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Im Götzental liegt ein riesiges Hotel. 15 Hochzeitsgäste möchten darin ein Wochenende verbringen. Doch als ein schrecklicher Schneesturm über den Bergen herzieht, sind die Gäste in dem Hotel gefangen. Nur ein mysteriöser Hoteldirektor ist ihr Ansprechpartner. Doch schon bald geschehen seltsame Dinge in dem Hotel. In den dunklen Gängen verbirgt sich etwas Unheimliches. Nach dem ersten Todesfall müssen sich alle Gäste ihrer eigenen Prüfung stellen.
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Willkommen im Hotel „Zum Zöpfel“
Vorwort
Liebe Leser,
ich danke Ihnen, dass Sie sich für diesen Roman entschieden haben.
Der Sturm ist eine fiktive Geschichte. Der Ort existiert nicht, ebenso wenig das Hotel, in dem sie spielt. Diese Freiheit erlaubt es mir, eine Welt zu erschaffen, die keinen realen Regeln folgen muss, außer denen, die sich im Laufe der Geschichte offenbaren.
Im Mittelpunkt steht ein abgelegenes Hotel in den Bergen, groß, weitläufig und fast leer. Eine kleine Gesellschaft von Hochzeitsgästen verbringt dort ein Wochenende, empfangen von einem Hoteldirektor, der freundlich wirkt, vielleicht zu freundlich. Während draußen der Winter näher rückt, breitet sich im Inneren des Hauses etwas aus, das nicht greifbar ist und doch allgegenwärtig scheint.
Der Sturm unterscheidet sich bewusst von meinen bisherigen Romanen. Es geht nicht um rohe Gewalt oder explizite Grausamkeit, sondern um Atmosphäre, um das Übernatürliche, um das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, lange bevor man begreift, was es ist.
Ich lade Sie ein, dieses Hotel zu betreten, seine dunklen Gänge kennenzulernen und sich auf eine Geschichte einzulassen, die langsam wirkt, aber nachhallt.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen.
Und hoffe, dass Sie den Sturm nicht so schnell vergessen.
Prolog
Götzental
Das Götzental liegt dort, wo die Berge beginnen, den Himmel zu verschlucken.
Ein Tal, das auf keiner gewöhnlichen Karte verzeichnet ist, verborgen zwischen schroffen Felswänden und endlosen Wäldern, die selbst im Sommer ein dunkles Grün tragen. Wer hierher gelangt, tut es nicht zufällig. Der Weg ins Tal ist schmal, kurvig, und je weiter man fährt, desto stiller wird es. Der Empfang verschwindet. Die Welt bleibt zurück.
Die Berge ragen hoch und abweisend auf, wie Wächter aus Stein. Ihre Gipfel sind oft in Wolken gehüllt, als wollten sie nicht gesehen werden. Selbst an klaren Tagen liegt eine eigentümliche Schwere in der Luft, nicht bedrohlich, eher… wachsam. Als würde das Tal beobachten, wer es betritt.
Mitten in dieser Einsamkeit steht das Hotel.
Ein Bauwerk von beeindruckender Größe, fast unpassend für die Abgeschiedenheit des Ortes. Massive Mauern aus grauem Stein, hohe Fenster, die wie dunkle Augen in die Landschaft blicken, und ein Dach, das selbst den heftigsten Schneestürmen trotzt. Das Hotel wirkt alt, älter als viele Geschichten, die man sich über das Götzental erzählt. Und doch ist es makellos gepflegt, als hätte die Zeit hier draußen keine Macht.
Wenn man davorsteht, spürt man es sofort:
Dieses Haus ist kein Zufluchtsort.
Es ist ein Versprechen.
Ein Versprechen von Wärme, von Luxus, von Sicherheit und von etwas Undefinierbarem, das man nicht benennen kann. Etwas, das sich leise in die Gedanken schiebt und dort verweilt.
Im Winter ist das Götzental von der Außenwelt abgeschnitten. Schnee fällt hier nicht, er verschluckt. Lawinen sind keine Seltenheit, und die Straßen werden schnell unpassierbar. Doch auch im Sommer bleibt das Tal fremd. Die Sonne erreicht den Boden nur für wenige Stunden am Tag, und selbst dann wirkt ihr Licht gedämpft, als würde es gefiltert.
Die Einheimischen sprechen selten über das Hotel. Wenn sie es tun, dann nur mit gesenkter Stimme. Manche behaupten, es sei ein Ort des Glücks, andere flüstern von Unglücksfällen, von Gästen, die verändert zurückkehrten oder gar nicht. Doch niemand kann genau sagen, was wahr ist und was Legende.
Fest steht nur eines:
Wer das Hotel im Götzental betritt, verlässt es nie ganz als derselbe Mensch.
Und manchmal…
Manchmal entscheidet nicht der Gast, wann er wieder geht.
Sascha Ruppenthal
Der Sturm
Story: Sascha Ruppenthal
Lektorat: Dietmar Seidler
Cover: Sascha Ruppenthal
1. Der Tag danach
Langsam nähert sich die Wagenkolonne dem Hotel. Sie besteht aus mehreren Polizeifahrzeugen und zwei bis drei Krankenwagen. Sie können nur sehr langsam und behutsam die einzige Straße zu dem Hotel befahren, denn die Straße ist von Schnee und Glätte bedeckt, dass es den Fahrern sehr schwerfällt, die Fahrzeuge sicher zu steuern. Im vorderen Fahrzeug sitzt Inspektor Berger, der sich auf die Straße konzentriert. Neben ihm sitzt seine Kollegin Sophia Krull, sie hält in ihren Händen ein paar beschriftete Papierblätter, ihre dunklen Augen überfliegen diese rasch und immer wieder blickt sie nach vorne zur Straße.
„Fahr bitte etwas langsamer“, bittet sie ihren Kollegen, der daraufhin seinen Kopf schüttelt und sichtlich nervös wirkt.
