Der Tote am Weiher - Angelika Geier - E-Book

Der Tote am Weiher E-Book

Angelika Geier

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Beschreibung

Der ganze Ärger begann, als diese exaltierte Schauspielerin Greta Romanow in die In-vitro-Klinik von Dr. Koch kam. Die letzte Hoffnung von Frauen, doch noch ein Kind zu bekommen. Und das lässt sich der Herr im weißen Kittel gut bezahlen. Aber der Laborant Willi Fleischmann hat genug gesehen. Doch er wird nicht schlau daraus. "Kann das wahr gewesen sein? Kann das denn möglich sein?" Nicht nur er, auch die ermittelnden Kommissarinnen Nadja Erhardt und Maria Lupus stellen sich eine Menge Fragen. Für den Moment treten sie auf der Stelle. Und wer ist der Tote im Weiher? Sie folgen einer Spur des Todes ...

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2020 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99064-891-9

ISBN e-book: 978-3-99064-892-6

Lektorat: Heinz G. Herbst

Umschlagfotos: Krissikunterbunt, Vladimir Sviracevic, Dan Grytsku | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Einleitung

Alle Charaktere, Orte und Ereignisse in diesem Buch sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit reellen Ereignissen, Orten oder Personen ist rein zufällig.*

*Anmerkung der Autorin

FREITAG Nacht

Seine Füße bewegen sich wie ferngesteuert Richtung Büro. Er kennt den Weg mit geschlossenen Augen. Obwohl dieses hier nicht sein Arbeitsplatz ist, sondern das Büro seines Chefs, das von Dr. Koch. Er weiß, dass um diese Uhrzeit niemand da sein kann, schließlich ist es kurz vor Mitternacht. Also schlendert er gemütlich auf den Schreibtisch zu. Ein Tisch, der mitten im riesigen Büro thront. Dass keine Stolperfallen zu erwarten sind, das weiß er mit Gewissheit; er kennt den Raum selbst mit geschlossenen Augen. Und abgesehen davon weiß er mit Bestimmtheit, dass der Doktor großen Wert auf Ordnung legt.

Das Licht des Mondes strahlt hell in den Raum im ersten Stock hinein, so, als würde es ihm den Weg weisen.

Willi Fleischmann zieht den mächtigen Ledersessel beiseite und setzt sich gemütlich hin. Er genießt das Gefühl der Macht, das dieser Sessel ausstrahlt. Dann macht er die erste Schublade auf. Sie quietscht; und das so erbärmlich, als wäre da was eingeklemmt. Sei’s drum, denkt er sich, das interessiert mich jetzt nicht. Der Universal-Schlüssel für die anderen Schubfächer befindet sich in dieser einen, hier oben. Das weiß Willi, da er den Doktor oft genug dabei beobachtet hatte, wie dieser seine Schränke abgeschlossen und den Schlüssel anschließend in die erste Schublade gelegt hat. Natürlich nicht ahnend, dass er dabei beobachtet wird. Er nimmt den Schlüssel heraus, ein großer Schlüssel, passend zur protzigen Büroeinrichtung, und setzt zum Aufstehen an. Die feuchten, schweißbedeckten Hände, die sich von hinten auf seine Schultern legen, lassen sein Blut gefrieren, und jedes einzelne Haar auf seinem Körper richtet sich auf. Sie drücken ihn nach unten, sanft, aber bestimmend. Langsam bewegen sie sich Richtung Hals. Immer weiter, bis sie sich leicht um seinen Hals legen. Das Mondlicht wirft einen schemenhaften Schatten an die Wand, ohne jedoch genaue Konturen erkennbar zu machen. Willi weiß, dass diese Hände nicht die des Arztes sein können. Er hatte schließlich keine Geräusche vernommen, sicherlich jemand, der wie Willi nicht gehört werden wollte. Es passierte einfach zu geräuschlos. Abgesehen davon wurde auch kein Licht angeknipst. Die Rüge, die auf dem Fuß hätte folgen müssen, in etwa so: „Herr Fleischmann, was in aller Welt haben Sie in meinem Büro zu suchen?“, blieb aus, und da hatte Willi sofort gewusst, dass er in Schwierigkeiten steckt. Die Person hinter ihm flüstert nur leise in sein Ohr: „Psst!“, so, als würde sie einen Finger an die Lippen pressen.

Panik macht sich breit. Einen Moment lang ist er wie zu Stein erstarrt und unfähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Jeder Zentimeter seines Körpers ist angespannt. Er traut sich nicht, den Kopf umzudrehen, aus Angst, das Gesicht des anderen zu erblicken. Wenn ich sein Gesicht nicht sehe, dann schont er mich vielleicht, überlegt er panisch. Sicher, auf der anderen Seite weiß Willi genau, dass er sich nur selbst Mut machen will. Er ist sich sicher, dass seine letzte Stunde geschlagen hat. Er weiß einfach zu viel. Er überlegt krampfhaft, wie er entkommen könnte, aber die Angst scheint ihn zu lähmen. Das Denken fällt ihm schwer. Er kann keinen einzigen klaren Gedanken fassen. Schweiß bricht aus allen Poren heraus. Die Hände werden nass. Der einzige Ausweg, der ihm einfällt, ist die Flucht. Aber die Füße scheinen Tonnen zu wiegen. Die Gedanken rasen. Er fantasiert und sieht sich schon am Boden, in einer Blutlache liegend. Nein, das lasse ich nicht zu! Adrenalin schießt durch seinen ganzen Körper. Die Gedanken rasen: Flucht! Aber was, wenn die Person nicht allein ist? Was, wenn jemand im Gang auf ihn lauert und ihm den Weg versperrt? Und kann er denn überhaupt flüchten? Seine Beine und Füße fühlen sich immer noch schwer an, als wären sie aus Blei.

