Der Tote vom Winterstein - Emma Berfelde - E-Book

Der Tote vom Winterstein E-Book

Emma Berfelde

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Beschreibung

In der Wetterau, nördlich von Frankfurt. Im Wald unterhalb des Winterstein liegt eine männliche Leiche. Der Tote hat zahlreiche Prellungen am Körper und sich das Genick gebrochen. Ist er gestürzt oder wurde er gestoßen? Der Informatiker Mathias Bauer führte ein scheinbar normales Leben mit einem unspektakulären Job und einer kaputten Ehe. Nachdem die Obduktion keine Hinweise auf Fremdeinwirkung ergibt, entscheiden Polizei und Staatsanwaltschaft auf Unfall und stellen die Ermittlungen ein. Kommissarin Milena König hat Zweifel, glaubt an Mord. Der Lokalreporter Jacques Rousselle wittert eine große Story. Ohne offizielle Rückendeckung begeben sie die beiden auf die Suche nach dem Mörder. Und werden tatsächlich fündig. Mathias Bauer bewegte sich in illegalen Kreisen. Noch ahnen sie nicht, dass sie schon bald geschickt ausgelegten Ködern folgen werden und die Falle bereits ausgehoben ist...

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Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Emma Berfelde

Der Tote vom Winterstein

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I. Ein Toter im Wald

Kapitel 1

Kapitel 2 / 5. Oktober

Kapitel 3 / 6. Oktober

Kapitel 4 / 8. Oktober

Kapitel 5 /9. Oktober

Kapitel 6 / 10. Oktober

Kapitel 7 / 11. Oktober

Kapitel 8 / 14. Oktober

Kapitel 9 / 19. Oktober

Kapitel 10 / 22. Oktober

II. Spurensuche

Kapitel 11 / 6. Dezember

Kapitel 12 / 12. Dezember

Kapitel 13 / 13. Dezember

Kapitel 14 / 16. Dezember

Kapitel 15 / 18. Dezember

Kapitel 16 / 20. Dezember

Kapitel 17 / 21. Dezember

Kapitel 18 / Silvester

Kapitel 19 / 2. Januar

III. Die Jagd beginnt

Kapitel 20 / 3. Januar

Kapitel 21 / 6. Januar

Kapitel 22/ 7. Januar

Kapitel 23 / 8. Januar

Kapitel 24 / 9. Januar

Kapitel 25 / 10. Januar

Kapitel 26 / 19. Januar

Kapitel 27

Anmerkung

Danke

Impressum neobooks

I. Ein Toter im Wald

Kapitel 1

Schwer atmend stützte sich Mathias Bauer auf seine Wanderstöcke und drehte sich um. Zwei Stunden war er bereits unterwegs und seine Knie zitterten von der Anstrengung des Aufstieges. Aber er hätte nie gedacht, dass er es so weit schaffen würde.

Schau nach vorne, nicht zurück!

Mathias runzelte die Stirn. Selbst hier, fernab von Dirks Folterkammer, hörte er die Ratschläge seines Fitnesstrainers.

Er drehte sich wieder um und maß mit skeptischem Blick den steilen Pfad, der vor ihm lag. Bis zum Gipfel des Wintersteins mit dem hölzernen Aussichtsturm waren es noch fast achthundert Meter.

Er ließ seinen Rucksack von den Schultern gleiten und öffnete den Reißverschluss. Er zog eine Flasche Mineralwasser heraus und trank mit großen Schlucken. Kaum hatte er die Flasche abgesetzt, begann sein Magen zu knurren. Sehnsüchtig dachte er an das mit Putenbrust belegte Brot in seinem Rucksack. Die Versuchung war groß. Nein, entschied er. Als Belohnung für die Plackerei plante er eine ausgiebige Rast auf dem Plateau des Aussichtsturms mit Blick über die sanften Hügel der Wetterau.

Er hob den Rucksack wieder auf die Schultern und stapfte schnaufend voran. Löse deine Blockaden! Mist.Dirk und seine Imperative wohnten schon in seinem Kopf. Setz deine Schritte! Denk an dein Ziel!

Mathias verzog das Gesicht. Mindestens dreißig Kilo mussten noch runter über den Winter, dann würde er sein erstes Ziel, „unter hundert“, erreicht haben. Mit einem unbarmherzigen Speiseplan hatte er seine Ernährung umgestellt: Die rote Karte für Pizza und Pommes, grünes Licht für Salat, Gemüse, mageres Fleisch und volles Korn. Dazu das Training in Dirks Fitnessgruppe, ungemein anstrengend, aber auch unerwartet zufriedenstellend. Besonders schön war es, wenn Dirk es ihnen erlaubte, am Ende des Krafttrainings die erschöpften Körper auf der Matte auszustrecken, um beim Yoga ihre „sanfte Mitte“ zu finden. Du fühlst dich ganz leicht. Ja, Dirk.

Nach zweihundert Metern stoppte Mathias für die nächste Pause. Er zog ein Taschentuch aus der Hosentasche, nahm die Brille ab und wischte sich über das Gesicht. Verdammt warm für Anfang Oktober! Die Kleidung klebte an seinem Körper, obwohl er unter der wasserdichten Wachsjacke nur ein dünnes T-Shirt trug. Glücklicherweise sah es so aus, als bliebe er von rücksichtslosen Freizeitsportlern verschont. Nur zwei Wanderer waren ihm entgegengekommen, ein rüstiges Rentnerpaar. Sie waren bestimmt den steileren Weg von Ockstadt gestartet, vielleicht sogar von der Saalburg. Beneidenswerte Kondition. Den kompletten hessischen Limes entlang zu laufen, die ganzen einhundertdreiundfünfzig Kilometer, das war Mathias‘ Traum. Davon war er noch weit entfernt.

Er setzte seine Brille wieder auf und ging langsam die nächsten Schritte. Er keuchte, seine Lungen brannten. Von wegen fit durch Fasten, er fühlte sich eher wie ein Fisch, der im Todeskampf auf dem Trockenen zappelte. Er fragte sich zum wiederholten Mal, warum er das machte. Warum überhaupt abnehmen? In anderen Ländern genossen Dicke hohes Ansehen. In Saudi-Arabien zum Beispiel, da wurde er gerade wegen seiner Körperfülle respektiert. In Afrika erst recht. Hier, in diesem Land mit dem Schlankheitswahn, da war er ein Fettkloß, der immer zu viel für sich beanspruchte. Im Flugzeug musste er die teure Business Class buchen, denn in die engen Sitze der Economy Class passte er gar nicht rein. Dieses Land war auf Mittelmaß konditioniert. Er hatte die ständige Diskriminierung so satt.

Aber hatte er sich die richtige Frage gestellt? Nicht warum, sondern für wen machte er das? Natürlich für Irene. Seine schöne Nixe vom Schwarzen Meer. Eigentlich hieß sie Svetlana, aber sie hatte nichts dagegen, Irene genannt zu werden. Alles so, wie du es willst, Bärchen, sagte sie immer. Sie war so anders als das egoistische Biest, mit dem er leider immer noch verheiratet war. Niemand wusste von Svetlana und das sollte vorerst auch so bleiben. Das Biest wird schäumen vor Wut! Mathias lächelte. Nun fühlte er sich wirklich leicht.

Nach weiteren hundert Metern wurde ihm schwindelig. Er setzte sich auf einen Findling und überlegte, ob er die Stulle nicht doch schon jetzt essen sollte. Niemand würde ihn dabei erwischen. Dirk war nicht da mit seinem Gesülze. Ich weiß, wie schwer es ist, aber ohne Disziplin geht es nun einmal nicht. Von wegen Disziplin! Dirk hatte seine eigene Fettsucht bestimmt mit Hilfsmitteln bekämpft, die garantiert in keinem Diätratgeber zu finden waren.

