Der stumme Widerstand - Henry J. Frost - E-Book

Der stumme Widerstand E-Book

Henry J. Frost

0,0

Beschreibung

Liron staunt nicht schlecht, als Juna ihm unter mysteriösen Umständen im Wald begegnet. Gemeinsam begeben sich die beiden auf eine abenteuerliche Reise in die Eifel des 11. Jahrhunderts. Unheimliche Wesen, mystische Sagen, uralte Mächte, neue Freundschaften und eine tiefe Bindung prägen die Beziehung des ungleichen Duos. In diesem Roman verliert der Leser sich in einer Beziehung zwischen Mensch und Tier, die auf realen Trainingsansätzen beruht. Gleichzeitig gelingt es dem Autor und Hundetrainer Henry J. Frost eine sagenumwogene Geschichte in der atembraubenden Naturlandschaft der Eifel zu erschaffen. Dieses Buch ist ein einzigartiger Fantasyroman für LiebhaberInnen von spannenden Geschichten in der Eifel. Wer möchte kann darin jedoch einen Mehrwert finden, denn der Autor veröffentlicht mit diesem Werk gleichzeitig sein Konzept des stummen Widerstandes, ein Trainingsansatz für Mensch und Hund. Fesselnd, spannend, informativ und lehrreich. Hundetraining mal ganz anders. Entspannt und nebenbei... ...oder ohne Hund mit einem leckernen Tee oder Met am Kaminfeuer. In einem eigenen Sachbuchteil am Ende des Romans geht der Autor nochmal genau auf die wichtigsten Punkte des Trainingsansatzes ein - sowohl in Theorie als auch in praktischen Übungen!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 512

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt:

ROMAN:

Vorwort

Kapitel 1 Der Anfang vom Ende

Kapitel 2 Fia

Kapitel 3 Rettung mit Folgen

Kapitel 4 Neuanfang

Kapitel 5 Otto

Kapitel 6 Welpenterror

Kapitel 7 Ula

Kapitel 8 Das Talent

Kapitel 9 Erkenntnis

Kapitel 10 Der Zyklus der Zeit

Kapitel 11 Der stumme Widerstand

Kapitel 12 Lulu

Kapitel 13 Erin

Kapitel 14 Idris

Kapitel 15 Nebur

Kapitel 16 Misserfolg

Kapitel 17 Hofwächter

Kapitel 18 Spiel auf Pergament

Kapitel 19 Pflichten

Kapitel 20 Zum goldenen Schwein

Kapitel 21 Weggefährten

Kapitel 22 Baldurs Hof

Kapitel 23 Das Mädchen

Kapitel 24 Rätsel mit Folgen

SACHBUCH:

Das Konzept des stummen Widerstandes

1. Theoretischer Teil

2. Praktischer Teil

KAPITEL 1

1016 N. CHR. | DER ANFANG VOM ENDE

Es ist schön, in dieser ungewissen Zeit, einen so treuen Freund an meiner Seite zu haben!“ Eine düstere, männliche Gestalt lehnte an der dicken Mauer neben dem schmalen Fensterschacht der Niederburg und blickte zu ihrem vierbeinigen Weggefährten herab. „Bleib immer in meiner Nähe, egal was passiert!“ Sie trug einen dunklen Leder mantel, der ungefähr eine Handbreit über dem Boden endete. Die Kapuze des Mantels ragte weit ins Gesicht und ihre Unterarme wurden durch einen ledernen Schutz bedeckt. Auf letzteren waren verschiedene schwungvolle Muster und Runen aufgestanzt. Das Gesicht, kaum zu erkennen, obwohl der Mond schon weit über der Burg am Himmel stand. Die Schuhe waren ebenfalls aus Leder und verkrustet von Dreck und Erde, denn der Boden war matschig und es roch nach nassen, alten Mauern und fauligem Wasser. Der vierbeinige Gefährte war ein Wolf mit hellem Fell und blau funkelnden Augen, größer als andere Wölfe, ungefähr um die Hälfte und von kräftiger und muskulöser Statur. Er blickte die besorgt wirkende Gestalt an und setzte sich neben sie. Um seinen Hals trug er ein ledernes Halsband mit einem türkis farbenen Stein. Langsam schob er seinen Kopf unter die linke Hand seines Freundes und atmete tief ein und aus. Die Hand begann seinen Kopf sanft zu kraulen, während der Wolf die Augen schloss.

In der rechten Hand hielt der Mann einen kleinen, blau schimmernden, rundlichen Gegenstand, den er langsam zwischen seinem Daumen, Finger und der Handfläche hin und her rollte. Auf seinem Rücken steckte in einer Scheide ein Schwert mit kunstvoll verziertem Griff. An seiner rechten Hüfte ragte ein Dolch unter seinem Mantel hervor. Sein Blick wanderte wieder nach draußen durch den Fensterschacht, aus dem er nicht viel sehen konnte, allerdings ließ das Geschrei der Gestalten und das Bersten von Holz, sowie das schwere Getrampel Hunderter erahnen, dass etwas Schlimmes bald bevorstand.

Die Burgen zu Mandreschreit waren aufgeteilt in eine Ober- und eine Niederburg. Letztere lag erhaben auf einem Felsen, der an drei Seiten von dem Fluss Lesura begrenzt und umgeben war. Sie floss durch das Tal zwischen den beiden Burgen in einer großen Schleife hindurch und die Uferregionen waren teils mit starken Eichen und Buchen, teils mit wunderschönen Kiefern bewachsen. Dieses Tal war wiederum von steilen, dicht bewaldeten und felsigen Hängen umgeben. So galten die Burgen von ihrer Lage her, mitten in der Eifel, als schwer einzunehmen und schienen vor feindlichen Angriffen geschützt. Aus dem Fensterschacht sah die Gestalt genau auf die steilen Hänge, auf denen zwischen den Bäumen immer mehr Fackeln auftauchten, begleitet von angsteinflößenden Schreien und dem Klappern von Schwertern und Rüstungen. Seufzend drehte er sich um. Durch einen schmalen Gang, an dessen Wänden erloschene Fackeln hingen, führte sein Weg in einen größeren Saal. Es war nahezu stockdunkel. Nur das Licht des Vollmondes, welches durch die Fensterschächte in den Raum fiel, sorgte dafür, dass man schemenhaft große Tische und Stühle erkennen konnte, die auf einem steinigen Boden standen. Der Wolf blieb dicht an seiner Seite. Sie gingen zu einem der Tische, auf dem eine Person zu liegen schien. Vorsichtig prüfte die Gestalt mit seiner Hand fläche vor Mund und Nase der regungslosen Personen, ob diese noch lebten.

„Immer noch bewusstlos“, sagte er besorgt und atmete tief ein. „Dann liegt es wohl an uns!“ Er blickte seinen Wolf an, lächelte und ging in die Knie, so dass das Raubtier sogar größer war als er. Sie blickten sich in die Augen. „Wir können das schaffen, scheinbar hängt es jetzt tatsächlich allein an uns. Wir stehen das gemeinsam durch!“ Er nahm den Kopf des Wolfs sanft in die Hände und gab ihm, während er aufstand, einen Kuss auf seine Nase. Dieser blinzelte, legte sanft die Ohren an und schleckte sich über die Schnauze. Dann gingen sie aus dem Saal heraus und es war zu erkennen, dass noch ein halbes Dutzend anderer, schemenhafter Gestalten, bewegungslos in dem Raum verteilt waren. Einige saßen auf Stühlen mit dem Oberkörper auf den Tischen liegend, andere schienen von den Stühlen herunter gerutscht zu sein und lagen auf dem kalten Boden. An einer Seite des Raums war ein großer Kamin, dessen Feuer ausgebrannt war und es stieg nur noch wenig Rauch von dem verkohlten Holz auf. Die Burg wirkte verlassen, dunkel und ohne Leben. Kein Feuer brannte in ihr oder außerhalb auf den schweren Burgmauern. Als sie draußen ankamen wehte ihnen ein leichter Wind ins Gesicht. Es war nicht kalt, aber auch nicht besonders warm, der Winter war vorbei und die Bäume und Sträucher begannen mit zartem Laub auf den erwachenden Frühling hinzudeuten. Hier draußen war der Lärm derer, die sich auf dem Gipfel des Hangs um die Burg aufgebaut hatten, noch angsteinflößender. Erst jetzt konnten sie die Menge an Fackeln erkennen, die rundherum, einige in großer Entfernung, andere in unmittelbarer Nähe, aufgestellt waren. Im Tal zwischen den Burgen lag die Turnierwiese direkt an der Lesura. Über eine kleine Holzbrücke konnte sie außerhalb der Mauern der Niederburg erreicht werden. Von der Oberburg schlängelte sich ein schmaler Pfad den steilen Berg hinunter. Hier, auf der Turnierwiese, lebten eigentlich die Stallburschen und Mägde, sowie die Pferde derer, die die Burg bewohnten. Die Stallungen waren aus dicken Buchenstämmen gebaut, teilweise überdacht und an einer Seite offen, so dass die Pferde sich aussuchen konnten, ob sie innerhalb des Gatters, oder außerhalb stehen wollten. Daneben war die Schmiede, in der normalerweise ein helles Feuer loderte. Als die Gestalt und ihr Wolf über die dicke Mauer herab zur Turnierwiese schauten, auf der normalerweise zu jeder Tages- und Nachtzeit etwas los war, sahen sie auch hier nichts. Weder das Flackern der Fackeln noch das Lodern des Schmiedeofens. Auch der Blick hoch zur Oberburg ließ nichts Gutes erahnen, nur die Fackeln derer, die die Burg umstellten, waren zu sehen. Die Oberburg war nördlich gelegen. Westlich am Hang, lag der kleine Ort Mandreschreit. Der gesamte Ort befand sich an einem Hang. Von dort ging ein Feldweg nach Süden weg, machte nach etwa dreihundertfünfzig Klafter eine scharfe Linkskurve, um dann genau auf die Niederburg zuzugehen. Pferdekutschen und Ochsenkarren nahmen diesen Weg, der vor der Burg eine Rechtskurve machte und über eine Holzbrücke hinweg, unter der die Lesura floss, an der Burg vorbei, nach Osten durch einen dicht bewaldeten Hang den Ort verließ.

