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Eine wahre Geschichte wie sie das Leben schrieb. Frustrierend, oft nicht zu begreifen. Manchmal könnt man weinen, nur wenig zu lachen. Berührt, schockiert, regt zum Nachdenken an. Bitteres Ende ohne Gewinner. Eine Anklage an die Gesellschaft. Nur nichts sehen und hören. Ist ja auch viel bequemer sich aus allem herauszuhalten als anderen Menschen zu helfen. Sollte das Geschehen aus Zufall bekannt werden hat man das ja schon geahnt konnte aber nichts beweisen. Verlogene Gesellschaft !
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Seitenzahl: 268
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Tibor Simbasi
Der Teufel trug Jeans
Verfluchte Väter
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Erste Schritte
Flucht in den Westen
Gemischte Gefühle
Ernüchterung
Alles nette Nachbarn ?
Mißbrauch des eigenen Sohnes
Alltag mit einem Tyrannen
Außenseiter der Gesellschaft
Sklaventreiber ohne Skrupel
Abgehauen
Schmerzhafte Liebe
Das Leben geht weiter
Unerklärlich
Der `schwere Unfall`
Verkauft
Langsam kam der Hass
Ausziehen oder untergehen
Verfluchte Väter
Gemeiner Apfelbaum
Feige bis zum Ende
Wir leben im Paradies
Impressum neobooks
Krampfhaft umklammerte ich das lange, schwere Stück Holz und prüfte die Lage. Sollte ich, oder sollte ich nicht? Was würde passieren, wenn ich es tun würde? Da stand er am Rande vom Gemüsebeet, groß und stark, unbesiegbar. Nach Abwägung aller Risiken stand ich auf verlorenem Posten, aber die Versuchung war zu groß, die Wut in mir war stärker als die Angst. Mutig drehte ich mich halb um die eigene Achse, ein letzter abschätzender Blick dann brach es heraus. „He Alter komm her, damit ich dir die Bohnenstange vor den Kopf hauen kann“. Und er kam, das ließ er nicht auf sich beruhen. Was hat der mir den Hosenboden stramm gezogen, ich bezog eine gehörige Tracht Prügel und musste sofort in das Bett. Der Kalender zeigte 1957, ich war gerade mal 4 Jahre alt. Wir waren im Garten um Stangen, für die ein paar Tage zuvor gesäten Bohnen, die nun aus dem Boden trieben, zu setzen. Der Vater hatte am Tag zuvor meinen Bruder Konrad mit seinem Ledergürtel verprügelt. Der Anlass war unwichtig, Schläge zählten zum Tagesablauf. Schon bei der kleinsten Verfehlung wurden wir brutal gezüchtigt. Diese dem Vater gegenüber zugegeben, doch sehr freche Aufforderung, zeigt ein schon damals sehr angespanntes Verhältnis zwischen Vater und Sohn auf. Eine Verbindung die in Verachtung, blanker Verzweiflung und letztendlich puren Hass enden sollte.
Wir wohnten zu jener Zeit in einem alten Einfamilienhaus am Rande eines kleinen Dorfes nicht weit von Leipzig entfernt. Eine noch kleine Familie: Vater, Mutter, der 2 Jahre älterer Bruder Konrad, nun ich, und zwei Mädchen, Rosel und Ingeborg. Das Haus war über einen, von vielen Schlaglöchern übersäten Feldweg zu erreichen. Zur unmittelbaren Nachbarschaft zählten zwei weitere kleinere Anwesen. Eines befand sich rechts, ein weiterer Bauernhof, links von unserem Wohnhaus. Bereits wenige Meter hinter den drei Häusern bildete ein riesiger Mischwald, die natürliche Grenze zum Dorf. Meine Eltern waren sehr einfache und arme Leute. Der Vater arbeitete in der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, kurz der LPG. So nannte man in der damaligen DDR die zwangsweise zusammengeschlossenen Bauernhöfe. Als Vorbilder dienten die Kolchosen in Russland. Befestigte Strassen gab es wenige. In unserem kleinen Dorf gab es nur eine halbwegs befahrbare Hauptstrasse. Sie war aus Pflastersteinen erbaut, sonst waren da nur Sandstrassen oder Feldwege. Im Ort gab es einen kleinen Lebensmittelladen, in dem aber sehr selten etwas zu kaufen war. Entweder es gab einfach nichts oder die Leute mussten lange auf neue Ware warten. Eine kleine Poststation, ein Gasthof, der nur bei besonderen Anlässen, wie etwa einer Hochzeit oder einer Parteiversammlung geöffnet wurde und eine kleine Schule. Um den Ort herum sah man viele Äcker, auf denen allerlei Getreidesorten und Kartoffeln angebaut wurden. Vor allem aber waren da große farbenprächtige Wiesen mit sehr vielen Blumen. Eine Farbenvielfalt, so schön bunt, wie man das heute leider nicht mehr sieht. Etwas außerhalb des Dorfes befanden sich die großen Stallungen der LPG, in denen Schweine und Kühe gehalten wurden. Dort arbeiteten die Leute des Dorfes für wenig Geld, zum Wohle des Bauernstaates, wie die Partei es den Leuten immer wieder einredeten. Um über die Runden zu kommen haben alle Familien, neben der Tätigkeit bei der LPG, auch privat, meistens noch zwei, drei Schweine gehalten. Hühner und Enten liefen überall frei herum. Außerdem besaß jede Familie natürlich einen kleinen Garten mit viel Obst und Gemüse. Der war, wie damals üblich, direkt vor dem Haus angelegt. Eigentlich eine sehr idyllische Landschaft ohne die Hektik der heutigen Zeit. Eigentlich hätte man da eine schöne, ruhige Kindheit verbringen können. Eigentlich! Aber leider gab es da ja noch den Vater und der war ein Tyrann, einer der uns das Leben zur Hölle machte. Und er war faul, sehr faul. Das Wort Arbeit muss wohl für ihn ein Fremdwort gewesen sein.
