Der Taubenmann - Thomas Riesen - E-Book

Der Taubenmann E-Book

Thomas Riesen

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Thomas Riesen präsentiert sein neues Buch “Der Taubemann”. Er lädt uns ein, mit ihm auf eine Reise durch vier Kurzgeschichten zu gehen. Unser Leben ist ständig in Bewegung und in den Geschichten geht es darum, wie wir mit diesen Veränderungen umgehen. Der Autor erzählt von vier Helden, die sich mutig ihren Herausforderungen stellen. In zwei Fällen suchen sie die Veränderung selbst, in zwei Fällen werden sie vom Schicksal vorgegeben. Im wirklichen Leben bevorzugen wir Sicherheit und kaum jemand will freiwillig das unbekannte Land hinter dem Horizont erforschen. Die Herausforderungen für die Helden dieser Geschichten sind unterschiedlich und am Ende doch leicht auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen: Sie finden stets eine Lösung, weil sie bereit sind, sich der Aufgabe zu stellen – selbst wenn der Weg noch so steinig ist. Doch wie verpackt man diese Botschaft, auf die es meist keine einfache Antwort gibt? In dem Buch wird die Frage nach dem Umgang mit Veränderungen selten direkt gestellt, sondern zwischen den Zeilen angesprochen. Vordergründig sind es einfache, beinahe banale Lebensgeschichten. Thomas Riesen erzählt von vier Außenseitern, die sich ihren Aufgaben stellen. Sie sind keine Superhelden, sondern ganz normale Menschen, oft am Rand der Gesellschaft. Der Autor gibt ihnen eine Stimme und zeigt uns, wie viel Schönheit und Kraft in ihren einfachen Welten steckt. Er inspiriert uns, über unser eigenes Leben nachzudenken und uns den Veränderungen zu stellen, die es bereithalten kann. “Der Taubemann” ist ein Buch für alle, die sich von stillen Helden des Alltags berühren lassen wollen. Es ist ein Buch für alle, die bereit sind, das unbekannte Land hinter dem Horizont zu erforschen. Voraussetzung ist, dass man die Veränderungen akzeptiert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 148

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Thomas Riesen

Der Taubenmann

Prinzengarten Verlag

Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Copyright 2023 by Prinzengarten Verlag

Dr. Hans Jacobs, Am Prinzengarten 1, 32756 Detmold

Bild Umschlag: alamy.com

ISBN 978-3-89918-516-4

Der Taubenmann

»Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, ein erfolgreicher Mensch zu sein, sondern ein wertvoller.«

Albert Einstein

Von den vielen Parkbänken ist nur eine besetzt. Auf ihr sitzt ein älterer Mann. Er ist allein, muss also seine Tauben mit niemandem teilen. Sie sind Vertraute, die er täglich füttert, auch wenn es kalt oder regnerisch ist. Sie leisten ihm Gesellschaft, für sie fühlt er sich zuständig, mit ihnen teilt er seine kleine Rente. Mit dieser kann er sich ein einfaches Zimmer leisten, man könnte es fast als Taubenschlag bezeichnen, denn es ist klein, zugig und schlecht geheizt. Die Matratze ist zerlegen, die Bettfedern quietschen, an den Wänden hängen Bilder, auf denen nicht mehr zu erkennen ist, was sie einst zeigten. Im Park ist die Luft frischer und es hat Platz und wenn die Sonne scheint, gibt es keinen Ort, an dem er lieber ist. Dann ist er jedoch überlaufen und die Menschen drängen sich dicht an dicht. Für seine Tauben ist dann kein Platz. Wo sie sich hinsetzen, werden sie verscheucht oder müssen vor Schuhen fliehen. Aber ist der Park nicht ihr Zuhause? Mittlerweile stört ihn auch der Winter nicht mehr, er hat sich an die Kälte gewöhnt. Im Quartier weiß niemand, wie der Mann heißt. Taubenmann nennen sie ihn. Er lebt in einem Zustand der inneren Ruhe. Seine Gedanken teilt er den Tauben mit. Er weiß nicht, ob sie ihn verstehen. Aber sie wissen, dass sie ihm vertrauen können. Tauben sind schlauer, als viele denken. Sie schätzen Geselligkeit und den Schutz des Schwarms.

