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Ein rasanter Roman über zwei ungewöhnliche Frauen, das Ausstopfen eines Hundes und darüber, wie man die verknöcherten Verhältnisse in einem Tiroler Bergdorf zum Tanzen bringt. Erst vor einem Jahr ist die junge Marie Scheringer nach Tirol zurückgekehrt, um die Präparationswerkstatt des Onkels fortzuführen. Jetzt ist ihre Jugendliebe Youni tot und das Schweigen im Dorf schnürt ihr die Luft ab. Doch eines Morgens erreicht sie ein lukrativer Eilauftrag. Und als nur wenige Stunden später eine Bekannte von Youni vor ihrer Tür steht, beginnt Maries erstarrte Welt zu bröckeln. Zwölf Stunden hat Marie Scheringer Zeit, den Schoßhund einer reichen Hotelierstochter auszustopfen. Das ist kaum zu schaffen, doch der Auftrag ist lukrativ und wenn man sonst nur Wolpertinger präpariert, weil die Jäger im Ort eine junge Frau nicht ernst nehmen, ist man dankbar für jede Herausforderung. Immerhin steht Tante Hella ihr mit allerlei pragmatischen Haushaltstipps zur Seite. Doch während Marie das Fell des Hundes abbalgt, suchen sie die Erinnerungen an ihre große Liebe Youni heim, der sechs Wochen zuvor ums Leben kam. Als dann auch eine ehemalige Dorfbewohnerin auftaucht, die einiges über Youni zu erzählen weiß, ist endgültig klar, dass der Tag ungewöhnlich enden wird. Und tatsächlich: Während der nächsten Stunden wird nicht nur ein Tierkörper geöffnet und mit neuem Leben gefüllt, auch die verkrusteten Strukturen im Dorf brechen auf − bis schließlich sogar die Berge in Bewegung geraten.
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2022
Der tanzende Berg
von Elisabeth R. Hager
Klett-Cotta
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
© 2022 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Cover: Anzinger und Rasp Kommunikation GmbH, München
unter Verwendung von Abbildungen von Getty Images
Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde
Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-608-98488-0
E-Book: ISBN 978-3-608-11931-2
Für Yasin und alle anderen,
die es zerbröselt hat.
Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und
Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade
werden, und was hügelig ist, werde eben
Jesaja 40, 4
Die Gefühle sind wahr, die Geschichten erfunden.
Ähnlichkeiten mit Lebenden und Toten zufällig.
»Da oben ist sie!«, brüllte die Butz und zeigte durch die Windschutzscheibe zu einer winzigen weißen Gestalt hinauf, die, von Gratulanten umringt, vor der erleuchteten Fensterfront stand. Marie nickte. Sie nahm das Tablett mit dem darauf geschraubten Hund, stieß die Beifahrertür auf und machte sich auf den Weg.
»Ich wart unten am See auf dich«, rief die Butz ihr noch hinterher, schlug den Lenker ein und stieg aufs Gas. Sekunden später waren die Bremslichter ihres Fiat Panda in der Dunkelheit verschwunden. Marie betrat die Ausläufer der Gartenanlage. Lampions hingen in den Bäumen und erhellten als winzige Monde die Nacht. Sie trug den Hund auf seinem Silbertablett durch die Menge, behutsam und mit feierlichem Ernst, spürte ihre Handflächen, auf denen das Tablett ruhte, spürte bei jedem Schritt den Rasen unter ihren Füßen, spürte ihr pochendes Herz. Marie hätte ewig so weitergehen können. Dieser Moment gehörte ihr allein. Doch bald schon kam sie an den ersten Gästen vorbei, die sich unweit des Swimmingpools um Stehtische gruppierten. Ein leichter Lufthauch hatte die Wasseroberfläche aufgeraut und in funkelnde Rauten geteilt, auf denen die Umrisse des Kaisergebirges mit seinen Kämmen, Scharten und Graten zerliefen wie Aquarell. Wann immer sie ein vereinzeltes Grüppchen Feiernder streifte, folgten ihr fragende Blicke. Offenbar hielt man sie für die Mitternachtseinlage. Und wie sich am Abendhimmel zunächst nur einzelne Sterne zeigen, ehe sie ihn mit einem Schlag zu Tausenden erhellen, stand Marie kurz darauf in einem Meer aus Menschen, die sich zu dieser seltsamen Pyjamaparty eingefunden hatten. Sie musterten einander, tauschten über eine Klangwand aus Neunziger-Jahre-Pop hinweg Banalitäten aus oder saugten ausdruckslos an ihren Hummerschwänzchen. Die Kellnerinnen trugen weiße Spitzenunterwäsche – unfreiwillig, wie ihre steinernen Mienen verrieten. Ihre Kollegen Boxershorts und Muskelshirts. Und auch die Gäste steckten, dem Motto des Abends gemäß, in Jogginghosen oder Nachthemden. Alle trugen Weißtöne. Nur Marie stach heraus in ihrem samtenen schwarzen Trägerkleid. Eine Laus, die durch ein blondes Fell streift. Ein Moment des Zögerns. Marie spürte den Hund auf seinem Tablett schwer werden. In seinen gläsernen Glotzaugen spiegelten sich festliche Lichter. Doch da war noch etwas anderes, ein kaltblütiger Ausdruck. Tu es, hörte sie King sagen. Ich bin auf eurer Seite.
Sie erreichte eine ausladende Steinstiege, die zur Terrasse führte. Immer mehr Menschen drängten zum Epizentrum der Party hinauf, wo das schrille Lachen des Geburtstagskindes wie ein spitzer Gegenstand aus der Musik ragte. Trotz des Lärms hörte Marie deutlich das Ticken, sie hörte ihre Schritte auf dem Stein und ihren schneller werdenden Herzschlag, spürte, wie diese Rhythmen verschmolzen zu etwas Drittem. Als sie oben auf der Terrasse angekommen war, brach jäh die Musik ab. Die Anwesenden verstummten, alle Augen wandten sich Thereses Vater zu, der eine lächerliche eierschalenfarbene Schlafmütze auf dem Kopf trug. Er setzte gerade zu einer Rede an, doch Marie kam ihm zuvor und trat direkt vor das Geburtstagskind.