Zu jener Zeit war die LPG in Brigaden aufgeteilt. Die einzelnen Brigaden wiederum wurden als verschiedene Kreisverbände geführt. Jede Brigade war nur für einzelne Bereiche wie etwa Schweinezucht, Rinderzucht oder Ackerbau zuständig. Damit nun Frauen, die ja auch alle mitarbeiteten, morgens die Kinder für den Schulbesuch herrichten und das Mittagsessen vorbereiten konnten, wurden sie meistens zu späteren Zeiten als die Männer für die Arbeit eingeteilt. Damals gab es kaum Traktoren oder sonstige moderne Maschinen. Die schwere Feldarbeit wurde zum Großteil mit der Hilfe von Pferden bewältigt. Irgendwie schaffte es der Vater stets sich davor zu drücken und wurde zum Stalldienst eingeteilt. Dort war die Arbeit nicht so hart wie auf dem Feld. Das Vieh wurde gefüttert, die Stallungen ausgemistet, die Kühe gemolken. Damals natürlich alles von Hand. Doch auch hier fand er nur allzu oft erfolgreich einen Weg, der Arbeit nicht zu begegnen.
Hatte der Vater mal wieder keine Lust morgens um 5 Uhr aufzustehen um die Kühe zu melken, wurde eben eine Krankheit simuliert und die Mutter zum Melken geschickt. Da wurde auch nicht höflich gefragt, „kannst mal für mich einspringen“, da wurde einfach befohlen, „Olle geh mal die Kühe melken, ich bin krank“. Meine Mutter hieß eigentlich Elisabeth, doch ohne Respekt vor irgendwelchen Menschen, nannte er sie einfach, meine ´Olle´.
Zuhause mussten mein Bruder Konrad und ich auch bereits kleinere Aufgaben übernehmen. Wurden diese nicht zu seiner vollen Zufriedenheit ausgeführt wurden, wir brutal vom Vater bestraft.
So musste mein Bruder Konrad, damals gerade 6 Jahre alt, eines Tages die Enten hüten. Das waren 2 Muttertiere mit ihren insgesamt 10 Küken. Als Konrad nun einen Moment die Tiere aus den Augen verlor, entfernten sich die Enten ein paar Meter von unserem Haus. Darauf hatte wahrscheinlich ein Habicht nur gewartet und holte sich eines der Küken. Für diese Unachtsamkeit brachte der Vater den Konrad dann, wie er es immer tat, in die kleine Scheune hinter dem Haus und verprügelte ihn dort fürchterlich mit seinem Hosengürtel. Der kleine Körper war danach mit grauenhaft anzusehenden Striemen, übersät. Konrad konnte die ganze nachfolgende Nacht nicht schlafen, immer wieder hörte ich sein herzzerreißendes Wimmern.
