Der Tod der kleinen Katze - Dorothea Böhmer - E-Book

Der Tod der kleinen Katze E-Book

Dorothea Böhmer

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Beschreibung

Kater Lanzelot beschreibt trotz aller Tragik frech und stellenweise humorvoll die schmerzlichen Phasen, die seine Madame nach der völlig überraschenden Nachricht von der schweren Krankheit der Katze Jenny durchmacht. Jenny hat nur noch wenige Tage zu leben. Lanzelot nennt sie nur die "kleine Katze". Denn sie war kleiner und "viel weniger prächtig" als er selbst. Und Madame? Die heult, räuchert, träumt, bekommt Botschaften von Jenny aus dem Jenseits und setzt sie in die Tat um. Ein Buch für alle, die Katzen lieben und/oder um ein geliebtes Wesen trauern oder getrauert haben. Am Ende des Buches geben Lanzelot und Madame jeweils 10 Tipps zum Umgang mit dem Tod.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 160

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Zur Autorin

Dorothea Böhmer lebt in München im Haushalt von Lanzelot. Mitteilungen an sie oder Lanzelot bitte an den Verlag: [email protected]

Dorothea Böhmer

Der Tod der kleinen Katze

Kater Lanzelot packt aus

© 2019 Dorothea Böhmer

Illustrationen: Martina A. Wagner-Al Yassin

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,

22359 Hamburg

ISBN

Paperback

978-3-7482-8384-3

Hardcover

978-3-7482-8385-0

e-Book

978-3-7482-8386-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Miese Stimmung

Jenny hat sich gern versteckt

Madame liebt Tücher

Zwei Katzen gegen Arbeitswahn

Freuden des Freigangs

Liliths Tod und das kleine Mädchen

Die kleine Katze kommt an

Der Glitzerbaum als Omen

Die kleine Katze humpelt

Die falsche Entscheidung

Eine grausame Entdeckung

Henkersmahlzeit

Erster Besuch der Tierärztin

Die kleine Katze nimmt Abschied

Nachbarkater Findus

Der letzte Ausflug

Arsen – das Mördergift soll helfen

Die Tierärztin kommt das zweite Mal

Rosen, Sonne, Abfahrt und Rückkehr

Jennys Christbaum wird aufgestellt

Dritter Besuch der Tierärztin

Mord oder Erlösung?

Im Krematorium

Die erste Botschaft der kleinen Katze

Am Weihrauchstand

Abschied vom Körper der kleinen Katze

Die rosa Glitzerurne

Ein neuer Christbaumschmuck

Der schwarze Rabe an Silvester

Die zweite Botschaft der kleinen Katze

Die Verbindung bleibt

Plausch mit Frau Weisser am Fenster

Eine neue Freundin kommt und verschwindet wieder

Jenny schickt die Herzkatze

Die Räucherschale geht kaputt

10 Tipps von Madame zum Umgang mit dem Tod

10 Tipps von Lanzelot zum Umgang mit dem Tod

Miese Stimmung

Die Augen rot, das Gesicht verquollen, die Haare verklebt, sie hat schon besser ausgesehen, viel besser. Madame hat die kleine Katze nicht nur geliebt. Sie war in Jenny vernarrt.

Seit Wochen wird hier nicht mehr gelacht, nicht mehr geblödelt, nicht mehr gespielt. Madame heult, wenn sie das Foto von Jenny betrachtet, heult, wenn sie die Plüschmaus sieht, und heult, wenn sie mich alleine am Fressnapf antrifft. Wenn sie nicht heult, redet sie entweder mit sich selbst, mit der kleinen toten Katze oder mit mir. Oft nimmt sie mich dabei auf den Arm. Zwar ist es lästig, wenn sie mein Fell mit ihren Tränen voll tropft, aber ich muss da durch. Schließlich teilen wir Tisch und Bett. Trotzdem geht sie mir auf die Nerven mit ihrer Trauer.

Es ist nun mal so. Die kleine Katze ist tot. Natürlich vermisse ich sie! Obwohl ich nie gedacht hätte, dass sie mir fehlen würde. Wen soll ich jetzt vermöbeln, wenn mir langweilig ist? Mit wem den rituellen Morgenkampf ausführen? Wen aus meinem Garten zurück in die Wohnung scheuchen? Das Leben ist trist geworden, seit sie tot ist. Sehr trist. Ich muss mich ablenken, deshalb schreibe ich alles auf.

