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Ein junger Automechaniker wird für den Mord an seiner Ehefrau verurteilt. Während er seine Strafe verbüßt, reflektiert er über ihrer beider Geschichte, ein intensives Liebesverhältnis, das, glaubt man dem Erzähler, ebenso unabwendbar war wie die Tat selbst. Von dem Moment an, als er ihr, einer Frau aus der Oberschicht, zum ersten Mal begegnet, werden die beiden zueinander hin- und immer näher in Richtung Untergang gezogen. Der Tod ist eine Liebkosung ist ein dunkles, psychologisches Liebesdrama, das große Themen wie Liebe und Hass, Gesellschaft und Schicksal umspannt. »Erziehung, Umfeld und Lebensart hatten einen Abgrund zwischen uns aufgetan, noch bevor wir einander begegnet sind«, erläutert der Mörder. Ist das tragische Ende schicksalsbestimmt? Der Tod ist eine Liebkosung, erstmals erschienen 1948, wurde ein literarischer Volltreffer – ein sogenanntes One-Hit-Wonder. Der Autor Arve Moen war unter anderem als Journalist und Jurist bekannt. Noch im Erscheinungsjahr wurde der Roman unter demselben Titel von Edith Carlm¬a¬r verfilmt. Der Film gilt als einer der ersten norwegischen Vertreter des Noir-Genres. Das Buch war zu seiner Zeit ein großer Erfolg und wurde 2009 von der Zeitung Dagbladet zu einem der besten norwegischen Kriminalromane aller Zeiten gekürt.
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Impressum
Autor und Klappentext
Titelseite
Buchanfang
Nachwort
Originaltitel: Døden er et kjærtegn © Arve Moen
First published by H. Aschehoug & Co. (W. Nygaard) AS, 1948
Published in agreement with Oslo Literary Agency
Die Veröffentlichung dieser Übersetzung wurde ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung von NORLA, Norwegian Literature Abroad.
Nachwort © Helene Flood
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
© 2023, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat: Teresa Profanter
Umschlag: Jürgen Schütz
Umschlagbild: © i-stock
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-99120-029-1
Printversion: Hardcover, Schutzumschlag
ISBN: 978-3-99120-025-3
www.septime-verlag.at
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www.instagram.com/septimeverlag
Arve Moen
(1912–1976) war Schriftsteller, Journalist, Kunsthistoriker, Politiker und Jurist. In jungen Jahren war er Mitglied der kommunistischen Gruppe Mot Dag. Vor dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Gerichtsreferendar, nach 1945 als Kulturjournalist und -redakteur beim Arbeiderbladet. Außerdem war er Vorsitzender des literarischen Rats der Vereinigung norwegischer Schriftsteller sowie Mitglied des Stadtrats der Osloer Arbeiterpartei. Moen debütierte 1945 mit dem Erzählband Sturm im Wasserglas und brachte mehrere kunsthistorische Werke heraus, unter anderem über Edvard Munch.
Klappentext:
Ein junger Automechaniker wird für den Mord an seiner Ehefrau verurteilt. Während er seine Strafe verbüßt, reflektiert er über ihrer beider Geschichte, ein intensives Liebesverhältnis, das, glaubt man dem Erzähler, ebenso unabwendbar war wie die Tat selbst. Von dem Moment an, als er ihr, einer Frau aus der Oberschicht, zum ersten Mal begegnet, werden die beiden zueinander hin- und immer näher in Richtung Untergang gezogen. Der Tod ist eine Liebkosung ist ein dunkles, psychologisches Liebesdrama, das große Themen wie Liebe und Hass, Gesellschaft und Schicksal umspannt. »Erziehung, Umfeld und Lebensart hatten einen Abgrund zwischen uns aufgetan, noch bevor wir einander begegnet sind«, erläutert der Mörder. Ist das tragische Ende schicksalsbestimmt? Der Tod ist eine Liebkosung, erstmals erschienen 1948, wurde ein literarischer Volltreffer – ein sogenanntes One-Hit-Wonder. Der Autor Arve Moen war unter anderem als Journalist und Jurist bekannt. Noch im Erscheinungsjahr wurde der Roman unter demselben Titel von Edith Carlmar verfilmt. Der Film gilt als einer der ersten norwegischen Vertreter des Noir-Genres. Das Buch war zu seiner Zeit ein großer Erfolg und wurde 2009 von der Zeitung Dagbladet zu einem der besten norwegischen Kriminalromane aller Zeiten gekürt.