So friedlich lebte der Taubenmann nicht immer. Probleme gab es, wenn ihn andere mit ihren Erwartungen konfrontierten, denn allzu lange hatte er die Erwartungen erfüllt. Es gehörte sich so. Das Gefühl, immer tiefer im gesellschaftlichen Sumpf abzusinken, brachte ihn aber dazu, über sein Leben nachzudenken. Damit begannen die Schwierigkeiten. Je mehr er nachdachte, umso unverständlicher erschien ihm alles. Er benötigte eine Veränderung, doch sollte es keine Flucht sein. Ihm wurde klar, dass er sich eine zweite Chance geben musste. Diese wollte er nicht verschwenden. Er änderte sein Leben, ließ vieles, was er kannte, hinter sich, wandte sich der Zukunft zu, welche er ignoriert hatte. Nur um in Ruhe existieren zu können, frei von Perspektiven und Glück. Erst schimpfte er sich selbst einen Feigling, aber dann folgte die Erkenntnis, dass nur er für sein Glück zuständig war. Mit dieser Erkenntnis war die volle Eigenverantwortung verbunden. Er war nicht mehr bereit, Lebenszeit zu verschwenden.

Zu diesem Zeitpunkt begann die Welt, sich schneller zu drehen. Der Krieg stand vor der Tür. Gefragt waren Vaterland, Gehorsam, Ruhm, Ehre: Hohle Phrasen alle. Das Verständnis für Menschen, die selber denken, wurde weniger und weniger. Ein Rausch erfasste die Gesellschaft, ein Fieberwahn, von dem nur wenige profitieren würden. So wie es immer gewesen war. Diesem Strudel konnte sich niemand entziehen. Je mehr jemand nachdachte, umso schlimmer wurde es, den Zwang ertragen zu müssen. Auch ihn steckten sie in eine Uniform, brachten ihm bei, wie man effizient tötet. Erklärten ihm, wer alles dankbar ist und er die Chance hätte, ein Held zu werden. Eine Anreihung von Lügen, immer und immer wiederholt, bis sie auf Begeisterung stießen. Wieder wurde ihm die Chance genommen, die leeren Seiten im Buch seines Lebens selbst zu beschreiben. Der Inhalt wurde von Generälen diktiert, welche die Politiker von der Leine gelassen hatten. Finanziert von Wirtschaftsbossen, die den Aktionären hohe Gewinne vorrechneten. Er war Teil einer Maschinerie, die ihm Angst machte.

Widerstand war zwecklos. Es war eine bittere Erfahrung, ihm war klar, wohin das führte. Er konnte nicht verstehen, mit welchem Hurra-Patriotismus seine Kameraden dem Geschehen entgegeneilten, verurteilt zu einem kurzen Leben als Kanonenfutter. Bald folgte die Versetzung an die Front. Endlich geht es los, freuten sich alle. Die Verteidigung der Heimat begann allerdings auf fremdem Boden. Darüber dachte niemand nach, obwohl es ein Widerspruch war. Zwei Jahre dauerte das Gemetzel. Er überlebte, wurde zum Helden befördert, mit Orden behängt. Er verdiente sie sich mit der Rettung von fünf Kameraden, die in einen Hinterhalt geraten waren. Vergessen das Kind, welches er aus Versehen getötet hatte und das ihn mit einem fragenden Blick ansah, während es zu Boden sank. Es schien ihn zu fragen: »Warum hast du das getan?« Das Gesicht des Kindes erschien ihm nun jede Nacht im Traum.

Groß war die Euphorie, als die Soldaten zurückkehrten. Vorn die Generäle, welche nie an der Front gestanden hatten, dahinter geschmückte Helden, dann der Rest, der das Glück hatte zu überleben. Die Euphorie schwand bald, der Krieg hatte viele Ressourcen verschwendet, das zivile Leben litt. Bald ging es den Menschen um die tägliche, warme Mahlzeit. Erschwerend kam hinzu, dass viele der Helden Mühe hatten, in das reale Leben zurückzukehren. Krieg verändert die Menschen und tötet auch jene, die ihn überleben. Ihm erging es nicht anders. Bald ließ ihn die Gesellschaft fallen, er passte nicht mehr in ihre Vorstellungen, noch weniger als vor dem Krieg.

Vieles, was ihm einst vertraut war, erschien ihm nun surreal. War das seine Welt gewesen? Nach der Phase des Nichtverstehens folgte die Phase, in der er über sich selbst lachte. Wie banal erschien ihm auf einmal alles. Er wunderte sich darüber, was ein Problem war, bevor Überleben zur wichtigsten Aufgabe wurde. Als Held hatte er sich nie gefühlt. Das Hauptgefühl war Angst. Er benötigte Jahre, um sie zu verdrängen, vergessen konnte er sie nicht. Wenigstens stand sie irgendwann nicht mehr im Vordergrund. Familie, Freunde und die Menschen des Dorfes wandten sich von ihm ab. Sein Verhalten irritierte sie, es passte nicht zu ihrem Bild eines Helden. Diesem Bild hätte er aber nie gerecht werden können, einem Bild, das so weit von der Realität entfernt war. Der große Sieger war zurück und fühlte sich wie ein Verlierer. Er hätte statt eines Ordens einen Kompass für den Weg zurück ins Leben benötigt. Das gehörte nicht zur Ausstattung der Armee.

