Der Tag der Rose - Simon Rogler - E-Book

Der Tag der Rose E-Book

Simon Rogler

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Beschreibung

Nachdem ihre unglückliche Beziehung gescheitert ist, wandert Kim ins Ausland aus, um ein komplett neues Leben zu beginnen. Nach einem Jahr lernt sie Stephie kennen und lieben. Doch diese erwidert ihre Gefühle nur bedingt, ist sie doch zu sehr mit ihrer Exfreundin verbunden. Kim Gefühle für sie wachsen stetig, aber so nach und nach stellt sich heraus, das sie Teil eines perfiden Spiels von Stephie geworden ist. Hat ihre Liebe noch eine Chance?

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Buchbeschreibung:

Nachdem ihre unglückliche Beziehung gescheitert ist, wandert Kim ins Ausland aus, um ein komplett neues Leben zu beginnen. Nach einem Jahr lernt sie Stephie kennen und lieben. Doch diese erwidert ihre Gefühle nur bedingt, ist sie doch noch zu sehr mit ihrer Ex-Freundin verbunden. Kims Gefühle wachsen stetig, aber so nach und nach stellt sich heraus, das sie Teil eines perfiden Spiels von Stephie geworden ist.

Hat ihre Liebe noch eine Chance?

( Dieses Buch ist eine fiktive Geschichte. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind weder beabsichtigt noch gewollt. )

Über die Autorin:

Simon Rogler, Jahrgang 1973, ist in einer Kleinstadt im Hunsrück aufgewachsen. Mit ihren beiden Hunden lebt und arbeitet sie in der Schweiz. Der Tag der Rose ist ihr erster Lesbenroman.

*

Kim freute sich. Sie war am Morgen mit den Hunden in der Aare zum Schwimmen und hatten gespielt. Der Fluss hatte sich aufgeheizt. Kim tobte mit den Tieren im Wasser und warf Steine, um Kreise ziehen zu lassen. Den ganzen Vormittag nutzte sie die Sonne aus und radelte gegen Mittag zurück, um der Mittagshitze zu umgehen und die Hunde ruhen zu lassen. Seit Tagen hatte es schon nicht mehr geregnet und das Wasser im Pool verdunstete bei den Temperaturen. Der Rasen war verbrannt, die Pflanzen im Garten sahen traurig aus. Alles sehnte sich nach dem Regen zum Abkühlen, aber der kam laut Wetterbericht noch lange nicht.

Kim lag am Nachmittag, nach der Siesta wie so oft mit Shorts und Shirt bekleidet auf ihrem Liegestuhl, kurz nachdem sie mit den Hunden im Pool geplanscht hatte und ließ die Sonne ihre nasse Haut trocknen. Der Kaffee sowie ein kaltes Getränk standen neben ihr und warteten nur darauf, getrunken zu werden. Für den Kaffeepott war es zu heiß und in ihrer Erfrischung schwammen kaum Eiswürfel, so schnell schmolzen diese. Sogar den Laptop anzuschalten, selbst dafür war diese Temperatur zu unerträglich. So weilte Kim auf dem Liegestuhl und ließ ihr Lebensweg Revue passieren in ihren Gedanken.

Alles hatte sich verändert in den letzten Jahren und nur die Hunde waren ihr geblieben. Ihr ganzes Leben war auf den Kopf gestellt worden. Nicht nur durch die Pandemie, sondern, weil ihre langjährige Beziehung deswegen auseinanderbrach. Während Kim so dalag und grübelte, hatten sich die Hunde in den kühlsten Raum zurückgezogen.

Am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen und die Sonne brannte herab auf die Terrasse. Stille umgab Kim. Die Nachbarn waren ausgeflogen und nur die Nachbarskatzen genossen die Sonnenstrahlen auf der Haut und sonnten sich auf der Wiese. Die Umgebung brachte keinen Schatten. Denn auf die Pflanzung von Bäumen wurde hier verzichtet, so dass alles der Sonne direkt ausgesetzt war.

Vor der Türe waren nur kleine Sträucher gepflanzt und auf der Wiese stand verloren ein Baum. Seine Krone war winzig und brachte keine Kühlung. Einzig die Ruhe bei der Hitze war beruhigend. Kim genoss die Stille. Sie surfte auf ihrem Handy und las Nachrichten. Die Hunde dösten und die Katzen schliefen. Kim chillte und verlor sich in den Untiefen des Internets.

Seit die Pandemie weltweit Einzug gehalten hatte, hatte sich die Welt verändert. Kim zog nach der Trennung von ihrer Beziehung in die Schweiz, um Abstand zu gewinnen und sich neu aufzustellen. Es zeigte sich, dass es schwierig war, neue Kontakte zu knüpfen. Kim hatte so ihre Anlaufschwierigkeiten. Die Welt war aus dem Ruder gelaufen und gleichzeitig zum Stillstand gekommen.

