hinzu, «dass es ein Ethikfonds ist.»

«Klingt interessant. Dann muss er ja ganz schön clever sein.»

«Er hat einen Einser-Abschluss an der London School of Economics and Political Science gemacht. Nicht dass er mir das erzählt hätte», fügte sie rasch hinzu. «Das habe ich gegoogelt. Wir waren ein paarmal aus, aber es entwickelt sich allmählich, und ich möchte, dass du ihn mal unter die Lupe nimmst.»

«Emma.» Ich seufzte. «Du bist dreiunddreißig Jahre alt. Du bist auf dem besten Weg, sehr erfolgreich zu werden. Deine Hüte zieren die Köpfe der berühmtesten Frauen Englands. Wozu brauchst du meine Zustimmung?»

«Also…» Sie schnalzte mit der Zunge. «Weil ich glaube, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Ich habe dich immer nach deiner Meinung über Männer gefragt, oder?», sagte sie. «Schon als Teenager.»

«Ja, aber wir sind längst keine Teenager mehr. Du musst allmählich Vertrauen in dein eigenes Urteil entwickeln, Em.»

«Verstehe. Aber ich möchte trotzdem, dass du Guy kennenlernst. Nächste Woche gebe ich eine kleine Dinnerparty, da setze ich dich neben ihn, okay?»

«Okay», seufzte ich…

Ich wünschte, ich könnte mich da raushalten, dachte ich, als ich Emma am nächsten Donnerstagabend in der Küche ihres Hauses in Marylebone zur Hand ging. Aus dem Wohnzimmer drangen die Stimmen und das Lachen der Gäste. Emmas Vorstellung von einer «kleinen» Dinnerparty war ein Fünf-Gänge-Menü für zwölf Personen. Als ich die Teller herausholte, dachte ich an die Männer, in die Emma in den letzten zwei Jahren «schrecklich verliebt» gewesen war: Arnie, der Modefotograf, der sie mit einem Handmodel betrogen hatte, Finian, der Gartendesigner, der jedes Wochenende mit seiner sechsjährigen Tochter verbrachte – und mit deren Mutter. Dann war da Julian gewesen, ein brilletragender Börsenmakler mit Interesse an Philosophie, aber an sehr wenig anderem. Zuletzt hatte ihre Liebe Peter gegolten, einem Geiger des London Philharmonic Orchestra. Eine Weile sah es so aus, als würde alles gutgehen – er war sehr nett, und sie konnte mit ihm über Musik reden, doch dann war er für drei Monate mit dem Orchester auf Welttournee gegangen und bei seiner Rückkehr mit der zweiten Flöte verlobt gewesen.

Vielleicht ist dieser Guy ein besserer Fang, dachte ich und kramte in einer Schublade nach Servietten.

«Guy ist einfach perfekt», sagte sie und öffnete den Ofen, dem eine nach gebratenem Lamm duftende Wolke entstieg. «Er ist der Richtige, Phoebe», sagte sie glücklich.

«Das sagst du immer.» Ich machte mich daran, die Servietten zu falten.

«Ja, aber diesmal stimmt es wirklich. Wenn das nicht funktioniert, bringe ich mich um», fügte sie unbekümmert hinzu.

Ich hielt mitten in der Bewegung inne. «Sei nicht so dumm, Em. Du kennst ihn doch kaum.»

«Stimmt – aber ich weiß, was ich fühle. Aber er kommt zu spät», klagte sie und nahm das Lamm aus dem Ofen, um es noch etwas durchziehen zu lassen. Sie knallte den Le-Creuset-Bräter auf den Tisch, ihre Miene ein wenig beunruhigt. «Glaubst du, er kommt noch?»

«Selbstverständlich», sagte ich. «Es ist erst Viertel vor neun – wahrscheinlich ist er bloß auf der Arbeit aufgehalten worden.»

Mit einem Tritt schloss Emma die Ofentür. «Und warum hat er dann nicht angerufen?»

