Der Temporalanwalt - Ralf Boldt - E-Book

Der Temporalanwalt E-Book

Ralf Boldt

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Beschreibung

Hans-Peter Grießau ist DER TEMPORALANWALT. Natürlich firmiert er nicht unter diesem Titel, und eigentlich weiß auch keiner – außer einigen wenigen Eingeweihten –, dass er überhaupt mit Zeitreisen zu tun hat. Er ist in diesen Job hineingerutscht; als eines Tages der aus der Zukunft stammende Harm Meesters zu ihm Kontakt aufnimmt. Im Ammerland soll die Temporalkuppel gebaut werden, die Reisen in die Vergangenheit ermöglicht. Grießau soll den Bau als Rechtsbeistand betreuen. Er lernt dabei Menschen kennen, die aus Zeitreisen Gewinn machen möchten oder die sich in unserer nahen Zukunft selbst verlieren. Harm Meesters aber hat seine ganz eigenen Pläne. Eine geheimnisvolle Frau in Schwarz warnt Grießau, dem Zeitreisenden nicht zu trauen. DER TEMPORALANWALT ist auf den ersten Blick eine "normale" Zeitreisegeschichte – sofern Zeitreisen normal sind. Der Roman nimmt den Leser mit – in eine nahe und eine fernere Zukunft, und in die ferne Vergangenheit der Germanen. Am Ende ist aber alles anders.

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Seitenzahl: 241

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ralf Boldt

DER TEMPORALANWALT

AndroSF 43

Ralf Boldt

DER TEMPORALANWALT

AndroSF 43

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Oktober 2014, März 2016

    Ralf Boldt & p.machinery Michael Haitel

Titelbild & Illustrationen: Lothar Bauer

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda, Xlendi

Korrektorat: Anke Boldt, Luise Weiß, Michael Haitel

Lektorat: Luise Weiß, Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda, Xlendi

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Ammergauer Str. 11, 82418 Murnau am Staffelsee

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 016 0

Ralf Boldt

DER TEMPORALANWALT

Prolog

Was ist also die Zeit?

Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht; mit Zuversicht jedoch kann ich wenigstens sagen, dass ich weiß, dass, wenn nichts verginge, es keine vergangene Zeit gäbe, und wem nichts vorüberginge, es keine zukünftige Zeit gäbe. Jene beiden Zeiten also, Vergangenheit und Zukunft, wie kann man sagen, dass sie sind, wenn die Vergangenheit schon nicht mehr ist und die Zukunft noch nicht ist?

Aurelius Augustinus

Oldenburg in Oldenburg, Mai 2020

»Guten Tag, Herr Grießau!«, begrüßte mich meine Sekretärin Gisela Halbstedt. »Wie steht’s mit der heutigen Erfolgsquote?«

»Positiv. Zweimal gewonnen, dazu einen Vergleich. Wie erwartet, haben wir uns in der Sache Walther gegen Walther gütlich einigen können«, brachte ich noch etwas angestrengt hervor. Ich kam gerade vom Oberlandesgericht Oldenburg in meine Kanzlei zurück und war die ganzen zweieinhalb Kilometer mit meinem alten Hollandrad gefahren!

»Welche Termine liegen heute noch an?«, fragte ich.

»Um halb vier die Beurkundung Familie Meiners.«

Ich schaute auf die Uhr. Ich hatte noch etwas Zeit.

»Bringen Sie mir bitte einen Tee.«

So viel Zeit musste noch sein.

»Gerne! Die Post liegt schon auf dem Schreibtisch.«

Gisela Halbstedt war keine »Vorzimmerdame«, wie sie im Buche steht – in welchem Buche solche Dinge auch immer niedergeschrieben sein mochten. Sie war eher der bodenständige Typ, kam passenderweise ja auch gebürtig aus Leer in Ostfriesland. Mit ihren fünfundzwanzig Jahren folgte sie immer den neuesten Trends, ohne dabei ein Modepüppchen zu sein, und trug eine Brille, ohne diese zu benötigen. »Es lässt mich klüger aussehen«, hatte sie mir einmal augenzwinkernd ihr Geheimnis verraten.

Sie jonglierte mit Akten und Terminen, brachte meine Unordnung in Ordnung, munterte mich und niedergeschlagene Mandanten, die bei ihr vorne warten mussten, jeden Tag aufs Neue auf. Man konnte mit ihr Pferde stehlen. Wenn man erwischt worden wäre, so würde sie den Richter in kurzen knappen Sätzen von unserer Unschuld überzeugen, ohne rot zu werden, ohne lügen zu müssen.

Am Telefon war sie immer angenehm und hatte schon so manchen Mandanten zur Vernunft gebracht, der sich über eine Ungerechtigkeit meinte aufregen zu müssen. Sie konnte gut zuhören und hatte immer viel zu erzählen, konnte aber auch im richtigen Moment einfach schweigen und sich unsichtbar machen.

Kurz: Sie war der gute Geist der Kanzlei.

Ich betrat mein Büro. Die Akten landeten auf dem Beistelltisch und die Robe hängte ich ordentlich in den Schrank. Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigte mir, dass mein Gesicht, obwohl schon einundvierzig Jahre alt, noch keine Falten schlug. Dafür wurden meine Geheimratsecken immer größer und das Grau breitete sich langsam aber sicher über den ganzen Kopf aus. Doch wie sagte meine Frau Sabine: »Hans-Peter, graue Haare machen Männer sexy!«

Ich selbst hatte keine Probleme mit meinem Äußeren. Naja, ein wenig mehr Sport würde mir vielleicht ganz guttun.