Arve Moen
Der Tod ist eine Liebkosung
Roman | Septime Verlag
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
Ich sehe jetzt alles klarer. Es klingt nicht mehr eigenartig, wenn ich mir sage, dass ich sie liebe, aber ich bereue nichts.
Ich bin zu dem Glauben gelangt, dass wir Menschen unserem vorgegebenen Weg folgen müssen. Nicht insofern, als ich glaube, unsere Taten wären vorherbestimmt, aber all unsere Erlebnisse und alle Erfahrungen, die wir im Leben machen, werden zu kleinen sichtbaren und unsichtbaren Ursachen, die unser Tun bestimmen, sowohl wenn wir glauben, selbst die Entscheidung zu treffen, als auch, wenn wir ohne nachzudenken oder unwissentlich handeln.
Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals einen Menschen töten würde, aber ich weiß, dass ich es getan habe. Für mich fühlt es sich an, als ob sie, die zum Opfer wurde, an der Tat beteiligt war. Wären nicht ausgerechnet wir beide uns begegnet, wäre ich nie zum Mörder geworden, und sie wäre nie ein Opfer geworden. Jeden anderen Menschen hätten wir verlassen oder uns mit ihm arrangieren können. Nur zwischen uns konnten die Liebe und der Hass so ernste Folgen nach sich ziehen. So, wie ich es sehe, waren wir in allem ursprünglich und primitiv Menschlichen aufeinander abgestimmt, aber Erziehung, Umfeld und Lebensweise hatten einen Abgrund zwischen uns entstehen lassen, noch bevor wir einander begegnet sind. Hunderte Menschen und Tausende Dinge sind für das Verbrechen verantwortlich, das wir beide büßen.
Es ist möglich, dass dies nicht die richtige Erklärung ist, aber es ist nun einmal die, zu der ich gelangt bin. Und durch sie wird es für mich verständlich, weshalb ich mir auch heute Abend noch sagen kann, dass ich sie liebe.
Ich habe mir die Frage gestellt: Wärst du ihr aus dem Weg gegangen, wenn du gewusst hättest, zu welchem endgültigen Ergebnis die Begegnung zwischen euch führen wird?
Ich weiß es nicht, aber meine Beziehung mit ihr ist das Wertvollste, was das Leben mir geschenkt hat.
Deshalb kann ich hier sitzen und mich nach ihr sehnen und mir wünschen, es gäbe einen Himmel oder eine Hölle, wo wir einander wiederbegegnen könnten.
Als das Auto draußen anhielt, spürte ich sofort, dass gleich etwas geschehen würde, was mich betraf.
Ich stand in der Garage und reinigte den Vergaser des großen Lincoln von Schiffsreeder Wraal. Wir hatten ihn zur Überholung und Schmierungfürden Frühling hier. Der Motor war so gut gepflegt, dass er glänzte und nicht groß was dran zu tun war. Nur ein bisschen Putzen und Polieren da und dort.
In so einen Motor könnte man sich glatt verlieben.
»Torpedo RDW 102 304« stand auf dem Vergaser. Das habe ich sofort gesehen, als der Wagen draußen anhielt, und werde es bestimmt niemals vergessen. »Torpedo RDW 102 304.«
Als ich mich umdrehte, stand sie schon mit einem Fuß auf dem Trittbrett. Eine schlanke, seidige Wade, die unter einem hellgrauen Rock in die Sonne hervorleuchtete.
Die Augen leicht zusammengekniffen, schaute sie zu uns in die Garage herein. Bei der hellen Sonne da draußen waren wir hier drin im Schatten wohl schwer zu erkennen.
