Der Tannennadelbär - Richard Lempart - E-Book

Der Tannennadelbär E-Book

Richard Lempart

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Beschreibung

Die Erzählung beschreibt mehrere eigenartige Erlebnisse eines auf dem Weg in die andere, uns benachbarte Welt im „Dazwischen“ verbleibenden Menschen, der Enno heißt. Da er sich sehnlichst die Rückkehr in sein altes, vergängliches Dasein wünscht, versuchen neue und sehr sonderbare Freunde, ihm dabei zu helfen, diese nicht ganz selbstverständliche Reise irgendwie zu ermöglichen. Während Enno geduldig auf einen günstigen Zeitpunkt zur ersehnten Heimkehr warten muss, treten zahlreiche Gedanken und Erinnerungen zum Vorschein, die hier und da unauffällig in das laufende Geschehen involviert werden. Dieses manchmal seltsam anmutende Geleit lässt Enno auf seinem Wege leise und trotzdem deutlich an jeder aufkommenden Herausforderung stetig wachsen, dem erhofften Ziel entgegen … bis er endlich überlegt, ob es nun wirklich der Wunsch nach dem Wiedersehen ist, der ihn antreibt, oder vielleicht eher die Furcht vor Neuem und Unbekanntem – was am Ende möglicherweise über den letzten Schritt entscheiden wird und vielleicht den herbeigerufenen Wechsel seiner Dimension erst anzuleiten vermag. Was auch immer Enno aber bewegt – sein neuer Freund, der traumrichtende Tannennadelbär, kennt sicher den passenden Rat.

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für meinen Vater

Inhaltsverzeichnis

Unterwegs

In der Zwickmühle

Entspannende Aussichten

Seltsame Symmetrien

Dem schallenden Tropfen nach

Der heimische Traumrichtende

Ein Blütentag unter Freunden

Mit eigenen Gedanken konfrontiert

Wunderbare Neuigkeit

Der nahtlose Übergang

Unterwegs

Im Bett liegend lasse ich gerne noch ein wenig Zeit vergehen, bis meine verehrten Sinne nach und nach in dieser kühlen Frühe ihre Wege finden, sich draußen der real existierenden Welt stellen zu können. Denn auch heute werden vor freudig quietschendem Fenster, ja in gar nicht weiter Ferne, tausende, gar Millionen beachtlich großer Regentropfen vom Winde mutwillig in mehrere Richtungen getrieben – und sie schlagen schließlich allesamt laut klatschend auf, mich damit deutlich warnend: Glaube deinem Gehör! Komme nicht heraus! Noch sind wir zur Tat, der Erde nasses Gut zu spenden.

Nun ja, ich würde schon gerne hier bleiben, mir einen guten Tee zubereiten und ein interessantes Buch lesen, wäre dies eine Alternative zu der anstehenden Reise. Ich muss jedoch weiterziehen – hoffentlich auch alleine, ohne die über dieser Hütte hängende Wolke, die mit ihrer aufdringlichen Feuchtigkeit netterweise woanders hinziehen möge. Angenehmes Gefühl, zu wissen, dass mein Wagen der allwettertauglichen Sorte angehört. Wenn man aber bedenkt, dass viele relevanten Details des Streckenverlaufs unterwegs den gegebenen Bedingungen immer wieder angepasst und neu berechnet werden müssen – das ist ein weniger erfreulicher Gedanke. Dann ist es vielleicht besser, einfach nur loszufahren. Freilich könnte man sich in dieser Situation noch fragen, welche Wassermengen die Wege im Gebirge denn noch vertragen können…

Mehrere Stunden sind dahingeflossen – und siehe da: Lang ersehnte, sanft wärmende Sonnenstrahlen erreichen meine Hände, die inzwischen zu blass-hölzernen, am Lenkrad festklemmenden Werkzeugen geworden sind. Doch Müdigkeit und Hunger behalten weiterhin ihre alte, zuverlässige Steigerung bei. Dabei muss ich, mich ablenkend, daran denken: Es ist schon das zweite Mal, dass ich Südamerikas wunderschöne Landschaften genießen darf, und abgesehen von den letzten Regenfällen und der relativen Frische würde ich behaupten, dass meine aktuelle Tour erneut einem wunderbaren Glück gleichen könnte.

