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Was darf ich, was kann ich, was traue ich mich? Fragt die Autorin und stellt uns ein Kind vor, das Kartoffelpüree in Architektur verwandelt. Welche Nöte und Freuden erlebt eine dicke Frau mit einem Marmeladenbrot? Ist es erlaubt, in der Meditationsgruppe einen Lachkoller zu kriegen? Wohin führt es, wenn Beinebaumeln zu Widerstand wird? Wie wachse ich hinaus aus Familienritualen, die zum Grauen wurden? Die Geschichten fordern, sich in Situationen hinein zu begeben, die wir kennen, die wir täglich beobachten, die peinlicher kaum sein könnten und doch Ausbruch bedeuten können. Es geht um die Möglichkeiten, die Haut zu verlassen, deren Enge Claudia Dorka so eindringlich-haptisch beschreibt. Geschichten, die auf der Haut, auf der Zunge spürbar werden, die Klänge durch unsere Ohren jagen, die unsere Nasen ins Schnuppern versetzen. Geschichten, die lächeln und schaudern machen. Geschichten, die ungemein nah kommen, eigene Erinnerungen wecken. Begleitet von lässigen Gedichten und illustriert mit fotografischen Erzählbildern.
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Seitenzahl: 74
Veröffentlichungsjahr: 2023
Claudia Dorka
– der Tiefe ganze Breite –
Geschichten
Gedichte
Geknipstes
© 2023 Claudia Dorka
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Lektorat: Helmut Dreier
ISBN
Softcover
978-3-347-85643-1
Hardcover
978-3-347-85644-8
E-Book
978-3-347-85645-5
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DankesReise
… von A nach B
… über E zum M
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Emil und die kleine Hexe …
Mittwärts
Laut.Los.Still.
KartoffelKiste
Buswartehäuschen Nr. 12
Spieglein, Spieglein …
Ritual in Rot-Weiß
tönetieftauchen
tauchEINweDU
bassvibrieren
WünschDirWasPlatz
Fort.Weg.Gang.
SchienenReiseBilder
Südliche Einfahrt HBF Köln
SchienenReiseBild 1
SchienenReiseBild 2
SchienenReiseBild 3
Urlaub anno …? Malle!
Izmir - last call …
Vielfalt? … Grau!
Der feuerspuckende Schornstein
Tennessee Williams & das Etuikleid
Neu …
Stille Nacht …
ewig währt am Längsten
Worum geht’s?
Über die Autorin
Abbildungen
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Emil und die kleine Hexe …
Abbildungen
Cover
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Emil und die kleine Hexe …
Leise. Ganz leise jetzt die Seite umschlagen. Nichts darf rascheln. Nichts darf knarzen. Luft anhalten. Seite anpacken, oben rechts. Die Seite zwischen den Fingern spüren und sie möglichst behutsam auf die schon gelesene Seite legen. Und das, obwohl die innere Spannung, wie die Geschichte weitergeht, sie völlig kribbelig macht. Vor Anstrengung hält sie die Luft an. Geschafft! Glaubt sie wenigstens.
Bevor sie weiterliest, lauscht sie, ob sie Schritte in der Wohnung hört. Und fühlt ihr Herz schlagen – bis zum Hals. Draußen alles ruhig. Weiter geht’s. Buchstabe um Buchstabe folgt sie der kleinen Hexe durch den Hexenwald, taucht mit dem Wassermann auf den Seegrund hinunter, hält den Gepäckschein 666 in den verschwitzten Händen und rennt mit Emil und seinen Detektiven um die Wette.
Immer im Schein von Opas heimlich zugeschanzter Taschenlampe. »Bleibt aber unter uns«, murmelte er, als er sie ihr in einem unbeobachteten Moment in die Hand drückte.
Eine Taschenlampe nur für sie allein. Und das Beste, zum Aufladen in der Steckdose. Kein Taschengeldbetteln für neue Batterien und vor allem keine Nachfragen, wieso die alten Batterien schon wieder alle sind, wo sie doch so teuer sind und wieso braucht Fräulein Tochter überhaupt eine Taschenlampe …
Wieso? »Um mich im Keller nicht zu fürchten Mama.«
Lesen unter der Bettdecke ist nämlich verboten. Gibt schlechte Augen, zu wenig Schlaf und wahrscheinlich auch noch Pocken, Masern und Keuchhusten auf einmal. Erwachsene können so ungerecht sein. Im spannendsten Moment soll sie aufhören zu lesen.
»Morgen ist doch auch noch ein Tag.« Ach ja?
»Und wenn nicht, dann weiß ich nicht, wie es ausgegangen ist.« Das ist doch nicht so schwer zu verstehen, dass sie jetzt noch weiterlesen muss. »Nur noch eine Seite, nur noch ein Kapitel, nur noch diese eine Reihe.« Nichts hat geholfen.
Kein Jammern, kein Heulen, kein Luft anhalten. Und jetzt liegt sie hier, Abend für Abend unter der stickigen Bettdecke, eingerollt mit der Taschenlampe neben dem Buch und taucht ein in Abenteuerwelten und Buchstabenstürme. Die ganzen Sommerferien lang.
Und tagsüber?