In Mandreschreit selbst lebten einige Menschen. Unter anderem gab es die Taverne „Zum goldenen Schwein“, mehrere, aus Stein gebaute Wohnhäuser, einen Schreiner, einen Weber und die Bauern mit ihrem Vieh. Aber auch hier war niemand zu sehen. Die Häuser wirkten wie ausgestorben. Die Türen und Fenster waren mit Brettern zugenagelt, so, als wäre man auf das Kommende vorbereitet gewesen. Auf den Straßen hingegen tauchten von Westen her immer mehr Gestalten auf, sowohl Männer als auch Frauen, die durch den Ort hindurch ein klares Ziel zu haben schienen. Dabei traten sie die Zäune und Tore der Vorgärten um und verwüsteten alles, was ihnen im Weg stand. Manche hielten in einer Hand ein Schwert, andere mit zwei Händen eine Lanze, wieder andere eine Fackel. Ihre Blicke waren leer, teilweise trugen sie Helme und Rüstungen. Die meisten von ihnen brauchten scheinbar keinen zusätzlichen Schutz. Zwischen ihnen, mitten auf dem Feldweg, ritt ein Mann auf einem großen, schwarz-weißen Kaltblut. Er trug eine Rüstung aus schwerem Eisen und einen Helm, durch dessen schmalen Schlitz seine düster dreinblickenden Augen kaum zu erkennen waren. An seiner linken Seite hing ein breites Schwert und auf seinem Rücken hatte er ein rundes Holzschild befestigt. Er hielt in seiner linken Hand eine Fackel, mit seiner Rechten die Zügel. Das Pferd schnaubte und schüttelte seinen Kopf, während es mit den Gestalten den Hang hinab ging. Sie kamen an eine Stelle am Berg, von der aus man einen guten Blick über das Tal hatte. Hier, westlich der Niederburg, blieben sie stehen und der Reiter beobachtete, wie die Schar von Kreaturen sich rund um die Burg auf den Hängen aufstellte. Die Fackeln wurden immer zahlreicher. Als sein Blick nach Osten ging, kündigte die Röte am Himmel zwischen den Bäumen den bevorstehenden Sonnenaufgang an.

„Jetzt ist es endlich soweit“, schrie der Reiter mit dunkler, machtvoller Stimme. „Vor uns liegt es, unser Ziel, auf das wir schon seit langer Zeit hingearbeitet haben. Ich will, dass es mir gehört! Tötet alles und jeden, der sich euch in den Weg stellt!“ Die Stimme donnerte geradezu über das Tal, er zog sein Schwert und streckte es weit über seinen Kopf. Dabei ließ er die Zügel los. Die Gestalten rund um die Burg schrien und schlugen mit ihren Klingen aufeinander, die Fackeln triumphierend in die Höhe gestreckt.

Auf der Niederburg zuckte der Wolf kurz zusammen, baute sich vor seinem Weggefährten auf, knurrte und sträubte sein Fell an Nacken und Steiß mit gesenktem Kopf.

„Das sehe ich genauso“, sagte der Mann wobei sein Blick über die unzähligen Fackeln schweifte. „Ganz schön ungerecht, oder? So viele gegen uns zwei.“ Sein Blick ruhte auf dem Wolf während er angespannt ausatmete. „Wahrscheinlich muss der schreiende Herr da oben irgendetwas kompensieren.“

Er ging zügig zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren, durch einen kleinen Torbogen einige Stufen auf die untere Ebene der Burg, auf der sich der Eingang befand. Der Wolf folgte ihm mit erhobener Rute. Das Geschrei wirkte hier in der Burg einschüchternd. Die Ansprache des Reiters entging ihnen nicht, auch wenn sie wegen der Lautstärke nicht verstehen konnten, was deren Inhalt war. Der Eingang zur Burg war östlich mit einem großen Eichentor verschlossen, welches mit einem schweren Eichenbalken und dunklen Metallstreben verriegelt wurde. Der aus abgerundeten Steinen gepflasterte Boden und die Stufen waren teilweise in den Felsen, auf der die Burg stand, geschlagen. An einer südwestlichen Ecke, von der aus sie gut zum Burgturm hinaufblicken konnten, blieben sie stehen. Plötzlich verstummte das Geschrei. Der Wolf schaute den Mann an. Dieser blickte über die Burgmauer zum westlichen Hang, auf der der Reiter stand.

„Es geht los“, flüsterte er dem Wolf zu. „Jetzt wird sich zeigen, ob wir etwas gelernt haben, oder alles umsonst war!“ Er schloss die Augen und senkte den Kopf, wobei er den rundlichen Gegenstand in seiner Hand mit der Daumenspitze gezielt hin und her zu rollen begann. Er schien sich einzig auf ihn zu konzentrieren, wobei dieser immer stärker bläulich zu leuchten begann. Auf jeder der zwanzig Seiten erschienen schwungvolle Runen. Gleichzeitig setzte das Geschrei wieder ein, das Pferd des Reiters wieherte und stellte sich auf die Hinterbeine. Der Reiter hatte seine Fackel weggeworfen, um sich an den Zügeln des Pferdes festzuhalten. Sein Schwert hielt er dabei weiter angriffslustig in die Luft. Er schrie ebenfalls etwas. Die Gestalten rund um die Burg begannen unter lautem Gepolter und Getrampel die Hänge hinunter, auf die Burg zuzustürmen. Die Fackeln kamen schnell näher, Bäume wurden umgestoßen und fielen mit lautem Krachen auf den Boden. Teile der Felsen, Steine und Geröll lösten sich unter der Wucht der Heranstürmenden und polterten ins Tal. Der Reiter schien regungslos dem Treiben zu folgen. Es war eine unmenschliche Übermacht, die erbarmungslos und ohne Gnade alles vernichten würden, was sich ihnen in den Weg stellte.

Am Tor der Burg begann plötzlich etwas zu kratzen und zu jaulen, so furchteinflößend, dass der Wolf ein weiteres Mal zusammenzuckte, bevor er sich mit dem Blick in die Richtung vor den Mann stellte. Das Raubtier ließ mit gesenktem Haupt den Burgeingang nicht aus den Augen. Der Mann öffnete die Hand und der Gegenstand schwebte zwischen seinen Fingern und dem Daumen. Weiße Blitze fuhren von den Fingerspitzen und dem Daumen in den Gegenstand hinein, schienen sich in diesem zu bündeln um machtvoll aus ihm heraus, über den steinigen Boden, in Richtung Burgturm zu strömen. Der Mann hob seinen Kopf und begann zu schreien. Sein Körper war so angespannt, dass die Adern sich an Schläfe, Hals und den Händen herausdrückten. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn, als die Niederburg und das Tal von einem gleißenden und blendenden Licht erhellt wurden.

KAPITEL 2

FIA

Mit einem lauten Schrei erwachte Fia. Sie hatte Probleme, sich zu orientieren. Schweißgebadet setzte sie sich auf ihr Bett und atmete nervös ein und aus. Es war mitten in der Nacht.

„Hattest du wieder diesen bösen Traum?“ Fia drehte ihren Kopf hektisch zum Bett ihres Bruders, dessen vagen Umriss sie schemenhaft in der Dunkelheit erkennen konnte.

„Ja!“, stieß die junge Frau keuchend hervor.

„Wieder der böse Reiter?“, hakte ihr Bruder nach.

„Ja!“ Fia schluckte und wischte sich mit ihrem Ärmel den Schweiß aus dem Gesicht. „Aber diesmal war da noch mehr.“

„Noch mehr?“, ihr Bruder wurde neugierig.

„Da waren grausame Gestalten und Fackeln.“ Sie legte sich wieder hin und starrte zur Decke.

Fia lebte mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Hans, ihrer Mutter und ihrem Vater auf einem Hof südlich des Ahrgebirges im Norden der Eifel. Sie war eine fröhliche und aufgeweckte junge Dame von 16 Jahren. Ihr dunkelblondes Haar fiel in Locken bis zwischen die Schulterblätter. Wenn sie lachte, hatte sie so ein Funkeln in den Augen und um ihre Mundwinkel bildeten sich feine Grübchen.

„Was denn für Gestalten?“, wollte ihr Bruder wissen.

