Der Tod im Kasino - S. S. Van Dine - E-Book
Beschreibung

Philo Vance erhält einen merkwürdigen Brief: Der anonyme Schreiber kündigt an, in der wohlhabenden und berühmten New Yorker Familie Llewellyn werde demnächst ein schlimmes Verbrechen geschehen. Der Privatdetektiv soll sich in ein bekanntes Kasino in der Upper West Side begeben. Dort erlebt Vance tatsächlich, wie der junge Lynn Llewellyn zusammenbricht - offenbar nach einem Giftanschlag. Während Llewellyn überlebt, stirbt seine Frau noch in der gleichen Nacht, ebenfalls nach einer Vergiftung. Vance ermittelt - dann passiert ein weiterer Giftmord … Dieser Krimi aus der Philo-Vance-Reihe wurde 1935 erfolgreich verfilmt. Mit dieser Ausgabe bei krimischaetze.de ist die Original-Übersetzung erstmals als E-Book verfügbar. In Zukunft werden bei krimischaetze.de regelmäßig weitere Titel erscheinen - überarbeitet, in neuer Rechtschreibung und mit erklärenden Fußnoten versehen. krimischaetze.de 1. Auflage (Vollständig, überarbeitet, kommentiert) Umfang: 230 Buchseiten bzw. 209 Normseiten Null Papier Verlag

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:251

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

S. S. Van Dine

Der Tod im Kasino

Ein Fall für Philo Vance.Kriminalroman aus New York.

S. S. Van Dine

Der Tod im Kasino

Ein Fall für Philo Vance.Kriminalroman aus New York.

(The Casino Murder Case)

Original: Bern; Leipzig; Wien, Goldmann, 1935

Übersetzung: Hans Herdegen

Überarbeitung, Umschlaggestaltung: Null Papier Verlag

1. Auflage, ISBN 978-3-95418-530-6

Umfang: 209 Normseiten bzw. 230 Buchseiten

www.krimischaetze.de

 

Über krimischaetze.de

Kriminalromane sind heutzutage erfolgreich wie nie. Krimi-Klassiker? Da denken die meisten sofort an Agatha Christie (1890-1976) oder Edgar Wallace (1875-1932). Tatsächlich gehörten die britischen Autoren zu den ersten, die in den »wilden« 1920er Jahren ins Deutsche übersetzt wurden. Krimi-Fans kennen oft auch den Schweizer Friedrich Glauser (1896-1938), den Namensgeber des Glauser-Preises – eine der wichtigsten Auszeichnungen für deutschsprachige Krimi-Autoren. Wie vielfältig die Krimi-Szene in der Weimarer Republik war, ist in der breiten Öffentlichkeit jedoch vollkommen in Vergessenheit geraten. Für krimischaetze.de haben sich Jürgen Schulze, Verleger des Null Papier-Verlages, und Sebastian Brück, Autor und Journalist, zusammengetan, um alte Krimi-Bestseller neu zu entdecken und als E-Book verfügbar zu machen – überarbeitet, in neuer Rechtschreibung und mit erklärenden Fußnoten versehen.

Das krimischaetze.de-Programm startet zunächst mit sechs Titeln – sowohl Übersetzungen aus dem Englischen (S.S. Van Dine) und Schwedischen (Julius Regis), als auch deutschsprachige Originale: In je zwei Fällen ermitteln Philo Vance, der »amerikanische Sherlock Holmes«, und Maurice Wallion, der »Detektivreporter« und »Urvater« von Stieg Larssons »Millenium«-Protagonist Mikael Blomqvist. Ebenfalls vertreten sind die vergessenen Werke zweier jüdischer Autoren: Die in Budapest, Paris und San Sebastián spielende Krimikomödie »Fräulein Bandit« des Österreichers Joseph Delmont sowie der humorvolle Kriminalroman »Das verschwundene Haus – oder: Der Maharadscha von Breckendorf« des Frankfurters Karl Ettlinger.

In Zukunft werden bei www.krimischaetze.de regelmäßig weitere Titel erscheinen.

Über den Autor

Noch heute wird S.S. Van Dine immer wieder gemeinsam mit Autoren wie Agatha Christie oder Dorothy L. Sayers als Mitbegründer des goldenen Zeitalters des Kriminalromans genannt. William Huntington Wright – so lautet der echte Name des US-Autors – wählte für seine Kriminalromane ein fiktives Ich-Erzähler-Pseudonym: »Van« ist sein dritter Vorname und nicht mit dem niederländischen Adelsprädikat zu verwechseln, »S.S.« steht für »steamship« (Deutsch: »Dampfschimpf«).

Wright wurde 1888 in Virginia geboren, wo seine Eltern ein Hotel führten. Er studierte mit mäßigem Erfolg an drei Colleges, unter anderem in Harvard. Danach ging er für ein Kunststudium nach München und Paris. Zurück in den USA machte er sich in den 1910er Jahren einen Namen als Literatur- und Kunstkritiker für die Los Angeles Times sowie als Redakteur eines Literaturmagazins. Außerdem veröffentlichte er ein Fachbuch über Friedrich Nietzsche (»What Nietzsche Taught«, 1915) – ein kommentierter Überblick über alle Werke des deutschen Philosophen – sowie mehrere Kurzgeschichten.

