Der Toten Sonne - Iwan Schmeljow - E-Book
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Der Toten Sonne E-Book

Iwan Schmeljow

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Beschreibung

„Lesen Sie dieses Buch, wenn Sie Mut dazu haben.“ – Thomas Mann zur Ersterscheinung vor 100 Jahren.

Es war der von seiner Begegnung mit dem bereits im Pariser Exil lebenden Iwan Schmeljow erschütterte Thomas Mann, der 1926 die Lektüre vonDie Sonne der Toten(so der Titel deutschen Erstübersetzung) dringlich empfahl: Iwan Schmeljows Hauptwerk, eine epische Dichtung, wurde nach dem Erscheinen 1923 denn auch sogleich in ein Dutzend europäischer Sprachen übersetzt und von Thomas Mann für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde.
Der Roman erzählt vom mörderischen Wüten der Bolschewiki im Bürgerkrieg auf der Krim zu Beginn der Zwanzigerjahre.
Iwan Schmeljow war in Moskau aufgewachsen, die Krim, wo er von 1918 bis 1922 mit seiner Frau in Aluscha lebte, sein Flucht- und Sehnsuchtsort, war seine Heimat. Berge, Meer und gleißende Sonne, ein friedliches Vielvölkeridyll, vernichtet durch die Bolschewiki, die auch Schmeljows einzigen Sohn Sergej hier erschossen.
Der Toten Sonneist zum literarischen Zeugnis eines Autors geworden, der sich „von Europa“ im Stich gelassen fühlte, ein Requiem auf die Opfer des damaligen Terrors und dabei nach fast hundert Jahren ein einzigartiges Buch: Die schmerzvolle Sprache des Ich-Erzählers verströmt eine ungeheure Einsamkeit und Verlassenheit, ihre poetische Kargheit entfaltet einen Sog, dem wir uns auch heute – vielmehr gerade heute – nicht entziehen können.
„Irgendwo scheint sicher die Sonne, aber das ist nicht unsere Sonne“. Die Krim ist für Iwan Schmeljow nicht länger Paradies, sondern apokalyptisch anmutende Natur, statt Fülle regieren Hunger und Elend, Rechtlosigkeit, Folter und Erschießungen. „Sie kommen nachts“, die mit dem roten Stern an der Mütze, sie verschleppen, morden und rauben.
Der Toten Sonne setzt elegisch ein, der Ich-Erzähler tastet mit seinem Blick die verheerte Natur ab, das Leid der verbliebenen Tiere, porträtiert die Nachbarn, führt Zwiesprache mit sich selbst, verarbeitet die Veränderungen. In der vormals blühenden Landschaft beschreibt er leise und behutsam die Verrohung aller menschlichen Verhältnisse, wenn alle Rechtsstaatlichkeit verfällt und.
Durch die Sparsamkeit seiner Sprache, durch seine originelle Erzählkunst, wirkt Iwan Schmeljows Klage nur umso lauter, umso kraftvoller.
Ein russischer Literaturkritiker jener Tage resümierte: „Er erzählt nur, Tag für Tag, Schritt für Schritt in einer Epopöe von seinem kleinbürgerlichen Leben auf der Krim in dem Hungerjahr unter dem bolschewistischen Joch“.

Käthe Rosenberg, eine Cousine von Thomas Manns Ehefrau Katja, übersetzte Iwan Schmeljow ins Deutsche (erschienen 1925 bei S. Fischer in Berlin) – aber diese Übersetzung vermittelte nur einen ungefähren Eindruck von der Kraft und Poesie des Originals.

Schmeljows unverwechselbare Erzählerstimme legt nun die Neuübersetzung von Christiane Pöhlmann frei.

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Seitenzahl: 468

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über das Buch

„Lesen Sie dieses Buch, wenn Sie Mut dazu haben.“ – Thomas Mann zur Ersterscheinung vor 100 Jahren.

Es war der von seiner Begegnung mit dem bereits im Pariser Exil lebenden Iwan Schmeljow erschütterte Thomas Mann, der 1926 die Lektüre von Die Sonne der Toten (so der Titel deutschen Erstübersetzung) dringlich empfahl: Iwan Schmeljows Hauptwerk, eine epische Dichtung, wurde nach dem Erscheinen 1923 denn auch sogleich in ein Dutzend europäischer Sprachen übersetzt und von Thomas Mann für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde.Der Roman erzählt vom mörderischen Wüten der Bolschewiki im Bürgerkrieg auf der Krim zu Beginn der Zwanzigerjahre.Iwan Schmeljow war in Moskau aufgewachsen, die Krim, wo er von 1918 bis 1922 mit seiner Frau in Aluscha lebte, sein Flucht- und Sehnsuchtsort, war seine Heimat. Berge, Meer und gleißende Sonne, ein friedliches Vielvölkeridyll, vernichtet durch die Bolschewiki, die auch Schmeljows einzigen Sohn Sergej hier erschossen.Der Toten Sonne ist zum literarischen Zeugnis eines Autors geworden, der sich „von Europa“ im Stich gelassen fühlte, ein Requiem auf die Opfer des damaligen Terrors und dabei nach fast hundert Jahren ein einzigartiges Buch: Die schmerzvolle Sprache des Ich-Erzählers verströmt eine ungeheure Einsamkeit und Verlassenheit, ihre poetische Kargheit entfaltet einen Sog, dem wir uns auch heute – vielmehr gerade heute – nicht entziehen können.„Irgendwo scheint sicher die Sonne, aber das ist nicht unsere Sonne“. Die Krim ist für Iwan Schmeljow nicht länger Paradies, sondern apokalyptisch anmutende Natur, statt Fülle regieren Hunger und Elend, Rechtlosigkeit, Folter und Erschießungen. „Sie kommen nachts“, die mit dem roten Stern an der Mütze, sie verschleppen, morden und rauben.Der Toten Sonne setzt elegisch ein, der Ich-Erzähler tastet mit seinem Blick die verheerte Natur ab, das Leid der verbliebenen Tiere, porträtiert die Nachbarn, führt Zwiesprache mit sich selbst, verarbeitet die Veränderungen. In der vormals blühenden Landschaft beschreibt er leise und behutsam die Verrohung aller menschlichen Verhältnisse, wenn alle Rechtsstaatlichkeit verfällt und.Durch die Sparsamkeit seiner Sprache, durch seine originelle Erzählkunst, wirkt Iwan Schmeljows Klage nur umso lauter, umso kraftvoller.Ein russischer Literaturkritiker jener Tage resümierte: „Er erzählt nur, Tag für Tag, Schritt für Schritt in einer Epopöe von seinem kleinbürgerlichen Leben auf der Krim in dem Hungerjahr unter dem bolschewistischen Joch“.

Käthe Rosenberg, eine Cousine von Thomas Manns Ehefrau Katja, übersetzte Iwan Schmeljow ins Deutsche (erschienen 1925 bei S. Fischer in Berlin) – aber diese Übersetzung vermittelte nur einen ungefähren Eindruck von der Kraft und Poesie des Originals.

Schmeljows unverwechselbare Erzählerstimme legt nun die Neuübersetzung von Christiane Pöhlmann frei.

Über Iwan Schmeljow

Schmeljow, Iwan

Iwan Sergejewitsch Schmeljow, geboren 1873 in einer Moskauer Kaufmannsfamilie, wurde 1911 über Nacht berühmt mit seinem Roman Der Mensch aus dem Restaurant. Maxim Gorki förderte ihn und veröffentlichte seine Werke, darunter auch Der Mensch aus dem Restaurant. Nach dem Tod seines Sohnes, der auf Seiten der Weißen 1920 auf der Krim starb, floh Schmeljow nach Paris, wo er noch dutzende Bücher schrieb – die ihn unter den Bolschewiki zur persona non grata machten. Seine an der Sprache von Landleuten und städtischer Arbeiterschaft orientierten Bücher jedoch verschwanden nie aus dem Kanon der Sowjetliteratur. Er starb 1950 bei Paris; sein gesamtes Werk wurde nach der Wende von einer neuen Generation russischer Schriftsteller wiederentdeckt – und sein Leichnam 2000 nach Russland überführt.

Pöhlmann, Christiane

Christiane Pöhlmann (*1968) studierte Slawistik, Germanistik, Geschichte und Übersetzen an der FU Berlin, an der Humboldt-Universität und an der Staatlichen Moskauer Linguistischen Universität. Sie übersetzt neben russischen und italienischen Klassikern auch russische Jugendliteratur und schreibt als Literaturkritikerin u.a. für die taz und die FAZ.

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Iwan Schmeljow

Der Toten Sonne

Aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann

Mit einem Nachwort von Christiane Pöhlmann

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Der Tag bricht an

Meine Vögel

Das leere Land

Der Weingarten

Unser täglich Brot

Die den Tod bringen

Was die Nanja erzählt

Baba Jaga

Besuch

Mementomori

Die Mandelgärten

Unter Wölfen

Die wundervolle Halskette

Die Tiefe Schlucht

Eine Partie auf Leben und Tod

Die Stimme unter dem Berg

Auf der leeren Straße

Reif sind die Mandeln

Es war einmal …

Das Ende des Pfaus

Der Kreis der Hölle

Der Ersehnte Hafen

Der Tschatyr-Dag schnauft

Eine rechtschaffene Frau, eine Gerechte

Dem Wind ausgesetzt

Dort, da unten

Das Ende Bubiks

Die Seele lebt noch!