«Vielleicht steckt er in der U-Bahn…» Emma sah jetzt wirklich nervös aus. «Em… mach dir keine Sorgen…»

Sie machte sich daran, auf das Fleisch einzuschlagen. «Ich kann nichts dagegen machen. Ich wäre gerne ruhig und gesammelt wie du, aber ich bin noch nie so gelassen wie du gewesen.» Sie richtete sich auf. «Wie sehe ich aus?»

«Wunderschön.»

Sie lächelte erleichtert. «Danke… nicht dass ich dir glaube, denn das sagst du immer.»

«Weil es immer stimmt», sagte ich resolut.

Emma war in ihrem typischen Stilmix gekleidet, sie trug ein geblümtes Seidenkleid von Betsey Johnson, kanariengelbe Netzstrümpfe und schwarze Halbstiefel. Ihr gewelltes kastanienbraunes Haar wurde von einem silbernen Band aus dem Gesicht gehalten.

«Und steht dieses Kleid mir definitiv?», fragte sie.

«Definitiv. Ich mag das Cœur-Dekolleté, und die Silhouette ist schmeichelhaft», fügte ich hinzu und bereute es augenblicklich.

«Willst du damit sagen, ich bin dick?» Emma machte ein langes Gesicht. «Bitte, sag das nicht, Phoebe, nicht ausgerechnet heute. Ich weiß, es würde mir nichts schaden, ein paar Pfund abzunehmen, aber…»

«Nein, nein … das habe ich nicht gemeint. Natürlich bist du nicht dick, Em, du bist toll, ich meinte nur…»

«O Gott!» Sie schlug sich die Hand auf den Mund. «Ich habe die Blinis vergessen!»

«Die übernehme ich.» Ich öffnete den Kühlschrank und holte den geräucherten Lachs und die Crème fraîche heraus.

«Du bist eine wunderbare Freundin, Phoebe», hörte ich Emma sagen. «Was würde ich bloß ohne dich machen?», fügte sie hinzu und spickte das Lammfleisch mit Rosmarinzweigen. «Weißt du», sie wedelte mit einem Ästchen in meine Richtung, «dass wir uns jetzt ein Vierteljahrhundert kennen?»

«So lange schon?», murmelte ich, während ich den geräucherten Lachs kleinschnitt.

«Ja. Und wahrscheinlich werden wir uns noch… wie lange, noch fünfzig Jahre kennen?»

«Wenn wir die richtige Kaffeemarke trinken.»

«Wir müssen in dasselbe Altenheim gehen!» Emma kicherte.

«Und auch dort wirst du dann immer noch verlangen, dass ich deine Männer unter die Lupe nehme. ‹Oh, Phoebe›», rief ich mit krächzender Stimme, «‹er ist dreiundneunzig… glaubst du, er ist ein bisschen zu alt für mich?›»

Emma schnaubte vor Lachen und warf den Rosmarinstrauß nach mir.

Jetzt machte ich mich daran, die Blinis zu braten, wobei ich versuchte, mir beim Wenden nicht die Finger zu verbrennen. Emmas Freunde unterhielten sich angeregt, jemand spielte Klavier, sodass ich die Türklingel gar nicht hörte. Doch Emma war wie elektrisiert.

«Er ist da!» Sie sah noch einmal kurz in einen kleinen Spiegel, schob den Haarreif zurecht und lief dann die enge Treppe zur Haustür hinunter. «Hi! Oh, danke», hörte ich sie quietschen. «Die sind wunderschön. Komm mit rauf – du kennst den Weg ja.» Offenbar war das nicht Guys erster Besuch hier – ein gutes Zeichen. «Alle sind schon da», hörte ich Emma sagen, als sie die Treppe heraufkamen. «Hast du in der U-Bahn festgesteckt?» Inzwischen hatte ich den ersten Schub Blinis fertig. Ich holte mir die Pfeffermühle und drehte kräftig daran. Nichts. Verdammt. Wo verwahrte Em die Pfefferkörner? Ich suchte herum und öffnete ein, zwei Schränke, bevor ich oben auf dem Gewürzregal ein Glas entdeckte.