„Ich weiß es nicht mehr“, Fia drehte sich zu ihm und legte ihren Kopf auf den Arm. „Gestalten eben.“

„Und was haben sie gemacht?“, ihr Bruder Hans war zugleich ihr bester Freund. Er hatte kurzes, strohblondes Haar und dieselben Augen wie seine Schwester. Sie unternahmen alles zusammen und dabei gab es so gut wie nie Streit. Wenn Hans etwas ausgefressen hatte, deckte ihn Fia und umgekehrt. Ihre Beziehung zueinander war etwas Besonderes.

„Sie schrien!“ Fia legte sich wieder auf den Rücken und starrte weiter zur Decke. „Es war nur wieder ein böser Traum, tut mir leid, dass ich dich geweckt habe.“

„Macht nichts“, sagte ihr Bruder und legte sich auf die Seite. „Die bösen Träume häufen sich aber in letzter Zeit.“

„Ja, das stimmt“, seufzte sie.

„Kannst du dich an noch etwas erinnern?“

Fia schwieg für eine ganze Weile. Hans konnte nur ihren Atem hören. „Fia?“, fragte er ungeduldig.

„Da war noch ein heller Blitz“, antwortete sie schließlich.

„So wie bei einem Gewitter?“

„Hans, ich weiß es nicht“, sie drehte sich genervt von ihm weg. Draußen war es stockdunkel. „Lass uns versuchen zu schlafen, vielleicht erinnere ich mich morgen an etwas.“

„Aber jetzt bin ich wach!“ Hans saß immer noch kerzengerade im Bett, die Arme fest vor der Brust verschränkt und blickte sie böse an.

„Es tut mir leid.“ Einen kurzen Moment später drehte sich Fia wieder zu ihm. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren krabbelte sie zu ihrem Bruder ins Bett. Das reichte schon, um die Aufregung der Nacht zu besänftigen und schon bald, eng aneinander gekuschelt, wieder einzuschlafen. Doch an eine ausgiebige Nachtruhe war nicht zu denken. Früh mussten Fia und Hans aufstehen, denn es gab auf dem Hof genug zu tun. Sie waren beide ihrem Alter entsprechend hilfsbereit und unterstützen ihre Eltern so gut sie konnten. Natürlich spielten sie lieber und wenn es ging, versuchten sie sich heimlich vor der Arbeit zu drücken. Trotzdem misteten sie die Ställe, rupften das Unkraut aus dem Garten oder kehrten den Boden des Wohnhauses. Letzteres war aus breitem Stein und Lehm erbaut und hatte eine große Wohnküche, in der sich die Familie die meiste Zeit aufhielt und die Tage nach der anstrengenden Hofarbeit ausklingen ließ. Das Schlafzimmer der Eltern lag direkt neben dem von Hans und Fia. Die Einrichtung gestaltete sich schlicht aber gemütlich. Die Familie war nicht wohlhabend, allerdings waren sie fleißig und arbeiteten hart für ihre Ziele. Insgesamt gab es vier Fenster die mit einer Glasscheibe den Wind und den Regen draußen sowie die Wärme im Inneren hielten. Glas war selten und nicht billig, aus diesem Grund kostete es die Familie ein kleines Vermögen. Mittig in der Wohnküche stand ein großer, kreisrunder Ofen, dessen Kamin, aus Sandstein gemauert, das Lehmziegeldach mit seinem rauchenden Schlot verließ. Hier kochte ihre Mutter täglich und zugleich wärmte sein Feuer das ganze Haus. Ihre Mutter Rachel war eine leidenschaftliche und begnadete Köchin. Fia und Hans hatten das Funkeln in den Augen von ihr geerbt. Sie hatte ebenfalls dunkelblondes, mittellanges Haar und ihre Kinder erlebten sie niemals schimpfend. Sie war ruhig und herzlich, nahm ihre Kinder oft in den Arm und konnte damit jeden Kummer trösten. Ihre große Liebe galt aber nicht nur ihren Kindern, sondern auch ihrem Mann Karl, der Vater von Hans und Fia. Er war großgewachsen und für Fia immer noch der stärkste Mann der Welt. Jeden Abend, wenn die Kinder ins Bett gingen, sang ihr Vater ihnen mit seiner Laute ein Gutenachtlied. Trotz ihres Alters liebte Fia seinen Gesang und hörte ihm mit verträumten Augen zu.

Der Tag ist vorbei, der Mond geht auf,

legt euch ins Bett und ruhet euch aus.

Die Nacht bringt Stille und Dunkelheit,

ich pass auf euch auf, die ganze Zeit!

Wir sind auch niemals ganz allein,

Hilfe ist um uns, so schlafet nun ein.

Wir glauben daran, wie es immer war,

uns beschützen die Teningar.

Die Märchen der Teningar lernte Fia von ihrem Großvater.

Er hatte den Grundstein für ihr Haus gelegt, war aber leider vor einigen Sommern von ihnen gegangen. Die Albträume, die sie heimsuchten, besprach sie vor allem mit ihm. Nach seinem Tod redete sie dann nur noch mit Hans darüber, der aufgrund des gemeinsamen Zimmers Fias Albträume mitbekam. Die Träume drehten sich immer um den selben dunklen Reiter und den hellen Blitz. Wenn sie mit ihrem Großvater darüber sprach, erzählte sie ihm auch von der runenartigen Schrift, die auf dem bläulich-schimmernden Gegenstand erschien. Da sich die Bilder in Fias Träumen immer wiederholten, hatte ihr Großvater die Idee mit seinen Enkeln eine Geheimschrift, basierend auf den Träumen, zu erfinden. Mit Federkiel und Pergament lernten Hans und Fia die Runen niederzuschreiben. Im Spiel nannten sie die Runen die geheime Schrift. Mit ihr konnten sie sich spielerische, verschlüsselte Botschaften zukommen lassen.

Nachts wachten vier schneeweißen Gänse über das Haus, den Stall und die Familie, wobei sie auf dem Gelände frei herumliefen. Fia hatte allen einen Namen gegeben. Sobald sich etwas oder jemand in der Dämmerung dem Haus näherte, machten Klara, Megan, Alba und Timur einen furchtbaren Lärm. Für Hans und Fia bedeutete das, sich schnellstmöglich zu verstecken. Denn das Land, auf denen ihr Großvater und ihre Eltern das Haus erbaut hatten, gehörte Bischof Oswin, der sich vor einiger Zeit in einem Anwesen auf der Anhöhe zur Are im Ahrgebirge niedergelassen hatte. Einmal im Monat kamen Männer seines Gefolges, um die Steuern für das Land einzutreiben. Wann, war nie ganz klar, denn sie kamen immer an unterschiedlichen Tagen und zu unterschiedlichen Zeiten. Normalerweise wurden die Steuern mit Gemüse, Getreide, Fleisch oder, wenn vorhanden, mit einigen geprägten Münzen beglichen. Bisher konnte Karl die Abgaben immer gut bezahlen. Er kam mit den Männern zurecht, war sich aber auch der Gefahr, die von Oswin ausging, allzu bewusst. Denn Oswin war dafür bekannt, dass er, wenn er wusste, dass junge Mädchen oder Jungen in einem Haus wohnten, diese für eine Nacht als Zahlung anstelle von anderen Naturalien mitnehmen ließ. Sie wurden umgehend in seine Wohngemächer zur Are gebracht, in denen er keine Störung billigte. Erst am frühen Morgen kamen die Kinder wieder aus dem Zimmer und kehrten verängstigt zu ihren Familien zurück. Sie sprachen nicht darüber, was dort geschah, denn Oswin drohte ihnen, dass der Teufel persönlich ihren Familien unsägliche Schmerzen bereiten würde, bis hin zum Tod, schlimmer als alles, was er ihnen antun könnte. Also waren Hans und Fia immer auf der Hut und hatten auch keine Freunde, mit denen sie draußen spielen konnten. Da Fia allerdings als volljährig galt, freute sie sich schon auf den Tag, an dem sie sich nicht mehr verstecken musste. Ob sie dies vor Oswin schützen würde, blieb ungewiss. Karl hatte sich noch nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, wie er das plötzliche Erscheinen einer neuen Person am Hof erklären könnte. Wahrscheinlich würde Fia offiziell als neue Magd auf dem Hof arbeiten.

Sie und ihr Bruder hatten nur sich und solange ihr Vater sie beschützen konnte, würde er es auch tun. Neben dem Ofen im Haus befand sich eine kleine Luke, in die die beiden immer klettern mussten. Davor legte Rachel einige Holzstücke, so dass das Versteck von außen nicht zu sehen war. Der Hof selbst lag weitab der anderen Siedlungen und nur ein holpriger Weg führte zu ihm. Schon von weitem konnte man erkennen, wenn sich jemand näherte. Um nicht entdeckt zu werden, spielten die Kinder meist hinter dem Hof in einem Waldstück oder arbeiteten in den Ställen. Vor allem Karl und Rachel hatten große Angst, waren sie doch das Wertvollste in ihrem Leben. Die Kinder wurden auf dem Hof geboren und nur ihre Eltern wussten, dass es sie gab. Rachel hatte vor vielen Jahren ein Kind bei der Geburt verloren, es kam schon tot zur Welt und alle Versuche Karls, es zum Atmen zu bringen, waren vergebens. Sie begruben es im Wald hinter ihrem Haus und gaben ihm den Namen Edlin. Während der letzten Wochen der Schwangerschaften, als auch weite Kleider den schnell heranwachsenden Bauch nicht mehr verstecken konnten, erledigte Karl alle Besorgungen. Wenn die Männer von Oswin kamen, setzte sich Rachel geschickt an den Esstisch, so dass niemandem etwas auffiel. Es war eine gefährliche Zeit, in der sie lebten und so lange es ging, wollten Karl und Rachel ihre Kinder vor diesen Gefahren der Welt beschützen. Sie wollten es ihnen ermöglichen, eine möglichst sorgenfreie und behütete Kindheit zu erleben. Um das zu erreichen, versuchte die Familie so unabhängig wie möglich zu sein. So gab es neben den Gänsen auch noch vier Kühe, einen Stier und zwei Schweine. Als der Stier kam, war dieser noch ein Kälbchen. Sobald man ihm ein paar Finger hinhielt, begann er schmatzend daran zu saugen. Vor allem Fia war total begeistert von ihm und flehte ihren Vater an.