Mit einem wohligen Ächzen sank ich in meinen Bürosessel. Nein, ich war nicht wirklich unsportlich, doch heute war die Luft etwas raus.

Seit neun Jahren war ich als Anwalt und Notar am Oberlandesgericht zugelassen und seit sechs Jahren hatte ich mich auf das Fachgebiet Temporalrecht spezialisiert. Wenn mir das jemand während meines Studiums erzählt hätte, wäre ich in schallendes Gelächter ausgebrochen. Zumal es damals, wie auch heute den Begriff Temporalrecht nicht gab.

Man durfte nicht denken, dass auf meinem Kanzleischild irgendetwas mit temporal stehen würde. Diese Spezialisierung gab es nicht und wird es wahrscheinlich auch nie geben. Was aber nicht bedeutete, dass ich nicht mit Fällen rund um Zeitreisen zu tun hatte, habe und haben werde. Auch oder gerade wenn es so gut wie keine Menschen gab, die davon wussten oder jemals davon erfahren würden.

Am 12. August 2014 begann diese anfangs noch eher unfreiwillige Karriere. Ich hatte wie heute an meinem Schreibtisch gesessen und ebenfalls auf den nächsten Termin gewartet.

Wie alles begonnen hatte

Zeit ist das, was man an der Uhr abliest.

Albert Einstein

Drei Männer betraten das Büro. Der Verkäufer war der Prokurist eines Torfabbauunternehmens aus dem Cloppenburger Raum, der Käufer ein Mann im Alter von nur zwanzig Jahren mit dem typischen norddeutschen Namen Harm Meesters – mit Doppel-E.

Es sollte ein Moorgebiet im Ammerland von fast sechshundertachtzig Hektar Größe den Besitzer wechseln. Dies war schon ein wenig ungewöhnlich, denn was wollte so ein junger Mann mit einem so großen feuchten Stück Land? Doch noch überraschender war der Anblick des Mannes in seiner Begleitung, der vielleicht dreißig Jahre älter war. Sie hatten eine Ähnlichkeit, dass sie eineiige Zwillinge sein konnten, wenn der Altersunterschied nicht gewesen wäre.

Ich begrüßte die drei und bat sie, Platz zu nehmen. Ein »Wir kennen uns ja schon« des älteren Begleiters brachte mich kurz aus dem Konzept, aber nur kurz. Ich kannte ihn nicht, noch nicht.

Nachdem sich alle auf ihren Stühlen niedergelassen hatten, begann ich mit der Beurkundung. Ich ließ mir die Ausweise zeigen, sowie die Vollmacht des Prokuristen. Daraufhin verlas ich den Vertrag und hielt einen hoffentlich für die Anwesenden nicht bemerkbaren Moment beim Preis inne – es handelte sich immerhin um eine Summe von siebeneinhalb Millionen Euro! Daraufhin legte ich die Papiere meinen Gegenübern zur Unterschrift vor.

»Gibt es noch Fragen zum Vertrag?«

Ich schaute die beiden Unterzeichner nacheinander an. Beide schüttelten leicht den Kopf. Ich bestätigte die Verneinung mit einem Nicken.

»Dann unterschreiben Sie bitte an den gekennzeichneten Stellen.«

Beide unterzeichneten die Urkunde und ich tauschte die Papiere, damit auch die andere Partei ihren Namen unter die Dokumente setzen konnte.

Abschließend beurkundete ich den Vorgang.

»Herzlichen Glückwunsch«, sagte ich in den Raum hinein, ohne eine der Parteien damit wirklich zu meinen, denn als Notar galt es immer, Neutralität zu wahren.

Ein Runde Händeschütteln – jeder mit jedem – und die Männer verließen mein Büro.

Das war die letzte Amtshandlung für diesen Tag und ich freute mich schon auf meinen Feierabendespresso im Grand Café, wie ich ihn mir seit einiger Zeit zum Abschluss eines Arbeitstages gönnte. Eine kurze Ruhephase für mich und ein Weg, die Arbeit hinter mir zu lassen, wofür mir Sabine sehr dankbar war.

Ich klemmte mir also mein Webpad und die wenigen Zeitungen und Zeitschriften, die ich immer noch in Papierform las, unter den Arm und verabschiedete mich von Frau Halbstedt. Beim Hinausgehen sagte ich zu ihr, dass sie nicht mehr so lange arbeiten sollte, und bekam wie fast jeden Tag die Standardantwort »Ich gehe auch gleich!« zurück, was wie immer nicht der Wahrheit entsprechen würde. Dann radelte ich gemütlich in die Innenstadt.

Das Grand Café hatte seit gut einem Jahr wieder geöffnet, nachdem es längere Zeit unter anderem Namen geführt worden war. Aber schon in meiner Studentenzeit hatten wir uns hier nach den Vorlesungen getroffen, Kaffee getrunken, gefachsimpelt und Zukunftspläne geschmiedet.

Ich ließ mich in meinem Lieblingssessel nieder, die Kellnerin brachte mir einen Espresso, und ich vertiefte mich in die erste Zeitung. Aus einer dummen Gewohnheit heraus las ich sie schon, seit ich denken konnte, von hinten nach vorn.