Jenny hat sich gern versteckt

Jenny steht im Tierpass als offizieller Name der kleinen Katze. Ich habe keinen Pass, weil ich vom Bauernhof bin und der Bauer hatte keinen Pass für mich. Keine Ahnung wieso nicht. Ich und Jenny haben sieben Jahre und einen Monat zusammen gelebt. Sie kam aus dem Tierheim zu mir. Da war sie bereits sechs Jahre alt. Vier Jahre älter als ich damals. Zugegeben, sie war hübsch. Sehr hübsch, wenn man auf den leicht molligen Typ steht. Schwarz mit weißen Schnurrhaaren sah sie aus wie ein Wels, dieser Fisch mit Bart. Sie hatte hübsche Ohren, je nach Lichteinfall lindgrüne bis grasgrüne Augen und eine pinkfarbene Zunge, die zu sehen war, wenn die kleine Katze gähnte. Unter dem Mäulchen leuchtete weißes Fell wie ein heller Latz, am Bauch – genau in der Mitte – ein weißer Fleck, vorne schwarz-weiße Füße, so regelmäßig im Muster, dass es aussah als würde sie Schuhe tragen. Die Hinterfüße waren ganz weiß, jedoch reichte das Weiß höher als an den Vorderpfoten, so dass es wirkte, als würden ihre Beine in weißen Stiefelchen stecken.

Die Fußballen der kleinen Katze waren an den Vorderpfoten lachsrosa unter dem weißen Fell und schwarz unter dem schwarzen Fell. Sie konnte ihre Füße ewig sauberlecken, sollte mal ein Stäubchen oder Krümel Erde dran gekommen sein. Da die Krallen der kleinen Katze an den Hinterfüßen ziemlich lang waren, konnte ich sie auf dem Parkettboden von weitem hören, egal in welchem Zimmer sie sich bewegte. Klick-klick-klick-klick, klick-klick-klick-klick, klick-klick-klick-klick bis sie vor mir stand. Madame nannte sie deshalb auch „Stöckelschuh-Jenny“. Und der Kosename „Gin Gin“ entstand, weil Madame meinte, die kleine Katze sähe aus wie ein Revuegirl, ein Filmstar oder eine verwöhnte Frau der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts im schwarzen Pelzmantel mit weißem Kragen, die gerne Gin trinkt. Manchmal rief Madame sie „Dschinnchen“, weil die kleine Katze wie ein Dschinn, ein orientalischer Geist, aus dem Nichts auftauchen konnte. Oft drehte sich Madame um, wenn sie am Schreibtisch saß, weil sie, obwohl sie die kleine Katze nicht entdecken konnte, spürte, dass sie von ihrem Dschinnchen mit Blicken durchbohrt wurde. Die kleine Katze saß in diesen Momenten mucksmäuschenstill entweder hinter dem blau glasierten Keramiktopf, aus dem mein Monster-Gummibaum wächst, oder wie versteinert hinter dem grünen Keramikelefanten, auf dem Kopien von irgendwelchen Aufsätzen liegen, oder sie lugte hinter einem der vielen Bücherstapel hervor, die Madames Schreibtisch wie kleine Wachtürme umgeben.

