Der Traum in einem Spiegel - Sanna H. - E-Book

Der Traum in einem Spiegel E-Book

Sanna H.

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Beschreibung

Sanna H. Wurde 1995 in einer Kleinstadt bei Wismar geboren und lebt heute in einem kleinen Dorf in Norddeutschland. "Der Traum in einem Spiegel - ein emotionales Doppelleben" ist ihr erstes Buch und gleichzeitig der erste Band ihrer Buchreihe "Wie unsere Träume zu Spiegeln werden". Sie erzählt darin die wahre Lebensgeschichte einer intersexuellen Frau.

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Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2018

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SANNA H.

Der Traum in einem Spiegel

Ein emotionales Doppelleben

Das erste Buch der Romanreihe„Wie unsere Träume zu Spiegeln werden“

Roman

Nach einer wahren Begebenheit

© 2018 Sanna H.

Umschlaggestaltung: Lightcolor Photography(by Luisa Schnoor)

Lektorat: Dr. Birgit Siekmann

tredition GmbH, Hamburg

ISBN Paperback: 978-3-7469-0399-6

ISBN Hardcover: 978-3-7469-0400-9

ISBN e-Book: 978-3-7469-0401-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist

urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung ist ohne

Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig.

Dies gilt insbesondere für die elektronische oder

sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und

öffentliche Zugänglichmachung.

Zu diesem Buch

Es ist ein gefährlicher Tanz auf dem Vulkan. Jedes Mal, wenn Leo sich verändert, geht sie damit das Risiko ein, entlarvt zu werden.

Eigentlich ist sie ein Mädchen wie tausend andere auch. Wäre da nicht ihr kleines Geheimnis, welches sie ständig mit sich herumträgt. Für die meisten Dorfbewohner ist sie entweder das kleine, hinterhältige Miststück oder eben der penetrante Teenager, der lediglich seine Grenzen austestet. Ihre Veränderungen werden von vielen Leuten nur als „kleine Phase“ abgetan. Dabei scheint niemand zu bemerken, was wirklich in ihrem Kopf vor sich geht, und diejenigen, die meinen, etwas zu erahnen, gehen mit ihrer Vermutung völlig in die falsche Richtung. Nicht einmal Leo selbst ist sich anfangs der vollen Wahrheit bewusst.

Es sieht fast so aus, als würde ihr jede Aussicht auf ein normales, unbeschwertes Leben verwehrt bleiben, doch dann kommt es zu einer unerwarteten, schicksalhaften Begegnung.

„Der Traum in einem Spiegel – ein emotionales Doppelleben“ ist lediglich der erste Roman der Buchreihe „Wie unsere Träume zu Spiegeln werden“. Die Autorin erzählt damit eine packende und mitreißende Geschichte mit einem äußerst interessanten Wendepunkt und veranschaulicht damit den Alltag einer intersexuellen Frau, die zu Beginn der Handlung noch nicht die Courage besitzt, der Welt gegenüber ein offenes Geständnis abzulegen.

Für alle, die nicht den Mut besitzen,zu sich selbst zu stehen

Träume leben nicht nur in unseren Köpfen. Sie sind meiner Meinung nach die einzige Magie, die real existieren kann.

Doch nicht alle gehen in Erfüllung, so ist doch die Wirklichkeit ein Spiegel, der uns stets in die Realität zurückholt. Ob und wie ein Traum zu einem Spiegel werden kann, liegt allein in unserer Hand.