Als ich beim Sportteil angelangt war, bemerkte ich das Gespräch zweier Männer am Nachbartisch. Die Diskussion wäre mir nicht aufgefallen, hätten die Männer nicht versucht, betont unauffällig miteinander zu reden. Gerade dieser Versuch mit dem intensiven Geflüster ließ mich aufhorchen, was so gar nicht meine Art war. Ich wollte meine Ruhe haben und das bedeutete für mich auch, dass ich nicht erpicht war, andere zu belauschen.

Ich sah kurz auf und war zu meiner eigenen Verwunderung nicht erstaunt, die beiden »Zwillinge« von vorhin zu erblicken. Das Rascheln meiner Zeitung ließ sie innehalten und beide schauten mich an. Der Jüngere ein wenig überrascht, der Ältere mit einem scheinbar wissenden Lächeln, welches mich noch weiter verwunderte.

»Guten Tag!«, sagte ich. »Angenehm, Sie hier wiederzusehen!«

Der Jüngere stammelte ebenfalls ein »Guten Tag!«, während der Andere aufstand und an meinen Tisch trat.

»Freut mich ebenfalls, Sie zu sehen, Herr Grießau!«, begrüßte er mich zum zweiten Mal an diesem Tag. Und nicht das letzte Mal in meinem Leben, wie ich später erleben sollte.

»Möchten Sie sich …?«, begann ich meine Frage, die aber aufgrund eines gleichzeitigen »Dürfen wir uns …?« meines Gegenüber von mir nicht zu Ende formuliert werden konnte.

Ich faltete meine altmodische gedruckte Zeitung zusammen und legte sie zur Seite, stand auf und versuchte einen neuen Anlauf: »Setzen Sie sich bitte zu mir.«

Der ältere Zwilling winkte sein jüngeres Pendant herüber. Dieser kam der Einladung etwas umständlich nach. Er brachte zwei Kaffeetassen mit und stellte diese auf meinen Tisch.

»Alles in Ordnung?«, begann ich. Wobei ich von keinem wirklich eine ehrliche Antwort erwartete; auf jeden Fall hätte ich die Antwort, die ich bekam, niemals erwartet:

»Alles bestens«, antwortete der Ältere: »Auch wenn wir damit nicht einer Meinung sind. Wir sehen die Zukunft und ihre Ereignisse unterschiedlich. Er will mir nicht wirklich alles glauben, was ich ihm berichte, obwohl er, rational gesehen, dafür keine Veranlassung hat.«

Nun meldete sich auch der Zwanzigjährige zu Wort: »Seine Geschichten klingen einfach zu unglaubwürdig.«

»Worüber streiten Sie sich? Die Zukunft ist doch nicht vorhersehbar«, versuchte ich zu schlichten.

»Da täuschen Sie sich ein wenig«, warf nun der Ältere ein. »Nein! Richtiger: Da täuschen Sie sich aber gewaltig!«

Mir wurde ein wenig mulmig. Das klang so überzeugend, dass es keine Gegenrede duldete. Ich wollte dennoch etwas erwidern, konnte aber nicht und schloss langsam meinen Mund, um nicht allzu dämlich auszusehen.

»Ich kenne die Zukunft. Ganz genau!«, setzte der Ältere noch einen drauf. Was mich in diesem Moment noch sprachloser machte – wenn es denn eine Steigerung von sprachlos geben sollte.

Er erzählte dann eine Geschichte, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht verstand, nicht verstehen konnte – und auch nicht wollte. Die Geschichte war so absurd, so unglaubwürdig und so unlogisch, dass mein Gehirn kurzzeitig den Dienst einstellte und ich deshalb einfach zuhören musste, ob ich wollte oder nicht.

»Und nun wissen Sie, warum ich vorhin meinte, dass wir uns schon kennen«, schloss er seinen Bericht.

Mein Verstand sprang stotternd wieder an wie ein Benzinrasenmäher, der den ganzen Winter im Schuppen gestanden hatte und nun für den ersten Rasenschnitt im Frühjahr gestartet werden sollte.

Wenige Augenblicke später leuchtete vor meinem inneren Auge eine rote Kontrollleuchte: Überlast. Das war selbst zu viel für ein gut trainiertes Anwaltshirn. Und ich hatte doch immer brav alle Science-Fiction-Filme im Fernsehen geschaut.

»Sie sind also wirklich der Meinung, dass Sie aus der Zukunft kommen – aus dem Jahr 2043?«, vergewisserte ich mich.

Dann versuchte ich es mit Logik. »Und Sie sind gekommen, um ein Grundstück zu kaufen. Sie persönlich haben aber doch keine Fläche gekauft. Das war doch der junge Mann hier. Er hat unterschrieben und damit gehört das Gelände ihm.«

»Hör mal, Hans-Peter …«, begann der Ältere. »Ach ja, ich heiße Harm mit Vornamen. Ich vergaß, dass wir uns ja erst ab jetzt duzen.«

»Wie bitte?«

»Dies ist der Moment, ab dem wir uns duzen«, sagte Harm.

»Das meinte ich nicht. Was für ein Zufall. Der junge Mann heißt doch auch Harm. Sag bloß nicht, du heißt auch Meesters mit Nachnamen.«

Ich hätte fast nicht bemerkt, dass ich ihn ebenfalls duzte.