Die Erde stöhnt

Das Ende des Doktors

Das Ende Tamarkas

Brot voll Blut

Jahrtausende zuvor …

Drei Enden

Das Ende allen Endes

Anmerkungen

Nachwort — von Christiane Pöhlmann

Sinn, Form: Formsinn

Die Krim kreist

Igors Lied und Schmeljows Klage

Post Scriptum

Editorische Notiz

Impressum

Der Tag bricht an

Durch die dünne Wand des Hauses dringen schweres Gestapfe und das Knacken aus dem dornigen Gesträuch hinein in meinen wirren Traum …

Das wird Tamarka sein, die sich gegen meinen Zaun stemmt. Ohne diese wunderschöne Kuh, eine weiße Simmentaler mit roten Flecken, wäre jene Familie, die etwas weiter oben am Hang wohnt, verloren. Jeden Tag drei Flaschen schäumende, warme und nach munterer Kuh duftende Milch! Sobald diese Milch aufkocht, huschen goldene Fettfunken über sie, bildet sich Haut und …

Leere Worte sind das, besser, nicht daran denken! Was kriechen sie mir überhaupt in den Kopf?

Erneut bricht also ein Tag an …

Bisher war alles bloß ein Traum. Ein schrecklicher Traum von etwas, das es in unserem Leben nicht gibt.

In den letzten Monaten sind all meine Träume prall bis zum Bersten. Wie kommt das? Mein Leben ist karg, aber dann … Paläste und Gärten, Tausende von Zimmern, nein, keine Zimmer, sondern prunkvolle Säle wie aus einem der Märchen Scheherazades. Kronleuchter, getaucht in blaues Licht – ein Licht, nicht von dieser Welt –, niedrige silberne Tische, auf denen sich Blumen türmen, auch sie nicht von dieser Welt. Weiter und weiter streife ich durch die Säle und suche … Wen ich unter solch großer Qual suche, weiß ich nicht. Voller Schmerz, voller Sehnsucht schaue ich zu den hohen Fenstern hinaus. Da liegen Gärten, mit Wiesen und anmutigen grünen Tälern, genau wie auf alten Gemälden. Die Sonne scheint zwar, doch ist dies nicht unsere Sonne … Es ist, als dränge ihr Licht durch Wasser, als wäre es fahler denn Blech. Und überall stehen Bäume in voller Blüte, auch sie nicht von dieser Welt. Übermannsgroßer Flieder mit blassen Dolden, verwelkte Rosen … Außerdem sehe ich seltsame Menschen. Mit leichenstarren Gesichtern laufen sie in fahlen Gewändern durch die Säle, diese Menschen wie von Ikonen, und spähen an meiner Seite zu den Fenstern hinaus. Etwas verrät mir – es wird der beklemmende Schmerz sein, den ich verspüre –, dass sie Schreckliches durchlitten haben, dass ihnen etwas angetan wurde, dass sie … einem anderen Leben angehörend, nicht von dieser Welt sind. Ein unsagbarer Gram begleitet mich auf meinem Gang durch diese bis zum Grausen prunkvollen Säle …

Erleichtert wache ich auf.

Natürlich ist sie es. Tamarka. Sobald die Milch aufkocht … Besser nicht an Milch denken! Und Brot? Unser täglich Brot … Für ein paar Tage haben wir noch Mehl … Es ist gut versteckt, hinter Bretter gestopft, denn gefährlich ist es heute, es offen zu lagern: Nachts kommen sie … Im Gemüsegarten die Tomaten … Sicher, sie sind noch grün, schon bald aber werden sie reif sein … Ein Dutzend Maisstauden, Kürbis … Schluss damit! Besser, nicht daran denken!

Könnte ich doch bloß liegen bleiben! Ich fühle mich wie erschlagen, aber ich muss ja in die Schluchten, muss ja Kutjuki hacken, Eichenwurzeln.1 Wie jeden Tag …

Was macht Tamarka bloß da am Zaun?! Dieses Schnaufen, dieses Knistern im Geäst … Sie nagt am Mandelbaum! Bestimmt trottet sie gleich zum Tor und versucht, die kleine Pforte aufzudrücken. Die Stange habe ich doch dagegengestemmt? In der letzten Woche hat sich Tamarka tief in der Nacht mit aller Wucht gegen sie geworfen, sie aus den Angeln gehoben und uns am Ende den halben Gemüsegarten weggefuttert. Der Hunger, natürlich … Da oben auf dem Berg haben die Werbas kein Heu, das Gras ist längst verdorrt, da gibt es nur abgenagte Buchen und nackten Fels. Bis weit in die Nacht muss Tamarka umherstreifen, muss die tiefen Schluchten absuchen und das dichte Unterholz. Und das tut sie.

Nun bleibt wohl nichts, als doch aufzustehen. Was ist heute für ein Tag? Der Monat ist August, aber der Tag …? Tage bedeuten nichts mehr, ein Kalender ist unnötig, wenn das Urteil lebenslänglich lautet. Gestern hallte Glockengeläut durch die Stadt … Da habe ich einen grünen Apfel gepflückt, einen Calville, und mich erinnert: Ach ja, die Verklärung des Herrn …2 Eine Weile stand ich in der Schlucht, den Apfel in der Hand, schließlich nahm ich ihn mit und legte ihn behutsam auf der Veranda ab. Die Verklärung des Herrn, der Apfel auf der Veranda. Mit ihm angefangen, ließen sich Tage wie Wochen zählen …

Jetzt wird es wirklich Zeit, mein Tagewerk zu beginnen und den Gedanken zu entfliehen. Es gilt, sich in Alltäglichkeiten zu verfangen, bis am Ende wie von selbst die Worte herausrutschen: wieder ein Tag erledigt!

Als Mann, dessen Urteil lebenslänglich lautet, ziehe ich müde meine Lumpen über, meine traute Vergangenheit, die längst im Unterholz zerfetzt ist. Jeden Tag warten die Schluchten, wo ich mit dem Beil vor steilen Felswänden entlangkrauche: Holz für den Winter muss her. Wozu das alles, weiß ich nicht. Um die Zeit totzuschlagen womöglich … Früher habe ich davon geträumt, wie Robinson Crusoe zu sein. Nun bin ich es. Schlimmer noch sogar steht es um mich. Er hatte ja eine Zukunft, hatte Hoffnung. Vielleicht würde am Horizont ein Punkt auftauchen … Bei uns taucht ganz bestimmt kein Punkt auf, nie und nimmer wird er das. Trotzdem gilt es, für Brennholz zu sorgen. In der langen Nacht des Winters werden wir vor dem Ofen sitzen und ins Feuer schauen. Darin zeigen sich zuweilen seltsame Bilder … Die Vergangenheit lodert auf und erlischt … Der Berg an Reisig, angewachsen in all diesen Wochen, trocknet gut. Aber noch mehr ist nötig, noch mehr. Im Winter wird es ein Vergnügen sein, das Reisig zu zerhacken! Die Späne werden fliegen! Tage voller Arbeit gibt das. Bis dahin aber gilt es, das Wetter zu nutzen. Herrlich und warm ist es, barfuß könnte ich da gehen oder nur in Holzpantinen. Sobald vom Tschatyr-Dag her der Wind pfeift und Regen einsetzt, ist in den Schluchten nicht gut gehen.

Also streife ich meine letzten Kleider über … Sogar der Lumpensammler würde lachen, müsste er sie in seinen Sack stopfen. Aber was weiß ein Lumpenhändler schon! So einer wirft den Haken doch nach jeder Menschenseele aus, um sie dann gegen ein paar Groschen einzutauschen. Menschenknochen verkocht er zu Leim für die Zukunft, unser Blut verarbeitet er zu Brühwürfeln … Und niemand legt den Lumpensammlern Zügel an, denn sie erneuern ja das Leben! O ja, sie erneuern es – indem sie es auf ihre Eisenhaken spießen!

Meine Lumpen … Sie kennen die letzten Jahre meines Lebens und die letzten Tage, sie kennen das letzte Leuchten in meinem Blick. Die wandern nicht zu so einem Lumpensammler! Sie sollen in der Sonne zerfallen, in Regen und Wind zerschleißen, an den dornigen Sträuchern in den Schluchten, an den Vogelnestern …

Nun noch die Fensterläden aufgeklappt! Und? Was für ein Morgen wartet?

Dumme Frage! Bei einem Morgen auf der Krim, am Meer, zu Beginn des Monats August … Es wartet natürlich ein Morgen voller Sonne. Ein derart blendsonniger Morgen, ein derart gleißender, dass es schmerzt, aufs Meer hinauszusehen: Das sticht und schlägt ins Auge.

Stoß nur die Tür auf, und schon brandet die Sonne in die zusammengekniffenen Augen, in das zusammengequetschte, verwelkte Gesicht, die schneidende Nachtkühle aus den Wäldern und Tälern der Berge ringsum im Kielwasser. Eine Luft, geschwängert von einer besonderen, einzig auf der Krim heimischen herben Würze, die in baumreichen Schluchten gelagert, die sich von den Wiesen losgerissen und von den Steinhängen des Jailamassivs heruntergewälzt hat.3 Das ist die letzte Woge des Nachtwindes: Bald schon wird der Wind vom Meer her kommen.