„Darf ich ihm einen Namen geben?“ Karl hatte einmal spaßeshalber die Regel aufgestellt, wenn etwas einen Namen hatte, wurde es nicht gegessen.

„Fia...“, wollte er gerade, mit seufzendem Unterton einen Satz beginnen, da sprudelte es schon aufgeregt aus seiner Tochter hervor.

„Jonathan! Wir nennen ihn Jonathan!“, sie grinste ihren Vater über beide Ohren, mit großen Augen an. Dieser begann zu lächeln und nahm Fia sanft in den Arm.

„Ich kann dir ja doch keinen Wunsch abschlagen“, sagte er und gab ihr einen zarten Kuss auf den Kopf. „Aber die Kühe und Schweine dürfen keine Namen bekommen, abgemacht?“ Fia zögerte etwas.

„Abgemacht!“, sagte sie dann und strahlte ihren Vater an. Rachel und Karl war es wichtig, so grausam es auch sein mochte, dass Hans und Fia wussten, woher ihr Fleisch kam. Das Schlachten der Tiere war ein unumgängliches Übel, die Familie zu ernähren. Fia kümmerte sich jeden Tag um Jonathan und sie erlebte, wie er schnell an Masse zulegte und zu einem imposanten Stier heranwuchs. Und obgleich er von seiner Höhe doppelt so groß wie das Mädchen war, ging er ganz sanft mit ihr um. Sie kraulte ihn gerne fest mit beiden Händen auf dem Kopf zwischen seinen Hörnern, wobei das Tier sie vorsichtig von unten anstupste. Manchmal umarmte Fia auch den riesigen Schädel, indem sie ihn mit ihren Armen um die Wangen festhielt und ihren Kopf quer auf seine Stirn legte. Jonathan hatte eine unglaubliche Kraft, war mit dem Mädchen aber immer ganz sanft. Seine Aufgabe auf dem Hof war es, mit den Kühen Nachwuchs zu zeugen. Fia fiel es schwer, die Kälbchen nicht genauso zu umsorgen, wie einst Jonathan. Ihr war aber auch klar, dass das Fleisch der Tiere benötigt wurde, damit sie überleben konnten. Geschlachtet wurde auch nicht selbst, Karl trieb das Vieh mit dem Karren einige Meilen südlich zum Schlachter Baldur. Den Karren zog Wilhelmine, eine graue Destrier, welche Karl als ausgedientes Schlachtross günstig erwarb. Das Pferd lebte, mitsamt ein paar Katzen, ebenfalls auf dem Hof. Neben dem Vieh bestellte Karl auch noch einige Felder mit Gemüse und Getreide, denn das meiste von dem, was die Tiere fraßen fanden sie entweder auf den großen, eingezäunten Wiesen oder bauten es selbst an. Lediglich im Winter mussten Rachel und Karl manchmal Futter hinzukaufen, wenn der Schnee zu lange lag und die Tiere dadurch nichts mehr fanden.

Trotz alledem fand Rachel neben der ganzen Hof- und Stallarbeit täglich Zeit für ihre Kinder. Sie lachten viel, spielten Fangen und Verstecken oder ließen sich einfach nur zusammen rückwärts ins Heu fallen, um Figuren in den Wolken zu erraten. Fia liebte ihre Mutter und genoss es, sich an sie zu kuscheln und ihrem Herzschlag zu lauschen.

An einem Tag im Sommer spielte Hans hinter dem Hof im Wald. Es war warm und der kühle Schatten der Bäume schützte den Jungen vor einem unangenehmen Sonnenbrand. Er sammelte jede Menge Stöcke und hatte damit begonnen, sich eine Höhle zu bauen. Sie sollte beeindruckend groß werden, damit er und seine Schwester in einer lauen Sommernacht darin schlafen konnten. Fia half ihrer Mutter im Haus, Kürbisse zu zerkleinern und begann, Linsen zu wässern. Dabei bekam sie erklärt, was wichtig war, damit der Kürbis nicht in der gusseisernen Pfanne anbriet.

„Das Geheimnis“, sagte Rachel, „ist, dass du die Pfanne, bevor du sie auf die Feuerstelle stellst, gut mit Gänsefett einschmierst.“ Ihre Stimme war sanft und beruhigend. Fia liebte es ihr zuzuhören und von ihr zu lernen. Ihre Mutter hatte immer ein liebevolles Lächeln auf den Lippen, wenn sie sprach. „Dann brauchen wir auch noch eine Zwiebel und Speck!“, fuhr sie fort. „Dein Vater liebt Speck!“ Rachel blickte mit verschmitzten Augen zu ihrer Tochter. „Wir müssen mit dem Speck aber auch aufpassen.“

„Warum denn das?“, wollte Fia wissen.

„Weil der Bauch deines Vaters dir verrät, dass es hier und da vielleicht schon einmal zu viel Speck gab.“

Nach einem kurzen Moment der Stille brachen beide in lautes Gelächter aus. Rachel liebte alles an ihrem Mann und Fia liebte den Humor ihrer Mutter.

Während die Frauen im Haus scherzten, mistete Karl den Schweinestall aus. Er bekam von der guten Laune nichts mit, stellte seine Mistgabel an die Stallwand und wollte prüfen, ob eine der Sauen tragend sein könnte. Doch die Tiere waren zu unruhig und bald darauf wurde auch klar, warum.

Ein lauter Schrei ertönte, wodurch ein Schwein Karl umrannte und zu Boden warf. Benommen blieb er liegen. Rachel stürzte zum Fenster und sah, wie zwei stämmige Männer mit schmutzigen, zerrissenen Mänteln, Hans hinterherjagten, der gerade panisch in Richtung des Hauses lief. Er stolperte und fiel zu Boden. Beim Versuch, wieder aufzustehen, wurde er von einem der Verfolger mit großer Kraft zurück auf den Boden getreten. Er wollte mit hilfesuchendem Blick wieder aufstehen, aber die Gestalt drückte ihn mit dem Fuß weiter zu Boden, nahm ihr Schwert in beide Hände und rammte es mit voller Wucht in Hans oberen Rücken. Der Junge krümmte sich vor Schmerzen und schrie auf, seine Augen füllten sich mit Tränen bei dem Versuch, sich loszureißen. Doch er hatte keine Chance.

„Mutter“, schrie er, doch der Angreifer drückte ihn mit dem Fuß weiter feste nach unten. Er zog unsanft das Schwert wieder aus dem Jungen heraus. Rachel sah, wie Hans leblos liegen blieb. Sie schrie panisch auf. Dann eilte sie zu Fia und sagte mit zitternder Stimme und unter Tränen, „Versteck dich sofort! Geh! Komm erst wieder raus, wenn ich dich rufe!“, sie schubste Fia in Richtung des Ofens.

„Was ist passiert?“, fragte Fia ängstlich, die nicht verstand, warum ihre Mutter plötzlich so aufgelöst war.

„Geh!“, schrie ihre Mutter und eilte zur Haustür. „Und komm nicht raus!“ Mit diesen Worten verließ sie eilig das Haus und schloss die Tür hinter sich. Fia krabbelte in die Luke beim Ofen und zog vorsichtig, so gut es ging, das Kaminholz davor. Sie hörte ihren Vater brüllen und das Scheppern von Metall, so als würden Schwertklingen aufeinanderprallen. Ihre Mutter schrie nach Karl und Hans und verstummte mit einem dumpfen Schlag. „Rachel!“, rief Karl schmerzerfüllt und Fia hörte, wie er laut röchelte und aufstöhnte. Eine gespenstische Stille trat ein. Fia zitterte am ganzen Körper und Tränen liefen über ihre Wangen. Durch den Spalt aus ihrem Versteck konnte sie genau auf die Holztür schauen, die sie nicht aus den Augen ließ. Im selben Moment wurde sie aufgestoßen. Ihre Mutter krabbelte auf allen Vieren blutüberströmt und hastig atmend herein. Sie versuchte die Tür direkt hinter sich zu schließen, doch dazu hatte sie keine Gelegenheit mehr. Ein Mann trat die Tür auf, so dass Rachel unsanft nach hinten auf den steinigen Boden fiel, genau vor die Luke hinter der sich Fia versteckte. Sie drehte sich auf den Bauch und versuchte auf den Armen wegzurobben. Dabei blickten Fia und ihre Mutter sich in die Augen und sie erkannte die Angst und Hilflosigkeit ihrer Mutter. Rachel bäumte sich auf und versuchte durch den Mund nach Luft zu ringen, doch es war vergebens. Sie erbrach dunkelrotes Blut direkt auf den Boden vor Fia und ihre Augen blickten, Tränen unterlaufen ins Leere, als ihr Kopf unsanft auf den Boden schlug. Fia sah das Schwert in ihrem Rücken stecken und den Fremden es ruckartig herausziehen. Sie biss sich mit voller Kraft in die eigene Faust und kämpfte, um keinen Ton von sich zu geben. Ihre Tränen liefen ununterbrochen und ihr Mund füllte sich mit ihrem eigenen Blut.