Wie gemein und brutal der Vater auch ohne jede Begründung war, musste Konrad im Frühjahr des nachfolgenden Jahres erleben. Draußen auf den Feldern war viel zu tun, alle verfügbaren Leute wurden daher auf die Äcker zum Pflügen, säen, Gras mähen geschickt. Der Vater sollte nun also am nächsten Tag einen Acker umpflügen. Das Pferd mit dem Pflug im Gespann wurde hierzu mit einer Peitsche gelenkt, um es in der richtigen Bahn zu halten. Mit leichten Schlägen auf den rechten oder linken Oberschenkel, die dem Tier nicht schadeten, wurde das Pferd immer wieder mal korrigiert. Um nun von hinten am Pflug, der mit einer Hand gehalten wurde, vorne das Pferd mit der Peitsche an der richtigen Stelle zu treffen. Dazu bedarf es schon einiger Übung. Und die hatte der Vater nicht. Um sich Tags darauf nicht zu blamieren, wollte er den Umgang mit der Peitsche am Abend erlernen. Die teuflische Gemeinheit die ihm einfiel war mal wieder nicht zu überbieten. Kurzerhand holte er sich Konrad als lebendes Übungsobjekt in die Scheune und drosch mit seinem neuen „Arbeitsgerät“ auf ihn ein. Fadenscheinige Gründe für eine neuerliche Bestrafung hatte er ja immer parat. Konrad, der inzwischen zur Schule ging, durfte selbige aus Angst vor Entdeckung der Wunden, eine Woche wegen angeblicher Grippe nicht besuchen.
Wir waren heilfroh, wenn der Vater, was leider nur sehr selten der Fall war, zu einer Schulung der Partei über Agrarwirtschaft oder Ähnliches eingeladen wurde. Er war dann ein paar Tage nicht zu Hause. Wir mussten keine Angst vor Bestrafung haben. Die Mutter sah das allerdings mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge. Sie hatte Angst vor den Russen. Die Soldaten der Besatzungsmacht hielten sich oft im Wald hinter dem Dorf zum Manöver auf. Lautes Rasseln von den Ketten ihrer schweren Panzer war dann weit zu hören. Kamen sie in unsere Nähe vibrierte das ganze Haus. Die Teller und Tassen klirrten laut im Schrank und tanzten in den Regalen. Die Soldaten hat man streng bestraft, wenn sie sich ungebührlich verhielten. Trotzdem gab es immer wieder Übergriffe auf Frauen, vor allem, wenn die Männer Alkohol getrunken hatten. Sofern der Vater unterwegs war und die Mutter Panzer hörte, mussten wir sofort ins Haus. Alle Rollläden wurden geschlossen, die Türen abgesperrt. Wir verbarrikadierten uns regelrecht in der Wohnung. Vor die Eingangstür stellte die Mutter stets noch ein schweres Möbelstück, meistens eine alte Eichenkommode. Bei eintretender Dunkelheit wurden sämtliche Lichter gelöscht und wir alle waren mucksmäuschen still. Eine gespenstische Szenerie breitete sich aus der Wind half dabei kräftig mit. Wild pfeifend trug er jedes Geräusch ins Haus. Mutter machte die ganze Nacht kein Auge zu, hielt aufgeregt Wache. Erst wenn der Morgen dämmerte löste sich ganz allmählich die aufgestaute Anspannung.
Im Juli 1958 brachte die Mutter ein weiteres Kind, ein Mädchen, zur Welt, es erhielt den Namen Johanna.
Mein erster Schultag, auf den sich Kinder, schon wegen der Schultüte mit all den kleinen Leckereien, im allgemeinen so freuen, endete fast schon erwartungsgemäß, enttäuschend. Die ersten Schulutensilien wie Ranzen, Schiefertafel, ABC-Fibel, Bleistifte und Schreibhefte bekamen wir Kinder von der Genossenschaft. Auch die schöne, bunte, für uns Kinder doch recht große Schultüte, war ein Geschenk. Nur für deren Inhalt waren die Eltern zuständig. Es war damals eine schwere Zeit. Man konnte, sehr wenig kaufen und Süßwaren gab es fast nie. So war dieser Tag für uns Kinder natürlich spannend, was den Inhalt der Schultüte betraf. Nur an diesem für uns so besonderen Tag gab es, außer Weihnachten und vielleicht zum Osterfest, Bonbons, Gebäck oder sogar Schokolade. Ich will es kurz machen, meine Tüte war bis oben hin mit Papier ausgestopft, darauf lagen ein paar vom Tag zuvor gepflückte Pflaumen.