„Was wissen wir über den Anruf?“, möchte er wissen. Sophia durchfliegt kurz die Unterlagen und antwortet: „Der Notruf kam gestern Abend, aber wegen des verdammten Schneesturmes konnten wir darauf nicht reagieren. Es war eine weibliche Stimme, die anrief. Wir wissen keinen Namen, rein gar nichts, sie teilte nur mit, dass es mehrere Tote und eventuell Verletzte gibt. Mehr wissen wir leider nicht.“
Berger ist irritiert. „Ich dachte, dass das Hotel geschlossen sei, ich meine die Saison fängt doch erst an.“ Sophia schüttelt den Kopf und antwortet: „Im Tal haben sich einige sogenannte Hochzeitsgäste gemeldet. Sie konnten, wegen dem Sturm, nicht ins Hotel, daher nahmen sie sich eine Unterkunft im Tal. Sie waren von einem Pärchen Namens Paul Steiner und Mila Huber zur Hochzeit eingeladen, die wohl in den nächsten Tagen stattfinden sollte. Dieser Herr Steiner hat sie in das Hotel eingeladen, es könnten sich zehn oder mehr Personen darin befinden.“
„Es fängt schon wieder an zu schneien“, so Berger, der nun den Scheibenwischer des Fahrzeuges anschaltet. In der Ferne zeichnen sich langsam Umrisse eines großen Gebäudes, dass von einem weißen Schleier umgeben ist. Die Sicht ist sehr schwer, überall nur Schnee, der immer noch von starken Winden aufgeweht wird. Sie kommen dem Hotel immer näher und es wird von Meter zu Meter größer. Es ist ein prächtiges Gebäude, im Hintergrund erstrecken sich die Berge, deren Kronen ebenfalls von Schnee bedeckt sind. Im Rückspiegel kann Berger erkennen, dass einer der Krankenwagen Probleme bekommt, immer wieder rutscht das Heck zur Seite, dass den Fahrer ständig zum Abbremsen zwingt. Die Straße ist voll mit Schnee bedeckt, für jedes Fahrzeug ist es eine Herausforderung und Berger muss ständig mit dem Lenkrad dagegen lenken, um nicht von der Straße abzukommen. Das Hotel ist nun nur noch wenige Meter entfernt, äußerlich wirkt es sehr friedlich und harmonisch. Ein prachtvoller Anblick bietet sich Berger und seiner Kollegin, als sie das Fahrzeug vor dem Haupteingang abstellen und aussteigen. Es ist ein riesiger Haupteingang, darüber ist der Schriftzug „Zum Zöpfel“ angebracht, der Name des Hotels. Die goldenen Buchstaben sind mit Schnee bedeckt, dennoch kann man es relativ gut erkennen. Die anderen Fahrzeuge parken nun ebenfalls direkt vor dem Eingang, die Krankenwagen haben das Blaulicht eingeschaltet.
„Zuerst gehen wir rein“, so Berger zu seinen Polizeikollegen.
Das Hotel hat viele und große Fenster, die alle fest verschlossen sind. Es ist nur der Wind zu hören, der durch die Bäume, die sich vor und neben dem Hotel befinden, bläst. Es sind kleine und auch große Tannenbäume, die wachend vor dem Hotel stehen. Sie wirken wie die ägyptischen Sphingen, die ein Königsgrab bewachen, als ob sie etwas verbergen möchten. Ihre Tannen sind mit Schnee bedeckt, hier und da löst sich eine Stelle und der Schnee fällt zu Boden. Es sind nur fünf Stufen, die Berger mit seiner Kollegin hinaufgehen muss, sie gehen langsam, da diese sehr glatt sind. Sie stehen nun vor der großen doppelten Holztür, die aus dunklen und festen Eichenholz besteht. Ein eiserner Ring aus Gold ist angebracht, den man zum Klopfen benutzt. Es erinnert an ein Schlosstor, so prächtig ist die Tür. Berger klopft dreimal. Beide blicken sich gegenseitig fragend an, danach klopft Berger noch einmal, aber es kommt keine Antwort. Er drückt gegen die Tür und plötzlich öffnet sie sich leicht. Zögerlich öffnet er die Tür, zieht seine Waffe aus dem Holster und geht langsam einen Schritt hinein, seine Kollegin folgt ihm, ebenfalls mit der Waffe in der Hand. Sie kommen in einen Vorraum, der wieder durch große Glastüren zum Empfangsraum getrennt ist. Sophia blickt hindurch, sie kann links den Empfang erkennen, der personell nicht besetzt ist. Geradeaus gibt es eine große helle Engelsfigur, die nach oben blickt, links und rechts von ihr befinden sich große Treppenaufgänge, die mit einem roten Teppich mit goldenen Rändern verziert sind. Berger erkennt auch noch zwei Fahrstuhltüren, direkt neben dem Empfang, jedoch ist keine Menschenseele zu sehen.
„Sollen wir aufbrechen?“, fragt Sophia ihren Kollegen, der kurz innehält und antwortet: „Schauen wir mal zuerst, ob offen ist“, er greift nach der goldenen Türklinke und tatsächlich lässt sich die Tür ohne Probleme öffnen.
Beide gehen hinein, Sophia ist von dem goldenen Kronleuchter beeindruckt, den die Engelsfigur anstarrt, als ob sie ebenfalls von der Pracht des Kronleuchters beeindruckt wäre. Das Gesicht des Engels wirkt jedoch traurig und einsam.
Nun kommen auch die anderen Polizisten in das Hotel und sichern jeweils eine Seite ab.
„Sieh mal hier beim Empfang, völlig überzogen mit Staub, als ob hier längere Zeit keiner gewesen wäre“, sagt Sophia zu ihrem Partner, der ebenfalls sehr überrascht darüber ist.
„Ist es das richtige Hotel? Ich meine, sind wir richtig?“, möchte er wissen. Ein anderer Polizist nähert sich in Uniform und antwortet: „Der Notruf kam definitiv von diesem Hotel“.