Die Menschheit veränderte sich mit der Pandemie, es brauchte einige Zeit, bis es einen Impfstoff gab und der Unmut in der Bevölkerung wurde immer lauter. Alle wünschten sich ihre Freiheiten zurück um wieder aktiv ein Leben haben. Die Pandemie hatte die Welt leiser gemacht, stiller, aber nach knapp eineinhalb Jahren wurden die Menschen fordernder. Keiner sich mehr dem Willen der Regierung beugen, sondern Konzerte besuchen und Freunde. Reisen, die Welt entdecken. Endlich wieder leben.

Kim konnte den Unmut der Bevölkerung nur bedingt nachvollziehen, hatte sie doch Patienten an der Pandemie sterben sehen. Sie selbst zweifelte die Statistiken an, die in den Medien täglich präsentiert wurde. Viele Menschen nahmen die Aussagen der Presse ernst. Kim sah die Sache klar. Es gab den Virus zwar in ihrer Arbeit, aber privat war er für sie kein Thema, hatte sie eh erst wenig Kontakte in der Aarauer Umgebung geknüpft. Sie war vor kurzem in diese Wohnung, mit der großen Fensterfront gezogen, genoss die Ruhe und die Aussicht auf den Pferdehof von ihrer Terrasse. Selbst die Mücken gehörten dazu. Wenn sie morgens das Fenster öffnete, sog sie den Duft frischer Landluft ein. Der Geruch des Misthaufens wehte zu ihr herüber.

Die Ruhe war entspannend, sie hatte etwas Meditatives. Kim meditierte seit ihrem Umzug in diese Wohnung täglich. Einige ihrer Arbeitskollegen empfohlen ihr Yoga, aber nach der zweiten App stellte Kim fest, das es so gar nicht ihre Welt war.

Kim fing langsam an sich einen Freundeskreis aufzubauen. Sich in einer neuen Umgebung mit einer Sprache zu akklimatisieren, die sie nicht immer verstand, fiel ihr schwer. Aber sie redete sich täglich Mut zu, den andere Kollegen hatten es geschafft, warum nicht sie?

In ihrer Nachbarschaft schienen nur Paare zu leben. Sie selbst war Single mit Tieren, wie Kim immer zu scherzen beliebte. Sie war sich nicht sicher, ob sie es ändern wollte, sie war in diesem Falle ambivalent. Trotzdem schaute sie in den verschiedenen Foren, wo sie sich anmeldete. Sie schrieb einige Zeit lang mit Frauen bei Facebook, viele machten unmoralische Angebote und Kim war so gar nicht auf One-Night-Stands aus.

„Das Leben meint es grad echt nicht gut mit mir“, dachte Kim. Alles schien sich gegen sie verschworen zu haben.

Neue Kontakte zu knüpfen war schwieriger, als gedacht in der Schweiz fand Kim, trotz der Hunde. Dabei sagte man ja immer, wer Tiere hat, lernt schneller Menschen kennen und manche Datingapp machte es sich zu Nutze, das man mit Hund angeblich leichter Kontakte bekam.

Sie musste sich selbst erst wiederzufinden und Fuß zu fassen in der neuen Heimat. Ihre letzte Trennung war jetzt anderthalb Jahre her und es gab noch so Tage, da verstand sie einfach die ganze Welt nicht mehr. Ihre Oma beliebte immer zu sagen, dass zwar die Zeit nicht alle Wunden heilt, sie ändere jedoch die Sichtweise auf die Dinge. Das versuchte sie sich zu Herzen zu nehmen, aber es war schwierig, denn eine langjährige toxische Beziehung konnte sie so nicht zu den Akten legen. Dafür war zu viel vorgefallen. Sie brauchte ihre Zeit, um Abstand zu gewinnen, neu zu beginnen und sich selbst wieder aufzurichten.

Kim war sich nicht sicher, ob sie sich wieder neu verlieben wollte oder bereit wäre für etwas Neues. Es reizte sie, andere Menschen kennenzulernen. Kim meldete sich am Abend noch bei einer Datingapp an. Monate später hätte sie es nicht mehr erklären können.

Aber einen Versuch wollte Kim starten, um zu schauen, ob es überhaupt eine Frau für sie geben würde. Eine Frau, die zu ihr stand, die wusste, was Liebe bedeutete. Den Menschen an Kims Seite, die bereit war, gemeinsam in eine Richtung zu blicken und mit der sie eine Zukunft aufbauen konnte.

Kim schaute, löschte die App, um sie eine Stunde später wieder auf ihrem Handy zu installieren. Dann mixte sich Kim einen Cocktail und beantwortete die Fragen der App. Spontan, ohne groß nachzudenken gab Kim offen und ehrlich ihre Antworten ein, um zu sehen, ob es eine Frau gab, die der klassische Deckel zum Topf wäre. An diesem Abend war Kim nicht darauf eingestellt, ob sie das Glück haben würde.

Sie genoss ihren Cocktail und schloss die App mit dem Gedanken: „Dann schauen wir doch mal passiert.“

Kim war gar nicht aufgefallen, dass am Himmel dunkle Regenwolken aufgezogen waren. Sie hatte Stunden im Internet verbracht. Sie schaute auf die Uhr und erschrak, denn es war inzwischen Abend geworden und die Gassirunde stand an. Ebenso musste sie die Raubtierfütterung vorbereiten. Das konnte warten bis nach dem Spaziergang.