Ich wandte mich wieder dem Motor zu. Der Schraubenschlüssel zitterte in meiner Hand, und von dem Benzingeruch aus dem Vergaser wurde mir plötzlich übel und schwindlig. Ich blieb über den Kotflügel gebeugt stehen, schaute nur in den Motor hinein.
Was hat sie dazu veranlasst, an Thoresen, der gleich neben der Tür stand, vorbei und direkt auf mich zuzugehen? Darüber habe ich später oft nachgedacht. Genau in dem Moment hat das Schicksal an den Fäden gezupft, die mein Leben lenken. Genau in dem Moment hätte ich alles verhindern können, was später geschah. Ich hätte mir irgendwas in der Werkstatt zu tun suchen können oder über die Straße gehen und mir ein Päckchen Zigaretten kaufen. Hätte ich das übrigens? Ich weiß es nicht. Ich blieb stehen.
Sie stand direkt hinter mir, als ich mich aufrichtete.
»Wollen Sie sich kurz meinen Motor ansehen? Er zieht nicht so, wie er sollte. Ich glaube, es liegt an der Zündung.«
Sie sagte das in einem kühlen, leicht überheblichen Ton, der genau zu ihrem Aussehen passte. Aber hübsch und adrett war sie. Ich merkte, dass sie das selbst ebenfalls wusste, und fühlte mich plötzlich unbeholfen und minderwertig in meinem schmierigen, dreckigen Overall.
Ich ging vor ihr hinaus zum Auto. Schöner Wagen. Mercedes-Zweisitzer, hellblau, klein und schnittig. Haben immer erstklassige Fahrzeuge, solche Damen.
Ich startete den Motor und öffnete die Haube. Eine der Zündkerzen ruckelte. Ich stellte den Motor ab und schraubte sie heraus. Es war, wie ich gedacht hatte: Ruß.
Sie stand daneben und sah mir beim Schaben und Putzen zu. Sie nahm sich eine Zigarette und bot mir auch eine an. Ich lehnte dankend ab. Wir sagten nichts, aber ich spürte die ganze Zeit, dass sie mich ansah. Ich versuchte, mich auf die Arbeit zu konzentrieren.
Ich setzte die Kerze wieder ein.
»Vielleicht sollte ich mir die anderen auch gleich ansehen.«
Das war keine Frage, ich sagte es bloß halb zu mir selbst.
»Ja, wenn Sie das tun würden. Das wäre nett von Ihnen.«
Ich bereute sofort, das gesagt zu haben. Natürlich würde ich gleich auch alle anderen Kerzen durchschauen. Wenn erst einmal eine rußig war, konnten die anderen vermutlich auch eine kurze Reinigung vertragen. Aber in dem Moment wünschte ich nur, sie würde so bald wie möglich wieder fahren.
Eine nach der anderen nahm ich die restlichen Zündkerzen heraus und reinigte sie. Als ich fertig war, warf ich den Motor an. Er lief wie ein Uhrwerk, ruhig und gleichmäßig. Wir standen einen Augenblick nebeneinander und sahen uns den Motor an. Ihr Gesichtsausdruck war angespannt, als erwartete sie, irgendein Klopfen zu hören. Dann nickte sie:
»Das haben Sietoll hingekriegt! Vielen Dank.«
Ihre Augen wurden zwei lange, schmale Streifen, wenn sie lächelte. Sie hatte große, schöne und kräftige Zähne.
Ich hatte Lust, sie zu packen, sie zu beißen, schlug stattdessen aber die Motorhaube zu.
»Toller Wagen«.
Behutsam strich ich mit der flachen Hand über den Kühler, spürte ein Zittern im ganzen Körper.
Sie setzte sich hinters Steuer:
»Sie sind neu hier, nicht?«
Ich war seit ein paar Monaten hier.
»Würden Sie im Büro Bescheid geben, dass das auf FrauRentoft geschrieben wird?«
Ich nickte. Sie winkte und fuhr in einer sicheren, aber ungestümen Kurve durchs Tor hinaus.