Liegt sie auf ihrer Beinebaumelbank unter der Weide im Siedlungsgarten, wartet darauf, dass die Taschenlampe in der Kellersteckdose aufgeladen wird, steckt die müde Nase in die Luft und hört den Raben Abraxas ihr zurufen:
»Ohh, sie erwischen dich kleine Hexe, bestimmt erwischen sie dich. Ey Ey Ey, ich glaube das geht nicht gut.«
»Doch. Doch.« murmelts unter der Weide.
Mittwärts
Dreh.
Tanz.
Ent-
Sprungen.
Höhe-
Strebend.
Tief
Tauchend.
Mittwärts …
Laut.Los.Still.
Schmerzen schlagen in Wellen durch ihre rechte Wade. Nicht Fuß, nicht Bein, nein nur Wade, rechts. Alles bündelt sich genau dort. Es brennt orange-blau in diesem eng begrenzten Stück Fleisch. Und aus unerklärlichen Gründen schmeckt es auch feuerrot im Mund.
Aufstehen – sofort.
Bewegen – gleich.
Flucht – jetzt.
Sie atmet tief durch und bleibt.
Den Schmerz im Körper als Chance erleben, um dem Brainfuck im Kopf zu entgehen. So viel zur Theorie. Praktisch durchlaufen sie gerade viele Erscheinungen gleichzeitig: Schmerz – Gedankenrasen – innerliche Kampfansagen – lautlos dröhnende Wuttiraden.
Toll.
Und dafür bin ich extra hierhin gekommen.
Niemand kann sagen, ich sei gezwungen worden. Ergo gibt es niemanden außerhalb mir selbst, auf die ich sauer sein könnte, der ich die Schuld geben könnte, die ich mal ordentlich anmaulen könnte.
Nix is’ mit externer Dampfentladung.
Nur ich, mein Körper, der Raum und dieses Kissen.
Basta.
Mit ihr sitzen 60 andere, zusammen und doch alleine, auf ihren Kissen. Der Raum scheint sich in vielen Atemtempi facettenreich mal zu weiten, mal zu verengen. Wie ein eigener Organismus wirkt er. Alles scheint dort verlangsamt. Auch die Staubpartikel, die vor ihr durch die Luft schweben.
Atmen!
Nicht-denken …
Wie soll das gehen?!
In gefühlten Nano-Intervallen sausen Sätze, Fragmente, Bilder durch etwas, das sie »da-oben« nennt.
Denkt sich der ganze Quatsch echt im Hirn?
Woher weiß ich das?
Vielleicht denkt ja der Arm, die Ferse oder ein ganz anderes Feld außerhalb meiner Selbst, das irgendwie einer Drohne ähnlich um mich herum saust?
Vielleicht …
Atmen!
Ihr Brustkorb hebt und senkt sich.
Sie fühlt ihren Hintern auf dem Kissen.
Fett und …
Atmen!
Das Ende ihres Blickfeldes zieren zehn nackte Zehen auf einem Kissen ihr gegenüber. Die Rückseite ihres Rückenfühlfeldes spürt ein weiteres Wesen, atmend. Rechts von ihr eine rote Sandsteinsäule, verlässlich, kühl, da, ruhig.
Atmet die auch?
Links von ihr, Seit an Seit, ein weiteres Wesen, atmend. Schräg rechts gegenüber …
Atmen!
Sie sitzt, fühlt, spürt.
Wenige Sekunden hält dieses »alles-fließt-in-allesüber-nichts-ist-fest-und-alles-durchlässig« an.
Also schräg rechts gegenüber kämpft seit Tagen eine …
Atmen!
Ganz zu schweigen vom Herrn auf dem Gartenstuhl links gegenüber …
Atmen!
Herrgottnochma’. Vorhin ging es doch. Neulich war es noch viel einfacher.
Wieso …?
Autsch!!!
Ihre eingeschlafenen Beine kribbeln kreischrot und fühlen sich nach Ameisenhorden auf Speed an. Diese Körpersensation schreddert auf der Stelle ihr DenkGebrabbel.
Das Kribbeln annehmen.
Hierbleiben wollen.
Letting go off …
Atmen!
Für einen kleinen Moment so etwas wie Ruhe, so wie im Auge des Sturms. Trotz aller wandernden Sensationen, trotz aufwühlender Emotionen und trotz gedanklicher Affenjagd urplötzlich das hier: »kein-Kampf-jetzt-hier-außerhalb-Zeit-präsent-da«.
Oh klasse!!!
Verdammt.
Diese kindliche Begeisterung hat das Präsenzzeitfenster in Sekundenschnelle zugeknallt.
Wir haben Tag vier von sieben.
Vierundzwanzig Stunden plus x-Minuten »Sitzen in Versunkenheit« hinter und genau vierundzwanzig Stunden Zazen vor ihr. Alles drängt in ihr, nach einer Uhr zu sehen.
Atmen!
Die Hoffnung, wenn das »da-oben« sich ausgerast hat und der Körper müd geschmerzt ist, dann kann das Unaussprechliche geschehen.
Das, was ohne Worte ist.
Kein-Ich.
Kein-Jetzt.
Kein-Dann.
Kein-Damals.
Kein-Nichts.
Kein-Kein.
Kann sein.
Kann nicht sein.
Mal passiert es.
Mal nicht.
Jetzt gerade gar nicht.
Die Denk-Drohne saust gnadenlos um sie herum:
