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Aino Laos, Musicalstar und Vocal Coach, unterhält die Leser auf abwechslungsreiche Weise in sechs fantastischen Kurzgeschichten. In der Sammlung sind enthalten: Das Duplikat – Eine Sherlock Holmes Story Die fliegenden Füchse Das Geschenk Alphatier Der Teufelskreis Passion Killer
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Kurzgeschichten
Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.
Copyright © 2022 dieser Ausgabe by Ashera Verlag
Ashera Verlag GbR
Haupstr. 9
55592 Desloch
www.ashera-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder andere Verwertungen – auch auszugsweise – nur mit Genehmigung des Verlags.
Covergrafik: pixabay
Innengrafiken: pixabay
Szenentrenner: pixabay
Coverlayout: Annika Dick
Redaktion: Alisha Bionda
Lektorat & Satz: TTT
Vermittelt über die Agentur Ashera
(www.agentur-ashera.net)
Inhaltsverzeichnis
Das Duplikat
Die fliegenden Füchse
Das Geschenk
Alphatier
Der Teufelskreis
Passion Killer
Die Autorin
Eine Sherlock Holmes-Story
Übersetzt von Christoph Marzi
Es war noch nicht einmal sechs Uhr, als meine Frau und ich unsanft von einem andauernden Läuten der Türklingel geweckt wurden.
„Gütiger Himmel, James. Wer kann das sein, zu dieser Stunde? Die Praxis wird nicht vor neun Uhr geöffnet.“ Sie seufzte. „Unser neues Hausmädchen ist schon wieder nachlässig, es muss sich um einen Notfall handeln.“
Ich warf meinen Hausmantel über, schlüpfte in die Lederpantoffeln und eilte nach unten in den eisigen Korridor, das alles nur um an der Tür von meiner alten Vermieterin Mrs Hudson begrüßt zu werden.
„Mister Holmes bat mich, Ihnen diese dringliche Notiz persönlich zu überstellen, Doktor Watson – sie ist von allergrößter Wichtigkeit.“
Ich nickte dankbar, noch immer benommen von dem plötzlichen Erwachen, und öffnete das Stück Papier, das eindeutig Holmes‘ Handschrift zeigte: Treffen Sie mich am Besuchereingang der Westminster Abbey, so schnell wie möglich, aber teilen Sie niemandem mit, dass Sie herkommen. Finden Sie eine Entschuldigung für Ihre Gattin und sagen Sie ihr, dass Sie nicht vor Einbruch der Nacht zurückkehren werden.
Dies war in der Tat höchst eigenartig, doch hegte ich nicht die Absicht, irgendetwas zu verpassen, was mit meinem guten Freund Holmes zu tun hatte. Also tat ich, was mir angewiesen worden war, und nahm schnellstmöglich eine Kutsche zur Westminster Abbey. Nur kurze Zeit später erhob sich bereits aus einiger Entfernung die gotische Architektur der Abtei, und die mir wohlbekannte Neugierde erwachte, wie schon so oft zuvor, zum Leben.
Ein kauziger Polizist empfing mich an der kleinen Tür neben dem Nordeingang. Holmes erschien sogleich hinter ihm und gab mir das Zeichen, ich möge eintreten.
„Es ist alles in Ordnung, Sergeant. Doktor Watson wird mir bei den Ermittlungen assistieren.“
„Was ist los, Holmes? Warum diese Geheimnistuerei?“
„Der Dekan hat bezüglich der grauenhaften Ereignisse, die sich vergangene Nacht hier zugetragen haben, äußerste Diskretion erbeten. Folgen Sie mir, Watson, der Leichnam befindet sich noch immer in der Bibliothek, aber achten Sie in dem dunklen Treppenhaus auf Ihre Schritte.“
„Leichnam? Welcher Leichnam?“, stammelte ich und folgte Holmes, der schweigsam voranging. Und nicht lange, nachdem wir den Raum betreten hatten, fiel mein Blick auf den Körper eines Priesters mittleren Alters, der über einem riesigen alten Buch voller Zahlen und Diagramme zusammengebrochen war. Ein Buch, das noch immer aufgeschlagen auf dem hölzernen Lesetisch lag.