PROLOG

Zwei Jahre zuvor

Zögernd blickte ich auf die Straße unter mir. Es wäre so leicht gewesen, allem ein Ende zu bereiten. Es brauchte nur einen Sprung, um endlich frei zu sein. Das Rauschen der rasenden Autos machte mir keine Angst, dafür aber umso mehr die entsetzliche Tiefe. Ich malte mir im Vorhinein nicht aus, dass es so beängstigend sein würde, tatsächlich hinter dem Gerüst einer Brücke zu stehen. So sehr ich mich auch darum bemühte, meine vor Kälte erstarrten Hände ließen einfach nicht los. Was hinderte mich daran? Eine Zukunft gab es doch sowieso nicht für mich, zumindest keine, mit der ich mich abfinden konnte. War es die Angst vor dem harten Aufprall? Womöglich würde ich ihn gar nicht spüren. Noch ehe ich am Boden ankäme, würde mich das Bewusstsein verlassen. Doch was, wenn ich den Sturz überlebte? Wie sollte ich mich dafür rechtfertigen? Welchen Grund gab es für mich in den Augen meiner Eltern, mich einfach so aus dem Leben davonzuschleichen und war es nicht am Ende sogar feige? Rannte ich damit etwa vor meinen Problemen weg? Was tue ich hier eigentlich?

Wieder einmal gab es Fragen über Fragen, die ich mir selbst nicht beantworten konnte. Im Grunde liebte ich das Leben. „Jeden verlässt mal der Mut zum Weitermachen.“, dachte ich. Das war aber noch lange kein Grund, Unschuldige mit ins Unglück zu reißen. Wie sollte es demjenigen ergehen, der für meinen Tod verantwortlich war, auf dessen Windschutzscheibe ich schließlich fallen würde? In mir breitete sich jetzt bereits das schlechte Gewissen aus. Ich war erst dreizehn Jahre alt, noch viel zu jung, um meinem Schicksal zu entfliehen. Es war ja durchaus möglich, dass das Leben mich auf eine Probe stellen wollte. Vielleicht gab es für uns nur das Ungewisse. Ja, ich wagte sogar zu behaupten, dass sich niemand seiner Zukunft sicher sein durfte. Angenommen, der nach außen hin reichste und glücklichste Mensch, den es auf Erden gab, stünde zusammen mit mir hier an dieser Stelle, hinter dem Geländer der Autobahnbrücke, konnte ich mir sicher sein, dass er nicht sprang? Besaß man genügend schauspielerisches Talent, so war es nicht schwer, der Öffentlichkeit eine heile Welt vorzugaukeln. Schon immer beneidete ich diejenigen, die ihren Gefühlen freien Lauf ließen und weinten, wann immer sie den Drang danach verspürten. Obwohl mein Leben die perfekte Tragödie war, vermochte ich dies nicht zu tun. Ich dachte stets, ich müsste mein Gesicht wahren und verlor dabei das tatsächliche Selbstbewusstsein, dass ich mir und der Welt gegenüber Tag für Tag vortäuschte.

Lediglich die Gewissheit darüber, dass andere Menschen meine Probleme teilten und nur zu gut wussten, wie ich mich fühlte, trieb mich wieder nach Hause. Dort würde ich nun in der großen Wohnstube am Abendbrottisch sitzen und mir wie üblich nichts anmerken lassen. Ich würde lachen und geschmacklose, alberne Scherze machen, doch niemand am Tisch wusste, wie es wirklich in mir aussah – niemand.

KAPITEL 1

Gott sei Dank gibt es Schminke!