Seine Karriere als Krimi-Autor begann in New York, als er von seinem Arzt eine zweijährige Bettruhe verordnet bekam – offiziell aufgrund von Herzproblemen, tatsächlich in Folge seiner heimlichen Kokainsucht. In dieser Zeit, ab 1923, wühlte er sich intensiv durch das Genre der Kriminal- und Detektivliteratur, die damals in literarischen Zirkeln einen schlechten Ruf hatte. Wright erschuf als Gegenpol seinen aus der reichen und eleganten Gesellschaft stammenden Protagonisten Philo Vance, der schnell zum erfolgreichsten Krimi-Ermittler seiner Zeit avancierte, bis er ab 1939 – dem Jahr in dem Wright verstarb – allmählich von Raymonds Chandlers Detektiv Philip Marlowe abgelöst wurde.

Über den Romanhelden Philo Vance

Ein amerikanischer Sherlock Holmes der 1920er und 1930er – bis heute ist Philo Vance immer wieder mit diesem Etikett versehen worden. In der Tat erinnert schon die Erzählweise an Arthur Conan Doyle: In diesem Fall heißt der Chronist nicht Dr. Watson, sondern S.S. Van Dine (siehe: Über den Autor) – ein guter Freund von Philo Vance und dessen Berater und Privatsekretär.

Philo Vance ist Mitte dreißig, groß und kräftig, scharf geschnittene Gesichtszüge, graue Augen – ein durchaus attraktiver Mann, aber kein Schönling. Zuweilen wirkt er etwas snobistisch und distanziert. Dazu passen auch die stets tadellose Kleidung, seine private Kunstsammlung sowie exklusive Interessen wie Polo, Hundezucht oder Bogenschießen. Dieser Typ New Yorker kann nur aus der oberen Gesellschaftsschicht der Metropole stammen.

Vance hat im britischen Oxford studiert, ist durch eine Erbschaft finanziell unabhängig und wohnt mit seinem Butler Currie in der 38. Straße Ost in einem luxuriösen Stadthaus – ein sogenanntes Brownstone mit Dachgarten. Durch seine langjährige Freundschaft mit dem Bezirksstaatsanwalt John Markham wird Philo Vance immer wieder in spannende Kriminalfälle hineingezogen. Auch Sergeant Heath, Leiter der Mordkommission des New York Police Department (NYPD), greift gerne auf den Scharfsinn und die hohe Bildung des Amateurdetektivs zurück. Kriminalfälle als intellektuelle Herausforderung: Indizien sammeln, Fakten analysieren – darin ist Philo Vance ähnlich gut wie einige Jahrzehnte vor ihm Sherlock Holmes.

Nach dem durchschlagenden Erfolg der Krimi-Reihe wurden von 1929 bis 1947 insgesamt fünfzehn Filme mit wechselnden Philo Vance-Darstellern gedreht. Einmal (1930) übernahm auch der Amerikaner Basil Rathbone die Rolle, der ein paar Jahre später als Sherlock Holmes-Darsteller weltberühmt werden sollte. Auch für das Radio wurden die Philo Vance-Krimis adaptiert, NBC brachte in den 1940er Jahren drei Hörspielserien.

Einige Jahrzehnte später gab es das erste Revival: 1974 wagte das italienische Fernsehen eine filmische Neuauflage und drehte eine dreiteilige Mini-Serie, 2002 entstand ein tschechischer TV-Film.

Über dieses Buch

Philo Vance erhält einen merkwürdigen Brief: Der anonyme Schreiber kündigt an, in der wohlhabenden und berühmten New Yorker Familie Llewellyn werde demnächst ein schlimmes Verbrechen geschehen. Der Privatdetektiv soll sich in ein bekanntes Kasino in der Upper West Side begeben. Dort erlebt Vance tatsächlich, wie der junge Lynn Llewellyn zusammenbricht – offenbar nach einem Giftanschlag. Während Llewellyn überlebt, stirbt seine Frau noch in der gleichen Nacht, ebenfalls nach einer Vergiftung. Vance ermittelt – dann passiert ein weiterer Giftmord …

Dieser Krimi aus der Philo-Vance-Reihe wurde 1935 erfolgreich verfilmt. Mit dieser Ausgabe bei krimischaetze.de ist die Original-Übersetzung erstmals als E-Book verfügbar.

Handelnde Personen

Philo Vance: Privater Ermittler in New York.

S.S. Van Dine: Privatsekretär von Philo Vance und im Hintergrund bleibender Ich-Erzähler. Wird von Philo Vance mit seinem dritten Vornamen »Van« angesprochen.

John Markham: Bezirksstaatsanwalt von New York.

Sergeant Heath: Leiter der Mordkommission des New York Police Department (NYPD)

Mrs. Anthony Llewellyn: Witwe und Oberhaupt einer wohlhabenden und berühmten New Yorker Familie.

Richard Kinkaid: Ihr Bruder und Besitzer eines stadtbekannten Kasinos in der Nähe der West End Avenue.