«Ich hol dir was zu trinken, Guy», sagte Emma. «Phoebe.» Ich hatte die Versiegelung von dem Pfefferkörnerglas gelöst und versuchte, den Deckel abzupulen, doch er wollte nicht. «Phoebe», wiederholte Emma. Ich drehte mich um. Sie stand in der Küche, lächelte strahlend und hielt ein Sträußchen weißer Rosen in der Hand. Und direkt hinter ihr, im Türrahmen, stand Guy.

Entsetzt sah ich ihn an. Emma hatte gesagt, er sei «toll», doch das sagte sie immer, auch wenn die Männer schrecklich waren, und deshalb hatte ich sie nicht so richtig ernst genommen. Doch bei Guys Anblick blieb einem leicht das Herz stehen. Er war groß und breitschultrig und hatte ein offenes, freundliches Gesicht, zarte, gleichmäßige Züge und dunkelbraunes Haar, das sportlich kurz geschnitten war. Seine dunkelblauen Augen blitzten amüsiert.

«Phoebe», sagte Emma, «das ist Guy.» Er lächelte mich an, und ich spürte, wie mein Magen einen kleinen Satz machte. «Guy, das ist meine beste Freundin Phoebe.»

«Hi!», sagte ich und lächelte ihn an wie eine Irre, während ich mit den Pfefferkörnern kämpfte. Warum war er bloß so verdammt attraktiv? «Gott!» Der Deckel sprang plötzlich ab, und die Pfefferkörner schossen in einem Bogen über die Arbeitsplatte und den Fußboden. «Tut mir leid, Em», hauchte ich. Ich holte einen Besen und machte mich entschlossen daran, sie zusammenzufegen, wenn auch nur, um meinen inneren Aufruhr zu überspielen. «Es tut mir leid!», sagte ich lachend. «Was bin ich für ein Trottel!»

«Macht nichts», sagte Emma. Sie stellte rasch die Rosen in einen Krug und nahm den Teller mit den Blinis. «Ich nehm die schon mal mit rein. Danke, Phoebe… sie sehen toll aus.»

Ich hatte erwartet, Guy würde ihr folgen, doch er ging zur Spüle, öffnete den Schrank darunter und holte Kehrschaufel und Handfeger heraus. Es versetzte mir einen kleinen Stich, dass er sich in Emmas Küche so gut auskannte.

«Mach dir keine Mühe», protestierte ich.

«Schon gut – ich helfe dir.» Guy zog seine Hose an den Knien etwas hoch, bückte sich und machte sich daran, die Pfefferkörner aufzufegen.

«Die sind überall», plapperte ich. «Wie dumm von mir.»

«Weißt du, woher Pfeffer kommt?», fragte er plötzlich.

«Keine Ahnung», antwortete ich und bückte mich, um einige mit den Fingern aufzuklauben. «Südamerika?»

«Kerala. Bis zum fünfzehnten Jahrhundert war Pfeffer so kostbar, dass man ihn als Währung einsetzte, daher stammt der Begriff ‹peppercorn rent› für einen symbolischen Pachtzins.»

«Ehrlich?», sagte ich höflich. Dann dachte ich, wie verrückt es doch war, dass ich mit einem Mann, den ich erst vor einer Minute kennengelernt hatte, auf dem Boden hockte und über die Feinheiten von schwarzem Pfeffer diskutierte.

«Wie auch immer.» Guy richtete sich auf und leerte das Kehrblech in den Treteimer. «Ich gehe wohl besser rein.»

«Ja…» Ich lächelte. «Emma wird sich schon wundern. Aber… danke.»