Den Namen Jenny nutzte Madame hauptsächlich, wenn sie sich um die kleine Katze sorgte, zum Beispiel, wenn die verschwunden war. Dabei hat sich die kleine Katze oft absichtlich versteckt. Einer ihrer Lieblingsorte war der Kleiderschrank mit der Magnettür, die hinter ihr zufiel, sobald sie sich hineingemogelt hatte. Durch den winzigen Türspalt beobachtete sie anschließend, wie Madame durch die Zimmer rannte und dabei immer lauter und besorgter nach ihr rief. Irgendwann kam sie aus ihrem Versteck heraus, stöckelte hoch erhobenen Kopfes und miauend zu Madame, um sich und ihr Auftauchen feiern zu lassen. Das war ein ziemlich mieser Charakterzug der kleinen Katze. Madame fiel jedes Mal ein Stein vom Herzen, wenn ihr Kätzchen wieder da war. Den Namen Jenny benutzte Madame auch, wenn die kleine Katze irgendetwas anstellte, zum Beispiel sich mit ihrem ganzen Gewicht an das rechte vordere Tischbein des Küchentischs hängte und tiefe Kerben in das gemaserte Holz ritzte. Warum sie ihre Krallen immer nur an diesem einen Tischbein wetzte, obwohl sie vier zur Auswahl hatte, habe ich nie durchschaut. Anstatt dass Madame froh ist, dass niemand mehr die Möbel malträtiert, streichelt sie jetzt täglich das aufgeraute Tischbein mit den vielen Scharten. Ihre Augen werden dabei glasig.

„Jenny, Gin Gin, Dschinnchen …“, manchmal rief Madame die kleine Katze auch mit mehreren Namen gleichzeitig, in der Hoffnung, dass sie zumindest auf einen davon hören würde.

Dieses klick-klick-klick-klick der Krallen war vorteilhaft für mich. Ich liebte es, die kleine Katze zu überraschen. Oft versteckte ich mich hinter einer der acht Zimmertüren oder hinter dem leuchtend orangen Taftvorhang im Wohnzimmer, der so schön raschelt. Wenn die kleine Katze nichtsahnend heranklickerte, dann zack auf sie mit Gebrüll. Der Spaß endete jedes Mal dadurch, dass Madame heranstürmte und schrie: „Lanzelot, lass sofort das Dschinnchen in Ruhe.“

Lanzelot bin ich: umwerfend schön, schwarz mit fünf weißen Haaren auf der Brust, stark und kräftig, acht Kilo schwer, mit zehneinhalb Jahren im besten Alter und ziemlich groß, weshalb mich Madame manchmal auch ihren Panther nennt. Einmal hat sie mir erzählt, dass sie sich als Kind gewünscht hatte, später einen schwarzen Panther zu haben. Und was ist passiert? Ihre kleine Schwester bekam von der Mutter einen riesigen Stoffpanther zum Geburtstag geschenkt, obwohl die überhaupt nicht an Panthern interessiert war und sich heute immer noch nichts aus ihnen macht. Sie betreut inzwischen einen Goldfisch, eine Art Nahrungsergänzungsmittel für Kater, den ich gerne kennenlernen würde. Madame war damals ziemlich sauer auf ihre Mutter, hat es aber irgendwann geschafft, den Panther in ihr Zimmer zu bringen und zu verstecken, bis ihre Schwester nicht nur vergessen hatte, dass es ihrer war, sondern ihn überhaupt vergessen hatte. Wie kann man nur einen schwarzen Panther vergessen? Seltsame Schwester.

Oh, ich habe auch etwas vergessen. Ich habe vergessen zu erwähnen, dass die kleine Katze gar nicht klein war. Sie war eine große, prächtige Katze. Nur im Vergleich zu mir war sie klein. Und natürlich weniger prächtig. Viel weniger prächtig.

Madame liebt Tücher

Wie kann ich meine Madame schildern? Eine Mischung aus Putzfrau, Haushälterin, Krankenschwester, Pausenclown, Eventmanagerin und Bodyguard trifft es am besten. Daneben hat sie einen Zweitjob, für den sie Geld bekommt, das sie braucht, um mein Biofutter bezahlen zu können. Der Thunfisch, den sie für mich kauft, ist teurer, als der, den sie für sich aussucht. Einer ihrer Lebensabschnittbe- gleiter ist ausgerastet, als er das gehört hat. Der ist inzwischen verschwunden. Der Typ, nicht der Thunfisch. Dabei ist es völlig logisch, dass ihr Fisch weniger kostet als meiner. Irgendwo muss sie schließlich sparen, um meinen Lebensstil mit Leckerlis, Katzenleiter und Garten mit jährlich frischer Katzenminze und Gamander zu finanzieren. Sie ist manchmal einen ganzen Tag oder auch zwei Tage weg, aber eigentlich arbeitet sie viel von Zuhause aus, was ich in Ordnung finde. Ich mag es, wenn sie in meiner Nähe ist, solange sie nicht nervt. Oder heult.