Mathias‘ Magen knurrte erneut. Ohne Stärkung würde er es nicht bis auf den Gipfel schaffen. Er kramte im Rucksack nach der Plastikbox. Er öffnete sie, nahm das Brot andächtig heraus und biss hinein. Er schloss die Augen und schob den ersten Bissen im Mund hin und her. Lecker. Vollkornbrot mit Sonnenblumenkernen. Er schmeckte Tomate und das knackige Blatt eines Eisbergsalats. Der leicht salzige Geschmack der Putenbrust kam erst danach. Und … Frischkäse! Er öffnete die Augen. Keine Butter. Wann er wohl wieder Butter essen durfte? Oder Waffeln mit Sahne? Bratkartoffeln mit Speck? Ein Croque mit Tunfisch und ganz viel Mayo?

Die Stulle schmeckte jetzt fade. Er legte sie zurück in die Box und schob sie von sich weg. Sein Magen knurrte immer noch.

Er war müde. Nur ein Viertelstündchen hier sitzen, das wäre schön. Er schloss die Augen. Lauschte dem Lied der rauschenden Blätter. Fühlte den wieder gleichmäßigen Schlag seines Herzens. Wer rastet, der rostet! Fuck you, Dirk! Plötzlich hörte Mathias ein scharfes Kreischen einer Bremse und schlitternde Reifen. Verfluchtes Mountainbike! Mathias riss die Augen auf, musste in die Sonne blinzeln. Er erkannte die Silhouette einer schlanken Gestalt in hautenger Funktionskleidung und einem Helm auf dem Kopf. Dann traf ein Schlag seine Nase, riss ihm die Brille herunter. Er tastete nach seinen Wanderstöcken und stemmte sich mühsam hoch. Jemand schubste ihn.

„He, was soll das?“

Keine Antwort, nur ein heftiges Atmen. Mathias taumelte ein paar Schritte zurück, bis er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Seine Augen tränten und er schmeckte Blut. Wehr dich! Benutz die Stöcke! Hau einfach drauf! Er schlug wild um sich, doch die Gestalt wich ihm aus. Wie ein tanzender Kobold, dachte Mathias und schnappte nach Luft. Er spürte, wie sich zwei Hände auf seine Brust legten und ihm erneut einen Stoß gaben. Er kippte nach hinten ins Leere. Mit den Armen rudernd, versuchte er, sich an einem Ast festzuhalten. Seine dicken Finger umklammerten den Zweig. Der brach ab und Mathias verlor den Halt. Sah kurz den Himmel über sich, dann wieder schrammte sein Gesicht über bröckelige Erde und spitze Tannennadeln. Sein rechtes Knie stieß an etwas Hartes, es tat höllisch weh. Als er über einen Buckel rollte, schien er für kurze Zeit zu schweben. Der harte Aufprall nahm ihm die Luft. Es knackte. Alles wurde dunkel.

Kapitel 2 / 5. Oktober

„Wie lange liegt er schon da?“, fragte Kommissarin Milena König.

Karsten Feldmann, Leiter der Spurensicherung, schob die Kapuze seines weißen Overalls zurück und kratzte sich am Kopf. Milenas Kollege Jan Sielau kroch mit anderen „Weißlingen“ den Hang zum Wanderpfad hoch. Sie befanden sich mitten im Wald, rund fünfzig Höhenmeter unterhalb des Aussichtsturms am Winterstein. Das hölzerne Gestell zeichnete sich gegen den grauen Himmel ab. Die Stelle war schwer zugänglich, weiter unten verlief ein schmaler Forstweg, der von den Autos des K 10 der Polizeidirektion Wetterau und der Spurensicherung zugeparkt war. Der leichte Wind ließ die bereits bunten Blätter der Bäume rauschen. Dieses sanfte Geräusch konkurrierte mit dem stetigen Brummen von der naheliegenden Autobahn.

„Nach dem Stadium der Maden zu urteilen, fünf oder sechs Tage.“ Karsten wies auf einen weißen Wurm, der sich mit einer Vielzahl von Verwandten an der Wunde im Nacken des Opfers labte. „Aber ich bin nicht von der Rechtsmedizin. Bremer ist informiert, steckt aber auf der A5 im Stau fest.“

„Bremer?“, fragte Milena. „Kenn ich nicht.“

„Dr. Burkhard Bremer“, sagte Karsten. „Er ist neu in Gießen.“

Einer von Karstens Leuten pickte die Made mit einer Pinzette auf und steckte sie in ein mit einer gelblichen Flüssigkeit gefülltes Glasröhrchen. Gut, dass ich das nicht untersuchen muss, dachte Milena. Die Beschreibung im Bericht wird eklig genug sein.

Der Tote lag auf dem Bauch. Seine kurzen, braunen Haaren waren mit Schlamm, Tannennadeln und Laub verklebt. Der leichte Nieselregen der vergangenen Tage hatte die Erde um die Leiche herum aufgeweicht. Der Tote trug eine olivgrüne Wachsjacke, braune Cordhosen und hellgraue Wanderschuhe. Klassischer Wanderlook, dachte Milena. Aber kein klassischer Wanderkörper. Alles mindestens XXXL. Es muss eine wahre Tortur für ihn gewesen sein, mit dem Gewicht bis hier hoch zu laufen. War er am Ende seiner Kräfte gewesen? Milena war selbst mal am Winterstein gewandert und trotz ihrer knapp sechzig Kilo und ihrer guten Kondition war es alles andere als der erwartete Spaziergang gewesen.

Sie hörte einen Wagen heranrollen und sah hinunter auf den Forstweg. Ein metallic-blauer Opel Vectra hielt hinter der Autokolonne. Gleich würde sich ihr Chef, Hauptkommissar Alexander Wege, durch das Unterholz kämpfen, mit der bissigen Entschlossenheit eines Jagdhundes, der zur erlegten Beute strebt. Das ging ja schnell, dachte sie. Jan und sie waren selbst erst vor wenigen Minuten angekommen und würden Alex noch nicht viel präsentieren können.

„Habt ihr einen Ausweis gefunden?“, fragte sie. Wortlos reichte Karsten ihr einen Plastikbeutel mit dem gewünschten Dokument. „Mathias Bauer“, las sie und drehte den Ausweis um. Der Tote hatte im Dachspfad in Friedberg gewohnt.

„Tag, Milena.“ Ihr Chef atmete ruhig, obwohl er gerade ein steiles Stück des Hanges hinaufgestiegen war. Für einige Sekunden ließ er seinen Blick auf der Leiche ruhen, die Hände in den Taschen seines Anoraks. Milena schaute ihn verstohlen von der Seite an. Gestern war sein rotblondes Haar mindestens fünf Zentimeter lang gewesen, heute trug er es wieder auf militärische Kürze getrimmt, kaum länger als die ebenfalls rotblonden Bartstoppeln an seinem kantigen Kiefer.

„Unfall oder Mord?“, fragte Alex.

Milena hörte Karsten leise lachen.

„Hat die Leiche uns leider noch nicht verraten“, sagte sie breit lächelnd und reichte Alex den Ausweis.

„Wie lange?“

Typisch Alex! Kein Kommentar zu ihrer ironischen Antwort, sondern eine sachliche Frage. Ich bin kindisch und impulsiv, er ist vernünftig und professionell. Doch dann schämte sie sich. Dort lag eine Leiche und sie wollte sich mit ihrem Chef zanken. Sie berichtete ihm von Karstens Vermutung.

