Der sündige Schal - Petra Rütgers - E-Book

Der sündige Schal E-Book

Petra Rütgers

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Beschreibung

Lydia ist gerade 21 Jahre alt, als sie Clemens heiratet. Die beiden sind seit frühester Kindheit zusammen aufgewachsen. Doch ihre Beziehung zu Clemens bleibt leidenschaftslos, die Ehe langweilt sie. Was Lydia bei Clemens vergeblich sucht, findet sie schließlich bei Armand: Der charmante Künstler weckt in ihr Leidenschaft, körperliche Erfüllung und die Sehnsucht, ihrer lieblosen Ehe zu entfliehen. Schließlich scheint ein Ausweg gefunden und bei einem Bootsausflug fällt Clemens der Skrupellosigkeit seiner Frau und ihres Geliebten zum Opfer: Armand stößt ihn über Bord und Clemens, der das Schwimmen nie gelernt hat, ertrinkt. Lydia fühlt sich befreit, glaubt, endlich die Chance auf ein glückliches Leben zu haben. Bis sie die Vergangenheit schließlich einholt.

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Impressum

Prolog

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EPILOG

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2016 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-95840-179-2

ISBN e-book: 978-3-95840-180-8

Lektorat: Dr. Annette Debold

Umschlagfoto: Sergey Ishkov | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Prolog

Wenn man vom Itzgrund spricht, so ist damit das Tal der Itz gemeint.

Von Coburg bis hinunter nach Bamberg zieht es sich und ist Nahtstelle zwischen Ober- und Unterfranken im Freistaat Bayern.

Malerische kleine fränkische Dörfer finden sich hier mit zahlreichen hübschen Fachwerkhäusern und lauschigen Winkeln. Die Landschaft, gezeichnet durch ein Nebeneinander von Mittelgebirgen mit viel Wald und zahlreichen Höhlen, ist derart reizvoll, dass sie nicht nur zur Sommerzeit scharenweise Touristen anlockt. Das milde Klima, fruchtbare Täler, Seen und sanfte Höhen gehören genauso zum Erscheinungsbild wie die Gastfreundschaft und Lebensfreude der hier ansässigen Menschen.

Selbst an heißen Sommertagen kann man einen sanften Windhauch spüren, der aus dem Itzgrund heraufweht und ein wenig Abkühlung verschafft. Gepflasterte Wege wechseln mit Schotterpfaden und geteerten Flurwegen. Die Waldstücke spenden Schatten, für die ein jeder Wanderer dankbar sein dürfte. Die Itz schlängelt sich zwischen Hecken und Bäumen sanft durch ihr Tal, ein gemächlicher Flusslauf. Doch sie kann auch anders. Immer wieder kommt es zu Überschwemmungen, weiter abwärts am so fruchtbaren unteren Itzgrund, wo sich ein Drama des modernen Lebens abspielt, in dessen Verlauf unterschiedliche Temperamente aufeinanderprallen und dessen Protagonisten zunehmend von ihrem Blut und ihren Nerven derart beherrscht werden, sodass sie keinen eigenen Willen mehr besitzen. Wie Marionetten agieren sie, durch das Verhängnis ihres Leibes und ihrer Leidenschaften zu folgenschweren Handlungen getrieben.

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Die Taubergasse in dem malerischen kleinen Städtchen mit seinen vielen Fachwerkhäusern ist eine Passage zum Lustwandeln.

Abgesehen davon, dass man sie gerne nutzt, um einen Umweg zu vermeiden, bietet sie sowohl den zahlreichen Sommertouristen als auch den Einheimischen durch ihre Vielfalt an kleinen Geschäften Gelegenheit, hindurchzuschlendern und für eine kurze Zeit das hektische Treiben des Alltags hinter sich zu lassen.

Da reihen sich Buchhändler und kleine Spielwarengeschäfte aneinander, es wechseln zahlreiche Souvenirläden mit Kunstwarenhändlern ab.

Man kann Handwerksmeistern und ihren Lehrlingen bei ihrer Arbeit zusehen, die sie, wann immer es das Wetter zulässt, vor ihren Geschäften verrichten. Inmitten all dieses bunten Treibens befand sich das Antiquitätengeschäft der Frau Weberknecht, einer wohlgepflegten Witwe, die bereits auf die siebzig zuging. Mit viel Fleiß, Ehrgeiz, Inbrunst und ehrlicher Arbeit hatte sie mit ihrem Mann in jungen Jahren das Geschäft gegründet, ihm Rang und Namen verschafft und neben einer regen Laufkundschaft einen passablen Kundenstamm aufgebaut.