„Mach sie schnell fertig!“, befahl der Mann. Fia erkannte die Lederrüstung mit dem Mantel, eine krumme Nase, dunkle kurz gestutzte Haare und seine dreckige Haut sowie eine große Narbe auf seinem linken Unterarm, die aussah, wie ein schwarzes Mal. Der zweite Mann war kleiner gebaut und nahm etwas aus seiner Tasche. Er rollte Fia's Mutter mit dem Fuß brutal auf den Rücken, beugte sich über sie und verharrte längere Zeit über ihrem Gesicht. Fia konnte nicht genau erkennen, was er dort tat. Er stand wieder auf und war gerade im Begriff das Haus zu verlassen, da fauchte ihn der Erste an: „Hast du die Anderen schon erledigt?“ Der Zweite blickte ernst und nickte, wobei er genervt ausatmete und eine kleine, leere Viole in seiner Tasche verschwinden ließ. Fia sah durch die offene Haustür, eine weitere, gruselige Gestalt an ihr vorbei hinken. Sie wirkte riesig und gab brummende und knurrende Geräusche von sich. Fia war fassungslos. Kurze Zeit später hörte sie, wie die Schweine, die Rinder, die Gänse und auch Wilhelmine um ihr Leben zu kämpfen schienen. Die Schreie waren laut und furchtbar, es wurde getrampelt und gequietscht, Holz zerbarst, Möbel wurden umgeschmissen, bis plötzlich und ohne jede Vorwarnung, Ruhe einkehrte. Dann erschien der zweite Mann wieder in der Tür. Fia erschrak und zitterte am ganzen Körper. Er nahm ihre Mutter am linken Fuß und schleifte sie hinter sich her. Fia sah, wie sie eine breite Blutspur auf dem Boden zurückließ, ihre Augen immer noch weit aufgerissen und ins Leere blickend.

„Das Haus ist leer!“, brummte der Erste dem Zweiten hinterher, der es derweil durchsucht zu haben schien. „Schmeißt sie zu den Anderen auf den Karren und dann weg von hier. Brennt alles nieder!“ Fia hörte, wie Zügel schnalzten und Pferde wieherten. Das Knirschen der Steine auf dem Feldweg unter schweren Rädern wurde stetig leiser und schien sich vom Haus zu entfernen. Das Zischen des Feuers prasselte dafür immer lauter und das Haus füllte sich mit Rauch. Fia begann durch den Qualm zu husten. Sie traute sich nicht aus ihrem Versteck, bekam allerdings dort keine Luft. Sie nahm all ihren Mut zusammen und drückte mit ihren Händen die Luke auf, es war ihre einzige Chance, sonst würde sie ersticken. Der Rauch war so dicht und brannte dermaßen in ihren Augen, dass sie die Haustüre nicht mehr sehen konnte. Unter ständigem Husten krabbelte sie auf allen Vieren, der Blutspur ihrer Mutter folgend, Richtung Tür ins Freie. Sie hielt sich den Ärmel ihrer Cotte vor den Mund, konnte aber nicht gegen den Hustenreiz ankommen. Draußen rang sie nach Luft, weinte und zitterte immer noch. Ihr Blick wanderte hektisch umher. Sie sah die Verwüstung, die die Fremden hinterlassen hatten. Überall war Blut und das Haus hinter ihr stand lichterloh in Flammen. Sie war allein. Fia stand auf und verschränkte verängstigt die Arme vor ihrem bebenden Körper. Langsam bewegte sie sich zu den Ställen, „Vater?“, rief sie zögerlich, „Hans?“ Doch sie konnte ihre Familie nirgends finden. Bei den Ställen angelangt brach sie weinend auf die Knie. Panisch hielt sie die Hände vor den Mund. Rotz und Speichel vermischten sich zu einer zähen, durchsichtigen, schaumigen Flüssigkeit, die sich über ihr dreckiges Gesicht verteilte und in langen Fäden am Kinn herunterhingen. Sie schluchzte bei dem Anblick der sich ihr bot. Wilhelmines abgetrennter Kopf lag in ihrem Stall, überall Blut. Das massige Pferd schien keine Chance gehabt zu haben. Die Kühe waren ebenfalls abgeschlachtet, ihre Eingeweide verteilten sich auf dem gesamten Boden und hingen sogar an den Wänden und über den Querstreben des Zauns. Fia fiel auf ihren Hintern und drückte sich angsterfüllt und schluchzend mit den Füßen rückwärts über den Boden aus dem Stall. Sie drehte sich nach links und sah, wie ihre Gänse ohne Köpfe und mit aufgeschlitzten Bäuchen auf dem Hof des Stalls lagen. Fia konnte nicht fassen, was sie hier sah. Überall war Blut, mittlerweile auch an ihren Beinen, ihren Händen, ihren Armen und ihrer Brust. Als sie zu den Weiden hinübersah, erkannte sie, wie Jonathan seinen Kopf schmerzerfüllt hob. Der schwere Stier lag auf der Wiese und konnte nicht aufstehen. Er schnaubte angestrengt. Fia eilte zu ihm hinüber und erst als sie näher kam sah sie, dass Jonathan eine große, klaffende und blutende Wunde unter seinem Bauch hatte. Mit jedem Schnaufen des Stiers schwappte das Blut aus der offenen Stelle auf die Wiese, auf der sich bereits eine große Lache gebildet hatte, die langsam in der Wiese versiegte. Fia nahm ihre rechte Hand weinend vor ihren Mund und ging zum Kopf des Stieres. Sie kniete sich neben ihn und begann sanft seinen Hals zu streicheln.

„Ruhig“, sagte sie mit wimmernder und zittriger Stimme. Jonathan ließ seinen massigen Kopf langsam in ihren Schoß sinken, schloss seine Augen und schnaubte ein letztes Mal tief durch. Fia merkte wie er immer schwerer wurde. Sie weinte bitterlich, umarmte den toten Stier, und legte vorsichtig ihren Kopf auf den ihres Freundes.

KAPITEL 3

RETTUNG MIT FOLGEN

Dario und Liron liefen mit ihren Schwertern durch den Wald, der nördlich von ihrem Hof, dem Gut zu Weinfeld, lag. Sie waren schon über eine Meile von ihrem Zuhause entfernt und kämpften immer wieder gegeneinander. Dario war drei Jahre älter als sein Bruder, wobei Liron trotzdem schneller und wendiger war. Die Sonne stand hoch oben am tiefblauen Himmel. Ihre Strahlen sahen geradezu magisch aus, als sie durch das saftig grüne Blätterdach der riesigen Buchen fielen. Der Boden war voll altem, braunem Laub und die Brüder wirbelten es mit ihren Füßen auf, während sie hindurch liefen oder sich gegenseitig damit abwarfen. Sie lagen beide auf dem Boden und rangen miteinander, als Liron plötzlich inne hielt.

„Dario, warte, hast du das auch gehört?“ Dario dachte zunächst, dass Liron nur ablenken wollte, da er gerade auf dem Rücken lag und eine riesige Menge Laub ins Gesicht bekam.

„Ja ja, lenk' nicht ab“, lachte der größere Bruder und war dabei, eine weitere handvoll Blätter vom Boden aufzusammeln.

„Nein, jetzt hör' doch!“, sagte Liron energischer und richtete sich dabei auf. Überrascht von der Bewegung seines Bruders verlor Dario das Gleichgewicht, fiel rückwärts von Liron herunter und landete unsanft auf seinem Hintern. Als er sich wieder aufrichtete riss er erschrocken die Augen auf. Sie hörten wie mehrere Tiere miteinander kämpften. Es knurrte, grunzte und Zweige knackten. Dario und Liron schauten sich etwas irritiert an und beschlossen leise und langsam den kleinen Hang hoch zu kriechen, um zu erfahren, was dahinter vor sich ging. Sie versuchten dabei so leise wie möglich zu sein, da der Kampf auf der anderen Seite des Hügels sich so anhörte, als ob mehrere, größere Tiere miteinander kämpften. Dazwischen wollten sie auf keinen Fall geraten. Neugier und Entdeckerdrang waren allerdings größer als die Furcht und so robbten sie weiter. Stück für Stück arbeiteten sie sich durch das Laub, bis sie erkennen konnten, wer auf der anderen Seite für den Lärm verantwortlich war. Liron schaute verwirrt.

„Dario, bitte sag mir, dass du das auch siehst!“, flüsterte er zu seinem Bruder.