Als ich mich auf den Heimweg machte, war der Schnee schon geschmolzen. Es war nicht besonders weit, und so konnte ich gleichzeitig das Geld für die Straßenbahn sparen. Man wird nicht gerade reich, wenn man den ganzen Tag in einer Werkstatt steht. Trotzdem war ich froh, dass ich die Arbeit bekommen hatte. An der Ingenieursschule hatte ich mir zwar etwas anderes vorgestellt, aber von den schlecht bezahlten Posten in den Büros kann ja kein Mensch leben. Da ist es schon besser, man ist Facharbeiter.
Das Entscheidende war übrigens, dass Marit und ich beschlossen hatten, im Sommer zu heiraten. Ich mochte sie sehr gern, und mir gefiel der Gedanke, nicht mehr in grauen, schäbigen Lokalen essen zu müssen. Außerdem sollte sie ja auch nicht Jahr für Jahr für einen lausigen Hungerlohn hinter einem Ladentisch stehen.
Es herrschte heiteres, klares Aprilwetter. Noch immer lag ein leicht frischer, kalter Hauch in der Luft, aber auf den Bäumen begann es schon zu sprießen, und die Rasenflächen im Frognerpark wurden täglich grüner und grüner.
Am besten sah man den Frühling übrigens an den Frauen. Rundum erneuert, begannen sie ihr wiegendes Schaulaufen und genossen ihren Anblick in den Auslagenscheiben.
In Majorstua begegnete ich Hans Haug. Wir waren zusammen auf die Technische Mittelschule gegangen und im Grunde damals gute Freunde gewesen. Aber er war Vertreter für irgendeine Maschinenfirma geworden und schlug sich gewiss gut. Heute brachte er kaum einen Gruß über die Lippen. Er war in Begleitung einer Frau, »Modell de Luxe«, wie wir im Werkstattjargon sagen. Und ich im Overall. Na ja, man brauchte ja nicht bis in alle Ewigkeit Schulkameraden zu sein.
Würde ich es irgendwann schaffen, mich aus dem Öl und dem Dreck herauszuarbeiten?
Ich fühlte mich müde und schwerfällig, als ich die kleine Wohnung in der Ole Vigs gate aufschloss. Meine gute Laune war wie weggeblasen.
Ich holte warmes Wasser aus der Küche. Ich streifte schnell meine Sachen ab und wusch mich. Es half, ein sauberes Hemd und andere Sachen anzuziehen. Ich steckte mir eine Zigarette an und warf mich auf den Diwan, lag auf dem Rücken und fühlte mich lang und schwer und dachte an nichts. Draußen auf der Straße war hitziges, an- und abschwellendes Kindergeschrei zu hören, und aus dem Erdgeschoss drang gedämpfte Klaviermusik.
Marit kam zur gewohnten Zeit vorbei.
Auch sie war frühlingserneuert und strahlte fröhlich wie ein Kind. Die Bluse und den Hut hatte sie selbst genäht.
Sie war so klug und so geschickt mit den Händen. Ich musste sie fest in die Arme schließen:
»Wie tüchtig du bist, Kleines.«
»Findest du? Ich bin so froh, weil du mich gernhast«, fügte sie hinzu.
Ich küsste sie und zog sie auf den Diwan herunter.
»Du sollst doch meinen neuen Rock nicht zerknittern.«
»Na, dann zieh ihn eben aus.«
Folgsam schlüpfte sie aus dem Rock und kroch zu mir. Ich hatte ein seltsames Gefühl, so als würde ich sie betrügen.
Danach lagen wir ruhig nebeneinander, ohne etwas zu sagen. Ich spürte ihre Haare an meiner Wange und hörte ihren ruhigen, gleichmäßigen Atem. Durch die geschlossenen Lider sah ich in ein hellviolettes Dunkel, in dem gelbe Flecke hin und her tanzten.
Ich spürte, dass sie sich umdrehte und mich ansah. Sie strich mir übers Haar.
