Der Thron von Medeenah - Michael Kocher - E-Book

Der Thron von Medeenah E-Book

Michael Kocher

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Beschreibung

Nhadijah ist verzweifelt. Nach der Ermordung ihres Vaters verliert sie nicht nur den Thronanspruch, sondern auch ihre Heimat. Sie ist fest entschlossen, eines Tages ihren Vater zu rächen und als rechtmäßige Königin über Rhubijah zu herrschen. Doch auf ihrer Reise muss sie schmerzlich erkennen, dass mehr dazugehört, Herrscherin zu sein, als auf einem Thron zu sitzen und sich bedienen zu lassen. In einem Netz aus Verrat, Intrigen und Machtspielen droht Nhadijah zu ertrinken. Und die Liebe macht es ihr dabei nicht leichter: Hin und her gerissen zwischen ihrem Verlobten Mihael und ihrem Geliebten Hadeen weiß Nhadijah bald nicht mehr, was falsch ist und was richtig. Kann sie ihr Ziel erreichen oder wird sie enden wie ihr Vater? Begleitet Nhadijah auf ihrem steinigen Weg zum Thron.

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Seitenzahl: 346

Veröffentlichungsjahr: 2025

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INHALT

Kapitel I Jenseits der großen Wüste

Kapitel II In der Thronstadt

Kapitel III Medeenah

Kapitel IV Das Zelt

Kapitel V Der Thron

Kapitel VI Das Fest

Kapitel VII Das Mädchen

Kapitel VIII Das Versprechen

Kapitel IX Der Feldzug

Kapitel X Kheijrah

Kapitel XI Aureen

Kapitel XII Das goldene Meer

Kapitel XIII Die Belagerung

Kapitel XIV Die Prinzessin

Kapitel XV Heimkehr

Kapitel XVI Die Audienz

Kapitel XVII Vergebung

Kapitel XVIII Geachtet, aber nicht geliebt

Kapitel XIX Vhesnijah

Kapitel XX Vertrauen

Kapitel XXI Aufbruch

Kapitel XXII Die andere Königin

Kapitel XXIII Veskar

Kapitel XXIV Die Siegestrophäe

Kapitel XXV Flucht

Kapitel XXVI Das Buch von Rhubijah

Kapitel XXVII Der geheime Tempel

Kapitel XXVIII Sqidah

Kapitel XXIX Kheijrahs Reise

Kapitel XXX Das Urteil

Kapitel XXXI Rhubijah

Kapitel XXXII Das Meer

Kapitel XXXIII Das Kind

Personenverzeichnis

Erläuterungen zur Aussprache

Begriffserklärung

KAPITEL I

JENSEITS DER GROSSEN WÜSTE

Wie könnte ich meiner kleinen Prinzessin jemals einen Wunsch abschlagen?« Ħalessan seufzte und Nhadijah genoss das Entsetzen, welches sich in den Gesichtern seiner Berater widerspiegelte. Er hatte nachgegeben, und das sogar noch schneller, als Nhadijah es erwartet hatte.

»Danke, Vater«, säuselte sie und ließ die rotgoldene Locke los, welche sie sich zuvor neckisch um ihren Zeigefinger gewickelt hatte. Ach, der Ħalitenherrscher war so leicht aus der Fassung zu bringen. Ein paar geschmeidige Bewegungen gepaart mit einem unschuldigen Blick genügten, und sie bekam alles, was sie wollte.

»Fünftausend Mann und Ħadeen als deren Kommandeur. Mehr kann ich nicht entbehren«, stieß Ħalessan matt hervor und winkte sie danach hektisch beiseite.

Morteqħaï wird staunen, wenn ich ihm beim Abendtee erzähle, wie leicht ich den Wüstenkönig um seine halbe Streitmacht und darüber hinaus auch noch um seinen einzigen Sohn erleichtern konnte, dachte Nhadijah, griff nach Ħadeens Hand und führte ihn tänzelnden Schrittes zu ihrem Zelt. Sie wusste um die Wirkung ihrer geschmeidigen Bewegungen auf den Ħalitenprinzen und genoss diese. Außerdem, auch wenn sie das selbst nie zugeben würde, war sie tief in ihrem Innersten noch immer ein Kind, das nicht umhinkam, der Freude über seinen Erfolg auch körperlich Ausdruck zu verleihen.

Es herrschte emsiges Treiben in und um ihr kleines Reich aus Wollstoff und Seide, denn Nhadijah hatte ihren Dienerinnen bereits vor der Audienz bei Ħalessan befohlen, ihre Habe reisefertig zu machen. Morteqħaï saß mitten im Zelt auf einem Kissen und ließ sich von dem Gewusel um ihn herum nicht im Geringsten beeindrucken. Er studierte andächtig die Aufstellung der Figuren auf dem Spielbrett, welches vor ihm auf einer flachen Truhe lag, und rieb sich gedankenverloren seinen kurzen, grauen Bart.

»Wer wird gewinnen?«, rief Nhadijah fröhlich und ließ sich Morteqħaï gegenüber auf das Kissen fallen. Der alte Ritter war viel zu langsam gewesen, um sich noch rechtzeitig erheben und die Prinzessin mit ihrem Begleiter standesgemäß begrüßen zu können. Aber Nhadijah sah ihm dies nach.

»Ihr natürlich, meine Prinzessin«, erwiderte Morteqħaï mit rauer Stimme. »Wie Ihr es stets tut. Wart Ihr erfolgreich?«

Nhadijah griff nach der Turmfigur und versetzte sie bedrohlich weit in die gegnerische Hälfte. »Mehr als das! Seine halbe Streitmacht stellt Ħalessan mir zur Seite, fünftausend Mann!«

»Ein Drittel, um genau zu sein«, brummte Morteqħaï und tauschte Nhadijahs Turm gegen seinen Läufer ein. Nhadijah ließ sich von diesem Verlust ebenso wenig die Laune verderben wie von Morteqħaïs kleinlicher Bemerkung. Sie hieß eine Dienerin, Tee aufzutragen und strafte den dreisten Läufer auf dem Brett mit einem Zug ihrer Königin.

Morteqħaï verzog keine Miene. »Und Ihr werdet sie anführen, Prinz Ħadeen?« wandte er sich, ohne aufzublicken, an Ħalessans Sohn, der sich auf einem der beiden übrigen Kissen niedergelassen hatte.