Den Abend verbrachte ich halb in Trance. Wie angekündigt, hatte Emma mich neben Guy gesetzt, und ich hatte Mühe, meine Gefühle unter Kontrolle zu bringen, während ich mit ihm plauderte. Ich betete die ganze Zeit, dass er irgendetwas Unsympathisches sagen würde – dass er gerade eine Entziehungskur hinter sich hatte, zum Beispiel, oder dass er zwei Exfrauen und fünf Kinder hatte. Ich hatte gehofft, ich würde sein Gespräch langweilig finden, doch er sagte nur Sachen, die ihn noch attraktiver machten. Er wusste Interessantes über seine Arbeit zu erzählen und darüber, was für eine große Verantwortung es war, das Geld seiner Kunden nicht nur auf ethisch-ökologische Weise anzulegen, sondern auch dort, wo es eine positive Auswirkung auf die Umwelt und auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen hatte. Er sprach von seiner Verbindung zu einer Hilfsorganisation, die sich gegen Kinderarbeit engagierte. Er sprach liebevoll über seine Eltern und seinen Bruder, mit dem er einmal in der Woche im Chelsea Harbour Club Squash spielte. Was für ein Glück für Emma, dachte ich. Guy war so, wie sie ihn beschrieben hatte: perfekt. Im Laufe des Essens schaute sie häufig zu ihm hinüber und bezog ihn immer wieder auf charmante Weise in ihre Bemerkungen ein.

«Wir waren neulich abends bei der Eröffnung der Goya-Ausstellung, nicht wahr, Guy?» Guy nickte. «Und für nächste Woche versuchen wir Karten für Tosca im Opera House zu bekommen.»

«Ja… das stimmt.»

«Die Vorstellung ist seit Monaten ausverkauft», erklärte sie, «aber ich hoffe, online noch welche zu bekommen, die zurückgegeben werden.»

Emmas Freunde bekamen allmählich mit, dass da etwas lief. «Und wie lange kennt ihr beiden euch schon?», fragte Charly Guy lächelnd. Emma errötete.

«Oh, noch nicht besonders lange», antwortete Guy ruhig, und sein zurückhaltender Ton schien nur zu bestätigen, wie sehr er sie bewunderte…

«Also, was denkst du?», fragte Emma mich am Morgen nach der Party am Telefon.

Ich spielte an meiner Rollkartei herum. «Was denke ich worüber?»

«Über Guy natürlich! Findest du ihn nicht auch toll?»

«Oh… ja. Er ist… toll.»

«Wunderschöne blaue Augen… und das schöne dunkle Haar. Eine umwerfende Kombination.»

Ich schaute aus dem Fenster in die New Bond Street. «Umwerfend.»

«Und er ist ein toller Gesprächspartner. Findest du nicht?»

Ich hörte, wie der Verkehr draußen summte. «Doch… ja.»

«Und er hat Sinn für Humor.»

«Hm.»

«Im Vergleich zu den anderen Männern, mit denen ich ausgegangen bin, ist er so nett und normal.»

«Das stimmt allerdings.»

«Er ist ein guter Mensch. Und das Beste ist», schloss sie, «dass er interessiert ist!»

Da brachte ich es nicht über mich, ihr zu sagen, dass Guy mich eine Stunde vorher angerufen hatte, um mich zum Essen einzuladen.

Ich hatte nicht gewusst, was ich tun sollte. Über die Telefonzentrale von Sotheby’s hatte Guy mich ziemlich leicht ausfindig gemacht. Zuerst freute ich mich, aber ich wusste, dass es nicht richtig war. Ich dankte ihm für die Einladung und sagte, dass ich keine Zeit hätte. Er rief noch dreimal an, doch ich konnte nicht mit ihm reden, weil ich mitten in den Vorbereitungen einer Auktion von Mode und Accessoires des zwanzigsten Jahrhunderts steckte. Als Guy das vierte Mal anrief, sprach ich kurz mit ihm, flüsternd, denn ich arbeitete in einem Großraumbüro. «Du bist sehr hartnäckig, Guy.»

«Ja, aber das liegt nur daran, dass ich… dich mag, Phoebe, und ich glaube – auch wenn ich mir nicht schmeicheln möchte–, dass du mich auch magst.» Ich befestigte die Auktionsnummer an einem Hosenanzug aus grünem Wollstoff von Pierre Cardin aus den 1970er Jahren. «Warum sagst du nicht ja?», flehte er.

«Also… weil… es ist ein bisschen heikel, findest du nicht?»

Es entstand eine peinliche Stille. «Schau, Phoebe… Emma und ich sind nur Freunde.»

«Ehrlich?» Ich inspizierte ein Loch am linken Bein, das mir verdächtig nach Mottenfraß aussah. «Du scheinst sie aber ziemlich häufig zu sehen.»