»Ich bring dir den Hund«, sagte sie ernst und etwas zu laut in der plötzlichen Stille. Therese in ihren High Heels und dem dünnen weißen Seidennachthemd schwankte wie ein hochgeschossenes Bäumchen. Sie kräuselte die Stirn, ehe ihr Blick auf den ausgestopften Hund fiel.
»Kiiiing«, rief sie, ging in die Knie und streckte ungläubig die Hand aus. Als sie das über die Holzwolle gespannte Fell berührte, zuckte sie zusammen. Marie nickte. Die nüchterne Kälte eines ausgestopften Körpers war bei der ersten Berührung ungewohnt. Therese richtete sich auf, riss Marie den Hund aus der Hand und drückte ihn mitsamt dem unhandlichen Silbertablett an sich.
»Alles Gute zum Geburtstag, mein Schatz«, sagte Herr Hassel, der nähergetreten war, und strich seiner Tochter übers platinierte Haar. Therese schaute ihn aus verschleierten Augen an.
»Du bist der Beste, Papa.«
Sie nahm das Tablett und hielt es sich vors Gesicht.
»Da bist ja wieder, mein Bubi. Schaust aus, als würdest gleich losbellen! Mein Bärchen, mein Püppi …«
Kings Glasmurmeln funkelten im Schein der Leuchtgirlanden.
Therese ließ den Hund sinken und sagte zu Marie: »Der King schaut total echt aus. Du hast ihn tatsächlich zum Leben erweckt!«
Marie zwang sich zu einem Lächeln und warf einen letzten Blick auf den seltsam gewölbten Bauch des Hundes. Dann machte sie ein paar große hastige Schritte von Therese weg und begann zu laufen. Sie rannte die abschüssige Liegewiese hinunter in Richtung des Gartentors, rannte, als hinge ihr Leben davon ab. Und sie hatte das Tor noch nicht erreicht, als es zum ersten Mal krachte. Menschen stoben auseinander. Glas klirrte. Und die Welt in Maries Rücken zerbarst in tausend Stücke.
Marie träumte gerade von Dutzenden Läusen, die wie Schneeflocken über das Fell eines von ihr ausgestopften Murmeltiers trieben, als der Staubsaugerlärm ihr in alle Glieder fuhr. Sie schreckte hoch, heftete sofort den Blick auf das Tier, das auf dem obersten Regalbrett auf einem Wurzelstock saß. Staubkörnchen flirrten durch den feinen Streifen Morgenlicht, der auf das aufgerissene Mäulchen fiel. Kein Parasit zu sehen. Maries Kopf sank in die Polster zurück. Sie schloss die Augen, versuchte in den Schlaf zurückzufinden, doch es gelang ihr nicht. Im flirrenden Rot ihrer geschlossenen Lider erkannte sie als tanzenden schwarzen Fleck die Umrisse des Murmeltiers. Marie ächzte, schaute noch einmal hin. Mit gebieterischer Gleichgültigkeit überblickte das Vieh die Werkstatt, unbeeindruckt vom Lärm, der durch die Zimmertür drang. Die Luft war erfüllt vom Haarlack, mit dem sie das Fell des Bären am Vorabend behandelt hatte. Bär … So hatte Onkel Franz männliche Murmeltiere genannt, und Marie machte es ebenso. Die lateinische Bezeichnung war weitaus weniger schmeichelhaft. Mus montis. Bergmaus. Marie presste die Finger auf die Stelle zwischen den Brauenbögen. Sie spürte einen flächigen Schmerz unter der Schädeldecke. Weshalb nur fuhrwerkte Tante Hella in aller Herrgottsfrühe vor ihrem Zimmer herum? Und warum wurde Marie das Gefühl nicht los, dass sie damit nicht nur den Staub, sondern auch sie selbst durch die Ritzen im Türrahmen ziehen wollte?
»Kannst aufhören, ich bin wach.«
Sofort verstummte der Sauger.
»Oje! Hab i di g’weckt?«, erklang Tante Hellas Stimme. »Aber jetzt, wo du auf bist, richt i dir g’schwind ein Frühstück her.«
Marie stellte sich vor, wie sie sich lächelnd entfernte. Sie sah die altersgefleckte Hand ihrer Tante vor sich, die den Staubsauger am gerippten Hals hinter sich herzog. Sie hörte die Hinterrädchen über die Steinfliesen eiern, vernahm den Klangwechsel beim Überqueren des Sisalläufers und das geräuschvolle Drehen bis zur Abstellkammer, wo der Staubsauger von resoluter Hand geparkt wurde. In der Küche angekommen, würde Tante Hella Kaffee aufsetzen, zwei Semmeln der Länge nach durchschneiden, dick mit Butter und Marillenmarmelade bestreichen und Marie zum Essen hinstellen. Wer jeden Morgen zwei gebutterte Semmeln aß, um den brauchte man sich nicht weiter zu sorgen. Die rüstige Tante Hella und ihr verschrobenes Kind. Dabei war Marie nicht wirklich ihr Kind. Doch sie spielten ihre Rollen so lange und gut, dass sie das beide immer öfter vergaßen. Und während ihnen die Männer wegstarben, während das Leben sie in den Abgrund stürzte oder in tausend Stücke zerriss, hielten Marie und ihre Tante trotzig die Stellung. Sie machten einfach weiter.