Kurze Stille, dann plötzlich: „Herr Inspektor, bitte kommen Sie“, ruft ein anderer Polizist, der rechts an der Treppe vor einer ebenfalls doppelten Tür steht. Berger bemerkt, dass dieser sich etwas anschaut und darüber erschrocken ist. Er kommt mit Sophia näher und beide erkennen an den Türgriffen die Spuren von geronnenen Blut.
„Wenn Sie mich fragen, verdammt viel Blut“, so der Polizist. Instinktiv öffnet Berger die Türen und was er und seine Kollegen erkennen, lässt sie erschaudern. Sie blicken in einen großen Raum, es scheint der Speiseraum des Hotels zu sein, überall stehen Tische ohne Tischdecke und Stühle, die aussehen, als wenn sie für eine längere Zeit nicht benutzt wurden. Es ist ein sehr großer Raum, bietet locker Platz für über hundert Gäste. In der Mitte steht ein sehr großer Tisch mit mehreren Schüsseln aus Silber. Doch was die Polizisten das Blut in den Adern gefrieren lässt, ist der Anblick von Unmengen Blut, überall auf dem Boden und an den Wänden. Sophia nimmt sich ein weißes Taschentuch aus ihrer braunen Jackentasche und hält sich diese auf den Mund. Der süßliche Geruch des Todes liegt in der Luft, was auch Berger und den anderen Kollegen auffällt. Es ist ein sehr unangenehmer Geruch, als wenn irgendwo unter den unzähligen Tischen tote Tiere liegen würden.
„Spricht nicht gerade für dieses Hotel“, so Berger. Ein Polizist nähert sich den Schüsseln, er blickt hinein und muss sich im Anschluss übergeben.
„Mein Gott“, sagt er immer wieder, als er sich übergibt und dabei seine Polizeimütze verliert. Ohne zu fragen, nähert sich nun auch Berger mit seiner Kollegin, beide blicken in die Schüsseln und ihre Pupillen weiten sich, als sie das Grauen erkennen, was sich darin befindet. Abgetrennte Finger, Hände, Gliedmaßen und andere Leichenteile befinden sich in den Schüsseln. Berger hat schon vieles gesehen, seit er bei der Polizei ist, aber dieser Anblick lässt ihn erschaudern. Eine dicke Gänsehaut überfällt ihn und auch er ist kurz davor, sich zu übergeben.
„Wir sind, glaub ich, doch richtig. Los schwärmen Sie aus, durchsuchen Sie wenn nötig jedes Zimmer und rufen Sie über Funk Verstärkung“, so die Anweisung von Berger an einen Polizisten, der ihm danach zunickt und eilig den Raum verlässt.
„Was denkst du ist hier passiert?“, fragt Sophia ihren Kollegen, der ihre Angst in ihrer Stimme wahrnimmt. Berger schüttelt mit dem Kopf, überlegt kurz und erwidert: „Ich hab keine Ahnung, aber ich fürchte, dass hier jemand etwas gegen die Vermählung hatte.“ Danach verlassen beide den trostlosen Raum mit den unzähligen Leichenteilen in den Schüsseln. Kaum wieder beim Empfang angekommen fragt Berger nach, was mit der Verstärkung sei? Nur ein Kopfschütteln folgt als Antwort, danach antwortet der Polizist: „Wir müssen uns gedulden, ein neues Sturmtief ist im Anmarsch, da kommt keine Verstärkung momentan durch.“ Berger ist geschockt, er weiß, dass er mit sieben Kollegen unmöglich das ganze Hotel gründlich absuchen kann. Sophia eilt nach draußen, als sie die hölzerne Haupttür öffnet, bekommt sie den kalten Wind, wie ein Peitschenhieb, im Gesicht zu spüren. Das Wetter hat sich sichtlich verschlechtert, sie winkt den Leuten in den Krankenwagen, die danach mit mehreren Tragen hineinkommen. Sie rennen durch den Schnee und durch den ankommenden Sturm, der von Sekunde zu Sekunde stärker und stärker wird. Nachdem die Sanitäter hineinkommen, verschließt Sophia fest die Türen. „Wir können nicht rausgehen, der Sturm kommt zurück und ich fürchte er wird schlimmer als die letzten Tage“, sagt sie zu ihrem Kollegen, der immer noch mit der Waffe in der Hand dasteht und nicht weiß, wie ihm geschieht. „Wir brauchen ewig, bis wir jedes Zimmer durchsucht haben, dieses Hotel ist riesig“, sagt er zu Sophia, deren Blick dem Empfang gilt. „Schau, wir sollten erst in den Zimmern suchen, die wohl belegt sind. Hier fehlen überall die Schlüssel“, erkennt sie an den Schlüsselhaken an der Wand des Empfanges. Berger bemerkt, dass wohl nur Zimmer in der ersten Etage belegt sind und gerade als er seine anderen Kollegen zu sich rufen möchte, hört er den Ruf eines Polizisten: „Hier ist ein Überlebender, schnell eine Trage und ein Sanitäter, ich habe einen Überlebenden.“
2. Die Ankunft
Wenige Tage vor der Polizei