«Also… das liegt hauptsächlich daran, dass Emma mich dauernd anruft und Karten für irgendetwas hat, zum Beispiel für die Goya-Ausstellung. Wir haben was zusammen unternommen und uns gut amüsiert, aber ich habe ihr nie gesagt, dass ich…» Er hielt inne.

«Aber es war klar, dass du schon mal in ihrer Wohnung warst. Du wusstest genau, wo sie Kehrblech und Handfeger aufbewahrt», flüsterte ich vorwurfsvoll.

«Ja… weil sie mich letzte Woche gebeten hat, eine lecke Stelle im Abfluss unter der Spüle zu reparieren, und ich alles aus dem Schrank holen musste.»

«Oh.» Ich war erleichtert. «Verstehe. Aber…»

Guy stieß einen Seufzer aus. «Schau, Phoebe, ich mag Emma… sie ist sehr talentiert und amüsant.»

«O ja… sie ist wunderbar.»

«Aber ich finde sie leicht… überdreht», fuhr er fort. «Um nicht zu sagen ein bisschen verrückt», gestand er mit einem nervösen Lachen. «Aber zwischen ihr und mir… da läuft nichts. Das kann sie doch nicht wirklich glauben.» Ich antwortete nicht. «Würdest du also bitte mit mir zum Essen ausgehen?» Ich spürte, wie ich langsam nachgab. «Wie wäre es mit nächsten Dienstag?», hörte ich ihn sagen. «Im Wolseley? Ich reserviere für halb acht einen Tisch. Kommst du, Phoebe?»

Wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, wohin die Sache führen würde, hätte ich gesagt: «Nein. Ausgeschlossen. Auf keinen Fall. Niemals.»

«Ja», hörte ich mich sagen…

Ich hatte erwogen, Emma nichts zu sagen, doch dann brachte ich es nicht über mich, es ihr zu verschweigen, nicht zuletzt, weil es schrecklich gewesen wäre, wenn sie es irgendwie erfahren hätte. Also sprach ich das Thema an dem Samstag an, als wir uns im Amici’s trafen, unserem Lieblingscafé in der Marylebone High Street.

«Guy hat dich gefragt, ob du mit ihm ausgehst?», wiederholte sie zaghaft. Ihre Pupillen wurden schmal. «Oh.» Mit zitternder Hand stellte sie ihre Tasse ab.

«Ich habe ihn nicht… dazu ermutigt», erklärte ich leise. «Ich habe bei deiner Dinnerparty nicht… mit ihm geflirtet, und wenn es dir lieber wäre, wenn ich mich nicht mit ihm treffe, dann gehe ich nicht hin. Aber ich konnte es dir nicht verschweigen. Em?» Ich griff nach ihrer Hand und bemerkte, wie rot ihre Fingerspitzen waren von all dem Nähen und Kleben und Hantieren mit Stroh. «Emma, geht’s dir gut?» Sie rührte in ihrem Cappuccino und starrte aus dem Fenster. «Denn ich gehe nicht ein einziges Mal mit ihm aus, wenn du es nicht willst.»

Zuerst antwortete Emma nicht. Ihre großen grünen Augen richteten sich auf ein junges Paar, das auf der anderen Straßenseite händchenhaltend vorbeiging. «Es ist okay», sagte sie nach einem Augenblick. «Schließlich… kenne ich ihn noch nicht besonders lange, wie du ja schon gesagt hast… obwohl er mir das Gefühl gegeben hat, dass…» Plötzlich traten ihr die Tränen in die Augen. «Und er hat mir Rosen mitgebracht. Ich dachte…» Sie drückte eine Papierserviette an die Augen, die mit «Amici’s» bedruckt war. «Also», krächzte sie. «Es sieht so aus, als würde ich doch nicht mit ihm in Tosca gehen. Vielleicht kannst du mit ihm gehen, Phoebe. Er hat gesagt, er würde sich darauf freuen…»

Ich seufzte. «Schau, Em, ich sage nein. Wenn es dir bei dem Gedanken so schlecht geht, will ich nichts von ihm wissen.»