Der Himmel war schwarz verfärbt. Wind kam auf, aber es war kein Regen in Sicht.

Kim nahm die Hunde, zog ihnen die Halsbänder an und lief los. Die Gassiwege waren leergefegt. Sturm zog auf, doch der Himmel hatte seine Schleusen geschlossen. Jedes Mal, wenn Wind aufkam, war niemand auf den Wegen anzutreffen. Kim war alleine auf weiter Flur.

Ob dieser kommen mag?, fragte sich Kim, während sie mit den Hunden auf der Gassirunde spielte. Sie hatte ihren Jungs beigebracht anderen aus dem Wege zu gehen und lieber Steine in den Feldern zu suchen, damit mit manchen die Situation nicht eskalierte. Ihre Hunde hätten gerne gespielt, doch nicht jeder Hundebesitzer ließ dies zu. Manchmal war es echt zum Haareraufen, da wohnte Kim schon auf dem Dorf und dennoch waren die Menschen hier eigen.

In der Stadt herrschte Trubel und Stress, doch Kim zog es

zurück in die Ruhe des Landlebens. Die Stille zu erleben und in der Natur unterwegs zu sein, war ihr wichtig. Sie brauchte zwar jetzt etwas länger zur Arbeit, aber das nahm sie gerne in Kauf.

Die Wohnung zudem war bombastisch. Helle bodentiefe Fenster zeigten lichtdurchflutete Räume, und alleine die Sonnenaufgänge auf der einen Seite sowie die Sonnenuntergänge auf der Terrasse überzeugten Kim diese zu nehmen. Regenbogen präsentierten sich oft auf ihren Runden, denn es kam vor, das es auf der Nordseite des Hauses regnete und auf der Südseite die Sonne schien.

Die Natur zeigte sich hier in ihren Formen und Farben deutlich.

Die ersten Wochen in der neuen Wohnung waren von einrichten, auspacken und langen Gassirunden geprägt. Selten sah sie einen Menschen durch ihren Schichtdienst auf den Spaziergängen. Mit der Zeit traf sie vereinzelt Hundebesitzer und freundete sich langsam an.

Kim kam an auf dem Land. Sie investierte in ihre neuen Kontakte und genoss das Landleben genauso wie die Ruhe, die sie hier umgab. Nur am Wochenende war der Bus, der täglich hier entlang fuhr zu hören. Oft wurde ihre Runde auf den Feldern vom Zwitschern der Vögel begleitet. Doch meist herrschte eine himmlische Stille.

Hier war Kims Ruheort. Ein Ort zum Energie- und Krafttanken für sie.

Kim ließ manchmal ihre Gedanken in die Vergangenheit reisen. Sie kannte ihre Fehler und gab diese offen zu. Sie war nicht fehlerfrei und sie lernte aus ihren Schwächen. Ihr Ziel war es ihre alten Gewohnheiten abzulegen und komplett mit Null zu beginnen.

Via Facebook hatte Kim nur oberflächliche Frauen kennengelernt und das war etwas, womit sie sich nicht identifizieren konnte. In den Lesbendatingapps ging es vielen nur um schnellen Sex und dafür war sich Kim eindeutig zu schade.

*

Die auf der Gassirunde waren die besten am Tag. Die Aussicht auf dieser grandios, genauso, wie sich unter den Kirschbaum zu legen und die Wolken zu beobachten. Das gefiel Kim. Sie war oft an den Baum gelehnt oder lag auf der Wiese darunter, kaute an einem Grashalm und die Hunde buddelten um sie herum.

Ab und an jagten sie sich selbst, spielten fangen oder Steine suchen im Feld. Es gab jeden Tag Neues zu entdecken und das war spitze.

Es zog ein Wetterleuchten auf. Es schien so, dass doch ein Gewitter im Anmarsch war. Der Himmel wurde pechschwarz und man sah von weitem Blitze zucken. Aber es gab keinen Tropfen Regen. Es war unerträglich schwül, obwohl der Wind an Fahrt aufnahm. „Ob wir noch rechtzeitig heim kommen? Langsam sollten wir doch mal umkehren und uns auf den Heimweg machen“, sagte Kim zu ihren Hunden. Dann drehten sie um in Richtung nach Hause. Die Hitze war drückend, doch es schien so, dass eine Abkühlung bald folgen würde.

Die Hunde genossen die Zeiten auf den Feldern. Das waren hier im Ausland die schönsten Momente für Kim, packte sie oft das Heimweh. Sie war nicht bereit, aufzugeben, denn die Trennung bewog sie dazu, sich mehr um sich zu kümmern und sich den Traum von einem Hospiz und ihren Tieren zu erfüllen. Einen Ort zu erschaffen, wo alle ihre letzte Heimat fanden.

Endlich ihre Träume zu leben und ihr eigener Chef zu sein. Der Weg würde lang und steinig werden, aber diese Herausforderung nahm sie gerne an.