Blei! Sicher! Das ist es! Der Schlüssel liegt immer noch in seiner rechten Hand! Eine angstdurchnässte Hand. Eine Hand, die halb in der Luft hängt, seit dem Augenblick, als sich die Hände des anderen auf seine Schultern gelegt hatten. Er spürt einen erneuten Adrenalinschub. Eine Idee nimmt in seinem Kopf rasch Gestalt an. Noch war nichts verloren … Aus einem Impuls heraus schwingt er sich mit dem Stuhl nach links und rammt dem Angreifer den Schlüssel ins Gesicht. Die Umklammerung um seinen Hals löst sich augenblicklich, und der verletzte Angreifer stürzt zu Boden. Der Schrei, der folgt, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Kein schmerzerfüllter, sondern ein hasserfüllter Schrei. Ein langer, lauter Schrei! Er breitet sich aus, wird von den Wänden des Gebäudes wie die Wasserwellen nach einem Steinwurf weitergetragen. Der Schrei geht Willi durch Mark und Bein, lässt ihn kurz innehalten, dann setzt er sich wieder in Bewegung. Eine gelungene Reaktion, lobt er sich selbst, während er wegrennt. Er schafft es aus dem Büro heraus und auf den Gang. Die Schreie des Verfolgers sind nicht zu überhören. Willi hat Angst, sich umzudrehen. Er würde gerne wissen, wer ihm nach dem Leben trachtet, will aber gleichzeitig keine Zeit verlieren, er will entkommen, raus aus der Praxis und aus dem Gebäude, in der Hoffnung, dass kein Komplize ihm unterwegs begegnet und ihm den Weg versperrt. Auf der Flucht stolpert er über die eigenen Füße und fällt hin. Der Knöchel brennt. Benommen richtet er sich wieder auf und rennt unter großen Schmerzen weiter. Schritte sind hinter ihm zu hören, Schritte, die ihm folgen. Er rennt die Treppen hinunter, nimmt zwei, drei Stufen auf einmal, trotz Schmerzen im Knöchel.

Keuchend, nach Luft ringend, kommt er auf dem Parkplatz an. Er drückt noch im Laufen auf die Fernbedienung seines Autos, reißt die Tür auf und springt hinein. Die Hände zittern. Er schafft es kaum, den Schlüssel in die Zündung zu stecken. Dann endlich! Er lässt den Motor an. In diesem Augenblick gibt es ein lautes Krachen, als ein großer, schwerer Gegenstand die Windschutzscheibe seines Autos mit voller Wucht trifft. Jemand versucht, die Fahrertür aufzureißen. Willi legt den Rückwärtsgang ein, rammt ein dahinter parkendes Auto, schafft es dennoch, sich aus der Parklücke hinauszumanövrieren und zu entkommen. Er zittert am ganzen Leib. Die Zähne klappern. Als er sich endlich traut, in den Rückspiegel zu schauen, stellt er mit Erleichterung fest, dass ihm niemand folgt. Er weiß, dass er sich mit dem Falschen angelegt hat. Und leider nicht nur mit einem, sondern mit einer ganzen Organisation. Mit Kriminellen, die nur eines im Sinn haben: verzweifelten Leuten falsche Träume zu horrenden Preisen zu verkaufen.

Sie werden ihn verfolgen und ihn töten, dessen ist er sich sicher. Er muss untertauchen. Seine Wohnung ist jetzt nicht mehr sicher.

Rasch zieht er seinen Geldbeutel aus seiner Jackentasche heraus, und während er mit einer Hand lenkt, versucht er mit der anderen, den Inhalt des Geldbeutels auf den Beifahrersitz auszuleeren. Die zwei Reagenzgläser, die er aus dem Brutschrank im Laufe des Vormittags entnehmen konnte, sind noch da. Die kleinen Gläschen im gekühlten Behälter sind glücklicherweise noch intakt. Auf einem ist deutlich zu lesen: Herr und Frau Pastor. Auf dem anderen steht wiederholt der Name desselben männlichen Patienten darauf, aber die zweite Angabe lautet nicht mehr wie erwartet, Frau Pastor. Diese kennzeichnen eine namenlose Person: blond, blaue Augen, 165 cm, Blut: A rh+, 24 J.

Im schummrigen Straßenlicht bemerkt er auf seiner rechten Hand Blutspritzer. Blut des anderen. Nicht viel, die Wunde, die er dem anderen zugefügt haben muss, dürfte nicht sehr schwerwiegend sein, überlegt er in Gedanken. Er versucht es wegzuwischen, aber es ist bereits eingetrocknet. Ein Gefühl des Ekels überkommt ihn. Er hält am Straßenrand an, lässt den Motor laufen, macht die Fahrertür leicht auf, übergibt sich und fährt sofort weiter. Der Geschmack von bitterer Galle macht sich in seinem Gaumen breit. Er versucht den Gedanken an das soeben Erlebte wegzublinzeln. Die Dunkelheit ist momentan sein einziger Freund. Er weiß nicht, wem er vertrauen kann. Willi überlegt: Wer konnte davon gewusst haben, dass ich vorhatte, heute Nacht in die Praxis zu gehen? Eigentlich niemand! Es sei denn, es gäbe doch noch wahre Gedankenleser! Soll das etwa nur Zufall gewesen sein, dass die Bösewichte auch da waren? Wie viele waren überhaupt da? Er kann es immer noch nicht fassen, dass er es geschafft hatte, ihnen zu entkommen. Vorerst natürlich, auch das weiß er.

Hatte mich vielleicht jemand beobachtet, wie ich die Reagenzgläser an mich genommen habe und es jemandem mitgeteilt? Dem Doktor Koch vielleicht? Oder der Organisation? Wissen eigentlich alle anderen Bescheid? Stecken alle unter einer Decke? Bin ich der Einzige gewesen, der nichts davon wusste und ahnungslos meiner Arbeit nachgegangen bin, oder sind die restlichen Labor- und Praxisangestellte genauso an der Nase herumgeführt worden wie ich? Lucia, die süße Lucia, die Chemielaborantin aus unserem Team, kann nicht dazu gehören. Sie ist einfach zu nett, meistens … Sie kann definitiv nicht mit denen unter einer Decke stecken. Ob ich mich trauen sollte, sie anzurufen? Aber was, wenn ihr dann was zustößt, weil es den Eindruck erweckt, sie würde mit mir gemeinsame Sache machen? Ich würde mir das nie verzeihen. Aber abgesehen davon: S ie können doch nicht jeden abhören und unter Beobachtung stellen, oder? Oder etwa doch?

Scheinwerferlicht blendet ihn und holt ihn in die Realität zurück.

Ich muss Geld abheben, so viel wie möglich, überlegt er. Mit meiner Kreditkarte kann ich es mir nicht erlauben, zu bezahlen. Sie würden sofort meine Spur aufnehmen. Willi schaut auf die Uhr. Es ist 1.24 Uhr. Vom Geldautomaten kriege ich höchstens 1000€ausgezahlt. Wenn ich untertauchen will, reicht es nicht lange aus. Ich muss mir schließlich Kleidung und Necessaires besorgen, das Hotelzimmer bezahlen, und essen sollte ich wohl auch noch ab und zu. Die Gedanken rasen erneut und scheinen keinen Sinn zu ergeben. Wenn ich bis morgen früh hier in der Gegend bleibe, kann ich auf die Bank, sobald sie aufmachen. Die netten Damen in der Filiale kennen mich. Ich könnte eventuell auch ohne Vorankündigung das ganze Geld von meinem Sparbuch abheben. Mit großer Wahrscheinlichkeit sogar, schließlich reden wir hier nicht von Millionen! Leider … Auf der anderen Seite: S ich so lange hier in der Stadt aufzuhalten wäre ziemlich gewagt, wenn nicht sogar dumm. Na ja, nennen wir es beim Namen: Es wäre der sichere Tod, überlegt er weiter.