«Nein», murmelte Emma nach einem Augenblick und schüttelte den Kopf. «Du solltest gehen… wenn du ihn magst, wovon ich ausgehe, sonst würden wir dieses Gespräch wohl kaum führen. Wie auch immer…» Sie griff nach ihrer Handtasche. «Ich mache mich mal besser auf den Weg. Ich habe einen Damenhut fertigzustellen – für keine Geringere als Princess Eugenie.» Sie winkte mir fröhlich. «Wir telefonieren die Tage.»

Doch sie erwiderte meine Anrufe sechs Wochen lang nicht…

«Ich wünschte, du würdest Guy anrufen», hörte ich Mum sagen. «Ich glaube, du hast ihm viel bedeutet. Wenn ich ehrlich bin, Phoebe, gibt es da etwas, was ich dir gerne sagen möchte…»

Ich schaute sie an. «Was?»

«Also… Guy hat mich letzte Woche angerufen.» Ich hatte das Gefühl, den Halt zu verlieren, das Gefühl, einen steilen Abhang hinunterzurutschen. «Er hat gesagt, er würde dich gerne sehen, nur um mit dir zu reden – jetzt schüttel nicht gleich den Kopf, Schatz. Er hat das Gefühl, du warst ‹unfair› zu ihm – das war das Wort, das er benutzt hat, obwohl er nicht sagen wollte, warum. Aber ich fürchte, du hast dich ihm gegenüber wirklich unfair verhalten, Schatz – unfair und, offen gestanden, idiotisch.» Mum nahm einen Kamm aus ihrer Tasche. «Es ist ja nicht so, als wäre es leicht, einen netten Mann zu finden. Du hast ihn einfach fallengelassen, du hast Glück, dass er überhaupt noch etwas mit dir zu tun haben will.»

«Aber ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben», beharrte ich. «Ich… ich empfinde nichts mehr für ihn.» Und Guy wusste, warum.

Mum fuhr sich mit dem Kamm durch ihr welliges blondes Haar. «Ich hoffe nur, dass du es nicht eines Tages bereust. Und ich hoffe, dass du es nicht eines Tages bereust, dass du von Sotheby’s weggegangen bist. Ich finde es immer noch eine Schande. Du hattest dort Ansehen und Sicherheit – und die aufregende Aufgabe, Auktionen durchzuführen.»

«Den Stress, meinst du wohl.»

«Du hattest die Gesellschaft von Kollegen», fügte sie hinzu, ohne auf meinen Einwand einzugehen.

«Und jetzt habe ich die Gesellschaft meiner Kunden – und meiner Teilzeitassistentin, sobald ich eine gefunden habe.» Darum musste ich mich unbedingt kümmern – bei Christie’s wäre demnächst eine Modeauktion, zu der ich unbedingt gehen wollte.

«Du hattest ein regelmäßiges Einkommen», fuhr Mum fort und tauschte den Kamm gegen eine Puderdose. «Und jetzt bist du hier und eröffnest dieses… Ladenlokal.»Es klang aus ihrem Mund fast wie «Bumslokal». «Was, wenn es nicht funktioniert? Du hast ein riesigen Kredit aufgenommen, Schatz…»

«Vielen Dank, dass du mich daran erinnerst.»

Sie puderte sich die Nase. «Und du wirst sehr hart arbeiten müssen.»

«Das kommt mir gerade recht», sagte ich ruhig, denn dann würde ich weniger Zeit zum Grübeln haben.

«Wie auch immer, ich wollte dir nur gesagt haben, wie ich darüber denke», schloss sie salbungsvoll, klappte ihre Puderdose zu und steckte sie wieder in ihre Tasche.

«Und wie läuft es auf der Arbeit?», fragte ich sie schließlich.

Mum verzog das Gesicht. «Nicht gut. Es gab Probleme mit dem riesigen Haus in der Landbroke Grove– John ist ganz nervös, und das setzt auch mich unter Druck.» Mum arbeitete als Chefsekretärin bei einem erfolgreichen Architekten, John Cranfield, und das schon seit zweiundzwanzig Jahren. «Es ist nicht leicht», sagte sie, «aber andererseits kann ich mich in meinem Alter glücklich schätzen, einen Job zu haben.» Sie beäugte sich im Spiegel. «Sieh dir nur mein Gesicht an», stöhnte sie.