»Doch«, meinte er. »Ich heiße Harm Meesters. Ebenfalls Harm Meesters. Ich bin Harm Meesters. Und er ebenfalls. Er ist nur eine jüngere Ausgabe von mir.«

Mein Hirn setzte wieder aus. Beim Uralt-Betriebssystem Windows wäre das ein »Blue Screen« gewesen.

Nach dem – doch recht schnellen – Neustart meines Denkapparates schluckte ich einmal kurz, griff zur Tasse, bemerkte, dass der Espresso kalt geworden war, bestellte einen doppelten Cognac, den die Kellnerin so schnell brachte, als ob sie geahnt hätte, dass ich ihn nötig hätte, schüttete diesen auf ex in mich hinein, spürte die Wärme, die die Speiseröhre langsam hinunterglitt, spürte, dass er unten im Magen angekommen war, und richtete mich in meinem Stuhl auf.

»Du meinst, ihr seid nicht verwandt, sondern ein und dieselbe Person?«, schlussfolgerte ich messerscharf.

»Dann ist ja alles ganz klar!«

Natürlich war mir nichts »klar«. Ich wollte nur etwas sagen. Wer hatte schon einmal einen Anwalt sprachlos oder auch nur überrascht gesehen?

Harm nickte wissend.

»Diese Szene habe ich sehr gut im Gedächtnis behalten. Nichts ist dir klar. Du glaubst mir nicht und überlegst, mich in die geschlossene Abteilung des Landeskrankenhauses einweisen zu lassen.«

Gut. Ertappt. Mit dem Gedanken hatte ich kurz gespielt, ihn aber gleich wieder verworfen.

Ich versuchte, mich zu sammeln. Am besten – das hatte ich schon während meiner Schulzeit und später im Studium gelernt – fasste ich das Gesagte noch einmal mit meinen Worten laut zusammen:

»Du, Harm, kommst aus dem Jahr 2043 hier in das Jahr 2014 zurück, um ein völlig wertloses Grundstück völlig überteuert zu kaufen, damit auf diesem Gelände eine Temporalkuppel errichtet werden kann. Hier beginnt ihr ab 2024, das Gebiet der Zeitreisen wissenschaftlich und experimentell zu erforschen. Und im Jahr 2029 könnt ihr erstmalig erfolgreich in die Vergangenheit reisen.«

Harm erwiderte: »Fast richtig, aber nicht ganz. Es ist nicht eine Temporalkuppel, sondern dieTemporalkuppel. Es gibt nur die eine und es wird nach unserem Kenntnisstand auch immer nur eine geben. Wir forschen auch nicht erst ab 2024. Es müsste aus deiner Sicht wir werden forschen heißen und aus meinem temporalem Blickwinkel wir forschten. Der Einfachheit halber bleibe ich bei meiner Sicht. Es wird ja auch einmal deine werden.

Aber zurück zum Thema: Die theoretische Grundlagenforschung geht natürlich auf Albert Einstein zurück. Wir sind eher für die praktische Umsetzung dieser Ideen zuständig. Und wir haben bewiesen, dass die theoretischen Ansätze und Berechnungen richtig sind. Ich bin der lebende Beweis: Wir reisen durch die Zeit!«

Den letzten Satz sprach er so laut aus, dass sich einige Gäste im Café zu uns umdrehten. Sie bemerkten aber schnell, dass nichts Ungewöhnliches geschehen war, und entließen uns wieder aus dem Fokus ihrer Wahrnehmung. Zu meiner Erleichterung. Das Letzte, was ich für meine Reputation als Anwalt und Notar gebrauchen konnte, war der Verdacht, mich mit entlaufenen Irren zu umgeben.

Tausend Gedanken schwirrten durch meinen Kopf und nur eine strenge Selbstbeherrschung brachte sie dazu, sich brav in eine Schlange einzureihen. Nachdem sich der letzte Gedanke seinen Platz gesucht hatte, atmete ich einmal tief durch.

»Also noch einmal«, begann ich die Gedankenschlange abzuarbeiten. »Du kommst aus der Zukunft, um dabei zu sein, wie dein jüngeres Ich ein Grundstück kauft. Das hätte er doch auch alleine gekonnt.«

»Hätte er nicht«, sagte der ältere Harm zu mir. »Hättest du nicht, oder?«, sagte er zu dem jüngeren Harm.

»Hätte ich wirklich nicht. Wovon denn auch?«, erwiderte dieser. »Und wozu?«

»Ja!«, meinte ich. »Wie kommt er denn zu so viel Geld?«

»Das habe ich mitgebracht«, antwortete der fünfzigjährige Harm. »In Form von Gold; der universellen Währung für uns Zeitreisende. Aus der Zukunft importiert und hier gegen Euro verkauft.«

»Und das geht? Das machen die Banken mit?«, fragte ich.

»Man muss nur eine Bank finden, der es gleichgültig ist, woher das Gold kommt und die Logos und Seriennummern nicht überprüft.«

Aber das waren gar nicht meine vorrangigen Fragen. Diese stauten sich hinter meinem Frontallappen.

»Könnt ihr in die Zukunft und in die Vergangenheit reisen? Was passiert, wenn man die Vergangenheit ändert? Kann man die Zukunft ändern? Warum errichtet ihr die Temporalkuppel gerade hier in der Einsamkeit des Nordwesten Deutschlands und nicht woanders?«, sprudelte es damals aus mir heraus.

