Der tote Magier - Aurelia Floss - E-Book

Der tote Magier E-Book

Aurelia Floss

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Beschreibung

Der mächtigste Magier des Landes wird ermordet aufgefunden. Wie es scheint, war der Mörder ein Nichtmagier. Und ausgerechnet Myrra, die Gehilfin eines Meistermagiers, wird mit der Aufklärung des Falls beauftragt. Dabei scheint niemand wirklich daran interessiert zu sein, den wahren Mörder zu finden. Gelingt es Myrra, ihre Selbstzweifel zu überwinden und sich auf die Suche nach der Wahrheit zu machen? Könnte der Mörder am Ende doch unter den Magiern zu finden sein?

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Seitenzahl: 211

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

PROLOG

Was für ein Tag, dachte Meister Fero, als er sich in seinen Lehnstuhl sinken ließ. Heute war ihm wieder alles gelungen, was er sich vorgenommen hatte. Der Rat der obersten Magier war mehr als zufrieden gewesen mit all seinen Vorschlägen für die Zukunft der Gilde. Selbst das Gespräch mit dem königlichen Beamten war gut verlaufen. Wie es aussah, würde der König seine Zuwendungen an die Gilde in naher Zukunft doch nicht verringern. Auch dafür hatte er vom Rat viel Lob erhalten.

All das war gut. Aber es war nicht das, was diesen Tag so vollkommen für ihn machte. Was ihn in solche Hochstimmung versetzte, war der Zauber, an dem er nun schon seit Monaten feilte und den er nun vervollkommnen konnte. Er hatte von Anfang an gewusst, dass es möglich war. Und dass er es schaffen konnte. Noch nie hatte er nicht erreicht, was er sich vorgenommen hatte. Und als er die Leitung der Magiergilde von seinem Meister übernommen hatte, wusste er, dass auch er der größte Magier seiner Zeit werden würde. Schließlich hatte auch er vom Besten gelernt. Wäre er nicht der Herausragendste von allen gewesen, wäre er niemals von ihm als Lehrling ausgewählt worden.

Lächelnd strich er mit den Fingerspitzen über die schwungvoll beschriebenen Pergamentseiten mit der neuen Zauberformel, als er spürte, wie jemand durch seinen Schutzzauber an der Mauer trat. Er konnte ein unwilliges Brummen nicht unterdrücken, als er erkannte, wer es war.

Sein Zauber strich über die Person hinweg, schlug sanft Wellen und ließ so ein deutliches Bild der Person vor seinem geistigen Auge entstehen. Er registrierte die hochgezogenen Schultern und den forschen Schritt.

Nach diesem ungebetenen Gast stand ihm nun wirklich nicht der Sinn. Aber würde er zu den Leuten gehören, die Unangenehmes vor sich herschoben, wäre er heute nicht der oberste Magier des ganzen Landes. Entschlossen erhob er sich, um seinem späten Besucher entgegenzugehen.

Als er in seinen Empfangssalon trat, war der Störenfried schon dort angekommen und lief aufgebracht auf und ab.

„Was willst du hier?“, fragte Fero statt einer Begrüßung.

„Du wolltest mich übergehen! Du hast vor, meinen Platz jemand anderem zu geben!“

„Du bist einfach unfähig. Deine Magie ist nicht stark genug. Es gibt geeignetere Kandidaten. Mich anzuschreien ändert daran auch nichts.“ Fero selbst hatte Mühe ruhig zu bleiben.

„Ich habe es verdient hier zu sein. Ich habe hart dafür gearbeitet, und ich habe Opfer gebracht. Wie kannst du das in Frage stellen? Ich habe die Abhandlungen geschrieben, deren Themen dir zu langweilig waren und die du nun als deine ausgibst. Für deine Recherchen habe ich mir die Nächte um die Ohren geschlagen!“

Fero ballte die Hände zu Fäusten, während er dabei zusah, wie die Unterlagen und Gegenstände auf einem der kleinen Beistelltische zu Boden gefegt und Bücher aus seinen Regalen geworfen wurden.