„Pssssst!“ Dario hielt seinen Zeigefinger vor den Mund und signalisierte Liron, dass er ruhig sein sollte. Die beiden Jungs sahen etwas, das sie vorher noch nie gesehen hatten. Auf der anderen Seite des Hügels befanden sich vier ausgewachsene Wölfe mit ihrem Nachwuchs. Die Brüder konnten nicht genau erkennen, wie viele Wolfsjunge es waren, jedoch kämpften die großen Wölfe gegen Wildschweine. Diese schienen es auf die Kleinen Raubtiere abgesehen zu haben. Eines der Schweine spießte einen Welpen mit seinen Hauern auf und schleuderte ihn durch die Luft. Liron und Dario irritierte, dass die Wildschweine allesamt stark verletzt zu sein schienen. Allein die Tatsache, dass die Schwarzkittel noch am Leben waren, ließ sie verdutzt und mit offenen Mündern dem Geschehen folgen. Es waren ungefähr acht bis neun Schweine. Einige hatten an ihrer Seite keine Borsten und Haut mehr, so dass die blanken Knochen der Rippenbögen mit den darin liegenden Organen zu sehen waren. Andere besaßen keinen Oberkiefer und es fehlte ihnen der für Schweine so typische Rüssel. Wieder andere hatten keine Ohren und es war auf einer Seite kein Auge zu sehen. Man konnte den Schädel mit der leeren Augenhöhle erkennen. Bei einem anderen war, wo eigentlich die Rippenbögen sein sollten, nur die Wirbelsäule. Rechts und links hingen Fetzen der Borsten und Schwarte, so dass die Hinterläufe sich eigentlich gar nicht mehr bewegen konnten.

„Wie kann das sein?“, flüsterte Liron aufgeregt.

„Psssst!“, zischte Dario erneut. „Willst du, dass sie uns hören?“ Er presste, diesmal energischer, seinen Finger vor seine Lippen. Die Wölfe schienen keine Chance gegen die Übermacht der Wildschweine zu haben, so sehr sie sich auch gegen diese zu wehren versuchten. Biss ein Wolf zu, hatte dies keinerlei Wirkung auf seinen Gegner. Als würden die Schweine keinen Schmerz empfinden. Zwei der Schwarzkittel verbissen sich wild quiekend in einen der Wölfe und zerrten brutal an ihm. Der Wolf jaulte auf, bis sie ihn in zwei Teile zerrissen. Blut spritzte und Organe des Raubtiers flogen durch die Luft. Die Schweine schüttelten die toten Hälften energisch hin und her, bevor sie die Überreste losließen. Dann stürzten sie sich gemeinsam auf ihr nächstes Opfer. Liron wurde bei dem Anblick übel. Er hielt sich die Hand vor den Mund, drehte sich um und rutschte langsam auf dem Rücken den Hügel hinunter, damit er von der anderen Seite nicht gesehen werden konnte. Liron zog seinem Bruder am linken Hosenbein um ihm zu signalisieren, dass er sich auch etwas zurückziehen sollte. Doch Dario schaute ihn nur entsetzt an und war starr vor Angst. Die beiden Jungs merkten, dass sie sich in Lebensgefahr befanden. Würden die Schweine sie entdecken, wären die Brüder erledigt. Liron zog abermals fester an Darios Hose. Erst jetzt überwand dieser seine Angst und zog sich langsam ein Stück zurück. Sie lagen beide mit dem Rücken auf den Boden gepresst am Hügel im Laub und lauschten den brutalen Tiergeräuschen. Die Wölfe und ihre Welpen hatten keine Chance. Nach kurzer Zeit wurde es ruhiger und nur das Grunzen und Schmatzen der Schweine, sowie das Umwühlen des Bodens war noch zu hören. Dario signalisierte Liron wieder mit dem Zeigefinger vor seinen Lippen, dass er keinen Mucks von sich geben durfte. Mit etwas Glück würden die Schweine auf der gegenüberliegenden Seite des Hügels verschwinden und sie nicht bemerken. Es dauerte für die Jungs eine Ewigkeit und sie lagen einfach reglos da. Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn. Liron lauschte angespannt jedem Geräusch. Gleichzeitig suchte er die Bäume ab um notfalls hinauf zu klettern und sich in Sicherheit zu bringen. Doch plötzlich herrschte Stille. Kein Rascheln, kein Grunzen, kein Getrampel, nichts. Dario schaute Liron fragend an. Dieser zuckte unsicher die Achseln und deutete mit dem Kopf in die Richtung aus der noch vor kurzem das Todeswinseln der Wölfe kam. Dario nickte. Die beiden drehten sich langsam, wie in Zeitlupe, um und krochen Stück für Stück an die Kante des Hügels. Als sie die Stelle sahen, an der noch vor Kurzem die Tiere miteinander kämpften, waren die Schweine verschwunden. Nur noch die Kadaver der toten Wölfe lagen zerstückelt und blutüberströmt im Laub. Es war ein furchtbarer Anblick für die Jungs, die kreidebleich und sichtlich erschrocken dastanden.

„Wir müssen hier weg!“, flüsterte Dario.

„Du hörst keinen Widerspruch!“, sagte Liron und drehte sich dabei zügig um. Die Brüder wollten gerade losrennen, da hielt Liron Dario an seinem Hemd fest.

„Warte“, sagte er und deutete seinem größeren Bruder an, stehen zu bleiben. „Hast du das gehört?“.

„Liron, nicht schon wieder!“, sagte Dario. „Komm jetzt, wir sollten so schnell es geht nach Hause!“ Er riss sein Hemd aus Lirons Hand und war gerade im Begriff loszulaufen, da vernahm auch er ein zartes Winseln. Er blieb stehen und sah in Lirons verunsichertes Gesicht. „Liron, wir sollten jetzt wirklich gehen!“, wiederholte er sichtlich angespannt. Doch sein jüngerer Bruder war schon dabei, zurück auf den Hügel zu klettern. Dario konnte nicht glauben, dass Liron, nach dem, was sie nur wenige Momente zuvor erlebt hatten, nicht auf ihn hörte. „Liron, jetzt komm!“, sagte er in einem energischeren Flüsterton, doch sein Bruder hatte bereits etwas entdeckt.

„Mach schnell!“ Liron war schon auf der anderen Seite des Hügels und somit aus Darios Sicht verschwunden. Er folgte ihm und schüttelte immer wieder verständnislos den Kopf. Schließlich fand er ihn auf dem Boden kniend. Vor ihm im Laub lag einer der Wolfs welpen und schaute den Jungen verängstigt an.

„Dario komm, er braucht unsere Hilfe!“ Der Welpe blutete am Bauch und hatte eine offene, klaffende Wunde an seinem linken Oberschenkel.

„Ich halte das für keine gute Idee“, wollte Dario gerade antworten, doch da sah er, wie sein Bruder den Wolf bereits sanft auf den Arm nahm.

„Es wird alles gut!“, flüsterte Liron leise, während er zu Dario zurückkehrte.

„Ich wiederhole, ich halte das für keine gute Idee! Was ist, wenn hier noch andere Wölfe sind oder er gleich laut aufjault und so die Schweine wieder zurückruft. Du hast doch eben gesehen was hier passiert ist!“

„Ich werde ihn nicht zurücklassen, er überlebt hier draußen nicht alleine und jetzt komm, lass uns schnell weg von hier!“

„Ach so!“, sagte Dario hämisch. „Jetzt kann es dem Herrn wohl nicht schnell genug gehen!“ Er schüttelte wieder verständnislos den Kopf und blickte sich dabei besorgt im Wald um. Liron hatte derweil den Welpen in den Brustteil seines langärmeligen Hemdes gelegt und ihn vorsichtig zugedeckt. So war es leichter, ihn über den unebenen Weg nach Hause zu tragen. Der Welpe fiepste leise.

Das Gut Weinfeld lag in einer Art tiefem Kessel. In allen Himmelsrichtungen waren ungefähr hundert Klafter hohe Hänge. In der Mitte gab es eine große, flache und nahezu kreisrunde Fläche, in der an der südlichen Seite die Ställe und das Wohnhaus lagen. Hier wohnten Dario und Liron mit ihren Eltern. Ihr Vater, Heinrich vom Gut Weinfeld, war Jäger und verkaufte das erlegte Wild an die benachbarten Höfe. Aja, die Mutter der beiden, versorgte die Familie und das Anwesen. Die Fläche des Guts war rundum mit einem Holzzaun eingefasst. Hier wuchs saftiges Gras und es weideten die Rinder der Familie darauf. In der Mitte der Weide befand sich ein aus Stein gebauter, runder Brunnen mit frischem Quellwasser. Er war extrem tief und in letzter Zeit drückte immer wieder das Grundwasser nach oben. Es kam nicht selten vor, dass der Brunnen überlief. Dann stand die Weide teilweise unter Wasser, was vor allem nach starken Unwettern der Fall war. Heinrich konnte sich dieses Phänomen nicht erklären, der Brunnen galt manchmal als unberechenbar. Im Sommer schwankte der Wasserpegel zwar immer noch, trat aber in der Regel nicht mehr über den Brunnenrand hinaus. Nach einem harten Winter mit viel Schnee kam es leider zu Beginn des Frühlings, wenn die Schneeschmelze begann, regelmäßig vor.

Dario und Liron eilten den Trampelpfad an der westlichen Seite des Weinfelder Tals, wie es ihr Vater gerne nannte, hinunter. Es dämmerte bereits und ihre Mutter kam ihnen aufgeregt, mit langen Schritten entgegen.