„Wer hat ihn gefunden?“

„Es gab einen anonymen Anruf. Männlich.“ Milena wies auf einen schmalen, mit Wurzeln übersäten Pfad durch den Wald. „Wahrscheinlich ein Mountainbiker, der das Gelände verbotenerweise als Downhill-Trail benutzt hat. Und deshalb anonym.“

Alex nickte. „Wir müssen ihm dankbar sein. Das Laub hätte bald den ganzen Körper zugedeckt. Und dann noch die Tarnfarben der Kleidung. Die Leiche hätte in Ruhe verrotten können.“

„Wenn ihr mich fragt: Er ist gestürzt oder wurde gestoßen. Von da oben.“ Karsten wies auf eine Stelle am Hang, an der ein großer Findling zur Rast einlud. Von dort abwärts hatten Waldarbeiter vor Kurzem eine kleine Fläche gerodet. „Es gibt zahlreiche Schürfwunden. Hat sich wohl mehrmals überschlagen, bis der erste Baumstumpf seinem Körper beim Herunterkullern eine andere Richtung gab. Der dritte Baumstumpf hat ihn dann wohl auf den Stein geworfen. Der hat ihm möglicherweise das Genick gebrochen.“

Alex’ Blick war Karstens Zeigefinger gefolgt und er hatte Jan entdeckt. „Wie sieht’s da oben aus, Jan?“ Seine tiefe Kommandostimme überbrückte mühelos die Entfernung.

Jan hielt sich krampfhaft an einem dicken Ast fest und zog sich ein Stück nach oben. „Hat wohl gerade Pause gemacht“, schrie er längst nicht so kraftvoll zurück. „Wir haben hier eine angebissene Stulle in einer Brotbox. Schon ein bisschen vergammelt.“

Alex richtete den Blick zurück auf die Leiche. „Rucksack oder eine Tasche?“

„Nein“, sagte Milena

„Jan“, rief Alex. „Rucksack?“

„Nichts.“

Alex strich sich über die Bartstoppeln, dann sah er Milena an. „Irgendwelche Wertsachen?“

Sie zeigte ihm die anderen Plastiktüten. Sie enthielten einen Führerschein, einen Schlüssel und ein Portemonnaie. „Eine Stulle, aber keinen Rucksack. Finde ich sehr merkwürdig.“

„Die Stulle muss nicht zu ihm gehören“, wandte Alex ein. „Vielleicht wollte er im Forsthaus Winterstein einkehren. Dann wäre ein Rucksack unnötiger Ballast. “ Er runzelte die Stirn. „Ich werde mit der Staatsanwältin sprechen, eine Obduktion halte ich für angebracht. Wen schickt die Rechtsmedizin?“

„Einen Dr. Bremer“, sagte Milena. „Steckt aber im Stau.“

„Bremer? Kenne ich nicht.“

„Er ist neu in Gießen.“

Alex zuckte mit den Schultern. „Wartet auf ihn. Und wenn ihr hier fertig seid, treffen wir uns in meinem Büro.“ Alex drehte sich um und machte Anstalten, zum Auto zurückzukehren, stoppte jedoch. „Teufel noch mal!“, rief er.

Milena stellte sich neben ihn. Ein Mann eilte durch den Wald auf die Gruppe der Beamten zu, die den Ort absicherten. Milena lächelte. Schwarze Locken, südländischer Teint, den schlanken Körper in teuren englischen Tweed gekleidet. An einer Schulter baumelte ein Fotoapparat.

Alex stöhnte. „Jack Russell! Woher weiß der denn schon wieder Bescheid?” Er warf Milena einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Frag doch Jan“, wehrte sie ab. „Die kennen sich vom Boxen.“

***

Kommissar Jan Sielau fuhr den Eleonorenring entlang und bog links in die Goethestraße ein. Hier war für kurze Zeit das Heim von Elvis Presley gewesen, während seiner Zeit bei der US-Army in Deutschland. Stationiert worden war er in den Ray-Baracks in Friedberg, gewohnt hatte er aber in Bad Nauheim. Jans Großmutter behauptete, dass Elvis von seiner Kaserne ausgerissen war, um sie heimlich zu treffen. Niemand glaubte ihr. Wahrscheinlicher war, dass sie, wie die meisten, nur einen kurzen Blick auf den großen Star hatte werfen können. Doch es gab ein paar Dinge, die nicht zu leugnen waren: Jans Mutter war unehelich geboren, Jahrgang 1961. Ihre Mutter hatte sie auf den Namen Elvira getauft. Elvis' Eskapaden waren kein Geheimnis gewesen. War es nicht doch möglich ...? Nein, jetzt gab er sich Tagträumen hin. Sein Großvater sei ein charmanter, aber unzuverlässiger „Landmatrose“ gewesen, erzählten die Nachbarn seiner Großmutter. Er war als Schausteller mit der Kirmes umhergezogen und hatte in jedem Ort ein anderes Mädchen gehabt. Großmutter schwieg hartnäckig zu dieser Version der Geschichte, dementierte sie aber auch nicht.

Jan lächelte nachsichtig, setzte den rechten Blinker und fuhr in die Schillerstraße. Dies war das Dichterviertel, eine der angesagten Wohngegenden in Bad Nauheim. Westlich der Schillerstraße wirkte noch der Charme des „Bel Époque“, als Bad Nauheim „Kaiserbad“ hieß. Oder besser Kaiserinnenbad: Die russische Zarin, Kaiserin Sisi und Kaiserin Auguste, sie waren mitsamt ihren Familien und ihrem Hofstaat regelmäßig hierher zur Kur gekommen. Die glanzvollen Zeiten waren vorüber, geblieben die prächtigen Häuser mit Stuckfassaden und kunstvollen Eisengittern an den Balkonen.

Jan bog langsam rechts in die Luisenstraßeund fuhr auf den nächsten freien Parkplatz. Er schaltete den Motor aus, blieb einen Moment im Auto sitzen und betrachtete das Haus der Eltern von Mathias Bauer. Kein „Bel Époque“ mehr, sondern ein freistehendes Einfamilienhaus mit verziertem Gartenzaun und dunkelgrünen Fensterläden.

Es hilft nichts, dachte er. Ich muss da rein und die traurige Nachricht überbringen. Jan stieg aus und ging die wenigen Schritte durch den Vorgarten bis zur Tür. Drinnen hörte er Wasser rauschen und eine monotone Stimme aus einem Lautsprecher, die Nachrichten oder Verkehrsmeldungen vortrug. Als er die Hand nach der Klingel ausstreckte, quietschte hinter ihm das Gartentor. Ein in Rosa gekleidetes Mädchen kam auf ihn zugerannt, mit Kunststoffschmetterlingen im aschblonden Haar, in jedem Arm ein Stofftier. Als ihr bewusst wurde, dass da ein Fremder vor ihr stand, stoppte sie und drehte sich zu dem Mann um, der ihr mit langsamen Schritten folgte und Jan musterte. Seine vom Wind zerzausten, dunkelblonden Haare gaben ihm ein verwegenes Aussehen. Er trug braune Jeans und ein dunkelgrünes Hemd unter einer dünnen, hellbraunen Lederjacke.

„Wer ist das, Ulrich?“, fragte das Mädchen und versteckte sich halb hinter den Beinen des Mannes.

Der verzog seinen Mund zu einem schiefen Lächeln. „Ich gebe die Frage weiter“, sagte er zu Jan und kämmte seine Haare mit den Fingern glatt.

„Kommissar Jan Sielau.“ Jan zeigte seinen Dienstausweis.

Der Mann gab ihm die Hand. „Ulrich Bauer.“ Er schloss die Haustür auf. „Kommen Sie bitte herein. Hat irgendwer was ausgefressen?“ Er bemühte sich, belustigt zu klingen, doch Jan hörte die Unsicherheit dahinter.

Das Mädchen stürmte an ihnen vorbei ins Wohnzimmer, dessen Tür offen stand. „Omi, Opi, ratet mal, was ich auf der Kerb gewonnen hab!“, rief sie.