»Selbstredend«, erwiderte dieser mit hoch gerecktem Kinn. »Ihr könntet ein Ħalitenheer ja wohl kaum unter Kontrolle halten. Es bleibt nur zu hoffen, dass Euer unsäglicher Haufen von gealterten Rittern aus der Thronstadt uns auf dem Weg durch die Wüste nicht zu sehr zur Last fällt.«

»Ħadeen, ich muss doch sehr bitten!«, wies Nhadijah den Prinzen zurecht. Sie mochte es nicht, wenn sich jemand abfällig über ihre Gefolgsleute äußerte. Natürlich war ihr eigenes Heer in den vierzehn Jahren ihres Exils hier im Tal der Ħaliten geschrumpft und gealtert. Aber sie hatten viele Opfer für Nhadijah gebracht und waren ihr, der rechtmäßigen Herrscherin des rhubischen Königreiches, noch immer treu ergeben. So versicherte es ihr Morteqħaï jedenfalls stets. Sie selbst pflegte eher wenig Kontakt zu ihren Leuten, dafür umso mehr zu Ħadeen, für den sie von Beginn an seine kleine Schwester gewesen war. Allerdings hatte sich sein bisher so brüderlicher Blick auf sie in letzter Zeit spürbar verändert, seit ihre unschuldig weiße Haut auf einmal angefangen hatte, weibliche Formen abzuzeichnen. Diese Entwicklung schmeichelte Nhadijah und ängstigte sie zugleich.

»Die große Wüste ist selbst für ein Wüstenvolk wie die Ħaliten gefährlich, Prinz Ħadeen. Euer Heer ist jung und strotzt vor Kraft, doch unterschätzt nicht den Wert der Erfahrenen.« Morteqħaï bedachte Ħadeen mit einem väterlichen Blick.

»Erzählt mir nichts über Erfahrung, alter Mann! Wir Ħaliten lernen von Geburt an mit den Gefahren der Wüste umzugehen, nicht wie Euer verwöhntes Stadtvolk. Ich selbst habe meinen Vater schon auf etliche Handelsreisen durch die Wüste begleitet.«

Nhadijah prustete. »Handelsreisen? Wohl eher Raubzüge! Aber egal. Die Erfahrungen aus diesem … nun ja … forcierten Handel werden mir bei der Eroberung meines Reiches bestimmt von Nutzen sein.«

»Meine Rede.« Ħadeen blickte Morteqħaï herausfordernd an, doch der lächelte gütig und ehe er etwas erwidern konnte, wurden die drei von einer Dienerin unterbrochen. »Euer Vater wünscht Euch zu sprechen, mein Prinz.« Ħadeen wirkte überrascht, stand aber wortlos auf und ging eiligen Schrittes davon. Nhadijah bemerkte das Misstrauen in Morteqħaïs Blick, hatte aber keine Lust, noch weitere Bedenken ihres alten Mentors über sich ergehen zu lassen und riss das Gespräch an sich. »Ich habe Euch noch gar nicht erzählt, wie es mir gelungen ist, den Wüstenkönig zu überzeugen.«

»Das habt Ihr tatsächlich nicht, meine Prinzessin. Meine Aufmerksamkeit ist Euch gewiss.«

»Es war eine lange Parade ermüdender Dinge, welche er bereits über sich hatte ergehen lassen. Ziegenhirten, die sich darüber beschwerten, dass ihnen ihre Tiere nächtens von seinen Soldaten entwendet und am Spieß gebraten wurden. Väter, die sich über den Sittenverfall im Heer entsetzten, nachdem eine Tochter unehelich schwanger geworden war …« Nhadijah hielt kurz inne und überlegte. »Oder war es eine Ziege gewesen, die schwanger wurde, und eine gegrillte Tochter über dem Feuer? Ich weiß es nicht mehr so genau.«

Es war schön, das Grinsen zu sehen, welches ihr letzter Satz auf Morteqħaïs sonst immer so ernstes Gesicht zauberte.

»Auf jeden Fall war er sichtlich erfreut, mich vor sich zu haben. Ich schmeichelte ihm ein wenig, ließ alle meine Reize spielen, die ich in den letzten Wochen an Ħadeen erprobt hatte, und als er wieder damit anfing, die hunderte Goldflitter zu preisen, mit denen meine smaragdgrünen Augen durchsetzt seien, stellte ich mich vor ihn, blickte erst verschämt zu Boden und dann mit großen Augen zu ihm auf. Ich trug mein Anliegen so rasch vor, dass er kaum nachdenken konnte, und schon hatte ich mein Heer beisammen. Ħalessan ist wahrhaft ein einfältiger Tölpel und so leicht zu lenken.« Sie griff nach ihrer Teetasse und lehnte sich stolz zurück.

Morteqħaï presste die Lippen aufeinander und schwieg. Nhadijah warf ihm einen fragenden Blick zu. Sie hatte ein Lob erwartet.

»Ihr solltet den Wüstenkönig nicht unterschätzen, meine Prinzessin, und außerdem stehen wir tief in seiner Schuld. Vor vierzehn Jahren war er keiner Macht der Welt verpflichtet, Euch und Eure gebeutelten Anhänger hier aufzunehmen. Dass er es dennoch tat, habt Ihr entweder einem wundersamen Anflug von Großmut oder aber einem hinterhältigen Plan zu verdanken, den er im Schilde führt. Es ist unerheblich, welches davon die Wahrheit ist. In beiden Fällen rate ich dazu, Euch mit Ħalessan gut zu stellen.«

Nhadijah verdrehte die Augen ob dieser Ermahnung. »Verehrter Ziehvater, der Ihr mir seid, ich kann es nicht mehr hören! Dauernd mahnt Ihr mich zu Bescheidenheit, Demut, Mäßigung, Dankbarkeit oder Geduld. Ich habe vierzehn Jahre lang gewartet. Ich denke, meine Zeit ist gekommen und auf meinem Weg zum Königsthron kann ich nicht mehr auf jede Befindlichkeit Rücksicht nehmen.«

Morteqħaï nickte bedächtig. »Gewiss. Und doch werden sich nicht alle Gefahren, die Euch jenseits der Wüste erwarten, mit einem Augenaufschlag beiseitewischen lassen.«

Er kann es einfach nicht lassen! Aber Nhadijah hatte genug Politik von ihm gelernt, um ihm das jetzt nicht vorzuhalten. Schweigend starrte sie auf die Figuren vor ihr, wartete auf Morteqħaïs nächsten Zug und setzte ihn danach schachmatt. Der alte Thronritter erhob sich, verbeugte sich ehrfurchtsvoll und ging.

An diesem Abend vergnügte sich Nhadijah ein letztes Mal beim Tanz am Feuer, trank ein letztes Mal Tee in Ħalessans Zelt und legte sich zum letzten Mal im Tal der Ħaliten schlafen, bevor ihre Reise begann.