Zu den Antiquitäten der Geschäftsleute gehörten alte Bücher, Noten, Schriften und Zeitungen ebenso wie Möbelstücke, Sekretäre, handgefertigte Tische, Biedermeiermöbel oder Antikmöbel mit üppigen Schnitzereien, wie sie an neuen Möbeln nur noch selten zu sehen sind. Keine Frage, dass es, um sich in diesem Metier zu bewegen, großer Sachkenntnis bedarf sowie eines guten Gespürs für hochwertige Objekte. Beides besaß Herr Weberknecht, der sich bereits in jungen Jahren seinen Antiquitäten mit Leib und Seele verschrieben hatte. Umso tragischer das Unglück seines plötzlichen, unerwarteten Herzinfarktes, der seinem Leben ein jähes Ende bescherte und seine Frau mit dem Geschäft und einem kleinen Kind zurückließ.

Der unerwartete Tod ihres Mannes bewirkte anfangs eine große Mattigkeit in der jungen Witwe. Sie verkaufte zunächst einiges an andere Händler. Der Erlös aus diesen Verkäufen nebst einiger Ersparnisse brachte ein kleines Kapital, das sie zinsgünstig anzulegen wusste. Doch dann besann sie sich. Sie sagte sich, dass sie das Erbe ihres geliebten Mannes, seine Hinterlassenschaft, seine Antiquitätensammlung, die für ihn das Leben bedeutet hatten, nach besten Kräften und Vermögen weiterführen müsse. Das, so erkannte sie mit einem Male, war sie ihm schuldig! Er hätte es so und nicht anders gewollt oder erwartet. Mit ihrer Willenskraft schaffte sie es, sich aus ihrer Antriebslosigkeit und dem Verdruss zu lösen und mit neuer Energie und Einsatz die Geschäfte wieder ganz aufzunehmen. Es widersprach einfach ihrer Natur und der grundsätzlichen Einstellung zum Leben, sich in der Einsiedelei zu verkapseln, Trübsal zu blasen und in Selbstmitleid zu versinken.

Ihre Antriebs- und Schaffenskraft schöpfte Frau Weberknecht größtenteils aus ihrer nun alleinigen Verantwortung für den damals dreijährigen Sohn. Ihre ganze ungeteilte Liebe und Fürsorge galt fortan ihm, Clemens. Schon die frühen Kindsjahre waren geprägt gewesen von zahlreichen Krankheiten des Kleinen. Der labile Gesundheitszustand des schmächtigen Jungen mit den blassblauen Augen, unter denen fast immer dunkle Schatten standen, und dem wächsernen Gesicht bewirkte, dass er sich ständig alle möglichen Krankheitserreger einhandelte und von Infektionskrankheiten geplagt war. Nicht selten sah die Kundschaft ihn mit Ausschlägen und Pusteln befallen im Schoße der fürsorglichen Mutter und erntete mitleidige Blicke. Ob Ringelröteln, Mumps, Keuchhusten oder Drüsenfieber, die Mutter führte einen regelrechten Kampf gegen die Krankheiten, die hintereinander aufmarschierten, um ihr armes Kind zu quälen.

Dass die tüchtige, rechtschaffene Witwe ein großes Herz und Pflichtgefühl für Nächstenliebe an den Tag legte, sollte sich einige Jahre nach dem Tod ihres Mannes bestätigen.

Diesmal traf es nicht die eigene Familie, sondern die langjährige Freundin, die sie aus der Schulzeit kannte und mit der sie seither eine tiefe Zuneigung verband. Auch diese Frau schien nicht unmittelbar auf der Sonnenseite des Lebens geboren worden zu sein. Kaum schwanger, war sie von ihrem Lebensgefährten, einem dem Glücksspiel verfallenen Hallodri, sitzen gelassen worden. Einem, wenngleich gut aussehend, windigen Hund, der sich im Nachhinein vor allem hinsichtlich zwischenmenschlicher Beziehungen als Tunichtgut und Taugenichts offenbart hatte. Statt sich der Verantwortung der Vaterschaft zu stellen, hatte dieser es vorgezogen, sich in südlichere Gefilde zurückzuziehen. Die untröstliche Frau brachte daraufhin ihr Kind, ein Mädchen, allein zur Welt. Mehr schlecht als recht schlug sie sich fortan allein durchs Leben, betrieb im Ort eine kleine Schneiderei, die jedoch wenig ertragreich war. Von früh bis spät sah man die Arme an ihrer Nähmaschine, selbst dann noch, wenn sich ihre Augen vor Übermüdung röteten und tränten. Kaum fand sie Zeit, sich um die kleine Tochter zu kümmern, die in der stickigen Nähstube auf dem staubigen Boden herumkrabbelte, sich selbst überlassen. Frau Weberknecht, Patin der Kleinen, versuchte ihre Freundin zu unterstützen, so gut sie konnte. Sie griff ihr finanziell unter die Arme, um ihre Lebensumstände wenigstens etwas zu verbessern.