„Du hast nichts getan, was jeder dahergelaufene Nichtmagier nicht auch könnte! Du bist eine Schande für die Gilde! Und meine Einrichtung zu zerstören wird dir auch nicht helfen. Mein Entschluss steht fest.“

„Sei still! Kein Wort mehr! Du kannst mir das nicht wegnehmen! Es ist alles, was ich habe. Du dagegen hast doch alles! Warum kannst du mir nicht lassen, was meines ist?“

„Weil es nicht wirklich dir gehört! Ohne mich wärst du gar nichts.“ Er kniff die Augen zusammen und blickte auf sein Gegenüber hinunter. „Ich habe dich lange genug in meinem Schatten mitgezogen. Gehe jetzt. Ich bin fertig mit dir!“

Er wandte sich ab. Lieber wollte er noch ein bisschen über seinen neuen Zauber nachdenken, als sich mit dieser Angelegenheit aufzuhalten. Es war alles gesagt, was es zu sagen gab. Er konnte schließlich niemanden zur Einsicht zwingen. Ein bisschen tat es ihm leid. Aber mangelnde Begabung war eben mangelnde Begabung. Und fehlendes Talent war etwas, das er nicht tolerieren würde.

Er sah nicht, wie sich die Hand um den Briefbeschwerer schloss. Hörte nicht die Bewegung, mit der er in die Höhe gerissen wurde. Als der Schmerz in seinem Hinterkopf explodierte, war es zu spät. Seine Sinne schwanden für immer.

KAPITEL 1

Myrras Aufgabe war einfach. Jeder Schuljunge, der lesen und schreiben konnte, hätte sie übernehmen können. Sie musste nur Meister Umbero zuhören, seine Anmerkungen niederschreiben und seine Unterlagen in Ordnung halten. Das war wirklich nicht schwer.

Meister Umbero, der oberste und einzige Ermittler der Magiergilde, der höchsten Institution nach dem König in diesem Land, hatte Myrra als Gehilfin zu sich genommen. Und sie war ihm unendlich dankbar gewesen, für diese wenig angesehene Position innerhalb der Gilde, für die es kaum Freiwillige gegeben hatte.

Im Moment jedoch war ihre eigene Situation das Letzte, woran sie dachte. Der Anblick der Leiche hatte alle anderen Gedanken aus ihrem Kopf verdrängt.

Einen Magier ohne Magie zu töten, sollte eigentlich völlig unmöglich sein. Trotz dieser Tatsache lag der oberste Magier der Stadt Spero mit eingeschlagenem Schädel auf dem Boden seines Empfangssalons. Getrocknetes Blut verklebte die dunklen Locken. Das feingeschnittene Gesicht darunter wirkte wächsern.

Myrra konnte den Blick nicht von dem See aus Blut abwenden, der sich um den toten Körper gebildet hatte. Das Pergament umklammernd, auf dem sie die Bemerkungen Meister Umberos notieren sollte, starrte sie auf den toten Körper. Die Magiergilde hatte den Ermittler von der Hauptstadt nach Spero, zur Stadt der Magiergilde, geschickt, um der Ermordung des obersten Magiers auf den Grund zu gehen. Ihre bisherige Routine in Meister Umberos Diensten hatte damit ein abruptes Ende genommen. Für gewöhnlich gab es innerhalb der Gilde nicht viel zu ermitteln und damit auch für Myrra nicht viel zu tun. Genauso hatte sie sich ihre neue Arbeit auch vorgestellt. Keinesfalls war sie davon ausgegangen, mit einem Mord konfrontiert zu werden. So etwas passierte in ihren Kreisen nicht allzu häufig. Noch nie zuvor in ihrem Leben hatte sie das Opfer eines gewaltsamen Todes gesehen, und sie war gebannt von dem Anblick der sich ihr bot.

Selbst nach dem Tod des Opfers musste der Mörder noch ein dutzend Mal auf es eingestochen haben. Der vergoldete und nun blutverschmierte Brieföffner in Form eines ellenlangen Miniaturschwertes lag noch immer neben der Leiche.