Ihre Erscheinung ist schwer zu beschreiben, weil sie unterschiedlich aussieht, je nachdem ob sie gut oder schlecht gelaunt, ausgeschlafen oder unausgeschlafen, motiviert oder gestresst, geschminkt oder ungeschminkt ist. Aber was immer zutrifft: Sie hat blaue Augen und trägt gerne Tücher.

Letztere ist die Beste ihrer Gewohnheiten, weil sich die Tücher zum Spielen eignen. Einmal wäre Madame fast von der kleinen Katze erwürgt worden. Das war sehr lustig. Madame saß am Schreibtisch. Die kleine Katze hatte sich von hinten an sie herangepirscht, weil das Tuch – ein breiter Schal – von der linken Schulter bis auf den Fußboden fiel und die Fransen bei jeder Bewegung von Madame über den Boden schlingerten. Mit Karacho sprang die kleine Katze hoch und hängte sich mit voller Wucht in den Stoff. Erst als Madame grün im Gesicht wurde und röchelte, wusste ich: Es wird ernst. Da ich weiterhin von ihr gefüttert und gestreichelt werden wollte, griff ich ein und biss Jenny in den Hintern, wodurch diese das Tuch los lies, auf den Boden plumpste und Madame wieder Luft bekam. Ich wünschte mir so sehr, dass Madame die kleine Katze richtig schimpfen würde, weil sie das noch nie getan hatte: nicht, wenn sie die Krallen am Sofa und an den Sesseln schärfte, bis die Polster platzten und die Füllungen in dicken, weißem Bäuschen herausquollen; nicht, wenn sie das Tischbein des geheiligten Küchentisches aufraute; nicht, wenn sie die Wäsche vom Wäscheständer zog und auf der besten Seidenbluse von Madame durch den Gang schlitterte; und nicht, wenn sie über die Tastatur des Computers tappte und Emails abschickte. Und was war? Madame, offensichtlich unter Sauerstoffmangel im Hirn leidend, säuselte nur:

„Dschinnchen, du kleiner Schlingel, du bist mir ja eine Spielemaus.“

Spielemaus! Fast krepiert und nimmt immer noch die kleine Katze in Schutz. Nicht zu fassen. Hat sie mich gelobt, dass ich sie befreit habe?

Nein!!

„Lanzi, du Hallodri. Du sollst doch dem Dschinnchen nicht in den Popo beißen.“

Geht’s noch? Das nächste Mal lasse ich die kleine Katze im Schal baumeln und beobachte, wie das Gesicht von Madame die Farbe wechselt. Mir doch egal, wenn sie erwürgt wird. Um einen Kater wie mich schlägt sich die halbe Welt. Aber das Problem hat sich ja erledigt. Mir war kurzzeitig entfallen, dass die kleine Katze tot ist.

Zwei Katzen gegen Arbeitswahn

Doch der Reihe nach. Wann, warum und woher kam die kleine Katze eigentlich zu mir? Ich war nämlich zuerst da. Und wann, woher und mit wem kam ich?

Die Ankunft der kleinen Katze hatte mit einem Todesfall zu tun. Ja, es gab zwei Todesfälle bei Madame. Und nein, ich schreibe keinen Krimi und Madame ist keine Mörderin. Obwohl, letzteres werde ich noch genauer erörtern, denn ganz eindeutig ist das nicht. Zumindest hatte sie mit dem ersten Todesfall nichts zu tun. Der betraf die schneeweiße, langhaarige, größenwahnsinnige Katze Lilith alias Gil. Sie wurde überfahren. Auch dazu gehört eine Vorgeschichte.

Es ging so los. Madames damaliger Freund, ein anderer als der bereits erwähnte, hatte ihr geraten, sich eine Katze anzuschaffen. Übrigens haben wir uns von dem Typ ebenfalls getrennt. Madame hat gemerkt, dass sie neben mir keinen anderen Kerl braucht.