Ein elegant gekleideter Mann tippt etwas in seinen Computer ein, als er von Geräuschen gestört wird. Das Hauptportal öffnet sich und zwei Personen kommen in den Eingangsbereich, die männliche Person trägt zwei prall gefüllte Koffer und die weibliche Person wirkt sichtlich genervt aus. „Hättest du mit dem Navi gefahren, dann hätten wir uns vorher nicht verfahren, aber nein, der Herr kennt sich ja aus“, in einer genervten Tonlage die Frau zu ihrer männlichen Begleitung, der wütend die Koffer abstellt, sie anschaut und erwidert: „Nur, weil ihr Frauen keine Karten lesen könnt, heißt das nicht, dass ich es auch nicht kann. Was meckerst du rum? Wir sind doch da“. Die Frau verdreht ihre Augen und nimmt tief Luft, beide scheinen den Hoteldirektor am Empfang nicht zu sehen. Als der Mann seine schwarze Mütze auszieht, fallen dem Direktor diese weißen Haare auf, kurz geschnitten, die seine stahlblauen Augen zur Geltung bringen. Seinen Schal lässt er noch an, danach wirft er einen Blick zum Empfang und erkennt den Hoteldirektor in seinem schwarzen Anzug und seiner weinroten Krawatte. Der Mann nähert sich dem Direktor und stellt sich vor: „Bitte entschuldigen Sie, mein Name ist Felix Edler und das ist meine Freundin Silvia Hofer, wir wurden hier eingeladen.“ Der Hoteldirektor lächelt beide freundlich mit einem sarkastischen Gesichtsausdruck an und stellt sich ebenfalls freundlich vor: „Verstehe, nun ich bin der Hoteldirektor Pichler. Willkommen im Hotel Zum Zöpfel, ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Anreise?“ Felix blickt kurz zum Kronleuchter, danach in die dunklen, fast schon schwarzen Augen des Hoteldirektors und antwortet: „Nun, wie Sie gerade gehört haben, was mir nebenbei leidtut, war es etwas anstrengend. Sind denn schon die anderen Gäste da? Und wo ist Ihr Personal?“ Pichler lächelt, blickt kurz auf den Boden, danach auf seinen Bildschirm des Computers, neigt leicht seinen Kopf zur Seite und antwortet: „Sie sind Momentan die ersten Gäste, die ich über dieses Wochenende bekommen werde. Ich schaue mal im System“, während er auf seiner Tastatur tippt redet er weiter: „Das Hotel ist ziemlich leer, die Saison fängt erst an, somit sind Sie und die anderen Gäste die einzigen Bewohner. Ah, da haben wir Sie ja, wunderbar. Sie wohnen im Zimmer 001, auf der ersten Etage“ und wendet sich wieder Felix zu. Nun kommt auch Silvia etwas näher und lehnt sich auf dem Tresen ab. „Sie haben mir immer noch nicht gesagt, wo ihr Personal ist?“, so Felix zum Direktor, der daraufhin lächelt, kurz überlegt und antwortet: „Das Personal werden Sie kaum zu Gesicht bekommen. Es sind nur wenige Leute da. Hinter Ihnen ist die Tür zum Speiseraum, Frühstück, Mittagessen und Abendessen werden in Buffetform serviert, aber auch das Küchenpersonal werden Sie nicht sehen. Ich bin hier Ihr direkter Ansprechpartner und Sie können mich über Ihr Telefon in Ihrem Zimmer den ganzen Tag erreichen. Um 21 Uhr wird das Hotel abgesperrt, Sie kommen dann nur noch über den Notausgang hinaus, hier ist der Plan des Hotels, prägen Sie ihn sich gut ein“ und übergibt Felix und Silvia jeweils ein kleines Faltblatt. „Sie sperren uns ein?“, fragt Silvia weiter, die darüber sehr verwundert ist. Der Direktor nimmt ein Formular, dass die beiden unterschreiben müssen, und erklärt: „Ja, ab 21 Uhr. Dann bin ich im Nebenbereich des Hotels, außerhalb in einem kleinen Haus, extra für die Mitarbeiter. Sie müssen verstehen, normalerweise haben wir im November geschlossen und somit keine Gäste, wir arbeiten sozusagen im Notmodus, wenn Sie verstehen? Und ich bitte Sie herzlich den Notausgang auch nur in Notfällen zu benutzen, bitte unterschreiben Sie jeweils auf den Formularen, danach überreiche ich Ihnen die Schlüssel zu Ihrem Zimmer.“ Felix nimmt das Formular, unterschreibt ohne sich dieses durchzulesen. In seinem Gesicht kann man eine Art von Enttäuschung ablesen. „Was haben Sie denn hier zu bieten? Eine Bar? Sauna oder ein Schwimmbad? Ich meine, wo zum Teufel sind wir hier gelandet? Was für eine Einladung soll das sein?“ Obwohl dies Felix in einem sehr unhöflichen und für ihn arroganten Ton nachfragt, bleibt der Direktor überaus freundlich, lächelt und erwidert: „Nun, wir haben Ihrem Gastgeber unsere Bedingungen mitgeteilt. Dieses Hotel ist ein Fünf-Sterne Hotel, dass Beste was Sie im Götzental finden werden. Es liegt in einer Höhe von 1300 Metern und bitte verzeihen Sie die Anmerkung, es ist das luxuriöseste Hotel seiner Klasse. In der Hauptsaison kostet eine Übernachtung schon bis zu 470 Euro. Ihr Gastgeber bekommt dieses Wochenende zu einem Schnäppchen. Seitlich am Aufzug befindet sich eine Treppe, sie führt nach unten in den Wellnessbereich. Die Sauna können Sie immer nutzen, allerdings ist unser Hallenbad geschlossen, da sich in den Becken kein Wasser befindet. Die Hotelbar ist ebenfalls nicht geöffnet, danach wurde nicht gefragt, sonst hätte ich entsprechendes Personal beauftragt. Aber in Ihrem Zimmer befindet sich ein kleiner Kühlschrank mit alkoholischen und nicht alkoholischen Getränken. Alle zwei Tage wird dieser aufgefüllt.