«Du hast ein sehr schönes Gesicht, Mum.»

Sie seufzte. «Mehr Runzeln als Gordon Ramsay, wenn er wütend ist. Diese ganzen neuen Cremes scheinen überhaupt keine Wirkung zu haben.»

Ich dachte an Mums Frisierkommode. Früher hatte darauf eine einzige Flasche Oil of Olaz gestanden, jetzt sah es bei ihr aus wie in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses – diese ganzen Tuben mit Retin-A und Vitamin C, Töpfchen mit Derma Genesis und Moisture Boost, die pseudowissenschaftlichen Kapseln mit Ceramiden und Hyaluronsäure, Cellular Nurturing, Epoxy-Restoring für dies und das und jenes.

«Nur Träume in Tiegeln.»

Sie kniff sich in die Wangen. «Vielleicht hilft ein wenig Botox… Ich spiele schon eine Weile mit dem Gedanken.» Mit Zeige- und Mittelfinger der linken Hand zog sie eine Augenbraue nach oben. «Aber wie’s der Teufel will, geht’s schief, und am Ende habe ich die Augenlider auf Höhe der Nasenlöcher. Wirklich, ich hasse diese ganzen Falten.»

«Dann lerne, sie zu lieben. Es ist normal, Falten zu haben, wenn man neunundfünfzig ist.»

Mum zuckte zusammen, als hätte ich sie geschlagen. «Nicht. Mir graut schon davor, wenn sie mir bald meine kostenlose Senioren-Busfahrkarte schicken. Warum kriegen wir keinen Taxischein, wenn wir sechzig werden? Dann würde es mir nicht so viel ausmachen…»

«Wie auch immer, Falten machen schöne Frauen nicht weniger schön», fuhr ich fort und verstaute einen Packen Village-Vintage-Tragetaschen hinter der Kasse. «Nur interessanter.»

«Nicht für deinen Vater.»

Ich antwortete nicht.

«Wohlgemerkt, ich dachte, er liebt Ruinen», fügte Mum trocken hinzu. «Schließlich ist er Archäologe. Trotzdem ist er jetzt mit so einem jungen Ding zusammen, das kaum älter ist als du. Absurd», murmelte sie bitter.

«Es kam auf jeden Fall überraschend.»

Mum schnipste ein unsichtbares Stäubchen von ihrem Rock. «Du hast ihn doch heute Abend nicht etwa eingeladen? Oder?» In ihren haselnussbraunen Augen sah ich eine… Mischung aus Panik und Hoffnung.

«Nein, habe ich nicht», antwortete ich leise. Nicht zuletzt, weil sie womöglich mitgekommen wäre. Denn das hätte ich Ruth durchaus zugetraut.

«Sechsunddreißig», sagte Mum bitter, als wäre es die «Sechs», die sie am meisten empörte.

«Inzwischen muss sie achtunddreißig sein», entgegnete ich.

«Ja… und er ist zweiundsechzig! Hätte er doch bloß nicht diese verdammte Fernsehserie gemacht», jammerte sie.

Ich nahm eine bronzegrüne Hermès-Kelly-Handtasche aus dem Dustbag und tat sie in eine Vitrine. «Du konntest doch nicht wissen, was passieren würde, Mum.»

«Allein der Gedanke, dass ich ihn noch dazu überredet habe – auf ihr Geheiß!» Sie nahm sich ein Glas Champagner, und ihr Ehering, den sie weiterhin trug, obwohl mein Vater sie verlassen hatte, blitzte in einem Sonnenstrahl auf. «Ich dachte, es würde seiner Karriere förderlich sein», fuhr sie traurig fort und trank einen Schluck. «Ich dachte, es wäre gut für seine Reputation und er würde ordentlich Geld verdienen, das uns im Alter gut zustattenkommen würde. Und dann dreht er Die Große Grabung – und hat vor allem sie angegraben.» Mum verzog das Gesicht. Sie trank noch einen Schluck Champagner. «Er ist einfach… grässlich.»