KAPITEL II

IN DER THRONSTADT

Das Mädchen kauerte in einer Ecke des Tempels und beobachtete, wie Kheijrah sich zwischen es und den Soldaten im Eingang stellte. Sie lächelte das Mädchen an, doch es konnte nicht zurücklächeln. Etwas am Lächeln seiner Gefährtin war falsch. Es fiel ihm jedes Mal auf, wenn Männer in den Tempel kamen und sich ihm näherten. Immer war Kheijrah zur Stelle, um die Männer an seiner statt das mit ihr tun zu lassen, was dem Mädchen Angst machte. Wenn Menschen lächeln, dann tun sie das, was sie tun, gerne. Sie sind glücklich, hatte seine Mutter dem Mädchen immer wieder gesagt. Also tat Kjeirah das gerne, wenn sie sich dem Mann zuwandte und ihre Priesterinnenrobe an sich heruntergleiten ließ. Eigentlich konnte das Mädchen verstehen, dass Kheijah glücklich war, ohne ihre Kleidung. Es mochte das Priesterinnengewand auch nicht. Der Stoff kratzte auf der Haut, egal wie fein er auch war. Wie gerne wäre es auch nackt gewesen. Wenn es nackt war, war es glücklich, weil es nichts mehr gab, das seine Haut berührte, und das war ein so wunderbar friedliches Gefühl. Aber es wusste, was Männer mit nackten Mädchen taten. Es hörte, wie Kheijrah aufschrie, als der Mann sie packte und zu Boden zwang. Das Mädchen kauerte sich noch enger in seine Ecke, vergrub das Gesicht zwischen seinen Knien und hielt sich die Ohren zu. Nein, das wollte es niemals erleben! Dann doch lieber der Stoff auf der Haut als den behaarten, schmutzigen Körper eines Mannes. Kheijrahs Schreie veränderten sich. Sie folgten nun einer Art Rhythmus und irgendwann wurde sie still. Das Mädchen wartete noch eine Weile, bis es sich wagte, wieder aufzublicken. Der Mann war verschwunden. Kheijrah saß auf dem Steinboden und sah aus dem Tempel. Ein Zucken durchfuhr ihren Körper. Nochmals. Und immer wieder. Ängstlich stand das Mädchen auf und schlich zu seiner Gefährtin, kniete sich vor sie und berührte zart ihre Wange. Sie war feucht. Kheijrah weinte. Doch in dem Moment, in welchem die Hand des Mädchens Kheijrahs nasse Haut berührte, lächelte Kheijrah wieder. Aber das Lächeln war noch seltsamer als zuvor. Die Mundwinkel zuckten immer wieder nach unten und die Laute, die Kheijrah von sich gab, hörten sich für das Mädchen wie Schluchzen an. Das verstand es nicht. Warum weint Kheijrah, wenn sie zugleich lächelt? Wenn sie lächelte, war sie doch glücklich. Diese unverständlichen Dinge passierten immer an den Tagen des Opferfests, wenn die Männer in den Tempel kamen, um mit Kheijrah zusammen zu sein. Darum mochte das Mädchen diese Tage nicht. Es mochte keine unverständlichen Dinge. Verständlich war für das Mädchen, dass es inzwischen achtzehn Sommer erlebt hatte. Und es konnte sich an beinahe jeden Tag davon erinnern, außer die allerersten. Es konnte sich auch an die Winter erinnern, aber die Menschen zählten jeweils nur die Sommer. Darum machte das Mädchen das ebenfalls so. Im Gegensatz zu den anderen Priesterinnen im Tempel zählte es aber für sich auch noch ganz andere Dinge als Sommer. Tage zum Beispiel. Es wusste ganz genau, wie viele Tage die achtzehn Sommer und Winter seines Lebens umfassten oder auch wie viele Stunden, auch wenn sich dies in einem schnelleren Rhythmus änderte. Das Mädchen wusste dasselbe auch über Kheijrah, aber es wusste auch, dass Kheijrah jeweils, nachdem sie mit einem Mann zusammen gewesen war, nicht hören wollte, wie lange sie bis zum jetzigen Zeitpunkt gelebt hatte. Darum sagte das Mädchen es ihr jetzt auch nicht, sondern stellte seiner Gefährtin eine Frage: »Ist Kheijrah glücklich?«

Kheijrah sah das Mädchen einen schrecklich langen Augenblick lang entsetzt an und brach dann heulend zusammen. Langsam und zart umarmte das Mädchen das nackte Menschenbündel vor sich und flüsterte: »Ist Kheijrah traurig?«

Mühsam richtete Kheijrah sich auf. Sie zitterte am ganzen Körper und biss sich auf die Unterlippe, so lange, bis ihr ein roter Tropfen über das Kinn rann. Aber dann flüsterte sie kaum hörbar und mit erstickter Stimme: »Nein, Kheijrah ist glücklich. Kheijrah ist immer glücklich, wenn das Mädchen in Sicherheit ist.«

Dem Mädchen wurde sofort viel leichter ums Herz. Es hätte sie traurig gemacht, wenn Kheijrah traurig gewesen wäre. Aber das war sie nicht. Also war der heutige Tag doch ein guter Tag. Das Mädchen mochte Kheijrah sehr. Aber es fiel ihm nicht leicht, ihr das zu sagen. Darum zog es sein Gewand aus, um Kheijrah näher zu sein, und nahm sie wieder in die Arme. Sie erwiderte seine Umarmung bereitwillig und weinte wieder.

»Sagt Kheijrah den Namen des Mädchens?«

Sofort richtete Kheijrah sich kerzengerade auf, löste sich aber nicht aus der Umarmung. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, niemals! Niemand darf deinen Namen aussprechen. Niemand darf ihn hören. Das weißt du!«

Das Mädchen war enttäuscht. Aber es wusste, Kheijrah konnte nichts dafür. Seine Mutter hatte es ihr und auch allen anderen Priesterinnen verboten. Niemand durfte wissen, wer das Mädchen war.

KAPITEL III

MEDEENAH

Sie ist überwältigend«, flüsterte Nhadijah ergriffen. Die Prinzessin saß auf ihrem Schimmel und blickte von der großen Sanddüne aus über die weite, fruchtbare Tiefebene hinüber zum Hügel, auf dem die Stadt Medeenah thronte. Der Morgennebel verhüllte die höchsten Stellen der Stadt, sodass der alte Königspalast verborgen blieb. Aber allein das Wissen, dass er da war, verursachte bei ihr eine Gänsehaut.

»Ja, das ist sie wirklich«, erwiderte Morteqħaï, der rechts von Nhadijah im Sattel seines struppigen, sehnigen Rappen saß. Der alte Mann, dessen Augen in seinen fast siebzig Lebensjahren die halbe Welt gesehen haben mussten, schien nicht minder überwältigt vom Anblick der Stadt.

»Und Ihr seid Euch sicher, dass es den steinernen Thron nach achthundert Jahren immer noch gibt?«, fragte Nhadijah.

»Als ich damals als junger Mann aus Medeenah fortging, war er auf jeden Fall noch da«, brummte Morteqħaï.

»Ihr stammt aus Medeenah?« Nhadijah war verblüfft.

»Ja, aus Alt-Medeenah, dem Hafenviertel unter der Klippe auf der Hinterseite der Stadt. Mein Vater meinte, ich solle mich für zwei Jahre der Throngarde anschließen, damit endlich ein richtiger Mann aus mir werde. So kam ich nach Rhubijah.«

»Und warum seid Ihr in der Thronstadt geblieben?«, fragte Nhadijah weiter.