“ Felix unterbricht den Direktor: „Alle zwei Tage? Und was kosten die Getränke?“ Der Direktor schüttelt den Kopf, lächelt, obwohl er verärgert ist und antwortet: „Dies ist in Ihrem Paket einbegriffen. Es kostet Sie rein gar nichts, hier haben Sie Ihre Schlüssel für das Zimmer.“ Während Felix mit dem Direktor sich weiter unterhält, läuft es Silvia plötzlich eiskalt über den Rücken. Der Direktor ist freundlich und bemüht diese Freundlichkeit beizubehalten, dennoch umgibt ihn eine kalte und unheimliche Aura, die sich Silvia nicht erklären kann. Die schwarzen Haare, nach hinten gekämmt, diese dunklen Augen und dann dieses aufgesetzte künstlerische Lächeln wirken auf Silvia sehr unheimlich. Ein kurzer Blick vom Direktor zu Silvia, als wenn er ihre Ängste spüren würde, sie erkennt sein sarkastisches Lächeln und es läuft ihr schauderhaft über den Rücken. „Hast du etwa kalt?“, so Felix dem auffällt, dass sich Silvia vor Kälte schüttelt. „Ja, es ist sehr kalt da draußen. Sie haben die Sturmperiode erwischt, laut den Nachrichten ist ein Sturmtief unterwegs, ich rate Ihnen daher immer im Hotel zu bleiben. Man kann sich leicht verirren“, so der Direktor mit seinem breiten Lächeln. Bevor Felix darauf reagieren kann, redet der Direktor weiter: „Bleiben Sie bitte auch auf Ihrer Etage oder im Wellnessbereich, meiden Sie die oberen Etagen und andere Gänge, das Hotel ist sehr groß und man kann sich leicht darin verirren. Schließlich möchte ich nicht später einen Suchtrupp losschicken, wenn Sie verstehen?“ Felix nickt ihm misstrauisch zu und erwidert: „Müssen wir unsere Koffer etwa selbst in das Zimmer tragen? Ich meine, ein Fünf-Sterne Hotel, wenn Sie verstehen?“ Der Direktor lächelt, kneift seine Augen zusammen und antwortet: „Natürlich nicht, in diesem Hotel trägt niemand seine Koffer selbst. Gleich kommt jemand, gehen Sie unbesorgt in Ihr Zimmer.“ Felix nimmt den Schlüssel und gerade, als er in die Richtung des Fahrstuhles geht, ruft ihm der Direktor nach. „Bitte, Sie müssen die Treppe nehmen. Auch in einem Fünf-Sterne Hotel werden die Aufzüge bei jeder Gelegenheit gewartet.“ Danach gehen Felix und Silvia die Treppen hinauf. „Ich habe das Gefühl, dass dieser Typ mich gerade verarscht hatte“, sagt Felix leise zu seiner Freundin, die wieder genervt die Augen verdreht. „Wenn es nicht nach deinem Willen geht, fühlst du dich doch immer verarscht.“ Kurz bleiben beide stehen, der Anblick des goldenen Kronleuchters lässt sie erstarren, danach gehen sie in einen langen Korridor, nur jede dritte Lampe in dem Korridor ist angeschaltet. „Das Fünf-Sterne Hotel muss wohl Strom sparen“, sagt genervt Felix vor sich her. Silvia ist von ihrem Freund genervt. „Versuch jedenfalls einmal, nett zu sein. Mila ist meine beste Freundin und ich möchte ihr ihren großen Tag nicht verderben. Daher bitte ich dich, deinen Sarkasmus zu zügeln.“ Felix schüttelt den Kopf, als er endlich das Zimmer findet, die Tür öffnet und beide in ein prächtiges Zimmer eintreten. Alles sehr schön sauber eingerichtet. Verschiedene Bilder von dem Tal hängen an den weißen Wänden, ein kleiner Schreibtisch an der Seite, daneben der Getränkekühlschrank, ein weiteres Zimmer führt in das Schlafzimmer mit einem großen Doppelbett. Plötzlich bekommt Silvia einen leichten Schock, ihr Herz scheint für eine Millisekunde stehen zu bleiben. „Was zum Teufel ist das?“, fragt sie Felix, der gerade das Badezimmer begutachtet. „Alle Griffe aus Gold, also wenn das Bett nichts taugt, schlaf ich in der Badewanne, was für ein geiles Badezimmer. Was ist mit dir?“, so seine Worte, als er Silvia mitten im Raum erkennt, die mit ihrer Hand auf ihre Brust drückt und tief Luft nimmt. Ihr Blick ist auf den großen dunklen Kleiderschrank gerichtet, der sich ein paar Meter vor dem Bett befindet. „Sieh doch, unsere Koffer. Da stehen unsere Koffer, wie geht das?“ Felix schüttelt genervt den Kopf. „Man, ich dachte schon du hättest irgendwelches Ungeziefer entdeckt. Was weiß ich, anscheinend geht der Fahrstuhl doch und der Hotelpage war vor uns im Zimmer. Gut, das er weg ist, spart mir das Trinkgeld“, danach schenkt er seiner Freundin keine Beachtung mehr, sondern durchsucht den Getränkekühlschrank nach einem alkoholischen Getränk.