Dann bahnte sich das nächste Unglück an. Es begann zunächst schleichend, mit Müdigkeit und Abgeschlagenheit.

„Du arbeitest zu viel. Ein paar Tage ausspannen täte dir und der Kleinen ganz gut“, riet Frau Weberknecht der Freundin.

„Du hast gut reden“, entgegnete diese verzagt, „ich muss jeden Auftrag annehmen, der sich bietet. Du weißt doch, dass es zwischendurch immer wieder diese Phasen gibt, in denen das Geschäft nicht gut läuft, das bereitet mir sowieso schon schlaflose Nächte. Wie stünde ich erst da, wenn du mir nicht ständig aushelfen würdest! Sei es, dass du dich um die Kleine kümmerst oder die eine oder andere Rechnung übernimmst. Dabei hast du selbst genug zu schaffen mit dem Geschäft und Clemens. Gönnst du dir etwa eine Verschnaufpause? – Nein, also lass es gut sein!“

Zu der andauernden Leistungsschwäche kamen Fieberschübe und Gewichtsverlust, bedingt durch die anhaltende Appetitlosigkeit. Nach hartnäckigem Zureden Frau Weberknechts suchte die Schneiderin schließlich einen Arzt auf, der geschwollene Lymphdrüsen am Hals, im Nacken und in der Leiste diagnostizierte. Die Angst vor einer schlimmen Krankheit schnürte der armen Frau die Kehle zu. Doch das Resultat ließ nicht lange auf sich warten – sie litt an Lymphdrüsenkrebs.

Ein knappes halbes Jahr später hatte Frau Weberknecht einen weiteren Todesfall zu beklagen. Nachdem der Krebs die Milz und das Knochenmark befallen hatte, hatte die bedauernswerte Frau nicht mehr lange überlebt und Frau Weberknecht fand sich erneut auf dem Friedhof wieder, auf dem nur wenige Jahre zuvor ihr Mann begraben worden war. Mit tränenverschleierten Augen auf das blumenbedeckte Grab ihrer lieben Freundin blickend, spürte sie die kleine kühle Hand in der ihren.

Die Augen, die zu ihr aufschauten, sind grün und durchdringend. Die rote Lockenpracht fällt dem kleinen Mädchen ungebändigt über den Rücken. Lydia ist nun elternlos.

Doch Frau Weberknecht wird gut für sie sorgen, sie großziehen, als sei sie ihr eigen Fleisch und Blut. So hat sie es ihrer Freundin versprochen und nichts wird sie davon abbringen.

Wenn im Sommer zur Mittagszeit die rötlichen Sonnenstrahlen die Taubergasse durchfluteten, konnte man hinter dem Schaufenster mit der verschnörkelten Aufschrift „Weberknechts Antiquitäten-Schatztruhe“ das blasse, ernste Profil einer jungen Frau erkennen. An die hohe Stirn hängt sich eine schmale zugespitzte Nase, die Lippen sind voll und muten fast wollüstig an. Das kurze kräftige Kinn schiebt sich trotzig und eigensinnig nach vorne und verläuft in einer weichen, sich schmiegenden Linie zum Hals, dessen Haut fast transparent wirkt. Wegen der großen Helligkeit im Freien kann man vom Körper der jungen Frau nicht viel erkennen, nur das lockige Haar, das ihr ungezähmt über den Rücken fällt und je nach Lichteinfall wie glühende Kohlen leuchtet.

Das Geschäft, in dessen Mitte sich der Ladentisch befindet, ist breiter als tief und voll von Möbelstücken, Schaukästen, Kommoden und Standuhren. Das Ticken der Pendeluhren vermittelt Ruhe und Gemütlichkeit. Frau Weberknecht bewegt sich mit emsiger Geschäftigkeit durch ihr kleines Reich, während die junge Frau still und unbeweglich hinter dem Ladentisch verharrt.