Und plötzlich ist es tatsächlich so weit: Wie beinahe schon erwartet bleibt eins der Fahrzeuge vor mir auf der Piste liegen! Den Wetterverhältnissen entsprechend steckt es rädertief schön passend im Schlamm. Jetzt kann ich in der streng nach Abgasen riechenden, förmlich stehenden Luft die Gedankengänge der übrigen Verkehrsteilnehmer lesen: Sie strömen langsam aus den Fahrzeugen aus und hüllen alles in einen dichten Nebel ein. Und es flüstert dann: Mensch, wie nett, dass ich nicht derjenige bin, der dort vorne im Schlamme steckt. Auch interessant zu sehen, wie die sich stauenden Autos im Geflecht ihrer abgenutzten Farben sich geräuschvoll zu einem langen, blechernen Drachen komprimieren und aus den Fenstern heraus einige klagende Hände zu unruhig wimmelnden Gliedmaßen werden. Ich denke mir, dass ich diesem Ungeheuer besser zeitig ausweiche, bevor auch meine Körperteile zu den seinen werden. Tatsächlich scheint es noch möglich, der drohenden Apathie des Staus rechtzeitig entkommen zu können. Hiermit ist es nun also beschlossen: Diesen Umstand kann ich für eine – wenn auch spät angesetzte – sinnvolle Siesta nutzen, mir ein schönes Plätzchen suchen und dort versuchen, ein Nickerchen zu vollbringen. Ich schalte in den Rückgang und mache flott eine Kehrtwende, solange mir noch niemand die Flucht versperrt und solange der gnädige Tag noch etwas Licht spendet.

Aus dem verregneten Morgengrauen ist jetzt ein wunderschön heller und noch angenehm junger Nachmittag geworden mit tiefer, klarer Weitsicht über mehrere Täler hinweg. Die noch vorhandenen Wolken werden zu rätselhaften Gestalten, wie in einem alten chinesischen Licht-und-Schatten-Theater tauschen sie ihre Körper in fließenden Bewegungen, Formen über Formen – von einer in zwei, von dreien zu einer: ein sehr dynamisches Wechselspiel von erzählenden Figuren, die irgendwo in der ferneren Erdatmosphäre leben und vielleicht nur in diesem Augenblick für uns Reisende hier auf dieser Piste als freundliche Wiedergutmachung der vergangenen Strapazen existieren. Es zu sehen ist so wohltuend, dass ich fast vergesse, meine Siesta zu würdigen und mein Essen zu preisen, das im Augenblick einem russischen Menü „nach Vitalis Art“ entsprechen könnte: Es besteht aus etwas Brot, einer sauren Gurke und den Altbeständen gestriger Wurst. Mein guter Freund Vitali würde sicher noch Marmelade in Schwarztee als Nachtisch empfehlen – auf diese werde ich nun verzichten. Stattdessen schließe ich einfach kurz die Augen und schlafe ein wenig, wir wollen ja nicht unbedingt dem blechernen Drachen in die Quere kommen.