Jan atmete tief durch. Nun kam der Moment, an dem er Fingerspitzengefühl beweisen und die richtigen Worte finden musste. Etwas beklommen folgte er Ulrich Bauer in das Wohnzimmer.

„Da muss ich nicht viel raten, Laura“, sagte gerade eine ältere Frau mit rauer Stimme. „Dies ist ein Nilpferd und das ein Husky.“ Sie stand am Fenster und beugte sich zu dem Mädchen herab.

Sie schien im gleichen Alter wie Jans Großmutter zu sein. Das war jedoch die einzige Gemeinsamkeit. Seine Großmutter liebte bunte Rüschenkleider aus leichten, geblümten Stoffen und viel Schminke. Diese Dame bevorzugte offensichtlich einen zeitlos klassischen Look. Jans Blick wanderte über das glatte, in der Mitte gescheitelte Haar, das dezente Make-up, das marinefarbene Kostüm und blieb schließlich an den blauen Halbschuhen hängen. Straßenschuhe im Haus? Wollte sie ausgehen? Oder besaß sie gar keine Hausschuhe?

„Ulrich hat das aus diesem Glaskasten gezogen, wo ganz viele davon drin sind. Aber es ist ganz schwer, die mit der Zange zu fassen zu kriegen. Ich hab’s so oft probiert. Ehrlich, ganz schwer.“

„Onkel Ulrich hat sehr viel Geschick“, sagte die Frau. Als sie die beiden Männer im Türrahmen entdeckte, richtete sie sich auf. „Wer sind Sie?“

Jan stellte sich erneut vor. Die Frau erbleichte und warf ihrem Sohn einen kurzen Blick zu. „Ist etwas mit Mathias oder Sandra?“

„Sind Sie Ute Bauer?“, fragte Jan zurück.

Die Frau nickte und ließ sich in einem Sessel sinken. Jans Herz klopfte. Die Worte, die er sich noch im Büro zurechtgelegt hatte, waren wie weggeblasen. Er musste improvisieren. Was hatte Alex ihm geraten? Erst alle versammeln, dann die Nachricht. „Ist Ihr Mann auch zu Hause?“

Ute Bauer nickte erneut. „Kannst du deinen Vater aus dem Keller holen?“, richtete sie die Frage an ihren Sohn, ohne ihn anzuschauen.

Jan wartete. Das Mädchen schien die Anspannung im Raum zu spüren und hielt die beiden Stofftiere eng an sich gepresst. Laura, hatte Ute Bauer sie genannt. Das war die Tochter von Mathias Bauer. Milena hatte das Melderegister geprüft, Bauers Ehefrau Anja Herlof lebte seit fünf Jahren von ihrem Mann getrennt, die gemeinsame Tochter wohnte bei ihr. Laura schaute ihn ängstlich aus tiefblauen Augen an. Jan schluckte. Wie wird sie reagieren, wenn sie erfährt, dass ihr Vater nicht mehr lebt? Sie sollte nicht hier sein.

Er wollte gerade vorschlagen, Laura aus dem Zimmer zu schicken, als sich die Tür öffnete und Ulrich Bauer mit seinem Vater hereinkam, beide leicht außer Atem nach dem Treppensteigen.

***

Der Betonbau aus den 70er Jahren befand sich in der Saarstraße unweit des Friedberger Bahnhofs. Das helle Grau der Fassade war mit schwarzen Schlieren durchsetzt. Ein farbiger Anstrich würde dem Klotz gut tun, dachte Milena. Ihr Finger glitt über die Namen der Klingelschilder: Yardiz, Krovacik, Rahimi, Belcanto, Monscher. Sie hörte den leiernden Rhythmus türkischer Popmusik aus einem der geöffneten Fenster, laut genug gestellt, um den Motorenlärm von der Straße zu übertönen. In einer Erdgeschosswohnung hingen hinter dreckigen Scheiben nikotinbraun verfärbte Gardinen. In einer anderen konnte sie gestapelte Kartons und eine nackte Glühbirne ausmachen. Ein Fernseher lief. Im Hauseingang roch es schwach nach Urin. Klar, hübsch und sauber sieht anders aus, dachte sie. Aber es wohnten Menschen hier. Wenn auch nur, weil sie keine Alternative hatten.

Das galt wohl auch für Mathias Bauers Ehefrau, die mit ihrer Tochter Laura eine Wohnung im zweiten Stock bewohnte. Anja Herlof arbeitete Teilzeit in einem Friseursalon, viel Geld war da nicht zu verdienen. Hatte Mathias Bauer sie finanziell unterstützt? Wer sich wohl von wem getrennt hatte? Und im Streit oder auf freundschaftlichem Wege? Sie würde es bald erfahren.

Milena drückte auf den Klingelknopf neben dem Namen Herlof und wartete. Niemand antwortete. Das Schweigen konnte von „Keiner zu Hause“ bis „Klingel kaputt“ alles bedeuten. Milena drehte sich um und blickte die Straße hinunter. Ein paar Leute gingen den Bürgersteig entlang, aber keiner schien in dieses Haus zu wollen. Sie drückte noch einmal die Klingel.

Ein Knacken ertönte und eine blecherne Stimme fragte: „Ja?“

„Frau Herlof?

„Ja?“

„Hier ist Milena König.“

„Wer ist da?“ Die Worte kamen schleppend.

Hoffentlich ist sie nicht betrunken, dachte Milena.

„Milena König, ich bin Kriminalkommissarin und möchte mit Ihnen sprechen.“

„Wer?“

Milena seufzte. „Polizei“, rief sie in die Sprechanlage. „Es geht um Ihren Mann.“ Eine Weile war nur ein lautes Atmen zu hören, dann ging der Summer und Milena drückte die Tür auf.

Eine schlanke Frau in verwaschenen Leggins und langer, bunter Bluse empfing sie an der Wohnungstür. Ihr Blick war klar, es gab kein Anzeichen von Trunkenheit. Ihr blondes Haar stand in scheinbar wilden, bei näherem Hinsehen jedoch sorgfältig frisierten Locken um ihren Kopf.

Anja Herlof schüttelte ihre Hände. „Nagellack“, erklärte sie und ging wieder in die Wohnung. Auch ihre Stimme war klar, keine Spur mehr von der Mattigkeit wenige Minuten zuvor. Milena schloss die Tür und folgte ihr ins Wohnzimmer zu einem riesigen Ecksofa, das fast das ganze Zimmer einnahm und dessen Polster die ersten Auflösungserscheinungen zeigte. Sie ließ ihren Blick schweifen. Blickdichte Gardinen hingen vor den beiden Fenstern. An einer Seite stand eine Schrankwand, dem Sofa gegenüber ein Fernseher auf einer Kommode. Die Möbel mochten aussehen wie vom Sperrmüll, aber das Zimmer war sauber und aufgeräumt. In der kleinen Lücke zwischen Schrankwand und Wand standen zusammengeklappt ein Bügelbrett, ein Wäscheständer und ein Gerät, das Milena nicht einordnen konnte.

„Was zu trinken?“, fragte Anja Herlof und hielt eine Wasserflasche hoch. Sie hatte sich auf das Eckteil des Sofas geworfen.

Milena schüttelte den Kopf und setzte sich in einen Sessel. „Nein, danke.“

Anja Herlof goss sich ein Glas voll, stellte die Flasche neben den Tisch auf den Boden und zog die Füße hoch. Sie begutachtete stirnrunzelnd ihre Fingernägel. „Muss wohl noch mal von vorn anfangen“, seufzte sie und griff nach dem Nagellackentferner. „Was ist mit Mathias?“

„Ist Ihre Tochter auch da?“

Anja Herlof schüttelte den Kopf. „Mit ihrem Onkel auf der Kerb. Bad Nauheim.“ Sie nahm einen dicken Wattebausch aus einer Tüte und schraubte die kleine Flasche auf. Sie goss ein wenig Flüssigkeit auf die Watte und begann, den Lack abzureiben. „Warum?“

Milena faltete ihre Hände. Sie war also mit der Witwe allein. Gut so! Wie würde sie reagieren? Bittere Tränen vergießen? Oder gefasst die Nachricht aufnehmen? Vielleicht sogar froh sein? Milena hatte gleich nach dem Abitur mit der Ausbildung bei der Kriminalpolizei begonnen und war somit schon über zehn Jahre „im Geschäft“. Aber Todesnachrichten zu überbringen, gehörten bei ihr nicht zur Routine.