„Unmöglich, keine Spur tödlicher Magie und keine Spur eines Abwehrzaubers.“ Eben erst hatte Meister Umbero die Augen geöffnet und war aus einer Art Trance erwacht. Nun hatte er seine Augen weit aufgerissen und seine Hände zitterten leicht, was nichts mit seinem Alter zu tun hatte. Myrra sah ihn müde blinzeln und leicht den Kopf schütteln, wie um ihn wieder klar zu bekommen. Nur andere Magier konnten die Anstrengung und das hohe Maß an Konzentration nachempfinden, die für jede noch so kleine magische Tätigkeit gebraucht wurden.

Denn Meister Umbero hatte Sinne bemüht, die keinem Nichtmagischen zur Verfügung standen, um den Tatort zu untersuchen. Myrra selbst hatte den Einsatz von Magie Meister Umbero überlassen und nicht auf ihre Verbindung mit Omnipa geachtet. Sie würde nichts finden können, das Meister Umbero nicht selbst hätte spüren können. Seine Sinne galten als die schärfsten der ganzen Gilde, er konnte die Rückstände gewirkter Zauber in Omnipa noch nach Wochen und Monaten spüren. Bei sehr starken Zaubern selbst noch nach Jahren. Der Mord am obersten Magier Fero lag kaum mehr als einen Tag zurück. Wäre er mit Magie getötet worden, würde Meister Umbero es spüren können.

Myrra schaffte es endlich, den Blick von der Leiche abzuwenden, und schaute Meister Umbero an.

„Aber wie kann das sein? Warum hat er sich nicht verteidigt? Keinen Schutzschild aufgebaut?“, fragte sie. Ihr gesamtes Leben hatte sie in der Überzeugung verbracht, dass Magier durch ihre Begabung absolut unangreifbar wären. Außer gegenüber anderen Magiern, doch die waren überaus selten und gehörten alle der Gilde an.

Meister Umbero ging neben dem leblosen Körper in die Knie und musterte ihn. Noch nie hatte Myrra so tiefe Falten auf seiner Stirn gesehen. Bei diesem Blick verkrampften sich die Muskeln in ihren Schultern und unbewusst versuchte sie, sich kleinzumachen.

Meister Umbero bedeutete einem der Hausdiener mit einer Kerze näherzukommen und den Leichnam zu beleuchten. Es war zwar helllichter Tag, doch niemand hatte es seit dem grausigen Fund gewagt, etwas in dem Raum zu berühren oder zu verändern. So kam es, dass die schweren Samtvorhänge noch immer zugezogen waren und in dem dunkel vertäfelten Raum schummriges Dämmerlicht herrschte.

Aus dem Bedürfnis heraus, ihrem Meister von Nutzen zu sein, schritt Myrra auf die Fenster zu, steckte Pergament und Feder in die Taschen ihrer schiefergrauen Roben, in denen neben ihrem mageren Körper viel Platz war, und riss beherzt die Vorhänge auf. Meister Umbero blinzelte kurz in der plötzlichen Helligkeit, nickte Myrra jedoch zu und scheuchte den Diener mit der Kerze wieder weg.

„Selbst bei völliger Überraschung gelingt es einem Zauberer in der Regel noch, einen Kraftschild zwischen sich und einer Waffe zu bringen. Die reflexartige Verteidigung ist der einzige Gebrauch von Magie, der leicht fällt und nicht erst Jahre lang studiert werden muss, da sie fast völlig vom Instinkt gesteuert ist“, sagte Myrra.

Ihr fiel es schwer, zu glauben, dass eine nichtmagische Person den obersten Magier getötet haben könnte. Das war, so lange die Aufzeichnungen der Gilde zurückreichten, noch nie vorgekommen. Ein Frösteln lief ihr den Rücken hinunter, wenn sie daran dachte, wie geschickt der Mörder beim Töten hatte vorgehen müssen, um einen so starken Magier wie Fero zu überwältigen.