Für ihren Neubeginn hatte sie wenig Möbel mitgenommen, um nicht mehr an ihre alte Beziehung erinnert zu werden. Sie gab anfangs kaum Geld aus, da sie keine Vorstellung hatte, wie die Wohnung aussehen sollte. Einzig ein Chesterfield-Sofa wünschte sie sich.

Der Himmel öffnete seine Pforten. Innerhalb von Sekunden war Kim bis auf die Haut durchnässt, die Haare klebten an ihr und das Wasser lief nur so in die Schuhe. Vor lauter Regen sah sie nicht mal mehr die Hand vor den Augen. Es waren einige Kilometer bis nach Hause. Blitze zuckten vom Himmel, das Gewitter kam immer näher und es blieb Kim nichts anderes übrig, sich unter einen Baum zu stellen und abzuwarten. Von ihrer Oma lernte sie, das man die Buchen suchen und vor den Eichen weichen sollte. Es war ein Spruch oder eine Binsenweisheit, aber meist hatten diese einen Funkenwahrheit in sich. Dummerweise hatte ihr Hund Angst, er sass neben ihr, den Schwanz eingeklemmt und schaute sie aus seinen braunen Kulleraugen an. Er zitterte am ganzen Körper.

„Sorry Grosser“ sagte Kim, „ich weiss, du magst kein Gewitter. Wir sind bald da.“ Kim spurtete los mit den Hunden neben sich. Laufen war gefährlich, doch sie wollte heim nicht nur den Jungs zuliebe.

Morgen hatte sie Frühdienst und sie brauchte ihren Schlaf. Das war eine der wenigen Prinzipien, die sie sich selbst auferlegt hatte.

Die Hunde freuten sich durch, den Regen zu laufen und sprangen an Kim hoch, obwohl es gewitterte. Der Große war abgelenkt durch den Spurt. Zu Hause angekommen trocknete Kim erst einmal die Hunde. Sie lief klamm durch die Wohnung, die Schuhe quietschten und die Nässe hinterließ Spuren auf dem Parkett.

Nachdem die Hunde trocken und mit einem Snack versorgt waren, verschwand Kim im Bad. Die Wärme war mega entspannend, die Wasserstrahlen auf der Haut. Kim seifte sich ein und versank in ihrer Traumwelt.

„Jetzt wäre es schön, nicht alleine zu duschen. Auch wenn die Dusche so klein ist“ überlegte Kim. Es war eine Wohltat nach dem warmen Tag und dem abkühlenden Gewitter.

Kim war sich nicht sicher, doch sie plante, ihrem Leben eine neue Wende geben. Ihr Herz wieder zu öffnen für einen Menschen an ihrer Seite. Wenn es so vom Schicksal gewollt war, dann würde sie sich verlieben. Eingecremt und mit dem Pyjama versorgt, legte sich Kim auf ihr Bett und nahm den Laptop in die Hand. Sie startete diesen, öffnete den Browser und loggte sich bei Parship ein, um Bilder hochzuladen.

Dann überprüfte sie ihr Profil erneut, drückte Enter. „Mal sehen was passiert“, dachte Kim und legte sie sich schlafen.

*

„Hei Sandra, ich habe es geschafft und habe mich in einer offiziellen Datingapp angemeldet.“

Diese lachte am Telefon. „Lach nicht, ich bin stolz auf mich. Und ich bin echt mal gespannt, wie das werden wird. Ob das wirklich so funktioniert wie in der Werbung? Meinst du das klappt?“ – Sandra lachte erneut.

Sie war zu eigen, um sich bei einer Datingapp anzumelden. Das kam für sie in ihrem Alter nicht mehr in Frage, nach ihrer Ehe wollte sie in ihrem Leben keinen neuen Partner an ihrer Seite.

„Kim du spinnst. Zum einen kostet das Geld und die meisten Profile sind doch eh nur Fake. Die Liebe findet man nur im echten Leben und nicht im Internet. Das solltest du doch wissen.“ Sandra schnaubte.

„Die Liebe über das Internet suchen. Du hast echt zuviel Zeit. Melde dich doch lieber im Fitnessstudio an und suche dir Menschen zum Ausgehen. Die Pandemie wird irgendwann vorbei sein und dann schau, verliebst du dich neu. Du musst doch nur die Augen öffnen und dein Herz und dann wird es schon. Liebe kann man nicht erzwingen und schon gar nicht über das Internet finden.“

„Klar. Es kann schief gehen, aber es kann doch auch wirklich gut werden. Ich schaue es mir mal an und wenn es nicht funktioniert, dann habe ich das Geld aus dem Fenster geworfen.“

„Wenn du soviel Geld übrig hast“, warf Sandra ein. „Lass es mich zu doch versuchen. Ich glaube ja selbst nicht daran, aber ich möchte einfach schauen. Es ist eh so schwierig durch die Pandemie Menschen zu treffen und im Spital, wo dir nur ältere Patienten begegnen, finde ich bestimmt nicht die Frau für mein Leben.“

Sandra lachte. Für sie würde das nicht in Frage kommen. Wenn sie selbst meinte, sie wolle dies so haben, warum nicht?