Im Spätsommer 1960 geschah nun etwas, was unser ganzes zukünftige Leben in völlig neue Bahnen leiten sollte. Elvira, ein frühreifes 13jähriges Mädchen aus unserem Dorf wurde während der Heuernte völlig nackt auf einer anliegenden kleinen Waldlichtung entdeckt. Auf ihr lag unser Konrad, ebenfalls ohne Kleidung. Was für ein Skandal für unseren kleinen Ort. Das Mädchen wurde seinen Eltern übergeben. Diese kamen mit der Schande, die ihre Tochter ihnen gebracht hatte gar nicht zurecht, Tage später verschwand das Mädchen in ein Erziehungsheim. Der Konrad aber, der mit seinen 9 Jahren gar nicht wusste um was es da eigentlich ging, wurde am Abend vom Vater dermaßen mit einem Stock niedergeknüppelt, bis er zu Boden ging. Das war ihm aber immer noch nicht genug und so traktierte er ihn auch noch mit den Füßen. Dabei wurde dem Konrad der linke Arm ausgerenkt. Erst am nächsten Tag, als der Vater wieder bei der Arbeit war ging die Mutter mit Konrad zum Arzt. Als dieser die schweren Verletzungen sah und auch behandelte, redete er streng auf die Mutter ein bis sie berichtete wie es dazu kam. Der Doktor meldete den Vorfall dann sofort dem Parteivorsitzenden im Ort, da dieser auch die Polizeigewalt im Dorf inne hatte. Den Konrad behielt er aus Sicherheit erst mal bei sich in der kleinen Krankenstation. Der Vorsitzende wiederum bestellte den Vater für den nächsten Tag zum Verhör in sein Amtszimmer. Eine Vorladung wegen schwerer Misshandlung beim Parteivorsitzenden kam meistens einer Verurteilung gleich. Man musste mit schwerem Arrest rechnen oder konnte gar eine Gefängnisstrafe erwarten. Das wusste auch der Vater und ist noch in derselben Nacht spurlos verschwunden. Feige hatte er sich davongeschlichen, die Familie einfach in Stich gelassen, nicht einmal der Mutter eine Nachricht hinterlassen.
Dem Konrad wurde nach örtlicher Betäubung der Arm wieder eingerenkt und da sonst, Gott sei gedankt, keine weiteren gravierende Verletzungen festgestellt wurden, konnte er wieder heim und erholte sich auch recht schnell.
Im November bekam meine Mutter Post. Es war ein Brief aus Kaiserslautern, in der Bundesrepublik. Der Brief kam vom Vater, er war in den Westen, wie damals die Bundesrepublik im Volksmund genannt wurde, geflüchtet. Eine Schwester von ihm, die schon länger im Westen lebte und dort verheiratet war, hatte ihn aufgenommen. So verging das Jahr. Wir lebten nun alle viel ruhiger, ohne die sonst immer erdrückende Angst vor Bestrafung durch den Vater. Wir Kinder vermissten ihn überhaupt nicht. Ohne ihn feierten wir das Weihnachtsfest mit einem herrlich geschmückten Baum und wunderbar duftenden, zusammen mit der Mutter gebackenen Plätzchen. Ein glückliches, zufriedenes, ruhiges Weihnachten. Im neuen Jahr wurde die Mutter immer nachdenklicher, immer ruhiger. Auf Nachfrage, was denn sei, beruhigte sie uns aber und meinte nur, „es ist nichts, alles in Ordnung“. Nach der Flucht des Vaters und besonders den nun regelmäßig ankommenden Briefe, besuchten uns oft Leute aus der Parteiführung des Dorfes. Allzu neugierig wollten die Männer viele Dinge wissen. Habt ihr denn schon was vom Vater gehört, wo wohnt er denn nun, was macht er dort, kommt er zurück, oder geht ihr vielleicht zu ihm. Wenn die Männer wieder gegangen waren sagte Mutter immer, die wollen uns nur aushorchen, die wollen wissen ob wir vielleicht auch abhauen. Nie dachte ich daran, die Mutter würde wieder zum Vater gehen, nachdem der sie doch einfach hat sitzen lassen.