Marie setzte die nackten Füße auf dem Dielenboden auf, drückte das Kreuz durch und blickte sich um. Schon als Kind hatte sie davon geträumt, in der Werkstatt, diesem Ort der Ruhe, an dem Toten neues Leben eingehaucht wurde, bleiben zu können. Auch und besonders in der Nacht. Gerade dann, wenn das Bewusstsein den Körper für ein paar Stunden verließ, um in der Sphäre zwischen Leben und Tod auf Wanderschaft zu gehen. Nun standen ihr Bett und der mit Wiesenblumen bemalte blaue Bauernkasten tatsächlich hier. Marie arbeitete in der Werkstatt. Sie schlief hier. Und, wenn Tante Hella ihr mit ihrem Dorftratsch allzu sehr auf die Nerven ging, nahm sie hier sogar ihre Mahlzeiten ein.
Jetzt stand sie auf, zog das erstbeste Oberteil aus dem Kasten, ein altes weißes Herrenhemd, angelte nach ihrer Jeans, zog sich an und trat vor den Waschtrog. Wo sie tagsüber ihre blutigen Hände reinigte, ausgeweidete Bälger säuberte, Farben mischte und Chemikalien verdünnte, putzte sie sich die Zähne. Dass es keinen Spiegel über dem ramponierten Emaille-Waschbecken gab, gefiel ihr. Der Anblick des harten Zugs, der sich in den letzten Wochen um ihren Mund gelegt hatte, blieb ihr dadurch genauso erspart wie der ihrer ersten Falten und vereinzelter grauer Haare, die sich in ihre braune lange Mähne geschlichen hatten. Marie bekam noch immer Komplimente für ihr Aussehen, ihre schmale Figur, doch erst seit sie sich nicht mehr jeden Morgen kritisch beäugte, war sie mit sich und ihrem Äußeren im Reinen. Sie rieb ihre Hände an dem fadenscheinig gewordenen Handtuch trocken, kämmte sich und band ihr Haar im Blindflug zum Pferdeschwanz zusammen. Sie griff nach der ledernen Schürze, die einst Onkel Franz gehört hatte, band sie sich um und ging die vier Schritte zum Metallschrank hinüber, wo sie die oberste Schublade öffnete und zwei Spanndrähte herausnahm. Vor dem Frühstück wollte sie noch die Hasenohren nachziehen. Über Tage hinweg musste man sie immer wieder in Form bringen, sonst verloren sie gegen die Schwerkraft, und statt eines Tieres mit aufgestellten Ohren glotzte einen für den Rest der Ewigkeit ein Häufchen heulendes Hasenelend mit herabhängenden Löffeln an. Auf der Werkbank am Fenster standen zwei ausgestopfte Schneehasen auf ihren Hinterläufen, die Mäuler aufgerissen, vertraut wie ein altes Paar. Dabei hatte Marie den Rammler mit einem Schwung Artgenossen erst kürzlich vom Salzburger Zoo bekommen, während die Zibbe schon seit Jahren in einer der Tiefkühltruhen des Onkels auf ihren großen Auftritt gewartet hatte. Marie strich über das seidenweiche Fell und zupfte an der Blume herum, die dem Tier wie ein flauschiger Schneeball am Hintern klebte. So zart und glänzend waren ihr lange keine Hasen mehr gelungen. Sie hätte zufrieden sein können mit der Arbeit, wenn nicht die Augen gewesen wären. Ihre Gestaltung gehörte beim Ausstopfen ohnehin zum Schwersten. Doch die Lichter von Albinohasen naturgetreu nachzubilden – ihr rötliches Flackern zwischen Transparenz und Opazität – war fast unmöglich. Hier hatte sie mit winzigen rot-weiß-gestreiften Murmeln experimentiert, was ihnen ein verschlagenes, geradezu hinterfotziges Aussehen verlieh. Die Tiere lösten ein Unbehagen aus, das sie unter normalen Umständen für den Verkauf unbrauchbar gemacht hätte. In diesem Fall war es anders, ein gewisser Gruseleffekt gehörte bei Wolpertingern einfach dazu. Dem Weibchen würde sie später ein Diadem aus gestutzten Pfauenfedern aufsetzen, einen Entenschnabel verpassen und den Schwanz eines Waschbären annähen. Dem Männchen ein Geweih und die aufgespannten Entenflügel, die Youni ihr vor Monaten von einem Ausflug mitgebracht hatte. Youni … Marie seufzte und versenkte den Blick in der Schneelandschaft des Hasenfells. Ihr gefielen die Tiere ohne den darauf geklatschten Schnickschnack besser. Aber die Kundschaft, vor allem Touristen aus Deutschland und Italien, verlangte danach. Wolpertinger und Haustiere. Andere Aufträge bekam sie nicht. Die heimischen Jäger, die den Kundenkreis von Onkel Franz gestellt hatten, ignorierten sie. Ihre Trophäen, diese Ausweise ihrer Männlichkeit, wollten sie keiner Frau anvertrauen, keiner Frau wie Marie jedenfalls. Blieben also die Wolpertinger. Seit sie das Gewerbe vor einem Jahr übernommen hatte, bildeten sie ihre Haupteinnahmequelle, trotzdem reichte es hinten und vorne nicht. Maries Ersparnisse aus der Zeit beim Radio waren fast aufgebraucht. Das Souvenirgeschäft am Hauptplatz zahlte hundertfünfzig Euro pro Tier. Wenn sie sich geschickt anstellte. Bevor sie die Viecher allerdings in Fabelwesen verwandeln konnte, mussten die Löffel in Form gezogen und fixiert werden. Wie überlange Chicorée-Blätter ragten sie in die Höhe, diese Zauberwerkzeuge, in denen sich noch die leisesten Geräusche verfingen. Winzige Positionsänderungen beim Fixieren der Löffel gaben einem Tier einen völlig neuen Ausdruck. Marie liebte diese Millimeterarbeit und ließ sich viel Zeit dafür, den richtigen Ausdruck für ein Tier zu finden. Lebendig sollten sie wirken, wach, aber nicht angespannt. Wer wollte schon einen Hasen in seinem Wohnzimmer stehen haben, der aussah, als würde er einem gleich an die Gurgel springen? Marie strich mit den Fingerspitzen an den Innenseiten der Ohren entlang. Bei jeder Berührung kroch ihr die Gänsehaut ein Stück weiter den Arm hinauf. Der Anblick der Tiere verschaffte ihr eine nicht zu verleugnende Befriedigung. Der Tod hatte, so schlimm er war, auch seine Vorzüge. Der vom Willen verlassene Körper breitete sich vor Marie aus und wurde zum Material, das sie nach Belieben formen konnte. Vielleicht hatte Younis Tod sie auch deshalb so hart getroffen, weil nichts Greifbares von ihm geblieben war. Wie gern hätte sie wenigstens eine Strähne seiner schwarzen Locken behalten oder seinen Körper in ihrer Nähe gewusst. Sie griff nach den Ohren, befestigte die Metallklemmen an den Spitzen und spannte die geäderte Haut mit einer einzigen kraftvollen Bewegung nach hinten. Gerade so weit, dass sie nicht riss.