„Na Kim, ich wette, du hast dich schon längst angemeldet und jetzt von mir nur das Feedback, das es ok ist oder? – „Hm, ertappt, du kennst mich zu gut.“

„Das ist ja nicht schwer. Du bist prinzipiell jemand, der macht, was er sagt.“

„Bisher habe ich noch nichts gehört oder gelesen. Anscheinend dauert es doch einige Tage bis das Profil frei geschaltet wird. Aber ich lasse mich überraschen. Und wenn sich etwas tut, ich werde dich definitiv als erstes informieren.“

„Ist gut. Aber sage nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“

„Schon klar. Bis dann.“

Kim hatte gerne mit ihr zusammengearbeitet. Sie kannten sich jetzt seit Jahren und Spaß miteinander. Für Sandra selbst kam keine neue Beziehung in Frage. Ein Running Gag bei ihnen beiden war. „Lieber ambulant statt stationär“, ein typischer Spruch unter Pflegekräften.

Im Schichtdienst war es eh schwer, jemanden zu treffen, der mit diesen Arbeitszeiten klar kam. Dieses ständige Einspringen, manchmal zwölf bis vierzehn Tage am Stück. Das tötete langfristig jede Beziehung. Kims letzte Beziehung warf ihr oft diese Dienste vor und trennte sich dann mit Auftritt der Pandemie von ihr. Diese unterschiedlichen Schichtzeiten, sowie an Sonn- und Feiertagen zu arbeiten. Nachtdienste zu schieben und kaum Zeit für die Familie und Freunde zu haben. Viele sprachen darüber, dass es prinzipiell kein Problem sei, doch meistens zeigte es sich schnell, das es so war. Mit jemanden aus dem Krankenhaus zusammen zu sein, der Schichtdienst schob, war es selten möglich auf Familienfeiern zu gehen sowie mal Feiertage gemeinsam verbringen.

Es war daher kein Wunder, das viele Pflegende alleine waren oder beide in der Pflege arbeiteten und sich zu Hause die Türklinke in die Hand gaben.

Schichtdienst – das war schon tödlich. Wenn die Partnerin dafür kein Verständnis hatte, war es komplizierter. Dazu kam die Pandemie mit ihren anfänglichen Schrecken. Sie forderte von den Pflegekräften und brachte viele an ihre Grenzen. Selbst Kim kam an manchen Tagen gefrustet und übellaunig nach Hause. Sie hatte schon oft Patienten sterben sehen. Doch der Virus zeigte manchmal einen krassen Tod.

Ihr war es wichtig, zu Hause Ruhe zu finden, Zeit für ihre Tiere zu haben und um Kraft und Energie zu tanken. An und unter der Pandemie beschäftigt zu sein, war eine Herausforderung und viele Kollegen stiegen aus, weil sie die Belastung nicht mehr aushielten. Das führte umgekehrt zu Mehrarbeit, da die Krankheitsausfälle und Ausstiege des Personals zu kompensieren waren. So drehte sich das Hamsterrad Pflege weiter und für eine potentielle Beziehung war dies Gift. Kim wollte die erste Kennenlernphase zu erleben, sich unverbindlich treffen und sehen, ob sich etwas entwickelte. Mit ihrem Job kaum machbar. Dazu kam, dass Menschen kennenzulernen ohne Lockerungen seitens der Regierung nicht möglich war. Die Politik zeigte keine Ambitionen dafür und die Auflagen der einzelnen Krankenhäuser brachten weitere Einschnitte in das Privatleben des Personals.

Die Pandemie verwandelte die Menschen. Der Egoismus in der Welt nahm zu. Gleichzeitig sprachen einige davon, dass die Energien sich veränderten und die Spreu sich vom Weizen trennte. Der Virus trug zur Veränderung bei.

Viele ihrer Kollegen waren aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit von ihren Familien getrennt worden. Einige wohnten im Wohnheim, weil sie nicht mehr willkommen waren zu Hause. Die Angst vor der Ansteckung war zu groß. Kim hatte so etwas in der Art erlebt und sie war geschockt am Anfang. Doch die Zeit zeigte, dass sie ohne diese Beziehung besser dran war. Es tat nicht mehr weh. Ihr Beruf hatte Auswirkungen gehabt auf ihr Privatleben und oft ein Streitthema. Nach der Trennung war sie ausgewandert. Sie zog in die Nähe von Aarau, nachdem sie sich bei einem Besuch in diese Stadt verliebte.

Kim liebte ihren Job, den sie dreissig Jahren ausübte. Wenn sie so zurückblickte, so gab es vieles, was sich geändert hatte, aber einige Situationen wiederholten sich oft.

„Manche Dinge ändern sich nie“, dachte Kim.

Das Leben in der Pflege war eine Herausforderung. Nicht nur für Beziehungen. Der Virus machte keinen Unterschied ob Pflegepersonal oder Patient und das sah man an der Dienstplanung, anhand der Krankheitsausfälle beim Personal. Die Betreuung der Erkrankten, die im Vordergrund stand, war auf das Nötigste beschränkt und zeigte Auswirkungen. Mancher Kollegen hatten ihr Limit erreicht.

„Pflege 5.0. Es war schon lange fünf nach zwölf“ überlegte Kim. „Nichts mehr so, wie sie es mal kennengelernt hatte“.