Am Ende des Ladens führt eine Treppe in die Wohnung im ersten Stock, die aus einem Wohn-/Esszimmer mit gemütlichem Kachelofen und zwei Schlafzimmern besteht. Eines davon ist mit zwei Türen ausgestattet, die jeweils zum Flur führen.

Im hinteren Teil des Geschäftes in einer Ecke, die selbst zur Mittagszeit kaum sonnendurchflutet wird, sitzt ein etwa dreißigjähriger Mann an einem Schreibtisch und ist mit Additionen beschäftigt, deren Zahlen er geduldig, wenn auch mühselig mit kurzsichtigen Augen entziffert. Es ist Clemens, der sich um die anfallenden kaufmännischen Arbeiten kümmert. Die vielen überstandenen Krankheiten in seiner Kindheit haben ein ständiges Zittern und Frösteln in seinem Körper zurückgelassen. In seinem Wachstum aufgehalten, ist er klein und schwächlich geblieben. Seine schmächtigen Gliedmaßen machen nur langsame Bewegungen. Um dieser Schwäche willen liebt seine Mutter ihn nur umso mehr. Mit triumphierender Zärtlichkeit betrachtet sie das wächserne Gesicht mit den blassblauen Augen, das eingerahmt wird durch rötlich blondes, schütteres Haar. Wie mit dem Lineal gezogen wirkt der akkurate Seitenscheitel. Alles an dem jungen Mann riecht nach Krankheit.

Während der seltenen Ruhepausen, in denen der Junge nicht krank war, hatte er eine Schule im nahegelegenen Coburg besucht. Seine Fähigkeiten beschränkten sich auf sehr oberflächliche Kenntnisse in Grammatik, Rechtschreibung und Mathematik. Auch sein Talent für kaufmännisches Rechnen und Buchführung auf der weiterführenden Handelsschule hielt sich in Grenzen. Seine beschränkte Auffassungsgabe schob die Mutter auf die häufigen Krankheiten, die zu großem Unterrichtsversäumnis geführt hatten, womit sie durchaus nicht unrecht haben mochte. Wenn jemand ihr dazu geraten hätte, ihren Sohn versuchsweise auf eine höhere Schule zu schicken, sie hätte sich geweigert, diese Option auch nur im Entferntesten in Betracht zu ziehen. Der Schulstress würde ihn anfällig für neue Krankheiten machen, davon war sie überzeugt. Clemens blieb also auf seinem niedrigen schulischen Niveau, und seine relative Unwissenheit und eine gewisse Weltfremdheit waren wie eine weitere Schwäche in seinem schwachen Wesen.

So verdankte er es auch mehr dem Glück als seinem Verstand, dass er dank Beziehungen seiner Mutter zur Stadtverwaltung nach seinem Schulabschluss dort eine Stelle erhielt. Auch wenn das Gehalt ihn zu keinerlei Höhensprüngen befähigte, so hatte der junge Mann doch wenigstens einen relativ sicheren Job und mit diesem eine gewisse Unabhängigkeit, nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern in gewisser Weise auch auf zwischenmenschlicher Ebene. Denn die Abwesenheit seiner überaus fürsorglichen Mutter bewirkte ein Stück Loslösung aus ihrer Umklammerung und dem unerschütterlichen Beschützerinstinkt.

Doch weder die geregelte Arbeitszeit, der Kontakt zu Kollegen noch die neu gewonnene Selbstständigkeit konnten verhindern, dass schon nach kurzer Zeit Langeweile und Verdruss aufkamen. Wenn er nachmittags müde, mit leerem Kopf nach Hause kam, fand er im Geschäft seiner Mutter in einer Art dumpfer Abgespanntheit unendlichen Genuss. Nur hier fühlte der junge Mann sich wirklich wohl aufgehoben. Jahrelange Verzärtelung und Hingabe seiner Mutter hatten eine wilde Ichsucht in ihm großgezogen. Wenn er auch glaubte, die zu lieben, die ihn bedauerten oder verhätschelten, so lebte er in Wirklichkeit abgesondert tief in sich selbst. Ein Introvertierter, der sich gerne auf sein Wohlbefinden konzentrierte und mit allen Mitteln danach trachtete, seinen Lebensgenuss zu erhöhen.

Und wenn ihm die bekümmerte Fürsorglichkeit seiner Mutter lästig wurde, verließ er einfach fluchtartig das Geschäft, um an den grünen Auen der Itz ein lauschiges Plätzchen zu suchen, um Ruhe und Entspannung zu finden.