„Gütiger Gott, Holmes!“, stieß ich hervor und errötete zugleich wegen meines unangemessen blasphemischen Ausrufs. Holmes presste seine langen knochigen Finger auf die dünnen Lippen, ein sicheres Zeichen dafür, dass er gerade im Begriff war, einige professionelle Beobachtungen zu machen. Eingedenk der Spuren am Hals und der geweiteten, blutunterlaufenen Augen, war der Priester zweifelsohne erdrosselt worden, und zwar mit einer Art Tuch oder Strick.
„Inspektor“, richtete Holmes seine Frage an den Beamten von Scotland Yard. „Hatte der Verstorbene persönliche Besitztümer?“
„Ja, Mister Holmes, wir fanden eine große Lederreisetasche, die an einem Haken neben der Tür hing.“
„Ich sollte mir deren Inhalt umgehend anschauen!“ Holmes verlor keine Zeit und untersuchte des Priesters wenige Habseligkeiten mit seiner Lupe. „Das ist höchst interessant, Watson; was fängt ein Priester wohl mit Stücken vulkanischen Felsens und rot gefärbten Lehms, die sich zwischen seinen Habseligkeiten befinden, an?“ Und bevor ich etwas erwidern konnte, hastete er bereits aus dem Raum.
„Ich habe alles gesehen, was ich brauche, ich danke Ihnen, Inspektor!“, rief er dem Beamten zu. „Kommen Sie, Watson, lassen Sie uns in die Baker Street zurückkehren – ich erwarte einen Besucher.“
Von Holmes‘ plötzlichem Tempo eher verstört als verwirrt war ich froh, ihn auf dem kurzen Weg in die Baker Street begleiten zu können. Dicke Schneeflocken schwebten unruhig durch die Luft und sammelten sich verspielt auf dem Dach der Kutsche. Ein eisiger Wind pflückte sie auf und wirbelte sie uns um die Mäntel, als wir unser altes Heim betraten. Der Salon war, wie üblich, warm und einladend: Mrs Hudson hatte nach dem Feuer gesehen und ein Dienstmädchen brachte uns Tee und Gebäck.
„Nun, Holmes, worum geht es hier? Offensichtlich haben Sie einen Verdacht?“, fragte ich ungeduldig.
Er schaute mich mit seinen grauen Augen an und nahm einen Zug aus seiner Pfeife, während er lässig an der Schwelle des Kamins lehnte.
In diesem Moment öffnete sich ruckartig die Tür und eine dünne, ältere Dame betrat den Raum. Sie war elegant und dennoch einfach gekleidet, sah man von dem kunstvollen und exotisch mit Perlen versehenen Spitzentuch ab, das sie um die Schultern geschlungen trug.
„Guten Tag, Mister Holmes, ich danke Ihnen für die Einladung. Ich bin Mistress Marsden, die Mutter des kürzlich Verstorbenen. Ich befürchte, ich bin keine wohlhabende Frau und werde Sie nicht angemessen für Ihre Arbeit bezahlen können.“
Holmes nickte. „Ich bedauere Ihren Verlust zutiefst, Madam, bitte sehen Sie meine Einmischung als rein ehrenhaftes Interesse an, immerhin war Ihr Sohn ein Mann des Geistes.“
Ich zog die Augenbrauen hoch. Holmes hatte mir ein Zeichen gegeben, mich auf das, was er tat einzulassen.