»Wir gerieten kurz vor unserem Ziel in einen Sturm. Mein Vater ertrank in den Fluten. Das Boot versank und ich hatte Glück, dass ich von Fischern gerettet wurde. So schloss ich mich der Garde an, wie ich es meinem Vater versprochen hatte. Je länger ich blieb, desto mehr hatte ich mich damit abgefunden, in Rhubijah alt zu werden. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, Medeenah je wiederzusehen. Bis zu dem Tag, als ich Euch vor Melaħons Schergen rettete.«

Nhadijah bemerkte Tränen in den Augen des alten Ritters. Es beschämte sie. Sie kannte Morteqħaï, seit sie ein kleines Kind gewesen war. Mit all ihren Sorgen konnte sie stets zu ihm gehen. Immer hatte er ihr zur Seite gestanden. Sie hatten so viel zusammen erlebt, dass er alles von ihr wusste, sie dagegen von ihm offenbar noch immer sehr wenig.

»Ein Wort von Euch, Prinzessin, und die Stadt ist Euer!« Ħadeen hatte weit weniger Sinn für Fantastisches als Nhadijah und Morteqħaï. Er sah in Medeenah wohl lediglich eine fette Beute, die er sich holen und seiner Prinzessin zu Füßen legen wollte.

Morteqħaï schmunzelte amüsiert. »Ihr seid ein großer Kämpfer, Prinz Ħadeen, aber glaubt mir, Medeenah ist uneinnehmbar.«

»Keine Stadt ist uneinnehmbar, alter Mann, nicht für die Ħaliten!«

Morteqħaï lächelte noch immer. »Unsere Wasservorräte sind erschöpft, unsere Essensvorräte ebenso. Kein Mann kann kämpfen, wenn er hungert und am Verdursten ist. Abgesehen davon dürfte uns das Heer von Medeenah ungefähr vierfach überlegen sein. Hört auf mich, meine Prinzessin. Ich habe viele Schlachten und Fehden erlebt, etliche davon gewonnen, einige aber auch verloren. Die allermeisten jedoch habe ich vermieden. Das ist meiner Meinung nach noch immer die beste Lösung.«

»Ihr meint, wir sollten mit Medeenah verhandeln?«, fragte Nhadijah. Ihre Zunge lechzte nach dem Wasser des so nahen Medeen, der majestätisch durch die mit Mohnblumen übersäten Felder der Tiefebene unter ihnen zog und der wegen der äußeren Stadtmauer am Fuße der Düne dennoch unerreichbar war. Außerdem war ihre Geduld, noch länger eine Prinzessin ohne Reich zu sein, endgültig aufgebraucht und sie sah keinen Grund, warum der Fürst von Medeenah seine Stadt kampflos aufgeben sollte. Warum also verhandeln?

Ħadeen spuckte aus und ballte die Faust. »Ħaliten verhandeln nie! Ħaliten kämpfen! Und Ħaliten sind fünfmal bessere Kämpfer als alle ihre Gegner!«

Nhadijah wusste, Morteqħaï war der verlässlichere Berater, der umsichtigere und der erfahrenere. Dennoch gefiel ihr Ħadeens Vorschlag wesentlich besser.

»Formiert das Heer!«, befahl sie ihren beiden Heermeistern.

»Nein, meine Prinzessin«, erwiderte Morteqħaï gelassen.

»Wagt Ihr es, Euch mir zu widersetzen, Morteqħaï?« Nhadijah ballte die Fäuste um die Zügel. Nichts versetzte sie mehr in Rage als Widerspruch.

»Ich halte einen Kampf für völlig unnötiges Blutvergießen, meine Prinzessin. Die medeenische Fürstenfamilie erkennt zwar König Melaħon von Rhubijah als Lehnsherrn an, aber sein Putsch gegen euren Vater hat ihm ganz bestimmt keine Sympathien eingebracht. Außerdem halten die Medeener den alten Königspalast noch immer für den rechtmäßigen Sitz des rhubischen Herrschers.«

Nhadijah biss sich auf die Unterlippe. Morteqħaï hatte recht. Wie jedes Mal. Sie gab nach und ärgerte sich maßlos darüber, die bessere Option wieder einmal nicht selbst erkannt zu haben.

»Ihr führt die Verhandlung, Morteqħaï.« Nhadijah gab ihre Anweisung leise und mit gesenktem Blick. Sie bestätigte damit nur, was ohnehin schon feststand. Ach, es ist alles so schwierig. Seit wir das Tal der Ħaliten verlassen haben, bin ich wieder das kleine, unerfahrene Mädchen. Wie lange wird mein Heer einer so schwachen Königin wohl folgen?

Der alte Mann nickte, sah sie aus seinen melancholischen blauen Augen zufrieden an, hob zwei Finger an die Stirn und ritt los. Nhadijah sah ihm nach. Er war noch immer eine stattliche Erscheinung in seiner dunkelroten, mit goldenen Ornamenten bestickten Jibbah. Gewiss war er langsamer geworden im Kampf. Nicht jedoch im Geist, und darauf war sie jetzt besonders angewiesen.

Ħadeen saß kopfschüttelnd neben Nhadijah und maulte vor sich hin.

»Ach halt doch den Mund«, schnauzte sie ihn an. Das tat er dann, reichlich beleidigt.

Die Sonne stieg hinter der Stadt auf und ließ den Nebel schwinden. Langsam kam der Königspalast zum Vorschein. Morteqħaïs Rappe tänzelte unruhig, als ein Wächter über dem Tor der äußeren Mauer erschien. Nhadijah verfolgte die Szenerie durch Morteqħaïs Linsenrohr. Sie sah, wie er die rechte Hand zum Gruß hob und einige Worte mit dem Wächter wechselte. Dieser nickte und verschwand. Bald darauf sah sie die Staubspur eines Reiters in Richtung Stadt jagen. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Reiter wieder zurückkehrte. Das Tor öffnete sich und der Wächter trat ins Freie. Er streckte Morteqħaï einen Wasserschlauch hin. Der ließ sich nicht zweimal bitten und trank. Danach sprachen die beiden kurz miteinander, ehe der Wächter wieder hinter dem Tor verschwand. Morteqħaï saß auf und ritt zurück. Als er Nhadijah und Ħadeen erreicht hatte, streckte er der Prinzessin den Wasserbeutel hin. Nhadijah griff zu, entkorkte den Schlauch und trank mit gierigen Zügen. Das Wasser war kühl und wunderbar erfrischend. »Was hat er gesagt?«, fragte Nhadijah, nachdem sie den Beutel gänzlich geleert hatte.

»Er hat mir eine Botschaft des Fürsten überbracht.«

»Hat er Bedingungen gestellt? Wird Medeenah sich ergeben?« Es lag viel Hoffnung in ihren Fragen, aber Morteqħaï schüttelte den Kopf. »Nein. Aber Fürst Miħael von Medeenah will verhandeln. Von Angesicht zu Angesicht, und zwar mit Euch ganz allein.«

»Um ihr bei dieser Gelegenheit die Kehle aufzuschlitzen!«, unterbrach ihn Ħadeen brüsk.

