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Ein Tag im Leben des vermeintlich mächtigsten Mannes der Welt gewährt unerwartete, groteske Einblicke: Auch ein Präsident ist nur ein Mensch - anscheinend leider kein normaler! Und wenn man sich die Opposition anschaut, sieht es nicht viel besser aus ...
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Dirk Fettig
Der Tag des Präsidenten
Erzählung
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Morgenempfang
Beim Frühstück
Der Presseempfang
Die Gemahlin
Bei der Geliebten
Die Opposition
Der vielseitig Begabte
Impressum neobooks
Mühsam quälte sich an diesem Morgen eine zähe, trübe und gleichsam erblasste Sonne aus ihrem Nachtlager hinter dem Horizont hervor. Ihr morgendlicher Blick lastete zunächst schwer auf den Rabatten, in denen Gladiolen, Krokusse, Freesien und viele weitere Schwertliliengewächse, ebenso wie die Hyazinthen, Rittersporn und nicht zuletzt auch Amarant dem aufstrebenden Morgen eher skeptisch gegenüber zu stehen schienen. Denn obgleich hier in prächtigen Blütenständen und Hochblättern alle nur erdenklichen Farben, von dunklem Blau, über zartem Rosa, sattem Purpur, leuchtendem Orange und Gelb bis hin zu intensivem Rot sich ausbreiteten, so sprachen doch die gesenkten Köpfe der floralen Schönheiten eine andere Sprache. Und die Tautropfen zwischen den Gräsern des präsidialen Gartens wirkten heute wie stumpfe Glasscherben, wo sie ansonsten funkelnde Diamanten waren.
Auch in den verschiedenen Baumgruppen der weitläufigen, annähernd parkähnlichen Gartenanlage des Präsidentenpalastes hatte an diesem Morgen offensichtlich der Missmut Einzug gehalten. Die uralten Eichen, Buchen und Erlen blickten denkbar verdrießlich, müde und düster in das ausgedehnte Rund.
Doch nicht allein in dem botanischen Umfeld äußerte sich diese bedrückende Empfindung. Selbst der morgendliche Gesang des gesamten Vogelvolkes schien gehemmt und gewissermaßen mit lediglich halber Kraft vorgetragen zu sein. Die Triller wirkten längst nicht so brillierend, die Flötentöne bei weitem nicht so klangvoll wie noch Tags zuvor, als die morgendliche Sonne im strahlenden Glanz eines herrlichen Frühlingstages wohl mit dem rechten Bein zuerst aufgestanden war.
Heute dagegen schien das linke am Zug gewesen zu sein.
Und wie merkwürdig, selbst der präsidiale Vergnügungspark schien an diesem Morgen aller seiner Erheiterung versprechenden Glanzstücke überdrüssig geworden zu sein. Zumindest schauten die gruseligen Gestalten der Geisterbahn, in welcher gegenwärtige politische Widersacher des jetzigen Präsidenten sich neben historisch unumstrittenen Schauergestalten vom Schlage eines Hitler, Mussolini oder Goldfinger in den Gespenstertrupp einreihten, griesgrämiger denn je aus der Wäsche.
Den Rummel hatte der augenblickliche Hausherr – dem eigenen Bekunden und einer offiziellen Presseerklärung nach sowohl sich selbst als auch seiner Palastbevölkerung – vor etwa zwei Jahren dort für einige hunderttausend Taler errichten lassen. Peinlich berührt zeigte sich allerdings erst letztens das Referat für Öffentlichkeitsarbeit als bekannt wurde, dass es noch niemandem aus dem Umfeld der dienstbaren guten Geister des Präsidentenpalastes vergönnt gewesen war, mit einem Fuß oder einem anderen Körperteil dieses Terrain betreten zu dürfen...
Bislang wurde allerhöchstens einmal im halben Jahr ein Reinigungstrupp unter strenger Beaufsichtigung durch die besagte Geisterbahn, um die niedliche Achterbahn mit immerhin einem ordentlichen Looping, zwischen der Wildwasserbahn und an der Schießbude vorbei bugsiert. Näher als mit einem sehnsüchtigen Blick hatte dabei noch kein Bediensteter die Attraktionen in Anspruch nehmen dürfen.