„Dies ist Doktor Watson, mein guter Freund und Assistent in diesen furchtbaren Belangen. Aber bitte, nehmen Sie Platz und machen Sie es sich bequem, Madam. Erzählen Sie mir von Ihren Nöten.“
Nachdem sie seiner Aufforderung nachgekommen war, sagte Mrs Marsden: „Mein Sohn war ein guter Mann und ein eifriger und leidenschaftlicher Wissenschaftler, Mister Holmes. Er verband seine weltlichen und missionarischen Reisen zumeist mit völkerkundlichen, geologischen und archäologischen Studien. In der Tat, er hatte sogar mehrere Abhandlungen über seine Funde und all die Schlussfolgerungen, zu denen er gelangt ist, verfasst, und intensiv die Aufzeichnungen und Notizen früherer Expeditionen studiert.“
„Das würde seine Nachforschungen in der Bibliothek der Abtei und die Stücke des Felsgesteins und roten Lehms erklären, die man zwischen seinen Habseligkeiten gefunden hat.“
Die alte Dame nickte. „Zweifelsohne, mein Herr, er hatte die Proben des Felsgesteins von seiner letzten Reise aus Island mitgebracht, einem kalten, kargen Land mit vulkanischer Natur und Bewohnern mit tiefem christlichen Glauben.“
„Ihren kunstvollen Schal betrachtend, Madam, haben ihn seine Reisen auch nach Afrika geführt.“
„Wie aufmerksam, Mister Holmes, das ist richtig. Er ist letztes Jahr für sechs Monate als Teil einer Gruppe von Missionaren dort gewesen und hatte mir diesen Schal als wunderschönes und großzügiges Geschenk mitgebracht.“ Sie verfiel in ein kurzes Schweigen und nach einem langen Seufzer gestand sie: „Mein einziger Sohn wurde ermordet, Mister Holmes, und wäre das nicht schrecklich genug, so muss ich Sie darüber in Kenntnis setzen, dass es weitere rätselhafte Sterbefälle gibt, die mit meinem Sohn zu tun haben.“
„Sie meinen ... andere Morde, Mistress Marsden?“, fuhr es aus mir heraus.
„Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass mein Sohn einen Verdacht hegte. Es geschah während seines Aufenthalts in Island. Mein Sohn hat mir nach seiner Rückkehr alles erzählt, schrecklich aufgewühlt war er gewesen und empört ... über diese grauenhaften Umstände.“
„Fahren Sie fort, Madam“, bat Holmes. „Bitte versuchen Sie sich an jedes Detail zu erinnern, an jedes Wort, das Ihr Sohn gesagt hat. Dies könnte von immenser Bedeutung sein.“
„Sehr wohl, mein Herr, ich werde mein Bestes tun. – Simon, mein Sohn, reiste mit seinem Kollegen und besten Freund Pastor William Heathley nach Reykjavík, um die christliche Gemeinde dort zu fördern. Er war außer sich, als sich ihm die Möglichkeit bot, eine Expedition ins wilde vulkanische Gebiet des Landes zu unternehmen. Zuvor jedoch traf er sich mit zwei Mitarbeitern, die er während seines langen Aufenthaltes in Afrika kennengelernt hatte. Die beiden französischen Priester waren, wie auch immer, Katholiken und nicht unbedingt willkommen in Island. Simon brachte dennoch Respekt für sie auf und fand in ihnen zwei interessante und unterhaltsame Gefährten. Er genoss es, mit ihnen über die Differenzen der Anglikanischen Kirche und dem Katholizismus zu diskutieren, und das bei nicht nur einer Gelegenheit. Sie hatten einen Trupp vollbepackter Ponys für eine zweimonatige Expedition ausgerüstet. Sie wollten Felsgestein sammeln, Landkarten anfertigen und die vulkanischen Geysire und die heißen Quellen erforschen. Bei ihrer Rückkehr nach Reykjavík besuchten sie nicht wenige interessante Orte, nicht zuletzt den berühmten Law Rock, Lögrétta, in Pingvellir, einen besonderen Platz von historischer und politischer Bedeutung mit bemerkenswerten geologischen Besonderheiten. Es war dort, wo sie sich dazu entschlossen, ein Lager aufzuschlagen, wenn auch nur für einige Tage, um die Landschaft zu untersuchen und das neue Jahr zu begrüßen. Ihre bescheidene Unterkunft bestand aus kleinen traditionellen isländischen Torf-Hütten, errichtet an den Ufern des Flusses Öxará.“
Holmes stellte eine Zwischenfrage: „Wie auch immer, Madam – Simon, William Heathley und die beiden französischen katholischen Priester entschieden sich also dazu, einige Tage an diesem Ort zu verbringen. Sagen Sie mir, gab es Diener oder Führer auf dieser Expedition?“
„Ich glaube, es gab verschiedene Diener, wie viele genau es waren, weiß ich jedoch nicht, aber es war mit Sicherheit ein einheimischer Führer unter ihnen.“
Holmes nickte nachdenklich. „Danke sehr, Madam. Aber vergeben Sie mir die Unterbrechungen, bitte fahren Sie fort.”