Es klopfte an der Tür und Frau Halbstedt kam mit dem Tee in mein Büro. Ich benötigte nur kurze Zeit, um wieder in der eigenen Gegenwart zu sein.

»In einer Viertelstunde sind die Meiners hier. Konventionelle Kunden; nichts Temporales«, erinnerte sie mich.

Wie hatten uns für die Begriffe »konventionell« und »temporal« entschieden, um unsere Mandanten zu kategorisieren. Auf den Akten stand also entweder ein »K« oder ein »T«.

»Der Aktendeckel liegt dort schon«, sagte sie. Und wirklich, auf dem Stapel lag ein Deckel mit »K« obenauf.

Auch im Jahr 2020 gab es diese Akten noch immer in Papierform und nicht digital auf einem Tablet-PC. Und solange Grundstückskäufe immer noch von Hand auf Papier unterschrieben werden mussten, würden uns diese Aktendeckel bis in eine weit entfernte Zukunft begleiten. Zumindest bis ins Jahr 2043. Ich mochte es kaum glauben, aber so hatte Harm es mir geschildert.

Frau Halbstedt stellte den Tee auf meinen Schreibtisch, nachdem sie durch das Beiseiteschieben von einigen Lagen Papier eine freie Stelle geschaffen hatte.

Ich trank einen kleinen Schluck – das Getränk war noch sehr heiß – und wartete auf die Mitglieder der Familie Meiners, die ein Grundstück auflassen wollten. Ihre Kinder wollten darauf ein Haus bauen. Nichts Aufregendes und vor allem keine »T«-Mandanten.

Der erste T-Mandant

Die Zeit ist ein Abgrund.

Herbert Rosendorfer

Wie mir Harm Meesters 2014 prophezeit hatte, gab es nach diesem ersten Treffen weitere Kontakte im Zusammenhang mit Zeitreisen. Nach unserer Begegnung im Grand Café traf ich mich eine Woche lang mit ihm jeden Tag nach Büroschluss in meiner Kanzlei. Er beantwortete meine Fragen – soweit er es konnte und für zulässig hielt. Bisweilen gab er mir keine Antwort und lächelte nur still in sich hinein.

Harm hatte ein markantes, ja eher strenges Gesicht, das aber in diesen Momenten zu strahlen begann. Er war sportlich und gut trainiert, was mich, der ich einige Jahre jünger war als er, daran erinnerte, auch wieder etwas für meine Fitness zu tun. Das war auch ein immerwährender leichter Vorwurf meiner Frau Sabine. Aber dieses Thema beschäftigte mich ja fortwährend.

Die Lottozahlen der nächsten Woche hatte Harm mir nie verraten wollen! Alle Zeitreisenden mussten einen Eid ablegen, genau solche Informationen auf gar keinen Fall zu verbreiten. Das galt für Aktienkurse, Bundesligaergebnisse und viele weitere Ereignisse. Selbst Lotto zu spielen oder mit Aktien zu handeln war ihnen verboten worden. Doch es gab immer schwache Charaktere und mit einigen von diesen sollte ich es in meiner eigenen Zukunft noch zu tun bekommen.

Denn nur drei Wochen später wollte Frerich Janssen von mir vertreten werden. Eine Bank hatte seine Konten gesperrt und er wollte an sein Geld. Es begann also wie ein »K«-Fall und zuerst sah ich auch keinen Zusammenhang mit irgendwelchen temporalen Ereignissen. Doch ich sollte mich täuschen!

Frerich Janssen saß mir damals gegenüber und reichte mir eine Mappe mit Unterlagen. Oben auf lag ein Schreiben einer ortsansässigen Regionalbank. Diese teilte ihm mit, dass sein Konto samt EC- und Kreditkarte gesperrt sei.

Das war in der heutigen Zeit wahrhaftig kein Einzelfall. Meist waren die Mandanten soweit in den Miesen, dass die Bank einfach die Reißleine ziehen musste. Doch in diesem Fall war es anders. Es befanden sich mehr als zweihunderttausend Euro Guthaben auf dem Konto! Eine einzige Überweisung in eben dieser Höhe hatte es auf diesen Stand gebracht. Wie mir schien, war das erst einmal unverdächtig. Von der Höhe der Überweisung vielleicht einmal abgesehen.

»Haben Sie geerbt oder war das eine Auszahlung einer Versicherung?«, fragte ich ihn.

»Es ist ein Bausparvertrag fällig geworden«, antwortete er.

Ein Bausparvertrag, die mit am langweiligsten erscheinende Kapitalanlage aller Zeiten.

Was war daran strafbar?

Der Fall lag ganz klar. Ein Anruf bei der Bank mit dem Hinweis, dass nun ein Rechtsbeistand die Sache übernehmen würde, sollte zum Erfolg führen. Ich ließ also Herrn Janssen eine Vollmacht unterschreiben.

»Wann komme ich an mein Geld?«, fragte er bei der Verabschiedung.

Ich wollte mich selbst nicht unnötig unter Druck setzen und meinte, dass ich wohl eine Woche benötigen würde, um den Sachverhalt zu seiner Zufriedenheit zu klären.

Am nächsten Morgen ließ ich mir einen Termin bei der Bank geben. Irgendetwas sagte mir schon zu diesem Zeitpunkt, dass es nicht mit einem Telefonat getan sei.