Allein gelassen von jenen, die ihn zum Helden gemacht hatten und verstoßen von jenen, die ihm vorher zujubelten, warf er die Orden in den Straßengraben. Er verließ die Heimat, wollte die Erinnerung an das Gemetzel des Krieges und der Gesellschaft hinter sich lassen. Vom kleinen Dorf reiste er in die große Stadt. So groß wie möglich sollte sie sein, so anonym wie möglich. Er suchte nach dem schmutzigsten Quartier und an diesem Ort nach einer günstigen Bleibe. Sein Geld verdiente er sich als Hafenarbeiter. Es blieb aber Zeit, um nachzudenken und das stand dem Vergessen im Wege. Sie vertrieb er sich mit Boxen, täglich trainierte er, ließ seiner Wut freien Lauf. Wenn er nach Hause kam, war er zu erschöpft, um sich Gedanken über die Vergangenheit zu machen. Ziel erreicht.

Seine Energie, seine Probleme bekamen Sandsack, Trainingspartner und Gegner im Ring zu spüren. Mit brutaler Gewalt trieb er – den sie »The Killer« nannten – diese vor sich her, prügelte auf sie ein, zur Begeisterung jener Gesellschaft, vor der er einst geflüchtet war. Ausgerechnet! Lange fiel ihm nicht auf, dass sie ihn wieder hochjubelten und instrumentalisierten. Als er einen kurzen Moment nachdachte, überkam ihn die Erkenntnis wie ein Schlag von hinten. Er war wieder auf dem Weg, ein Held zu werden! Einzig der Lohn hatte sich geändert, statt Orden gab es Pokale. Am Tag, an dem ihm die Erkenntnis kam, beendete er seine kurze Karriere. Es ergab keinen Sinn mehr. Sein Umfeld verstand es nicht, entzog ihm die Anerkennung viel schneller, als er sie sich erarbeitet hatte. Sein Trainer verzweifelte, ein Titelkampf war in Reichweite. Viele Boxer hätten ihr Leben dafür gegeben. Mit einem Gedanken war alles vorbei. Es gibt im Leben Gegner, die man mit Fäusten nicht erreicht.

Lange zieht sich der ehemalige Soldat und Boxer in sein einfaches Zimmer zurück. Er verlässt es nur, um zur Arbeit zu gehen. Meist liegt er auf dem Bett und denkt nach. Wie soll es weitergehen? Was war ihm wichtig? Man sagt: Stirbt ein Mensch, zieht sein Leben in Bildern vor dem inneren Auge vorbei. Im Schnelldurchlauf. Genau so ergeht es ihm, dem Überlebenden zweier gesellschaftlicher Kriege. Körperlich ist er stark, innerlich schwindet seine Energie, die Dämonen kehren zurück. Weder ist er ihnen entkommen, noch hat er sie besiegt. Den Blick des Kindes im Traum kann er nicht ertragen. Er ist angezählt: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7. Nein! Es darf nicht so enden! Der innere Kämpfer hat gesiegt. Er ist sein einziger Verbündeter in diesem Moment.

Er benötigt einen Ort, um nachzudenken, ein Ort, an dem er frei atmen kann. Mitten in der Nacht zieht er sich die Jacke an und spaziert durch das Quartier. Die Straßen sind leer, Licht brennt nur in sehr wenigen Fenstern. Immer weiter spaziert er und kommt in den Park. Und weil der den Ort als friedlich empfindet, setzt er sich auf eine Bank. Es weht eine kühle Brise. Er zieht den Kragen hoch. Langsam nähert sich eine Taube. Sie beobachtet ihn eine Weile. Er beobachtet sie. »Du kannst auch nicht schlafen«, sagt er zu ihr. Die Taube scheint aufmerksam zuzuhören. Er erzählt ihr aus seinem Leben, von Unglück und Erfolg, der sich als Enttäuschung erwies. Es ist eine Art Meditation, eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Bewusst ist er sich dessen nicht, er weiß einzig, dass er diese Gedanken jemandem mitteilen muss – sie sich von der Seele reden. Die Taube hört zu.