Keine Spur von Munterkeit war ringsumher auszumachen, als der Hausherr zerzaust, stoppelig und noch in seinen Pyjama gekleidet an diesem Morgen das rote Empfangszimmer im Südflügel des Präsidentenpalastes betrat. Mit eingekniffenen Augen über seiner breiten Boxernase, so dass kaum die Farbe der Pupillen auszumachen war (ein Blick in seinen Pass belehrt darüber, dass der Präsident eisblaue Augen hatte) blieb er zunächst auf der Schwelle stehen, um sich ein Bild von der Ausgangssituation zu machen.
Es war wie jeden Morgen die gleiche: er wurde bereits erwartet. Ein junger, derzeit eher bleicher Mann mit glatten, wächsernen Wangen und energisch-spitzem Kinn harrte seines Staatsoberhauptes. Benjamin Wolffsohn, der als Berater, Vertrauter und bisweilen auch Freundesersatz dem Präsidenten zur Seite stand, war schon früh auf den Beinen gewesen um höchstpersönlich die Frühstücksbereitung für seinen Brotherrn überwachen zu können. Nachdem er dem Präsidenten die Morgenzeitung auf dem Frühstückstisch an der üblichen Stelle bereitgelegt hatte – der Präsident selbst las ausschließlich den `Tilt´; über die wichtigsten Inhalte aller übrigen Presseorgane ließ er sich in vereinfachter, verdichteter Ausführung von seinen Mitarbeitern unterrichten... Nachdem Benjamin dies etwa fünf Minuten zuvor erledigt hatte, überblickte der Präsidentenvertraute bei der Gelegenheit nochmals den angerichteten Frühstückstisch und nickte sich selbst zufrieden zu.
Eigentlich fühlte sich Benjamin Wolffsohn nicht für die Überwachung der Frühstücksbereitung zuständig. Doch wofür war er zuständig? Die genaue Bestimmung, eine angemessene Amtsbezeichnung des aufstrebenden, juristischen Jungakademikers war zweifellos nicht jedermann im Staat, ja nicht einmal im unmittelbaren Umfeld des Präsidenten einwandfrei entschlüsselt, die wenigsten hätten etwas zu seinem ungefähren Werdegang, zu seiner Herkunft, seinem persönlichen Umfeld, geschweige denn zu seinen Ambitionen zu sagen gewusst. Nur soviel war jedem, der ihn einmal kennen lernte, klar: der Mann besaß viele Talente!
Demnach wäre die trefflichste Amtsbezeichnung für Benjamin Wolffsohn wohl die einer `grauen Eminenz´ gewesen...
So manchem schien er zwar lediglich nach Art einer eifersüchtigen Gouvernante um einen verzogenen Bengel zu glucken - als persönliches Kindermädchen quasi... Doch wurde diese Einschätzung selbstverständlich nur abseits großer Gesellschaften und hinter vorgehaltener Hand in dunklen Ecken unter Freunden kund getan... - Indessen hätte man sicherlich dem jungen Mann hiermit bei weitem zu wenig Ehre erwiesen!
Denn er war der Mann im Hintergrund; er war der, der die Fäden zog; der, der die Richtung bestimmte, wenn der Präsident wieder einmal zwischen mehreren Stühlen saß...
Doch davon wusste, wie schon erwähnt, kaum jemand...
Nun stand er mit seinen Einsfünfundachtzig fertig gebügelt und gestriegelt, adrett und nett und strahlte seinem Herrn und Meister das gewinnende Lächeln entgegen, welches dieser so sehr an ihm schätzte. Der Präsident hatte das bislang zwar noch nicht in der Form geäußert, doch Benjamin Wolffsohn besaß ein beinahe untrügliches Gespür für die Wirkungen, die er bei anderen Menschen erzielte...
Und er wusste das sehr geschickt einzusetzen!
Wie gesagt: der Mann hatte viele Talente...
„Guten Morgen, Herr Präsident. Wünsche wohl geruht zu haben.“
Benjamin erlaubte sich eine vornehme, lediglich angedeutete Verbeugung.
„Guten Morgen, mein lieber Wolffsohn... Sie sind schon so munter? Ich denke, ich muss Ihnen ein umfangreicheres Quantum an Arbeit zuschanzen, was meinen Sie? Ansonsten sind Sie mir zu ausgeruht...“
Der Präsident war nun seinerseits vollends wach und kicherte, ob des ihm geglückt scheinenden Scherzes vergnügt, während er zugleich nach dem `Tilt´ griff und sich auf dem Diwan gegenüber des Kamins niederließ.