Von der kleinen Dorfschule, die nur aus einem Unterrichtsraum, in dem gleichzeitig 4 Klassen unterrichtet wurden und ein Lehrerzimmer bestand, gab es neues aufregendes zu berichten. Unser Lehrer, Herr Baum, hatte sein vor Jahren bestelltes Auto bekommen. Er war der erste Bürger im Ort dem nun ein Privatauto, ein blauer Trabant gehörte. Der Lehrstoff für die nächsten 2 Stunden war somit unumstößlich vorgegeben. Was hat uns der Lehrer alles über sein neues Superauto berichtet. Wir waren nur noch am Staunen. Wie rasend schnell das Auto fahren kann, mehr als 100 Kilometer in einer einzigen Stunde. Er öffnete die Motorhaube und erklärte die Maschine hätte die Kraft von 24 Pferden, macht dabei einige Tausend Umdrehungen in der Minute, und so weiter und so fort. Für uns Kinder einfach unvorstellbar. Nachdem der Lehrer das Fahrzeug auch noch mit Lobgesang auf die Partei als eine technische Errungenschaft vom Sozialistischen Arbeiter und Bauernstaates gepriesen hatte, da durften wir uns sogar einmal in den Fahrgastraum setzen. Was war der Lehrer so stolz auf sein neues Auto. Meistens war es in der Schule auch sehr ruhig, denn durch die strenge Erziehung sind wir eigentlich doch sehr brave Kinder gewesen, bis auf Heinrich. Heinrich hat immer irgendetwas ausgeheckt, hat immer was angestellt, wie es der Lehrer nannte und noch hinzufügt, Heinrich wäre nicht Heinrich, würde er nichts anstellen. Heinrich war mit seinen 10 Jahren eines der älteren Kinder und besuchte die vierte Klasse der Schule. Bauerstleute haben natürlich keine Angst vor Tieren, da sie den Umgang mit allerlei Vieh gewöhnt sind. Ein kleines Tier zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort kann jedoch auch bei diesen Leuten für viel Chaos sorgen und genau da half Heinrich ein wenig nach. Es war im April, das Wetter für die Jahreszeit erstaunlich gut, die Sonne schien, die Natur erwachte, fing an zu grünen und zu blühen. Der Frühling hielt Einzug. Genau richtig für den alljährlichen Besuch der Schule bei der Genossenschaft des Dorfes, wie unser Lehrer Herr Baum meinte. Terminlich sei alles abgeklärt, der Leiter der LPG erwarte uns bereits mit seinen Genossen zum Rundgang mit anschließendem Essen, bestehend aus Brot, Hausmacher Leberwurst, Blutwurst und Sülze. Zu trinken gibt es Milch für euch, schloss er ab. Am nächsten Morgen, einen Freitag, wanderten 16 Schüler und ein Lehrer, wie Tags zuvor besprochen, zu den etwas außerhalb des Dorfes gelegenen Stallungen der Genossenschaft. Pünktlich um 9.30 Uhr trafen wir dort ein. Das ganze Anwesen bestand aus einem großen, langen, weiß angestrichenem Flachbau, mit 2 brauen, etwa in der Mitte angebrachten Holztoren, der als Unterkunft für das Vieh diente. Dann war da noch ein kleines Haus mit Waschraum und Aufenthaltsraum für die Arbeiter. Hinter dem Hauptgebäude für all die Tiere war eine große Scheune und der Geräteschuppen zu finden. Vor dem Viehstall standen rechts und links am Toreingang je eine Hundehütte. Das ganze war, da außerhalb des Ortes, weitläufig mit Zäunen umgeben. Vorstellen brauchte sich niemand, in einem Dorf kennt eben jeder jeden und so begrüßten wir uns nur gegenseitig. Der Genossenschaftsleiter begann auch gleich den Rundgang. Hier ist Hofhund Bruno, erklärte er, ein Mischling der von allen was hat. Das da, dabei deutete er auf den anderen Hund, ist der Hecktor, ein reinrassiger Schäferhund. Beide bewachen hier nachts den ganzen Komplex. Chef ist der Hecktor, aber nur in der Nacht, meinte er. Tagsüber, dabei deutete er nun auf einen über den Hof trottenden Ziegenbock, ist er der Chef, da passt der auf alles auf. Unser Liebling hier, der Waldemar. Ja, Ordnung muss sein, brummelte er dabei. Auch die Hühner da hinten haben einen Chef, fuhr er fort und das ist Willi der Hahn. Und wieder: „ja, Ordnung muss sein“. Während wir nun zu dem Vieh in den Stall gingen, waren 2 Frauen bereits damit beschäftigt im Hof aufgestellte Tische für die spätere Zwischenmahlzeit herzurichten. Drinnen im Stall gingen wir zu den Pferden, dann zu den Kühen und zum Schluss besuchten wir noch die Schweine. Es