Die Professionalität stand bei schwindender Fachkraftzahl weiterhin im Vordergrund, es gab weniger Pflegekräfte, die am Bett blieben. Somit sank die Qualität ud litt mit mangelnder Fachkraftquote. Es gab kaum einen Unterschied zu ihrem Heimatland.

An manchen Tagen bereute Kim ihre Entscheidung, etwas Neues gestartet zu haben. Für sie war es eine Herausforderung auszuwandern und neu zu beginnen. Sie wollte es sich selbst beweisen nach ihrer Trennung aus einer toxischen Beziehung. Lange war sie alleine, um alles zu verarbeiten. Gleichzeitig entwickelte sie sich weiter.

Fitnessstudios und Restaurants waren geschlossen. Ausgehen war aktuell nicht drinnen. Es gab kaum Möglichkeiten, eine Frau kennenzulernen, das verkomplizierte die private Situation. Manchmal fragte sich Kim, ob sie überhaupt hier jemals jemanden kennenlernen würde. Würde sie das wollen und das funktionieren?

In ihrer Schublade lag ein Plan. Sich ihre Träume erfüllen und zurück nach Deutschland. Dann wäre sie zwar schon über fünfzig, aber es war egal. Kim schwelgte in ihren Tagträumen. Die Dienste wurden zunehmend stressiger bei weniger Personal. Und dann waren die Schichten so unterschiedlich wie die Kollegen. Die Stimmung oftmals abhängig von den Launen der Menschen, mit denen sie zusammenarbeitete.

Manche Kolleginnen zickten, wenn es nicht so lief wie es ihnen im Sinn stand. Die Jüngeren surften gerne im Internet, um sich die neuesten Trends anzusehen. Für Kim war das ja so überhaupt nichts. Sie zog an, was ihr gefiel und mit ihren Haustieren war sie nicht so auf das Aussehen bedacht. Kim sah das nicht so ernst. Da sie sonst so unterwegs war in der Natur mit den Hunden, bevorzugte sie einen sportlichen, funktionellen Stil. Kim hatte abgenommen in den letzten Wochen und es fiel ihr am Morgen ihr auf, dass sie sich neue Kleidung kaufen musste. Das war für sie ein Alptraum. Das Handy piepste. Es gab Post. Laut Datingapp gab es einige Treffer und Kim war neugierig. Doch im Dienst Mails zu lesen, dazu war keine Zeit und es konnte warten. Die Arbeit war ihr dafür zu wichtig.

Heute war so ein Tag, der sich in die Länge zog, obwohl ständig klingelte. Kim wünschte sich das Dienstende herbei. Sie sehnte sich nach der Ruhe zu Hause. Eine ausgiebige Gassirunde und dann die Nachrichten zu lesen. Mit dem Handy in der Hosentasche, welches wie Feuer dort brannte, ging sie zum nächsten Patienten.

Irgendwann dachte Kim: „Jetzt eine Nichtraucherpause ist doch top.“ Die Kollegen waren unterwegs und sie waren zu zweit auf der Station. Kim nutzte eine kurze Ruhepause, zog das Handy aus der Hosentasche und las ihre Mails.

„Wow, die gefällt mir“, dachte Kim, als sie eine Nachricht von Stephie bekam. Sie sah nur das Bild und hm, die würde ihr zusagen. Sie konnte den Text dazu nicht mehr lesen, denn der Reanimationsalarm ging los.

Reaalarm, der meist Gefürchtete im Spital, weil man nie wusste, welches Bild sich bot. Das Adrenalin schoss Kim ins Blut und sie war so schnell auf Zack, das es für die Kollegen krass war.

„Zum Glück war es nur ein falscher Alarm gewesen“, sinnierte Kim, als sie zurück von der Nachbarstation kam. Wäre es zu einem wirklichen Notfall gekommen, hätte sich der Arbeitstag länger hingezogen. Sie kam nicht mehr dazu, die Nachrichten zu lesen, machte sich aber den restlichen Dienst ihre Gedanken. Wer diese Stephie wohl war und was sie geschrieben hatte. Egal wie neugierig sie gerade war. Die Arbeit hatte jetzt einfach Vorrang.

Kim hatte Alex kurz eine WhatsApp gesendet mit dem Betreff „Habe Post bei Parship.“. Alex war nicht nur eine Freundin, sondern ein Mensch, den Kim nicht mehr in ihrem Leben missen wollte. Sie telefonierten eine Zeitlang täglich miteinander und dann lange gar nicht. Das war ok, denn durch Kims Dienste konnte sie es nicht beeinflussen. Selbst die Telefonate mit Sandra waren sehr unterschiedlich. Meist waren sie in der Gegenschicht und so blieb es oft nur bei kurzen WhatsApps.