»Unwahrscheinlich«, erwiderte Morteqħaï kühl. »Ich glaube, Miħael ist durchaus bereit, sich von der Thronstadt loszusagen und Euch die Treue zu schwören. Medeenah fühlt sich seit achthundert Jahren um seinen königlichen Glanz betrogen. Für Miħael ist das die Gelegenheit seines Lebens, diese Ehre wiederherzustellen.«

Nhadijah fürchtete sich vor Fürst Miħael und der Verhandlung, verließ aber sich auf Morteqħaïs Urteil. »Ich bin einverstanden«, murmelte sie gedankenverloren. »Bereitet alles vor.«

»Seid Ihr lebensmüde?«, brüllte Ħadeen. Nhadijah streckte ihre Hand aus und strich über Ħadeens Wange. »Alles wird gut gehen, Ħadeen. Bald schon werde ich Königin sein.«

Es war ein eigenartiges Schauspiel, das sich Nhadijah spätnachmittags am Fluss bot. Links der breiten Straße vor der Brücke errichteten die medeenischen Diener ein großes Zelt aus schwarzem Stoff und trugen Teppiche, Kissen und Decken hinein. Schlussendlich stellten sie mitten auf der Straße in einem Abstand von etwa dreißig Fuß je ein hölzernes Gestell auf. Über das der äußeren Mauer zugewandte legten sie ein weißes Seidenkleid. Das andere, der Stadt zugewandte Gestell blieb leer. Fragend blickte Nhadijah zu Morteqħaï.

»Das Kleid ist ein Geschenk des Fürsten von Medeenah, meine Prinzessin«, erklärte Morteqħaï. »Von uns wird dieselbe Geste erwartet.«

»Warum das?«, fragte Nhadijah. Morteqħaï zuckte mit den Schultern. Sie vermutete, dass er die Antwort kannte, sie jedoch nicht verraten wollte. So ließ sie gegen den Willen des Prinzen aus Ħadeens Truhe dessen edelstes Kleidungsstück holen: einen nachtschwarzen Umhang aus schwerer Seide. Sie reichte ihn Morteqħaï. Der Ritter nickte und galoppierte auf seinem Pferd davon. Das Tor öffnete sich. Morteqħaï ritt hindurch und hinunter zum Verhandlungsort, wo er den Umhang über das noch leere Gestell hängte. Danach verschwand er im Zelt. Die Sonne war bereits untergegangen, als er es wieder verließ.

Sobald er zurück war, wandte er sich direkt an Ħadeen, der Nhadijah nicht von der Seite gewichen war. »Ich habe mir alles angesehen, Prinz Ħadeen. Keine Waffen, weder Klinge, weder noch Speer oder Pfeil. Das Zelt ist ein sicherer Ort für die Prinzessin.«

Der Prinz nickte und befahl den Seinen, den Bereich die ganze Nacht über keinen Augenblick aus den Augen zu lassen.

KAPITEL IV

DAS ZELT

Der Durst hatte Nhadijah die ganze Nacht über gequält, weshalb sie froh war, als der Morgen graute. Sie trat vor ihr Zelt und bestaunte erneut die Stadt, ganz besonders aber den Fluss. Das kühle, silbrig glitzernde Nass, das sie und ihr Heer retten würde. Denn außerhalb Medeenahs gab es hunderte Meilen weit nichts als trockene Wüste, Felsen und Meerwasser.

Bei Sonnenaufgang sollte sie sich zum Tor begeben, so war es ausgemacht. Nhadijah ließ sich ihre Haare bürsten und die Haut mit Mandelöl und Rosenwasser einreiben. Seit Tagen hatte sie sich nicht mehr waschen können. Aber der Rosenduft war hoffentlich stärker als der Geruch ihres verschwitzten Körpers.

Danach strich sie so lange nervös die Falten ihres Kleides glatt, bis der Stallknecht ihren Schimmel brachte. Das arme Tier war vom Durst gezeichnet und sah bedauernswert aus: abgemagert, mit sprödem Fell und eingesunkenen Augen. Wortlos setzte sich die Prinzessin in den Sattel. Sie nickte Morteqħaï und Ħadeen zu und ließ ihr Pferd antraben.

Das große Tor der äußeren Mauer schien sich wie von Geisterhand zu öffnen, als sie sich näherte. Sie konnte keine Menschenseele sehen, während sie unter dem Steinbogen hindurchritt. Kaum war sie im Innern, schloss sich das Fallgatter hinter ihr. Sie schaute sich nervös um, während sie sich an die Zügel ihres Pferdes klammerte, bemüht, möglichst aufrecht zu sitzen. Schließlich bin ich die künftige Königin!

Nhadijah ließ ihren Schimmel in Richtung des Flusses traben und hielt inne. Das große Tor der inneren Stadtmauer öffnete sich ebenfalls. Was, wenn Miħael mir nun doch nicht wohlgesonnen ist und sich bloß einen Spaß daraus machen will, mich zusammen mit seinen Jagdgefährten wie ein Häschen mit Pfeil und Bogen vor sich herzutreiben? Ich kann nirgendwohin mehr fliehen!

Es war nur ein einzelner Reiter, der majestätisch durch das Tor ritt, das sich unmittelbar hinter ihm schloss. Er gab seinem Pferd die Sporen und ließ es zum Fluss hinuntergaloppieren. Nhadijah tat es ihm gleich. So erreichten sie beide fast gleichzeitig die entgegengesetzten Seiten des Zeltes.

Der Mann stieg elegant vom Pferd. Er war von schlanker Statur und hatte dunkelbraunes Haar, welches gerade lang genug war, um es im Nacken zusammenbinden. Er wirkte nicht annähernd so kräftig wie Prinz Ħadeen, dafür agiler und anmutiger. Sein dunkelbrauner Brustpanzer war aus gehärtetem Leder gefertigt. Die Metallbeschläge seiner Kleidung waren allesamt aus poliertem Silber, Tunika und Hose schienen aus reiner Seide zu bestehen. Nhadijah fielen vor allem die drei Reihen mit je sechs silbernen Sternen auf, welche seinen Brustpanzer zierten. Über den Schultern trug der Mann einen samtenen, nachtschwarzen Umhang, der eindeutig zu warm für diesen Ort war, aber die edle Abstammung seines Trägers unterstrich. Das Schwert mit filigran verziertem, silbernem Griff trug er auf dem Rücken, was Nhadijah erstaunte. Bisher hatte sie ihre eigenen Ritter nur Großschwerter auf dem Rücken tragen sehen. Das Schwert des Fürsten war aber nur unwesentlich größer als jene, welche ihre Soldaten am Gürtel trugen.