Seit dem Tod ihrer Freundin hatte Frau Weberknecht die damals dreijährige Lydia zu sich genommen und wie eine leibliche Tochter großgezogen. Das Mädchen wuchs gemeinsam mit dem drei Jahre älteren Clemens unter dem warmen Deckmantel der Fürsorglichkeit ihrer Ziehmutter heran. Im Gegensatz zu ihm strotzte sie geradezu vor Gesundheit, wurde aber trotzdem gepflegt wie ein kränkelndes Kind. Darüber hinaus teilten beide Kinder ein Schlafzimmer, in dem die Luft stets nach Krankheit roch. Das so auferlegte Krankendasein bewirkte, dass sich das Mädchen mehr und mehr in sich zurückzog und in einer eigenen, von äußeren Einflüssen weitgehend abgeschirmten Schattenwelt existierte.

Zu ihrer Gewohnheit zählte es, leise zu sprechen, lautlos zu gehen und reglos mit leerem Blick auf einem Stuhl zu sitzen. Trotzdem zeugten ihre Bewegungen von fast katzenartiger Geschmeidigkeit. Kraft und Leidenschaft schienen in ihrem wie betäubten Körper zu schlummern.

Das eingeschlossene Dasein, das sie führte, die Krankheiten, die sie häufig umgaben, vermochten ihren widerstandsfähigen Körper nicht zu schwächen. Oft stand sie am Fenster, blickte versonnen auf die gegenüberliegende Häuserzeile mit den hübschen Balkonen, von denen Petunien in leuchtenden Farbtönen herabrankten, während die goldenen Sonnenstrahlen ihr blasses Gesicht überzogen. Wenngleich sie mit gleichmütiger Miene das Zusammenleben mit dem kränklichen Knaben ertrug, lebte sie innerlich bisweilen ein glühendes, hingerissenes Dasein. So gab sie sich tollkühnen Träumereien hin. Manchmal war es ihr, als wäre ihr Körper in ein zu enges Korsett gepresst, welches ihr die Luft zum Atmen abschnürte. Dann sehnte sie sich nach der frischen Auenlandschaft an der Itz, wo sie sich mit Clemens häufig aufhielt. Stunden brachten sie manchmal dort zu. Im saftigen Grün auf dem Rücken liegend, schauten sie den vorbeiziehenden harmlosen Wolken nach, gedankenlos, zufrieden, während sich ihre Nägel in die feuchte duftende Erde bohrten.

Im Hintergrund der sanft dahintreibende Fluss; stark hat die Itz sich ins Gestein eingetieft. Mit leisem Schaudern betrachtete Lydia oft das kühle Nass, wobei sie sich einbildete, das Wasser würde ihr bis zum Hals steigen und sich dann über sie stürzen. Unwillkürlich spannten sich dann ihre Muskeln, bereit zur Verteidigung, und sie fragte sich, wie sie es anstellen sollte, die Fluten, die doch nur eine Frucht ihrer Einbildung waren, zu besiegen.

Auch die schulischen Ambitionen Lydias beschränkten sich von Anfang an auf ein Minimum. Sie „drückte“ einfach die Schulbank, blickte versonnen und verträumt aus dem Fenster und schien doch nur auf das Klingeln der Schulglocke zu warten, die das Ende der Unterrichtsstunde verkündete. Dabei war sie keinesfalls dumm, einfach nur teilnahmslos, desinteressiert und eine hoffnungslose Tagträumerin.

Und so keimte in Frau Weberknecht, die ratlos mit ansah, wie sich ihre Ziehtochter lustlos vom einen ins andere Schuljahr schleppte, der Gedanke, sie nach Abschluss dieser wenig rühmlichen Schulkarriere in ihr Geschäft zu nehmen, wo sie das Mädchen einarbeiten würde. Schließlich würde auch sie nicht jünger, und es war auf Dauer empfehlenswert, sich einen Nachfolger heranzuziehen. Außerdem würde sie das Geschäft nicht mehr schließen müssen, wenn sie die Bamberger Antiquitätenmesse besuchte oder anderweitig unterwegs war. Auch das Problem der Arbeitsbeschaffung für das Mädchen würde sich von vornherein vermeiden lassen.

Über kurz oder lang würde auch ihr Sohn sich von seinem Job bei der Stadtverwaltung verabschieden, um – so hoffte sie jedenfalls – im Geschäft mit anzupacken. Und was konnte der alten Dame Besseres widerfahren, als dass das Juwel ihres verstorbenen Mannes in Familienhand blieb?