gab viel zu lernen über die Tiere, wie schwer so ein Pferd ist, was für eine Kraft es hat, dass die Kuh ein Wiederkäuer wäre und wie viel Liter Milch sie gibt. Welche Anzahl Nachwuchs ein Schwein mit einem Wurf auf die Welt bringen kann und noch viele, viele andere Dinge, wobei alle Vorträge mit, dem nun schon obligatorischen Zusatz „Ordnung muss sein“, endete. Zum Abschluss des Rundganges erklärte uns der Leiter noch wie wichtig die Arbeit der Genossenschaft ist. Hier werden die Grundnahrungsmittel für die Städter produziert, somit arbeiten also alle hier zum Wohle des Volkes, alles zum Wohle für den Arbeiter und Bauernstaat. Da ja Ordnung sein muss folgten noch die üblichen Loblieder auf die Partei. Dann ging es endlich nach draußen auf den Hof, um die lange erwartete Mahlzeit einzunehmen. Der Tisch war bereits mit den Tellern voller Wurst gedeckt, die Milchgläser standen auch schon da, nur das dazugehörige Brot fehlte noch. Der Genossenschaftsleiter, der Lehrer und 16 hungrige Kinder hatten nun ihren Platz gefunden. Eine Frau brachte einem Korb goldgelb gebackener Brotlaibe, stellte diesen auf den Tisch und wollte jetzt das Brot in Scheiben schneiden. Sie trug eine alte Bauernschürze mit zwei großen Taschen und sah mit ihrem Haar, das zu einem Pferdeschwanz gebunden war, recht lustig aus. Als der Deckel vom Korb herunter genommen wurde und die Frau den ersten Brotlaib in die Hand nehmen wollte, da passierte es, da begann das Desaster. Eine kleine Maus hüpfte aus den Korb. Erschrocken, ließ die Frau das Brot auf den Tisch fallen und sprang zwei Schritte zurück. Es klirrte und krachte. Ein vom Brot getroffener Teller zersprang. Mehrere gefüllte Gläser fielen um. Das wiederum führte nun zu einer Kettenreaktion. Keiner wollte die Milch auf den Kleidern haben. Alle sprangen auf und weitere Teller und Gläser gingen zu Bruch. Hofhund Hecktor, der in der Nähe des Tisches lag, um sich seinen erhofften Anteil zu zu sichern, bekam Angst und rannte jaulend in Richtung seiner Hütte. Das aber verstand sein Artgenosse Bruno nicht. Er fing an laut zu bellen. Die Hühner flatterten aufgeschreckt über den Hof. Willi, der Hahn, stand auf dem Misthaufen und krähte nun sogar bei Tageslicht. Jetzt reichte es dem Ziegenbock Waldemar. Er sah wohl seine Stellung als Tageschef untergraben und ging zum Angriff über. Mit gesenktem Kopf rannte er voller Schwung auf Hofhund Bruno los. Doch bis dahin schaffte er es nicht. Ein Arbeiter, durch den Krach angelockt, kam vom Stall heraus und kreuzte den Weg. Nun lagen beide, der Arbeiter und Ziegenbock Waldemar zwischen den umgestürzten Milchkannen, die recht bald vom Fahrer der Molkerei abgeholt werden sollten. Ein Milchstrom ergoss sich über den Hof. Das Chaos war perfekt. Jetzt war sie dahin, gänzlich dahin, die hochgelobte Ordnung im Arbeiter- und Bauernstaat. Der Genossenschaftsleiter war kreidebleich. Halb jammerte er, halb schrie er: „die ganze Milch ist hin, die ganze Milch ist hin, wie konnte das passieren, wie konnte die Maus in den Brotkorb gelangen“. Eine Redensart sagt: „wo ein Schlingel sein Unwesen treibt, da ist auch eine Petze nicht weit“ und so war es auch diesmal. Bei uns in der Schule hieß die Petze Brunhilde. Brunhilde war die Königin aller Petzen, die wusste alles und konnte über jeden etwas berichten. Nun kam ihr großer Auftritt, ihre große Szene. Sie konnte es kaum erwarten „Herr Lehrer, der Heinrich war es, der Heinrich war es. Ich habe es genau gesehen, der hat die Maus im Stall gefangen und dann in den Korb getan, der Heinrich war es“. Das Donnerwetter, das nun über ihn kam war riesig. Was hat der sich alles müssen anhören, was wurde dem alles an Strafe angedroht, was wurde der verwünscht. Der Leiter sprach gar von Zersetzung des Staates, von Unterhöhlung der Ordnung. Er lief zur Hochform auf. Das Essen wurde kurzerhand gestrichen, all die leckere Wurst weggeräumt. Nachdem sich weitgehend alles wieder beruhigt hatte zogen wir heimwärts. Da Heinrich am nächsten Tag unruhig auf der Schulbank hin und her rutschte wussten alle Kinder, welche Strafe er empfangen hat.