In der Bank begrüßte man mich freundlich und der Sachbearbeiter von Herrn Janssen bat mich in sein Büro.

Ich zeigte ihm die Vollmacht und wollte dann seine Version des Vorgangs hören.

»Gut, dass Sie da sind. Ich wusste nicht, was ich in diesem Fall machen sollte. Ich konnte nicht anders entscheiden, als das Konto erst einmal zu sperren. Aber so etwas ist mir in meiner Laufbahn noch nie vorgekommen.«

Ich schaute ihn fragend an: »Was ist Ihnen noch nicht passiert? Dass jemand einen Bausparvertrag abschließt oder dass dieser irgendwann fällig wird?«

»Ich habe schon eine Menge solcher Verträge abgeschlossen und auch viele gesehen, die ausgezahlt worden sind. Aber doch nicht in dieser Geschwindigkeit!«

Mir war nicht bewusst, dass Bausparverträge Geschwindigkeit aufbauten, und fragte, was er denn damit meinte.

»Ich habe mich mit Herrn Janssen getroffen, um den verabredeten Vertrag unterschreiben zu lassen. Er war ein Neukunde und hatte gleichzeitig ein Girokonto bei uns eröffnet. Ich ging also zum Computer, um den Dauerauftrag auf seinem neuen Konto einzurichten. Als ich dann aber auf die RETURN-Taste drückte, sprang der Saldo von 0 auf über 200.000 Euro ins Haben. Das habe ich noch nie gesehen und kann mir das auch nicht rational erklären!«

Er schien verzweifelt zu sein und seinem eigenen Verstand nicht mehr zu trauen.

»Da wird etwas auf das Konto überwiesen worden sein. Reiner Zufall. So etwas kann doch passieren. Aber deshalb sperrt man das Konto doch nicht gleich!«, meinte ich.

»Das ist aber genau das Problem. Die Überweisung war die Auszahlung des Vertrages! So ein Vertrag füllt sich doch erst über die Zeit an und verzinst sich und wird dann nach Jahren fällig. Aber doch nicht in Bruchteilen von Sekunden!« Er machte den Anschein, dass er gleich zu weinen beginnen würde. Doch er fing sich wieder: »Der Zeitraum ist zu kurz!«

In diesem Moment erinnerte ich mich an den Zeitreisenden Harm Meesters. »Der Zeitraum ist zu kurz!«, hallte es in meinem Kopf.

»Der Zeitraum ist zu kurz!«, setzte sich dann bei mir als Mantra fest und wiederholte sich fortwährend. Ich musste erst ein energisches STOPP denken, um diesen Brummkreisel zum Stehen zu bringen.

Etwas überhastet verabschiedete ich mich und ließ einen sehr verdutzten Bankangestellten zurück.

Am Nachmittag traf ich dann Frerich Janssen in meiner Kanzlei.

Nach Austausch der allgemeinen Höflichkeiten stellte ich ihm die Frage: »Wie haben Sie das gemacht?«

Er zuckte zusammen.

»Was?«

Seine lakonische Gegenfrage konnte mich nicht täuschen. Mein innerer Anwalt sprang an und die Routine half mir, die nächsten Worte bestimmt zu formulieren:

»Sie wissen genau, was ich meine! Also: Wie haben Sie das gemacht und was ist dabei schiefgegangen? Und: Sind Sie ein Zeitreisender?«

Er schaute mich erstaunt an. »Woher wissen Sie …?«

Ich fiel ihm ins Wort und sagte nur: »Harm Meesters.«

»Er war schon hier?« Das war keine Frage, sondern eher eine Feststellung.

»Ja. Er war vor ein paar Wochen bei mir und hat mich auf Zeitreisende wie Sie vorbereitet. Also noch einmal: Was haben Sie gemacht?«

Er sackte leicht auf seinem Stuhl zusammen und gab den Widerstand auf.

»Ein kleiner Fehler nur. Ich war mit der Datierung der Überweisung zu ungenau. Ich hätte einfach noch ein paar Tage warten sollen …«, begann er.

»Weiter«, ermunterte ich ihn.

»Ich komme aus dem Jahr 2030«, fuhr er fort.

»Das erklärt einiges, aber bei Weitem noch nicht alles«, sagte ich nach einer kurzen Pause.

»Harm ist ja der Leiter der Kuppel. Und er hat uns Ihre Adresse für den Zeitabschnitt 2014 bis 2024 als Ansprechpartner für alle juristischen Fragen gegeben.«

Das hatte ich bereits gewusst. Harm hatte mir dies bei unseren Gesprächen mitgeteilt. Außerdem hatte ich einen Vertrag mit der Temporalkuppel GmbH & Co. KG unterschrieben. Harm hatte diese Firma und die dazugehörige Temporal KG noch vor dem Grundstückskauf gegründet und sein jüngeres Ich (und damit auch sich) dort als Geschäftsführer eingetragen lassen. Das Startkapitel bestand vor allem aus dem erworbenen Moorgrundstück, auf das in einiger Zeit die Temporalkuppel errichtet werden sollte.