Sei gegrüßt, du friedlicher Morgen!

In der Mulde jener abschüssigen Schlucht mit meinen Weinstöcken ist es noch schattig, frisch und klamm. Die Lehmböschung am anderen Ende leuchtet jedoch rosenrot wie Kupferrohr, und die Wipfel der jungen Birnenbäume noch weiter unten sind in purpurnen Glanz getaucht. Was für prachtvolle Bäume! Herausgeputzt, golden und behängt mit schweren Perlen. Birnen der Sorte Marie Louise.

Mein besorgter Blick tastet jede einzelne ab … Ja! Sie haben eine weitere Nacht überstanden! Das ist keine Gier, hier wächst schlicht unser Brot heran! Unser täglich Brot …

Seid auch ihr gegrüßt, meine guten Berge!

Zur Meeresseite hin liegt der kleine Berg Kastel, die Festung über den Weinbergen, die weit im Umland bekannt sind.4 Dort wächst der goldene Sauternes, das helle Blut des Berges, aber auch der satte Bordeaux, der nach Saffianleder, Dörrpflaumen und Krimsonne duftet, das dunkle Bergblut. Der Kastel feit seine Weinberge gegen Frost, wärmt sie in den Nächten mit seiner Hitze. Um diese Zeit trägt er einen rosafarbenen Hut, darunter aber ist er dunkel, da gibt es nur Wald.

Rechts hinter ihm ragt eine Steilwand auf, eine regelrechte Festungsmauer und unsere Schiefertafel. Der nackte Kusch-Kaja. Morgens ist er rosa, zur Nacht hin tiefblau. Alles saugt er in sich ein, alles sieht er. Eine unsichtbare Hand beschreibt diesen Fels … Etliche Werst trennen mich von ihm – und doch bloß ein Katzensprung. Kurz die Hand ausgestreckt, schon berührst du ihn: Nur einmal durch das Tal, und es erhebt sich über Gärten, Weinbergen, Wäldern und Schluchten dieser kahle Gipfel. Plötzlich zieht in der Luft Staub die uneinsehbare Straße nach: ein Auto, unterwegs nach Jalta.

Noch weiter rechts dann die zottelige Mütze des bewaldeten Babugan. Morgens funkelt er golden, den Rest des Tages zeigt er undurchdringliches Schwarz. Wenn die Sonne hinter ihm erzittert und zerfließt, zeichnen sich die Bürsten seiner Kiefernwälder ab. Von dort kommt der Regen, dorthin verschwindet die Sonne.

Aus irgendeinem Grund meine ich, aus ebendiesem undurchdringlichen Schwarz des Babugan kröche die Nacht heran …

Besser, nicht an die Nacht denken, an die trügerischen Träume, die nicht von dieser Welt sind. Jede Nacht kehren sie zu mir zurück. Morgens reißen die Träume ab, dann ist sie wieder da, die nackte Wahrheit, dann liegt sie offen vor mir. Begrüße ihn mit einem Gebet, den Morgen! Er gibt den Blick frei auf die Ferne …

Doch besser nicht in die Ferne blicken, sie ist trügerisch wie die Träume. Sie ködert dich, gibt dir aber nichts. In ihr ist viel Blau, Grün und Gold. Aber besser verzichtest du auf Märchen. Das ist die Wahrheit, hier liegt sie, liegt offen vor dir.

Längst weiß ich, dass die Weinstöcke rund um den Kastel keine Früchte tragen, dass die weißen Häuser leer und in den bewaldeten Hügeln Menschenleben zusammengekehrt worden sind … Auch dass die Erde mit Blut getränkt ist, der Wein bitter wird und kein freudiges Vergessen ermöglicht, weiß ich. Auf der grauen Wand des Kusch-Kaja, die so nahe scheint, steht Schreckliches. Die Zeit naht, es zu lesen …

Ich spähe nicht mehr in die Ferne.

Mein Blick wandert durch meine kleine Schlucht. Da drüben stehen die jungen Mandeln, dahinter nichts als Brachland.

Das steinige Fleckchen Erde dort, erst kürzlich zum Leben erwacht, ist schon wieder tot. Hörner in Schwarz tragen die Weinstöcke nur noch, denn Kühe haben hier gewütet. Jeden Winter graben Wolkenbrüche neue Wege und peitschen dem Boden Falten. Eine Kollerdistel schmachtet einsam, auch sie vertrocknet. Sobald der Nordwind geht, führt sie einen wilden Tanz auf. Der alte tatarische Birnbaum ist hohl und knorrig, blüht und welkt aber jedes Jahr, wirft gar jedes Jahr seine honiggelben Früchte ab, eine Busdurchan um die andere, und wartet derweil unverdrossen auf Ablösung.5 Doch die kommt nicht. Trotzdem wartet dieser sture Baum, wartet, trinkt, blüht und welkt. Habichte verstecken sich in ihm. Und bei Sturm schaukeln dort nur zu gern die Krähen.

Da drüben dann ein weißes Blindenauge. Ein versehrtes Haus. Früher war das die Helle Anhöhe, die Datscha einer Lehrerin aus Jekaterinoslaw.6 Noch steht das Haus, wenn auch krumm und schief. Diebe haben es längst geplündert und seine Fenster eingeschlagen. Jetzt ist es blind. Der Putz bröckelt, sodass die Rippen hervortreten. Trotzdem verausgaben sich im Wind ein paar Lumpen, die irgendwann zum Trocknen aufgehängt worden sind. Sie flattern an Nägeln, eingeschlagen in der Küchenwand. Wo ist bloß die sorgsame Hausfrau geblieben? Wo …? Vor der blinden Veranda sind bereits stinkende Essigbäume gewachsen.

Die Datscha ist frei und herrenlos. Natürlich ist da jemand eingezogen. Mein Pfau.

Meine Vögel

Der Pfau … Dieser Vagabund, den heute niemand mehr braucht. Er übernachtet mittlerweile auf der Verandabrüstung, dann kommen die Hunde nicht an ihn heran.

Früher gehörte der Pfau zu mir, heute zu niemandem. Ganz wie die kleine Datscha. Es gibt auch Hunde, die zu niemandem gehören, und Menschen, die zu niemandem gehören. So ist es nun auch mit dem Pfau: Er ist ein Niemandsvogel.

Ich kann ihn nicht mehr halten, diesen Luxusvogel. Das hat er verstanden, und deshalb ist er ins Brachland gezogen. Jetzt sind wir Nachbarn. Irgendwie schafft er es, sein Leben fortzusetzen. Den Winter hat er schon überlebt, sogar eine neue Schleppe hat er sich zugelegt, wiewohl keine so prachtvolle wie bisher. Ab und an schaut er bei mir vorbei. Dann tritt er unter die Zeder, wo er früher bei Hitze geschlummert hat, linst mich an, harrt und setzt mir stur zu: »Gibst du mir was?«

»Nein. Du weißt doch, dass ich nichts habe, Pawka.«7

Daraufhin ruckt er immer mit dem bekrönten Kopf, manchmal schlägt er obendrein ein Rad.

»Gibst du mir wirklich nichts?!«

Nach einem Weilchen verlässt er mich wieder. Mitunter schwingt er sich noch hinauf auf das Tor, dreht und wendet sich, vollführt einen wahren Tanz.

»Schau nur, was für ein schöner Vogel ich bin! Und da gibst du mir nichts …?«

Schließlich segelt er über die leere Straße und lässt seine goldgrüne Schleppe funkeln. Hier und da schreit und ruft er in die Schluchten, wer weiß, vielleicht antwortet ihm ja doch eine Pfauin. Beim nächsten Wimpernschlag streift er schon wieder um seine einsame Datscha herum. Oder er spaziert über den Hügel, hält Einzug im Haus Ersehnter Hafen, bei den Pribytkos: Da sind Kinder, vielleicht geben sie ihm etwas. Eine trügerische Hoffnung, denn bei ihnen steht es ebenfalls schlecht. Zuweilen nimmt Pawka auch den Weg den Berg hinauf zu den Werbas. Mit ein wenig Glück geben die Kinder dort ihm ja etwas, im Tausch gegen eine seiner Federn. In Ausnahmen treibt es ihn noch weiter nach oben, hoch zur Spitze, zum alten Doktor. Da aber sieht es ganz schlecht aus.

Noch vor kurzem hat Pawka zufrieden dahingelebt, hat auf dem Dach geschlafen und seine Tage unter der Zeder zugebracht. Wir überlegten schon, eine Gefährtin für ihn aufzunehmen …

Ihn jetzt zu sehen schmerzt mich.

»Eeeh … Ouuuh!«, stößt der Pfau einen leeren, einen wortlosen Schrei aus. »Aaah!«

Klagt er? Leidet er?

Der Morgen hat ihn geweckt. Auch für ihn bricht ein arbeitsreicher Tag an. Er erhebt sich, spreizt seine Silberflügel mit der strohrosafarbenen Borte, hebt hochmütig sein Haupt und linst gleich einer schwarzäugigen Zarin herab. Er schaut auf die alte Birne und erinnert sich daran, wie die letzte gelbe Busdurchan stibitzt worden ist. Ja, zetere du nur! Verkünde allen, dass auch du bestohlen worden bist! Veilchenblau in der Sonne leuchtend, stolziert er über die Veranda, zieht seine Seidenschleppe hinter sich her, belugt den Morgen – und schlägt wie der Blitz im Weinberg ein.