„Es gab schon Fälle, in denen ein Magier einen Stich ins Herz durch einen Heilzauber überwand.“ Myrra sprach weiter mit dem Rücken ihres Meisters. Sie war der festen Überzeugung gewesen, sobald Meister Umbero sich dem Tatort näherte, würde er die Magie des Mörders spüren können und ihn so zweifelsfrei identifizieren.

„Was machen wir nun?“, fragte Myrra den Rücken ihres Meisters kleinlaut, nachdem dieser einige Augenblicke nicht geantwortet hatte.

Sie selbst hatte keine Vorstellung davon, wie es weitergehen sollte. In ihren wildesten Träumen hätte sie sich ein solches Szenario niemals ausgemalt.

Umbero richtete sich auf und seufzte. „Wir werden den Mörder auf andere Weise überführen müssen.“ Myrra blickte zu ihrem Meister auf und versuchte weiter in seinem Gesicht zu lesen.

Er hielt den Blick weiter auf die Leiche gerichtet. Myrra konnte seine Besorgnis spüren. Doch anders als sie wirkte er gefasst. Sie trat näher an ihn heran, als versuche sie sich in seinem Schatten zu verstecken, in der Hoffnung, seine Ruhe möge sich auf sie übertragen.

„Bringt ihn in die Leichenhalle“, wies er die bereitstehenden Hausdiener an. „Und verschließt die Türen zu diesen Räumen. Niemand betritt sie ohne meine Erlaubnis.“

Zusammen mit Myrra sah er stumm dabei zu, wie zwei Hausdiener die Leiche auf eine Bahre legten und aus dem Raum trugen. Dann ging Meister Umbero mit wenigen Schritten zu einem der Beistelltische hinüber und beugte sich über die darauf verstreuten Papiere.

„Ist bei einem Mord durch Nichtmagische nicht die örtliche Gerichtsbarkeit zuständig?“ Myrra folgte ihrem Meister zum Tisch und beugte sich vor, wobei sie sich eine Strähne ihres feldmausbraunen Haars zurückstrich, die sich aus dem Zopf gelöst hatte. Sie ließ den Blick über die Unordnung gleiten. Es wunderte sie, dass auf dem niedrigen Tisch ein solches Durcheinander herrschte, die restlichen Räume von Meister Fero wirkten penibel aufgeräumt.

„Nicht, wenn es sich bei dem Opfer um einen der obersten Magier handelt. Das können die Obersten der Gilde nicht den Beamten des Königs überlassen. Dabei würden zu viele Angelegenheiten der Gilde das Ohr des Königs erreichen. Wir müssen hier ohnehin sehr besonnen vorgehen“, sagte Meister Umbero und zog einige der kleinen Schubladen des Tisches hervor und betrachtete den Inhalt. Er schien keinerlei Hemmungen zu haben, in den Besitztümern des Toten zu wühlen. Myrra wartete gespannt, dass er fortfuhr.

„Der König war wegen der Nachricht über den Tod Feros ohnehin schon sehr aufgebracht. Er verlangt eine baldige Klärung des Falles. In letzter Zeit war er immer unzufriedener mit der Gilde. Die Abgesandten des Magierkönigs aus Fratris prahlen bei jedem Bankett im Palast mit den neuesten magischen Errungenschaften aus ihrem Land. Gerüchten zufolge ist unser König sehr verärgert und wartet nur auf eine Gelegenheit, der eigenen Gilde sämtliche ihrer Privilegien zu entziehen oder sie gar aufzulösen.“

Myrra zog erschrocken die Luft durch die Zähne ein. Der König wollte die Gilde auflösen? Sie bestand seit Jahrhunderten. Myrra konnte sich gar nicht vorstellen, wie die Magier unter der Bevölkerung sonst gefunden und ausgebildet werden sollten.

„Du siehst also, wir müssen diesen Mord schnellstmöglich aufklären.“

Myrra nickte. Die Vorstellung, wie wichtig ihrer beider Aufgabe war, brachte ihre Hände zum Zittern. Dennoch machte sie sich gewissenhaft Notizen auf dem Pergament.