»Du warst so komisch heute«, flüsterte sie. »So anders, irgendwie.«
»War ich das?«
»Ja. – Du hast mich gebissen.«
Ich wagte nicht, die Augen zu öffnen und sie anzusehen. Hatte plötzlich einen intensiven, beißenden Benzingeruch in der Nase und sah eine schlanke, hellgraue Gestalt mit spitzen Brüsten, einem großen roten Mund und schmalen Augen. RDW 102 304. Die Röte brannte mir auf den Wangen, und ich hörte meine eigene Stimme, mit übertrieben gespielter Gleichgültigkeit.
»Habe ich dich gebissen? Das will ich nie wieder tun.«
Ich küsste sie leicht auf die Wange und stand auf. Ich musste irgendwas tun.
»Es ist so schönes Wetter, wollen wir eine Runde gehen?«
Ich hob sie vom Diwan herunter und stellte sie auf den Boden. Sie war so klein und schmächtig, wie sie so in ihren Strümpfen dastand und an ihrem Rock herumnestelte. Ihr dunkles, weiches Haar fiel nach vorn und bedeckte ihr Gesicht. Mich überkam ein aufrichtiger Drang, gut zu ihr zu sein. Ich ging zu ihr und nahm sie in die Arme und strich ihr das Haar zurück. Sie hatte Tränen in den Augen, als ich ihr Gesicht zu mir anhob. – Wie schön sie war.
»Aber was hast du denn, mein Dummerchen.«
»Ich weißnicht.« Sie legte ihren Kopf an meine Brust und seufzte. »Es ist nur – weil – alles plötzlich so – komisch war.«
Ich wiegte sie in meinen Armen:
»Meine Liebe, mein komisches Käuzchen.«
Alles andere spielte jetzt keine Rolle mehr. Das war das Einzige von Bedeutung: Jemanden zu haben, der einen gernhatte, jemanden, zu dem man gut sein konnte.
»Jetzt kämmt sich mein kleines Mädchen die Haare und pudert sich ein bisschen das Näschen. Dann gehen wir aus und zeigenes her in dem schönen Wetter. Und alle Kerle sollen mich beneiden!«
Sie lachte zu mir auf, und ich sah, dass sie sich wieder beruhigt hatte, aber ihre Unterlippe war blau und geschwollen. Sie verdeckte es mit ein wenig Lippenstift.
Thoresen und ich standen draußen auf dem Platz und sahen uns eine Havarie an, die gerade hereingeschleppt worden war. Das war keine Seltenheit. Die komplette Front war zerschmettert und die Fahrerkabine skalpiert. Das eine Vorderrad war abgerissen, und das andere hing genau unter dem Motor, wie bei einem Flugzeug, das die Räder eingefahren hat. Geronnenes Blut und Glasscherben überall.
Thoresen blinzelte über den Brillenrand:
»Soll ausrichten lassen, das hat einen Mordsknall gegeben. Der Bursche fährt kein Auto mehr diesseits der Ewigkeit.«
Aus seinen Augen leuchteten Sensationsgier und Aufregung.
»Wer ist es?«
»Werwar es, meinst du.« Er grinste. »Einer von diesen Grünschnäbeln, von denen es in der Stadt nur so wimmelt. So viele Unfälle, wie der gebaut hat, hätt er eigentlich schon mehrmals den Löffel abgeben müssen. Der Wagen war fast ständig hier geparkt – pausenlos größere oder kleinere Schäden. Aber wie’s aussieht, war das sein letzter Aufsitzer.«
»Wie viele waren drin?«
»Vier. Die eine Frau lebt noch, aber beide Beine sind gelähmt und ihr komplettes Gesicht ist hinüber.«
Plötzlich entdeckte ich einen Hautfetzen mit langen gelben Haarbüscheln, der am Rahmen der Windschutzscheibe klebte. Ich spürte, wie sich etwas in mir umstülpte, und trat ein paar Schritte zurück.
Im selben Moment raste ein Auto durchs Tor, Bremsen quietschten, und ich konnte mich gerade noch rechtzeitig zur Seite werfen.
Sie war schon halb aus dem Wagen gestiegen, als ich mich umdrehte. Stand plötzlich mit gespreizten Beinen in Reithosen da und schaute mich mit abwartendem Blick an.