Als sie fertig war, trat sie ans Fenster, zog die Vorhänge auf, drehte an der Fensterklinke und ließ Morgenluft herein. Winzige Wolkenfetzen hingen zwischen den Bergspitzen im Blau. Seit Wochen wehte der Föhn und spielte der Welt einen Frühling vor, wo es doch längst Zeit war für die ersten herbstlichen Schauer. Er kündigte einen Temperatursturz an, der wohl auch heute nicht kommen würde. Marie betrachtete die Nuancen des Himmels. Sie zählte die weißen Flecken. Auf dem Zeige- und Ringfingernagel ihrer rechten Hand hatten sich ganz ähnliche Flecken gebildet. Als wäre ihr das Wetter in den Körper gekrochen. Und auch wenn es völlig abwegig war: Marie ahnte, dass diese Flecken verschwinden und ein tosender Regen einsetzen würde, sobald endlich jemand den Mund auftat, um mit ihr über Younis Tod zu sprechen. Youni Jeton Niziray war geradezu verpufft. Nichts war von ihm übrig geblieben außer dem Schweigen, das seit Wochen wie ein giftiges Gas durch den Talkessel waberte. Der Knall, mit dem er gestorben war, war kaum verhallt, da hatte es sich schon in die Gassen des Dorfkerns gezwängt. Dabei wusste Marie genau, dass die Leute im Dorf redeten. Die Leute reden doch immer. Nur eben nicht mit ihr. Schon nach wenigen Tagen hatte sie das Schweigen vollkommen eingehüllt, und es wurde mit jedem Tag fester. Zunächst stockte es wie saure Milch. Doch dabei blieb es nicht. Immer zäher wurde die sie umgebende Stille, bis sie zu einer Art Glaswolle erstarrte, die Marie bei jeder Bewegung winzige Wunden zufügte. Kein Blut war zu sehen. Keine Schnitte in der Haut. Und doch schwächte sie das Schweigen bei jedem Schritt und ließ die Distanz größer werden, die sie zwischen sich und der Welt spürte.
Marie sah sich in der Werkstatt um. Auch hier erinnerte nichts an Youni, außer der Kiste, die sie für ihn vor gut eineinhalb Jahren versteckt hatte. Der Gedanke daran beunruhigte sie. Wohin damit? Wohin mit dreieinhalb Kilo Marihuana, eingeschweißt in vakuumierte Säckchen zu je zehn Gramm? Warum sie ihm das Zeug nie zurückgegeben hatte, war ihr selbst noch immer ein Rätsel. Sie vertrug es nicht einmal. Die wenigen Male, die sie mitgeraucht hatte, waren ihr in lebhafter Erinnerung geblieben, da sie danach tagelang an Angstzuständen und Verfolgungswahn gelitten hatte. Sie stieß die Tür zur Kammer auf, in der die Chemikalien lagerten. Der olivgrüne Lack von Younis Kiste leuchtete vom obersten Regalbrett herunter. Mit ihr hatte im letzten Sommer ihr erstes und einziges Jahr als Paar begonnen.
Warum er sich genau dieses Waldstück als Versteck ausgesucht hatte, war Marie erst spät aufgegangen: Ihr Haus, das auf einem dem Kalkstein vorgelagerten Hügel saß, war das einzige in weitem Umkreis. Und Tante Hella hielt jeden Tag um die Mittagszeit ein zweistündiges Schläfchen. Mit Marie hatte Youni nicht gerechnet.
