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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Der Telefonapparat in dem büroähnlichen Empfangszimmer klingelte. Schwester Regine, die Kinder- und Krankenschwester von Sophienlust, griff nach dem Hörer. »Kinderheim Sophienlust«, meldete sie sich mit ihrer weichen, sympathischen Stimme. Stille am anderen Ende. »Kinderheim Sophienlust«, wiederholte Schwester Regine geduldig. »Was kann ich für Sie tun?« Jetzt hörte sie verhaltenes Atmen, dann eine gepresste Stimme. »Frau von Schoenecker, ich muss mit Ihnen sprechen.« »Tut mir leid, Frau von Schoenecker ist nicht in Sophienlust. Kann ich etwas ausrichten?« Schwester Regine schüttelte leicht den Kopf. Der unbekannte Anrufer schien sehr erregt zu sein. »Ich muss Frau von Schoenecker sprechen.« Ein kurzes Zögern, dann die Frage: »Frau von Schoenecker ist doch für das Kinderheim zuständig?« »Sie verwaltet das Heim für ihren Sohn«, erklärte Schwester Regine. »Die Heimleiterin ist Frau Rennert. Wollen Sie mit ihr sprechen?« »Ja.« Als Schwester Regine den Finger schon auf der Wählscheibe hatte, um das Gespräch in Frau Rennerts Zimmer zu legen, erreichte sie die Stimme erneut. »Nein, ich muss mit Frau von Schoenecker sprechen. Sie müssen mich mit ihr verbinden.« »Das geht nicht. Frau von Schoenecker ist nicht hier.« »Aber ich habe gehört, dass Frau von Schoenecker sich für die Kinder in Sophienlust einsetzt. Das Waisenhaus soll anders sein als die anderen. Dort sollen die Kinder glücklich sein.« »Sophienlust wird das Heim der glücklichen Kinder genannt. Sie können gern herkommen und sich selbst davon überzeugen.« Schwester Regine griff nach dem Notizblock, der vor ihr auf dem Schreibtisch lag. »Wenn Sie mir Ihre Telefonnummer nennen, wird Frau von Schoenecker zurückrufen.« »Nein«, entgegnete der Anrufer hastig. »Ich kann nicht so lange warten. Es ist
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Der Telefonapparat in dem büroähnlichen Empfangszimmer klingelte. Schwester Regine, die Kinder- und Krankenschwester von Sophienlust, griff nach dem Hörer. »Kinderheim Sophienlust«, meldete sie sich mit ihrer weichen, sympathischen Stimme.
Stille am anderen Ende.
»Kinderheim Sophienlust«, wiederholte Schwester Regine geduldig. »Was kann ich für Sie tun?«
Jetzt hörte sie verhaltenes Atmen, dann eine gepresste Stimme. »Frau von Schoenecker, ich muss mit Ihnen sprechen.«
»Tut mir leid, Frau von Schoenecker ist nicht in Sophienlust. Kann ich etwas ausrichten?« Schwester Regine schüttelte leicht den Kopf. Der unbekannte Anrufer schien sehr erregt zu sein.
»Ich muss Frau von Schoenecker sprechen.« Ein kurzes Zögern, dann die Frage: »Frau von Schoenecker ist doch für das Kinderheim zuständig?«
»Sie verwaltet das Heim für ihren Sohn«, erklärte Schwester Regine. »Die Heimleiterin ist Frau Rennert. Wollen Sie mit ihr sprechen?«
»Ja.«
Als Schwester Regine den Finger schon auf der Wählscheibe hatte, um das Gespräch in Frau Rennerts Zimmer zu legen, erreichte sie die Stimme erneut. »Nein, ich muss mit Frau von Schoenecker sprechen. Sie müssen mich mit ihr verbinden.«
»Das geht nicht. Frau von Schoenecker ist nicht hier.«
»Aber ich habe gehört, dass Frau von Schoenecker sich für die Kinder in Sophienlust einsetzt. Das Waisenhaus soll anders sein als die anderen. Dort sollen die Kinder glücklich sein.«
»Sophienlust wird das Heim der glücklichen Kinder genannt. Sie können gern herkommen und sich selbst davon überzeugen.« Schwester Regine griff nach dem Notizblock, der vor ihr auf dem Schreibtisch lag. »Wenn Sie mir Ihre Telefonnummer nennen, wird Frau von Schoenecker zurückrufen.«
»Nein«, entgegnete der Anrufer hastig. »Ich kann nicht so lange warten. Es ist wichtig.«
Schwester Regine fiel wieder auf, wie verzweifelt die Stimme klang. »Wenn es so wichtig ist, dann können Sie es doch auch mir sagen. Vielleicht kann ich Ihnen genauso helfen.«
»Nein, Frau von Schoenecker wird helfen. Sie nimmt sich doch eines jeden Kindes an und fragt nicht, woher es kommt, oder?«
»Worum geht es denn? Wollen Sie ein Kind hier unterbringen?« Schwester Regine lehnte sich zurück. Sie war den Umgang mit verzweifelten Menschen gewohnt und immer bereit zu helfen.