Lynn Llewellyn: Ihr Sohn, bekannt für seine Spielleidenschaft.

Amelia Llewellyn: Ihre Tochter, Kunststudentin.

Virginina Llewellyn, geborene Vale: Lynn Llewellyns Ehefrau, ehemalige Operettensängerin.

Morgan Bloodgood: Chefcroupier in Kinkaids Kasino.

Dr. Allan Kane: Freund der Familie Llewellyn

Dr. Rogers: Mediziner

Dr. Hildebrandt: Einer der besten Toxikologen der Vereinigten Staaten.

Dr. Emanuel Doremus: New Yorker Polizeiarzt und Leichenbeschauer

Hennessey, Sniktin, Sullivan, Burke: Detectives des NYPD

Currie: Englischer Butler und Hausmeister von Philo Vance

1. Der anonyme Brief

(Sonnabend, 15. Oktober, 10:00 Uhr)

Diese Geschichte beginnt mit einem Brief, der am Sonnabend, dem 15. Oktober, morgens mit der Post kam und aus zwei mit Maschine geschriebenen Seiten bestand. Ich betrachtete den Umschlag und sah, dass er in Closter, New Jersey, aufgegeben und am vorhergehenden Tag gegen zwölf Uhr mittags abgestempelt worden war. Vance hatte sich am Freitagabend lange mit seiner Lieblingsarbeit beschäftigt: Er hatte die letzten Funde der mesopotamischen Expedition mit den bisher bekannten sumerischen Töpfereien verglichen. Deshalb stand er erst um zehn Uhr auf. Ich wohnte damals bei Vance in der 38. Straße Ost. Eigentlich war ich sein Rechtsbeistand und Vermögensverwalter, aber während der letzten drei Jahre hatte sich meine Stellung zu der eines Generalsekretärs entwickelt. »Stellung« ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, denn Vance und ich waren gute Freunde, seitdem wir zusammen auf der Harvard-Universität studiert hatten. Diese Freundschaft veranlasste mich auch, die Verbindung mit der Anwaltsfirma meines Vaters aufzugeben und mich nur noch den Angelegenheiten von Vance zu widmen. Wie gewöhnlich hatte ich an diesem rauen, fast winterlichen Oktobermorgen die Post sortiert, geöffnet und alle Schreiben ausgesucht, die ich allein beantworten konnte. Ich war noch damit beschäftigt, als Vance in die Bibliothek kam. Er nickte mir zu, dann setzte er sich in seinen Lieblingssessel vor dem offenen Kamin.

An diesem Morgen trug er ein kostbares, altes Mandarinengewand und chinesische Sandalen. Ich sah ihn etwas erstaunt an, denn er erschien nur selten in solcher Kleidung zum Frühstück.

Die erste Mahlzeit bestand wie gewöhnlich aus türkischem Kaffee, wozu er mehrere Zigaretten rauchte. Als ich dem Butler geklingelt hatte, sagte er: »Sieh mich doch nicht so überrascht an, Van, als ob ich das achte Weltwunder wäre. Heute Morgen fühlte ich mich sehr niedergeschlagen, weil ich verschiedene Inschriften und Zeichnungen auf den alten Tonzylindern nicht entziffern konnte. Ich habe schlecht geschlafen und deshalb heute früh dieses Gewand angelegt, in der Hoffnung, dass es mir etwas orientalische Ruhe gibt.«

In dem Augenblick brachte Currie, der alte Butler und Majordomus, den Kaffee herein. Nachdem sich Vance eine Zigarette angesteckt und an der Tasse genippt hatte, sah er müde zu mir herüber.

»Ist etwas Besonderes in der Post?«, fragte er gleichgültig.

Ich war so interessiert an dem seltsamen anonymen Brief, der eben angekommen war, dass ich ihm ohne eine Bemerkung das Schreiben hinüberreichte. Er hob leicht die Augenbrauen und sah auf die rätselhafte Unterschrift. Nachdem er die Kaffeetasse auf den Tisch gesetzt hatte, las er den Brief langsam durch. Ich beobachtete ihn dabei und sah einen merkwürdigen Ausdruck in seinen Augen. Sein Erstaunen wuchs, und als er das Schreiben bis zu Ende durchgelesen hatte, machte er ein ernstes Gesicht.

Der Brief befindet sich noch in Vances Akten, und wie ich schon berichtete, war er mit der Maschine geschrieben, aber der Schreiber hatte wenig Übung, was man an jedem Wort und an jeder Zeile feststellen konnte. Der Inhalt lautete:

»Mein lieber Mr. Vance, ich bitte Sie um Ihre Hilfe, da ich mich in Schwierigkeiten befinde. Auch im Namen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit wende ich mich an Sie. Ich kenne Ihren Ruf – Sie sind der einzige Mann in New York, der vielleicht in der Lage ist, eine schreckliche Katastrophe zu verhüten, oder, wenn es zu spät dazu sein sollte, den Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Schwarze Schicksalswolken sammeln sich schon seit Jahren über einer Familie in New York, und ich weiß, dass der Gewittersturm nun losbrechen wird. Gefahr und Unglück liegen in der Luft. Bitte, lassen Sie mich nicht im Stich, auch wenn ich Ihnen ganz fremd bin. Was geschehen wird, weiß ich nicht. Wenn ich es wüsste, würde ich mich selbstverständlich an die Polizei wenden. Aber falls sich amtliche Stellen einmischten, würde der Verbrecher gewarnt werden und die beabsichtigte Tat auf später verschieben. Ich wünschte, ich könnte Ihnen mehr sagen, aber dazu bin ich leider nicht in der Lage. Es ist alles so ungewiss, aber es herrscht eine unheilvolle Spannung, und es wird sich sicher etwas Schreckliches ereignen. Lassen Sie sich nicht durch den Schein irreführen. Sie müssen in die Tiefe dringen und nicht nach oberflächlichen Eindrücken urteilen. Alle, die in die Sache verwickelt sind, haben einen verbrecherischen, hinterlistigen und verschlagenen Charakter. Unterschätzen Sie die Beteiligten nicht. Hier folgt alles, was ich Ihnen sagen kann.

Sie haben den jungen Lynn Llewellyn kennengelernt, das ist mir bekannt. Wahrscheinlich haben Sie auch von seiner Heirat erfahren, die vor drei Jahren erfolgte. Seine Frau ist die schöne Operettensängerin Virginia Vale, die seinetwegen ihre Bühnenlaufbahn aufgab. Lynn und sie wohnen seitdem in dem alten Haus der Familie. Aber die Heirat war ein Fehlschlag; seit drei Jahren sammeln sich Gewitterwolken, und jetzt sind die Verhältnisse zu einer Krise gekommen, eine Katastrophe steht unmittelbar bevor. Außer den Llewellyns sind aber auch noch andere beteiligt.

Einem von ihnen droht schwere Gefahr – ich weiß aber nicht genau, wer es sein mag. Und morgen, am Sonnabend, wird der Sturm losbrechen.

Sie müssen Lynn Llewellyn sorgfältig beobachten und die Bewachung scharf durchführen.

Morgen Abend findet ein Essen im Hause Llewellyn statt, bei dem alle Beteiligten zugegen sein werden Richard Kinkaid, Morgan Bloodgood, der junge Lynn, seine unglückliche Frau, seine Schwester Amelia und seine Mutter, deren Geburtstag bei der Gelegenheit gefeiert werden soll.

Es wird wahrscheinlich schon beim Abendessen Auseinandersetzungen geben, aber daran können Sie nichts ändern. Schließlich kommt es auch nicht darauf an. Das Essen ist nur der Beginn, die Katastrophe tritt erst später ein.

Ich weiß bestimmt, dass etwas Furchtbares geschehen wird. Die Zeit ist reif, und das Unglück lässt sich nicht mehr abwenden.

Nach dem Essen wird Lynn Llewellyn in Kinkaids Kasino gehen, um dort zu spielen. Das tut er jeden Sonnabend, und ich weiß, dass auch Sie das Kasino mehrmals besucht haben. Ich bitte Sie also, morgen Abend dort zu sein, Sie müssen hingehen und Lynn Llewellyn scharf überwachen. Lassen Sie ihn nicht aus den Augen. Beobachten Sie auch Kinkaid und Bloodgood.

Sie wundern sich vielleicht, dass ich selbst nichts in der Angelegenheit unternehme, aber ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, dass meine Stellung und die näheren Umstände mir das vollkommen unmöglich machen.

Ich wünschte, ich könnte Ihnen Genaueres mitteilen, aber alles andere müssen Sie selbst herausfinden.«

Die Unterschrift war ebenfalls mit der Maschine geschrieben und lautete: »Einer, den es nahe angeht.« Als Vance den Brief ein zweites Mal gelesen hatte, lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und streckte behaglich die Beine aus.

»Das ist ja ein sonderbares Schreiben«, meinte er, nachdem er einige Zeit nachdenklich geraucht hatte. »Außerdem vollkommen verlogen. Hier und da will sich der Schreiber durch leere Phrasen einen literarischen Anstrich geben, und ein wenig Theater ist auch dabei. Gelegentlich blickt auch durch, dass es ihm sehr darauf ankommt, mich für die Sache zu interessieren. Die Unterschrift entspricht ganz dem Inhalt des Briefs. Ja … das ist klar. Die Buchstaben sind bedeutend stärker angeschlagen, als ob der Betreffende eine leidenschaftliche Aufwallung gehabt hätte. Ich lese etwas Rachsucht aus diesen Zeilen, außerdem eine unnatürliche Angst …« Er schwieg eine Weile. »Ja, Angst«, fuhr er dann fort, als ob er mit sich selbst spräche. »Das geht aus jeder Zeile hervor. Aber warum der Betreffende sich ängstigt? Und um wen sorgt er sich? Um den jungen Lynn, der ziemlich oft zu spielen scheint? … Das mag sein. Und doch …« Wieder verlor sich seine Stimme. Er nahm den Brief auf und überflog ihn noch einmal. Dazu klemmte er das Monokel ins Auge.