Als ich nach großzügiger Pause später in der Dämmerung die Scheinwerfer des Wagens anleuchten ließ, war es in der Gegend bereits ruhig geworden, nur mein Diesel mit seinen hundert Pferdestärken zog eine leise klickende akustische Spur, die der sanfte Wind überall gleichmäßig verteilte. Ich fuhr und stellte zu meiner Freude fest, dass das blecherne Ungeheuer auf lange Sicht verschwunden war: Freie Fahrt für alle und alles! Mir war natürlich trotzdem klar, dass unter den gegebenen Umständen, bei aufgeweichten Fahrwegen während der Nacht die planmäßige Ankunft bei Rainer und dessen Unternehmen so gut wie unmöglich geworden war. Die Geophysiker müssten auf ihre Ersatzteillieferung nun also leider etwas länger warten. Da wir aber auf dem südamerikanischen Kontinent unterwegs sind und ich mit dem Rainer zusammenarbeite, ist unsere Welt immer noch in Ordnung.

Mit praktischem Allrad komme ich sehr gut voran: Dieser Antrieb vermittelt einem Fahrer zuverlässigen Griff, deutet aber gleichzeitig auch auf die allgegenwärtig vorhandene Fürsorge unserer Mutter Gravitation hin, die mich zweifelsfrei auch ohne technische Unterstützung stets am Boden hält. So bestreite ich diese Strecke Meter für Meter, mal zügiger und dann wieder mit etwas Mühe, insgesamt jedoch recht angenehm. Die vor sich hin klickende Stimme des Diesels könnte jemandem den Eindruck vermitteln, sie würde unermüdlich in unterschiedlichen Tonlagen taumelnde Zaubersprüche rezitieren. Es ist ein Monolog, der in Begleitung sich abermals wandelnder, durch Scheinwerferlicht entstehender Schatten sich tief ins Bewusstsein prägt. Und je mehr Zeit vergeht, umso gefährlicher wird er, eindringlicher und wie eine Art aus dem Hintergrund heraus sich anschleichender Hypnose. Also dann – noch mehr Kaffee. Apropos Zeit, ein kurzer Blick auf die Uhr sagt alles: Es ist schon beinahe elf Uhr in der Nacht, demnach wäre es angebracht, während der nächsten Kilometer nach einer geeigneten Ecke Ausschau zu halten, wo ich sicher einparken und gemütlich übernachten könnte. Damit dies auch gelingt, sollten die Augen etwas offener bleiben – mein lieber Kaffee.

Gedacht, getan – und zwar so gut, dass ich plötzlich am Rande des Waldes etwas Seltsames bemerke, wobei ich mich selber am Ohrläppchen ziehen muss, damit mein strapazierter Wachzustand eine Bestätigung findet. Ich halte kurzerhand an, denn ich habe nicht vor, dieses Etwas oder diesen Jemand zu überfahren. So, nun traue ich aber meinen Augen nicht – dies scheint ein erwachsenes Faultier zu sein! Nicht irgendeines, sondern ein richtig imposantes aufrecht stehendes Exemplar. Es hält dazu noch einen kleinen, mit wenigen Blättern bestückten Ast – kauend in sich ruhend wie ein selbstbewusster, mit Stolz erfüllter Manager eines Unternehmens. Steht ungeniert einfach da und beachtet mich zunächst gar nicht! An dieser Stelle frage ich mich: Nun ja – was soll ich denn damit anfangen? Eigentlich habe nicht die Zeit und Lust, mit Forschungen zu beginnen; ich bin schlicht zu müde und möchte geradewegs weiterfahren. Wie in den Boden festgefahren bleibe ich jedoch in sicherer Entfernung stehen und kann mich von diesem Sonderling in keiner Weise trennen. Nach mehreren Minuten wendet er das Antlitz in meine Richtung, ganz langsam – wie sich das für ein anständiges Faultier so gehört. Dann schaut er mich direkt an, natürlich weiter kauend. Ich beuge mich nach vorne, mit dem Kurs auf die Windschutzscheibe, um den Sonderling genauer anzusehen, und sage leise vor mich hin: „Was guckst du so?“ Er steht jedoch immer noch weiter kauend da. Der Wind weht jetzt unerwartet etwas kräftiger, die frische Luftbrise scheint dem lebenden Original zu gefallen – sie bringt ihn anscheinend auf andere Gedanken, da er nun wacher wirkt. Anschließend, noch bevor ich es denken kann – husch! Das Tier ist weg, in den tiefen Wald hineingetaucht – einfach so, was einem echten Faultier nicht ähnlich wäre. Nun, somit hätte sich diese etwas seltsam anmutende und zumal kniffelige Situation von sich aus vereinfacht, denke ich mir – und weitere damit zusammenhängende fragwürdige Eventualitäten bleiben mir daher vom Leibe. Vermutlich werde ich mich in der Zukunft fragen, ob meine Wenigkeit zu diesem Zeitpunkt im wachen Zustand gefahren ist und nicht womöglich einem seltenen Traum verfallen. Tja, es ist wirklich an der Zeit, den kuscheligen Schlafsack aufzusuchen.