»Das geht Sie nichts an. Ich spreche nur mit Frau von Schoenecker.«
»Ich weiß nicht, ob sie heute noch einmal nach Sophienlust kommt.«
Auf der anderen Seite war es jetzt still. »Hallo, sind Sie noch da?«
»Ja, ich …, entschuldigen Sie.« Gleich darauf war die Leitung tot.
Sinnend legte Schwester Regine den Hörer zurück auf die Gabel. Was hatte der Anrufer nur gewollt? Sie konnte nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob es sich um einen Mann gehandelt hatte. Die Stimme hatte so sonderbar dumpf geklungen. Eines wusste sie aber: Die Verzweiflung war echt gewesen.
Die wenigen verwirrt gestammelten Worte ergaben keinen Sinn und wollten Schwester Regine nicht aus dem Kopf gehen. Während sie einige Rechnungen überprüfte, musste sie immer wieder daran denken.
Um achtzehn Uhr versammelten sich die Bewohner von Sophienlust im Speisesaal. Dort wurde stets das Abendbrot eingenommen. Da das ehemalige Herrenhaus bis zum letzten Bett belegt war, herrschte reges Leben. Es war einer der ersten warmen Frühlingstage gewesen, und die Kinder hatten den Nachmittag dazu genutzt, sich in dem großen Park zu tummeln.
Schwester Regine schob die Rechnungen beiseite, als sie das muntere Stimmengewirr vernahm. Es wurde Zeit, dass sie sich um ihre Schützlinge kümmerte.
In der Tür des Speisesaals blieb die Kinderschwester stehen. Stolz sah sie in die fröhlichen Kindergesichter, die von der frischen Luft gerötet waren. Selbst der sonst so blasse Fabian Schöller hatte Farbe bekommen.
Heidi entdeckte Schwester Regine als Erste. Sofort lief sie auf die Kinderschwester zu.
»Du, wir haben Schlüsselblumen und Palmkätzchen gepflückt.« Sie packte Schwester Regine an der Hand. »Schau, Tante Ma hat sie schon in eine Vase gesteckt. Der eine Strauß war für Tante Ma, der andere ist für dich.« Sie zog Schwester Regine zu dem Tischchen, auf dem zwei Frühlingssträuße standen. »Sind sie nicht schön? Ich habe eins, zwei, drei, ganz viele gelbe Blumen gepflückt.«
Zwar konnte die Fünfjährige schon bis zehn zählen, aber im Moment nahm sie sich nicht die Zeit dazu. Es gab noch vieles, was sie zu berichten hatte. Aber auch die anderen Kinder wollten ihre Erlebnisse loswerden. So war die junge Krankenschwester bald von der munteren Schar umringt und lauschte den Berichten.
Kurze Zeit später saßen alle um den gedeckten Tisch: Lena und Ulla, die beiden Hausmädchen von Sophienlust, trugen das Essen auf.
An diesem Tag musste Schwester Regine keines der Kinder zum Essen ermahnen. Der lange Aufenthalt an der frischen Luft hatte den Appetit der Kinder geweckt. Schweigend kauten und schluckten sie. Die braunen oder blonden Köpfe hoben sich erst vom Teller, als das Telefon in der Halle läutete.