In den nächsten Tagen kehrt er immer wieder auf die Bank im Park zurück. Er bringt Brot mit. Immer mehr Tauben versammeln sich. Bald kennen sie ihn, wissen, dass ihnen dieses große Wesen nichts tut. Im Gegenteil: Es bringt Futter mit und spricht in einem freundlichen Ton. Der Besuch im Park wird zum täglichen Ritual nach der Arbeit. Mit der Zeit entwickelt sich Vertrauen. Er fühlt sich für seine Tauben zuständig, sie sind bereit, seinen Gedanken zu lauschen, ihn ansonsten in Ruhe zu lassen. Und wenn er für einmal keine Worte findet, spielt das auch keine Rolle. Mit jedem verarbeiteten Gedanken gibt es wieder Raum für Erleichterung.

Der ehemalige Soldat und Boxer ist überrascht, wie schwer es ist, sich selbst zu finden, wenn man sich einmal verloren hat. Wie schwer es ist, mit sich selbst Frieden zu schließen, die innere Unruhe zu besiegen. Kein Boxkampf war so hart, der Überlebenskampf im Schützengraben dagegen ein Kinderspiel. Er ringt mit sich selbst, um die Dämonen zu besänftigen. Die Tauben hören ihm zu. Er entscheidet, dass sie nie wieder Hunger leiden sollten. Sie schlossen einen Pakt. Es ist kein tiefsinniger Dialog und doch ist die Ruhe eine Grundlage, um nachzudenken. Er möchte sein Leben zurück, Orden oder Pokale sind kein Ersatz. Ein Leben, dessen Wert durch Symbole bestimmt wird, ist kein Leben. In einer dieser ungezählten Stunden kommt er mit dieser Erkenntnis einen Schritt weiter. Es fehlt jedoch der Ansatz zu Lösung und Umsetzung. »Es ist ein Anfang«, sagt er zu den Tauben und geht beschwingt nach Hause.

In jener Zeit versinkt der ehemalige Soldat und Boxer in der Anonymität, ein angenehmer Zustand, empfindet er, aber der Kampf gegen die Dämonen bleibt schwierig, denn er kann das getötete Kind nicht vergessen. Oft wacht er schweißgebadet auf und kann nicht mehr einschlafen. An wen sollte er sich wenden? Wo Hilfe holen. Im Hafen gibt es niemanden, der ihm geeignet erscheint. In seiner Verzweiflung denkt er an seine Zimmerwirtin. Die ältere Frau spricht wenig, sitzt stundenlang vor dem Haus und beobachtet die Menschen. Was denkt sie? Trotzdem hat der ehemalige Soldat und Boxer den Eindruck, dass sie hohes Ansehen genießt. Ist es ihre stille Art, während immer mehr laute Mitmenschen durch das Quartier toben?

Wut und Frustration über fehlende Perspektiven machen sich breit, erschweren das Leben zusätzlich. Sie bleibt ruhig. Schweigt ob des Sumpfes an Rücksichtslosigkeit, welche alle Kritiker in ihren Prognosen bestätigt. Der schlechte Ruf des Quartiers wird in Stein gemeißelt. Zwei Gangs geraten aneinander. Fäuste fliegen, Messer werden gezogen. Alltag. Der alten Frau tut das in der Seele weh. Sie ist im Quartier geboren und aufgewachsen, hat früh erkannt, was folgen würde. Und doch ist das auf den zweiten Blick nicht so schlimm, wie es auf den ersten Blick erscheint. Sie weiß es aus Erfahrung, hat als junge Frau den Wechsel auf die andere Flussseite geschafft als Kindermädchen und Haushaltshilfe. Besuch beim Bürgertum. Doch einen verlorenen Silberlöffel später hatte sich das wieder erledigt. Des Diebstahls wurde sie bezichtigt. Dabei hatte ihn nur jemand verlegt. Ihr Wert als Angestellte war nicht so hoch. Madame beschimpfte sie. »Ihr seid alle Diebe. Man sollte die Brücken über den Fluss abreißen.« Sie kehrte zurück in das Quartier und entschied zu bleiben. Träume verlieren schnell an Wert, wenn sie in Erfüllung gehen oder, anders gesagt: Manchmal schmerzt die Gegenwart weniger als unerfüllte Träume. Erschwert wurde die Rückkehr durch bürgerliche Besucher, welche zu Unterhaltungszwecken die Flussseite wechselten. Das Vergnügen konnte nicht billig genug sein. Es war der moralische Ausverkauf eines Quartiers.