Es war ein brütend heißer Tag gewesen, so anstrengend, dass man sich jede Bewegung zweimal überlegte. Sie hatte kurz nach dem Mittagessen an der Abwasch gestanden, um sich ein Glas Wasser vom Hahn zu lassen, als sich das Geräusch eines näherkommenden Mopeds in die Umgebungsklänge gemischt hatte. Wer konnte das sein? Ein Kunde, der nicht mitbekommen hatte, dass ihr Onkel vor Jahren gestorben war? Immer wieder war das vorgekommen. Immer wieder hatte Tante Hella ihr von Leuten erzählt, die zu den wildesten Tages- und Nachtzeiten mit einem ausblutenden Hirschbock oder einem eingeschläferten Hund vor der Tür standen und erst abmarschierten, wenn sie ihnen zurief: »Der alte Scheringer ist tot. Und i mag seine Witwe sein, aber i nehm höchstens ein Grillhendl aus!«
Tante Hella hatte sich zum Mittagsschlaf zurückgezogen, also ging Marie selbst hinaus, um nachzusehen. Sie trat vor die Haustür ins gleißende Mittagslicht, machte einen Satz zur Hecke hinüber, die den Vorgarten umkränzte, und duckte sich dahinter weg. Von hier aus konnte sie alles überblicken und doch, falls nötig, ungesehen verschwinden. Das Motorengeräusch schwoll weiter an, Maries Puls beschleunigte. Doch die Maschine verlangsamte nicht etwa, sondern bretterte am Haus vorbei Richtung Wald. Vom Fahrer sah Marie nur ein gelbes, vom Fahrtwind geblähtes T-Shirt und einen Schwall langer schwarzer Locken, die unter dem Helm hervorlugten. Und doch wusste sie sofort, wer da am Haus vorbeigefahren war. Sie erkannte die energische und zugleich lässige Art, mit der dieser Mann sich über den Lenker beugte, erkannte ihn an der Statur, am Tonus seiner gebräunten Arme. Und sie erkannte die schwarzen Chucks, die hier sonst niemand trug, der älter war als dreißig. Auf dem Gepäckträger des Mopeds thronte, grell wie ein Rufzeichen, eine olivgrüne Metallkiste. Marie schaute dem Gefährt nach, bis es in der Dunkelheit des Waldes verschwunden war. Youni war also noch immer in der Gegend. Was machte er auf diesem abgelegenen Feldweg? Der Wald oberhalb des Hauses gehörte dem Kalterer Schorsch, einem uralten, schnauzbärtigen Bauern, der eine große Landwirtschaft und eine eigene Sägerei besaß, jedoch – soweit Marie informiert war – keine Nachkommen. Arbeitete Youni für ihn? Was sonst hatte er dort oben zu suchen? Enttäuscht darüber, dass ihre Vorsicht eine Begegnung verhindert hatte, kehrte sie ins Haus zurück. An jenem Tag schob sie den Gedanken an Youni schnell beiseite, doch sie spürte, wie viel Zukunft in dieser flüchtigen Begegnung gelegen hatte. Der Faden, der sie mit Youni verband, reichte bis in die Kindheit zurück. Schon einmal hatte er ein gewundenes Muster im Teppich ihres Lebens hinterlassen. Wie würde sich dieses Muster fortspinnen? Keine halbe Stunde später hörte Marie das Moped wieder ins Tal hinunterrauschen. Der übrige Tag verging in der für die Besuche bei Tante Hella typischen bleiernen Abfolge: Kaffeejause, Gartenarbeit, Nachtmahl und anschließender Kontrollspaziergang ums Haus. Doch statt sich, wie sonst oft, bei ihrer Tante zu langweilen, war Marie aufgedreht wie nie. Mit geschärfter Aufmerksamkeit lauschte sie den Geschichten der alten Frau und erzählte Anekdoten aus ihrem Single-Leben in Wien, das ihr mit einem Mal spannend erschien.
Zwei Tage später um die Mittagszeit fuhr Youni erneut den Berg hinauf und ratterte kurz darauf wieder herunter. Wieder zwei Tage später sehnte Marie das Geräusch bereits herbei und freute sich, als sie es endlich hörte. Er kam also alle zwei Tage. Marie hätte ihm bei seiner nächsten Fahrt vor dem Haus auflauern können. Doch sie tat etwas anderes. Sie wartete, bis Tante Hella sich am nächsten Morgen verabschiedete, um für Einkäufe ins Dorf zu radeln. Kaum sah Marie ihren knochigen Rücken im weinroten Strick-Gilet, das sie ungeachtet der Wetterlage Jahr und Tag trug, den Hügel hinabrollen, packte sie ihr Frühstücksbrot ein und machte sich auf den Weg. Das Tal duftete nach den auf den Wiesen trocknenden Kräutern. Schon seit dem Morgengrauen erklang das vielstimmige Brummen der Erntemaschinen von den umliegenden Feldern. Es wurde gemäht und gekreiselt. Traktoren mit Zwillingsbereifung zogen ihre Bahnen, um das Heu zu dicken Zeilen zusammenzuschlagen. Bauersfrauen mit ausladenden Sonnenhüten und krummen Rücken bewegten ihre Rechen in Zeitlupe über die abfallenden Hänge. Und auch die Kinder waren im Einsatz. Sie rannten mit Feldflaschen und Bechern herum und versorgten die in der Sonne Schuftenden mit Getränken. Keine zehn Minuten war Marie den Kiesweg hinaufspaziert, den Geruch von Sommer und Bergheu in der Nase, als sie die Kühle des Waldes in Empfang nahm. Sofort änderten sich Licht und Luftfeuchtigkeit. Es fühlte sich an, als träte sie nicht in den Wald, sondern in den schattigen Flur eines ehrwürdigen Hauses, dessen Regeln ihr fremd waren und dessen Bewohner sie nicht kannte. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den nächsten. Der Waldboden war mit rostfarbenen Tannennadeln übersät. Wurzeln hoben sich aus der Erde wie winzige Fallstricke. Überall kreuchte und werkelte das Leben. Ameisen zogen mit riesigen Eiern beladen als schwankende Karawanen durchs Unterholz. Trächtige Moosbeerbüsche säumten blaugepunktet ihren Weg. Im Kies sah Marie die Spuren, die das Moped hinterlassen hatte, und folgte ihnen, bis sie zu einer Lichtung gelangte, auf der einige duftende Festmeter Holz mit abgeschabten Rinden lagerten. Sie kam an die Stelle, an der Youni das Moped abgestellt hatte und zu Fuß weitergegangen war. Marie kannte den Wald aus Kindertagen. Damals war sie oft allein heraufgewandert, hatte sich auf ein sonnenbeschienenes Fleckchen gesetzt, hatte Melodien aus dem Radio gesummt und war in eine Trance verfallen, aus der sie erst wieder auftauchte, als die Kirchenglocken zur Abendmesse riefen und Marie wusste, dass ihre Tante bald das Nachtmahl auftischen würde. In der Nähe gab es den hoch aufragenden hohlen Stumpf einer Fichte, in die einst der Blitz eingeschlagen hatte. Als Kind war Marie dort hineingekrochen, wenn es ihr daheim zu viel geworden war. Über die Jahre hatte sie der tote Baum immer wieder angezogen. Er hatte in ihrer Fantasie Wurzeln geschlagen und bis in ihre Träume und Schulaufsätze gewirkt. Youni hatte sie einmal von dem Stumpf erzählt und sich auf einem Wandertag mit ihm abgesondert, um ihm ihr Versteck zu zeigen. Konnte es sein, dass …? Auf der Höhe, auf der sie den hohlen Baum vermutete, verließ Marie den Weg und schlug sich durchs Dickicht. Der benadelte Erdboden ließ jeden ihrer Schritte federn. Bald, früher als erwartet, tauchte zwischen zottigen Stämmen und Latschenkiefern der Baumstumpf auf. Und tatsächlich, jemand hatte sich daran zu schaffen gemacht. Der Hohlraum war mit Zweigen abgedeckt. Darunter erkannte Marie etwas Längliches, Olivgrünes. Sie schaffte die Zweige beiseite, und zum Vorschein kam die Kiste, die sie auf Younis Moped gesehen hatte. Mit angehaltenem Atem hob sie den Deckel. Unzählige grün gefüllte Säckchen lagen wie winzige Polster darin. Vorsichtig nahm sie eines heraus, öffnete es, roch daran. Der süßliche Geruch des Harzes, von dem sie noch nicht wusste, dass es der Geruch des nächsten Jahres werden würde, strömte ihr direkt in den Kopf. Sie dachte an Youni auf seinem Moped und lachte laut auf. Ihr Jugendfreund war auch fünfzehn Jahre nach ihrer letzten Begegnung noch ganz der Alte. Sie wickelte ihr Brot aus der Serviette, aß es hastig auf und schrieb mit Kugelschreiber auf das zerknitterte Papier:
Wenn du deine Kiste wieder haben willst,läute unten beim Haus, Marie.