„Sie sind allerdings bisher immer sehr gütig zu mir gewesen, Herr Präsident.“
Benjamin Wolffsohn erlaubte sich eine erneute halbe Verbeugung mit der vollendeten Grazie eines englischen Butlers.
„Ach Wolffsohn, nennen Sie mich doch bitte ab heute einfach `durchlauchtigste Hoheit´!“ meinte der erste Mann im Staat eher beiläufig, während er zunächst den Sportteil des `Tilt´ aufschlug.
Er hielt es nicht für angebracht, dem Untergebenen im Zuge der Äußerung dieses merkwürdigen Wunsches in die Augen zu schauen. Statt dessen vergewisserte er sich lieber, dass sein geliebter FC Bleiern den gestrigen Gegner im laufenden Pokalwettbewerb nach allen Regeln der Fußballkunst in Grund und Boden gespielt hatte. Dass die Hinterfragung der Unparteilichkeit des Schiedsrichtergespannes allgemein als Relativierung der sportlichen Leistung des Rekordmeisters aufgefasst wurde, störte ihn dabei nicht weiter. Er war bloß rückwirkend ärgerlich, dass solch ein lästiger Empfang zu Ehren des Besuches eines Staatschefs ihn von der Verfolgung der Live-Berichterstattung der Partie entbunden hatte! Aus welchem dunkelamfrikasischen Land, von dem kein Europästralier nach seinem Dafürhalten auch nur das Geringste überhaupt wissen müsste, kam der Knilch von gestern noch einmal? Der Präsident hatte es längst vergessen. Überhaupt war der Abendempfang von ausgesprochen dürftigem Gehalt gewesen und insgesamt ermüdend verlaufen... Ja, das stimmte ihn auch nun nochmals ein wenig ärgerlich... Ein wenig ärgerlich - und das war lediglich von kurzer Dauer; der Präsident schien überhaupt seine Gefühlsempfindungen regelmäßig auf recht überschaubare Zeiteinheiten angelegt zu haben, bevor sie durch andere, bisweilen gar gerade entgegengesetzte Gefühlsempfindungen abgelöst wurden; und jene wiederum durch andere...
Diese Sprunghaftigkeit erleichterte dem Betreuer des Präsidenten nicht eben die Arbeit. Mitunter glaubte jener gar in dem Präsidenten erste zarte Ansätze einer multiplen Persönlichkeitsstörung entdecken zu können!
Doch diesen Verdacht – nein, das war allzu streng gesprochen – diese vage Möglichkeit ließ Wolffsohn wohlweislich vorerst in seinem Innersten verschlossen. Er getraute sich kaum einmal diesem erschütternden Gedanken in sich selbst Auskeimung zu gewähren!
Das wäre ihm viel zu riskant erschienen...
So stand Benjamin einigermaßen verdattert inmitten des Raumes und wusste nicht, was dass nun wieder sollte.
„Aber Herr Präsident, ich verstehe nicht recht...“, tastete er sich vorsichtig in unbekanntes Gelände hinein.
Der Präsident geriet erneut ins Schmunzeln.
„Schon gut, schon gut, mein Lieber. Das war natürlich nur ein dummer kleiner Scherz von mir, mein lieber Wolffsohn... Entschuldigen Sie schon. Sie wissen doch, ich habe bisweilen des Morgens den Schalk im Nacken hocken...“
Der so Beschwichtigte schaute skeptisch dem Präsidenten geradewegs in die Augen.
„Ach so... Ich verstehe... und ich dachte bereits -“ Er wurde leiser und leiser, bis er sich zuletzt unterbrach, da der strenge Blick des Herrn Erwusch die Oberhand behielt - und mit dem Absenken des Erwuschen´ Blickes sank rhythmisch vereinbar die Stimme Benjamins.
Georg Joachim Erwusch schien auf genau diese unbestimmte Aussage gelauert, ja spekuliert zu haben. Das Einhaken in diese Äußerung jedenfalls ging mit harpunenartiger Geschwindigkeit vor sich. „Was dachten Sie sich schon?“ Und mit festsitzendem Widerhaken wurde der Fang eingeholt. „Sie dachten, dass ein `Euer Gnaden´ mir bereits entgegen käme? Nun ja, da stottern Sie gar nicht einmal allzu knapp am Ziel vorbei, mein lieber Wolffsohn. Die Anrede `Euer Gnaden´ ist mir tatsächlich auch recht angenehm. Das können wir noch gelten lassen! Dafür erhalten Sie neunundneunzig Gummipunkte und einen Kasten Lebertran von mir... Das war ganz große Klasse. Ich gratuliere zum Hauptgewinn!“ Und begeistert stürzte der Präsident auf seinen jugendlichen Betreuer zu, um diesem die Hand zu quetschen.