»Sie sind also zu mir gekommen, damit ich Ihnen bei Ihren krummen Geschäften helfen soll? Sie haben doch den Eid abgelegt«, sagte ich zu ihm. Und wunderte mich selbst über meine innere Ruhe und meine scheinbare völlige Akzeptanz der Zeitreisenden und deren Handlungen, obwohl diese technisch gesehen noch nicht einmal existieren …

Ich griff in die obere Schublade meines Schreibtisches und zog ein Papier hervor. Das Logo der Temporalkuppel GmbH & Co. KG – eben diese stilisierte Kuppel – musste für ihn auf Anhieb zu erkennen sein.

Er sank endgültig auf seinem Stuhl zusammen, als wäre die Luft aus seinem Körper entwichen.

»Ich wollte doch nur ein klein wenig mehr Geld für meine Kinder!«, stammelte er.

Diesen Satz hatte ich schon häufiger gehört, doch er hatte mir noch immer nicht erzählt, wie er das mit dem Bausparvertrag gemacht hatte.

Und warum gerade einen Bausparvertrag?

Er erzählte seine Geschichte. Frerich Janssen war der Leiter eines Projektes, das nach der Errichtung der Temporalkuppel die Genauigkeit des Springens in die Vergangenheit erforschen und sicherstellen sollte. Seine Mitarbeiter und er hatten Testreihen ausgearbeitet, um die Einstellungen für diese Zeitreisen zu ermitteln. Es gab eine Reihe von Parametern, die zu berücksichtigen waren. Nach diesen Testreihen gab es eine abschließende Überprüfung mit einer letzten Phase von Sprüngen. Er selbst konnte entscheiden, in welchen Zeiten die Ziele liegen sollten. Diese Sprünge nutzte er für Einmalzahlungen in den Bausparvertrag. Nach Fälligkeit hob er das Geld ab und investierte es in einen Fond, von dem er wusste, dass er bis ins Jahr 2030 immer gute Zinsen abwerfen werden würde. Die Zinserlöse aus dem Jahr 2030 nutzte er wiederum für die Einzahlungen in eben jenen langweiligen Bausparvertrag.

»Ich hätte mit der Auszahlung auf das Konto nur ein paar Tage warten müssen«, wiederholte er seinen gegen sich selbst erhobenen Vorwurf. »Dann hätte es keiner bemerkt.«

Mir schwirrten die Ein- und Auszahlungen wie ein aufgescheuchter Mückenschwarm durch den Schädel.

War das überhaupt möglich, was er mir da erzählt hat? Im Prinzip hat er mit Geld, das nicht vorhanden war, Erträge erwirtschaftet, die dazu genutzt worden sind, um das Geld zu beschaffen, das die Grundlage …

Das war mir doch etwas zu kompliziert. Dagegen war das System von Hedgefonds und Aktienleerverkäufen geradezu einfach zu verstehen.

Das Signal meines Telefons holte mich wieder in die Wirklichkeit zurück und bewahrte mich vor einem Hirnkollaps. Meine Sekretärin wollte einen Anruf der geschädigten Bank durchstellen.

Am anderen Ende der Leitung meldete sich der Angestellte, der den ganzen Sachverhalt bemerkt hatte.

»Sie werden mir nicht glauben! Es ist auch völlig unmöglich!«, kam es laut aus der Freisprecheinrichtung. Der Zeitreisende sollte ruhig mithören.

»Ich habe auf laut gestellt. Herr Janssen sitzt mir gerade gegenüber«, wies ich auf diesen Sachverhalt hin. Wie ein Häufchen Elend hing mein Mandant nun auf dem Sitz.

»Das Geld ist weg! Einfach verschwunden!«, sagte der Banker.

»Wie? Verschwunden?«, wiederholte ich etwas fassungslos.

»Das Geld – die zweihunderttausend Euro – sind nicht mehr auf dem Konto. Es gibt aber keine Buchung. Es ist, als ob das Geld nie existiert hätte!«

Frerich Janssen rutschte vollends aus dem Besucherstuhl. »Mein Geld!«, entfuhr es ihm dabei.

»Das Geld ist also nicht mehr auf dem Konto?«, versicherte ich mich Richtung Telefon.

»Genauso ist es«, kam es zurück.

»Vielen Dank für Ihren Anruf«, beendete ich das kurze Gespräch und trennte die Verbindung.

Frerich Janssen hatte sich inzwischen wieder gerade hingesetzt.

»Können Sie dazu etwas sagen?«, fragte ich ihn. Ich selbst hatte einen Verdacht, wollte ihn aber von ihm bestätigt wissen.

»Ich kann mir das nur so erklären«, begann er. »Ich habe den Zeitpunkt der Überweisung verpasst, weil ich hier bei Ihnen sitze. Dadurch gab es das Geld für das Startkapital des Fonds nicht. Dieser konnte keine Zinsen abwerfen. Dadurch gab es kein Geld für die Einzahlungen in den Bausparvertrag, der dann auch nicht fällig werden konnte. Damit ist alles zusammengebrochen.«

Dies tat Frerich Janssen dann auch: zusammenbrechen.

Harm Meesters und ein weiterer hochgewachsener Mann kamen, ohne anzuklopfen ins Büro. Der Unbekannte griff sich den betrügerischen Zeitreisenden und führte ihn hinaus.

Harm setzte sich dafür auf den frei gewordenen Stuhl.

Ich schaute ihn fragend an.

»Kannst du mir das wenigstens erklären?«, wollte ich wissen und gab die Vermutung von Frerich Janssen wieder.