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie es war, als ich zum ersten Mal geschminkt die kleine Dorfschule betrat, an der ich meinen Abschluss absolvierte. Es war ein verregneter, kühler Spätsommermorgen mitten im August und in wenigen Stunden sollte das neue Schuljahr beginnen. Als mein schrill klingender Wecker schellte, war ich immer noch wach. Ich hatte die ganze Nacht über kein Auge zugetan. Zu groß war die Aufregung und meine Furcht davor, dass meine Mitschüler mich wegen meines ungewöhnlichen äußeren Auftretens „fertigmachen“ könnten. Ich hätte auch einfach ungeschminkt in die Schule gehen können, das wäre wahrscheinlich klüger gewesen, aber ich schämte mich für mein Gesicht. Die männliche Gesichtsbehaarung war zu einem Problem geworden, das sich nur schwer beheben ließ. Schon frühzeitig musste ich mir mit fünfzehn Jahren etwas einfallen lassen, um mich nicht durch lästige Stoppeln im Gesicht in peinliche Situationen zu bringen. Fremde sahen es mir nie an, dass es sich bei mir damals nicht um ein „gewöhnliches“ Mädchen handelte. Weder hatte ich eine tiefe, jungenhafte Stimme noch einen Adamsapfel. Meine Stimme war ebenso weich wie die eines jeden Mädchens. Schon früher wurde mir oft gesagt, dass ich wunderschöne, große grüne Augen hätte. Das schmeichelte mir natürlich sehr, zumal es mir noch nie gelingen wollte, mich mit der mir zugedachten Geschlechtsrolle zu identifizieren. So sehr ich mich auch bemühte, das weibliche Verhalten konnte ich in keiner Weise abstellen, obwohl ich im Laufe der Zeit die Lüge so gut aufrecht erhielt, dass es mittlerweile an der Zeit für einen Oscar gewesen wäre. Nur dieser Bartwuchs bleib jahrelang mein größtes Problem. Ich entwickelte eine Haarentfernungsmethode, die zugegebenermaßen ihre Schattenseiten hatte. Mit einigem Kraftaufwand drückte ich die messerscharfe Rasierklinge, die ich zuvor in heißem Wasser erhitzte, auf meine Haut und ratschte immer wieder ruckartig entgegen der Haarwuchsrichtung auf meiner Haut herum. Das war eine sehr schmerzhafte Tortur und hinterließ dicke rote Narben in meinem Gesicht. Nicht selten kam es vor, dass es anfing, unaufhörlich zu bluten. Auch nach Stunden, manchmal sogar Tage nach der Rasur schmerzte meine Haut, sobald man sie auch nur flüchtig streifte. Da ich einen starken, dicken Haarwuchs hatte, war es mir unmöglich, auch nur einen Tag mit dem Rasieren auszusetzen. Es reichte schließlich nicht, wenn die Haare einigermaßen entfernt waren. Alles musste glatt sein wie ein Baby-Popo und man durfte nicht einmal mehr mit einer Lupe auch nur die geringsten Stoppeln erkennen. Das mochte für viele nicht nachvollziehbar sein, aber nur so habe ich mich wohl gefühlt, da Frauen für gewöhnlich nicht an einer Gesichtsbehaarung leiden. Diese entstellenden Narben und die überdeutlich sichtbaren Wunden in meinem Gesicht waren der Grund, weshalb ich mich schließlich dazu entschloss, sie unter mehreren dicken Schichten Make-up und sehr viel Gesichtspuder zu verbergen. Es war unfassbar aufwendig, aber es hatte seine Wirkung. Man konnte tatsächlich nicht mehr die kleinste Rötung im Gesicht wahrnehmen und niemand hätte auch nur ansatzweise vermutet, was sich unter meiner Make-up-Schicht verbarg. Doch das alles wirkte eher wie eine Maske. Aufgrund meiner viel zu hellen Haut war ich gezwungen, einen eben so hellen Meke-up-Ton zu wählen und dadurch ähnelte meine Haut ohne Rouge und Konturpuder der eines Vampirs. Meine weiblichen Gesichtszüge waren dennoch unschwer zu erkennen. Auch wenn es für mich gefährlich war, so das Haus zu verlassen, konnte ich einfach nicht mehr darauf verzichten – sehr zum Missfallen meiner Mutter, die mir ihre Abneigung gegenüber meiner femininen Art nicht vorenthielt und jede Gelegenheit nutzte, um mit verletzenden auf meine Unzulänglichkeit hinzuweisen. Meine Mutter war einer der wenigen, die um mein Geheimnis wussten. Anders als meine damalige beste Freundin stand sie nicht im Geringsten hinter mir und sie versuchte mit allen denkbaren Mitteln, meine – wie sie es nannte „Neigungen“ zu unterdrücken. Sie hatte es damals nicht verstehen können, dass sich ein Junge im falschen Körper geboren fühlen könnte. Ich verstand das sogar. Nur mit Mühe hatten meine Eltern sich ein eigenes Unternehmen aufgebaut. Die Legehennenwirtschaft war seit jeher ein auf dem Land weit verbreitetes und enorm wichtiges Geschäft. Meine Mutter, Constanze Schöbel, war die alleinige Geschäftsführerin und pflegte Kontakt zu wichtigen Geschäftspartnern. Sogar einen eigenen kleinen Hofladen hatten meine Eltern sich aufgebaut und so nach und nach verfügten sie über ihre festen Stamm- und Großhändlerkunden. So standen meine Eltern für Dorfverhältnisse extrem im Licht der Öffentlichkeit und jeder in dem kleinen Dorf kannte ihre Namen. Es kostete mich ein hohes Maß an Durchsetzungsvermögen, mein Haar wachsen lassen zu dürfen. Meine Eltern waren bisher stets der Ansicht, dass Jungen keine langen Haare tragen. Schon gar nicht durften sie ihr Haar schwarz färben oder es allzu sehr pflegen. So etwas taten nach Auffassung aller Dorfbewohner nur „Gruftis“ oder Homosexuelle und dazu durfte das eigene Kind unter gar keinen Umständen zählen. Nicht einmal vermuten sollte man es, denn das Getuschel der Leute war für meine Eltern unerträglich. Zu gerne hätte ich ihnen diese Peinlichkeit erspart, aber der Wunsch, durch langes gefärbtes Haar ein noch weiblicheres Äußeres zu erlangen, war schließlich doch größer.