Angelina Dommin, von allen nur Pünktchen genannt, sah Frau Rennert an. »Darf ich?«
Die Heimleiterin nickte. Pünktchen war schon sehr lange in Sophienlust und genoss eine Art Vorzugsstellung. Das kam sicher auch daher, dass sie sich stets liebevoll um die kleineren Kinder und um die Neulinge kümmerte. Dazu kam, dass sie eine innige Freundschaft mit Nick, dem Erben von Sophienlust, verband.
Pünktchen eilte in die Halle. Neben der teppichbespannten Treppe, die in den ersten Stock hinaufführte, stand ein Tischchen und darauf das Telefon. Pünktchen hob den Hörer ab. »Kinderheim Sophienlust«, meldete sie sich mit ihrer hellen Mädchenstimme. Danach lauschte sie. Dann bedeckte sie die Muschel mit der Hand. »Jemand verlangt Tante Isi«, rief sie der Heimleiterin zu, die näher gekommen war.
Die ältere mütterliche Frau sagte rasch: »Ich komme!«
Pünktchen zuckte die Achseln und meinte zögernd: »Er will nur mit Tante Isi sprechen. Er scheint ungeduldig zu sein.«
»Gib her!« Frau Rennert, von den Kindern liebevoll Tante Ma genannt, nahm Pünktchen den Hörer aus der Hand. »Kinderheim Sophienlust, Frau Rennert. Was kann ich für Sie tun?«
»Frau von Schoenecker? Ich muss mit Frau von Schoenecker sprechen.« Die Stimme klang erregt.
»Frau von Schoenecker ist nicht im Haus …«
Der Anrufer, von dem auch die Heimleiterin glaubte, dass es sich um einen Mann handle, unterbrach sie: »Ich muss mit ihr sprechen. Nur sie kann diese Entscheidung treffen.«
»Es tut mir leid, Frau von Schoenecker ist voraussichtlich in Schoeneich, dem Stammsitz der Familie von Schoenecker. Das Gut liegt hier in der Nähe. Warten Sie, ich gebe Ihnen die Telefonnummer von dort durch.« Frau Rennert nannte die Nummer. Dann horchte sie auf. Es war ihr, als habe sie ein Schluchzen gehört. Aber da die Stimme sowieso eigenartig verzerrt klang, war sie dessen nicht sicher.
»Hallo, sind Sie noch da? Ich vertrete Frau von Schoenecker. Wenn es sich um ein Kind handelt …« Sie brach ab, denn ihr Gesprächspartner hatte aufgelegt.
»Eigenartig …« Die ehemalige Fürsorgerin ging langsam in den Esssaal zurück. »Was der Mann nur wollte?«
»Wahrscheinlich war es der gleiche wie vor zwei Stunden«, sagte Schwester Regine nachdenklich. »Er wollte mit der Sprache nicht herausrücken, aber ich hatte das Gefühl, dass er verzweifelt war.«
»Genau den gleichen Eindruck hatte ich auch von dem Anrufer«, bestätigte Frau Rennert. »Nun, wenn es so wichtig ist, hat er ja jetzt die Möglichkeit, in Schoeneich anzurufen.« Frau Rennert wandte sich Heidi zu, die ihr das leere Glas entgegenstreckte und ein Lob hören wollte, weil sie die Milch so brav ausgetrunken hatte.
Frau Rennert strich der Fünfjährigen über das Haar, das zu zwei Rattenschwänzchen gebunden war, aber sie konnte sich nicht auf das Kind konzentrieren. »Sagen Sie«, wandte sie sich noch einmal an Schwester Regine, »hat es sich bei dem Anrufer überhaupt um einen Mann gehandelt? Einmal glaubte ich, eine junge Stimme zu hören, dann war die Stimme wieder so dumpf.«
Schwester Regine musste lächeln. »Dann geht es Ihnen genauso wie mir. Ich habe mir auch über die Stimme den Kopf zerbrochen und kam zu keinem Ergebnis. Ich bin überzeugt, dass es der gleiche Anrufer war. Auch glaube ich, dass wir von ihm noch hören werden.«
Schwester Regine, die, seitdem sie ihren Mann und ihr zweijähriges Töchterchen bei einem Unfall verloren hatte, ganz in der Fürsorge um die Schützlinge von Sophienlust aufging, wusste, wovon sie sprach. Für viele war das Kinderheim der letzte Zufluchtsort, wenn sie nicht mehr weiterwussten. Es hatte sich herumgesprochen, dass Frau von Schoenecker keine Strapazen scheute, wenn es darum ging, verzweifelten Müttern oder verlassenen Kindern zu helfen. Viele Kinder hatte sie schon ohne Bezahlung aufgenommen und dafür gesorgt, dass sie wieder eine Familie bekommen hatten.