»Ein gewöhnlicher Bogen, wie man ihn überall kaufen kann, und ein glattes Kuvert ohne Futter! Der Schreiber hat dafür gesorgt, dass man ihn nicht mit Hilfe des Briefpapiers entdecken kann. Das ist schade. Ich wünschte nur, der Betreffende hätte gelernt, etwas besser mit der Maschine umzugehen. Die Schrift ist abscheulich. Er macht keine richtigen Zwischenräume; manchmal hat er sich vertippt und die falschen Buchstaben ausgestrichen. Von Abstand oder Einteilung hat er keine Ahnung.«

Er steckte sich noch eine Zigarette an und trank seine Tasse aus. Dann lehnte er sich in den Stuhl zurück und las den Brief zum dritten Mal durch. Selten hatte ich ihn so interessiert gesehen.

»Ich möchte nur wissen, warum er mir diese Einzelheiten über die Familie Llewellyn mitteilt«, sagte er schließlich. »Jeder, der nur einigermaßen Bescheid weiß, kennt doch die Verhältnisse im Hause Llewellyn. Die hübsche blonde Operettensängerin war in New York sehr bekannt, und es erregte damals einiges Aufsehen, dass sie einen jungen Mann der Gesellschaft heiratete. Zuerst protestierte die Mutter heftig dagegen, aber nachher nahm sie die Schwiegertochter doch in ihr Haus auf. Lynn Llewellyn ist ein gerngesehener Gast in den Nachtklubs. Seine Schwester ist ernster veranlagt, ihr scheint das gesellschaftliche Leben nicht besonders zuzusagen. Sie hat sich dem Kunststudium zugewandt. Das weiß man doch alles. Die Mutter macht viel von sich reden, weil sie im Vorstand aller möglichen wohltätigen Vereinigungen sitzt. Auch der alte Kinkaid, ihr Bruder, ist nicht unbekannt, sehr zum Ärger seiner Schwester. Außerdem ist die Familie so reich, dass allein schon deshalb viel über sie gesprochen wird.« Vance verzog das Gesicht. »Und doch hält es der Schreiber für nötig, mir all diese Einzelheiten mitzuteilen. Warum hat er überhaupt diesen Brief geschrieben? Und ausgerechnet an mich? Wozu diese langen Auseinandersetzungen, diese scheußliche Schrift, das billige Papier, die ganze Geheimniskrämerei? Ich möchte nur wissen …«

Er erhob sich und ging im Zimmer auf und ab. Ich war erstaunt, dass dieser Brief einen solchen Eindruck auf ihn gemacht hatte. So kannte ich ihn sonst nicht. Ich hatte an dem Schreiben nichts Beunruhigendes gefunden. Es war allerdings etwas außergewöhnlich, aber ich hielt den Absender für einen hysterischen Menschen. Vielleicht war es auch jemand, der etwas gegen die Familie Llewellyn hatte und ihr Unannehmlichkeiten bereiten wollte. Vance jedoch musste etwas zwischen den Zeilen gelesen haben, was mir entgangen war.

Plötzlich stellte er das Umherwandern ein, ging zum Telefon und sprach mit Bezirksstaatsanwalt Markham, den er dringend aufforderte, am Nachmittag in unsere Wohnung zu kommen.

»Es handelt sich wirklich um eine wichtige Angelegenheit. Ich muss Ihnen ein seltsames Schriftstück zeigen. Also, seien Sie so gut und kommen Sie zu mir.«

Nachdem er eingehängt hatte, saß er lange schweigend am Tisch. Schließlich stand er wieder auf und ging zu den Bibliotheksschränken, in denen er seine psychoanalytischen Bücher untergebracht hatte. Er nahm verschiedene Werke von Freud,1 Jung,2 Stekel3 und Ferenczi4 heraus, suchte im Index nach und schlug die Stellen auf, die er brauchte. Er arbeitete etwa eine Stunde lang, dann stellte er die Bände wieder zurück und holte sich Nachschlagewerke über die Mitglieder der oberen Gesellschaft, zum Beispiel »Who’s Who«, das New Yorker »Social Register« und das »American Biographical Dictionory«. Endlich zuckte er die Schultern, und während er ein Gähnen unterdrückte, setzte er sich an seinen Schreibtisch, auf dem noch die Bildertafeln der großen Expeditionswerke lagen.

Der Bezirksstaatsanwalt hatte am Sonnabend nur einen halben Arbeitstag, daher kam er schon kurz nach zwei Uhr zu uns. Inzwischen hatte sich Vance angekleidet und zu Mittag gegessen. Er empfing seinen Freund in der Bibliothek.