„Du sitzt zu viel am Schreibtisch, du brauchst Pausen. Eine Katze wäre ein guter Ausgleich und eine Ablenkung.“

„Ich bin zu oft unterwegs, die Katze wäre zu oft alleine.“

„Dann schau dich nach zwei Katzen um. Vielleicht findest du ein Geschwisterpärchen.“

Obwohl Madame unentschlossen war, surfte sie seit diesem Gespräch auf Tierheimseiten und las Kleinanzeigen, bis sie in einer Zeitung über mich und die weiße Katze stolperte. Wir waren damals beide eineinhalb Jahre alt und hießen Gino und Gil, ich – bis auf die fünf Härchen, hatte ich ja erwähnt – pechschwarz, Gil blütenweiß. Ich war nach dem Verkäufer einer Eisdiele benannt, Gil nach einem Parfüm. Diejenige, die uns das angetan hatte, war Ivette, die gerne Eis aß und sich ebenso gerne parfümierte, damals 23 Jahre alt, dunkelbraune lange Haare, arbeitslos, in einer 30 Quadratmeter Wohnung lebend. Ivette hatte nicht bedacht: erstens, dass sie irgendwann wieder eine Arbeitsstelle bekommen würde, zweitens, dass zwei niedliche Kätzchen zu zwei kraftstrotzenden Raubtieren mutieren könnten. Beides war eingetroffen, weshalb sie uns schnellstmöglich loshaben wollte.

Glücklicherweise rief Madame an, sie hatte das Foto von uns im Internet gesehen, auf dem wir zwei circa zehn Wochen alt waren und eng aneinandergeschmiegt auf einer roten Decke lagen. Naja, ich war eng an Gil geschmiegt. Gil hatte sich wie ein Starlet auf der Decke drapiert und sah von sich selbst überzeugt in die Kamera. So war sie: selbstbewusst, arrogant und unsäglich eingebildet. Madame erklärte Ivette, dass sie eine große Wohnung habe, als Kind mit Katzen aufgewachsen sei und uns beide sehr gern zu sich nehmen würde. Es war so peinlich. Ivette wollte nicht einmal etwas für uns haben. Als sie uns zu Madame brachte, hatte diese stilvoll eine Flasche Wein und eine doppelstöckige Pralinenschachtel für sie besorgt. Ivette konnte gar nicht schnell genug abhauen. Sie war die größte Enttäuschung meines Lebens. Immerhin stellte sie noch fest:

„Wie schön, dass Gil jetzt in so eine elegante Wohnung kommt, das mag sie.“ Kein Wort von mir.

Ja, Gil sah sehr chic aus, die neue Umgebung passte tatsächlich gut zu ihr. Sie spazierte auch sofort durch alle Zimmer, um diese zu inspizieren. Dass Ivette gegangen war, war ihr ziemlich egal. Sie war von ihrem neuen Zuhause mehr als angetan. Es war ihrer würdiger als die alte, enge Wohnung.

Mir war es nicht geheuer, wie viel Platz wir plötzlich hatten, weshalb ich mich hinter der Waschmaschine versteckte mit dem Gesicht zur Wand. Ich war damals nicht so selbstbewusst wie heute. Seit wir zusammen lebten, hatte Gil mich mit harter Pfote unterdrückt. Woher sie war, weiß ich nicht mehr. Mich hatte Ivette jedenfalls von dem schon erwähnten Bauernhof geholt.

Gil und ich waren äußerst glücklich, dass wir nun Lanzelot, nach dem Ritter von König Artus, und Lilith, nach einer orientalischen Göttin, gerufen wurden. Selbst wenn Madame uns „Micki“ und „Mini“ getauft hätte, hätten wir darauf gehört. Nur weg mit den Namen Gino und Gil.

Lilith hatte sich sofort das leuchtend orange Sofa als Stammplatz auserkoren. Ja klar, es befindet sich im selben Zimmer wie die orangen Vorhänge. Hierauf lag sie meist auf dem Rücken und ausgestreckt wie eine Diva, so dass weder für mich noch für Madame Platz war. Genau das war von Lilith beabsichtigt. Den deckenhohen Katzenkratzbaum beschlagnahmte sie ebenfalls als ihr Eigentum. Ging ich zu nahe an ihr vorbei, klatschte sie mir eine, Madame wurde angefaucht, was nur beim Füttern unterblieb.