Nhadijah ärgerte sie sich darüber, selbst nicht wenigstens einen Dolch mitgenommen zu haben, als Fürst Miħael sein Schwert zog. Doch sie blieb mutig stehen, faltete ihre Hände vor ihrem Schoß und wartete ab. Der Fürst drehte sich um und klopfte seinem Pferd zweimal auf den Hals. Danach rammte er sein Schwert in den Boden, nahm seinen Umhang von den Schultern und hängte ihn über den Schwertknauf. Nhadijah schickte ihre Stute davon, damit wenigstens sie ihren Durst am Fluss stillen konnte. Der Fürst öffnete die Schnallen seiner Panzerung und ließ das Leder in den Staub fallen. Als er auch das darunter zum Vorschein kommende Tuch auszog, schluckte Nhadijah. Zum ersten Mal in ihrem Leben stand ihr ein nackter Mann gegenüber. Ihr gefiel, was sie sah. Leider dauerte dieses Schauspiel aber nicht besonders lange. Miħael griff zum Anzug, den Nhadijah hatte bereitlegen lassen, und zog ihn an. Es dauerte eine Weile, bis sie erkannte, dass es nun an ihr war, die Geste zu erwidern. Augenblicklich klopfte ihr Herz bis zum Hals, ihr wurde abwechselnd heiß und kalt. Ihr Mund wurde noch trockener, als er ohnehin schon war. Sie hatte sich noch nie vor den Augen eines Mannes ausgezogen. Ihre Hände zitterten, als sie die Bänder ihres Kleides öffnete. Nhadijah atmete tief ein und schloss die Augen, bevor sie den Stoff an ihrem Körper hinuntergleiten ließ. Danach griff sie sofort nach dem Kleid, welches die Medeener für sie bereitgelegt hatten, um es so rasch wie möglich überzustreifen. Ein kurzer Blick auf ihren Körper musste dem Fürsten genügen, um sich zu versichern, dass auch sie unbewaffnet das Zelt betreten würde. Das Kleid war aus reiner Seide. Es fühlte sich so zart und kühl auf ihrer Haut an, als trüge sie noch immer nichts. Der Fürst bedeutete Nhadijah mit einer einladenden Handbewegung, das Zelt zu betreten. Es war aus dickem Wollstoff gefertigt und im Innern erstaunlich kühl und zu beiden Seiten offen, jedoch so, dass ein Einblick erst aus wenigen Schritten Entfernung möglich war. Nur sanfte Reste des Sonnenlichts und einige Öllampen erhellten das Zentrum. Dort stand auf einem filigran geknüpften Teppich ein niedriger Tisch, der von vielen Kissen umgeben war. Nhadijah lief das Wasser im Mund zusammen, als sie sah, was auf dem Tisch auf sie wartete. Am liebsten hätte sie sich augenblicklich auf all die Krüge, Töpfe und Schälchen gestürzt. Doch stattdessen schritt sie majestätisch auf den Fürsten zu, in der Hoffnung, er würde sie erst an seine Tafel einladen, bevor er verhandeln würde. Als sie ihm so nah gegenüberstand, schlug ihr Herz wieder schneller.

»Ich freue mich, Euch zu Gast zu haben, Prinzessin Nhadijah. Mein Name ist Miħael der Vierte, Fürst von Medeenah und Bewahrer des Königsthrons.« Der Fürst hatte eine sonore, warme Stimme, die Nhadijah augenblicklich beruhigte. Sie säuselte mit der verführerischsten Stimme, die sie aufbringen konnte: »Ich danke Euch für Eure Gastfreundschaft, Fürst von Medeenah. Mein Name ist Nhadijah, Tochter Immanuels des Sechsten und rechtmäßige Thronerbin des Rhubischen Königreiches.«

Fürst Miħael lächelte. »Lasst uns später über dieses Thema sprechen. Ihr müsst hungrig und unendlich durstig sein, nachdem Ihr die große Wüste durchquert habt. Bitte, nehmt Platz.«

Nhadijah ließ sich auf den Kissen nieder, Miħael setzte sich zu ihrer Linken, goss Wasser in ihren Becher und füllte den Kelch mit Wein. Sie hatte noch nie Wein getrunken, er war beim Volk der Ħaliten verboten. Nhadijah fühlte sich den Gesetzen der Ħaliten jedoch nicht verpflichtet. Also nahm sie einen großzügigen Schluck vom dunkelroten Rebensaft und musste sofort husten. Der Wein war stark, und sie sah, wie schwer es Fürst Miħael fiel, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Ihr wurde bewusst, wie unvorsichtig sie gewesen war. Waffen gab es zwar keine im Zelt, aber an Gift hatten sie nicht gedacht. Sie erschrak und wollte aufstehen, doch Miħael hielt sie sanft zurück.

»Aber nein, Prinzessin, Ihr müsste Euch keine Sorgen machen«, sagte er mit ruhiger Stimme. Er nahm erst Nhadijahs Weinkelch, danach ihren Wasserbecher und trank beide aus, ehe er sie wieder auffüllte.

»Entschuldigt«, erwiderte Nhadijah beschämt. Sie wollte nicht misstrauisch oder gar ängstlich auf ihr Gegenüber wirken, sonst könnte ihr die Verhandlung rasch aus den Händen gleiten.

»Ich verstehe Eure Vorsicht, Prinzessin. Als mutmaßliche Thronerbin lauern viele Feinde auf Euch. Da kann ein wenig Misstrauen gewiss nicht schaden.«

Er reichte ihr nacheinander unzählige Schalen mit ebenso unzähligen Köstlichkeiten: gefüllte Weinblätter, eingelegtes Gemüse, Oliven, Trauben, in Blätterteig gebackene Fleisch-, Fisch- und Gemüsegerichte, Spießchen, Salate und Früchte. Nach der dritten Schale verzichtete sie darauf, abzuwarten, bis der Fürst zuerst einen Bissen von einem Gericht nahm. Vom Mahl schien keine Gefahr auszugehen. Als sie sich endlich satt fühlte, fasste sie sich ein Herz, um den eigentlichen Grund ihres Kommens anzusprechen. Bevor sie jedoch auch nur ein Wort sagen konnte, strich Fürst Miħael sanft durch ihr langes rotgoldenes Haar und flüsterte: »Ihr seid noch so viel schöner, als mir berichtet wurde, Prinzessin.« Nhadijahs Puls beschleunigte und ihre Wangen glühten. Fürst Miħael ließ seine Hand über ihren Nacken und über ihren vom Kleid unbedeckten Rücken gleiten. Sie war unwillig, es zu verhindern, schloss ihre Augen, als seine Hand ihre Taille erreichte, und leistete keinerlei Widerstand, als Miħael sie zu sich zog, während er sich auf den Rücken drehte. Er küsste sie. Erst auf die Stirn, dann auf den Mund. Nhadijah wurde heiß. Zwischen ihren Beinen breitete sich ein Gefühl aus, das sie in dieser Intensität noch nie erlebt hatte. Nun glitten Miħaels Hände unter ihr Kleid und zogen es hoch. Sie lag vollkommen nackt auf dem Körper des Fürsten. Er drehte sich so, dass er Nhadijah sanft auf ihre rechte Seite legen konnte. Seine Hand zeichnete zärtlich alle Konturen ihrer Haut nach, bis sie schließlich zwischen ihren Beinen eine Stelle fand, der sie sich ganz besonders intensiv widmete. Nhadijahs Körper wand sich ganz von selbst, während ihr Kopf im Arm des Fürsten lag und sie ihre Beine bereitwillig immer weiter öffnete. Die Wellen der Lust überschlugen sich. Plötzlich lag er auf ihr und ließ seine Zähne über ihren Hals streifen, während er in sie eindrang. Nhadijah wimmerte kurz, aber je intensiver seine rhythmischen Bewegungen wurden, umso weniger nahm sie den Schmerz wahr. Ihr Unterleib stemmte sich mit aller Kraft gegen seinen, um ihn noch intensiver in sich zu spüren. Sie stöhnte laut auf, als sie ein Gefühl erlebte, das für sie bisher völlig unbekannt gewesen war. Nhadijah schlang Arme und Beine um den Körper des Fürsten und sank erschöpft in die Kissen zurück, als Miħael sich aus ihr zurückzog.