Silvia geht an das Fenster und blickt in die Ferne, sie ist von der Aussicht fasziniert, ein schöner Blick in das Tal, dass ihr wie zum Greifen nah vorkommt. „Sieh doch mal, wie schön das ist“, sagt sie zu ihrem Freund, der an einer kleinen Flasche Wodka einen Schluck nimmt, sich auf einen roten Stoffsessel fallen lässt und erwidert: „Das kann ich auch auf einer Postkarte sehen. Also wenn Paul hier ankommt, beschwer ich mich direkt mal. Ich meine wo hat er nur dieses Hotel gefunden? Überhaupt keinen Luxus, ich bin besseres gewohnt.“ Seine Freundin dreht sich wütend zu ihm und antwortet: „Ich habe dir gesagt, dass du dich etwas zurückhalten solltest. Nicht jeder lebt mit deinem Standard, ich meine, wir wurden eingeladen, vergiss das nie“, danach verschwindet sie im Schlafzimmer, um die Koffer auszupacken. Sie hat einfach keine Lust auf unnötige und nervige Diskussionen mit ihrem Freund. Felix ist arrogant und selbstverliebt. Er ist Geschäftsführer einer kleinen Baugesellschaft, beschäftigt knapp fünfzig Mitarbeiter und lebt im völligen Wohlstand. Er nimmt nochmals einen großen Schluck aus der Flasche, wundert sich danach, dass sie schon geleert ist und gerade, als er nochmals an den Kühlschrank gehen möchte, hört er Silvia rufen: „Komm schnell, los komm.“ Felix nimmt tief Luft, ist genervt wegen der langen Autofahrt und hätte einfach gerne etwas Entspannung und Ruhe. Er geht in das angrenzende Schlafzimmer und fragt nach: „Was ist denn los?“, möchte er wissen. Seine Freundin sagt nichts, sie geht an die Wand und lauscht. „Es klopft, ich könnte schwören, dass ich Geräusche aus dem Nebenzimmer gehört hatte“, sagt sie nach einer kurzen Weile. Felix zuckt mit den Schultern und antwortet: „Vielleicht sind endlich die anderen Leute eingetroffen. Ich meine, wie blöd kann man sein um dieses scheiß Hotel nicht zu finden?“ „Sei doch mal ruhig, hör hin. Hörst du das?“, möchte sie von ihrem Freund wissen, der tief Luft nimmt und nun ebenfalls anfängt zu lauschen. Nach ein paar Sekunden lächelt er boshaft und sagt: „Du hast ne Macke. Da ist niemand.“ Silvia schüttelt den Kopf und antwortet: „Ich schwöre, dass ich da Geräusche gehört habe, jemand ist in diesem Nebenzimmer.“ Felix wirkt nun etwas gereizter und erwidert: „Weißt du was? Ich gehe mal nachsehen, sonst lässt du ja doch keine Ruhe“, danach verlässt er voller Wut das Zimmer, lässt aber die Eingangstür offen. Im Korridor flackern die wenigen Lichter. „Ein Fünft-Sterne Hotel mit Stromproblemen“, sagt er vor sich her, während er vor der Zimmertür 002 stehen bleibt und dreimal klopft. Es dauert ein paar Sekunden, danach hört er Schritte und die Tür öffnet sich. Vor ihm steht plötzlich Paul, der Gastgeber. „Was soll das? Ich dachte Silvia und ich wären die Ersten hier.“ Paul blickt ihn überrascht an und erwidert: „Was? Nein, wir sind alle schon da. Alle auf dieser Etage. Ist das nicht ein geiles Hotel?“ Und lächelt dabei. Felix schüttelt mit dem Kopf. „Dieser Hotelmensch sagte uns, dass noch keine anderen Gäste eingetroffen seien und nun sagst du, dass alle schon da sind? Hat der was getrunken oder was?“, so Felix als Reaktion. Paul steht nur da, lächelt und antwortet: „Er hat sich geirrt, mach doch kein Fass auf. Wir treffen uns alle um zwölf Uhr im Speiseraum des Hotels, da werde ich euch empfangen und euch mitteilen, wie es die nächsten Tage, vor allem am Sonntag, weitergeht. Bitte sei pünktlich.“ Felix winkt genervt ab, dreht sich um und geht zurück in sein Zimmer, dabei denkt er nur: „Sei pünktlich. So etwas muss ich mir von jemandem sagen lassen, der in einem verdammten Call-Center arbeitet.“
„Warum ist auf der Rückseite eine kleine Gedenktafel, die an ein Unglück von 1920 erinnert? Ich meine, warum nicht auf der Vorderseite unten, warum hinten? Das sieht doch niemand“, ruft Manfred dem Hoteldirektor entgegen, der an der Rezeption beschäftigt ist, während Elise, die Frau von Manfred ein Formular unterschreibt. Der Hoteldirektor tippt zu Ende, danach lächelt er und wendet seinen Blick zu Manfred, der sich gebückt die goldene Gedenktafel am hinteren Teil der Engelsstatue betrachtet. „Nun, es macht keinen guten Eindruck, wenn man die Namen von Verstorbenen direkt liest, wenn man das Hotel betritt, daher hat das Management sich entschlossen die Tafel auf der Rückseite anzubringen. Vorher war sie auf der Vorderseite, aber das führte zu unangenehmen Nachfragen, ähnlich wie nun bei Ihnen“, so der Direktor, der seine Augen zusammenkneift und Manfred mit einem starren Blick anschaut.
„Warum haben Sie denn generell diese Tafel? Ich meine, wenn es Ihnen nicht passt, warum ist sie da?“, möchte Manfred wissen. Der Direktor faltet auf dem Tresen seine Hände, neigt leicht seinen Kopf und erklärt: „Diese Statue steht erst seit 1921 und ist ein Geschenk von der Gemeinde. Sie erinnert an das schlimme Lawinenunglück im Jahr 1920, damals gab es viele Tote und Verletzte. Sie verstehen sicher, dass es nicht gerade eine, nun wie soll ich sagen, positive Werbung für dieses prächtige Hotel ist? Daher haben wir die Gedenktafel auf der Rückseite dieses Engels, ein Engel, der die Toten in Empfang nimmt. Ich meine immer noch besser, als die Hölle, meinen Sie nicht auch?“, in einem zynischen Unterton. Manfred streckt sich, schüttelt den Kopf und geht zu seiner Frau. „Wie lange brauchst du, um zu unterschreiben? Ich will ins Zimmer, diese Fahrt war anstrengend. Ich hoffe, wir haben einen Blick ins Tal“, so Manfred. Der Direktor bejaht dies mit seiner Geste. „Selbstverständlich, aber ich fürchte, dass sich ein Schneesturm entwickelt, Sie werden daher vom Tal wenig sehen, aber wie es der Zufall will, wir haben hier wundervolle Postkarten von dem Tal, wenn Sie eine kaufen möchten?“ Manfred ist über diese Aussage sichtlich etwas sauer, nimmt seine Frau an dem Arm und geht mit ihr langsam die Treppen hinauf. Der Direktor schaut ihnen nach, wie ein Jäger, der seine Beute beobachtet, lächelt dabei und tippt danach weiter auf seiner Tastatur.
Am Empfang steht der Hoteldirektor an seinem Computer, seine dunklen Augen sind auf den Monitor gerichtet, er liest die Namen der Gäste, die nun vollständig angekommen sind, ein unheimliches Grinsen prägt sein Gesicht.