Also gut, ich werde erst mal 1000€abheben, am besten bei einer Bank außerhalb der Stadt. Dann werden die Ganoven meinen, ich würde versuchen, aus der Stadt zu fliehen. Vielleicht schicke ich sie damit sogar auf eine falsche Spur? Wer weiß? Ich würde mir somit einen kleinen Zeitvorsprung verschaffen. Ob sie darauf reinfallen, hmm?

Aber was, wenn sie mich gar nicht suchen? Ich bin nur eine unbedeutende Figur, nicht mal ein richtiges Rädchen im Getriebe. Okay, seien wir ehrlich: Den Eindruck hatte ich vorhin nicht, als ich in Dr. Kochs Büro eingebrochen bin. Wer weiß, vielleicht war ich nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, versucht er wieder sich selbst Mut zu machen.

Aber sogleich verwirft er den Gedanken: Nein, so naiv sind die nicht. Sie wissen ganz genau, wonach ich Ausschau gehalten habe. Sie wissen sicherlich, dass es mir gelungen war, was mitzunehmen. In was bin ich nur hineingeraten? Dabei wollte ich diesen Job nicht einmal!

Willi macht eine kurze Pinkelpause, steigt wieder ins Auto ein und sucht im Navi nach dem nächsten Bankautomaten außerhalb der Stadt. Er hält an einer Tankstelle an, tankt den Wagen voll, holt sich noch ein etwas alt und traurig wirkendes Sandwich und dazu Kaffee und Cola. Gerade als er heraus spazieren will, überlegt er es sich noch mal anders und holt sich noch ein Sandwich und noch mehr Getränke und für alle Fälle eine Zeitung, um sich die Zeit totzuschlagen. Natürlich bezahlt er alles mit seiner Karte, um die Verfolger in die falsche Richtung zu lenken. Sie sollen glauben, er hätte sich Proviant für längere Zeit geholt und hätte tatsächlich vor, die Stadt zu verlassen.

Dann fährt er zum Geldautomaten. Als er dort ankommt, schaut er bewusst ängstlich in die Kamera. Dass er eine Heidenangst hat, braucht er nicht mal vorzutäuschen. Er hofft, wer auch immer sich das Band mal anschauen sollte, dem sollte es sofort klar sein, dass er einem zu Tode Geängstigten ins Gesicht schaut. Er tippt zuerst einen hohen Betrag ein: 5000€soll der Automat spucken. Leider verweigert dieser die Auszahlung. Also startet er einen erneuten Versuch und gibt 2000€ein, aber auch dieses Mal will der Geldautomat nichts ausspucken. Na ja, die Hoffnung stirbt zuletzt. Er hatte gehofft, er könnte sich den Weg in die Filiale ersparen. Als er dann endlich die 1000€in der Hand hält, weiß er nicht wohin. Die ganzen Überlegungen der letzten halben Stunde haben keine Früchte getragen. Er würde so gerne Lucias Stimme hören. Lucia aus dem Labor, die sich nicht viel aus ihm macht, außer als Freund, aber deren Stimme er trotzdem gerne hört. Er möchte wissen, dass es ihr gut geht. Er möchte für sie der Ritter auf dem weißen Schimmel sein. Und sie würde ihm in die Arme fliegen, und eine innige Umarmung und ein noch inniger Kuss würden folgen. Na gut, träumen darf man noch. Willi stellt mit Begeisterung fest, dass trotz der Pein der letzten Stunde dieses Zauberwesen es immer noch fertigbringt, ihn auf andere, angenehmere Gedanken zu bringen.

Klar, sie hatte mal was mit einem Loser, einem Daniel, aus einem anderen Labor, aber er weiß, dass sie die Beziehung beendet hatte.

Schön! Jetzt bin ich etwas entspannter. Es ist leichter, einen klaren Gedanken zu fassen, wenn man nicht mehr so sehr unter Stress steht, freut sich Willi, was angesichts der Situation nicht zu erwarten gewesen wäre. Eins ist klar: Ich muss Lucia warnen. Aber wie? Wenn ich zu ihr in die Wohnung fahre und dort Posten aufgestellt sind, die sie beobachten, dann schnappen sie uns.

Dann mache ich das am besten so: Ich fahre noch ein, zwei Stunden rum oder ich parke den Wagen irgendwo und bleibe einfach im Auto sitzen, damit ich kein Benzin verbrauche. Ich kann schließlich nicht davon ausgehen, dass ich morgen wirklich mein ganzes Geld kriegen werde. Außerdem ist es doch etwas auffällig, mit der kaputten Frontscheibe herum zu fahren.

Der Tankwart hatte auch schon so komisch geschaut.

Hoffentlich verständigt der keinen! Ach was! Ich hoffe, dass er dazu zu faul ist. Abgesehen davon glaube ich, dass er eh schon ein paar Bierchen intus hatte. Der will sicherlich auch keine Scherereien!

Ich muss definitiv Rast machen, zwei, drei Stunden schlafen, mich frisch machen, bevor ich weitermachen kann. Ich bin am Ende! Aber dann überlegt er es sich doch noch einmal anders.

Na ja, vielleicht schiebe ich das mit dem Schlafen noch etwas hinaus. Ich muss schließlich sicher sein, dass ich nicht verfolgt worden bin. Sonst nehmen noch irgendwelche Killertypen mein Zimmer in Beschlag und machen mich kalt. Nein, das kann ich nicht riskieren, und schlafen kann ich jetzt vermutlich eh nicht. Und dabei fällt ihm der Song von Bon Jovi ein: „Live while I’m alive and sleep when I’m dead“. Welche Ironie! Natürlich hatte dieser das fröhliche Feiern im Sinn und nicht, dass seine letzten Stündchen geschlagen hätten.