»Ich denke, dass er recht hat. Er ist ja nicht auf den Kopf gefallen. Die Problematik bei solchen Verstößen gegen die zeitliche Ordnung hat viel mit Ursache und Wirkung, mit Kausalität, zu tun. Werden die Kausalketten verändert, versuchen sie immer in den ursprünglichen Zustand zurückzukehren. Es muss immer mehr neue Energie aufgewendet werden, um die Abweichung aufrechtzuerhalten. Fällt diese Energie weg, so schwingt die Realität wie ein Gummiband auf den ursprünglichen Wert zurück. Und zwar auf den Zustand, der ohne die vorhergegangene Manipulation vorhanden gewesen wäre. Die Zeitlinie ist doch schon recht beharrlich und möchte eigentlich von sich aus nicht verändert werden. Das haben schon unsere ersten Experimente gezeigt.«

Ich war erschrocken.

»Ihr habt tatsächlich versucht, die Zeit zu verändern!«, brachte ich entsetzt hervor.

»Aber nur aus rein wissenschaftlichem Interesse. Wir wollten wissen, ob auch schon kleinste Änderungen – zum Beispiel aus Unachtsamkeit – Veränderungen bewirken.«

Mir kam sofort eine Folge der Zeichentrick-Fernsehserie Die Simpsons ins Gedächtnis. Der gelbe Homer Simpson reiste in die Vergangenheit und durch das Zertreten eines Insekts veränderte er seine jeweilige Zukunft auf drastische Weise. Das machte mir Angst!

»Wie stabil ist die Zeit?«, fragte ich deswegen.

»Sehr stabil. Aber nicht so stabil wie ein Stahlträger. Eher stabil wie ein zäher Kaugummi mit Memoryeffekt. Die Zeit versucht, immer wieder in den ursprünglichen Zustand zu gelangen. Das kann manchmal dauern, funktioniert aber eigentlich jedes Mal.«

»Man kann Adolf Hitler also nicht – quasi nachträglich – umbringen?« Ein besseres Beispiel fiel mir auf die Schnelle nicht ein.

»Doch, schon«, antwortete Harm. »Es ändert bloß nichts.«

Damit gab ich mich für heute zufrieden. Das war sowieso schon alles viel zu viel für mein armes atemporales Gehirn.

Dies bemerkte Harm wohl auch und verabschiedete sich.

Die Zeit – Theorie und Praxis

Wenn es die Zeit nicht gäbe, würde alles auf einmal passieren.

Martin Suter, in »Die Zeit, die Zeit«

An einem der Abende in meiner Kanzlei versuchte Harm, mir die physikalischen Tatsachen über die Zeit und vor allem der gezielt gesteuerten Zeitreise näher zu bringen. Zeitreisen hatte es wohl immer schon gegeben. Doch diese waren meist nicht willentlich gesteuert und kontrolliert geschehen, sondern in allen Fällen ohne technische Hilfe und für den Zeitreisenden und seine Umgebung mit oft erschreckenden Konsequenzen.

Ausgrabungen in den ehemaligen Moorflächen hatten seltsame Funde ans Tageslicht gebracht. Im Moor wurden mumifizierte Körper von Menschen gefunden, bekleidet mit den Resten ungewöhnlicher Kleidung. In der Nähe fanden sich Bruchstücke von Schmuck und Geräten, die nicht einzuordnen gewesen waren. Das Moor gab eigentlich nichts wieder her. Doch durch den Torfabbau wurden Schichten freigelegt, die jahrhundertelang verdeckt gewesen waren.

Die meisten Hinweise wurden nicht entdeckt, sondern landeten fein geschreddert als Düngetorf in Kunststoffsäcken. Nur manchmal wurde ein Arbeiter in seiner riesigen Abbaumaschine zufällig auf etwas aufmerksam und verdiente sich ein paar Euro dazu, weil er den Fund meldete.

Seit 1990 gab es eine zentrale Telefonnummer für solche Funde. Eine wissenschaftliche Abteilung der Landesregierung bezahlte ein paar Angestellte, die sich darum kümmerten, dass die Fragmente direkt in ein Institut nach Oldenburg gebracht wurden.

Hier arbeitete Harm Meesters seit 2013 als studentische Hilfskraft und bekam dabei Dinge zu sehen, die es noch nicht gab, noch nicht geben konnte. Er zeigte mir das Bild eines Folienwebpads der Firma Samsung. Es würde vielleicht erst in zehn Jahren produziert werden. Gefunden wurde es aber 2013 und es sah aus, als hätte es mehrere Hundert Jahre im Torf gelegen. Es funktionierte auch nicht mehr, da der Akku natürlich schon lange erschöpft war und Korrosion die Elektronik zerstört hatte.

Auf meinen Hinweis, dass die Temporalkuppel erst ab 2029 Zeitreisen möglich machen würde, entgegnete er: »Es ist aber dennoch ein Hinweis auf Zeitreisen.«

Ich vermutete spaßeshalber, dass die Chinesen dahinterstecken würden. Doch dies verneinte er.

Er sprach auch von sogenannten »spontanen« Zeitreisen. Diese hätte es im Ammerländer Moorgebiet schon immer gegeben. Wohl schon seit dem frühen Mittelalter oder noch früher. Doch diese Phänomene seien noch nicht einmal ansatzweise richtig erforscht.

Im Ammerländer Moor verlief eine sogenannte Temporale Aufrisslinie