»Ksch, ksch … Du Unglücksvogel!«

Doch meinen Schrei fürchtet er längst nicht mehr: Schlangengleich windet sich seine Schleppe zwischen den Reben, während er die reifenden Trauben von allen Seiten bepickt. Bereits gestern fehlten etliche. Wie auch nicht? Alle wollen essen, aber die Sonne hat alles verbrannt. So wird er zum gemeinen Dieb, dieser schöne Pfau mit dem hochherrschaftlichen Schritt. Ganz offen raubt er mich aus, stiehlt mir mein Brot, denn mit dem Weinberg lässt sich doch überleben! Mit Steinen gehe ich auf ihn los. Diese Sprache versteht er, schießt als grünblauer Blitz durch die Reben hindurch, schlängelt davon, huscht über das rosafarbene Geröll und verschwindet hinter seiner Villa. Ein weiterer leerer Schrei folgt. »Eeeh … Ouuh … Aaah!«

O ja, auch er hat seine Bürde zu tragen. In diesem Jahr gibt es kaum Eicheln, auch an der Hagebutte tut sich nichts oder an der Brombeere, alles ist verdorrt. Er hackt, der Pfau, hackt auf die staubtrockene Erde ein, pickt wilden Knoblauch auf, diese scheußliche Zwiebel, nach der er inzwischen so scharf riecht.

Im Sommer ist er ständig durch die Senke gestreift, in der die Griechen den Weizen ausgesät haben. Die Puthenne mit ihren Küken hat das Tal ebenfalls aufgesucht, auch sie wegen des Weizens, doch den haben die Griechen gut bewacht. Weizen ist heute Gold wert. Die Griechen schliefen sogar in seiner Nähe, saßen am Lagerfeuer und lauschten in die Nacht. Zahllos sind die Feinde des Weizens, wenn der Hunger da ist.

Meine armen Vögel! Sie werden immer dünner, immer ausgemergelter, aber … Sie verbinden uns nach wie vor mit unserer Vergangenheit. Noch das letzte Korn werden wir mit ihnen teilen.

Die Sonne zeigt sich bereits deutlich, da wird es höchste Zeit, die Putenfamilie hinauszulassen. Diese unglückselige Henne! Sie war ganz allein, brütete jedoch hartnäckig einige Eier aus, dachte gar nicht an Futter. Und tatsächlich, sie schaffte es. Sechs Küken schlüpften. Nicht ihre eigenen, aber doch die, denen sie ihre ganze Sorge angedeihen ließ. Sie hat ihnen beigebracht, mit einem Auge hoch zum Himmel zu spähen, sittsam zu gehen, indem sie die kleinen Beine immer schön hochziehen, und sogar die Schlucht im Flug zu überqueren. Uns hat sie damit eine willkommene Sorge bereitet, die nun unsere Zeit totschlägt.

Und so lassen wir in aller Frühe, noch bei der ersten Morgendämmerung, wenn der Himmel gerade ein wenig aufklart, die hohlbäuchige Henne hinaus.

»Na, komm!«

Doch sie steht lange reglos da, betrachtet mich mal mit dem einen, mal mit dem anderen Auge: Erst bräuchte ich ja wohl etwas zu essen! Ihre winzigen Küken dagegen, diese blassen Dinger, flattern in einem einzigen Bausch in meine Hände, verkrallen sich in meinen Lumpen, flehen inständig, wenn auch lediglich mit Blicken, und versuchen, mir die Lippen zu zerpicken. Die kleinen Flaumbälle, sie fallen in sich zusammen, Tag um Tag, sie werden leicht wie ihre Federn. Wozu musste ich sie aus der Taufe heben?! Wozu die Leere in meinem Leben täuschen, sie mit piepsigen Vogelstimmen ausfüllen …?

»Verzeiht mir, meine Kleinen! Nun mach schon, Henne, bring sie … dorthin!«

Sie weiß genau, was sie zu tun hat. Sie selbst hat die Weizensenke ja entdeckt und am eigenen Leib erfahren, dass die Griechen sie fortjagen. Im Schutz von Buchen und Eichen pirscht sie sich seitdem an, noch im Morgengrauen bringt sie ihre Küken zu diesem Futtertrog, bleibt aber am äußersten Rand der Senke, wo der Weizen dicht neben einigen Büschen steht. Sie huscht mit ihrer Schar bis zur Mitte vor und verteilt den Weizen. Mit ihrem kräftigen Schnabel geht sie auf die Ähren los und schält die Körner heraus. Den ganzen Tag bleibt sie dort, von Durst gequält, doch erst wenn es dunkelt, führt sie ihre Schar wieder nach Hause. Dann muss sie etwas trinken! Unbedingt. Wasser habe ich im Überfluss. Sie und ihre Küken schlucken so lange, als wollten sie das Wasser in sich hineinpumpen. Am Ende muss ich sie an ihren Platz tragen, denn sie selbst sehen nichts mehr.

Obwohl mich mein Gewissen etwas beißt, wage ich es nicht, die Henne in ihrem Tun zu hindern. Weder sie noch ich haben aus dem Leben das gemacht, was es heute ist! Also stiehl du nur, du tapfere Puthenne!

Der Pfau hat den Weg ebenfalls entdeckt. Seine Schleppe lugt jedoch aus dem Weizen heraus und verrät ihn an die Griechen. Sofort heben sie ihr Geschrei an, vertreiben die kleinen Diebe und kommen zu mir ans Tor.

»Teufel auch, was lesst du Vogel raus?! Mach Huhner sofort tot!«

Ihre hohlwangigen, höckernasigen Gesichter sind in Bosheit verzerrt, die hungrigen Zähne weiß zum Bangemachen. Sie könnten in der Tat töten. Heute ist alles möglich. »Mach tot! Sofort mach selbst gemeine Diebe tot!«

Es sind quälende Minuten. Ich bin außerstande zu töten, sie aber sind im Recht. Da ist der Hunger. Wie kann man in solcher Zeit Vögel halten?!

»Ich werde sie nicht mehr hinauslassen, Freunde … Und es waren doch nur ein paar Körnchen …«

»Nicht du hast Kernchen geset! Letztes Kernchen hast du weggenimmt! Kopf wegmachen sollte man dir! Alle werden wir sterben!«

Sie schreien noch lange, hämmern mit Stöcken gegen das Tor. Viel fehlt nicht, dann sind sie im Garten. Ungezügelt, unverständlich schreien sie, bis ihre schweißglänzenden Hälse schwellen, bis ihre funkelnden Augäpfel anwachsen, bis ihr Knoblauchatem mich einhüllt.

»Mach Huhner tot! Gericht fehlt … Machen wir selbst!«

In ihren Schreien höre ich das Brüllen tierischen Lebens, des alten Höhlenlebens, das diese Berge noch kannten und das nun zurückgekehrt ist. Sie haben Angst. Mit jedem Tag wird es grausiger, und eine Handvoll Weizen wiegt heute mehr als ein Mensch.

Längst haben die Griechen ihren Weizen eingeholt: In Ballen und in Säcken haben sie ihn in die Stadt gebracht. Kaum waren sie fort, brodelte das Leben in der Weizensenke. Wo auch immer sie sich zuvor vor den Menschen verborgen hatten – Tausende Tauben taubten nun über den Boden und suchten nach Körnern. Kinder krochen vom Morgen bis zum Abend auf allen vieren und klaubten einzelne Ähren auf. Pfau wie Puthenne und auch die Küken, sie alle fanden Nahrung. Mittlerweile jagen die Kinder die Vögel fort. Kein Körnchen liegt hier noch, die Senke ist verstummt.

Das leere Land

Was treibt Tamarka nun schon wieder?

Die Mandelbäume hat sie längst abgenagt, zerbissen hat sie alle Zweige, die sich ihr über den Zaun entgegenstreckten. Wie ausgefranste Wollfäden hängen sie nun herab. Die Sonne wird ihnen den Rest geben.

Das Tor poltert unablässig. Tamarka rammt ihre Hörner in die kleine, darin eingelassene Pforte.

»Was soll das?!«

Eine Hornspitze sehe ich schon. Tamara hat es fertiggebracht, sie irgendwie durch eine Ritze zu zwängen. Stur bahnt sie sich einen Weg in den Gemüsegarten. Der saftige, grüne Mais lockt sie. Breiter und breiter wird die Ritze, schon taucht das rosarote Chagrinleder ihrer Nase auf, schnaubt sie gierig, schnaubt sie feucht, sabbert …

»Zurück mit dir!«

Sie schürzt die Lippen, reißt die Schnauze nach hinten. Reglos verharrt sie jenseits der Pforte. Wohin soll sie denn noch gehen?! Überall nichts als Leere …

Wie ich ihn verteidige, unseren kleinen Gemüsegarten! Und wie viel knochenharte Arbeit ich in diesen staubigen Schiefer gesteckt habe! Tausende Steine habe ich bezwungen, säckeweise Sand aus den Schluchten herbeigeschafft, mir die Beine an Felsen blutig geschlagen und an Steilhängen aufgeschürft …

Wozu? Nun, es tötet Gedanken.