»Ein trüber Herbsttag«, sagte er melancholisch und bot Markham einen Sessel vor dem Kamin an. »In solchen Stunden ist es nicht gut, wenn man allein ist und grübelt. Ich bin furchtbar deprimiert. Draußen ist es rau und kalt, deshalb bin ich zu Haus geblieben. Ich setze mich lieber an den Kamin und schaue in die Flammen. Vielleicht werde ich vor der Zeit alt und fange deshalb jetzt schon an herumzuspinnen. Aber ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie gekommen sind. Wie ist es mit einem Kognak Napoleon? Der könnte einen wieder in Ordnung bringen.«

»Ich habe heute keine besonderen Sorgen«, entgegnete Markham und betrachtete Vance genau. »Und wenn Sie so ein dummes Zeug reden von frühem Altwerden, ist das nur ein Zeichen, dass Sie scharf über etwas nachdenken. Jedoch, einen hundertjährigen Kognak Napoleon lehne ich nie ab. Warum haben Sie am Telefon eigentlich so geheimnisvoll getan?«

»Mein lieber Markham – habe ich wirklich geheimnisvoll getan? Daran ist sicher dieses melancholische Herbstwetter schuld.«

»Werden Sie doch vernünftig, Vance!« Markham wurde allmählich ärgerlich. »Wo ist denn das interessante Schriftstück, das Sie mir zeigen wollten?«

»Ach ja – das hätte ich beinahe vergessen.« Vance fasste in die Tasche, nahm den anonymen Brief heraus, den er am Morgen erhalten hatte, und reichte ihn Markham. »So ein Wisch muss ausgerechnet an einem trüben Herbsttag kommen!«

Markham las das Schreiben gleichgültig durch, dann legte er es auf den Tisch. Es schien keinen besonderen Eindruck auf ihn gemacht zu haben.

»Was soll damit sein?«, fragte er und versuchte, seine Interesselosigkeit zu verbergen. »Ich hoffe doch, dass Sie einen derartigen Unfug nicht ernst nehmen!« »Das ist weder Unfug, noch nehme ich die Sache auf die leichte Achsel«, seufzte Vance. »Im Gegenteil, ich fühle, dass etwas Merkwürdiges, vielleicht sogar Wichtiges dahintersteckt. Aus diesem Brief ergeben sich allerhand Möglichkeiten.«

»Aber ich bitte Sie, Vance – jeden Tag bekomme ich solche Wische! Wenn wir uns darum kümmern wollten, hätten wir überhaupt nichts anderes mehr zu tun. Viele Leute sind nun einmal Querulanten und müssen alle Augenblicke Briefe schreiben, um anderen Menschen das Leben schwerzumachen. Aber das wissen Sie doch ebenso gut wie ich. Außerdem sind Sie ein guter Psychologe.«

Vance nickte ungewöhnlich ernst.

»Ja, ja, ich weiß. Es laufen viele herum, die einen Briefschreibekomplex haben – eine Kombination von Feigheit, Sadismus und Selbstdünkel. Aber ich bin davon überzeugt, dass der Schreiber dieses Briefes nicht unter die Kategorie fällt.«

Markham schaute auf. »Glauben Sie, dass der Mann es ehrlich meint? Dass es ihm wirklich so nahegeht, und dass er die Verhältnisse so gut kennt?«

»Das will ich gerade nicht behaupten – im Gegenteil, die Sache liegt tiefer.« Vance betrachtete nachdenklich seine Zigarette. »Wenn der Brief offen und ehrlich gemeint wäre, hätte sich der Schreiber klarer ausgedrückt. Gerade seine vielen Phrasen weisen darauf hin, dass er etwas anderes mit dem Brief bezweckt. Die Sache ist mir zu sehr ausgeklügelt, dahinter steckt zu viel Gedankenarbeit … außerdem deutet die Geschichte nichts Gutes an. Er hat sich lange überlegt, wie er den Text abfassen soll. Ich glaube, dass sich wirklich eine Katastrophe vorbereitet. Fast habe ich das Gefühl, der Betreffende plant selbst ein Verbrechen plant und macht sich gleichzeitig darüber lustig. Mir gefällt der Brief nicht …«

Markham sah Vance überrascht an. Er wollte etwas sagen, aber dann nahm er den Brief wieder auf und las ihn noch einmal, diesmal etwas sorgsamer. Als er fertig war, schüttelte er langsam den Kopf. »Nein«, protestierte er. »Das trübe Herbstwetter hat Ihre Gedanken zu sehr beeinflusst. Der Brief ist wahrscheinlich von einer hysterischen Frau geschrieben.«

»Ja, manche Ausdrücke deuten auf einen weiblichen Charakterzug, das habe ich auch bemerkt. Aber der allgemeine Ton des Schreibens macht mir nicht den Eindruck, als ob der Briefschreiber unter Halluzinationen litte oder sich das alles nur einbildete.«

Markham machte eine ablehnende Handbewegung. »Kennen Sie eigentlich die Llewellyns persönlich?«, fragte er dann.