„Als Erstes müssen wir Feros Stellvertreter darüber informieren, dass wir die Ermittlungen aufnehmen, dann werden wir mit der Befragung der Hausangestellten beginnen“, bestimmte Meister Umbero ihr weiteres Vorgehen.

„Ist Feros Stellvertreterin nicht Speros oberste Heilerin?“, fragte sie, während ihre Feder über das Pergament kratzte. Myrra hatte die Frau noch nie persönlich getroffen, was sie aber über sie gehört hatte, erfüllte sie mit Bewunderung für ihren Ehrgeiz und ihr Durchsetzungsvermögen.

„Das ist sie. Manche sagen, dass mache sie zur mächtigsten Frau des Landes.“

Umbero hatte aufgehört den Schreibtisch zu durchsuchen.

„Schwer zu sagen, an was Fero zuletzt gearbeitet hat“, meinte er nachdenklich, den Blick auf Feros Unterlagen, „das müssen wir als Erstes herausfinden, vielleicht hat es zu seiner Ermordung geführt.“

„Aber zuerst müssen wir zur hohen Magierin Superbia“, erinnerte ihn Myrra, die in den Wochen, in denen sie nun schon mit Meister Umbero arbeitete, gelernt hatte, wie zerstreut er war.

„Ach ja, richtig“, seufzte Meister Umbero und steuerte auf die Tür zum Korridor zu.

Umbero und Myrra verließen den Empfangssalon. Nach einer Frage an die Hausdiener, die verloren auf dem Flur herumstanden und auf Anweisungen warteten, wussten sie, dass sich Meisterin Superbia derzeit im Armenspital der Stadt aufhielt.

Sie schritten den Korridor entlang. Myrra kam das Haus unnatürlich still vor. Es war das prunkvollste der Stadt und Myrra stellte sich vor, dass es normalerweise von Heerscharen von Bediensteten bevölkert werden musste. Doch nun herrschte eine Grabesstille. Die Bediensteten, die sie auf den Gängen trafen, schlichen auf Zehenspitzen an ihnen vorbei und gesprochen wurde nur im Flüsterton. Von guten Bediensteten wurde gemeinhin erwartet, dass sie niemals untätig herumstanden und am besten überhaupt nicht gesehen wurden. Doch Myrra konnte in Anbetracht der Umstände durchaus verstehen, wie hilflos alle waren und dass sie nicht wussten wohin mit sich. Mitfühlend blickte sie den Angestellten hinterher, wenn sie ihnen erschrocken auswichen. Dann erreichten sie und Meister Umbero die Eingangstür und traten auf die Straße in den gleißenden Sonnenschein hinaus.

Sie entschlossen sich, auf eine Mietkutsche zu verzichten und zu Fuß durch die Stadt zu gehen. Sie waren am Tag zuvor kurz nach Morgengrauen in einer Eilkutsche aufgebrochen und hatten den ganzen Tag sowie die Nacht und den halben Vormittag sitzend in dem Gefährt verbracht, da konnte ein kleiner Spaziergang nicht schaden. Also winkten sie den Kutschern, die auf der Straße auf Kundschaft warteten und beim Anblick von Umberos Meisterschärpe sofort ihre Dienste anboten, ab. Irritierte Blicke folgten ihnen, die jedoch nur Myrra zu bemerken schien. Wer hatte schon jemals einen Magiermeister zu Fuß gehen sehen?

Meister Feros Anwesen lag auf einem kleinen Hügel im wohlhabendsten Teil der Stadt. Es war die größte Stadt in Patriam und dennoch hatte Myrra sie nach Beendigung ihrer Gildeausbildung nicht vermisst. Die Mischung aus gelbem Sandstein und roten gebrannten Ziegeln, die sich am Fuße des Hügels vor ihnen ausbreitete, war auch in der königlichen Hauptstadt Urbia nicht anders. Einzig der Geruch dieser Stadt war unvergleichlich. Zumindest der des Magierviertels, in dessen Straßen sich Stände von Kräuter- und Seifenhändlern aneinanderreihten. Myrra zog tief die Luft ein, als sie die Auslagen passierten.