Mit heiterer Güte blickte sie auf die beiden jungen Leute und liebäugelte insgeheim mit dem Gedanken, sie nicht nur zu Geschäftspartnern, sondern praktischerweise auch zu Ehepartnern zu machen. Hatte sie ihren Sohn immer wie ein rohes Ei behandelt, wurde es ihr nun mulmig bei der Vorstellung, sie könne eines Tages aus dieser Welt gehen und ihn allein und womöglich krank oder leidend zurücklassen. Und da verließ sie sich auf Lydia und sagte sich, dass dieses junge Mädchen eine wachsame Fürsorgerin für Clemens sein würde. Es flößte ihr mit seiner ruhigen Art und der stummen Ergebenheit grenzenloses Vertrauen ein. Gleich einem Schutzengel würde sie über ihren Sohn wachen. Eine Heirat der beiden stellte sich ihr demnach als eine sicher vorauszuberechnende Lösung dar.

Und so begann Frau Weberknecht auch über „ihre Heiratsabsichten“ ganz selbstverständlich und fast beiläufig zu plaudern. Die jungen Leute wuchsen in diesem Gedanken heran, der ihnen mit der Zeit vertraut und natürlich wurde. Man sprach von dieser Verbindung wie von einer konsequenten schicksalhaften Fügung. Sogar über den Zeitpunkt der Eheschließung hatte die resolute Dame schon nachgedacht. Altmodisch, wie sie war, wollte sie den einundzwanzigsten Geburtstag der jungen Frau abwarten.

Clemens, dessen Blut durch Krankheit geschwächt war, kannte von den heißen Begierden der Jugend nichts. Lydia gegenüber war er immer der kleine blässliche Junge gewesen; sie wurde von ihm auf die gleiche Art geherzt und geküsst, wie er auch seine Mutter küsste. Aus Macht der Gewohnheit, ohne etwas von seinem selbstsüchtigen Gleichmut zu verlieren. Er sah in der jungen Frau eher eine gefällige Kameradin, die ihn vor Langeweile bewahrte, ihm Tee kochte oder vorlas. Wenn sie auf den Auenwiesen herumalberten und einander neckten, durchfuhr kein Schauer seinen Körper, geriet sein Blut nicht in Wallung. Und es wäre ihm bei diesen Gelegenheiten auch niemals der Gedanke gekommen, seinen Mund auf ihre heißen Lippen zu drücken, wenn Lydia mit nervösem Lachen versuchte, sich ihm zu entziehen.

Auch sie blieb ihm gegenüber kühl und gleichgültig. Ab und an verweilten ihre katzenartigen grünen Augen mit der Festigkeit einer unbeirrbaren Gemütsruhe auf seinem selbstgefälligen teigigen Gesicht, und ihre Lippen zuckten kaum merklich. Nicht die leiseste Regung war in ihrem verschlossenen Gesicht zu lesen. Wurde das Thema „Heirat“ erwähnt, beschränkte sie sich auf eine leichte Kopfbewegung, womit sie ihre generelle Zustimmung bekunden mochte.

Zum Zeitpunkt ihres Schulabschlusses hatte die vorausplanende Frau Weberknecht ihre Ziehtochter schon längst unter ihre Fittiche genommen und sie mit den anfallenden Aufgaben im Geschäft vertraut gemacht. Ihrem Wesen entsprechend legte das Mädchen auch hier nicht allzu viel Elan und Schaffenskraft an den Tag und zeigte nur bedingtes Interesse im Umgang mit Antiquitäten. Frau Weberknecht schob den Mangel an Begeisterung auf die Frische ihrer Jugend und war überzeugt, dass mit der Zeit eine gewisse Leidenschaft für die antiquarischen Schätzchen schon noch aufkommen würde. Um ihr eine gewisse Anteilnahme zu entlocken, nahm sie Lydia zu Auktionen mit, wo die Antiquitäten mitunter stattliche Verkaufspreise erzielten. Auch die alljährlichen Messen besuchten sie gemeinsam, um die junge Frau mit dem Genre vertraut zu machen.

Mit Vollendung des einundzwanzigsten Lebensjahres rückte der Tag für die Heirat heran. Das Aufgebot dafür wurde bestellt und man beschloss, sich im Bürglassschlösschen zu Coburg standesamtlich trauen zu lassen. Ein Schloss mit großer Geschichte, existierte es doch schon 1521 als Vorgängerbau, musste den Dreißigjährigen Krieg überstehen und zwischenzeitlich noch ein Feuer, bei dem das Gebäude beinahe abgefackelt worden wäre. Die Spuren der Vergangenheit waren zum gegenwärtigen Zeitpunkt natürlich nicht mehr sichtbar.