»Ich habe Lynn Llewellyn einmal auf einer Gesellschaft getroffen und bin ihm vorgestellt worden. Später habe ich ihn mehrmals im Kasino gesehen. Er ist der Typ des verzogenen Lieblingssohnes aus reicher Familie, aber er wird von seiner Mutter in Bezug auf Geld knapp gehalten. Selbstverständlich kenne ich auch Kinkaid – alle Leute kennen ihn, nur nicht die Polizei und der Bezirksstaatsanwalt.« Vance sah Markham mit einem leicht spöttischen Lächeln an. »übrigens haben Sie ganz Recht, wenn Sie sich nicht um seinen Spielsalon kümmern und sein Haus nicht schließen. Bei ihm wird wirklich ohne Betrügereien gespielt, und nur Leute, die es sich leisten können, gehen dorthin. Es wäre auch zu naiv, wenn die Behörden glaubten, sie könnten das Glücksspiel durch Gesetze und Polizeirazzien unterdrücken. Das Kasino ist ein anständiger, vornehmer Klub; Sie würden sich sicher dort auch wohlfühlen, wenn Sie nur nicht Ihr hohes Amt bekleideten …«

Markham bewegte sich unruhig in seinem Stuhl und warf Vance einen vorwurfsvollen Blick zu, aber schließlich musste er doch lächeln. »Vielleicht gehe ich später einmal hin, wenn ich nicht mehr im Amt bin. Kennen Sie noch jemand von den anderen Personen, die in dem Brief erwähnt werden?«

»Nur noch Morgan Bloodgood. Er ist der Chefcroupier in Kinkaids Kasino – sozusagen seine rechte Hand. Ich kenne ihn nur vom Spielsalon her, aber ich habe gehört, dass er ein Freund der Familie Llewellyn ist und Lynns Frau schon kannte, als sie noch auf der Bühne auftrat. Er hat studiert und ist ein sehr begabter Mathematiker. Kinkaid hat mir einmal erzählt, dass sich Bloodgood auf der Universität in Princeton durch seine mathematischen Kenntnisse sehr auszeichnete und verschiedene Prämien erhielt. Er war zwei Jahre lang Lehrer, aber die Stellung gab er auf, als Kinkaid ihn zu sich rief. Wahrscheinlich war ihm die Lehrtätigkeit zu langweilig. Die anderen Leute, die im Brief erwähnt werden, kenne ich nicht persönlich. Virginia Vale habe ich nicht gesehen, denn während der kurzen Zeit ihrer großen Bühnenerfolge war ich auf Reisen. Der alten Mrs. Llewellyn bin ich niemals begegnet, ebenso wenig ihrer Tochter Amelia, die sich seit einiger Zeit dem Kunststudium widmet.«

»Wie sind denn die Beziehungen zwischen Kinkaid und der alten Mrs. Llewellyn? Stehen die beiden so gut miteinander, wie es eigentlich zwischen Bruder und Schwester sein sollte?«

»Natürlich schämt sich die alte Dame etwas wegen ihres Bruders; für eine Dame der Gesellschaft, die sich besonders in der sozialen Fürsorge und Wohltätigkeit hervortut, ist ein Bruder, der gewerbsmäßiger Spieler ist, selbstverständlich eine peinliche Erscheinung. Äußerlich scheinen sie ganz gut miteinander zu stehen, aber ich glaube, dass es öfter zu Auseinandersetzungen zwischen ihnen kommt, besonders da das Haus in der Park Avenue beiden gehört und sie unter demselben Dach wohnen. Aber ich nehme nicht an, dass Mrs. Llewellyn irgendein Verbrechen gegen ihren Bruder plant … Nein, eine solche Erklärung dieses Schreibens wäre zu unwahrscheinlich.«

In den Augenblick trat Currie in die Bibliothek.

»Verzeihen Sie«, sagte er besorgt, »am Telefon hat sich jemand gemeldet und gefragt, ob Sie heute Abend die Absicht hätten, ins Kasino zu gehen?«

»Ein Herr oder eine Dame?«

»Das kann ich wirklich nicht sagen«, entgegnete Currie verlegen. »Die Stimme klang so schwach und undeutlich – ich muss annehmen, dass die Person absichtlich ihre Stimme verstellt. Aber der Unbekannte ließ sich nicht abweisen und wartet noch am Telefon auf Antwort.«

»Das habe ich beinahe erwartet«, sagte Vance halb zu sich selbst, dann wandte er sich an Currie. »Sagen Sie, dass ich heute Abend um zehn Uhr dort sein werde.«

Markham nahm die Zigarre aus dem Mund, sah auf Vance und runzelte die Stirn.

»Wollen Sie tatsächlich wegen des Briefes ins Kasino gehen?«

Vance nickte ernst.

2. Das Kasino

(Sonnabend, 15. Oktober, 22:30 Uhr)

Das berühmte Spielkasino von Richard Kinkaid lag in der 73. Straße West, in der Nähe der West End Avenue, und in dem glänzenden Nachtleben New Yorks spielte es damals eine hervorragende Rolle. Das große, palastähnliche Haus war in den neunziger Jahren von Richards Vater errichtet worden. Bei der Erbteilung wurde Richard Kinkaid dieses Haus allein zugesprochen. Die ganze andere Hinterlassenschaft ging gemeinsam an Kinkaid und Mrs. Anthony Llewellyn, die damals bereits Witwe war. Ihre beiden Kinder Lynn und Amelia waren zu der Zeit zwölf und zehn Jahre alt gewesen.