„Wo wart ihr denn so lange?“, fragte sie etwas angespannt.

„Ich habe mir schon Sorgen gemacht!“

„Es ist alles in Ordnung“, beschwichtigte sie Dario, „aber wir haben etwas echt Gruseliges erlebt, ist Vater auch da?“

„Ja, er ist drinnen“, Aja zeigte mit ihrem rechten Arm in Richtung des Wohnhauses. „Ist es das, was ich denke, Liron?“ Mit ernstem Gesicht schaute sie auf den Wolfswelpen in Lirons Hemd.

„Er ist verletzt und braucht unsere Hilfe“, Liron schaute seine Mutter flehend an.

„Du kannst doch keinen Wolf mit nach Hause bringen!“ Aja schlug sich die Hände vors Gesicht, aber so, dass sie zwischen den Fingern besorgt auf ihren jüngsten Sohn und den Welpen blicken konnte. „Jetzt geht erst mal rein, ich bin gespannt, was euer Vater dazu sagen wird!“

Neben dem Hauseingang hingen an der Wand ein Jagdbogen mit einem Köcher voller Pfeile und daneben in einer Scheide ein Schwert. Der Kleiderständer für die Mäntel und Jacken war auf der gegenüberliegenden Seite aus Hirschgeweihen an der Wand befestigt. Heinrich vom Gut Weinfeld saß in der Küche des Hauses an einem breiten Tisch und beugte sich gerade über einen Teller mit Hirsebrei. Um den Tisch standen noch drei weitere Stühle. Jeder der Familie hatte einen festen Platz. Dario setzte sich neben seinen Vater und erzählte ihm aufgeregt, was passiert war. Liron blieb mit dem Welpen unsicher hinter ihm stehen, sein Vater hatte ihn noch nicht bemerkt. Schließlich kam Dario zu der Stelle, an der Liron den Wolf eingepackt hatte und die Mine seines Vaters verdüsterte sich. Er drehte sich langsam zu seinem jüngsten Sohn um und begann fassungslos seinen Kopf zu schütteln, als er sah, was Liron auf seinem Arm trug.

„Er ist schwer verletzt“, sagte Liron beschwichtigend.

„Nein“, polterte sein Vater. „Auf gar keinen Fall bleibt der Wolf hier!“ Lirons Augen füllten sich mit Tränen.

„Aber Vater, er wird sterben, wenn wir ihm nicht helfen!“

„Dann hat das Schicksal das für ihn so vorgesehen“, der Vater deutete mit seinem Finger auf den Wolf. „Es ist ein wildes Raubtier, das, wenn es ausgewachsen ist, für uns und unser Vieh zu einer echten Gefahr werden wird. Erinnerst du dich, dass erst letztes Jahr Wölfe zwei unserer Rinder gerissen haben? Gib ihn mir, ich werde mich darum kümmern!“ Heinrich streckte seine Arme aus und griff nach dem Wolf. Liron schreckte zurück.

„Nein, du kannst ihn nicht töten!“, seine Augen schauten seinen Vater verängstigt und besorgt an.

„Du wirst mir jetzt sofort den Wolf geben!“ Heinrichs Stimme wurde ernster. Liron ging langsam rückwärts zur Tür. „Nein, gib mir eine Gelegenheit, nur weil hier Wölfe das Vieh gerissen haben heißt das nicht, dass dieser hier das auch tun wird!“ Die Tränen flossen nun über seine Wangen und er hielt den Wolf fest an sich gepresst. Heinrich stand auf und ging zügig auf seinen Sohn zu. Dieser drehte sich um und stürmte mit dem Wolf geradewegs durch die offene Tür ins Freie.

„Liron!“, rief sein Vater ihm hinterher, doch der Junge rannte mit Tränen in den Augen in die mittlerweile eingetretene Dunkelheit. Nördlich des Hofs ging ein breiterer Pfad den Hang hoch, gerade so breit, dass eine Pferdekutsche ihn benutzen konnte. Liron sprintete den Weg entlang, bis auf die Kuppe. Hier oben wohnte, ganz in der Nähe, Kian, ein alter Freund der Familie in seinem kleinen Holzhäuschen. Liron klopfte hastig an die Tür und blickte besorgt zurück, niemand war ihm gefolgt. Etwas verdutzt öffnete Kian die Tür, blickte auf Liron, dann auf den Wolf, schmunzelte kurz und trat zur Seite.

„Lass mich raten, dein Vater ist darüber nicht sehr erfreut gewesen?“ Er kannte Heinrich schon seit vielen Jahren und war mit ihm oft zusammen auf der Jagd. „Der Kleine scheint verletzt zu sein, lass uns erst mal sehen, wie schlimm es ist.“ Kian nahm Liron den Welpen vorsichtig aus den Armen, trug ihn zu einem Tisch und legte ihn sanft ab. Der Wolf war bewusstlos.

„Wird er es schaffen?“, fragte Liron besorgt? Sein Hemd war, durch den Wolf, von Blut getränkt.

„Ich weiß es nicht“, antwortete der ältere Mann. „Er scheint viel Blut verloren zu haben.“ Kian ging zu einer schmalen Kommode und nahm aus der hölzernen Schublade ein kleines Bündel mit Kräutern und saubere Tücher. Die Kräuter waren eine Mischung aus Beinwell und Borretsch. „Du hast Glück“, sagte er, „die Kräuter habe ich heute erst gesammelt. Sie sind noch ganz frisch!“ Er zerdrückte die Pflanzen zwischen Daumen und Zeigefinger, so dass der ölige Saft aus ihnen heraus trat. „Die Wunden müssen etwas gereinigt werden. Dann legen wir die Kräuter darauf und verbinden sie. Danach können wir nur abwarten und hoffen!“ Liron holte einen Krug mit Wasser, der auf einer Kommode stand und Kian begann vorsichtig die Wunden zu reinigen. Er drückte die frische Heilmischung in die Wunden und legte mit Tüchern einen Verband an. Der Wolf war noch immer ohne Bewusstsein und seine Atmung schwach. Kian legte ihn vorsichtig auf ein, mit Schafwolle gefülltes Kissen. Liron setzte sich daneben und nahm den Wolf in den Arm.

„Danke!“, sagte er. Kian schwieg und schaute einfach nur nachdenklich auf die beiden. Er setzte sich auf einen Stuhl und kratzte sich am Kinn.

„Wissen deine Eltern, dass du bei mir bist?“ Liron schüttelte resigniert den Kopf.

„Ich schätze mal, dass sie sich das denken werden.“

„Sollten wir ihnen nicht Bescheid geben?“, hakte Kian nach.

„Vater war ziemlich sauer“, sagte Liron zögernd.

„Dann warten wir bis morgen früh, damit er sich etwas beruhigt. Ich denke auch, dass sie ahnen wo du bist.“ Liron hatte schon oft bei Kian übernachtet und betrachtete ihn als Familie. Eine ganze Weile verging, in der er den Welpen streichelte. Kian setzte sich an seinen Tisch und dachte nach. Er war nicht sonderlich besorgt. Heinrich neigte bei Streitigkeiten dazu schnell aufzubrausen. Gab man ihm aber die nötige Zeit, beruhigte er sich auch wieder. Weitaus mehr beschäftigte Kian der Gedanke darüber, wie und zu welcher Zeit man den Wolf wieder in die Natur zurück bringen sollte. Wenn er darauf eine Antwort hatte, wäre Heinrich am schnellsten wieder zu beruhigen. Kian teilte seine Gedanken mit Liron, der das Erlebte noch gar nicht richtig verarbeiten und in Worte fassen konnte. Die Aufregung des Tages fiel langsam von dem Jungen ab, bis er einige Zeit später neben dem Wolf in einen tiefen Schlaf fiel.

Aja ging zu Heinrich, der immer noch im Türrahmen stand und mit gerunzelter Stirn besorgt Liron hinterher blickte.

„Mit einem Wolf alleine in der Dunkelheit? Dieser Bengel!“, sagte er zu seiner Frau.

„Er wird bei Kian sein“, antwortete sie und nahm ihren Mann in den Arm, wobei sie ihre Hand auf seine Brust legte. „Er braucht einfach etwas Zeit und Kian wird auf ihn aufpassen.“

Das war nicht das erste Mal, dass Liron nach einem Streit mit seinen Eltern zu Kian lief und das war es auch nicht, worüber sich Heinrich sorgte. Es war der Wolf, der ihm Kummer bereitete. Er hatte die Tiere schon etliche Male in Aktion erlebt und wusste, welch' große Gefahr von ihnen ausging.

„Komm“, sagte Aja, „lass uns reingehen, es ist schon spät.“ Sie nahm die Hand ihres Mannes und zog ihn mit ins Haus. Dario hatte sich in der Zwischenzeit auch eine Schüssel mit Hirsebrei genommen und aß am Tisch. Nachdem er nochmals mit seinem Vater das Erlebte besprochen hatte, ging er erschöpft zu Bett. Heinrich lag an diesem Abend noch lange wach, bevor er, eng an Aja gekuschelt, endlich zur Ruhe fand.