Sie tauschten sich oft aus. Wie versprochen, bekam Sandra eine Nachricht via WhatsApp, das Kim jemanden kennengelernt hatte. Sie konnte doch Weiteres erst berichten, wenn sie den Rest zu Hause gelesen hatte. Kim war echt gespannt, was sie erwartete, dauerte es etwas, bis sie alles aufgenommen und auch beantwortet hätte. Der restliche Dienst verging langsam, aber endlich war Feierabend und Kim radelte nach Hause. Dort angekommen versorgte sie erst die Hunde, öffnete eine Flasche Wein und fuhr den Laptop hoch. Sie hatte auf der Terrasse Platz genommen, die Jungs lagen beide vor ihr.

Sie wusste, dass sie sich an diesem ein besseres Bild machen konnte, sie fuhr ihn hoch und öffnete den Browser. Kim nahm sich einen Schluck Wein und begann zu lesen. Stephie erzählte ein wenig von sich, ihrem Alter, ihrem Beruf und ihren Interessen. Sie erwähnte, das sie sich mit ihrem Kind im Urlaub befand und überlegt hatte, sich bei einer Datingapp anzumelden. Sie hatte sich einen Abend hingesetzt und sich registriert, die Fragen ausgefüllt und war auf Kims Profil gestolpert. Das, was sie da sah und las, hatte sie dazu bewogen, sie anzuschreiben. Kim schaute sich die Infos von Stehpie an. Was schreibe ich bloss?, überlegte Kim.

Sie war nicht sicher, was sie antworten sollte. Ihr Vorteil war, das Stephie im Urlaub weilte, somit konnte sie sich Zeit lassen. Sie nahm einen Schluck Wein.

Dann überlegte sie kurz und schrieb einige Zeilen über sich. Sie erzählte von ihrem Beruf, ihren Hunden und etwas aus ihrem Alltag. Sie war sich nicht sicher, ob sie eine Antwort bekommen würde, denn sie arbeitete in der Pflege. Das war ja für viele ein Kriterium Nein zu sagen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ dachte Kim, dann klickte sie auf absenden. „Das wars jetzt. Ich bin mal gespannt ob ich eine Antwort bekomme“.

Kim genoss den Wein, die himmlische Ruhe und das Abschalten von der Arbeit. Die Hunde schliefen vor ihr und so hatte sie alle Zeit der Welt, um ihren Gedanken nachzuhängen. War sie offen für eine Beziehung? Wollte sie das und bereit dafür, hierzubleiben in der Schweiz. Kim grübelte.

Dann schaute sie sich nochmals das Profil an. Es war mega und Kim war sich nicht sicher, warum Stephie ihr schrieb. Kim empfand sich selbst als nichts Besonderes, sie war ein Mensch wie jeder andere. Sie fühlte sich weiterhin zu dick, sie trug eine kleine Speckfalte an ihrem Bauch, obwohl sie schon einiges an Gewicht verloren hatte. Sie hatte das Gefühl, sich nach der Trennung von ihrer Ex zurück ins Leben zu kämpfen. Es war nicht leicht, doch die Zuversicht siegte täglich. Kim behielt ihre romantische Ader bei trotz der widrigen Umstände, die sie in ihrer letzten Beziehung erlebte. Sie wünschte sich diese eine Frau an ihrer Seite, die sie liebte, mit der sie etwas aufbauen und alt werden konnte. Eine Partnerin nicht nur zum Pferdestehlen, sondern gemeinsam durch das Leben zu schreiten. Für sie war es wichtig, diese Frau neben sich zu wissen. Zusammen. Das wäre so schön – Stephies Profil gefiel ihr, ihre Art zu schreiben, die Bilder, die sie von sich präsentierte. Kim war zuversichtlich. Sie strahlte etwas aus, was sie bei sich selbst vermisste. Ob sie antworten würde, stand erst einmal in den Sternen. Sie trank ihren Wein aus, putzte ihre Zähne und dankte dem Universum und verzog sich ins Bett. Die Hunde waren dort, sie hatten sich zum Schlafen gelegt.

Der kleine Prinz lag auf der Decke und schnarchte leise vor sich hin. Vorsichtig schob Kim ihn zur Seite und kuschelte sich darunter. Sie schloss die Augen und sah Stephies Bild vor sich, dann schlief sie relativ schnell ein.

*

Kim erwachte ausgeschlafen und erfrischt. Sie hatte endlich länger als fünf Stunden geschlafen, die Katzen waren ausnahmsweise mal unterwegs und Kim genoss die Stille.

In der letzten Zeit war ihr die Ruhe unheimlich wichtig. Das ständige Gepiepse der Monitore auf der Station war mit ein Grund, warum Kim zu Hause keine lauten Geräusche aushielt. Sie gähnte herzhaft und regte sich. Die Hunde schliefen und so schlich sie leise aus dem Schlafzimmer. In der Küche machte sie die Kaffeemaschine an. Der Kaffee lief durch und Kim vergnügte sich mit einer kurzen Katzenwäsche im Bad. Das reichte für die Gassirunde. Mit der Tasse in der Hand setzte sie sich auf die Terrasse und las ihre E-Mails.

Keine Nachricht von ihr. Hatte sie was Falsches geschrieben? War Stephie so eingebunden im Urlaub, das sie nicht schreiben konnte oder wollte? Kim schluckte die Enttäuschung mit einem Schluck Kaffee herunter. Der Tag hatte ja erst begonnen und in den Ferien stand man für gewöhnlich nicht früh auf.