Sie griff die metallenen Henkel, hievte die Kiste aus dem Stumpf und schleppte sie durch den Wald zu sich nach Hause.
Das Telefon klingelte und zerriss die Stille im Raum. Marie eilte zur Tür, doch da hörte sie schon Tante Hellas emsige Schritte, die sich dem Telefon näherten.
»Scheringer?«
…
»Ja, grüß Gott …«
Marie öffnete die Tür einen Spalt, um sie besser zu verstehen.
»Ja freilich, Tierpräparate Scheringer. Das sind wir … Mhmm …«, sagte Tante Hella. Sie hörte eine Weile zu, dann fiel sie dem Anrufer ins Wort: »Ja, das könnt gehen. Sicher … Ja, freilich!«
Am süßlichen Klang ihrer Stimme erkannte Marie, dass es um etwas Geschäftliches ging. Ein besonderes Vibrato lag darin, die Vorfreude auf Geld. Tante Hellas Satzenden flogen geradezu in die Höhe. Sie hatte schon für Onkel Franz die Preisverhandlungen geführt. Und auch Marie ließ sie machen, obwohl ihr die übergriffige Art der Tante oft auf die Nerven ging. Hella gab dem Anrufer immer wieder Zeichen der Zustimmung, ließ ihn eine Weile im Glauben, das Gespräch zu dominieren, um dann noch gnadenloser ihre Schrauben anzuziehen. Unter dreihundert Euro ging bei ihr gar nichts. Keinen Maulwurf gab’s für das Geld. Marie schaute hinüber zu den Schneehasen, die mit ihren aufgespannten Löffeln so aufmerksam zu lauschen schienen wie sie selbst.
»Jo mei, was für ein Viecherl haben’s denn?«, hörte sie Tante Hella fragen.
»Na ja … Da kann man locker um die fünfundzwanzig Arbeitsstunden rechnen. Wenn das gescheit gemacht sein soll. Wenn’s langt. Heut is Freitag. Also bis nächste Woche Donnerstag müsst’s schon gehen.«
Wieder entstand eine Pause.
»Was? … Bitte noch einmal. I versteh Sie so schlecht.«
Tante Hellas Stimme überschlug sich fast.
»Ein Geburtstag? … Aha. Verstehe. Ja, ja, man muss die Feste feiern, wie sie fallen, gell … Und wann ist der?«
Tante Hella horchte, dann entfuhr ihr ein Schreckenslaut.
»Na, na. So schnell geht’s nit. Wir lassen die Felle ja nach jedem Arbeitsschritt erst einmal an der Luft trocknen. Das dauert Stunden. Außer … Wie groß, haben Sie g’sagt, ist das Tier?«
Kurz war es still, ehe Tante Hella fortfuhr: »Na ja. Ob sich das ausgeht? Und selbst wenn: Das kostet natürlich. Extra, mein i … Wie viel wär Ihnen die Sache denn wert?«
Bei der Antwort schnalzte sie mit der Zunge, doch schon mit dem nächsten Satz trieb sie den Preis weiter in die Höhe. An der Schmerzgrenze des Anrufers angekommen, sagte sie mit absolut glaubwürdigem Bedauern in der Stimme: »Oje, für den Preis schafft die Marie des heut nimmer. Die hat gerade so viel zu tun. Unglaublich viel. Wenn sie so einen Eilauftrag übernimmt, muss sie ja die ganzen anderen Sachen hintanstellen … Da geht wertvolle Zeit verloren. Wertvolle. … Na ja … Jetzt legen’s halt noch einen Hunderter drauf, und wir kommen ins Geschäft.«
Die Stille am anderen Ende der Leitung währte kurz. Marie konnte förmlich hören, wie der Anrufer einknickte. Ein triumphaler Schnaufer aus Tante Hellas Kehle besiegelte den Handel. Dann wurde sie wieder geschäftsmäßig: »Welche Haltung wär Ihnen recht? In so eiligen Fällen bietet sich die Schlafposition an. Da liegt er im Körberl, als würd er schlafen … Ah … Sie wollen offene Augen? Ist notiert. Und soll das Viech Männchen machen oder Sitz? … Aufrecht wie ein König … Okay. I schreib’s ihr auf. … Und der Sockel?«
Wieder entstand eine kurze Pause. Tante Hella seufzte und ratterte herunter: »Als Sockel bieten wir an: bei Haustieren gern das eigene Körberl. Weiters: Felsen aus Pappmaché oder Schaumstoff. Äste in verschiedener Dicke – das passt in unserem Fall natürlich gar nit. Besser wären die Holzvarianten. Eine Fichtenholzscheibe wär im Preis schon drinnen. Zirbe, Walnuss oder Teak kosten extra. Wir haben auch eine größere Auswahl an schönen Treibholzstücken vom Gardasee. Und es gäb noch die Möglichkeit, dass die Marie im Wald bei uns hinterm Haus ganz individuell ein passendes Trumm für das Tier aussucht, sobald es abgebalgt ist … Und? Was wollen’s jetzt? …«
Der Anrufer schien kurz zu überlegen.