Während er noch seine Finger sortierte, kehrte die Verblüffung in die Gesichtszüge des Jungakademikers zurück. Doch außer eines uninspirierten „Äh ...“ wusste der aufstrebende Jüngling sich keiner angemessenen Äußerung zu bedienen.
Noch mehr allerdings irritierte ihn, dass der Präsident dieses „Äh...“ ohne mit der Wimper zu zucken auf beinahe kindliche Weise nachäffte und sich schier ausschütten wollte vor Lachen! Es kam selten vor, dass der Mann hinter den Kulissen das Gefühl hatte, eine falsche Strippe gezogen zu haben... Diesmal aber war er sich sicher: der Präsident hatte ihm eine Stolperfalle gestellt. Jedoch warum?
Noch ehe Benjamin Wolffsohn mit sich selbst über eine mögliche Antwort ins Reine gelangt war, wurde seine Aufmerksamkeit bereits wieder in Anspruch genommen.
Präsident Erwusch hatte sich wohl soeben die letzten Schlafensreste aus den Augen und dem Gemüt gerieben, dabei zugleich eine Frage an Benjamin gerichtet, die dieser allerdings nicht erfasst hatte...
„Entschuldigen Sie bitte, Herr Präsident, ich - “
„Euer Gnaden!“
„Wie bitte?“
„Hatte ich Ihnen nicht eben erst, vor gerade einmal zwei Minuten, erklärt, dass ich ab heute als `Euer Gnaden´ tituliert zu werden wünsche? Also bitte, richten Sie sich gefälligst danach... Ansonsten müsste ich mir noch eine weitaus vertracktere Titelsammlung zulegen. Wie wäre es dann zum Beispiel mit: `Eure Heiligkeit´? Oder was hielten Sie von `Durchlauchtigste Seligkeit´? `Sohn des Himmels und der Erde´ würde sich auch nicht schlecht machen, nicht wahr? Klingt allerdings allzu asifrimatisch, was meinen Sie? Man müsste sich hierfür freilich Schmalaugen zulegen, oder? Ansonsten wirkt der Titel wohl nicht. Nein, das ist mir dann doch allzu fragwürdig. Da sieht man gewiss nur die Hälfte von allem, mit solchen Schmalaugen... Aber, im Kino zum Beispiel, muss man dennoch den vollen Preis bezahlen, nicht wahr?“
Erneut schüttete der Herr Erwusch sich aus vor Lachen.
„Eindeutig geeigneter wäre ja doch ein Titel wie der einer europästralischen `kaiserlichen Unfehlbarkeit´! - `Eure kaiserliche Unfehlbarkeit´! Das ist doch einmal ein Titel, was? - Den hat nicht jeder aufzubieten! Da kommt man nicht so leicht daran, an solch einen Titel! Nur ein ganz ausgewählter Kreis menschlicher Erdenbürger hätte ein Anrecht und überhaupt das notwendige Empfinden, von charakterlicher Größe ganz zu schweigen, solch einen oder einen ähnlichen Titel tragen zu dürfen!“
Der Adjutant schien noch immer nicht begriffen zu haben, worauf der Präsident hinauswollte. Das Unverständnis stand ihm nur allzu deutlich ins Antlitz geschrieben.
„Ich sage Ihnen, mein lieber Wolffsohn, eines Tages“, fuhr Georg Joachim Erwusch fort und ein beängstigender Anflug von Ernsthaftigkeit erzitterte nun in den präsidialen Stimmbändern, „eines Tages, da werde ich auch diesen Titel, ich kann zwar nicht sagen von wem, aber ich werde diesen Titel eines Tages verliehen bekommen und werde ihn tragen dürfen... Und zwar mit Stolz und in Ehren, denn ich werde ihn zurecht und verdient tragen, das prophezeie ich Ihnen heute bereits, hier und jetzt gebe ich Ihnen dieses Versprechen in die Hand! Merken Sie sich meine Worte, Wolffsohn... Um was wollen wir wetten? Wie wäre es mit einem Fuffi? Ist das in Ordnung?“
Der Vertraute war allem Anschein nach diesem Wettangebot nicht recht zugeneigt. „Also, ich weiß nicht...“