Auf einer recht verlassenen Straße mit karger Straßenbeleuchtung hält er den Wagen an. Er ist müde und doch gleichzeitig aufgedreht. Angst, Panik und das Erlebte schlauchen ganz schön. Selbst die drei Kaffeetassen, die er sich in der Tankstelle gegönnt hatte, versagen den Dienst. Er steigt kurz aus, um sich die Beine zu vertreten, um kalte, frische Luft zu tanken und um sich von überflüssiger Körperflüssigkeit in den nahegelegenen Büschen zu erleichtern. Kein Wunder nach so viel Kaffee! Nichts rührt sich. Vollkommene Stille. Kein Vogelgezwitscher ist zu hören, kein Igel raschelt in der Nähe und kein Hase und Fuchs, die sich gute Nacht sagen, sind zu vernehmen. Irgendwo in der Ferne hört er leichte Motorengeräusche. Scheinwerfer sind zu sehen. Willi bückt sich und bleibt in der Dunkelheit verborgen stehen. Das Auto nähert sich. Er fängt leicht zu schwitzen an. Der Wagen fährt aber unbeirrt weiter. Dennoch hat Willi das Gefühl, dass jemand sein Auto genauer angeschaut hatte. Der Beifahrer hatte kurz den Kopf umgedreht. Habe ich es mir eventuell nur eingebildet? Vielleicht war es nur, weil die Scheibe kaputt ist, versucht Willi sich zu beruhigen. Was aber, wenn nicht? Was, wenn sie meine Spur gefunden haben? Aber wie? Ich bin nach dem kurzen Stopp an der Tankstelle schließlich komplett planlos durch die Gegend gefahren! Vielleicht waren sie die ganze Zeit schon hinter mir her, und ich habe sie nicht gesehen!?

Unsicher, was er tun soll, verharrt Willi noch eine Zeitlang still im Gebüsch. Der Wind bewegt die Blätter der Bäume und wirbelt sie langsam durch die Luft. Zuerst ist es nur ein leichter Windstoß, dann wird der Wind immer stärker. Die Bäume kommen ihm mit einem Mal gefährlich vor. Fast schaut es so aus, als würden sie sich nach unten verbeugen, so, als würden sie nach ihm greifen wollen. Angst nimmt erneut Besitz von ihm. Gänsehaut breitet sich über den ganzen Körper aus. Kalter Schweiß bricht aus. Er zwingt sich, nach vorne zu gehen, raus aus dem Gebüsch. Die Äste verfangen sich in seiner Kleidung und scheinen ihn nach hinten ziehen zu wollen. Ein unruhiges Zwitschern nimmt an Lautstärke zu, bis es in ein lautes Dröhnen überwechselt. Die Nacht wird finster, als dunkle Wolken vor dem Mond aufziehen. Ein starker Wind zieht auf; vertreibt kurzzeitig die Regenwolken, nur um wieder neue Wolken vor das abnehmende Licht des Mondes zu schieben. Willi spürt jedes Nackenhaar sich aufrichten. Panik! Ständig diese Panik, die sich breit macht. Er spricht sich Mut zu und schafft es, sich aus den Ästen zu befreien. Er rennt zu seinem Auto. Erst als er die Tür hinter sich geschlossen hat und die Verriegelung eingerastet ist, lässt die Anspannung etwas nach. Die Angst aber bleibt. Und nicht nur das. Sie scheint wieder mit derselben Wucht zurückgekehrt zu sein wie in dem Augenblick, als sich die Hände auf seine Schultern gelegt hatten, als er in Dr. Kochs Büro eingedrungen war. Nicht einmal Gedanken an Lucia mit ihrem warmen Lächeln können ihn jetzt beruhigen. Noch nie in seinem Leben hatte Willi eine solche Angst verspürt wie in dieser Nacht. Jeder Muskel seines Körpers scheint zu vibrieren, das Herz rast, als würde es nicht nur aus der Brust, sondern zum Hals herausspringen wollen.

Hätte ich vorhin nicht gepinkelt, würde ich mir jetzt vor Angst in die Hose machen, überlegt er.

Willi fährt mittlerweile geschätzte zwei Minuten. Er überquert eine kleine Steinbrücke, düst an einem schlecht beleuchteten Bauernhof vorbei, überholt ein langsam fahrendes Fahrzeug vor sich und nimmt von den sich rechterseits der Straße schlängelnden kahlen Feldern nichts wahr. In Gedanken vertieft, kratzt er sich mit der rechten Hand am Kinn und lenkt mit der Linken, als sich ein dünner Draht um seinen Hals und seine rechte Hand schlingt. Willi versucht verzweifelt den immer enger sich um seinen Hals schlingenden Draht wegzudrücken. Aber je mehr er es versucht, desto tiefer schneidet dieser in seine Hand und seinen Hals ein. Atemnot und starke Schmerzen benebeln ihn. Sollte etwa mein letztes Stündchen geschlagen haben?, fragt er sich. Er hat das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren.

„Hast du gedacht, du kannst es mit uns aufnehmen?“ schreit der Mann, während er ihm noch eine Ohrfeige verpasst.

Unverständliches Flehen und Brabbeln folgen.

„Wolltest du uns verpetzen, Blödmann?“ Der Fußtritt, der in der Magengrube landet, schmerzt höllisch.

„Bitte nicht mehr!“, schreit dieser mit letzter Kraft und landet auf dem Boden.

Eine letzte Ohrfeige folgt, dann verspürt er einen festen Druck im Arm, bevor man ihm die tödliche Spritze versetzt.

Ein leichtes Aufatmen ist zu vernehmen, gefolgt von dem letzten klaren Gedanken, den er noch fassen kann: Ach, so fühlt es sich also an, wenn man stirbt! Er macht zum letzten Mal die Augen zu.

Wie alles begann

Willi hatte seine Ausbildung zum Chemielaboranten erst kürzlich abgeschlossen, als sich die Chance schlechthin aufbot: Eine vakante Stelle bei einem extrem renommierten Arzt. Ein Arzt aus dem Bereich der Kinderwunschbehandlung. Bei Dr. Koch höchstpersönlich!

Und obwohl er sich keine allzu großen Chancen ausrechnete, reichte er doch seine Bewerbung ein.

Die In-Vitro-Befruchtung ist nicht nur eine Behandlung, die den Frauen hilft, ein Baby zu bekommen, sondern inzwischen auch ein Mode-Phänomen. Zahlreiche Stars und Sternchen finden es schick, ein Kind genau dann in die Welt zu setzen, wenn sie es für angebracht halten und sich den Wunschvater für ihr zukünftiges Wunschkind aussuchen können. Aus dem Katalog, sozusagen! Und sie sind auch bereit, eine Menge Geld dafür hinzulegen.