Die beiden Frauen kamen nicht dazu, weitere Vermutungen über den unbekannten Anrufer anzustellen. Sie mussten sich den Kindern widmen. Die Jüngeren versammelten sich nach dem Essen stets noch im Aufenthaltsraum, und Schwester Regine erzählte ihnen eine Gutenachtgeschichte. Sie hatte sehr viel Talent dazu und brachte es immer fertig, dass die Kinder mit glänzenden Augen zuhörten. Anschließend mussten die Kleinen zu Bett gebracht werden. Diesmal murrte nicht einmal Heidi. Freiwillig begab sie sich in das obere Stockwerk, wo sich die Schlafzimmer der Kinder, mit je zwei Betten, befanden.
Beim Waschen war Schwester Regine Heidi behilflich. Heidi war mit ihren fünf Jahren das jüngste Dauerkind von Sophienlust. Sie kam sonst schon allein zurecht, aber an diesem Tag fielen ihr schon die Augen zu, noch bevor sie in ihr Nachthemdchen geschlüpft war. Zärtlich hob Schwester Regine sie hoch und trug sie in ihr Bett. Wie schön, dass es Frühling wurde und die Kinder wieder draußen herumtoben konnten.
Am nächsten Morgen, nachdem die roten Kleinbusse mit der Aufschrift »Kinderheim Sophienlust« die Kinder entweder zur Grundschule in Wildmoos oder zum Gymnasium in Maibach gefahren hatten, kam Denise von Schoenecker nach Sophienlust. Die einstige Tänzerin hatte ihre grazile Figur behalten. Behende sprang sie aus dem Auto. Jubelnd wurde sie von den Kleinen begrüßt, die noch am Frühstückstisch saßen.
»Spielst du heute mit uns?« Heidi, die besonders anschmiegsam war und viel Liebe brauchte, kuschelte sich sofort an die heiß geliebte Tante, die für sie eine Art Ersatzmutter geworden war.
»Ich weiß, wir wollten schon gestern zusammen spielen.« Denise hob Heidi hoch. »Du musst mir aber noch einmal verzeihen. Es kam mir etwas dazwischen.«
»Ich verzeihe dir«, erklärte Heidi großzügig. Dann drückte sie ihr honigverschmiertes Mündchen auf Denise von Schoeneckers Wange.
»Wisst ihr was? Wenn ihr mit dem Frühstück fertig seid, dann machen wir alle zusammen einen Spaziergang. Bei diesem herrlichen Wetter sollte man wirklich nicht im Haus hocken.«
Dieses Versprechen löste bei den Kindern ein begeistertes Geschrei aus, und Denise wandte sich nun an Schwester Regine. »War gestern etwas Besonderes los?«, fragte sie.
»Nein, es war ein ausgesprochen ruhiger Nachmittag.« Die Kinderschwester zögerte. »Aber da war ein Anruf. Jemand wollte Sie dringend sprechen. Frau Rennert gab ihm dann die Telefonnummer von Schoeneich.«
Denise schüttelte den Kopf. »Ich war zu Hause, aber ich erhielt keinen Anruf.«
»Vielleicht war es doch nicht so wichtig.« Schwester Regine machte sich keine Gedanken mehr. Jetzt, am Morgen, hatte die Stimme ihre Macht verloren.
Während Denise von Schoenecker sich mit Frau Rennert und Magda, der etwas beleibten Köchin von Sophienlust, unterhielt, achtete die Kinderschwester darauf, dass die Kinder ihre Brötchen aufaßen. Dann wurden die Mäntelchen und die Mützen geholt. Wenn auch die Sonne lachte, so merkte man doch, dass der Winter vor Kurzem noch ein strenges Regiment geführt hatte.
»Tante Isi, wir sind fertig«, rief Heidi ungeduldig.