3. Willkommen
Freitag, 14. November 2015, 12 Uhr mittags
Paul steht in der Mitte des prächtigen Speisesaales, der mit mehreren goldenen Kronleuchtern ausgestattet ist. Der Speisesaal ist sehr groß und sehr hell, an den Wänden befinden sich große Fenster und eine doppelte Glastür, die nach draußen auf die riesige Terrasse führt. Er hält ein Glas in der Hand, dass mit Sekt gefüllt ist und in der anderen Hand hat er einen goldenen Löffel, damit schlägt er sanft dreimal auf das Glas, um die Aufmerksamkeit der eingeladenen Gäste zu bekommen, die vor ihm versammelt sind und wild durcheinanderreden. Doch sie verstummen, als sie Paul wahrnehmen, dass er etwas sagen möchte, seine Verlobte Mila steht direkt neben ihm. Mila ist eine sehr hübsche Frau, mit langen glatten blonden Haaren und ihre blauen Augen haben schon so manchen Mann verzaubert. Als Paul endlich die Aufmerksamkeit bekommt, fängt er an zu reden: „Liebe Freunde und Familie, herzlich willkommen im Hotel Zum Zöpfel, wir hoffen, ihr hattet eine angenehme Anreise. Mila und ich möchten euch nun mitteilen, was für die nächsten drei Tage geplant ist. Unsere Hochzeit wird am Sonntag im Tal stattfinden, dass heißt, wir alle können erst einmal die nächsten beiden Tage etwas entspannen und die Annehmlichkeiten dieses Hotels genießen.“ Während Paul weiter redet, ohne Luft zu holen, sagt Felix zu seiner Freundin leise: „Annehmlichkeiten? Das ist doch ein Witz hier“, nach diesem Satz stoßt sie ihm ihren Ellbogen in die Seite. „Benimm dich, dieses eine Mal“, sagt sie noch genervt. Plötzlich ist zu hören, dass der Wind um das Hotel immer lauter und stärker wird. Stefan, der beste Freund von Paul, blickt hinaus und erkennt, dass es immer mehr schneit. Die Türen des Speisesaales öffnen sich und der Hoteldirektor kommt in schnellen Schritten auf Paul zu. „Entschuldigen Sie bitte, ich muss Ihnen alle Neuigkeiten mitteilen“, sagt er mit ruhigen Worten. Paul gestattet ihm, das Wort zu übernehmen. „Es tut mir sehr leid, Ihnen alle mitzuteilen, dass sich ein schwerer Schneesturm anbahnt. Soeben kam eine Warnmeldung an das Hotel und ich darf Sie leider nicht raus lassen. Ich habe daher die Türen des Hotels fest verschlossen. Die Familie Bucher, die noch fehlt, muss leider im Tal eine Unterkunft suchen.“ Plötzlich wird er von Felix unterbrochen: „Wir sind eingesperrt? Wie lange? Und was sollen wir machen, hier gibt es ja nichts.“ Der Direktor kneift seine Augen zusammen und findet es geradezu unhöflich, unterbrochen zu werden. Er nimmt tief Luft und erklärt weiter: „Wie lange es dauert, kann ich Ihnen leider nicht mitteilen. Das Wetter ist um diese Zeit unberechenbar. Normalerweise ist das Hotel in den Monaten Oktober und November geschlossen, Sie hatten alle großes Glück, dass wir extra für Sie das Wochenende geöffnet haben. Leider sind nicht alle Annehmlichkeiten des Hotels geöffnet, aber es gibt einen sehr großen Fernsehraum in der untersten Etage. Ebenso einen Freizeitraum mit mehreren Billardtischen und anderen Dingen, die Sie kostenfrei nutzen können“, wieder wird er unterbrochen, dieses Mal von Manfred: „In Ihrem Flyer steht, dass es in der obersten Etage ein Casino gibt, ist das wenigstens geöffnet?“ Der Direktor schüttelt genervt und doch höflich den Kopf: „Wie gesagt, wir haben normalerweise geschlossen, das Casino ist ebenfalls geschlossen. Ich bitte Sie alle, sich nur in Ihrer Etage und in den unteren Bereichen des Hotels aufzuhalten. Man kann sich hier leicht verlaufen, es ist ein sehr großes Hotel. In Ihren Zimmern befinden sich Getränkekühlschränke mit alkoholischen und nichtalkoholischen Getränken. Alle zwei Tage werden die neu aufgefüllt, aber selbstverständlich können Sie Bescheid geben, wenn diese früher leer sind. Wir versuchen alles, um Ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten, aber gehen Sie nicht aus dem Hotel. Die Lage ist ernst, es besteht Lebensgefahr, daher bleiben Sie unbedingt in dem Hotel, ich werde Sie immer über Neuigkeiten informieren.“ Während der Direktor weiter redet, und die Gäste ermahnt seinen Aufforderungen Folge zu leisten, ist die 16-jährige Laura sichtlich genervt. Sie verdreht ihre braunen Augen und spielt mit der Hand an ihren langen roten Haaren. Sie ist die Tochter von David und Lena, die dem Direktor aufmerksam zuhören. „Wann gibt es denn etwas zu Essen?“, fragt Noah den Direktor. Er ist der Vater von Paul und ist mit seiner Frau Elise angereist. Der Direktor faltet seine Hände zusammen und antwortet: „Sie können um 18 Uhr in den Speisesaal kommen, das Buffet mit kalten und warmen Speisen wird dann bereitstehen. Bitte entnehmen Sie alles Weitere aus den Faltblättern, die an der Rezeption hinterlegt sind. Nun möchte ich Sie nicht weiter stören“, danach verabschiedet er sich freundlich von Paul und den anderen Gästen, verlässt wieder den Speisesaal und schließt hinter sich die Tür. Mila macht sich nun Gedanken, ob die Hochzeit am Sonntag überhaupt stattfinden wird. Paul bemerkt die Sorgen von seiner Verlobten in ihrem Gesichtsausdruck, er nimmt zärtlich ihre Hand und lächelt sie an, danach widmet er sich wieder den Gästen zu. „Leute, ich weiß, das war jetzt nicht so geplant. Aber ich denke, wir sollten uns an die Anweisungen des Direktors halten und das Beste daraus machen.