Wenn du den Berg hochgekraxelst bist, den schweren Sack voll Sand abwirfst, die Hände vor der Brust verschränkst … dann ein Blick aufs Meer! Du schaust und schaust, vorbei an Schweißperlen schaust du, durch Tränen hindurch … Was für eine blaue Weite! Und da, hinter den schwarzen Zypressen, ganz traut, still und klein, ein Haus mit rotem Dach. Soll das wirklich mein Zuhause sein? Im Garten keine Menschenseele, ringsum alles öd und leer. Mitunter kommt tagelang niemand vorbei. Der taubenkleine Pfau stakst durch sein Brachland und hackt auf Steine ein. Was für eine Ruhe! An lauen Frühlingsabenden singt sogar die Amsel in der vertrockneten Eberesche. Sie besingt die Berge, bis sie sich dann dem Meer zudreht. Auch ihm will sie etwas vorsingen, genau wie uns, meinen blühenden Mandelbäumen und unserem Haus. Wie einsam es ist, unser kleines Haus … Von hier aus sind seine Makel klar zu erkennen. Regengüsse haben die Rückwand abgewaschen, die Steine durchbohren schon den Lehmputz. Bis zu den Herbstunwettern muss ich das ausbessern. Wenn der Regen erst wieder einsetzt … Besser, nicht daran denken. Besser, überhaupt das Denken verlernen! Besser, mit der Hacke auf den Schiefer losgehen, Sand in Säcken schleppen, Gedanken zerbröckeln.

Nach einem Sturm hat sich das Blechdach gelöst, sodass ich Unmengen von Steinen auf die Ecken häufen musste. Ein Dachdecker sollte sich das einmal ansehen, wahrscheinlich gibt es aber gar keinen mehr. Oder nein, halt, der alte Kulesch ist ja noch da. Jenseits des Berges, kurz vor der Schlucht, erschallt sein Fäustel. Für seinen Nachbarn baut er aus altem Eisen neue Öfen. Die bringen die beiden in die Steppe, um sie gegen Weizen oder Kartoffeln einzutauschen. Zu beneiden sind alle, die noch etwas Alteisen haben.

Du stehst da und schaust, während eine sanfte Brise vom Meer heranweht. Was für eine Schönheit!

Tief unten das helle Städtchen mit dem alten Turm noch von den Genuesen.8 Leicht schief starrt er hoch zum Himmel. Eine schwarze Kanone. Ein Spielzeugpier schiebt sich ins Meer, nicht mehr als ein Bänkchen auf Beinen, neben ihm ein Nussschalenboot. Weiter hinten ragt mit blauer Glatze der Tschatyr-Dag auf, der Zelt-Berg. Und da drüben ist der Sattel dieses Massivs. Aus ihm lugt mit seinem Schopf der Demerdshi heraus.9 Adler leben in seinen Klüften. Hinter ihm schimmern die hellen Ketten der kahlen, sonnendurchflirrten Berge rund um Sudak.

Von hier oben nimmt sich das Städtchen wunderbar aus, mit all den Gärten, den Zypressen, Weinstöcken und hohen Pappeln. Doch der Eindruck trügt. Ja lachen seine Fenster uns denn nicht an? Die Häuschen, sind sie nicht freundlich, sanft und weiß, ganz friedvolles Sein? Und das schneeweiße Gotteshaus segnet doch mit seinem Kreuz seine sanfte Gemeinde. Gleich hörst du sicher das Abendlied Heiteres Licht vom herrlichen Glanze …

Diese Scherze, die sich die Entfernung erlaubt, kenne ich. Tritt nur ein wenig näher, und du wirst sehen: Das ist die Sonne, die da lacht, nichts als die Sonne! Heute lacht sie selbst in toten Augen. Und das ist keine gnädige Stille – das ist die tote Stille des Friedhofs. Unter jedem Dach lauert hier nur ein einziger Gedanke: Brot!

An die Kirche schmiegt sich auch nicht das Priesterhaus, sondern ein Kellergefängnis … Vor der Tür sitzt folglich nicht der Sakristan, sondern irgendein Einfaltspinsel mit rotem Stern auf der Mütze, der aufpasst und kreischt: »He! Weiter mit dir! Los!«

Und auf seinem Bajonett tollt und blinkt die Sonne.

Wie weit der Blick von hier oben reicht! Hinter der Stadt liegt der Friedhof. Dort strahlt gläsern und durchsichtig eine Kapelle. Was für eine Opulenz! Was in der Kapelle ist, bleibt dir indes verborgen, denn die Sonne hat sich in den Fenstern breitgemacht …

Trügerisch schöne Gärten, trügerische Weinberge! Aufgegeben sind sie, diese Gärten, verlassen. Verödet die Weinberge, die Häuser entmenscht. Die Besitzer sind geflohen und erschlagen. In die Erde gerammt! Dem neuen Herrn ist in seiner Einfalt nichts anderes eingefallen, als die Scheiben einzuhauen und die Dachbalken herauszureißen … Die tiefen Keller hat er leergetrunken und vollgegossen, ein Blutbad hat er genommen, und nun sitzt er mit einem Festtagskater finster am Meer und stiert auf die Kiesel vor sich. Die Berge behalten ihn im Blick.

Ich sehe ihr verstohlenes Grinsen. Das Grinsen des Gesteins …

Der Fuß des Demerdshi ist grau von Steinen, Überresten eines Tatarendorfs. Jahrhundertelang hat sich der Berg den Menschenkoben unter sich angesehen, sodann sein Grinsen aufgesetzt und mit Steinen geschmissen. Still wie Stein sollte endlich alles sein! Und beinahe ist ja tatsächlich nur noch Schweigen …

Und du, Tamarka? Auch du, meine Gute, weißt deinen Kopf in der Schlinge. Doch willst du dich nicht damit abfinden, hämmerst stur mit dem Huf, rammst den Kopf gegen das Tor! Dürr bist du geworden, meine Gute …

Sie mustert meine vorgestreckte Hand verständnislos mit ihren glasigen Augen, die blau sind wie der Himmel und das windgepeitschte Meer. Wohin sollte sie gehen?! Ihre Flanken sind eingefallen, die Beckenknochen kragen daraus hervor, und das Kreuz ist ein schmaler Kamm, zerstochen von blutlüsternen Fliegen und Bremsen. Aus den Wunden suppt eitriges Blut: Darin juckt bereits die Wurmnachkommenschaft, die in der Wärme des Geschwürs heranwächst. Tamarkas Euter hängt schlaff und dunkel herab, die Zitzen sind ausgetrocknet und schrumpelig. Die bäuerlichen Hände werden ihr heute nichts abmelken.

»Nun geh wieder … Hier gibt’s doch nichts!«

Sie glaubt mir nicht. Sie weiß um die ungeheure Kraft des Menschen! Und so begreift sie nicht, warum sie kein Futter erhält …

Ich begreife es auch nicht, Tamarka. Beim besten Willen begreife ich nicht, für wen und wozu alles in leeres Land verwandelt, alles in Blut ertränkt werden muss. Vor gar nicht langer Zeit, da konnte dir noch jeder ein Stück duftenden Brots mit Salz geben, strich dir noch jeder über deine warmen Lippen und freute sich über dein eimerpralles Euter. Wer hat dich so leergetrunken? Jedes Frühjahr warst du trächtig, doch jetzt trägt dein Leib kein Kälbchen in sich, und dein Horn weist keinen neuen Ring auf!

In ihren glasigen Augen sehe ich Tränen. Stumme Kuhtränen. Ihr hungriger Speichel bindet sie, spinnt sie an die stachelige Brombeere, auf der sie herumgekaut hat. Mit letzter Kraft reißt sie den Blick vom Mais los, wendet sich von meiner Pforte ab und starrt aufs Meer. Blau ist es und leer. Das kennt sie gut, dieses blaue und leere Meer. Nur Wasser und Felsen.

Ich folge ihrem Blick … Ja, lass den Blick nur schweifen, hierhin und dahin.

Oder geradeaus: Dort ist Asien, nicht zu erkennen, dort ist Trapezunt. Kemal Pascha kämpft da gegen alle Völker dieser Welt, drischt auf die Griechen ein und auf die Engländer, die Franzosen und die Italiener, auf alle drischt er ein und dann ab mit ihnen, ins ruhmreiche türkische Meer.

Die Tataren, längst in Deckung gegangen, raunen.

»Kemal Pascha … Kemal Pascha! Er zu Krim kommt … Gewäre schießen, Bolschewyk macht er weg! Brot gibt, Tschörek und Tscheburek … Großer Mann ist Kemal Pascha! Unserer er ist …«

Rechter Hand der ferne Bosporus, das Große Istanbul. Berge von Brot gibt es dort, von Zucker und Schafskäse, von arabischem Kaffee und Hammeln …

Linker Hand noch im Morgennebel, mein Heimatland, getränkt mit heiligem Blut …

In der blauen Ferne nicht ein Rauchfaden. Silbrig schillern die Wellen … In der Sonne ist alles dunkelblauer Brokat.