»Gut, ich komme.« Denise griff nach ihrer Pelzjacke und ging durch die Halle. Sie hatte das Portal, durch das man von der Halle direkt ins Freie kam, gerade erreicht, als das Telefon klingelte. Zum Ärger der Kinder blieb sie stehen und drehte sich um.
Schwester Regine hob ab. »Ja, Frau von Schoenecker ist hier. Einen Moment, bitte.« Zu Denise gewandt sagte sie: »Ich glaube, es handelt sich um den Anrufer von gestern.«
»Nein, wir gehen spazieren.« Heidis Gesicht verzog sich etwas enttäuscht. Sie versuchte Denise festzuhalten. »Du kannst ja später telefonieren.«
»Es dauert nicht lange«, meinte Denise und versetzte Heidi einen leichten Klaps. »Ihr könnt ja schon hinausgehen.«
Denise nahm Schwester Regine den Hörer aus der Hand und hörte sofort die aufgeregte Stimme: »Hallo, was ist los? Bitte, ich muss Frau von Schoenecker sprechen.«
»Ich bin am Apparat. Worum handelt es sich?«, fragte Denise freundlich.
Sekundenlang herrschte Schweigen, dann stieß der Anrufer hervor: »Ich will Ihnen ein Angebot machen.«
»Ein Angebot?« Denises Augenbrauen zogen sich zusammen.
»Ja, so kann man es nennen.«
Wieder Schweigen. Denise hörte nur heftiges Atmen.
»Wenn es sich um etwas Geschäftliches handelt, dann rufen Sie bitte nachmittags noch einmal an. Ich will mit den Kindern einen Spaziergang machen.«
»Moment, warten Sie, es ist wichtig! Es geht um ein Kind. Um ein armes Kind. Es ist ihm kein gutes Schicksal bestimmt. Hören Sie …«
»Ja, mit wem spreche ich?« Denise umfasste den Hörer fester. Sie bemerkte nicht Schwester Regines erstaunten Blick.
»Das ist unwichtig. Es geht nur um ein Kind. Sie kümmern sich doch um Kinder?« Der Sprecher schluckte, fuhr aber sofort fort: »Ich biete Ihnen ein Kind an. Es ist ein süßes Kind. Für tausend Euro können Sie es kaufen.«
»Wie bitte? Hören Sie, wir sind jederzeit bereit zu helfen, aber …« Denise wurde unterbrochen.
»Es ist mir ernst. Tausend Euro, und das Mädchen gehört Ihnen.«
»Sie wollen mir ein Kind verkaufen?« Denise glaubte einen Moment lang, es mit einem Verrückten zu tun zu haben, dann wurde sie aber eines Besseren belehrt. Der Anrufer schien es ernst zu meinen. Ihm schien es nur ums Geld zu gehen.
»Tausend Euro für so ein süßes Kind ist nicht viel.«
Denise wurde ärgerlich. Das ging entschieden zu weit. Die Freundlichkeit schwand aus ihrer Stimme. Scharf sagte sie dem Anrufer ihre Meinung. Ohne auf dessen Kommentar zu warten, legte sie auf.
*
»Ich habe Hunger«, knurrte Henrik. Er wandte sich vom Fenster ab und sah anklagend auf seinen Vater. »Jetzt ist es schon dunkel, und Mutti ist noch immer nicht da.«
»Wem sagst du das, mein Sohn?«
Ein Schatten legte sich über das sonnengebräunte Gesicht Alexander von Schoeneckers. Er war stets in Sorge, dass sich seine Frau bei der großen Aufgabe in Sophienlust übernehmen könnte.
»Darf ich in Sophienlust anrufen? Vielleicht isst Mutti dort, und wir warten vergebens.«
»Mutti hat gesagt, sie würde ganz sicher zum Essen zurück sein«, mischte sich Nick ein. Auch er saß bereits seit einer Viertelstunde wartend in der Halle.