Statt im vierten Stock wohnten wir jetzt im Erdgeschoss. Lilith alias Gil konnte stundenlang aufrecht wie eine in Marmor gemeißelte ägyptische Katzengöttin an einem der vielen Fenster sitzen. Nur ihre Augen bewegten sich, denn sie beobachtete alles, was draußen vor sich ging. Immer häufiger stellte sie sich auf die Hinterbeine und tastete mit den Vorderpfoten die Fensterrahmen ab, bald schleifte sie mit ihren Krallen daran entlang. Sie wollte nur eines: raus. Nicht weil es ihr bei Madame nicht gefallen hätte. Ganz im Gegenteil. Das Futter war gut, die Wohnung ein Palast, sie durfte machen, was sie wollte und wurde von Madame und allen Besuchern und Besucherinnen, die bei uns vorbeikamen, aufgrund ihrer Schönheit und Eleganz bewundert. Auch Madame selbst hatte für sie, und hat heute noch für mich, durchaus Unterhaltungswert. Doch das Leben auf der anderen Seite des Fensters – die Vögel, die zwischen den Bäumen flatterten und auf den Zweigen hopsten, die Insekten, die zwischen Blumen und Gräsern summten, Menschen, die Hunde an der Leine führten, von Hunden an der Leine geführt wurden oder von Hunden ohne Leine begleitet wurden – hatte einen maßlosen Entdeckerinnendrang in ihr geweckt. Madame beschloss nach fünf Monaten schweren Herzens eine Katzenleiter vom Sims des Badezimmerfensters in den Garten hinunter anbringen zu lassen, damit Lilith die Welt erkunden konnte. Ihr Freund, er weilte seinerzeit noch bei uns, war dagegen.

„Die hauen ab. Du siehst die Katzen nie wieder, wenn die erst mal die Leiter hinuntergegangen sind.“

Aber Madame war mit freilaufenden Katzen aufgewachsen, die ein Alter zwischen 16 und 19 Jahren erreicht hatten, obwohl das Elternhaus von Madame an einer der am stärksten befahrenen Straßen einer Kleinstadt liegt. Madame hasst übrigens diese Kleinstadt. Sie sagt, sie bekommt dort keine Luft und fährt ganz selten hin. Im Mittelalter sind dort Katzen und Hexen verbrannt worden. Ich will da auch nicht hin.

Lilith hatte sofort kapiert, was vor sich ging. Ich gebe es nicht gerne zu, dass sie intelligenter war als ich. Kaum war die Leiter angebracht und das Fenster offen, stolzierte sie hinunter in den Garten, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Und natürlich betrachtete sie den Garten von Beginn an als IHREN Garten, obwohl Lebewesen in Sichtweite waren, die offensichtlich lange vor ihr den Garten nutzten.

Freuden des Freigangs

Als erstes spazierte Lilith am Nachbarn Benno vorbei. Er hatte die Katzenleiter gebaut, doch, wie sich bald herausstellte, sehr dilettantisch. Beduselt von Bier, dem er zu jeder Tages- und Nachtzeit in zu großen Mengen frönte, hatte er die Querleisten von unten statt von oben auf das Brett genagelt. Als Madame es am blutigen rechten Vorderfuß von Lilith merkte, hämmerte sie die vorstehenden Nägel ein. Sie kann handwerken, wenn sie will, aber meistens hat sie keine Lust dazu. Neben Benno saß dessen Hund Fridolin, eine kurzbeinige Mischung zwischen Schäferhund und irgendetwas Kleinerem. Er hat einen monströsen Kopf, Säbelbeine und krumme Krallen, ist aber ein umgänglicher, gutmütiger Bursche. Fridolin lebt noch. Das Haupt majestätisch erhoben, schritt Lilith mondän direkt an ihm vorbei, da hätte niemand mehr dazwischen gepasst. Keine Katze und kein Hund. Fridolin winselte vor Angst und sah ihr starr vor Staunen hinterher. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als ich das vom Fenster aus beobachtete. Madame seufzte. Ihr Freund wiederholte sich:

„Die siehst du nie wieder“, worauf Madame ruhig erwiderte: „Doch“.