Doch tot ist das Meer ringsum: Die sorglosen Dampfer meiden es. Keinen Weizen kriegen sie hier, keinen Tabak oder Wein, keine Wolle … Alles ist aufgegessen, ausgetrunken, ausgeräubert. Vollends. Versiegt.

Und trotzdem bepinselt die Sonne ihre Leinwände!

Der Strand, des Nachts violett, färbt sich gerade rosenrot. Glüht die Sonne, erbleicht er, strahlt in seinem Weiß. Zur Nacht hin lässt Kälte ihn wieder erblauen. Weiß und Blau ist sie, die Nacht, wenn des Mondes Licht auf dem tollenden, blinkenden Meer schäumt. Auf den Kieseln des Strands nicht eine Menschenseele, nicht ein Wesen aus Fleisch und Blut. Lebt wohl, all ihr Farben!

Da ist nirgends mehr ein kupfergesichtiger Tatar, der dickleibige Körbe voller Birnen, Pfirsiche und Trauben auf den Hüften trägt! Nirgends ein armenischer Schelm aus Kutaissi, als echter Orientale mit kaukasischen Gürteln und Stoffen, mit Tschadors in kreischenden und bei der ersten Wäsche verblassenden Farben den Frauen ein Trost. Kein Italiener mit einem »Au Bon Marché« auf den Lippen, kein Fotograf, der schweißüberströmt und bei jedem Schritt Staub aufwirbelnd vor dem Fels sein Bitte lächeln! ruft, sich kühn einen schwarzen Stofflappen über den Kopf wirft und mit lässiger Bedeutsamkeit reihum seine »Mercis« verteilt.10 Auch die berühmten Edelsteine aus dem Ural sind verschwunden, von den süßen Kringeln für eine Kopeke keine Spur mehr, ebenso wenig von den Muscheln mit einer Ansicht von Jalta, ausgeführt als feine Tuschezeichnung. Nirgends ein tatarischer Bergführer in blauen Baumwollhosen, mit gewichstem Schnurrbart und Schenkeln wie ein Apoll aus Korbek, die Reitpeitsche stets in den blitzblank polierten Stiefeln, der Atem geschwängert von Knoblauch und Paprika.11 Nicht ein einziger Phaeton mit karmesinrotem Velour und weißem Verdeck, das sich, am Rand mit rauschgoldenen Perlschnüren samt roten Langetten geschmückt, bei voller Fahrt bläht, keine Pferde mit einem Putz aus Filzrosen und silbernen Krimschellen – ein Klang wie in Bachtschissarai –, nicht ein einziger Phaeton also, der bei Tagesanbruch geckenhaft geschwind an zu neuem Leben erwachenden Villen vorbeisaust, an Blauregen und Mimosen, an Magnolien und Rosen, an Weinbergen auch, an allem, was sich, gerade von einem Gärtner kunstfertig besprengt, unter einem Dunstschleier rekelt und kühlen Morgenduft verströmt. Kein einziger stämmiger Türke, der dem Boden unverdrossen Beete abringt, kein einziger dieser zähen Männer in blauen Pluderhosen, der des Mittags, angelehnt an eine Felswand, auf der nackten Erde ein Nickerchen hält. Keine einzige Dame, die ihren Sonnenschirm in den Sand steckt, nicht eine einzige dieser aufglühenden Mittagsblüten also, nicht eine Bronze aus Fleisch und Blut, die in der Sonne schmort, kein ausgemergelter tatarischer Greis mit Schokoladenkopf unter weißem Häkelwerk, der sich auf die Knie wirft, gewandt nach Mekka …

O Meer, hast du all das verschlungen? Doch das Meer bleibt die Antwort schuldig, es tollt und blinkt.

Wer wollte heute noch anpreisen, kaufen, spazieren fahren, sich ungehetzt goldschimmernden Tabak aus Lambat zur Zigarette drehen?12 Wer noch baden? Alles ist versiegt. Eingegangen in die Erde oder abgegangen in Gegenden jenseits des Meeres.

Die Häuser schauen mit ausgehauenen Augen auf den leeren Sand. Kormorane ziehen zum Meer, ihre Ketten sausen bald hierhin, gleiten bald dorthin.

Was noch auf der Uferstraße zu sehen ist: ein zerlumptes altes Weib, das barfuß dahinhumpelt, in den Händen eine zerschlissene, aus Stroh geflochtene Tasche, darin eine leere Flasche und ein paar Kartoffeln, das angespannte Gesicht gedankenleer. Über ihrem Unglück hat sie den Verstand verloren.

»Alles gibt es dann, haben sie gesagt!«

Ein älterer Tatar läuft hinter einem dürren Esel her, treibt ihn – das Tier hat Brennholz auf dem Rücken – fortwährend an, ein mürrischer, abgerissener Mann mit einer rötlichen, schafsledernen Mütze. Zu dem blinden Haus mit dem eingetretenen Zaun und den Pferdeknochen neben einer gefällten Zypresse schnalzt er hinüber: »Ho, ho, ho … ach, diese Schaitane!«

Und er erinnert sich: Früher hat er, je nach Jahreszeit, doch Hähne hierhergebracht, Süßkirschen, Trauben, Birnen … Ein Leben war das! Heute dagegen, da hat er nicht einmal genug, sich Salz zu kaufen.

Aber auch ein hagelvoller Rotarmist sprengt auf einer abgehetzten Schindmähre dahin. Er schickt Staubwolken in die Luft, dieser Mann ohne Heimat, ohne Hafen, mit einem eselsohrigen Stoffkegel auf dem Kopf – der mulchrote Stern darauf zwar zerschlissen, aber ganz innaterzional –, und er presst ein eimergroßes Fass gegen seinen Bauch, mitgebracht aus einem noch nicht völlig leergetrunkenen Keller fernab. Dieses Zechglück ist für seinen Vorgesetzten bestimmt.

So ist es, das leere Land …

Die Sonne kichert. Die Berge spielen mit den Schatten. Ihr wie ihnen ist einerlei, ob da ein rosafarbener Körper liegt oder eine blau angelaufene Leiche mit leergetrunkenen Augen. Ob Wein, ob Blut … Und auch diesem Sternreiter ist es einerlei. Er hält vor einer geschundenen Villa inne, stiert und starrt mit schlafverhangenen Augen … Da wird doch nicht etwa …? Tatsächlich. Ein Fenster hat wie durch ein Wunder alles überstanden! Ruckzuck angelegt und anvisiert.

»Mist!«

Erneut anvisiert …

Wo will Tamarka jetzt schon wieder hin?

Sie reckt und streckt den Hals, muht ohne Ende. Immer zum Meer hin. Zum leeren blauen Meer hin. Muht noch einmal und noch einmal … Nun überquert sie die Straße und stapft in die Schlucht. Bestimmt grübelt sie gleich vor einem saftigen Wolfsmilchstrauch, ob sie ihn essen soll. Und dann schnaubt sie und geht weiter: Ihre Kuhnase wittert die stechenden Wolfsmilchqualen. Ihr Euter würde platzen vor Blut.

Gut, was also heute tun? Dumme Frage, das Gleiche wie gestern. Die jungen Weinblätter pflücken und ganz fein hacken. Um rüstig zu bleiben, wäre angeblich Knoblauch gut. Der aber ist ausgegangen. Dann … Auch heute brauchen wir Blätter, damit überlisten wir die einzigen Lebewesen, die uns geblieben: unsere Vögel. Sie verbinden uns mit unserer Vergangenheit. Wenn wir sie möglichst früh herauslassen, erwischen sie vielleicht ein paar Grillen. So werden sie bis zum Herbst überleben, danach … Besser, nicht daran denken. Hauptsache, sie sind noch ein Weilchen bei uns! Sie immerhin sind empfänglich für unsere Zuneigung, sie schlummern in unserem Schoß, die Äuglein verborgen hinter den geschlossenen Lidern. Angelockt vom trügerischen Klappern mit dem Blechnapf, fliegen sie unter aufgeregtem Getschilpe aus der Schlucht herbei: Da sind doch wohl Körner drin, oder?!

Sie reden mit uns. Ich verstehe ihn ganz hervorragend, meinen Robinson.

Nun denn, beginnen wir auch diesen Tag.

Der Weingarten

Der Weingarten … Was ist er mir? Schlucht? Grab? O nein! Fortan ist er mir Tempel, Arbeitszimmer und Vorratskeller. In ihn gehe ich, um nachzudenken. Aus ihm bringe ich unser täglich Brot nach Hause. Hier empfangen mich meine Blumen, das Löwenmaul in Gold und Himbeerrot, umschwirrt von Bienen. Nur von ihnen. Das Meer ist mir ein riesiges Fenster. Vor allem aber: Hier reift der Wein heran.

Fortan mein Tempel? Falsch! Ich habe keine Kirche mehr.