Für das Biwak finde ich glücklicherweise recht schnell ein Stückchen für die Übernachtung gut geeigneter Fläche. Windgeschützt, leicht schräg angelegt und mit weichem Untergrund – so ließe sich dem Wunsche nach perfekt entspannen. Wenn nicht die altbekannten winzigen, feuchten Regentropfen wären: zunächst einzeln, zuweilen paarweise und zu guter Letzt in ganzen Horden auf mich niederprasselnd. Jemand hat einmal gesagt: „Während es regnet, wird die uns umgebende Luft im positiven Sinne deutlich anders. Die Menschen erlangen zurück, was sie an vitalen Kräften verloren zu haben scheinen. Sie kommen auf viele neue Ideen, blühen richtig auf, finden besser zueinander und genießen das Leben.“ Ich denke mir: Demnach müssten alle Briten sehr glücklich sein, oder? Wie auch immer, was mich momentan betrifft, so würde mir in diesem Augenblick eine trockene und sternenklare Nacht besser tun – auch, weil ich, nebenbei bemerkt, noch nicht gekocht habe.

Mein Zeiteisen schlägt genau 0:00 Uhr, im Schlafsack sitzend warte ich noch ein wenig auf die Nudeln, auf das von innen wärmende Minigericht – liebe weiche Nudeln. Und wenn man so in die laut zischende Flamme des Benzinkochers schaut, wie sie dem Benzin gierig seine Energie entzieht und es dabei vergehen lässt: Gnädiger Sauerstoff, wie schön, dass es dich gibt! Ohne dein Dasein hätte ich nicht leben können, mit jedem Atem danke ich dir – das Feuer.

Während der Mahlzeit überlege ich noch laut, ob die kommende Strecke im nassen oder im trockenen Umland gefahren, gegebenenfalls auch mit einer sinnvollen Abkürzung reduziert werden könnte, da ich wirklich etwas schneller vorwärtskommen sollte. Laut meiner Landkarte wäre es denkbar, nahe einer stillgelegten Mine abzubiegen und den Weg über einen echt interessanten grünen Pass zu wagen. Die Brücke dort wird zwar nicht mehr gewartet, ist demnach gruselig rostig und sicher uralt – trotzdem fahren aber hin und wieder sogar größere Laster darüber, die laut Erzählungen auch bei späteren Touren in einem ganz passabel wirkenden äußeren Zustand wieder gesichtet werden. Diese Tatsache ist eventuell für ein gewisses Gefühl der Sicherheit nun unentbehrlich. Und die einmalige Umgebung dieser Piste mit all ihren Aussichtsmöglichkeiten ist einfach nur wunderschön. Ich denke, damit ist die Wahl der Abkürzung getroffen. Ich lege mich gemütlich hin, schließe genussvoll die Augenlider, suche noch einer für den Körper optimale Lage und bin bereit für die Nacht. Doch ausgerechnet jetzt, wie eine hungrige Maus auf Futtersuche unruhig mit ihrer Nase hin und her schnüffelnd, hält mich ein einziger Gedanke von den Träumen fern – das Faultier!