»Alles klar«, sagte Tante Hella endlich. »I schreib’s auf. Mal schauen, ob die Marie was Passendes findet. Ist auf jeden Fall notiert. Wir bräuchten bitte noch zwei, drei Fotos vom Tier, wo man die Maske gut erkennen kann. … Das Gesicht mein i! Und was die Bezahlung angeht: fünfzig Prozent bei Abholung in bar. Den Rest können’s nach Erhalt des Tieres überweisen.«
Tante Hella notierte noch die Adresse und verabschiedete sich.
»Jessasmariaundjosef!«, entfuhr es ihr, kaum dass sie aufgelegt hatte. Schon kam sie mit hastigen Schritten näher. Marie zog die lederne Schürze aus, hängte sie an den Haken, öffnete die Zimmertür und hielt nach ihrer Tante Ausschau. Ein langes Leben in den Bergen hatte Tante Hellas Physiognomie derart geprägt, dass sie immer ein wenig so aussah, als würde sie einen Berg besteigen. Die kurzen Beine, stets hüftweit auseinander, holten bei jedem Schritt aus, als ginge es den Himalaya hinauf. Ihr rotgetöntes Haar stand dauergewellt nach allen Seiten ab und gab ihr das Aussehen eines knotigen, im Abblühen begriffenen Almrosenbuschs.
»Marantana, ha’m mir ein Glück! Zweitausendsechshundert Euro!«
Tante Hella strahlte wie ein faltiges Äpfelchen.
Marie stieß einen anerkennenden Pfiff aus.
»Nicht schlecht! Und was soll ich herrichten für das Geld?«
»Ein Hund soll’s werden! Das Haustier von einer gewissen Therese Hassel, der Hotelerbin vom Goldenen Hahn. I hab gesagt, du kommst gleich.«
Marie verdrehte die Augen. Tante Hella kräuselte die leicht behaarte Oberlippe und sah sie forsch an. Sie wusste, was Marie von Haustierkunden hielt. Erst schwadronierten sie stundenlang von ihrem verstorbenen Liebling, zeigten Tausende Fotos und drückten auf die Tränendrüse. Also gab man sich unheimlich Mühe, das Wesen des geliebten Tieres genau so nach außen zu kehren, wie es einem aufgrund von Fotos und Schilderungen erschienen war. Sobald man dann aber mit dem fertigen Tier bei ihnen ankam, waren die allermeisten Haustierkunden vom Ergebnis entsetzt. Sie erkannten erst jetzt, dass das, was sie an ihrem Tier geliebt hatten, sich durch den Versuch seiner Fixierung nicht bewahren ließ. Andere wiederum hatten, wenn man ihnen das ausgestopfte Vieh nach wochenlanger Arbeit lieferte, längst ein neues Haustier. Den ausgestopften Liebling wollten sie nicht mehr haben. Und zahlen schon gar nicht. Haustierkunden machten fast immer Ärger. Zweitausendsechshundert Euro. … Vielleicht war dieser Haustierkunde anders?
»Okay. Was genau? Wo? Wann?«
»Ein Eilauftrag. Holen müsstest du das Viech gleich um zehn beim Dienstboteneingang vom Goldenen Hahn im Stadel.«
»Beim Goldenen Hahn?«
»Der Kobel mit dem Schwimmbecken und der großen abschüssigen Liegewiese davor, wo sie im Sommer immer die goldenen Liegestühle aufstellen. Kurz vorm Schwarzsee links. Weißt, wo i mein?«
»Ich kenn doch den Goldenen Hahn«, sagte Marie und verzog den Mund. Dieses Monstrum von Hotel war auch ohne die goldenen Liegestühle kaum zu übersehen. Wieder kamen ihr Zweifel. Reiche, besonders diejenigen, die unter ihresgleichen im Stadel wohnten, waren oft schlechte Kunden. Sie kamen mit einem halb verwesten Suppenhuhn an, wedelten mit ihren Scheinchen und erwarteten, dass man es in einen Pfau verwandelte. Und wenn das nicht gelang, wurden sie unleidlich.
»I weiß, was du denkst.« Tante Hellas machte eine wegwerfende Bewegung. »Aber sieh’s einmal so: Wenn’st die Schulden abziehst, die man bei solche Leut fast immer annehmen muss, kommt unterm Strich einer raus, dem seine Taschen nit tiefer sind als meine.«
Sie grinste und zeigte ihre dritten Zähne, die auch nach fünfzehn Jahren noch aussahen wie neu.
»Und bis wann soll der Hund fertig sein?«
»Tja, Marie. Deshalb ja das ganze Geld …«
Tante Hella knetete schuldbewusst ihre faltigen Ohrläppchen, von denen silberne Trachtenohrringe baumelten. Marie sog den vertrauten Duft ihrer Tante ein. Nach Puder, Pfefferminz, eingelegten Zwiebeln, Fermentation und altem Schweiß, der sich in die Kunstfaser ihres Hauskittels gefressen hatte. Wohlgeruch war das keiner, und doch löste das Gemisch, kaum dass sie es wahrnahm, alle Anspannung in ihrem Körper auf.