Sich in den Straßen zu orientieren und den Weg zum Spital zu finden war einfach, da die Stadt nicht einfach entstanden, sondern nach Plänen gestaltet worden war.

Myrra eilte hastig hinter Meister Umbero her, der mit weit ausgreifenden Schritten voranging.

KAPITEL 2

Das Armenspital befand sich genau zwischen dem Armenviertel und dem der Handwerker. Da es ohnehin schwierig war Freiwillige zu finden, die bereit waren dort als Pfleger zu arbeiten, hatte man Wert darauf gelegt, dass sie möglichst wenig die unsicheren Straßen des Elendsviertels benutzen mussten. Das Gebäude selbst war einfach und aus grobbehauenen Steinblöcken erbaut.

Myrra erklomm hinter Meister Umbero die wenigen Stufen zu dem zweiflügligen Hauptportal. Der steinerne Türbogen war mit bunt bemalten, glasierten Fliesen bedeckt. Die kleinen Quadrate bildeten zusammen größere Bilder, die von Motiven kranker, kümmerlicher Menschen beherrscht wurden, denen hochgewachsene Gestalten in langen Roben zur Seite standen. Myrras Schritte verlangsamten sich, während ihr Blick über die Bilder huschte. Dann trat sie durch das Tor. Nach der hellen Sonne auf der Straße benötigten ihre Augen einige Momente, um sich an das schwache Licht im Inneren des Gebäudes zu gewöhnen, dann konnten sie langsam Einzelheiten der Eingangshalle ausmachen. Die mit Steinplatten ausgelegte Halle hatte keinerlei Zierrat. Ihnen gegenüber erhob sich eine breite Treppe in die oberen Stockwerke. Rechts von ihnen saß hinter einem schmalen Tresen eine ältere Frau über ein dickes Buch gebeugt, dessen Seiten mit feiner Schrift beschrieben waren.

„Wir suchen die oberste Heilerin Superbia“, sprach Meister Umbero die Frau an.

„Sie ist im großen Gemeinschaftsschlafsaal“, antwortete sie mit Blick auf Umberos Meisterschärpe und deutete auf die ihr gegenüberliegende Seite der Halle, auf einen breiten Durchgang.

„Vielen Dank“, erwiderte Meister Umbero höflich, doch die Frau hatte sich bereits wieder dem Buch zugewandt, um ihm weitere Zeilen säuberlicher Schrift hinzuzufügen.

Meister Umbero und Myrra machten sich in die angegebene Richtung auf den Weg und erblickten sofort Meisterin Superbia. Die oberste Heilerin und zweitmächtigste Magierin der Gilde in Spero und ganz Patriam war eine dürre, kurvenlose Frau. Obwohl noch jung, fehlten ihr jeglicher Reiz und Anmut, die nötig gewesen wären diesen Makel auszugleichen. Auch das einfache braune Leinengewand war nicht gerade schmeichelhaft für ihr Aussehen. Als Umbero und Myrra eintraten, stand sie zwischen den Bettreihen entlang der Wände des großen Krankensaals und stützte sich auf der Lehne eines Stuhls ab, während sie den Schwestern um sich herum Anweisungen gab. Selbst vom anderen Ende des Raumes aus konnte Myrra sehen, wie die Schwestern sie direkt ansahen und ihren Worten lauschten und ihr dann ohne Scheu Fragen stellten. Aber wirklich erstaunlich war, dass sie ihnen das nachsah und ihnen antwortete. Einen solchen ebenbürtigen Umgang pflegten Magiermeister nicht oft mit nichtmagischen Untergebenen.