Als sie ihre Augen öffnete, sah er sie lächelnd an und sagte: »Heiratet mich, Prinzessin Nhadijah, ernennt mich zu Eurem Kronmarschall und Ihr sitzt morgen auf dem Königsthron.«

Nhadijah wusste nicht, was sie darauf antworten sollte »I... ich …«

Miħael unterbrach sie. »Ich erwarte Euch morgen bei Sonnenaufgang auf der Brücke. Kommt mit Eurer Leibgarde, wenn Ihr mir noch nicht vertraut, aber ich garantiere euch, brauchen werdet Ihr sie nicht.«

Damit stand er auf, zog den Umhang an und verließ das Zelt. Nhadijah hörte, wie er sein Pferd zu sich rief, seine Rüstung auflud und davonritt. Sie war verwirrt. Hatte sie das alles wirklich erlebt? Doch die Spuren ihrer Entjungferung fanden sich als Beweis zwischen ihren Beinen. Gut nur, hat mir Ħadeens Cousine damals ihre Hochzeitsnacht so bildhaft geschildert. Sonst wäre ich jetzt wohl reichlich erschrocken.

Noch während Nhadijah sich erhob und anzog, hörte sie reges Treiben vor dem Zelt. Als sie, wieder in medeenische Seide gehüllt, in die gleißende, sengende Sonne trat, sah sie, wie ihr Heer die äußere Mauer passierte. Fürst Miħael hatte die Tore öffnen lassen, damit ihr Heer den Fluss erreichen konnte, um endlich seinen Durst zu stillen.

»Geht es Euch gut, meine Prinzessin?« Es dauerte einen Moment, bis sie Ħadeen im herrschenden Getümmel erkannte. Er und Morteqħaï schienen die Einzigen zu sein, die nicht sofort zum Fluss hinuntergestürmt waren.

»Ja … Ja, ich denke schon«, antwortete Nhadijah, während sie mit ihrer Hand die Augen vor der Sonne schützte. Es fiel ihr schwer, die Worte zu formulieren, und sie fühlte sich noch immer benommen. Sie bedeutete ihren beiden Beratern, ihr ins Zelt zu folgen. Fürst Miħael hatte zwar kein Wort darüber verloren, aber Nhadijah erschien es selbstverständlich, Ħadeen und Morteqħaï an der noch immer üppig gedeckten Tafel teilhaben zu lassen, während sie in Ruhe schildern konnte, was ihre Verhandlung mit dem Fürsten ergeben hatte. Sie ließ sich auf die Kissen sinken, auf welchen sie kurz zuvor noch mit Miħael gelegen hatte. Bilde ich mir das nur ein, oder kann ich ihn noch immer riechen? Liegt diese Mischung aus Zitrusaromen und frischem Schweiß wirklich in der Luft?

»Prinzessin?« Ħadeens Stimme holte Nhadijah wieder ins Hier und Jetzt zurück.

»Hmm?«, erwiderte sie geistesabwesend.

»Morteqħaï hat Euch eine Frage gestellt.«

»Oh … Entschuldigt. Wie war Eure Frage?«

»Wie ist es ausgegangen, meine Prinzessin?«, wiederholte Morteqħaï sich, während er Wasser für alle drei einschenkte.

Nhadijah ergriff den Becher, betrachtete das kostbare Nass einige Sekunden und antwortete dann: »Er will mich zur Königin krönen … Und er will mich heiraten …« Sie hatte einen Wutausbruch von Ħadeen erwartet. Aber dieser blieb völlig ungerührt, bis sie die Forderung nach dem Amt des Kronmarschalls erwähnte.

»Das ist völlig ausgeschlossen!«, rief Ħadeen entsetzt. »Damit gebt Ihr ihm viel zu viel Macht! Es hat seinen Grund, warum in der Geschichte Eures Reiches kaum je ein Medeener Kronmarschall gewesen ist!«

Nhadijah blickte fragend zu Morteqħaï.

»Der Palastbezirk ist Teil der Stadt Medeenah und nicht umgekehrt, meine Prinzessin. Ihr werdet zumindest zu Beginn Eurer Herrschaft vollkommen abhängig von dieser Stadt sein, auch wenn Ihr als Königin noch so sehr über Fürst Miħael stehen mögt. Seine Ernennung zum Kronmarschall wird ihm den größtmöglichen Einfluss geben«, erklärte dieser ihr.

Nhadijah wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Zu schwer wog der Entscheid und zu neblig war ihr Kopf.

»Aber Medeenah wird ein treuer Verbündeter sein. Immerhin sagt sich Fürst Miħael damit von König Melaħons Thron los. Er macht sich Euretwegen zum Hochverräter«, fuhr Morteqħaï fort.

»Ihr ratet mir also, Fürst Miħaels Angebot anzunehmen, Morteqħaï?«, erwiderte Nhadijah.

»Auf keinen Fall!«, fuhr Ħadeen dazwischen, aber Nhadijah wies ihn mit einer sanften Handbewegung zurück. Morteqħaï nickte, während er andächtig den Wasserbecher und sehnsüchtig den Weinkrug betrachtete. »Ja, das rate ich Euch, meine Prinzessin.«

»Dann werde ich es tun«, erwiderte Nhadijah, ohne zu zögern, und reichte Morteqħaï den Weinkrug.

KAPITEL V

DER THRON

Füll meine Wanne, ich möchte ein Bad nehmen!«, befahl Nhadijah ihrer heutigen Dienerin. Das Mädchen war noch sehr jung und erst so kurz in ihren Diensten, dass sie sich ihren Namen noch nicht gemerkt hatte. Die Dienerin tat wie geheißen, doch als Nhadijah ihren Fuß in das Wasser tauchte, schauderte sie. »Das ist ja eiskalt!«

»Ja, der Medeen entspringt irgendwo im fernen Aureengebirge weit unter Tage und tritt erst im Wald kurz vor Medeenah aus einer Höhle zutage, so wurde mir erzählt«, erklärte ihre Dienerin.

Nhadijah schnaubte. »Ich bin dir ausgesprochen dankbar für deine Belehrung über Medeenahs Umland, aber ich versichere dir, Morteqħaï ist mir Lehrer genug! Was ich von dir erwarte, ist, mir ein wohltuendes Bad zu bereiten und nicht den Kältetod. Scher dich fort und koch’ einige Eimer Wasser auf!« Die Dienerin zog den Kopf ein und schlich wie ein geprügelter Hund davon.