Als ich am darauf folgenden Tag im Morgengrauen den im Tal leicht schwebenden Nebel sehe, ist die Außenluft vertraut frisch und feucht, mit einem würzigen Duft der hiesigen Pflanzen gesättigt. Oberhalb der Baumkronen scheint rot-golden die Sonne langsam ein wenig heraufzusteigen. Dieser Aufgang verspricht etwas Wärme für den Tag, denke ich mir. Noch alles ordentlich verstauen, die Halterungen der Ladung hinten überprüfen und es kann weitergehen – wird sogar denkbar, dass ich am späten Abend schon den Geophysikern Gesellschaft leisten und über Rainers lustige Erzählungen lachen kann – vorausgesetzt, mein stets treuer Freund, der Regen, wird sich mit seinen zahllosen und sicherlich der gütigen Natur zur Liebe fallenden Tränen heute ausnahmsweise etwas zurückhalten können. Und während der Diesel weiterhin vor sich hin klickend taumelt, halte ich Ausschau nach der für mich relevanten Abfahrt, weil diese ziemlich unauffällig ist und so manchem Vorbeifahrenden verborgen bleibt. Es wäre schade, die geplante Abkürzung zu verpassen – und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, besagt ein Sprichwort. Damit wäre in diesem Fall das als Begrüßung meiner Auftraggeber in Aussicht gestellte Glas Rotwein gemeint – mit Schafskäse, Brot und Schinken. Diesen Genuss will ich mir nicht entgehen lassen. Es ist amüsant, sich jetzt vorzustellen, wie alle beteiligten Personen mit ihren lila gefärbten Lippen und Zähnen wie auch den gläsernen Augen – etwas durch die Gegend wackelnde Gestalten – herzlich lächelnden fremden Wesen gleichen. Nun, dies wäre laut Wissenschaft ein Beitrag zum Thema „freiwillige Zerlegung der eigenen grauen Zellen“: Alkohol ist ein gefährlicher Zaubertrank. Und so ist auch mein Dieselmotor, der taumelnde mit seinen Zaubersprüchen, eigentlich konstant beschwipst.

Glücklich gelang es mir irgendwann auch, die richtige Abzweigung zu erkennen; ich bog ab und konnte entspannt ein paar weiteren Kilometern folgen, diesmal bei aufgedrehtem Radio, einer wunderbaren Errungenschaft der Ära „Mensch“. Aus größerer Entfernung konnte man bereits die besagte Brücke leicht erkennen, sie spannte zwischen den Felsen ihren elegant gezogenen Bogen und wirkte in warmes Licht getaucht vertraulich sicher, geradezu zur Überfahrt einladend.

Bevor ich einen weiteren Blick werfen kann, bekommt mein Wagen einen kräftigen Ruck von der rechten Seite! Zunächst treffen mehrere Steinschläge gleichzeitig das Blech und in den darauf folgenden Sekunden werde ich plötzlich von einem heftigen Erdrutsch erfasst – kann nichts mehr tun. Der Wagen wirkt wie ein Geschoss, das schräg in Abwärtsrichtung fliegend, dann mit schnell ansteigendem Geräusch die Baumwipfel rasiert. Ich falle. Weil ich mit verkrampften Händen mein Gesicht zu schützen versuche, kann ich nur hörend wahrnehmen, was die physikalischen Kräfte aus dem Wagen holen, wie sie gierig an Materialien reißen, sie genussvoll quetschen – sich immer eindringlicher dem Körper nähernd, in Sekundenschnelle. Mein kleines Gehäuse bleibt unerwartet zwischen Ästen hängen. In grünen Tönen, von umherflatternden Pflanzenresten eingeschlossen, bewegt sich die Masse ruhig und sanft nach vorne und deutet langsam, aber sicher auf drohende Gewichtsverlagerung hin. Nicht zu meinem Vorteil, wie sich herausstellt, denn in sichtbarer Nähe erkenne ich eine steinige und nur karg mit Bäumen bedeckte Fläche, die deutlich abschüssig und schräg nach unten führt, Unangenehmes ankündigend in den danach liegenden Metern. Mal schnell reflexartig zum Sicherheitsgurt gegriffen, nach der Türklinke gesucht – als ob ich gerade einfach so aussteigen dürfte. Blöder Gedanke. Ich bin mir nicht sicher, ob es viele Sekunden sind – auf jeden Fall vergeht keine Minute, bis sich der Wagen in Bewegung setzt, der angespannte Körper wieder permanent aggressiv greifenden Geräuschen ausgeliefert ist, dem Zerfall näher als dem Leben. Erneut geht die Reise in einen kurzen und leisen Flug über – wieder in grüne Blätter breiter Baumkronen, wieder zahllose Schläge von überall. Hier ist Schluss – Blackout.