Ich habe keinen Gott mehr. Des Himmels Blau ist leer. Meine Schutzengel, Felsen aus Schiefer und Lehm, feien mich gegen das leere Land. Die Stillleben auf diesen Felsen sprechen zu mir, all die Äpfel, Weinbeeren und Birnen …

Auf dem Weg hinab in die Schlucht, immer hinunter über den staubigen Schiefer, beäuge ich meine Vorräte. Um die Äpfel ist es schlecht bestellt, der Zottige Rosenkäfer hat die Blüten zerfressen. Zu Tausenden sind sie angeschwärmt, als die Äpfel in voller Blüte standen, sind in den weißen Kelchen gelandet und haben die goldenen Staubgefäße ausgesaugt, abgenagt. In ihrem Schlaf habe ich sie abgesammelt, denn gegen Mittag schlummerten sie zuverlässig ein. Und hier wäre der wilde Pfirsich mit den kleinen Kieseln an den Zweigen. Die Süßkirschen, angepickt von Drosseln, tragen nur noch vertrocknete Kerne. Die Quitte ist unfruchtbar, überzogen von Spinnwebkokons. Verwuchert sind Rosen und Brombeeren.

Dagegen die Walnuss! Was für eine Schönheit … Sie wächst und gedeiht. Als sie zum ersten Mal getragen hat, da hat sie uns drei Nüsse geschenkt. Jedem eine … Bedankt seist du, mein guter Baum, für diese zärtliche Gabe. Inzwischen sind wir nur noch zwei … Du aber bist freigiebiger gar, bedenkst uns mit siebzehn Nüssen. Ich werde mich wohl ein wenig in deinen Schatten setzen und nachdenken …

Ob du überhaupt noch atmest, mein junger hübscher Baum? Noch im Weingarten stehst und dich im Frühling am Grün deiner saftigen Blätter und an dem geklöppelten Schatten freust, den du wirfst? Oder gibt es auch dich nicht mehr? Haben sie dich getötet wie alles, was atmet …

In der Stille des Morgens sitzt es sich gut in der Schlucht mit meinem Weingarten. Verborgen vor allem, einzig in Gesellschaft der Reben. Schnurgerade drängen sie nach oben, die Schlucht hinauf, in die Freiheit, wo die alten Mandelbäume stehen. Blauhäher hüpfen umher. Was für ein friedvoller Trog! Seine Wände … Die eine verschattet, noch nicht von der Sonne erobert, die andere golden, glühend. Bestanden mit jungen Birnen in ihrer Perlenzier.

Ein Blick zurück – und da ist das blaue Fenster, das Meer! Die Schlucht fällt steil ab, und in ihrer dunklen Öffnung triumphiert die blaue Schale des Meeres: Trink dich nur mit den Augen satt!

Gut ist es, so zu sitzen und nichts zu denken …

Mit seinem leeren Schrei ruft der Pfau: »Eeeh, ouuh, aaah …«

Wie da nicht denken? Sämtliche Türen stehen sperrangelweit offen, es schreit das leere Land. Mit einem Muhen tief aus den Eingeweiden barmt die Kuh, in den Bergen knattert ein Gewehr … Sie suchen jemanden. Über mir zieht die klägliche Stimme eines Kindes hinweg.

»Brot … nur … nur … nur groß wie ein Knöpfchen … Brot …«

Ein Samowar bollert. Das kommt von unseren Nachbarn etwas weiter unten am Hügel.

»Ach, Wowotschka … was verlangst du da … ich habe dir doch gesagt …«

Eine müde, entkräftete Stimme. Das ist die angejahrte Dame, deren Kopf genauso in der Schlinge steckt wie der von uns allen. Sie hat eine Nanja mit zwei Kindern bei sich aufgenommen. Lalja und Wowa. Ganz oben am Berg leben sie und kämpfen um jeden einzelnen Tag.

»Nur … ganz … klein …«

»Wie oft soll ich dir das denn noch sagen … Pass auf, wir kochen jetzt Blätter und trinken einen rosenroten Tee.«

»Nein! Speck!«

»Willst du mir unbedingt das Herz brechen?! Lalja, bring ihn weg, schaff ihn mir aus den Augen!«

Schon höre ich ein gleichmäßiges Gestapfe und Laljas keuchende, dünne Stimme.

»Speck willst du also?! Speck, ja?! Na, den kannst du haben! Den Hintern werd ich dir besohlen mit deinem Speck!«

»Lass ihn, Lalja … Außerdem heißt es nicht besohlen, sondern versohlen! Überhaupt! Wie drückst du dich aus?! Hintern versohlen! Von wem hast du das?! Und dir will ich Französisch beibringen …«

Französisch! Im Angesicht des Todes … Französisch. Wobei: Sie hat ja recht, diese herzensgute Dame fortgeschrittenen Alters. Man muss Französisch lernen, genau wie Geographie, man muss sich jeden Tagen waschen, die Türklinken abwischen und den Teppich ausklopfen. Sich festklammern, nicht sich aufgeben. Also dann: Zuerst die größten Flüsse! Nil, Amazonas … Fließen sie eigentlich noch irgendwo? Dann die Städte! London, New York, Paris … In Paris, da ist jetzt …

Seltsam … Hier zu sitzen, früh am Morgen in meiner Schlucht, dem Bollern des Samowars zu lauschen und plötzlich an Paris zu denken, wo ich nie gewesen bin. Hier in dieser Schlucht – und dann Paris! Das ist doch eine ganz andere Welt … Falls es dieses Paris überhaupt noch gibt! Denn wer weiß, womöglich ist am Ende auch diese Stadt aus dem Leben geschieden.

Dabei lässt sich einfach erklären, warum ich an Paris denke: Sie selbst hat mir davon erzählt, meine Nachbarin, schon vor einiger Zeit. Dass sie im Ausland gelebt hat, in Berlin und Paris studiert hat … Wie fern das ist … Sie in Paris! Und jetzt schlurft sie im Wolltuch umher, krank und verzagt, betastet ihren Kopf und kaut Graupen … Dabei hat sie Paris gesehen, ist durch den Bois de Boulogne kutschiert, hat vor der Venus gestanden und vor Notre-Dame! Warum ist sie dann jetzt hier, oben am Berg, die Schlucht vor Augen? Sie müht sich mit fremden Kindern, verkauft ihre letzten Löffel und Röcke, tauscht sie gegen faulige Gerste und Salz. Sie fürchtet, dass sie ihr irgendeinen Läufer wegnehmen … Jede Nacht bangt sie: Gleich kommen sie, nehmen mir den Läufer und auch das letzte Schultertuch und das halbe Pfund Salz. Was für ein Hohn!

Paris?! Paris mit dem Bois de Boulogne, wo man vor dem Mittagessen noch ein wenig mit der Kutsche umherfährt? Lässt sich alles bei Maupassant nachlesen. Paris, wo als stolzer Stahlstrunk der geklöppelte Eiffelturm aufragt? Brodelt es da jetzt? Erstrahlt da alles im prallen Lichterglanz? Schlendern in Paris die Menschen heiter und sorglos durch die Straßen? … Paris … Und hier nehmen sie dir das Salz weg, stellen dich an die Wand, lauern Katzen mit Fallen auf, lassen dich in Kellern verrotten, erschießen dich und ziehen Stacheldraht um die Häuser. Das sind ihre Menschenschlachthäuser. In welcher Welt geschieht das? Paris … während hier Bestien mit Schießeisen herumstapfen, während hier die Menschen ihre eigenen Kinder essen und die Tiere das Grauen packt!

In welcher Welt geschieht das? In dieser?!

Paris, London – was soll das sein? Paris ist untergegangen, und Schluss! Auf Lichtspieltheater wartet unglaubliche Arbeit! Millionen Meter Band! Die großen Städte all der Großen dieser Welt! Steht ihr noch? Schaut ihr unsere Filme? Unsere Blutfilme reichen für Hunderte von großen Städten, für Millionen von Boulevardgaffern und auch für die Salongaffer in ihren Smokings und Cuts, in ihren Jacketts und Bauernkitteln … In den Zobeln von fremden Schultern, mit den Diamanten, frisch aus fremden Ohren gerissen! Sieh her, Europa! Die Ware wird per Schiff geliefert. Aus Ländern nicht von dieser Welt: Pokale aus Menschenschädeln, damit das Gelage ausgelassener wird, Menschenknochenwürfel, damit die Spieler Glück haben, Brieftaschen aus Russenleder, Arbeiten der Gerber aus dem Norden, Russenhaar für ein weiches Stuhlpolster der Herren Abgeordneten, Hostienschreine und Kreuze, bestens geeignet als Schmuck für Zigarrenetuis, Reliquiare der heiligen Gerechten, auf dass sie zu klingender Münze umgeschmolzen werden. Kauf nur alles auf, Europa! Schon geht es hoch her auf der trunkenen Messe für Menschenblut. Fremder Menschen Blut.

Ob Europa noch unversehrt ist? Aus dieser Schlucht lässt sich das nicht sagen. Wie steht es dort mit den sogenannten Menschenrechten? Sind dort, sind in den Großen Büchern noch alle Seiten vorhanden?

O Paris! Von hier aus, von dieser tiefen Schlucht aus, träume ich von diesem fernen Paris wie von einer Stadt, nicht von dieser Welt. Eine Gespensterstadt aus dem Märchen. Nicht von dieser Welt, wie ja auch meine Träume nicht von dieser Welt sind. Dort grinst das Gestein nicht. Dort hat es sich fügsam in einen Film bannen lassen. Blaue Lichter fallen darauf, und die Menschen sind nicht von dieser Welt. Triumphierend tönt ein Blasorchester mit goldenen Trompeten, und das geklöppelte Stahlwunder späht zum Rand der Erde, fängt alle irdischen Stimmen ein … Ob er die Stimme der leeren Felder hört, das Röcheln der Blutkeller? Es sind ja die Seufzer derjenigen, die auch dich einst gerettet haben, mein filigraner Eiffelturm! Die graue Greisin griffelte es geradewegs in ihre Gesteinstafeln.