„Frau Herlof, Ihrem Mann ist im Wald oben beim Winterstein ein Unglück geschehen“, begann sie vorsichtig.

Anja schnaubte. „Im Wald? Sind Sie sicher? Mathias geht zu McDoof oder an die nächste Tanke, aber nicht in den Wald.“ Sie nahm erneut den Nagellackentferner, stoppte in der Bewegung und blickte auf. „Noch nicht mal zum Pilzesammeln, obwohl er sie gerne gegessen hat. In Massen, nicht in Maßen.“ Ihr Grinsen entblößte eine Reihe von strahlend weißen Zähnen.

„Ihr Mann ist tot“, sagte Milena mit schärferer Stimme als beabsichtigt.

Die kleine Flasche fiel der Frau aus den Händen und der Inhalt ergoss sich auf den schäbigen Teppich unter dem Couchtisch. Anja Herlof schien es nicht zu bemerken, sie saß kerzengerade und mit offenem Mund da und starrte auf ihre unlackierten Nägel.

Milena sprang hoch und hob das Fläschchen auf. Sie erklärte kurz, was die Polizei vermutete.

„Er ist gestürzt?“, hauchte Anja Herlof.

Es klingt nicht traurig, dachte Milena. Es klingt verwirrt und gleichzeitig erleichtert, als ob sie noch nicht an eine Zukunft ohne Mathias Bauer glauben kann. Milena wusste aus ihrer Recherche: Es existierte kein Testament. Somit würde Anja Herlof zusammen mit ihrer Tochter alles erben, was es zu erben gab.

„Höchstwahrscheinlich. Aber wir können nicht ausschließen, dass jemand nachgeholfen hat.“

***

„Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Sohn Mathias tot aufgefunden worden ist.“

Ute Bauer schaute Jan mit aufgerissenen Augen an, räusperte sich kurz, danach glich ihr Gesicht wieder einer unbeweglichen Maske. Martin Bauer hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt, als Jan zu ihm blickte, nahm er sie weg, zog ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich über die feuchten Augen. Das Ehepaar saß auf dem kleinen Sofa, Jan war stehen geblieben.

Laura war nicht mehr im Raum. Ulrich Bauer hatte dem Mädchen seine Hand hingehalten. „Komm, wir gehen in die Küche und essen ein paar von den leckeren Waffeln, die wir auf der Kerb gekauft haben.“ Er hatte sich um einen leichten Tonfall bemüht. Mit einem letzten neugierigen Blick auf Jan hatte sich Laura widerstandslos von ihrem Onkel aus dem Raum führen lassen. „Ich werde mich später mit Ihnen unterhalten“, hatte Jan ihm hinterhergerufen.

Ute Bauer ergriff die linke Hand ihres Mannes und strich über die dünnen Knöchel. Sie hatte Tränen in den Augen. „Man geht immer davon aus, dass man zuerst geht“, sagte sie. „Mathias war fettleibig. Der Arzt sagte, wenn er nichts dagegen unternimmt, dann wird es bald aus sein. Mit seinem Herzen, seinem Kreislauf. Hat sein Tod damit zu tun?“

„Er ist offensichtlich beim Wandern gestürzt und hat sich das Genick gebrochen.“

Beide Bauers blickten ihn fassungslos an.

Ute Bauer fand als Erste ihre Sprache wieder.

„Wandern?“, presste sie hervor. „Das glaub ich nicht. Er hat sich nicht mehr für Sport interessiert. Es wurde ja auch immer schwieriger, so fett, wie er war.“

„Er war auf dem Weg vom oder zum Winterstein. Wir wissen noch nicht, ob er aus Versehen oder mit Absicht gestürzt ist.“

„Mit Absicht?“ Ihre Stimme überschlug sich fast. „Sie meinen Selbstmord?“

„Kann sein.“ Merkwürdig, dachte Jan. Sie scheint damit gerechnet zu haben, dass ihr Sohn einen Kollaps erleidet und stirbt. Dass er seinem Leben selbst ein Ende setzt, will sie nicht glauben. Als ob ein tödlicher Unfall für sie akzeptabel, Selbstmord aber unverzeihlich wäre. „Aber wir denken bei Absicht eher an Totschlag oder an Mord.“

„Mord?“, hauchte sie. Sie ließ die Hand ihres Mannes los und stand auf. „Die Schlampe hat damit zu tun.“

„Welche Schlampe?“

„Na, die Nutte, die er geheiratet hat.“

„Ute, bitte!“, sagte Martin Bauer leise.

„Schon gut.“ Mit verschränkten Armen ging sie ein paar Schritte hin und her. „Ich hätte das nicht sagen sollen. Aber ich will nichts verschweigen. Ich habe kein gutes Verhältnis zu meiner Schwiegertochter.“

Jan nickte, wenn auch nicht aus Verständnis. Unwillkommene Schwiegertöchter gab es in vielen Familien. Großmutter Sielau nannte die ihre selten beim Namen. Elvira war „deine Mutter“ oder einfach nur „die“. Doch „Nutte“? Ute Bauer hatte wohl mehr als „kein gutes Verhältnis“ zu Anja Herlof.

„Sie hat mir meinen Sohn entfremdet“, bestätigte sie Jans Gedanken. „Mathias stand ganz unter ihrem Pantoffel. Hat kaum noch mit uns geredet. Sie wollte das so. Ihr Wunsch war ihm Befehl. Und dann war mit einem Mal alles aus. Mathias hat sehr gelitten, als die Ehe in die Brüche ging. Da war es aber bereits zu spät für uns.“ Sie schaute Jan direkt in die Augen. Ihm lief ein Schauer über den Rücken. „Diese Person hat meinen Jungen erst ausgenutzt und ihn dann wegen eines anderen verlassen. Es hat ihn umgebracht, sie hat ihn umgebracht. Mit ihrer Herzlosigkeit.“

***

„Er hätte mehr aus sich machen können“, sagte Clemens Sänger, der Inhaber von „CS Computer Security“. „Bauer hätte nicht ewig Informatikassistent bleiben müssen.“

Vor einer halben Stunde hatte Hauptkommissar Alexander Wege sein Auto auf dem Besucherparkplatz des Eschborner Bürohochhauses abgestellt, wo die kleine Computerfirma einige Räume im dritten Stock belegte. Ein Bürokomplex nach dem anderen reihte sich die Straße entlang. Zusammen bildeten sie eine Schlucht aus Glas, Beton und Stahl. Er befand sich im Gewerbegebiet Eschborn, das Ausweichquartier für Unternehmen, denen die Frankfurter Gewerbesteuer zu hoch geworden waren. Ein trister, nüchterner Ort gleich neben dem Autobahndreieck, ohne nennenswerte Gastronomie, ohne städtisches Ambiente, dafür aber bequem zu erreichen.