Mein Gesicht war starr vor Zorn:
»Wie zum Teufel fahren Sie denn!«
Sie lächelte mit eiskaltem Blick:
»Haben Sie vielleicht Angst bekommen?«
Ich hätte Lust gehabt, ihr eine zu scheuern, beherrschte mich aber, sodass ich es in den Kiefern knacken spürte. Ich konnte sehen, wie sich ihre Brust unter der dünnen weißen Bluse schnell hob und senkte. Das half mir, mich zu beruhigen.
»Ichhab keine Lust, als Hackfleisch von Ihrem Kühler gekratzt zu werden.«
Wir blieben gegenüber voneinander stehen, ohne etwas zu sagen. Sie trug keine Kopfbedeckung, und ihre Haare reichten ihr bis zu den Schultern. Sie sahen weich und lebendig aus im Sonnenlicht. Ich hätte gern an ihnen gerochen. Für einen Moment vergaß ich, wie rasend ich war.
Sie sagte in ironischem Tonfall:
»Tut mir leid, dass ich Sie erschreckt habe.«
Da schäumte es wieder in mir über:
»Erschreckt!«
Ich deutete auf das Autowrack neben uns:
»Da sehen Sie das Ergebnis von so einer beschissenen Fahrweise!«
Sie hob die Augenbrauen und schaute zur Seite:
»Das ist der Nash von Calle Christensen, wie ich sehe.«
Sie zündete sich eine Zigarette an und sah sich das Wrack genauer an.
»Finden Sie nicht, dass ich es gut wiedererkannt habe?«
Sie warf mir einen neckischen Blick zu.
Ich fuhr sie an:
»Wenn Sie das nächste Mal Erfolg haben, wird es vielleicht schwieriger werden, mich wiederzuerkennen!«
Ich bemerkte, dass die anderen Jungs dastanden und uns ansahen, und ich drehte mich zum Gehen um.
»Wollen Sie mir denn heute nicht behilflich sein?«
Sie stand plötzlich hilflos wie ein Kind da und zog einen Schmollmund.
»Was ist es denn diesmal? Ich hatte den Eindruck, Ihr Wagen läuft gut genug. Ein bisschen zu gut vielleicht.«
»Er lässt sichso schwer starten.«
Sie war mürrisch und gekränkt.
Ich legte noch eines drauf:
»Haben Sie vielleicht vergessen, den Schlüsselreinzustecken oder Benzin nachzufüllen?«
Sie antwortete nicht.
Ich öffnete die Tür und betätigte den Starter. Er war mausetot. Ich riss die Abdeckung der Batterie auf und fand den Fehler auf Anhieb. Eines der Kabel war lose – war gelöst worden. Es war im Nu erledigt.
Da ging ich etwas zu weit:
»Nächstes Mal sollten Sie die Mutter nicht wieder reinschrauben. Siehtnicht so richtig natürlich aus, wenn das Kabel lose rumhängt.«
Sie wurde rot. Einen Moment lang glaubte ich, sie würde mit ihrer Tasche auf mich losgehen. Dann drehte sie sich ohne ein Wort um und warf sich hinters Lenkrad. Die Tür krachte hinter ihr zu und der Motor sprang sofort an. Sie drehte ihn kräftig hoch und preschte förmlich mit einem Satz durchs Tor hinaus.
Aufgeregt und mit einem seltsamen Gefühl ging ich über den Platz zur Garage. Thoresen und die anderen drehten sich um und gingen hinein. Es kam mir vor, als würde Thoresens herunterhängender Hosenboden mich angrinsen.
Sie kam und ging in meinen Gedanken. Am liebsten vormittags in der Werkstatt. Wenn ich draußen ein Auto stehen bleiben hörte, musste ich auf der Stelle nachsehen. Doch dann fiel mir auf, dass Thoresen mich unter Beobachtung hatte. Sobald draußen auf dem Platz ein Auto anhielt, richtete er seine zusammengekniffenen Augen auf mich. So musste ich also alle Arten von Tricks anwenden, um nachzusehen, ohne dass er es mitbekam.