Aber er hört nichts. Die goldenen Trompeten tönen …

»Brot …«

Irgendwo, da gibt es riesige Bäckereien, mit offenen Türen, mit Schaufenstern und Regalen, in denen freie Laibe liegen. Bis zum Abend werden sie dort liegen … Gibt es das …?

»O Herr, ich bin am Ende meiner Kräfte … Lalja, nimm mir Wolodja ab! Eure Mutter kommt ja gleich wieder … Gib ihm eine Birne zum Knabbern oder irgendetwas … Wenn nur diese Pein ein Ende hat!«

Ein Ende? Die Pein fängt ja gerade erst an! Besruki zum Beispiel, der Schlosser aus der Dürren Schlucht, hat gestern den kleinen rotfelligen Hund von Minz gegessen … Dabei habe ich noch in der letzten Woche gesehen, wie seine Frau Fladen aus Mehl gebacken hat. Wir haben noch ein paar Mandeln … Die alte Dame aber hat noch ihren Läufer und ihre außergewöhnliche Kette … Bleikristall! Aus Paris! Noch weiß sie nicht, was Pein ist! Und ihr Ende?! Wer daran glaubt, fällt auf die Sonne herein, die ihren Glanz in unsere Seele schickt. Diese Sonne verheißt zahllose Festtage voller Wunder, singt vom Weinberg und vom Altweibersommer, von Körben voller beschwingter Trauben und von Reben voller Blüten, lodernd in Herbstfeuern. Und immer wird das festtagsblaue Meer mit seinen Silbersträhnen da sein …

Sie versteht sich aufs Hohnlachen, diese Sonne!

Bald schon fegt der Wind vom Tschatyr-Dag heran, und Schneewolken bemänteln den Berg, bald schon schickt der schwarze Babugan seine Wolkenbrüche aus, und dann …

Aber jetzt sprenkeln Rubine die Reben, dunkle Stücke, von zartem Matt … Die goldene Chaouch, die rosenrote Chasselas, die duftende Muskattraube … schwarz wie die Johannisbeere die Muscat d’Alexandrie … Das bedeutet eine Woche süßes Brot! Buntes Brot!

Ich gehe die Reihen ab, wähle ein paar Blätter für die Suppe aus und inspiziere die Trauben. Nachts sind Hunde hier gewesen, haben alles benagt und in der Gegend umhergeworfen. Hunde? Hungrige Hunde? Kaum! Sämtliche Hunde hatten in der Nacht ihr Gelage in der Schlucht, wo das Pferd verendet ist. Ich habe ihr Knurren gehört. Nein, das waren natürlich meine Küken und der Pfau. Tag um Tag machen sie sich über meine Vorräte her.

Mag der Weingarten auch klein sein, wunderbar ist er doch! Das ist meine Arbeit. Meine letzte. Im Frühling habe ich jeden einzelnen Rebstock freigegraben, die kraftlosen Ranken abgebrochen, Stangen in den Schiefer gerammt und die Triebe hochgebunden. Damals – wie lange ist das her! – habe ich bei einer der schiefen Stangen gesessen und auf die blaue Schale des Meeres geschaut, das durch die Öffnung der Schlucht linste. Mit blauem Feuer brannte diese Schale. Der Allmächtige hat sie geschaffen: Trink dich mit den Augen satt!

Und ich habe mich sattgetrunken. Tränenden Auges.

Unser täglich Brot

Ich verlasse die Schlucht mit einem Büschel Weinblätter.

Unser täglich Brot!

»Guten Morgen!«

Ah, eine bekannte Stimme! Da steht mit ihren acht Jahren Lalja, barfüßig, hinter der Zypresse, und schielt zu mir herüber. Seit dem Frühjahr schon trägt sie ihre weiße Bluse – eine andere hat sie nicht –, dazu einen roten Rock. Durchsichtig ist sie, zerbrechlich und bleich, und das, obwohl sie doch den ganzen Tag in der Sonne ist. Aus ihren hellen Augen – diesen klugen russischen Augen – kommen Blicke wie Pfeile. Ein Pfeil fliegt zum Babugan und trifft. »Sehen Sie mal, schon wieder ein Auto auf dem Weg nach Jalta! Gestern sind da drei langgesaust! Die jagen die Grünen …«13

»Was du nicht alles weißt! Und wer sollen diese Grünen sein?«

»Na diejenigen, die sich nicht ergeben … Sie verstecken sich in den Bergen … Das weiß ich genau!«

Über den bewaldeten Bergen wirbelt kurz eine kleine Wolke und eilt weiter. Es hämmert, es knattert – dahin rollt das unsichtbare Automobil.

Die nächsten Pfeile treffen den Weingarten.

»Und da! Pawka war schon wieder im Weingarten! Eine Feder hat er da verloren … Und bei Ihnen hat Tamarka heute die Mandeln angekaut!«

»Dann wird es Mandelmilch geben.«

Lalja lacht, aber es ist nur ein dünnes Lachen, nicht das von früher. Und ihre Augen lachen gar nicht, sondern suchen die Ferne ab. Diese Augen sind licht und blau, genau wie die Ferne.

»Dem Minz …«, fährt Lalja schüchtern fort, »dem haben sie gestern die Kuh gestohlen.«

»Ich weiß. Aber hat Besruki wirklich den roten Hund von Minz gegessen?«

»Ganz genau! Den, der immer zu Ihnen gekommen ist, der mit dem Puschelschwänzchen. Er ist Pole … Kein Wunder also! Die können überhaupt alles essen! Er hat sogar die Katze von Minz weggelockt! Ehrenwort!«, rattert Lalja weiter. »Er hat einen kleinen Käfig, mit einem Gewichtstück dran … Über Nacht hängt er da Pferdefleisch hin, und dann: bardauz! Schlosser eben! Mein Hunger, sagt er, hat jetzt ein Ende, denn ich klügel mir jetzt was mit Katzen aus. Und? Schmecken Katzen?«

»Angeblich sind sie nicht schlecht. Was ist mit dir? Hast du schon etwas gegessen?«

»Sogar wir alle …«, bringt Lalja kleinlaut hervor und starrt in die Schlucht.

»Aha … Ihr habt also was gegessen … Du schwindelst nicht?«

»Gleich kommt ja unsere Mama …«, erwidert sie, längst rot angelaufen, und stößt mit dem Fuß einen Zypressenzapfen weg. »Ich helf Ihnen beim Tragen … Das sind ja so, so viele Blätter!«

Unter keinen Umständen würde sie zugeben, dass niemand von ihnen etwas gegessen hat und ihre Mutter unterwegs ist, um einen Läufer zu verkaufen.

»Und die Fischersfrau, die hat sich auch keinen Ausweg mehr gewusst und die Kuh verkauft, die Manka! Die große Familie eben, die ganzen Kinder …«

Sie redet stets mit dem Ernst einer erwachsenen Frau. Ein helles Köpfchen ist sie, weiß alles, was rundum geschieht, sei es in der Stadt, sei es am Meer.

»Was kannst du noch berichten?«

Verlegen steht sie in der Küchentür, reibt mit dem einen Fuß über das andere Bein und beobachtet, wie ich die Blätter hacke.

»Ihre Puthenne ist gestern beim Doktor oben am Hang gewesen und hat in der Küche eine Tasse zerschlagen!« Lalja linst zu mir herüber: Ob ich mich mit ihr über die Henne unterhalte? Aber ich erwidere nichts. Dann soll sie wohl eine interessantere Geschichte erzählen? »Aber den Werbas erst! Denen ist ein richtiges Unglück zugestoßen!«

»Und was für eines?«

Sie entflammt, funkelt mit den Augen. Geschafft! Genau wie ihre Mutter, die Nanja, verschränkt sie die Hände vor der Brust und stimmt ein Jammerlied an: »Ein ganz schlimmes! Heute Nacht hat ihnen jemand eine Gans gestohlen!«

»Tatsächlich?«

»Aber ja doch! Und nicht einen Ton hat sie von sich gegeben! Schauen Sie nur hinüber! Da watschelt bloß noch eine einzige Gans!«

Von der Küche aus ist der Hügel der Werbas gut zu sehen. Und richtig: Da watschelt nur eine Gans. Der Pfau folgt ihr und hackt auf den Boden ein.

»Oh, wer sonst, wenn nicht Onkel Andrej …?«, flüstert sie und späht hinüber zum anderen Ende der Schlucht, wo hinter dem Brachland meines Pfaus, verborgen hinter einer Kuppe, der Ersehnte Hafen liegt. »Das ist ein ganz gemeiner Mann! Niemand sonst war es, sondern er. Wir haben es ja in der Nacht selbst erlebt … wie es da nach gebratener Gans gerochen hat! Nicht auszuhalten! Der Wind hat ja den ganzen Geruch zu uns getragen, schließlich kommt er nachts von dort, also vom Babugan … Irgendwie nach Grieben … und Speck … Einfach scheußlich!«