Zwei Tage später, etwa mitten im April, holte die Mutter den Konrad und mich am Abend zu sich an den Küchentisch und meinte, sie habe etwas mit uns zu besprechen. Ohne lange Vorreden kam es: „Kinder, wir hauen ab, wir gehen in den Westen zum Vater“. Es traf uns völlig unvorbereitet. Wir brachten keinen Ton heraus, waren wie gelähmt. Es wurde ein langer Abend, ein sehr langer Abend. Sie tat es nicht gern aber sie musste uns einweihen. Sie hatte keine andere Wahl. Die Vorbereitungen für eine Flucht hätten wir bemerkt, uns vielleicht in der Schule verraten. Das wiederum hätte böse Folgen mit sich gebracht. Man nannte es schlicht Republikflucht und wurde hart bestraft. So beredeten wir alles das uns wichtig erschien. Unsere Einwände mussten entkräftet werden, und die Mutter war geschickt darin. Auf Konrads Einwand er wolle nicht wieder vom Vater geschlagen werden, erklärte sie, er schlägt keinen mehr, er hat aus seinen Fehlern gelernt, hat sich geändert. Das hat er in den Briefen geschrieben. Das Paket, das eine Woche später kam, hat mit dazu beigetragen alle unsere Bedenken über Bord zu werfen. Was waren da unvorstellbar schöne Sachen drin. Bunte Shorts, wir kannten ja nur grau, schwarz oder weiß. Buntstifte für die Schule, Kakao, Bohnenkaffee, Kekse, Nüsse und sogar Apfelsinen. Absender: der Vater. Die Leute redeten ja oft vom goldenen Westen, keiner von der Bundesrepublik. Was es da gibt und was man alles kaufen kann. Überhaupt wäre im Westen alles besser, viel schöner, wie im Schlaraffenland und jetzt hatten wir den Beweis. Nüsse, Schokolade gar Apfelsinen, einfach unbegreiflich für uns Kinder. Nie zuvor hatten wir Apfelsinen gesehen. Für uns ein unvorstellbarer Schatz und all diese Dinge sollte es im Westen immer und zu jeder Jahreszeit geben. Als die Mutter dann vom Tretroller sprach, ja sogar ein Fahrrad würden wir dort bekommen gab es für Konrad und mich kein Halten mehr. Sämtliche Einwände und Bedenken, die wir hatten, lösten sich in Luft auf. Allerletzte Zweifel wurden durch sich häufenden Besuche der Parteileute weggewischt. Immer öfter kamen die nun, stellten immer dieselben Fragen, begannen zu nerven und machten der Mutter Angst. Auch in die Schule kamen sie, befragten den Lehrer, den Konrad und mich. Der Druck, den sie ausübten, wurde einfach zu groß. „Die zweifeln, ob ich euch allein großziehen kann. Wenn wir nicht aufpassen, stecken diese hirnlosen Parteideppen euch Kinder irgendwann in ein Heim“, warnte uns die Mutter. Nun war alles klar, dass wir abhauen. Die Vorbereitungen konnten beginnen und keiner der Bewohner im Ort durfte etwas bemerken. Nur ein paar Eingeweihte sollte, ja musste es notgedrungen geben. Alles lief wie gewohnt weiter. „Jetzt nur nicht auffällig werden“, warnte uns Mutter wiederholt. Der Konrad und ich gingen wie gewohnt in die Schule, schmückten mit aller Hingabe den Wagen für die Teilnahme am Umzug der bevorstehenden Maifeier. Wir ließen uns nichts anmerken. Da wir, unbemerkt von der Bevölkerung des Dorfes, zum Bahnhof nach Leipzig gelangen wollten, wurden einige wenige Personen, die den Transport übernahmen, eingeweiht. Ihr Schweigen erkaufte sich die Mutter mit der Aufteilung unseres gesamten Hausrats an diese ausgewählten Leute. Für die Fahrt nach Leipzig benutzte Kutsche nebst Pferd wechselte so auch ihren Besitzer. Die Großeltern haben uns nach der Flucht vom Vater nie besucht, nicht gefragt ob sie helfen können. Mutter sagte immer: „denen sind wir egal, die haben mich nie gemocht, als Schwiegertochter nicht anerkannt. Die wollten was Besseres für ihren Sohn“. Das tat der Mutter immer sehr weh. Ihre Eltern waren kurz hintereinander gestorben als sie noch ein kleines Kind war. So wuchs sie dann bei einer Tante auf. Diese hat in dem kleinen Mädchen aber nur eine billige Arbeitskraft gesehen, sie den ganzen Tag schuften lassen und oft geschlagen. Liebe und Geborgenheit hat sie nie empfangen.