„CS Computer Security“ bot kundenbasierte Lösungen für die Sicherheit und Überwachung von IT-Systemen an. Das Firmenlogo stellte eine Mauer aus Computerchips dar, an der Viren abprallten. „Ihre Sicherheit ist unser Ziel!“

Nun saß Alexander Wege im Konferenzzimmer und starrte auf den überdimensionalen Bildschirm an der Wand. Sänger befand sich auf Geschäftsreise und hatte auf einer Direktschaltung in ein Hotel am Persischen Golf bestanden. Es hatte eine Weile gedauert, bis diese zustande gekommen war, und die Übertragung funktionierte nicht besonders gut. Sänger erklärte das mit den schlechten Wetterverhältnissen in Katar. Da ist wohl eher die Technik noch nicht ganz ausgereift, korrigierte Alex ihn stumm.

„Hatten Sie den Eindruck, dass Herrn Bauer in letzter Zeit etwas belastet hat?“ Er sprach mit dem Abteilungsleiter David Balzer, Bauers direktem Vorgesetztem, der neben ihm saß und ab und zu an der Falte seiner teuren Anzughose zupfte. Bei Alex’ Worten schreckte er hoch.

Balzer überlegte. „Informatiker sind nicht gerade die gesündesten Menschen auf diesem Planeten. Wenn es nicht die schlechte Ernährung ist, dann kämpfen sie mit erschlafften Muskeln und Hämorrhoiden vom langen Sitzen.“

„Ich bitte Sie, Balzer, das will Hauptkommissar Wege sicher nicht wissen“, schaltete sich Sänger ein. „Er fragt, ob Mathias Bauer Schwierigkeiten mit der Erledigung seiner Arbeit hatte.“

Das tue ich nicht, dachte Alex. „Er war also krank?“ Er richtete auch diese Frage direkt an Balzer.

„Nicht direkt. Wie gesagt, hier ist keiner wirklich gesund.“

„Was soll das denn heißen, Balzer?“, polterte Sänger. Das Bild auf dem Schirm zuckte. Alex hoffte, dass die Übertragung zusammenbrach.

„Wie oft hat er denn gefehlt?“

„Nie“, sagte Balzer.

„Nie?“, fragten Alex und Sänger gleichzeitig.

„Er ist vielleicht mal ein wenig später am Arbeitsplatz erschienen, hat die Zeit aber immer aufgeholt. Dafür gibt es schließlich die Gleitzeit.“

„Was heißt denn ‚später‘?“, fragte Alex.

„Warum denn ‚später‘?“, fragte Sänger.

Balzer warf zuerst einen Blick auf den Bildschirm, wandte sich dann aber an Alex.

„Er war manchmal erst nachmittags da.“

„Warum?“, griff Alex Sängers Frage auf.

Das Gesicht des Chefs begann, sich rötlich zu verfärben. Ob dies an der Sonne über Katar, an der farblich nicht korrekten Übertragung oder an seinem Gemütszustand lag, war nicht einwandfrei auszumachen.

„Er hat mir keinen Grund genannt“, sagte Balzer. „Unsere Mitarbeiter müssen flexibel sein. Also bin ich es auch. Hauptsache, die Deadline eines Projektes wird eingehalten.“

„Er hatte nie gefehlt, sagten Sie. Hat er nie über Unwohlsein geklagt?“

„Dass er nie gefehlt hat, bedeutet ja nicht, dass er sich immer wohl gefühlt hat. Ärzte machen krank, sagte er immer. Er nahm lieber ein paar Tabletten und ging zur Arbeit.“

„Hatte er Probleme mit Drogen?“

Balzer schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste.“

„Wer weiß das schon“, mischte sich Sänger ein. Inzwischen hatte seine Gesichtsfarbe zu Lila gewechselt. „Die saufen sich doch alle die Birne blind. Hocken dabei stundenlang vor der Mattscheibe und wundern sich dann, wenn sie nicht fit genug sind für eine kleine Treckingtour.“ Er schnippte mit den Fingern.

Alex versuchte, ihn zu ignorieren. „Mit Bauers Arbeit waren Sie zufrieden?“, fragte er Balzer.

„Eigentlich schon.“

„Was bedeutet ‚eigentlich‘?“

„Nichts, nur eine Floskel. Es gab nichts auszusetzen.“

Das kam sehr hastig, dachte Alex.

„Was war sein Arbeitsgebiet?“

„Er programmierte kundenbasierte Sicherheitskonzepte für IT-Systeme. Hauptsächlich zur Überwachung der Systeme gegen Angriffe von Viren, Trojaner und Worms. Jedes Land, jeder Kunde ist anderen Bedrohungen ausgesetzt.“

„Er hatte Kontakt zu den Kunden?“

„Ja, aber nur zusammen mit unseren Key Account Managern. Informatiker sind keine ausgebildeten Verkäufer.“

„Wie kam er mit den Kollegen klar?“

Balzers Blick flog kurz zum Bildschirm. Sänger ließ sich gerade einen Cocktail bringen. Die zarte, mit einem schweren Goldring verzierte Hand, die ihm die blaue Flüssigkeit mit Sahne reichte, gehörte sicherlich nicht der Servicekraft an der Hotelbar.

„Gut“, sagte Balzer.

Als ob du mir in Gegenwart deines Chefs etwas anderes erzählen würdest, dachte Alex. Unsoziales Verhalten eines Angestellten fiel immer auf den Vorgesetzten zurück. Balzer wollte Sänger gewiss keinen Grund geben, seine Führungsqualitäten in Frage zu stellen.

„Hat er sich mit Kollegen privat getroffen? Gab es eine besondere Freundschaft?“

Balzer rutschte verlegen auf seinem Stuhl hin und her.

„Es ist nicht meine Aufgabe zu wissen, was meine Mitarbeiter außerhalb ihrer Arbeitszeit unternehmen. Kann sein, dass er sich mit seinen Kollegen getroffen hat.“

Sänger hatte seinen Cocktail mit drei Zügen am Strohhalm geleert. „Der Bauer hatte keine Freunde unter den Kollegen. Der hat sich als was Besseres gefühlt. Nicht ganz ohne Grund. Aber, wie gesagt, er hätte mehr aus sich machen können.“

„Hat er aber nicht“, murmelte Balzer.

„Ich kann Sie nicht richtig hören“, beschwerte sich Sänger. „Verdammt. Da stirbt einer meiner Mitarbeiter und ich sitze hier in diesem Drecksland am Persischen Golf und verbrenne mir die Haut.“

Mit diesen Worten brach die Verbindung zusammen. Vielleicht hatten Beamte des Geheimdienstes von Katar entschieden, die Beleidigung ihres Vaterlandes nicht ungestraft zu lassen.

Balzer schaltete die Anlage aus.

Alex atmete auf. „Hat es Sie nicht gewundert, dass Mathias Bauer seit ein paar Tagen nicht zur Arbeit kam?“

Balzer schüttelte den Kopf. „Er hatte Urlaub. Zwei Wochen.“

„Wollte er verreisen?“

Balzer zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Er hat nicht davon gesprochen.“

„Gab es Streit zwischen Bauer und seinen Kollegen?“

„Nicht direkt.“ Balzers Ton blieb vorsichtig, obwohl sein Chef nicht mehr zugegen war.

„Was dann?“

„Er wirkte unnahbar. Er hat nie irgendetwas mitgemacht. Keine Feier, keinen Ausflug. Aber jede Menge Fortbildungen bezahlt bekommen. Und hat damit angegeben. Die anderen mochten ihn nicht besonders.“

„Und warum sollte Ihr Chef das nicht hören?“

Balzer wurde rot. „Sie haben eine bemerkenswerte Beobachtungsgabe.“

Das ist mein Job, dachte Alex. Und du machst es mir leicht.

Balzer schien mit sich zu kämpfen, dann hob er den Kopf. „Da war mehr als ein ,guter Draht‘ zwischen ihm und Bauer“, sagte er und starrte auf den dunklen Bildschirm.