Diese angenehme Überraschung machte Myrra noch gespannter, Meisterin Superbia endlich kennenzulernen. Doch sie hatten nur wenige Schritte in den Schlafsaal gemacht, da schlug ihnen der Geruch von muffigem Bettzeug und Krankheit entgegen. Fast alle Betten waren belegt. In einem saß an die Wand gelehnt sogar einer der Nomaden aus der Wüste weit im Süden. Sie erkannte seine Herkunft an den vielen kleinen, silbernen Ringen, die seine Augenbrauen, Nasenflügel und selbst die Lippen zierten und ihm ein wildes Aussehen verliehen, das ihn zwischen all den Nordländern hervorstechen ließ. Ihr Blick blieb an ihm hängen, obwohl das Anstarren von Fremden als unhöflich galt und sie fragte sich unwillkürlich, was er hier tat. Schließlich sah man sie selten in den zivilisierten Ländern des Nordens. Man begegnete den vermeintlichen Barbaren aus dem Süden nicht gerade freundlich.

Myrras Schritte gerieten aus dem Takt, als sie der starre Blick aus seinen fast schwarzen Augen traf. Hastig blickte sie weg und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Meisterin Superbia.

Ihre Meisterschärpe saß schief, sie trug keinerlei protzigen Schmuck und Myrra musste daran denken, dass sie anders als die restlichen Mitglieder im Rat der obersten Magier nicht in eine einflussreiche Familie hineingeboren worden war. Sie hatte ihre Position als eine der Obersten durch harte Arbeit und viel Engagement erhalten. Viele zollten ihr dafür Respekt, auch aus der einfachen Bevölkerung, die den Magiern der Gilde sonst kritisch gegenüberstand. Myrra selbst war von Meisterin Superbias Werdegang schon immer tief beeindruckt gewesen.

Als Meister Umbero und Myrra näherkamen, blickte sie auf und unterbrach ihren Vortrag an die Schwestern. Dann richtete sie sich gerade auf und kam ihnen entgegen. Als sie ihnen die Hand reichte, fühlte Myrra die raue Haut. Sie dachte an die Hände ihres Kindermädchens, die sich stets genauso angefühlt hatten. Sofort fand sie die Frau mit dem starken Händedruck sympathisch. Superbias warme braune Augen blickten kurz in Myrras graue, bevor sie sich auf Meister Umbero konzentrierte.

„Ihr müsst der Ermittler aus der Hauptstadt sein“, begrüßte sie Superbia. „Sagt, habt ihr schon eine Erklärung für Feros Tod gefunden?“

Mit hoffnungsvoller Erwartung blickte sie Meister Umbero an. „Wir konnten nichts spüren, aber es muss Magie gewesen sein! Alles andere wäre unmöglich“, erklärte sie ihm.

„Es war uns nicht möglich, die Spur eines Zaubers zu erspüren. Der Mörder ist leider noch immer unbekannt“, teilte Meister Umbero der Magierin mit. Superbia schlug die Augen nieder und seufzte.

„Das ist nicht gut. Kaum vorzustellen, wie es einem Nichtmagier gelingen konnte den Stärksten von uns zu töten und auch noch unerkannt zu bleiben. Das schwächt das Ansehen der Gilde stark.“

Sie blickte wieder auf. „Ihr müsst den Mörder schnellstmöglich finden.“

„Das werden wir“, versicherte ihr Umbero. Sie nickte und seufzte dann erneut. „Der Verlust von Fero ist ein herber Schlag für die Gilde. Er war ein genialer Magier, der Stärkste und Begabteste von uns.“

„Ihr habt große Stücke auf ihn gehalten?“

„Ja, natürlich. So wie alle. Er war der leuchtende Stern, dem wir alle gefolgt sind.“

Nun war es an Meister Umbero zu nicken. „Aber sicher gab es doch auch Unstimmigkeiten, oder?“

„Worauf wollt ihr hinaus? Fero hat sein Amt stets untadelig erfüllt und sich nichts zu Schulden kommen lassen. Er war der junge Held der Gilde, sein herausragendes Talent machte ihn zum jüngsten obersten Magier seit Beginn der Gildeaufzeichnungen“, fuhr Meisterin Superbia sie an.