Frau Weberknechts Herz hüpft vor Freude und atemloser Ungeduld, wenn sie vor ihrem geistigen Auge die lieben Kinder in das klassizistische Gebäude schreiten sieht; in den Vorraum des Treppenhauses mit dem säulengetragenen Rondell, eine ebenso gelungene architektonische Lösung wie der ehemalige Empfangssaal im ersten Stock, der nunmehr als Trausaal vom Standesamt genutzt wird. Die Wandvertäfelung gibtdazu einen stimmungsvollen Rahmen für das Ereignis der Eheschließung. Nichtsdestotrotz soll die Heirat ohne Glanz und Gloria vonstattengehen. Weder Clemens noch Lydia verfügen über einen großen Freundeskreis.

Am Abend nach der Trauung nahm Frau Weberknecht die frischgebackene Schwiegertochter beiseite und erzählte ihr wehmütig von ihrer armen Mutter, der lieben geschätzten Freundin, die das Schicksal zu früh aus der Welt gerissen hatte und der sie versprochen hatte, ihrer Tochter das Beste für die Zukunft mitzugeben – Clemens.

Hätte sie diesem Gelöbnis noch besser Folge leisten können?

Sie erwähnte den Taugenichts von Vater, den haltlosen Garnichts, der nichts als Schande über die Familie gebracht hatte, indem er sich feige und verantwortungslos ins Ausland abgesetzt hatte.

Die junge Frau hörte ihrer Schwiegermutter schweigend zu, dann umarmte sie sie, wünschte ihr eine gute Nacht und schritt langsam die Treppe hinauf zum Schlafzimmer.

Als die Jungvermählten am darauf folgenden Morgen gemeinsam herunterkommen, hat Clemens nichts von seiner kränkelnden Schlaffheit und Egoistenruhe verloren. Lydia erscheint mit sanftestem Gleichmut und beherrschtem, in seiner Stille erschreckenden Gesicht.

Jeden Morgen um sieben machte Clemens sich auf den Weg nach Coburg, wo er als Beamter in der Stadtverwaltung seinen Dienst tat. Da er kein eigenes Auto besaß, fuhr er mit der Bahn, keine schlechte Alternative. So brauchte er sich wenigstens nicht schon zu früher Stunde auf den Verkehr zu konzentrieren. Stattdessen genoss er es, mit stumpfsinnigem Gesicht versonnen aus dem Fenster des Zugabteils auf die vorbeiziehende Landschaft zu blicken, die durchaus seine Reize hatte.

Wenn er am Nachmittag das Verwaltungsgebäude verließ, den Kopf erfüllt vom üblichen Klatsch und Tratsch aus dem Büro, unternahm er gern einen Spaziergang ein Stück entlang der Itz. Die Hände in den Taschen, schlenderte er gedankenverloren und verträumt auf das Wasser schauend dahin, ohne an irgendetwas zu denken. Manchmal fühlte er sich vom Dahinfließen des Wassers nahezu magisch angezogen. Dann würde er sich am liebsten in die Fluten stürzen. Gerade rechtzeitig fällt ihm dann wieder ein, dass er nicht wirklich schwimmen kann und eine solche Tollheit böse für ihn enden könnte.

Weiter abwärts hinter Coburg, am fruchtbaren unteren Itzgrund, so weiß er, überschwemmt der Fluss bei Hochwasser immer wieder sein Tal. Im letzten Sommer hatte er an den Wochenenden häufig Ausflüge nach Breitengüßbach zusammen mit seiner Mutter und Lydia unternommen. Dort hatten sich die drei viel am Fluss aufgehalten, Picknick gemacht und gern die Stelle aufgesucht, wo die Itz in den Main mündet, zwischen Breitengüßbach und Baunach.