***

„Das letzte Mal gesehen?“ Anja Herlof griff wieder zu einem Wattebausch und goss Nagellackentferner darauf. Langsam rieb sie die ohnehin schon blanken Fingernägel noch einmal ab. „Das ist sehr lange her. Aber am Telefon, da hatte ich vorletzte Woche das letzte Mal das Vergnügen. Hab ihn um Geld gebeten. Wieder mal. ‚Wenn er dich fickt, kann er auch für dich bezahlen.‘ Das war das Letzte, was ich von Mathias gehört habe. Passt zu ihm, passt zu unserer Beziehung.“

„Sie leben mit einem anderen Mann zusammen?“

Anja Herlof nickte. Sie legte den nassen Wattebausch auf einen Teller, auf dem bereits ein vertrockneter Teebeutel, die Krümel eines Brotes und einige Papierschnipsel lagen. Säuberlich zusammengetragen, um sie schnell entsorgen zu können.

„Sie haben Ihren Mann wegen ihm verlassen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe Heiko erst vor zwei Jahren kennengelernt.“

„Sie hatten zuletzt also Streit mit Ihrem Mann?“

„Wir hatten immer Streit, hauptsächlich wegen Geld. Seit Laura in die Schule geht, zahlt er nur noch für sie. Ich könnte ja arbeiten gehen. Wenn ich keine Lust auf das Kind habe, soll ich es seinen Eltern überreichen. Überreichen! Als ob Laura ein Paket wäre, das man einfach bei den Nachbarn abgibt.“

Milena runzelte die Stirn. Hatte Bauer ihr vielleicht sogar das Kind wegnehmen wollen? „Wie war das Verhältnis zwischen Vater und Tochter?“

Anja Herlof zuckte mit den Schultern. „Anfangs, also kurz nach unserer Trennung, da wollte er sie gar nicht sehen. Dann doch. Jeden Freitag ging sie nach der Schule zu ihm. Er ging mit ihr ins Kino oder zur Lochmühle, je nach Wetter. Dann brachte er sie zu seinen Eltern. Sie hat ein eigenes Zimmer in der Luisenstraße. Samstagabend brachte Ulrich sie wieder zu mir. Ulrich ist mein Schwager.“ Anja sprach mit leiser, gefasster Stimme. „Aber das war nicht Ihre Frage.“ Sie blickte auf und starrte auf den Fernseher, als ob dort ein Teleprompter mit ihrem Text stünde. „Wir haben das gemeinsame Sorgerecht. Leider. Mathias hatte das vor Gericht durchgeboxt. Und sich immer wieder eingemischt. Aber es ging ihm gar nicht um Laura. Mir wollte er das Leben schwer machen.“ Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Unsere Ehe war ein Albtraum. Es fing schön an und endete in der Hölle. Im Grunde ist es erst jetzt ganz vorbei. Jetzt, wo er tot ist.“

Sie hat einiges durchgemacht, dachte Milena. Eine Ehe, die in die Brüche geht, und dann diese Schlammschlacht. Haben sie und das Opfer sich gegenseitig in den Hass getrieben? Hat sie sich endgültig aus dem Teufelskreis lösen wollen? Reicht das als Motiv für einen Mord?

„Warum haben Sie sich nicht von ihm scheiden lassen?“

Anja Herlof schloss für einen Moment die Augen. „Ich hab den ganzen Gerichtskram nicht gewollt. Es ging ja auch so. Keiner von uns wollte wieder heiraten.“

„Mathias Bauer hat für seine Tochter Unterhalt bezahlt. Was ist mit Ihnen?“

„Ich bin Friseurin und hab einen Teilzeitjob. Selbst wenn ...“ Anja stoppte und schaute verlegen auf ihre Fingernägel.

Milena ahnte, was sie hatte sagen wollen. Selbst wenn ich das schwarz verdiente Geld dazu zähle, reicht es nicht. Doch Milena war nicht hier, um Anja wegen eines Steuerdeliktes zu verhören oder gar zu verhaften.

„Selbst wenn ich das Kindergeld und den Unterhalt für Laura hinzuzähle“, fuhr Anja fort, „dann reicht es trotzdem nicht. Laura, in der Schule, da muss sie dauernd erklären, warum sie dies nicht hat und das nicht bekommt. Ich kann es mir einfach nicht leisten. Und Mathias, der hatte keinen Sinn dafür. Die Mädchenhefte mit dem Plastikzeugs, die Alben für die Sammelbilder. Er hasste so etwas. ‚Clever ausgelegte Drogen der Konsumindustrie, schon für die Kleinen‘, sagte er immer. Und dann die ganzen Marken. Warum eine teure Barbiepuppe mit dümmlichem Gesicht, wenn es auch welche gibt, die nur die Hälfte kosten? Er hat Kinderwünsche nie verstanden. Ohne Barbiepuppe gehört Laura nicht dazu. Auf Armut kann man nicht stolz sein.“

Sie holte tief Luft. Ihr Gesicht hatte sich gerötet. Sich alles von der Seele zu reden, schien ihr gut zu tun. „Ulrich hat ihr anfangs hin und wieder etwas geschenkt, aber dann bekam er Ärger mit Mathias. Ulrich hat nachgegeben. Ist so seine Art, er weicht jedem Konflikt aus.“ Sie rutschte an den Rand des Sofas.

„Hatte Ihr Mann Freunde?“

Anja Herlof schnaubte und griff zum farblosen Nagellack. Sie begann, sich die Nägel der linken Hand zu lackieren. In Sekundenschnelle würde der Lack trocknen, versprach die Aufschrift.

„Früher mal. Aus der Schule noch. Mit denen ist er hin und wieder ein Bier trinken gegangen. Aber das ist schon lange her. Er hörte auf, sich mit ihnen zu treffen. Schon während unserer Ehe fing es an. Zuerst meinte er, er könne mich doch nicht mit dem Kind alleine lassen. Aber das war nicht der Grund. Er brauchte einfach niemanden. Nicht seine Eltern, nicht seine Geschwister, nicht seine Freunde. Noch nicht einmal uns, Laura und mich. Er hat alle von sich gewiesen.“

Sie griff wieder zum Fläschchen und strich mit dem Pinsel über die Nägel der rechten Hand. Nicht ganz so schwungvoll, bemerkte Milena. Also eine Rechtshänderin.

Aus ihrer Recherche wusste sie, dass Mathias Bauer und Anja Herlof keine zwanzig Jahre alt gewesen waren, als sie geheiratet hatten. Nur fünf Monate nach der Hochzeit war ihre Tochter geboren worden. Eine Muss-Heirat? Und wenn ja, wer hatte darauf bestanden?

„Sie sind sehr früh Mutter geworden“, sagte Milena.

Anja sah sie herausfordernd an. „Und das, obwohl es die Pille gibt, meinen Sie?“

„Das meinte ich nicht. Es ist nur ungewöhnlich. Die meisten Frauen ...“

„Haben Sie Kinder?“

„Das tut hier nichts zur Sache.“ Doch die Frage gab ihr einen unerwarteten Stich. Was sie ärgerte. Sie setzte sich aufrecht. Sie stellte hier die Fragen.

Doch Anja sprach schon weiter. „Mathias war anfangs ein ganz netter Junge. Kein sehr schöner Anblick, aber sensibel, freundlich und gut. Dankbar, dass ich ihn mochte. Und ich hatte die Schnauze voll von eingebildeten Schönlingen. Wir wollten beide eine große Familie. Drei oder vier Kinder, zwei Mädchen und zwei Jungen, im Abstand von zwei Jahren. Und wir haben Laura bekommen. Dann hatte ich zwei Fehlgeburten. Der Arzt meinte, wir sollten uns nicht unter Druck setzen. Ich habe mich eine Weile geschont, dann wir sind in den Urlaub gefahren, tagsüber schön am Strand relaxen, abends romantisch Essen gehen und nachts wilder Sex.“ Sie lächelte kurz, dann legte sich ein Schatten über ihr Gesicht. „Es nützte nichts. Es wurde nichts aus der großen Familie. Alles wurde anders. Ich weiß nicht, warum. Mathias wurde hartherzig, ungerecht und zum Schluss unerträglich. Wir haben uns nur noch gestritten. Deshalb bin ich gegangen.“

***

„Wir haben als Kinder immer zusammengehalten“, sagte Ulrich Bauer. Er war mit Jan allein im Wohnzimmer zurückgeblieben. Sein Vater hatte über Herzrhythmusstörungen geklagt und war nach oben ins Schlafzimmer gegangen. Laura war nach draußen in den Garten geschickt worden, ihre Großmutter machte sich bereit für einen Spaziergang mit ihrer Enkelin durch den nahen Kurpark in die Stadt.