»Du müsstest heut noch fertig werden«, zerschnitt Tante Hellas knarzende Stimme Maries Wohlgefühl. »Die Wirtstochter feiert in den Geburtstag hinein. Um Mitternacht gibt’s die Geschenke, hat der Vater g’sagt. Und da bräucht er dann bittschön das Hunderl.«
Marie verkrampfte.
»Wie, heut um Mitternacht? Spinnen die?«
Tante Hella presste die Lippen aufeinander und wiegte entschuldigend den Kopf.
»Wie soll ich denn das schaffen?«, setzte Marie hinterher. Tante Hella warf ihr ein aufmunterndes Lächeln zu.
»I weiß, du nimmst es mit allem immer scheußlich genau, aber heute muss es einmal schneller gehen. Heute musst halt ein bisserl pfuschen. Kann doch keiner erwarten, dass du in der kurzen Zeit alles genau so machst, wie’s im Lehrbuch steht.«
Empört presste Marie nun ihrerseits die Lippen aufeinander. Ihre Tante hatte recht. Sie arbeitete sorgfältig. Sie behandelte die abgebalgten Tiere jeweils mit nur einer Chemikalie und ließ das Fell über Nacht trocknen. Wenn sie den Balg mit Kemal Vier und den Instektiziden zugleich behandelte, wäre das eine riesige zeitliche Ersparnis. Ihre Methode, das offene Mäulchen eines Tieres mit Stecknadeln festzupinnen, damit es an der Luft über die Tage zum richtigen Gesichtsausdruck »erstarrte«, konnte sie bei so einer eiligen Arbeit ebenfalls vergessen. Wenn der Hund heute fertig werden sollte, musste er bis in alle Ewigkeit den Mund halten.
»Was für ein Hund ist es überhaupt? Für den Schäferhund vom Unterbichler hab ich damals fast zwei Wochen gebraucht.«
Tante Hella stemmte die Arme in die Seiten.
»Des weiß i doch! Das Viech, das du herrichten sollst, nennt sich Hund, aber eigentlich ist’s mehr so ein Ratzl!«
»Ein Yorkshire Terrier?«
»So was in der Art. Dieser Hassel hat eine ganz komische Art zum Reden. Kaum verstanden hab i den. I mein, dass er Schoßhündchen gesagt hat.«
»Schoßhündchen … Es gibt Leute, die nennen ihre Dogge Schoßhündchen. Du weißt doch, wie die Leute sind.«
Das Gespräch verebbte, es wurde seltsam still. Das Ticken der Küchenuhr schob sich in den Vordergrund. Falls Marie den Auftrag annehmen wollte, musste sie sich beeilen. Hella blickte sie erwartungsvoll an.
»Okay. I schau’s mir an.«
Tante Hella schnalzte mit der Zunge.
»Geh di schnell brausen. Das Frühstück is ja scho fertig.«
*
Um halb zehn verließ Marie das Haus und ging zum Auto hinüber, das vor dem Holzstoß neben dem Schuppen parkte. Beim Blick in den Himmel schien es ihr, als wäre der Föhn abgeklungen, doch kaum war sie beim Auto angekommen, spürte sie einen warmen Lufthauch im Gesicht. Seit Wochen herrschte dieselbe Witterung. Trotzdem war heute etwas anders. Etwas lag in der Luft, frisch wie ein Auftakt. Marie trommelte mit den Fingern auf’s Autodach, dann stieg sie ein. Den Geländewagen, ein weißes Modell von Suzuki, hatte sie vor Kurzem gebraucht gekauft. Eine alleinstehende Frau, die mit Eingeweiden hantierte und Tiere ausstopfte, war für die meisten Menschen in der Gegend schon gewöhnungsbedürftig genug. Da galt ein Auto, wie es hier jeder Zweite fuhr, als vertrauensbildende Maßnahme. Dass sie, die vor fünfzehn Jahren mit wehenden Fahnen davongeeilt war, ins Dorf zurückgekehrt war und die Werkstatt übernommen hatte, verstand hier keiner. Einer von Franz’ alten Freunden, der selbst Jäger war, hatte es ihr auf den Kopf zugesagt: Für ein Weibsbild gehört sich das Ausstopfen nicht. Maries Erfahrung war eine andere. Frauen waren näher an der Monstrosität des Lebens, an den Eingeweiden, am Blut, an der Haut. Sie konnten fast umkommen vor Schmerz und kurz darauf einen Menschen gebären, blutverschmiert, winzig und zugleich absolut vollkommen. Überall auf der Welt machten Frauen Grenzerfahrungen, jeden Tag millionenfach. Es sprach nur nie jemand davon. In der Welt, wie die Männer sie erklärten, der Welt der Regeln und Gesetze, in der Geschäfte gemacht und Steuern gezahlt wurden, gab es schlichtweg keine Worte dafür. Doch hinter dieser Welt lag eine zweite. Eine Welt, in der Früchte wuchsen, reiften und verdarben. Eine stinkende, schleimige Welt. Eine alchemistische Welt, in der Lachen, Trauer, Schmerz, Zuneigung und Lust sich mit Blut, Sperma, Wasser und einem Funken Goldstaub zum Wunder des Lebens verbanden. Tanzende Sterne wurden geboren. Manche erloschen, ehe ihr Leben wirklich begann. Andere wiederum überdauerten ihr eigenes Ende und spukten lange in dieser Schattenwelt herum, in der die Frauen einander hinter vorgehaltener Hand Geheimnisse zuraunten: Fehlgeburten, Totgeburten, Stillgeburten. Periodisch wiederkehrende Erwartungen und die ihnen zugehörigen Enttäuschungen. Unzählige Tode pflasterten ein Frauenleben. Männer hatten ja keine Ahnung davon.