Richard Kinkaid hatte mehrere Jahre nach dem Tod seines Vaters allein in dem grauen Sandsteinhaus gewohnt, aber dann hatte er es eines Tages geschlossen. Die Fensterjalousien wurden heruntergelassen, und er begab sich auf Reisen, um Abenteuer zu erleben. Die entferntesten Gegenden der Erde hatte er aufgesucht, aber nie von einem unwiderstehlichen Hang zum Glücksspiel lassen können – vielleicht hatte er den von seinem Vater geerbt. Während seiner Europa-Reisen hatte er die meisten berühmten Spielkasinos besucht, und mehrmals beschäftigten sich die Zeitungen in New York mit seinen außerordentlich hohen Gewinnen und Verlusten. Als sein Verlustkonto das seiner Gewinne bedeutend überstieg, kehrte er nach Amerika zurück. Er war wohl ärmer an Geld, aber zweifellos hatte er viele wertvolle Erfahrungen gesammelt.

Im Vertrauen auf den politischen Einfluss seiner Freunde und seine guten persönlichen Beziehungen gründete er ein Spielkasino, um seine Verluste wieder auszugleichen. Das große Haus in der 73. Straße West ließ er innen vollständig umbauen und neu ausstatten. Das Kasino wurde als Privatklub aufgezogen wie die meisten gesetzwidrigen Gründungen während der Prohibitionszeit, und die Mitglieder wählte er sehr vorsichtig. Alle, die sich um den Eintritt bewarben, wurden einer eingehenden Prüfung unterzogen. Außerdem war das Eintrittsgeld so hoch, dass schon dadurch eine große Anzahl von Leuten abgeschreckt wurde.

Als ersten Croupier und aufsichtsführenden Direktor engagierte Kinkaid Morgan Bloodgood, einen gebildeten, jungen Mann, der Mathematik studiert hatte. Er hatte ihn in der Familie seiner Schwester kennengelernt. Bloodgood hatte mit Lynn zusammen die Universität besucht, und zufällig machte der junge Llewellyn durch Bloodgood die Bekanntschaft seiner späteren Frau – Virginia Vale.

Auch alle anderen Croupiers und Angestellten, die an den Spieltischen tätig waren, stammten aus guten Familien. Kinkaid achtete besonders auf gutes Aussehen und tadelloses Benehmen; er ließ sie lange vor Eröffnung des Kasinos sorgfältig in ihren neuen Pflichten unterweisen.

Kinkaid hatte mit seinem Unternehmen großen Erfolg. Wenn man von dem »Kasino« sprach, meinte man seinen Spielsalon. Er begnügte sich mit den gewöhnlichen Prozenten, die der Bank mit mathematischer Sicherheit zufließen mussten, und selbst die erfahrensten Spieler konnten ihm niemals nachweisen, dass er das Spiel zu seinen Gunsten beeinflusst hätte. Wenn eine Meinungsverschiedenheit zwischen einem Spieler und einem Croupier entstand, wurde der Spieler ohne weiteres voll ausgezahlt. Viele Vermögen rollten über die Spieltische des Kasinos während seiner verhältnismäßig kurzen Existenz. Es wurde immer hoch gespielt, besonders am Freitag und Sonnabend. Als ich an dem schicksalsschweren Abend des 15. Oktober mit Vance dort ankam, waren nur wenige Gäste anwesend, denn die Menge der Gewohnheitsspieler erschien erst nach Theaterschluss.

Nachdem wir die Steintreppe hinaufgestiegen waren, die von dem äußeren, mit breiten Marmorplatten belegten Vorhof zum Haupteingang hinaufführte, traten wir in einen schmalen Vorraum, dessen Fensterrahmen aus kunstvollem Schmiedeeisen bestanden. Die Fenster selbst waren Glasgemälde von großem Wert. Ein chinesischer Portier begrüßte uns durch eine kurze Verbeugung und trat dann zur Seite, um uns vorbeizulassen. Durch irgendein Geheimsignal wurde unsere Ankunft nach innen gemeldet, und als wir das Vestibül1 erreichten, tat sich wie von selbst die große Bronzetür auf, und wir kamen in die Empfangshalle, die etwa zehn Meter im Quadrat messen mochte. Die Wände waren mit reichen Goldtapeten und mit alten, kostbaren Gemälden geschmückt. Kinkaid hatte den Raum im Stil der italienischen Hochrenaissance einrichten lassen. Zwei Diener in dezenter Livree2 nahmen uns Hüte und Mäntel ab. Es fiel mir auf, dass die beiden besonders groß und kräftig waren.

Die Mitte des Empfangssaals nahm ein Springbrunnen ein, der von innen durch verdecktes elektrisches Licht magisch erleuchtet war. An der Rückseite der Halle führte eine doppelarmige Marmortreppe zu den Spielsälen.

Im oberen Geschoss hatte Kinkaid die beiden großen Gesellschaftszimmer zu einem einzigen vereinigt, dem »Goldenen Saal«, der die volle Länge des Hauses einnahm und etwas über zwanzig Meter lang sein mochte. Er war in klassizistischem Stil gehalten, und Marmorpfeiler in zartem Elfenbein mit gelben Adern gliederten die Wände.