„Mathias war früher ein großer, stattlicher Junge. Er hat so manchen Raufbold auf dem Schulhof nur durch seine Anwesenheit in die Flucht geschlagen. Er hat nie jemanden verprügeln müssen, um respektiert zu werden. Alle fürchteten sich vor ihm, das langte. Es lebte sich angenehm in seinem Schatten. Obwohl ich der Ältere bin.“

Er reichte Jan ein Bild, auf dem ein etwas untersetzter Junge lachend mit einem Fußball posierte. Auf dem Trikot stand der Schriftzug „VfB Friedberg“. Es war auf dem Platz am Burgfeld aufgenommen. Dort hatte Jan auch gespielt. E-Jugend. Bei Wind und Wetter hatten sie mit ihrem Trainer auf dem Fußballplatz gestanden. Vierundzwanzig Jungen, unbändig und überzeugt, berühmte Fußballer zu werden. Vierundzwanzig Jungen, die lernen sollten, hart zu schießen und elegant zu dribbeln. Auf die faire Art, darauf legte ihr Trainer wert.

Der Junge kam ihm bekannt vor. Jan hob das Bild näher an seine Augen. Matze? Im Hintergrund standen einige Jungen in einer Reihe und übten Torschüsse. Jans Herz setzte einen Schlag aus. Der zweite Junge war klein und schmächtig. Sein Trikot hatte eine Acht auf dem Rücken. Das war seine Nummer gewesen.

Jan ließ das Bild sinken. Erinnerte sich. Fairplay? Dreiundzwanzig Jungen hielten sich mehr oder weniger daran. Einer nicht. Matze foulte jeden, der sich ihm in den Weg stellte. Ja, Jan erinnerte sich gut. Matze hatte ihm diverse Prellungen verpasst.

„Dann hat er plötzlich angefangen, tonnenweise Chips zu fressen“, fuhr Ulrich Bauer fort. „Und literweise Cola in sich hineinzuschütten. Bald hatte er mehr Fett am Körper als Muskeln und der gute Ruf war dahin.“

Jan nickte. Die Veränderung hatte er noch mitbekommen. Auch er hatte Matze gehänselt, hatte ihm auf diese Weise die vielen Schrammen und blauen Flecke zurückgezahlt. Ein Jahr später war Matze gegangen. Seitdem hatte er nie wieder etwas mit ihm zu tun gehabt. Bis jetzt.

„Wir hatten beide unsere Probleme.“ Ulrich Bauer schien Jans Unbehagen nicht zu spüren, er plauderte unbekümmert weiter. „Pubertät eben. Ich hatte Akne und er fraß. Die Mädchen kicherten. Mathias fraß noch mehr. Ich hatte damals wenig Verständnis für seinen Kummer. Empfand meine Akne als den schlimmeren Feind. Er brauchte nur weniger zu essen. Aber ich hatte mich geirrt. Meine Pickel verschwanden. Sein Fett blieb. Die Frauen machten einen großen Bogen um ihn.“

„Als Sie vorhin in der Küche waren, sagte Ihre Mutter, Ihr Bruder habe sein Studium der Informatik abgebrochen und sei als Assistent in einer IT-Firma untergekommen.“ Jan verschwieg, dass Ute Bauer ihre Verachtung nicht hatte verbergen können.

„Während ich mein Betriebswirtschaftsstudium beendet und eine eigene, sehr erfolgreiche Firma aufgebaut habe.“ Ulrich Bauer breitete die Hände aus. „Hier sitzt die Hoffnung der Mutter Bauer. Noch nicht ganz zufrieden, da ihr Vorzeigesohn bis heute weder Frau noch Kinder hat. Aber sie hofft auf ein gutes Ende.“

„Was ist mit Ihrer Schwester?“

„Sandra ist mit einem Unternehmer verheiratet, hat zwei Kinder und ist Krankenschwester im Bürgerhospital. Alles in allem akzeptabel für Mutter, wenn auch nicht überragend.“ Er beugte sich vor. „Dabei kriselt es auch in dieser Ehe und der jüngere der beiden Söhne hatte bereits im zarten Alter von neun Jahren eine vielversprechende kriminelle Karriere gestartet. Daniel sammelt Handys. Klaut sie. Oder fordert sie ein. Gewaltsam, wenn es sein muss. Daniel ist der Schrecken der kleineren Kinder des Viertels. Seine Eltern werden von allen Seiten bedrängt, ihn in ein Erziehungsheim zu stecken, bevor es zu spät ist. Dieser kleine Mistkäfer wickelt sie aber jedes Mal um den kleinen Finger. Er ist hoffnungslos verdorben. Wenn Sie mich fragen: Früher wäre sicher noch was zu machen gewesen. Jetzt, mit zwölf, ist er kaum mehr zu bändigen. Der Zug ist abgefahren.“ Ulrich Bauer schwieg einen Moment. „Das hat Mathias immer gesagt.“

Aha, dachte Jan. Der ehemalige Fußballrüpel hat sich also abfällig über den diebischen Mistkäfer geäußert. Daniel soll ins Heim. Der Onkel mischt sich in Sachen ein, die ihn nichts angehen? Was, wenn sie sich gestritten haben, oben am Winterstein? Ok, Mathias Bauer war kein kleines Kind. Sein Neffe kann ihn nicht alleine den Hang hinuntergestoßen haben. Aber das Alibi des Jungen sollte überprüft werden.

„Sie und Ihre Schwester, hatten Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrem Bruder?“

Ulrich Bauer zuckte mit den Schultern. „Wohl eher nicht. Wir haben uns nur in großen Abständen getroffen. In sehr großen Abständen.“

Kaum Kontakt, dachte Jan. Wie die Eltern auch. Kein Wunder, dass niemand von ihnen Mathias Bauer vermisst hatte.

„Was halten Sie von der Wanderung? Ihr Bruder ist für seine Körperfülle eine ansehnliche Steigung gelaufen. Hat er angefangen, etwas gegen seine Fettleibigkeit zu tun?“

„Kann sein. Wie gesagt, wir hatten nicht mehr viel Kontakt.“

„Ein Arzt könnte das vielleicht wissen. Irgendeine Idee, bei wem er in Behandlung gewesen sein könnte?“

„Bei dem Arzt, bei dem wir alle schon als Kinder waren. Dr. Bernkast.“

Jan machte sich eine Notiz. „Wo waren Sie am vergangenen Montag?“

„Sie wollen ein Alibi von mir?“

„Ja.“

„Für einen ganzen Tag?“

„Ja.“

Ulrich Bauer fuhr sich mit einer Hand durch das Haar und schaute an Jan vorbei Richtung Fenster. „Montag? Ein Werktag. Meine Werktage verlaufen in letzter Zeit alle gleich. Aufstehen, Bad, Frühstücken, von acht bis acht in der Firma, nach Hause, Abendessen, aufs Sofa, Fernsehen, Bad, Bett. Allein.“

„Hatten Sie Streit mit Ihrem Bruder?“

An Ulrich Bauers Kinn zuckte ein Muskel.