Es war sternenklar, als Liron und Kian von einem mächtigen und ohrenbetäubenden Knall unsanft aus ihrem Schlaf gerissen wurden. Für einen kurzen Moment erbebte die Erde und brachte die gesamte Einrichtung ins Wanken und einen Großteil zum Umkippen. Der Wolfswelpe flüchtete humpelnd und fiepend mit eingezogenem Schwanz unter den Esstisch. Kian blickte beunruhigt zum Dach seines kleinen Hauses, aus Sorge, die Erschütterung des Bebens ließe es einstürzen. Doch er konnte auf den ersten Blick keinen Schaden erkennen. Als sich die Lage wieder zu beruhigen schien, vernahmen er und Liron das laute Sprudeln und Rauschen von Wasser.

„Was war denn das?“, fragte Liron, der mit der Situation sichtlich überfordert war.

Der Lärm und die Erschütterung hatten den jungen Mann so unsanft geweckt, dass er erst jetzt das Chaos wahrnahm, welches der Knall in Kians Haus hinterlassen hatte.

„Ich habe keine Ahnung“, Kian blickte besorgt zu Liron. Er fing an, seine Hauseinrichtung aufzusammeln und wieder an die jeweilige Stelle zu bugsieren. „Und frag mich gar nicht erst, was das für ein Rauschen ist.“ Das Haus schien den Zwischenfall, bis auf die Unordnung, einigermaßen gut überstanden zu haben. Kian ging zu seinem östlichen Fenster und sah, wie die Sonne langsam aufging. Sein Blick fiel auf den, unter dem Tisch sitzenden, eingeschüchterten Wolf. Vor ihm war eine kleine Pfütze auf den Holzdielen des Bodens. „Na, jedenfalls scheint es ihr wieder besser zu gehen!“

„Ihr?“, fragte Liron überrascht.

„Ja, ihr, du hast da eine kleine Wölfin mitgebracht, die sich vor lauter Panik auf dem Boden erleichtert hat. Das kann man ihr aber nicht verübeln. Ich schätze, dass sie nicht älter als acht Wochen ist und ich schlage vor, du fütterst sie vorsichtig, während ich nachsehe, ob das Haus von außen Schaden erlitten hat.“

„Und womit soll ich sie füttern?“ Liron blickte sich um und sah nichts, was der kleinen Wölfin schmecken könnte. Kian warf ihm ein weißes Leinentuch zu und ging mit einer Holzschüssel in der Hand zur Haustür.

„Wisch das doch bitte einmal auf und geh dann nochmal mit klarem Wasser drüber. Ich schaue in der Zwischenzeit nach den Ziegen und bringe dir eine Schüssel mit Milch. Das wird ihr schmecken.“ Kian verließ das Haus. Bei den Ställen angekommen, sah er, dass die Ziegen weder dort noch in ihrem Auslauf waren. Durch den Knall aufgeschreckt, mussten sie durch den Zaun gegangen und das Weite gesucht haben. Der an einer Stelle umgerissene Holzzaun bestätigte Kians Vermutung. Er ging zügig zum Stall, um ein Seil aufzunehmen. Hier draußen war das Rauschen des Wassers noch gewaltiger. Sein Haus schien aber soweit unbeschadet zu sein. Daher stellte er den Zaun provisorisch wieder auf und war gerade im Begriff, die Ziegen einzufangen, da stockte ihm der Atem und seine Augen wurden riesig vor Entsetzen. Sein Blick ging nach Süden und an der Stelle, an der normalerweise das Gut zu Weinfeld in einem großen Tal lag, mit Wohnhaus, Stallungen, der eingezäunten Wiese mit dem Vieh und den großen Buchen am Rand, war ein riesiger, kreisrunder See mit immer noch brodelndem und rauschendem Wasser. Der Pegel schien weiter zu steigen und Kian sah, wie das Wasser braun vor Dreck, Ästen, Blättern und ganzen Bäumen geradezu schäumte und in einem großen Strudel alles mit sich riss. Er ließ sein Seil fallen und rannte den Hang hinunter.

„Heinrich! Aja! Dario!“, brüllte er aus voller Kehle und blieb am Ufer stehen. Das Wasser stieg immer noch und er stand rasch bis zu den Knien in der braunen, strömenden Brühe. Entsetzt taumelte er zurück, bis er wieder trockenen Boden unter den Füßen spürte, wohl wissend, dass er gegen diese Naturgewalt nicht das Geringste unternehmen konnte. Er packte sich mit seiner Hand an den Mund und blickte hilflos rechts und links am Ufer entlang. Plötzlich hörte Kian, wie Liron seinen Namen rief!

„Komm auf keinen Fall näher!“, rief Kian ihm zu, doch es war schon zu spät. Er sah, wie Liron hastig den Hang hinuntergerannt kam.

„Vater!“, schrie er und brach entsetzt am Rand des Wassers in Tränen aus! „Wo sind sie?“ Er blickte Kian verzweifelt an, der schon im Begriff war, zu dem Jungen hinüber zu eilen, um ihn fest in den Arm zu nehmen.

„Ich weiß es nicht.“ Kians Stimme klang ratlos und er hielt Liron einfach nur in seinen Armen. Das Wasser schwoll weiterhin an, mittlerweile sehr viel langsamer als kurz zuvor. So saßen die beiden bald im flachen Wasser und blickten entsetzt auf die sich langsam beruhigende Wasseroberfläche.

KAPITEL 4

NEUANFANG

Drei Tage waren vergangen, seitdem das Weinfelder Tal mit Wasser geflutet wurde und Liron sprach immer noch kein Wort.

„Du musst etwas essen!“, sagte Kian besorgt und gab ihm einen Teller mit frischem Gemüse, Erbsen und einem kleinen Stück Hühnerfleisch. Doch Liron schob ihn nur von sich weg und versank, seinen Kopf in den vor ihm verschränkten Armen. Kian ging zu der kleinen Wölfin und stellte ihr eine Schüssel mit frischer Ziegenmilch auf den Boden. Als er nach der Tragödie um den See lief, in der Hoffnung, Überlebende zu finden, konnte er die Ziegen, bis auf eine, wieder einfangen. Die restliche Suche blieb erfolglos. Lediglich die Kadaver der Rinder aus dem Tal wurden an das Ufer zwischen die Bäume gespült. Die Wölfin hingegen war inzwischen aufgeweckter und schleckte die Milch mit wild wedelndem Schwanz zügig leer. Aber Liron hatte sie nach dem Vorfall nicht eines Blickes mehr gewürdigt.

„Liron“, setzte Kian sanft zu sprechen an, während er sich neben den Jungen an den Tisch setzte. „Der Wolf kann nichts für das, was passiert ist.“ Liron hob den Kopf und blickte ihn zornig an.

„Nur wegen ihr habe ich mich mit meinem Vater gestritten und nur wegen ihr bin ich weggerannt!“ Liron schlug energisch mit seiner flachen Hand auf den Tisch. Seine Augen waren immer noch gefüllt mit Tränen und mit roten Äderchen durchzogen. Kian schwieg einen Moment.

„Vielleicht hast du aber auch nur wegen ihr überlebt?“ Er blickte nachdenklich zu der Wölfin, die neben den beiden auf dem Boden saß und mit leicht schrägem Kopf dem Gespräch zu folgen schien. „Für das Unglück darfst du dir nicht die Schuld geben und ihr auch nicht.“ Kian deutete zu dem kleinen Vierbeiner. Liron begann zu weinen.

„Sie sind alle tot, nicht wahr?“ Seine Stimme zitterte und Kian zögerte.

„Wir müssen vom Schlimmsten ausgehen!“, sagte er mit leiser, gedämpfter Stimme. „Aber du lebst und das verdankst du möglicherweise ihr.“ Er deutete mit einem Kopfnicken zu dem kleinen Raubtier. „Wir müssen uns Zeit zum Trauern nehmen und du solltest ihr eine Chance geben. So wie ich die Sache sehe, habt ihr euch scheinbar gegenseitig gerettet und ich glaube, dass das nicht ohne Grund passiert ist.“ Kian hatte mit Heinrich einen langjährigen Freund verloren. Er konnte sich immer noch nicht erklären, woher plötzlich diese Wassermassen kamen. In den letzten drei Tagen war er immer wieder das Ufer und den umliegenden Wald abgelaufen, in der Hoffnung noch jemanden zu finden. Doch jede Bemühung war vergebens und so sank täglich die Hoffnung darauf, dass Lirons Familie überlebt haben könnte.

Als er am vierten Tag um den See ging, entdeckte er im Wasser zwischen Ästen und Blättern etwas, das er zunächst nicht richtig zuordnen konnte. Doch als er sich näherte, bekam er traurige Gewissheit. Ein lebloser Körper trieb auf der Wasseroberfläche. Kian blieb stehen, strich mit seiner Handfläche über das Gesicht, biss sich auf die Handknöchel und versuchte die Fassung zu bewahren, in großer Sorge darüber, dass es jemand aus Lirons Familie sein könnte. Er näherte sich langsam und erkannte, dass der Körper mit dem Gesicht nach unten auf dem Wasser trieb. Die Leiche schien von der Statur her männlich zu sein, mit einem dunklen Mantel und dunklen Lederstiefeln. Das Haar war mittellang, schwarz und bewegte sich gleichmäßig mit den Wellen hin und her. Kian stieg ins Wasser und drehte den Mann um. Er blickte erleichtert und zugleich angeekelt in das aufgequollene