Und da kommt Dr. Koch ins Spiel. Diese Berühmtheiten lassen sich mit hilfe von Hormonen eine Unmenge von Eizellen im Unterleib züchten (statt der einen Eizelle, die im monatlichen Zyklus unter normalen Umständen und ohne Hormonpräparate, heranreifen würde), entnehmen und einfrieren: Kryo-konservieren also. Sozusagen: Eine Garantie für später, falls sie den Richtigen nicht zum richtigen Zeitpunkt finden. Andere dagegen, deren Eizellen nicht besonders lebensfähig sind – das heißt, dass sie unter normalen Umständen kein Baby bekommen würden –, nehmen es erst recht in Kauf, sich regelmäßig mit Hormonen vollzupumpen. Hauptsache, sie können das so lang ersehnte Kind endlich in den Armen halten. Und dies alles kann Dr. Koch, wie ein Magier, herbeizaubern. Nur er! Natürlich gibt es auch andere Ärzte, die sich diesem Thema gewidmet haben. Und natürlich können auch diese den Wunsch nach einem eigenen Kind wahr werden lassen, aber keiner ist so erfolgreich wie Dr. Koch! Dr. Koch, der Geheimnisvolle, denn bisher wurde kein Mensch in das Geheimnis seines außergewöhnlichen Erfolgs eingeweiht, nicht einmal seine festen Mitarbeiter. Fest steht nur, dass seine Erfolgsquote wesentlich höher ist als die seiner Konkurrenten. Und davon gibt es jede Menge. Jede Menge Konkurrenten und jede Menge Neider!

Und, ob man es glaubt oder nicht, es gibt jede Menge verzweifelter Frauen, die unbedingt ein Kind haben wollen, koste es, was es wolle. Weitaus mehr Frauen, als man sich vorstellen könnte!

Frauen, die jahrelang vergeblich versucht haben, schwanger zu werden, Frauen, die ins Ausland gereist waren, weil sie von irgendwelchen Scharlatanen gehört hatten, die ihnen angeblich helfen könnten, von schwarzer Magie oder Voodoo-Zauber ganz zu schweigen. Mag sein, dass die eine oder andere tatsächlich schwanger wurde, weil sie daran glauben wollten, aber die Erfolgschancen blieben weiterhin relativ gering. Und dennoch, alles wurde weiterhin versucht: Autogenes Training, Verzicht auf Alkohol und Zigaretten oder chromosomale Übereinstimmung geprüft …

Und wenn das alles nichts hilft, dann kommen sie in die IVF- Praxis des renommierten Dr. Koch – und schwupps, da klappt es auf einmal!

Natürlich wollte auch Willi zu diesem Team und dessen Erfolg gehören. Und auch er, wie alle anderen Mitarbeiter, hatte sich vorgenommen, hinter das Geheimnis des Magiers zu kommen, sollte er jemals dazu gehören dürfen.

Aber dass er tatsächlich eingestellt werden könnte, damit hatte er nicht wirklich gerechnet. Und die Arbeit macht Spaß! Zu sehen, wie andere glücklich werden, ist eine durch und durch angenehme Arbeit. Es gibt keine Überstunden, denn alles verläuft nach einem minutiös einzuhaltenden Plan. Alles muss genau befolgt werden, die Hormonspritzen, die sich die Damen geben müssen, als auch die regelmäßigen Kontrollen, die Eizellentnahme und letztendlich die Befruchtung und der erwünschte Transfer. Es gibt keine Abweichungen. Und nicht nur das. Alle Kollegen sind nett. Selbst die wenigen Ärzte, die zum Team von Dr. Koch gehören, sind nett. Die Bezahlung stimmt, Urlaubs- und Weihnachtsgeld kommen noch hinzu. Was kann man sich sonst noch wünschen?

Aber die Scherereien begannen, als diese Schauspielerin, diese Greta Romanow, zu ihnen in die Praxis kam. Natürlich hieß sie nicht wirklich so mit bürgerlichem Namen, aber sie fand, dass dieser Name ihrem Stil besser entsprach.

Und sie war eine dieser Patientinnen, einer dieser Stars, die sich nicht an einen einzigen Mann binden wollten. Ein Kind sollte dennoch her. Ein Kind mit Traumgenen, sozusagen: von sich und ihrem Auserwählten …

Und mit ihr änderte sich alles. Nicht nur, dass sie launisch war und die Zeit zur Verabreichung der Spritzen nicht einhielt, sie verlangte von allen auch noch 7-Tage-Woche und 24-Stunden-Betreuung. Daher wurde ihr eine speziell ausgebildete Krankenschwester zur Verfügung gestellt, eine, die sie rund um die Uhr begleitete und betreute und sie an die Einnahme des Nasensprays erinnerte und ihr die verhassten Spritzen zur richtigen Zeit verabreichte. Und als die Zeit zur Entnahme der Eizellen herannahte, wurde Greta immer unerträglicher. Sicher, die Einnahme von Hormonen lässt viele Frauen unlogisch und launenhaft handeln. Aber diese hier war eine richtige Furie. Und sie wollte über jeden Schritt informiert werden.

Greta Romanow war es seit ihrer Kindheit gewohnt, gehätschelt zu werden. Sie war in einer recht wohlhabenden Familie aufgewachsen und war es daher vertraut, Befehle zu erteilen und ihre Wünsche sofort erfüllt zu bekommen.

Als die Jahre vergingen, wuchs sie zu einer wunderschönen, aber recht einfältigen jungen Frau heran, die kaum zu brillieren wusste, außer mit ihrem fabelhaften Aussehen.

Obwohl, ein außergewöhnliches Talent besaß sie schon: Sie konnte jeden gehörten Satz, auch Stunden später, fehlerfrei, wie vom Band, wiederholen, ohne unbedingt dessen Bedeutung zu verstehen; Die ideale Voraussetzung für Film und Fernsehen, wie alle fanden.

Und, sie ging zum Film. Sie änderte ihren Namen, ließ sich die Haare blondieren und die leichten, kaum sichtbaren Falten regelmäßig botoxen. Sie war sozusagen perfekt. Und sie war in der Glamourwelt des Films angekommen!

Natürlich ist es keine leichte Arbeit mit ihr, denn ihre herrische Art ist nicht jedermanns Geschmack und auch nicht leicht zu ertragen. Aber abgesehen davon ist sie eine unglaublich attraktive Frau, die Texte schnell lernt und für die Filmemacher somit ein regelrechter Kassenmagnet ist. Und wer würde sich schon beschweren, nur weil sie ab und zu unerträglich ist und heute rote Rosen in ihrem Schminkwagen haben will und am nächsten Tag sich darüber beschwert, dass sie eigentlich weiße Lilien bestellt hatte, wenn im Gegenzug die Kassen klingeln?

Und die Jahre vergingen, sie verzeichnete einen Kassenerfolg nach dem anderen, und genauso verhielt es sich auch mit den Männern in ihrem Leben. Der eine gab dem nächsten die Türklinke in die Hand. Nicht, dass es ihr an Heiratsanträgen gemangelt hätte, aber sie wollte sich eben nicht binden. Und so stand sie auf einmal da und stellte fest, dass sie bereits 34 war, unverheiratet, ohne Kinder – und die Uhr tickt. Und sie tickt laut. Und sie war der Meinung, genug erreicht zu haben, um einem Kind alles bieten zu können. Also, ein Kind musste her! Ein Kind, indem ihre Traumgene weiterleben würden! Sie musste sich reproduzieren!