In eine Decke gewickelt setzte sich Nhadijah auf die Kissen und wartete. Aus ihrem halboffenen Zelt bewunderte sie die schier unendliche Zahl der Feuer in der Abenddämmerung, über denen das erste Mal seit Tagen wieder Tee gekocht wurde. Ihr Heer hatte sich auf der Ebene um den Medeen eingerichtet und dankbar das Brot angenommen, welches ihnen aus Medeenahs Garnisonen und Dörfern gebracht worden war. Es hatte zwar nicht ausgereicht, um den Hunger ihrer Gefolgsleute nachhaltig zu stillen, aber es linderte das Leid immerhin ein wenig.

Nach dem Bad, welches Nhadijah letztlich doch noch zufriedengestellt hatte, fühlte sich die Prinzessin würdig genug, am kommenden Tag endlich ihren zukünftigen Palast zu betreten. Sie legte sich schon bald nach Einbruch der Nacht auf die Kissen nieder und ließ sich von Morteqħaï die Geschichte ihrer Herkunft erzählen. Es war keine schöne Geschichte, aber sie rief ihr in Erinnerung, woher sie kam, wer sie war und dass da Menschen waren, die ohne zu zögern ihr Leben für sie opfern würden.

»Ihr wart zum Glück noch winzig genug, um unter meinem Umhang nicht aufzufallen. Aber zappeln konntet Ihr schon wie ein junges Fohlen! Ich habe Blut und Wasser geschwitzt beim Passieren der Wache am Stadttor von Rhubijah und war heilfroh, dass niemand auf uns aufmerksam wurde.«

»Und Ihr haltet es wirklich nicht für möglich, dass meine Familie noch lebt?« Nhadijah kannte die Antwort. Aber sie gab sich noch immer nicht mit ihr zufrieden.

Morteqħaï seufzte. »Ich fürchte nein. Über den Tod Eures Bruders und Eures Vaters habe ich traurige Gewissheit.«

»Aber meine Mutter und meine Schwester habt Ihr nicht gesehen.« Es war eher eine Feststellung als eine Frage.

»Nein, meine Prinzessin. Die Wirren waren groß in der Stadt und Melaħons Schergen gnadenlos. Sie haben alle verfolgt, die Eurem Vater treu ergeben waren. Ich rate dazu, Euch keine Hoffnungen zu machen.«

»Aber es könnte dennoch sein«, sinnierte Nhadijah. Sie klammerte sich an die Hoffnung, nicht die Letzte ihres Geschlechts auf dieser Welt zu sein.

Morteqħaï griff nach ihrer Hand und nahm sie sanft in seine. »Was immer auch geschehen mag, Ihr werdet nie allein sein, meine kleine Prinzessin.« Er deutete einen Kuss auf Nhadijahs Handrücken an, wünschte seiner Herrin eine gute Nacht und zog sich zurück.

Am nächsten Morgen wurde Nhadijah noch vor Sonnenaufgang von Hufgetrampel und Stimmengewirr vor ihrem Zelt geweckt. »Es wird Zeit, aufzustehen, meine Prinzessin«, hörte sie eine vertraute Stimme. Morteqħaï saß neben ihr.

»Oje …«, murmelte Nhadijah. »Ich fühle mich so seltsam heute Morgen.«

Morteqħaï lachte schelmisch. »Habt Ihr Euch heimlich den Wein gegönnt, der von der gestrigen Tafel noch übrig war?«

Die Prinzessin fühlte sich ertappt und erwiderte nichts. Stattdessen rief sie nach ihren Zofen, um sich in das blassblaue Kleid helfen zu lassen, das sie extra für den Tag ihres triumphalen Einzugs in die alte Königsstadt hatte nähen lassen.

Die Sonne erhob sich gerade hinter der Stadt und blendete Nhadijah, als Morteqħaï ihr auf ihre Stute half. Sie fasste die Zügel mit der rechten Hand und hielt ihre linke schützend über ihre Augen. Überrascht stellte sie fest, wie sehr ihre Hand vor Aufregung zitterte, während sie zur Stadt hinaufsah.

»Ihr braucht Euch nicht zu fürchten, meine Prinzessin«, vernahm sie Morteqħaïs beruhigende Stimme. Beschämt nahm sie die Hand herunter und umfasste die Zügel fester. Ich will als Königin in die Stadt einziehen, nicht als verängstigtes Mädchen. Ħadeen formierte die Leibgarde rings um Nhadijah. Er selbst stellte sich mit seinem Hengst zu ihrer Linken auf. Morteqħaï flankierte sie zu ihrer Rechten.

»Wir warten auf Euer Zeichen, Prinzessin«, raunte Ħadeen ihr zu. Nhadijah war des gestrigen Weines und des bevorstehenden Tages wegen so durcheinander, dass sie nicht sagen konnte, wie lange sie schon in dieser Formation dagestanden hatten. Reiß dich zusammen!, dachte sie, ehe sie so gebieterisch wie möglich befahl: »Nun denn, so lasst uns in die Stadt einziehen!« Sie übersah geflissentlich Morteqħaïs Grinsen. Er amüsiert sich wohl gerade köstlich über meine Bemühung zur Verwandlung in eine richtige Königin. Nhadijah gab ihrem Pferd einen leichten Druck mit ihren Schenkeln und die Stute trug sie brav aus der peinlichen Situation heraus. Ihre Eskorte setzte sich ebenfalls in Bewegung.

Der kleine Tross ritt im Sonnenschein der Brücke entgegen. Als sie diese überquerten, traten sie in den Schatten der immens hohen inneren Stadtmauer. Vom Fluss aus stieg das mit Mohnblumen übersäte Gelände sanft, aber stetig an. Nhadijah war erstaunt, die Garnison völlig verlassen vorzufinden, als sie mit ihrer Leibgarde daran vorbeizog. Wohin hat sich Medeenahs Stadtwache zurückgezogen? Reiten wir in eine Falle? Ihr Herz schlug schneller. Plant Fürst Miħael, mein Heer zwischen den beiden Mauern von der sicheren Stadt aus anzugreifen?

»Halt!«, befahl Nhadijah, als sie sich etwa vierhundert Fuß vor dem Haupttor befanden. Auch Ħadeen sog hörbar Luft ein, als sich das imposante Tor öffnete. Unsicher sahen beide zu Morteqħaï hinüber. Der hob beruhigend seine linke Hand. Nhadijah erwartete, sich gleich einer mordlustigen Meute gegenüber zu sehen. Doch nachdem sich das Tor weiter geöffnet hatte, konnte sie nur einen einzigen Reiter erkennen. Fürst Miħael war ganz allein gekommen, um seine künftige Braut in seine Stadt zu führen. Er ließ sein Pferd antraben und kurz darauf stand er vor den Vordermännern ihrer Eskorte, welche ihm sofort mit gekreuzten Speeren den Weg versperrten.

Nhadijah nahm ihren ganzen Mut zusammen und befahl so gelassen wie möglich: »Lasst ihn zu mir!«