In der Zwickmühle

Das Gefühl für räumliches, zeitliches oder auch nur bedürfnisorientiertes Denken ist momentan nicht vorhanden. Einfach da sein – oder vielleicht auch nicht da sein? Bin ich etwa tot? Und wenn ja, wieso noch hier liegend? Zunehmend bemerke ich, wie realistisch die Erdanziehung nach mir sucht, mir meinen eigenen Körper mit all seinen Gliedmaßen schnellstens vorzustellen wünscht. Die Augen möchte ich trotzdem vorläufig geschlossen halten, in vorsichtig stillschweigendem Zustand – bloß nichts falsch machen! Der äußeren Welt bin ich wohl im Wege, ich bemerke nämlich blitzartig einen winzigen brennenden Biss auf der Lippe und diesem folgen andere auf Ohr und Backe. Mit einer mutigen Hand hoch zum Gesicht und – es sind erfreulicherweise nur hungrige Ameisen. Sich an direkter und zwickender Gesellschaft dieser Wesen zu erfreuen ist vielleicht selten, doch unter den gegebenen Bedienungen vermitteln sie mir das Gefühl, immer noch bei den Lebenden zu hausen, am täglichen Wahnsinn des Daseins teilhaben zu können. Mein offenbar noch relativ intakter Körper braucht dringend Flüssigkeit und mit dem Willen, ihn behutsam zu bewegen, schaffe ich es, mit Tunnelblick einen in unmittelbarer Nähe vorhandenen Wasserlauf anzusteuern, mich langsam dorthin zu schlängeln und dann viel zu trinken. Wahrscheinlich weil die Sonne so angenehm wärmt, schlafe ich sogleich sorglos ein.

Als mich beruhigend rauschende Geräusche des Waldes wecken, liege ich entspannt auf weichem Sandboden, offenbar auf einer Lichtung, mit vorüberziehenden Wolken über mir. Ich denke mir: So stellen sich vielleicht manche Menschen das Paradies vor. Doch dann drehe ich mich vom Rücken auf den Bauch, schärfe meinen neugierig suchenden Blick nach vorn und bleibe mit ihm an einem groß wirkenden Schatten hängen. Sekunden müssen vergehen, bis mein Verstand den Augen Glauben schenken kann: Vor mir steht ein Faultier!?„Was guckst du so?“, sagt diesmal das Faultier nach geringer Zeitverzögerung zu mir. Es steht ruhig wie auch scheinbar sehr genüsslich kauend da, mit einem Ast fest im Griff. Mir bleibt nichts anderes übrig als mich wieder am Ohr zu ziehen, um das Bewusstsein wachzurütteln. Es ist wahrscheinlich der Sonderling von gestern, denke ich. Ich rappele meinen schlappen Körper ein wenig höher auf – bekomme nämlich das Gefühl, der eigenen Präsenz etwas mehr Glanz verleihen zu wollen, so als wenn wir uns jetzt gegenseitig vorstellen müssten.