Maria-Sophie Klang ist erst 24 Jahre alt und seit mittlerweile 5 Jahren die rechte Hand von Greta. Sie ist nicht unbedingt unschön, aber trotzdem eher unscheinbar, was vermutlich schon mal ein Einstellungsplus gewesen war. Sie hatte gerade ihr Abitur gemacht und wollte sich eine Auszeit gönnen. Sie wollte nie zum Film, aber als ihre Mutter krank wurde und sie ohne Geld dastand, fasste sie sich ein Herz und fragte die Dame vom Kiosk, ob sie nicht zufällig eine helfende Hand benötigte. Und so kam es, dass Petra vom Kiosk eine Bekannte hatte, die eine andere Bekannte hatte, die jemanden kannte, der auf der Suche nach einer persönlichen Assistentin war. Die einzigen Voraussetzungen waren Flexibilität und Reisebereitschaft. Und da ihre Mutter sowieso im Krankenhaus lag und Maria-Sophie ihr daher nicht von großer Hilfe sein konnte, ging Maria-Sophie zu diesem Vorstellungsgespräch. Nicht ahnend, worauf sie sich da einließ oder was sie zu erwarten hatte, schlüpfte sie einfach in eine dunkelblaue Hose mit einer dunkelblauen Bluse und leichten braunen Ballerinas dazu und machte sich auf den Weg.

Niemand hatte sie gewarnt, was vermutlich auch besser gewesen war, denn vor ihr stand auf einmal eines ihrer größten Idole: Greta Romanow höchstpersönlich. Das imposante Ambiente, in dem sie empfangen wurde, blendete sie vollkommen aus: Sie hatte weder Augen für die elegante Chaiselongue in weißem Leder noch für die bunten Panton-Stühle, die sich um den ovalen Tisch aus dickem Eichenholz reihten, als wären es die bunten Zwerge aus Schneewittchen. Nein, sie hatte nur Augen für Greta.

Und die Chemie stimmte sofort, das hatten beide gespürt, betonte Maria-Sophie immer wieder, als sie sich Stunden später bei der Zeitungsdame bedankt hatte.

Und von da an war Maria-Sophie für alles Mögliche zuständig, denn eines hatte sie Greta weit voraus: sie war gebildet und blitzgescheit. Sie erledigte die Korrespondenz, sie vereinbarte Termine und erledigte alle weiteren anfallenden Aufgaben. Sie war einfach immer und überall dabei. Und sie war aus Gretas Leben einfach nicht mehr weg zu denken. Sie war zu Gretas unscheinbarem Schatten geworden. Sie hatte kein Privatleben, denn die Zeit für Privates oder sonstige Interessen hatten keinen Platz in ihrem überfüllten Kalender. Und sie beklagte sich nicht, denn: W wie viele andere würden für ihren Job nicht alles geben? Und sie war froh, dass sie ihrer Mutter so gut helfen und für alle Rechnungen aufkommen konnte. Und sie redete sich ein, zufrieden zu sein.

Bis zu dem Tag, als Gary, Gretas neuer Personal Trainer, auf der Bildfläche erschien. Gary, der Gott! Mit seinem griechischen Gesicht und der römischen Nase, die wie gemeißelt aussehen, und dem durchtrainierten Körper, der unter seiner sportlichen Kleidung hervorsticht, erinnert er sehr an die Statue des Diskuswerfers Dyskobolos aus der griechischen Antike. Und niemand hatte bis zu diesem Zeitpunkt auch nur Notiz von Maria-Sophie genommen. Und Gary schien sie sogar zu mögen. Oder tat er nur so? Denn er schien auch an Greta Gefallen zu finden, was natürlich keine Überraschung war bei ihrem blendenden Aussehen und ihrer Ausstrahlung. Maria-Sophie dagegen war nur jemand, der ganz einfach da war. Braunes, mittellanges Haar, knapp über 1,60, mit etwas zu viel Polster auf den Hüften. Also, eher jemand, den man nur dann zur Kenntnis nimmt, wenn man darauf hingewiesen wird. Schließlich sind ein wachsamer Blick und große Intelligenz nichts, was einem ins Auge springt, im Gegensatz zu einer atemberaubenden Ausstrahlung. Nein, sie war wie irgendjemand aus der vorletzten Reihe. Man sah jemanden, aber man konnte ihn nicht wirklich erkennen.

Und sie sah definitiv mehr wie ein Trampel aus als wie eine Diva. Das war Gretas Part.

Maria-Sophie ist das komplette Gegenteil von Greta. Und im Gegensatz zu dieser passt sie ins Filmgeschäft in etwa so gut rein wie der Elefant im Porzellanladen. Nein, sie passte einfach nicht rein. Sie war nur für Greta unentbehrlich, und andersherum verhielt es sich genauso. Und so sehr sie für Gary auch schwärmte, wusste sie, dass sie erstens diesen nie für sich haben könnte und zweitens sie es sich mit Greta auf keinen Fall verspielen sollte. Ein Krach mit Greta würde nicht nur finanzielle Verluste mit sich ziehen, sondern womöglich auch noch solche Konsequenzen haben, die sie sich nicht mal auszumalen versuchte. Also stürzte sie sich wieder in ihre Arbeit und versuchte, den göttlichen Gary, der täglich mehr einer Gestalt aus der griechischen Mythologie ähnelte als einem Sterblichen, zu vergessen. Und, seien wir mal ehrlich: W ie oft hatte sie schon überlegt, ob er sich wohl nur über sie lustig machen wollte? Wie heißt es so schön: Jedes Mal, wenn ein Sterblicher, also sie selbst, sich mit einem Gott abgibt, in diesem Fall Gary, endet es in Ärger, und da konnte sie gut darauf verzichten, machte sich Maria-Sophie vor.

Ein paar Monate später, als Greta ihre Assistentin bat, diesen außergewöhnlich fähigen Reproduktions-Arzt Dr. Koch aufzusuchen, um Unterlagen für sie, für eine künstliche Befruchtung, zu besorgen, wäre Maria-Sophie kurz davor gewesen, Greta zu fragen, wer wohl der zukünftige Vater sein würde. Und nicht nur das! Greta und Mutter! Jemand, der auf eine Vernissage ging, nur um ein Statement abzugeben und so zu tun, als würde sie von Kunst oder Ähnlichem etwas verstehen, jemand, der so oberflächlich war, konnte doch keine gute Mutter abgeben, dachte sie. Aber natürlich ließ sie es dabei bewenden! Und dann kam der Tag, an dem Greta sie ins Vertrauen zog.