Um sie von der Schlägerei abzulenken, überreicht er ihr die Miete. Sie steckt das Geld ungezählt in die Tasche ihrer Jacke. Sie vertraut ihm. Er entscheidet sich, ihr seine Sorgen zu schildern und sie hört zu. Einzig ein gelegentliches Nicken ist die Bestätigung ihres Interesses. Als er fertig ist, überlegt sie eine Weile. Dann sieht sie ihn an. Der Krieg sei nie vorbei. Er sei Teil seines Lebens. Für immer. Das müsse er akzeptieren. Auch sie habe der Krieg geprägt. »Ich habe meinen Bruder verloren.« Das Vaterland habe ihn unterwegs verloren und er fehle ihr jeden Tag. Und doch sei er auf dem richtigen Weg. »Du denkst über sein Leben nach, sprichst die Probleme an. Jetzt musst du bereit sein, innerlich loszulassen, versuchen, die schönen Seiten des Lebens zu sehen.« Die praktische Lösung zu finden, sei seine Verantwortung. »Du benötigst eine Aufgabe, die deinem Leben Sinn gibt.« Vielleicht sollte er seine Gedanken niederschreiben, statt daran zu ersticken.

Er nimmt ihre Hand, schaut sie an und bedankt sich. Dann steht er auf und geht in den Park. Ideen schwirren ihm durch den Kopf. Es ist Zeit, zu überlegen, Entscheidungen zu treffen. Mit dem Ansatz, seine Gedanken niederzuschreiben, kann er sich schnell anfreunden. Das klingt spannend. Aber wie sollte er seinem Leben einen Sinn geben? Ihm fällt ein, dass Boxen einst seine temporäre Rettung vor dem Kriegstrauma war. Und war er nicht ein erfolgreicher Boxer, der sein Wissen weitergeben könnte? »Was meinst du dazu?«, fragt er eine Taube. Die Idee ist geboren und nach kurzer Zeit steht fest, dass er es versuchen will. Der Taubenmann spürt, wie ihn der Gedanke beflügelt. Was hat er zu verlieren, außer einem regelmäßig wiederkehrenden, nächtlichen Albtraum und einem Leben ohne Perspektive?

Im Geschäft um die Ecke kauft er sich ein Notizbuch. Er beginnt niederzuschreiben, was ihn beschäftigt. Das dauert eine Weile. Es gibt viel zu erzählen, sich von der belasteten Seele zu schreiben. Die Seiten füllen sich schnell. Bald benötigt er ein zweites Notizbuch. Schwieriger zu beantworten ist die Frage, wie er zum Engagement als Boxtrainer kommen will. Das Problem ist nicht die Motivation. Sein ehemaliger Trainer ist nun Leiter des Boxcenters, er, den er einst im Stich ließ. Wie soll er ihn überzeugen? Seinem Notizbuch vertraut er an: »Es tut mir leid, dass ich dich enttäuscht habe.« Erst dann wagt er es, die Trainingshalle wieder zu betreten. Viele neue Gesichter sieht er dort, junge Gesichter. Alles scheint abgenutzt. Im Büro sitzt ein alter Mann, sein ehemaliger Trainer. Er klopft an, tritt ein. Er sagt nichts und sie schauen sich einen Moment wortlos an. Der alte Mann bricht das Eis. »Hallo. Wie geht es?« Sie kommen ins Gespräch. Nach einigen Minuten sagt er, dass er nun ein Training leiten sollte. Sie vereinbaren ein Treffen im Park, um über alles zu reden. Seinem Notizbuch vertraut er an, wie erleichtert er ist, dass die Begegnung so problemlos verlief. »Es könnte funktionieren! Das wäre großartig.«

Am nächsten Tag kann der Taubenmann den Feierabend kaum erwarten. Er geht in den Park, setzt sich auf die Bank und wartet. Brot hat er reichlich dabei. Heute ist ein Feiertag. Es soll ein Festessen für seine Tauben sein. Der Boxtrainer erscheint zu spät. Probleme mit einem Jugendlichen, der in eine Schlägerei verwickelt war. Erst reden sie ein wenig über die Vergangenheit. Der ehemalige Boxer entschuldigt sich für seinen überraschenden Rücktritt. Es sei alles zu viel geworden, dies sei einfach nicht seine Welt gewesen. Er fühlte sich ausgenutzt. Ein schlechtes Lebensgefühl. Sein ehemaliger Trainer hatte den Entscheid erst nicht verstanden, aber schon damals nicht persönlich genommen. Je länger er nachdachte, umso mehr verstand er ihn später. Seine Welt war es ebenfalls nicht. Er liebte einzig den Sport. Was blieb, war ein Gefühl der Enttäuschung.