Ich musste ihr recht geben. Nicht nur, dass mein Vater in achtunddreißig Ehejahren zum ersten Mal eine Affäre hatte, meine Mutter musste die Geschichte auch noch ausgerechnet aus der Klatschspalte des Daily Express erfahren. Mir schauderte, als ich mich daran erinnerte, wie ich die Bildunterschrift zu dem Foto gelesen hatte, das meinen Vater zeigte, mit untypisch verschlagenem Blick, zusammen mit Ruth vor ihrer Wohnung in Notting Hill:

FERNSEH-PROF VERLÄSST EHEFRAU – IST DIE NEUE SCHWANGER?

«Siehst du deinen Vater oft, Schatz?», hörte ich Mum bemüht beiläufig fragen. «Natürlich kann ich dagegen nichts tun», fuhr sie fort. «Und das will ich auch nicht, er ist schließlich dein Vater. Aber wenn ich ehrlich bin, ist der Gedanke, dass du Zeit mit ihm und ihr … und… und…» Mum brachte es nicht über sich, das Baby auch nur zu erwähnen.

«Ich habe ihn ewig nicht gesehen», sagte ich wahrheitsgemäß.

Mum kippte den restlichen Champagner hinunter und trug das Glas in die Küche. «Ich trinke besser nichts mehr, sonst fange ich bloß an zu weinen. Also», sagte sie forsch, als sie zurückkam, «lass uns das Thema wechseln.»

«Okay… sag mir, was du von dem Laden hältst. Du warst ja seit Wochen nicht hier.»

Mum ging durch den Raum, und ihre eleganten Bleistiftabsätze klapperten über den Holzfußboden. «Er gefällt mir. Es sieht überhaupt nicht aus wie ein Secondhandladen – es ist eher so, als wäre man irgendwo, wo’s schön ist, zum Beispiel in einem eleganten Kaufhaus.»

«Es freut mich, das zu hören.» Ich reihte die Champagnergläser, in denen es leise perlte, auf dem Ladentisch auf.

«Das liegt daran, dass Vintage-Läden sehr chaotisch sein können. Oft sind die Kleiderstangen so vollgehängt, dass man sich die Sachen nur mit Mühe richtig anschauen kann. Ich achte darauf, ausreichend Licht und Luft zwischen den Kleidern zu lassen, dass es ein Vergnügen sein wird, sie zu begutachten. Und wenn etwas sich nicht verkauft, hole ich einfach etwas anderes aus dem Lager. Aber sind die Kleider nicht reizend?»

«Jaaa», antwortete Mum. «In gewisser Hinsicht.» Sie wies auf die Cupcake-Kleider. «Die sind so fröhlich.»

«Ich weiß… ich kann mich gar nicht daran sattsehen.» Ich überlegte, wer sie wohl kaufen würde. «Und sieh dir diesen Kimono an. Er ist von 1912.Hast du die Stickerei gesehen?»

«Sehr hübsch…»

«Hübsch? Das ist ein Kunstwerk. Und dieser Abendmantel von Balenciaga. Sieh dir den Schnitt an, er ist aus nur zwei Stücken gefertigt, einschließlich der Ärmel. Der Schnitt ist unglaublich.»

«Hmm…»

«Und dieses Mantelkleid – es ist von Jacques Fath. Sieh dir den Brokat an mit dem Muster aus kleinen Palmen. Wo findet man heute noch so etwas?»

«Das ist ja alles schön und gut, aber…»

«Und dieses Kostüm von Givenchy. Also, das würde dir toll stehen, Mum. Du kannst knielange Röcke tragen, du hast tolle Beine.»

Sie schüttelte den Kopf. «Ich würde niemals Vintage-Kleidung tragen.»

«Warum nicht?»

Sie zuckte die Achseln. «Ich möchte neue Sachen haben.»

«Ja, aber warum eigentlich?»

«Das habe ich dir schon einmal erklärt, Schatz – weil ich in der Nachkriegszeit aufgewachsen bin. Ich hatte nichts anderes anzuziehen als scheußliche abgelegte Sachen von anderen –