Maria-Sophie steht auf dem luxuriösen Balkon und betrachtet den riesigen, perfekt angelegten Garten mit den aufgeblühten Bäumchen, die rechter- und linkerseits des kleinen Pfades zum Teich aufgereiht sind. Sie zieht lässig an ihrer Zigarette und lässt die Seele baumeln, als Greta ihr unwirsch die Kippe aus der Hand entreißt und einen großen Zug nimmt: „Was? Schau mich nicht so an! Das gilt nicht als richtiges Rauchen. Das ist nur eine Ausnahme. Es ist nur einmal ziehen …“ – was eine untertriebene Art von Euphemismus darstellt angesichts der Tiefe des Zuges. Anschließend drückt sie ihrer Assistentin die Zigarette wieder in die Hand.

Und dann komplett aus dem Zusammenhang herausgerissen erwähnt sie: „Weißt du? Wenn man was tut, dann muss man sein Möglichstes geben, um das Beste zu erreichen. Und das ist auch meine Devise, deshalb habe ich Gary als zukünftigen Vater für mein Kind ausgesucht“, sagt sie ganz nebenbei, so, als würde sie übers Wetter plaudern. „Ich finde, es hat durchaus was Positives, wenn man was strategisch beeinflussen kann, um das Bestmögliche zu erzielen.“

Maria-Sophie verschluckt sich am Zigarettenrauch, als sie die unvermeidliche und bereits vermutete Tatsache vernimmt und röchelt bei dem Versuch, wieder atmen zu können. Greta klopft ihr abwesend auf den Rücken und fährt in ihrer Erzählung unbeirrt fort: „Ja, stell dir vor: Wir wollen uns darauf einlassen.“

„Gary?“

„Ja, sicher! Selbstverständlich Gary! Glaubst du, ich möchte so einen haben, der in seiner ausgebeulten alten Jeans und ergrautem Trägerhemd mit einem Bier in der Hand auf dem Sofa liegt und womöglich im Playboy herumblättert und es dann unter die Couch schiebt, sobald ich nach Hause komme? Nein, nein, nein! Sowas kommt nicht in frage.“

„Und ein eigenes Kind auf natürliche Art und Weise? Lieber, eine invasive Behandlung? Ist das vielleicht so was wie Torschlusspanik?“, stottert Maria-Sophie völlig verunsichert.

Greta schüttelt den Kopf, nur ganz kurz, um dann gleichmäßig und sehr beherrscht zu betonen: „Aber, aber … Wo denkst du denn hin? Ich will einfach nur ein Kind, und das auf dieeinfachsteArt und Weise. Ist das so schwer zu verstehen?“ Dabei wird sie aber von Selbstzweifeln geplagt, wie sonst nie. Im Stillen fragt sie sich, ob sie sich ein Leben ohne Kind überhaupt vorstellen könnte. Sie denkt an die vielen Nächte, in denen sie wach gelegen und überlegt hatte und es fast fühlen konnte, das eigene Kind in den Armen zu halten.

„Findest du das nicht egoistisch, wie du an die Sache rangehst?“

Aber Greta ließ sich auf keine weiteren Enthüllungen ein, und so leise, wie sie hergekommen war, genauso leise schlich sie sich wieder davon und ließ Maria-Sophie das soeben Gehörte allein verdauen.

Also musste sich Maria-Sophie mit diesem heiklen IVF-Thema auseinandersetzen, um es ihrer Arbeitgeberin mit so vielen einfachen Worten wie möglich zu erklären. Und sie musste sich damit zufriedengeben, dass Gary, Gretas Auserwählter, niemals ihrer sein würde. Aber wieso wollte Greta eine IVF-Behandlung, also ein Baby aus dem Reagenzglas? Wollte Gary vielleicht doch nicht mit ihr schlafen? Hatte Greta Angst, sie könnte nicht schwanger werden? Sie nahm doch die Pille! Die könnte sie doch einfach absetzen und schauen, ob sich was täte. Na ja, vermutlich ging es ihr, wie immer, nur darum, das Erwünschte genau dann zu kriegen, wann sie es wollte. Sie musste selbst beim Kinderkriegen alles selbst bestimmen.

Unter dem Vorwand, alles richtig angeben zu können, fasst sich Maria-Sophie ein Herz und fragt Greta nach dem ursprünglichen Motiv für eine IVF. Dabei erwähnt sie, vielleicht einen Tick zu unfreundlich, ob es Greta klar wäre, dass dabei die Embryos während der Behandlung in dunklen Reagenzgläsern frieren würden …

Für den Bruchteil einer Sekunde schaut es so aus, als würde Greta mit ihrem Blick Maria-Sophie durchbohren. Ein Blick, der einem Unbekannten vermutlich gar nicht auffallen würde. Aber Maria-Sophie kennt sie.

„Mach dich nicht lächerlich!“, protestiert der Star. „Ist es egoistisch, von Mutter Natur zu verlangen, einer Frau in meinem zarten Alter von 27 Jahren“ – 34, um genau zu sein überlegt Maria-Sophie – „etwas mehr abzuverlangen? Wieso sollte ich mich herumquälen und Temperaturmessen oder Sonstiges, wenn es auch einfacher geht?“ Dabei steht ihr die Unsicherheit ins Gesicht geschrieben. Und mit einem Mal fängt sie an zu schauspielern, als würde ihr Leben davon abhängen. Gründe wie Termine und Traumgene fallen zusammen in einem einzigen Satz, und sie steigert sich immer mehr hinein in die Darbietung der liebevollen zukünftigen Mutter.

Maria-Sophie versucht ihr zu erklären, dass diese Behandlung sogar noch mehr von ihr abverlangen wird als nur Temperaturmessen, aber Greta schwelgt in ihrer Phantasie, in der sie einen rosa Kinderwagen – natürlich eine Spezialanfertigung – durch die Gegend schiebt, Gary an ihrer Seite, versteht sich von selbst, ignoriert die Einwände ihrer Assistentin, dreht sich um und geht.

Natürlichwollte sie dann zügig den gewünschten Termin für eine IVF-Behandlung, und natürlich beim renommiertesten Arzt, den die moderne Medizin hervorgebracht hatte und den sich Normalsterbliche kaum leisten konnten, schließlich wollte Greta nicht mit anderen Patientinnen auf eine Stufe gestellt werden. Sie wollte immer das Nonplusultra, so wie sie es von zu Hause schon gewohnt war. Denn schließlich war für Papas Prinzessin das Beste gerade mal gut genug.