Und Mrs Marsden berichtete weiter: „Silvester verbrachten sie damit, eng zusammengedrängt in der Hütte zu kauern und zu ihrer Unterhaltung verschiedene Märchen und Legenden, die sie auf ihren Reisen gesammelt hatten, zum Besten zu geben. Einer der katholischen Priester erzählte eine isländische Geschichte, die sich auf genau den Fluss, der draußen vorbeirauschte, bezog. Man erzählte sich nämlich, dass dessen Fluten an einem einzigen Tag im Jahr zu Wein werden würden. Da die Herren an jenem Abend nicht wenige Flaschen der berauschenden Flüssigkeit getrunken hatten, war der Gedanke, dort draußen tausende Liter Weins fließen zu sehen, mehr als nur erheiternd. Als der Abend fortschritt, entschuldigte sich William schon früh, klagte über Erkältungsbeschwerden und zog sich, dem eisigen Wind die Stirn bietend, in seine Hütte zurück, die er mit Simon teilte. Simon und seine französischen Gefährten Bernhard und Pascal wurden immer betrunkener – und schließlich begann Bernhard zu zetern, schimpfte über den Fluss, der voller Wein sein sollte, und ging mit einer leeren Flasche nach draußen zu den eisigen Wassern. Zehn Minuten später kehrte er zurück, die Flasche halb gefüllt mit Flusswasser und verschüttete einiges davon auf den Tisch. Die Männer trauten ihren Augen nicht, aber im Dämmerlicht der Fischöllampen schimmerte das Wasser tatsächlich in einem dunklen Rot. Pascal nahm versuchsweise einen Schluck der mysteriösen Flüssigkeit aus der Flasche – und spie es augenblicklich wieder aus. Es war kein Wein, müssen Sie wissen, es schmeckte wie Blut.“
Holmes lauschte weiterhin ruhig ihren Worten.
Mrs Marsden fuhr fort: „Die Männer waren sprachlos, doch Simon verspürte eine plötzliche Vorahnung, und ohne Verzögerung begannen sie sich nach dem Wohlbefinden ihres Freundes zu erkundigen. Zu ihrem Erschrecken stellten sie fest, dass William nicht in seiner Schlafkoje lag, und wenig später dann fanden sie ihn mit dem Gesicht nach unten in den Fluten liegend, jenen Fluten, die rot von Blut waren.“
„Wie entsetzlich!“, rief ich aus. „Doch warum hatte Bernhard den Leichnam nicht bemerkt, als er zum Wasserschöpfen nach draußen gegangen war?“
„Ich verstehe es ebenso wenig wie Sie“, Mrs Marsden seufzte. „Er wurde nie in dieser Angelegenheit befragt.“
„Sagen Sie mir, Madam“, warf Holmes ein, „hat irgendjemand die Hütte verlassen, nachdem sich Pastor Heathley zur Nachtruhe gebettet hatte?“
„Ja, ich glaube, dass sie es vermutlich alle getan haben, irgendwann einmal in dieser Nacht, schon allein um dem Ruf der Natur zu folgen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ Sie räusperte sich verlegen und fuhr dann mit ihrem Anliegen fort. „Wie auch immer. Sie nahmen einen unglückseligen Unfall an, doch Simon hegte Zweifel und kehrte rasch nach England zurück, Williams Leichnam wurde in Blöcken von Gletschereis im Bauch des Schiffes aufbewahrt, das ihn nach Hause brachte. Der Gerichtsmediziner bestätigte die Todesursache, aber letzten Endes konnte er nicht bestimmen, ob der Schlag auf den Kopf durch einen Unfall oder menschliches Eingreifen verursacht worden war. Seit seiner Rückkehr war Simon, das müssen Sie wissen, äußerst ruhig und gedrückt, als trüge er eine gewaltige Last auf seinen Schultern. Er war unfähig, mit seinen Gefühlen umzugehen – und nun dies hier ...“ Mrs Marsden brach plötzlich in Tränen aus, und ich tat mein Bestes, sie zu beruhigen.
Holmes paffte indes vehement an seiner Pfeife, tief in Gedanken versunken. Schließlich sagte er: „Meine Instinkte suggerieren mir, dass auch Ihr Leben in größter Gefahr sein könnte, Madam. Ich rate Ihnen dringend an, sich von Doktor Watson nach Hause begleiten zu lassen – er wird bei Ihnen bleiben, bis ein Polizeibeamter eingetroffen ist.