„Ich weiß, ich war damals bei seiner Prüfung anwesend“, rechtfertigte sich Meister Umbero. Myrra vergaß manchmal, dass er nicht immer der Ermittler für verunglückte oder tödliche Zauber gewesen war, der immer nur dann gerufen wurde, wenn etwas schief gegangen war. Er wäre beinahe selbst einmal in die Riegen der obersten Magier aufgestiegen, hätte er seine Chancen für einen Aufstieg in der Gilde nicht für mehr Zeit mit seiner Familie eingetauscht. In einer Gilde, in der besser und anerkannter zu sein als andere Mitglieder das oberste Gebot war, waren sie beide Außenseiter.

„Worauf ich hinauswill, ist, gab es jemanden, der nicht gut auf Fero zu sprechen gewesen war?“, verdeutlichte Umbero sein Anliegen.

„Nein, alle haben ihn gemocht und zu ihm aufgesehen. Er war allseits beliebt, vor allem bei seinen Magierlehrlingen. Jeder wollte am Liebsten bei ihm in die Lehre gehen. Aber am engsten hat er mit seinem Lehrling Falsus zusammengearbeitet, glaube ich. Die beiden schienen darüber hinaus gut befreundet zu sein. Er weiß sicher Näheres, falls es je irgendwelche Probleme gab.“

„Wisst Ihr auch, wo er sich gerade aufhält?“

„Nein, das weiß ich nicht. Da müsst Ihr in Feros Haushalt nachfragen. Aber morgen Vormittag findet eine Versammlung der obersten Magier statt. Die Gilde muss sich so schnell wie möglich um einen Nachfolger bemühen. Sicher wäre es gut, wenn Ihr daran teilnehmt“, teilte sie ihnen mit einer Stimme mit, die keinen Widerspruch zuließ.

„In diesem Fall werden auch wir da sein“, versicherte Meister Umbero.

Er bedankte sich höflich und verabschiedete sich. Myrra beeilte sich, ihm zu folgen, als er den Krankensaal verließ, und blickte dabei auf ihre Füße, um nicht noch einmal dem Blick des Südländers zu begegnen. Meister Umbero nickte der Frau hinter dem Tresen zu, aber diese blickte nicht einmal auf, als sie an ihr vorübergingen.

Draußen auf der Straße angekommen, sagte Umbero zu Myrra: „Die Lage ist wirklich nicht einfach. Wir sind auf uns allein gestellt und werden unseren eigenen Weg finden müssen, um die Identität des Mörders zu offenbaren.“

Myrra nickte stumm, sie war sich sicher, wenn einer dieses Rätsel lösen konnte, dann war es Meister Umbero. Nie hatte sie einen Menschen getroffen, der so scharfsinnige Schlussfolgerungen ziehen konnte und so von Logik beherrscht wurde wie er.

„Werden wir nun die Hausangestellten in Feros Anwesen befragen?“, fragte sie.

„Ausgezeichneter Einfall“, lobte sie Meister Umbero, der scheinbar vergessen hatte, dass das kaum eine Stunde zuvor sein eigener Vorschlag gewesen war.

KAPITEL 3

Etwa eine Stunde später befanden sich Meister Umbero und Myrra in der hallenartigen Küche von Feros Anwesen. Versammelt an dem langen Holztisch in der Mitte des riesigen Raumes saßen seine Hausangestellten. Vom Küchenjungen bis zum Gehilfen des Gärtners, hatte Meister Umbero alle antreten lassen. Es waren so viele, dass gar nicht alle auf einmal am Tisch Platz hatten und einige in zweiter Reihe hinter den Sitzenden stehen mussten. Keiner sprach ein Wort, alle hatten sich Meister Umbero und Myrra am Kopfende zugewandt. Direkt neben Myrra saß eine Frau, der mehlbestäubten Schürze nach die Bäckerin, die das nervöse Kneten ihrer Hände nicht ganz unterdrücken konnte. Immer wieder suchte sie den Blickkontakt zu einem kräftigen Mann nahe der Tür. Den Blick in Myrras Richtung vermied sie krampfhaft. Myrra fragte sich, was genau den Angestellten eigentlich über die Angelegenheit mitgeteilt worden war. Es war ihnen schließlich