Als Greta mit der Behandlung anfing, musste Maria-Sophie sie andauernd an den strengen Plan erinnern. Und sie verhielt sich noch schlimmer als sonst, wie ein störrisches Kind. So, als würde man ihr zu viel zumuten. Und so, als würde das ganze Prozedere ihr zu viel abverlangen. Das Verhältnis zwischen Greta und Maria-Sophie wurde zusehends schlechter, auch wenn Letztere krampfhaft versuchte, ihren Unmut für sich zu behalten. Ob es an der Hormon-Behandlung oder eher an Gary lag, war schwer zu sagen.

Maria-Sophie stellte sich vor, wie Greta den Arzt beim nächsten Besuch fragen würde, ob es nicht eventuell auch noch die Möglichkeit einer verkürzten Schwangerschaft gäbe, so dämlich, wie die ist! Und dabei musste sie schmunzeln, und schon ging es ihr wieder besser.

Auf der anderen Seite war es Maria-Sophie klar, dass Hirn nicht gleich Hirn bedeutet. Ihr war es bewusst, dass es schon eine gewisse Gerissenheit erfordert, sich so zu profilieren, wie Greta es immer wieder überall schafft. In der Gesellschaft kann sie wie keine andere mit ihrem perfekten Aussehen brillieren, natürlich vorausgesetzt, man diskutiert mit ihr nicht über den Weltfrieden. Trump würde sie für eine Spielkarte und Damokles für einen neuen Starfriseur halten. Und dennoch, wenn es darum geht, sich stilvoll zu kleiden und sich in Szene zu setzen und damit jedem Mann den Kopf zu verdrehen, da wird es nie eine Bessere geben.

Und natürlich hielt Greta den Behandlungsplan mit den gesetzten Terminen nicht ein, trotz andauernder Bemutterung durch ihre Assistentin. Als Folge dessen musste die Behandlung abgebrochen und neu gestartet werden.

Um weitere Scherereien zu verhindern, wurde ihr eine Krankenschwester Tag und Nacht zur Verfügung gestellt. Eine, die eiserne Disziplin fordert, eine, die sich von Greta nicht einschüchtern lässt, eine, die nicht die Samthandschuhe trägt, wie es die Schauspielerin sonst gewohnt ist. Und nicht nur das, Tilda, die neue Krankenschwester, war nicht nur unnachgiebig und immun für Gretas Schmeicheleien, sie war hübsch und intelligent obendrein, und Greta fürchtete die Konkurrenz, wie Maria-Sophie mit Genugtuung beobachtete. Also machte Greta ausnahmsweise mit, um die Krankenschwester so schnell wie möglich wieder aus ihrem Haus zu haben.

Aber dass weder Gary Augen für Tilda noch Tilda Augen für Gary hatte, das sah sie nicht. Greta verhielt sich während der ganzen Behandlung krankhaft eifersüchtig und trieb jeden in den Wahnsinn, sogar noch mehr als sonst. Maria-Sophie beobachtete das Geschehen mit Zufriedenheit, und sie hatte Gefallen daran, zu sehen, dass auch Greta mit ihren Starallüren, ihrem Geld und ihrem fabelhaften Aussehen unsicher sein konnte.

Die letzten Behandlungswochen vergingen wie im Flug, und so stand der Tag der Eizell-Entnahme bevor. Bei diesem Verfahren entnimmt man der Patientin aus dem Unterleib die gereiften Eizellen – das sind die Eizellen, die zu einer Schwangerschaft führen könnten – unter Vollnarkose, versteht sich! Anschließend kommen die Eizellen ins Labor, wo sie mit dem Sperma des glücklichen zukünftigen Vaters in einer Nährflüssigkeit zusammengebracht werden. Und schließlich bewahrt man diese im Brutschrank auf bis zum Tag des Transfers. Hier, im Reagenzglas, kommt es dann zur Befruchtung der Eizelle oder Eizellen – wenn man das Glück hat, dass sich mehrere befruchten lassen –, und dabei entstehen ein oder mehrere Embryos.

Am Tag der Eizellentnahme, kaum in der Klink angekommen, versucht Greta schon, Tilda Körner, die Krankenschwester, los zu werden. Nur die beruhigenden und bestimmenden Worte von Dr. Koch bringen sie zur Vernunft.

„Frau Romanow, Sie müssen verstehen, dass wir Ihnen heute keine andere Krankenschwester zur Verfügung stellen können. Sie sind unsere einzige Patientin heute, wie vereinbart. Und sehen Sie das mal so: Frau Körner versteht sehr gut ihr Metier, außerdem war sie die ganzen letzten Wochen schon bei Ihnen, da kann sie uns die paar verbleibenden Minuten auch noch unterstützen. Außerdem kennt sie Sie schon. Fühlen Sie sich nicht auch wohler, wenn nur Leute da sind, die Sie bereits kennen und denen Sie vertrauen können?“

„Vertrauen? … Schon recht!“, gibt sie schnippisch zurück und entfernt theatralisch eine imaginäre Haarsträhne von ihrer Stirn.

Der Arzt beobachtet sie eindringlich, zieht die Stirn kraus, ein Mundwinkel wandert nach oben, und ein leichtes Kopfschütteln folgt.

Maria-Sophie entgeht es nicht, dass Greta mit der Situation gänzlich unzufrieden ist, vor allem, weil sie keinen anderen Ausweg sieht und sie sich fügen muss. Eigentlich ist das für alle offensichtlich, so sehr sie sich auch verstellen mag. Wohl doch keine so begnadete Schauspielerin! Und dass sie Tilda nicht vertraut, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Die hypernervöse Greta, die es gewohnt ist, dass ihr alle Honig um den Mund schmieren und die kassierte Rügen nicht so leicht verdauen kann, verteilt einen Anpfiff nach dem anderen. Wer ihren Weg kreuzt, wird zur Schnecke gemacht.

Tilda ihrerseits lächelt verschmitzt vor sich hin und fühlt sich gleichzeitig geschmeichelt UND geschätzt. Geschätzt, natürlich nicht von Greta. Es ist die Aussage des Arztes, dass sie ihren Beruf gut verstünde, die runter geht wie Öl. Selbst wenn dieser Satz für ihn nur ein Klischee gewesen war, um Greta zu beruhigen. Und andererseits fühlt sie sich auch menschlich geschmeichelt. Natürlich hatte Greta dieses nicht beabsichtigt. Denn von einer so schönen Frau wie Greta als ebenbürtige Rivalin eingestuft und eingeschätzt zu werden, das schmeichelt selbst einer intelligenten Frau wie Tilda.

Greta entgeht nicht die Belustigung in Tildas Gesicht, und sie bestellt in einem herrischen Ton ein Glas Wasser, allein schon, um sich selbst und den anderen Anwesenden ihre Macht zu demonstrieren.