Wie vom Donnerschlag gerührt liefen wir am ersten Tag durch Berlin. Das kann es doch gar nicht geben, das musste ein Traum sein. Es war überwältigend was die Geschäfte alles an Waren ausgestellt hatten. Voll mit all den schönen Sachen, wie im Schlaraffenland. Haufenweise Orangen, Kisten voller Bananen, ganze Berge mit Süßwaren, Kleidung in allen denkbaren Farben. Hunderte Schuhe in den Regalen, die neuesten Spielwaren, Dreiräder, Fahrräder, Radios, Fernseher, ja sogar Autos. Hier konnte man alles bekommen. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus und träumten von den Sachen, die wir nun bald besitzen würden. Jetzt konnte ein neues, besseres Leben beginnen. Das Paradies war da, das Wirtschaftswunder wartete auf uns und wir würden daran teilhaben. Nichts konnte uns mehr bremsen. Die Freude war sehr groß, allgegenwärtig, nicht mehr zu bändigen. Doch es sollte ganz, ganz anders kommen. Nach der Meldung bei den zuständigen Behörden wurden wir in einem Auffanglager untergebracht. Neue Papiere, wie etwa ein Ausweis, mussten beantragt und ausgestellt werden. Der Vater wurde von der Flucht unterrichtet. Nach wenigen Tagen ging es per Luftreise weiter nach Frankfurt/Main. Von dort mit dem Bus in ein Flüchtlingslager nahe Gießen. Solange noch keine Wohnung vorhanden war sollte das Lager unsere vorläufige Unterkunft sein. Von karitativen Vereinen erhielten wir eine Grundausstattung mit Hygieneartikel und wurden neu eingekleidet. Eine Woche später besuchte uns der Vater. Die Begrüßung, eine große Enttäuschung. „Ach, da sind ja nun alle“, war seine ganze Freude beim Wiedersehen. Keine Herzlichkeit, keine Umarmung, keine Aufmerksamkeit für die Kinder, einfach Nichts. Selbst die während seiner Abwesenheit geborene Tochter interessierte ihn nicht. „Konrad, Christian“, befahl er, „ihr passt auf die Kleinen auf, eure Mutter und ich wir haben etwas zu bereden“. Beide sind dann gegangen. Eine eisige Kälte breitete sich im Zimmer aus. Mir war sofort klar, er hat sich überhaupt nicht geändert. Da hatten wir falsch gehofft. Die Angst vor ihm war wieder da. Zwei Stunden später kam die Mutter allein zurück. Der Vater hat sich von uns Kindern nicht mal verabschiedet. Der Aufenthalt im Lager war sehr eintönig. Den ganzen Tag herumlungern und warten ist langweilig. Vor allem für Kinder. Die einzige Abwechslung, die wir hatten, war ein Ausflug zu einem Obstbauern. Da gerade Erntezeit war sind viele Leute aus dem Lager auf dessen Felder und haben sich durch pflücken von Johannisbeeren ein wenig Geld verdient. Die Mutter ist mit uns Größeren auch dahin gefahren. Während die Erwachsenen am Abend einige volle Kisten mit dem gepflückten Obst abliefern konnten waren bei den Kindern mehr Johannisbeeren im Magen als in der Obstkiste. Aber wir hatten viel Spaß. Zu viel Spaß und Appetit, wie sich am nächsten Tag herausstellte, wir hielten uns stets in der Nähe der Toilette auf. Es vergingen weitere 4 Wochen bis eine Wohnung gefunden war. An einem Samstag im Juli wurden wir vom Vater, seiner Schwester und deren Mann abgeholt. Tante und Onkel haben sich vorgestellt und waren recht freundlich, begrüßten uns herzlich. Nun fuhren alle zusammen zu der neuen Wohnung, in den neuen unbekannten Ort, in die neue Zukunft. Was würde sie uns bringen?
Die Ernüchterung kam sehr schnell. Der neue Wohnort, welcher nun auch unsere neue Heimat werden sollte war mit 6000 Einwohnern ein recht großes Dorf mit Kleinstadtcharakter. Ein sehr schöner Ort, 12 km von Kaiserslautern, in der Pfalz liegend, entfernt. Die gemietete Wohnung aber entpuppte sich als ein abbruchreifes, uraltes Einfamilienhaus. Drei kleine Zimmer, oder besser ausgedrückt Kammern. Ein Raum, der wahrscheinlich mal als Küche diente und eine winzige Toilette waren vorhanden. In 2 der Zimmer lagen Matratzen überzogen mit Betttüchern und Wolldecken. In der Ecke stand jeweils ein alter Kleiderschrank. Im nächsten Zimmer befanden sich eine Ausziehcouch, ein Tisch, einige Sitzkissen, ein Sessel und eine Kommode. Das sollte eine Wohnstube sein. Die sogenannte Küche bestand aus einem uralten Kohleherd mit 2 Kochplatten, einem großen Tisch, 6 Stühlen und einem Küchenschrank. Gardinen, wenn man die überhaupt so nennen konnte, hingen nur in den beiden der Straße zugewandten Räumen, der Küche und dem Wohnzimmer. Den goldenen Westen hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Hier wohnten oder anders gesagt, hausten wir, die kommenden 12 Monate.
Langsam gewöhnten wir uns an unser neues Zuhause, der neuen Umgebung, der neuen Heimat. Der Alltag hielt Einzug. Die Mutter versorgte die Kinder, der Vater, oh was für ein Wunder, ging zur Arbeit. Konrad und ich gingen in die Schule. Allerdings merkten wir sehr schnell, dass wir zwar angekommen aber nicht unbedingt willkommen waren. Die Leute im Ort zählten uns nicht zu den neuen Bürgern. Sie sprachen abwertend von den Flüchtlingen und das waren Menschen zweiter Klasse.