Die Flüge waren wegen der Pandemie lange gestrichen worden, aber es gab dennoch Möglichkeiten bei Freunden oder der Familie einige Tage auszuspannen. Stephie hatte nicht erzählt, wo sie ihre Auszeit verbrachte.

Kim gefiel es, sie wäre mal wieder weggefahren, es gab Gründe für sie, die sie davon abhielten. Erstens hätte sie gar nicht gewusst wohin hier in der Schweiz und zum anderen hatte sie ihre Katzen zu versorgen. Das war manchmal ein Handicap. Mit den Hunden in den Urlaub fahren war kein Problem, aber die Betreuung der Katzen in dieer Zeit stellte sie vor eine große Herausforderung. Somit hatten Ferien für sie aktuell wenig Bedeutung.

Sie trank gemütlich ihren Kaffee aus und wartete auf die Rückmeldung für die gemeinsame Gassirunde. Sie hatte am Morgen Karin angeschrieben wegen einem Spaziergang, sie schien zu schlafen oder war erst aufgestanden. Die Antwort kam verspätet, doch sie antwortete via WhatsApp, das sie wach werden müsse, aber so in dreissig Minuten könne sie am Robidog sein.

Kim war froh, das sie langsam den ein oder anderen Hundefreund kennenlernte. Sie sahen sich zwar nur sporadisch. Dennoch war es besser, sich öfters mal auf einen Spaziergang zu verabreden, denn so hatten die Hunde jemand zum Spielen. Durch die Pandemie hatte sie gelernt, alleine zu sein und damit umzugehen, trotzdem kam sie sich manchmal einsam vor. Ihre wenigen Kontakte waren oberflächlicher Natur. Sie traf ihre Arbeitskollegen nicht so gerne privat. Sie hatte schon früher unterschieden zwischen Arbeit und ihrem Privatleben. Dies nicht miteinander zu vermischen war ihr wichtig. Nur bei Sandra hatte sie eine Ausnahme gemacht. Sie waren sich ähnlich und auf einer Wellenlänge. Doch Kim merkte, sie brauchte Menschen in ihrem privaten Umfeld.

Das war mit ein Grund, sich bei den ganzen Apps anzumelden. Andere kennenzulernen. Es war schwierig, weil sie das Schweizerdeutsch nicht immer verstand. „Alles wird gut werden“, sinnierte Kim. So wie sie geträumt hatte, selbst wenn es Jahre dauern würde.

Kim war dankbar dafür, dass sie hier auf dem Land bei Aarau eine neue Heimat gefunden hatte. Die Sonne schien und es würde wieder heiß werden. Kim zog sich an, weckte die Hunde und startete zum Spaziergang. Die Aussicht hier war genial. Bei schönem Wetter sah sie in der Früh das Berner Oberland. An manchen Tagen sah sie die Heißluftballons am Himmel, die die Gipfel zu umkreisen schienen.

„Guten Morgen, na, wie geht es euch?“, fragte Kim, nachdem sie Karin und ihren Timmy am Robidog getroffen hatte. Sie genoss es, gemeinsam unterwegs zu sein, die Gespräche. Die Hunde spielten auf den Feldern miteinander und so verging die Gassirunde wie im Fluge.

Es waren diese Momente, die Kim glücklich stimmten. Den Hunden beim Toben und Jagen zu zusehen. Das Leben war schwierig gewesen bisher und hatte so manchen Stolperstein hinterlassen. Die wenigen Freundschaften, die Kim geschlossen hatte, waren nicht so ehrlich, wie Kim es sich erhoffte. Der erste Eindruck zählte hier mehr als der Charakter, aber Kim war froh, dass Karin nicht so wert auf Geld zu legen schien. Sie war normal.

Das Land war superreich in Kims Augen. Für sie, die so gar nicht der Finanzmensch war, eine Herausforderung. Für viele schien nur das Monetäre zu zählen. Kim liebte ihre Tiere, ihren Beruf, die Natur. Reich zu sein, war nicht ihre Begierde in dieser Zeit.

Was ihr fehlte, war diese Frau an ihrer Seite. Könnte Stephie für sie dieser Mensch werden? Kim ahnte, dass sie im Widerspruch mit sich selbst war. Sie hatte in der letzten Beziehung, unter dem Narzissmus ihrer Ex gelitten. Das war nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Es gab Menschen in ihrem Leben, die sie triggerten und sie an ihre Ex erinnerten. Die letzten Jahre gemeinsam waren

die Hölle und ihre einzige Lösung war nach der Trennung das Jobangebot in der Schweiz und ihr Umzug. Nur so hatte sie sich selbst aus dieser toxischen Partnerschaft gelöst. Lange brauchte sie dafür, um dies erst einmal für sich zu erkennen. Nie wieder sollte in ihren Augen ein Mensch, so abwertend ihr gegenüber sein. War Stephie anders? Kim wünschte es sich. Das würde sie nur durch ein Kennenlernen herausfinden. Bisher kam keine Rückmeldung von ihr. Kim übte sich in Geduld.