“ Während Paul weiter redet, schaut Mila kurz zu Stefan, der daraufhin seinen Blick direkt abwendet, als wenn es ihm unangenehm wäre. Stefan ist der beste Freund von Paul, sie kennen sich schon aus der Schulzeit her und er ist der einzige eingeladene Freund von Paul. Nur Stefan, der Bruder von Paul mit seiner Familie und die Eltern von Paul, sind die einzigen ihm Nahestehenden. Die restlichen Gäste gehören zu Mila. „Mensch Paul, ich hätte dir mehr Stil zugetraut, gab es denn kein besseres Hotel?“, möchte Felix wissen. Manfred dreht sich zu ihm um und sagt: „Besseres Hotel? Das war verdammt teuer, immerhin bezahle ich die Hälfte.“ Diese Bemerkung findet die Frau von Manfred als unangenehm. Sie dreht sich zu ihrem Mann, blickt ihn böse an und sagt: „Das musste jetzt ja sein, was?“ Paul senkt leicht seinen Kopf, denn er weiß, dass er es ohne die Eltern seiner Verlobten finanziell nie geschafft hätte, dieses Hotel zu buchen. Er arbeitet in einem Call-Center, verkauft Verträge für eine Telefongesellschaft und fühlt sich oft gegenüber von Mila etwas minderwertig. Immerhin ist sie Bankkauffrau und das noch in der Bank ihres Vaters. Er wurde von Manfred nie richtig anerkannt und dies bekommt er bei jeder Gelegenheit zu spüren. Auch Noah hätte seinem Sohn finanziell nicht groß helfen können, da er schon den Partyservice im Tal bezahlt hatte. Paul sagt kurz kein Wort mehr, überblickt die Gäste. Am Rand steht sein Bruder Matthias mit seiner Frau Katharina und dem 11-jährigen Sohn Maximilian. Knapp daneben der Onkel von Mila, David mit seiner Frau Lena und mit seiner Tochter Laura, die sehr gelangweilt aussieht. In der Mitte haben sich die Eltern von Mila versammelt, Manfred und Elise, die gerade in einem sehr ernsten Gespräch vertieft sind. An einem Tisch sitzen die Eltern von Paul, Noah und Emma, die wütend ihre Blicke auf Manfred richten. Felix und Silvia stehen etwas seitlich, Felix ist mit seinem Smartphone beschäftigt und achtet kaum noch auf die Rede von Paul. Stefan steht an einem Fenster, sein Blick ist immer wieder nach draußen auf die riesige Terrasse gerichtet, dessen Anblick ihn fasziniert. Laura blickt immer wieder zu Maximilian, der ruhig bei seinen Eltern steht, fast schon schüchtern. Danach wirft sie einen kurzen Blick auf Paul und kurz kommt ihr der Gedanke: „sieht eigentlich recht sexy aus.“
„Ich würde sagen, wir gehen jetzt mal erkunden, was das Hotel zu bieten hat. Vielleicht kann ich ja den Direktor überreden, dass er wenigstens die Hotelbar öffnet“, so Paul mit ruhigen Worten. Kaum hat er dies ausgesprochen, löst sich die Versammlung auch schon von selbst auf. Felix ist der Erste, der die Türen öffnet und zurück in den Empfangsbereich des Hotels geht, ohne dabei auf seine Freundin zu achten. Die Stimmung unter den Gästen ist nicht gerade die Beste. Niemand hat damit gerechnet, dass sie das Hotel nicht verlassen können, und niemand weiß überhaupt, ob die Hochzeit noch stattfinden kann? Denn der Sturm wird stärker und stärker, als ob er absichtlich verhindern möchte, dass irgendjemand das Hotel verlässt.
„Na Kleiner, gehst du mit erkunden, wo sich der Freizeitraum befindet?“, fragt Laura den Sohn von David und Katharina. Fragend blickt er seine Eltern an, als wenn er um Erlaubnis fragen würde. „Geh ruhig mit Max“, so die Mutter. Laura streckt ihm ihre Hand entgegen, zögerlich nimmt er sie an und beide verschwinden in einem kleinen Gang hinter der Engelsstatue. Paul geht direkt zum Direktor, der sich wieder an der Rezeption befindet und gerade telefoniert, in seinem Gesicht ist große Sorge abzulesen. Nach dem Telefonat fragt Paul nach: „Gibt es Neuigkeiten?“ Der Direktor neigt leicht seinen Kopf und antwortet: „Das Wetter wird schlechter, ich kann Ihnen nicht sagen, wann eine Besserung in Sicht ist.“ Paul nimmt etwas Luft und fragt weiter: „Können Sie wenigstens die Hotelbar öffnen? Dann wären einige Gäste etwas entspannter.“ Der Direktor schüttelt den Kopf und erwidert: „Tut mir leid, aber ich habe dafür kein Personal. Die Hotelbar ist auch völlig leer, da stehen keine Getränke und in Moment haben wir auch keine gelagert. Die Saison fängt erst an und wie gesagt, wir arbeiten in Moment im Notbetrieb, extra für Sie, wenn ich das sagen darf?“ Paul ist mit der Antwort sichtlich unzufrieden, weiß aber auch, dass er nichts daran ändern kann. Von hinten kommt seine Verlobte und fragt nach: „Und? Alles in Ordnung?“ Paul schüttelt den Kopf. „Ach Mila, es läuft nicht gerade so wie geplant.“ Mila streift Paul mit ihrer Hand über seine Wange, gibt ihm einen zärtlichen Kuss auf die Lippen, lächelt ihn an und sagt: „Ich liebe dich, es wird schon werden.“ Danach gehen sie Hand in Hand die Stufen hinauf, in die erste Etage. Der Direktor folgt ihnen mit seinen scharfen Blicken und widmet sich danach wieder dem Computer.
Die meisten Gäste gehen ebenfalls in die erste Etage, manche verschwinden in dem Gang hinter der Statue, gehen auf Entdeckungsreise, genau wie Laura und Maximilian.
4. Was ist passiert?
Dienstag, 18. November 2015