Wie in Sophienlust gab es auch in Schoeneich eine große Halle mit einem offenen Kamin. Hier versammelte sich die Familie von Schoenecker gern. Sah man aus den Fenstern, konnte man für einen Moment lang glauben, in Sophienlust zu sein, denn das Gutshaus lag ebenfalls in einem großen Park. Doch das ehemalige Herrenhaus, in dem jetzt das Kinderheim Sophienlust untergebracht war, war mit dem Stammsitz der Familie von Schoenecker nicht zu vergleichen. Das Wohnhaus in Schoeneich war ein schlossähnlicher Bau, an dessen dunklen Mauern sich wilder Wein emporrankte. Es hatte sogar einen Turm. Viele Besucher blieben verzückt stehen, um den romantischen Eindruck zu genießen.
Nick war zu seinem Bruder getreten. »Wir könnten vielleicht wirklich einmal in Sophienlust anrufen. Dann könnten wir auch Martha Bescheid sagen. Hört ihr, sie geht schon ganz ungeduldig auf und ab.«
Alexander von Schoenecker faltete die Zeitung zusammen. »Mutti wird sicher gleich hier sein. Wenn sie verhindert wäre, mit uns zu essen, hätte sie angerufen.«
Henrik zuckte die Achseln, während der sechzehnjährige Nick zustimmend nickte.
Nun standen sie zu dritt am Fenster und sahen hinaus. Zwischen den Bäumen hingen Laternen, die alles in ein gespenstisches Licht tauchten.
Da durchschnitt ein Lichtkegel die Parklandschaft. Henrik stieß erleichtert die Luft aus. »Endlich!« Dann drehte er sich um und brüllte: »Martha, Mutti ist gekommen! Nimm die Töpfe vom Herd.«
»Entschuldigt, ich wurde aufgehalten.« Mit einem warmen Lächeln betrat Denise die Halle.
»Und ich? Ich bin inzwischen halb verhungert.« Henrik lief seiner Mutter entgegen. »Hast du wenigstens eine gute Entschuldigung?« Seine grauen Augen musterten Denise scharf.
»Habe ich.« Denise fuhr ihrem Jüngsten, der knapp neun Jahre alt war, durch seinen stets etwas wilden Haarschopf. »Wir hatten hohen Besuch. Der Bürgermeister von Wildmoos kam mit zwei Zeitungsleuten. Sie wollen eine Reportage machen.«
»Was?« Henrik riss empört seine Augen auf. »Und das hast du uns nicht erzählt?«
»Wir wurden alle davon überrascht.«
»Und ich war nicht in Sophienlust.« Henrik seufzte abgrundtief. Ganz traurig sah er aus.
Denise verriet nicht, dass sie eigentlich froh über Henriks Abwesenheit gewesen war. Es hatte sowieso ein ziemlicher Wirbel geherrscht. Henrik, der stets etwas im Schilde führte, hatte da gerade noch gefehlt.
Endlich konnte auch Alexander von Schoenecker seine Frau begrüßen.
»Es tut mir leid, dass es so spät geworden ist«, sagte Denise noch einmal, aber nun galten die Worte einzig und allein ihrem Mann. »Gerade dann, wenn du einmal früher zu Hause bist, dauert es bei mir meist länger.«
»Was hältst du von einem gemütlichen Abend am Kamin?«, schlug Alexander vor. »Ich werde meinen Schreibkram liegen lassen. Wir haben uns ein paar schöne Stunden redlich verdient.«
Alexander von Schoenecker war ebenfalls ein vielbeschäftigter Mann, da er das Gut Schoeneich mit seinen Leuten selbst bewirtschaftete. Er scheute keine Arbeit und war sehr beliebt.
Gusti trug das Essen auf. Da gab es für Henrik kein Halten mehr. Heißhungrig stürzte er sich auf die aufgetragenen Dinge.
Während alle aßen, fiel Denise wieder der morgendliche Anrufer ein. Durch den Wirbel mit den Zeitungsleuten hatte sie diesen fast vergessen. Frau Rennert und Schwester Regine hatten gemeint, dass die Stimme verzweifelt geklungen habe. Brauchte der Anrufer Hilfe? Nein, sein Angebot war ungeheuerlich gewesen. Leicht zogen sich Denises Augenbrauen zusammen. Sie versuchte sich die einzelnen Worte ins Gedächtnis zurückzurufen.
»Hat es Ärger mit den Zeitungsfritzen gegeben?«, fragte Alexander, der seine Frau beobachtet hatte.