Im Übrigen hatte ich sie wohl beim letzten Mal so nachhaltig beleidigt, dass sie sich ohnehin von hier fernhalten würde. Aber warum zum Teufel wandte sie so lächerliche Tricks an wie den, ein Kabel von der Batterie zu lösen?
Sie hatte Lust auf mich. Das war offensichtlich. Wollte was Spannendes und Außergewöhnliches: Weil sie die Nase voll hatte von diesen glatten, geschniegelten Papasöhnchen, wollte sie einen mit dem beißenden Geruch nach Schweiß und Öl. Verfluchte Oberschichttusse!
Na ja, vielleicht war ich da jetzt auch ein bisschen eingebildet. Sie wollte vielleicht bloß mit mir schäkern, um zu sehen, welche Wirkung es auf einen armen Wicht hätte, wenn ihm eine Prinzessin scheinbar ihre weiblichen Reize darbot. Ich hatte diese Sorte vor vier Jahren schon einmal erlebt, als Skilehrer in einem Berghotel. Da waren Verheiratete und Unverheiratete, Junge und Ältere, Hell- und Dunkelhaarige, Dicke und Dünne – aber eines hatten sie alle gemeinsam: Sie ließen keine Gelegenheit ungenutzt, um mit einem Mann zu schlafen. Nach der Tour war ich als Lochschwager von so einigen anderen Kerlen in die Stadt zurückgekehrt.
Im Grunde kenne ich mich mit so etwas gar nicht so gut aus.
Ich weiß, dass ein Mann Lust auf eine Frau haben kann und eine Frau Lust auf einen Mann. Dann schlafen sie miteinander, und das ist okay, aber das ganze Leben kann man so ja nicht weitermachen. An irgendeinem Punkt muss man aufhören und sich an einen einzigen Menschen halten, ansonsten gibt’s bloß ein Durcheinander.
Aber es gibt bestimmt einige, die nie zur Ruhe kommen, die praktisch ständig auf der Jagd sind nach einem Bettgefährten. Bei den Frauen habe ich das oft in den Augen gesehen. Wenn ich sie – hinterher – gefragt habe, warum sie sich diesmal ausgerechnet mich ausgesucht hätten, bekam ich die sonderbarsten Erklärungen. Eine hat mir mal erklärt, ich hätte so rücksichtslos ausgesehen. Das kann ich verstehen. Aber wenn sie es auf meine Kinnspalte schieben, dann ist ja klar, dass das bloß eine alberne Ausrede ist und sie einfach mit irgendwem schlafen wollen.
Übrigens habe ich erst angefangen, mir auf diese Artüber solche Dinge Gedanken zu machen, nachdem ich beschlossen hatte zu heiraten. Davor habe ich es eher genommen, wie es kam – fast wie Sport. Außer in den Momenten, in denen es gerade stattfand, hat es mich selten noch länger beschäftigt. Ansonsten habe ich die Erfahrung gemacht, dass Frauen recht verschieden sein können, aber die allermeisten sind sich ziemlichähnlich.
Ich hatte eigentlich nicht geglaubt, noch mehr Erfahrungen zu machen auf diesem Gebiet, und weil Marit und ich ganz gut zueinander passten – deshalb – ja, deshalb blieben wir also zusammen. Zwar hatte ich nicht aufgehört, andere Frauen anzusehen, aber ich hatte sie nie betrogen und auch nicht vorgehabt, es zu tun.
Trotzdem spürte ich jetzt durch alle guten Vorsätze hindurch, dass etwas Neues, Fremdes im Begriff war, in mir hervorzubrechen. Etwas, von dem ich mich am besten fernhalten sollte, etwas, das stärker war als ich.
Und während der Arbeit gab ich den Fantasien über sie nach und spürte eine gefährliche Wonne in mir aufsteigen.
Woher kommen solche Gedanken? Und was lässt sie über alle Grenzen und Ziele hinaus sprießen und anschwellen?
Lächerliche Gedanken, Zeitvertreib für Konfirmanden. Ziemlich unterhaltsam, übrigens, wenn man so daliegt und am Kardangelenk eines Lastwagens herumschraubt.