Sobald Clemens nach Hause kam, aß er und begann danach zu lesen. Er hatte sich einige Werke von Thomas Mann besorgt und versuchte sich am poetischen Realismus Theodor Fontanes. Allabendlich stellte er sich zwanzig Seiten zur Aufgabe, versuchte der Langeweile zu trotzen, die ihm dieser Lesestoff bereitete. Er zwang sich mit für ihn ungewöhnlicher Disziplin, das Lesen beizubehalten, denn auf diese Weise, so glaubte er, konnte er an seiner Weiterbildung arbeiten. Bisweilen kam es sogar vor, dass er seine Frau darum bat, bestimmte Passagen mit anzuhören. Es wunderte ihn, dass Lydia den Abend ohne Lektüre verbringen konnte und nie das Bedürfnis verspürte, ein Buch in die Hand zu nehmen. Er kam zu dem Schluss, dass sie geistig ein wenig minderbemittelt sein musste und sich deshalb nicht mit derart anspruchsvollen Schriften beschäftigte. Ihr schien es mehr zu behagen, mit traumverlorenen Gedanken müßig und tatenlos dazusitzen. Lydia wies hartnäckig alle Bücher ungeduldig zurück. Ihre fügsame Stimmung behielt sie bei und konzentrierte sich darauf, aus ihrem Wesen ein Werkzeug höchster Selbstentäußerung zu machen. Im Geschäft machte sie sich leidlich nützlich. Die Kunden bediente sie stets mit denselben Worten und sanftem nachsichtlichem Lächeln, das mechanisch auf ihre Lippen kam. Sie führte die Interessenten zu den einzelnen Ausstellungsstücken, wobei sie, vorangehend, sanft die Hüften schaukeln ließ und ständig eine Strähne ihres roten Haares zwischen den langen weißen Fingern zwirbelte.

Frau Weberknecht zeigte sich zuvorkommender, ausnahmslos gesprächig und war stets zu Rat und Tat bereit. Auf diese Weise hielt sie ihre Stammkundschaft bei der Stange. Doch Lydia war es, als lebte sie in dumpfer erdrückender Stille. Sie sah ihr Leben vor sich ausgebreitet, kahl und nüchtern, ein Leben, das ihr jeden Abend das gleiche kalte Bett und jeden Morgen den gleichen leeren Tag bescherte. Daran mochte selbst die hübsche Lage des Antiquitätengeschäftes in der Taubergasse nichts ändern. Genauso wenig wie die Menschen, die hindurchschlenderten, mit ihren neugierigen Blicken, und von denen so mancher einen Abstecher in die „Schatztruhe“ Frau Weberknechts unternahm.

Allwöchentlich, am Freitag, lud Frau Weberknecht Gäste zu sich ein. Im Esszimmer auf der ersten Etage pflegte sie zu diesem Anlass jede Menge Tee und Kaffee aufzusetzen. Der Freitagabend war in die Gewohnheiten der Familie geglitten wie eine bürgerliche Orgie von ausgelassener Fröhlichkeit. Bis weit nach Mitternacht pflegte man sich an den großen ovalen Tisch zu setzen. Sobald die letzten Neuigkeiten ausgetauscht waren, wurden die Karten zum Binokelspiel verteilt.

Mit von der Partie war zum einen August Diefenbach, ein pensionierter Polizeihauptkommissar, mit dem Frau Weberknecht eine langjährige Freundschaft verband. Der ehemalige Kommissar war froh, diese freundschaftliche Beziehung durch das allwöchentliche Treffen pflegen und aufrechterhalten zu können. Er genoss die kleine Abwechslung im Alltag, war er doch selbst seit Langem Witwer. Begleitet wurde er von seinem Sohn Eric, einem diplomierten Volkswirt, der mit seinem dicklichen, selbstzufriedenen, blutleeren Bürokratengesicht, aus dem kleine, immer übermüdet wirkende Augen hinter dicken Brillengläsern blickten, nicht gerade zu den optisch begehrenswertesten Männern zählte. Und doch war Eric verheiratet; mit Viola, einer farblosen, kleinen, grauen Maus, die sich den freitäglichen Zusammenkünften ebenfalls anschloss. Lydia hielt Eric für einen steifen, narzisstisch selbstgefälligen Kerl, der sich einbildete, der Gesellschaft allen Ernstes noch etwas Gutes zu tun, wenn er in Begleitung seiner biederen Frau seine Aufwartung machte. Clemens hatte einen weiteren Kartenspieler in die Runde gebracht, einen Verwaltungsbeamten seiner Dienststelle, der kurz vor seiner Pensionierung stand. Anton Kronberg war Büroleiter, dem auch die Zuweisung der Arbeiten oblag, die in Clemens’ Büro zu erledigen waren. Fast ehrfürchtig blickte dieser zu ihm auf und sonnte sich bereits in der Hoffnung, den pensionierten Kronberg eines nicht mehr fernen Tages ersetzen zu können, wenn der seine Beziehungen spielen lassen würde. Auch Kronberg war sehr angetan von Frau Weberknechts Gastfreundschaft und Spielerlaune und war jeden Freitag pünktlich zur Stelle.