Doch sollten meine Eltern recht behalten. Die Menschen im Dorf lachten über mich und sie genossen es, wenn sie mir durch ihre „kleinen Gemeinheiten“ unter Beweis stellen konnten, dass ich nicht in die gewünschte Norm passte. Ja, sie nutzten wirklich jede Gelegenheit, um mich schlecht dastehen zu lassen. Dabei war es egal, ob es sich um Gleichaltrige oder alte Leute handelte. Alle waren derselben Meinung. Allerdings hatte ich gelernt, das alles mit einem Lächeln zu verdrängen. Ich schenkte dem Geläster gar keine Beachtung mehr. Irgendwann wusste ich, wie ich damit umzugehen hatte.

So gehörte das Schminken also zum allerersten Mal zur täglichen Morgenroutine, wenn ich mich für die Schule fertig machte. Selbstverständlich erfand ich dafür eine zugegebenermaßen unglaubwürdige Ausrede. Ich behauptete, ich sei an einer Flechte im Gesicht erkrankt, die von einer allergischen Reaktion hervorgerufen wurde und das Zeug in meinem Gesicht war demnach keine Schminke, sondern eine vom Hautarzt extra für mich angefertigte Abdeckcreme, für die ich angeblich viel Geld bezahlen musste. Mir war immer bewusst, dass mir das keiner abkaufen würde, aber das war um Längen besser, als sich offen zu bekennen.

Als ich an diesem Morgen im Badezimmer stand, um mich für den ersten Schultag zurechtzumachen, konnte ich mir wie fast jeden Morgen nur mit Mühe das Ausbrechen eines Tränenmeers verkneifen. Es tat weh, sich in Jungenkleidung der Öffentlichkeit präsentieren zu müssen. Doch wie immer stellte ich mir vor, dass es auch anders hätte sein können. In Gedanken trug ich einen kurzen schwarzen Stoffrock, der an der Seite einen Reißverschluss hatte. Am Oberkörper trug ich eine modische dunkelblaue Bluse, die ich weit aufgeknöpft ließ, unter dem viel kurzen Rock trug ich eine blickdichte schwarze Strumpfhose und an den Füßen elegante, aber dennoch schlichte Stiefel mit kleinen Absätzen. Doch das alles waren nur Träume.

Ich war gerade dabei, meine Haare zu glätten, als ich es klopfen hörte.

„Bist du bald fertig, Leon? Dein Vater wartet schon auf dich, er fährt dich heute Morgen zur Schule. Komm nicht zu spät, hörst du?“, rief mir meine Mutter noch halb verschlafen zu. Das war in der Tat eine merkwürdige Situation, da ich nicht wusste, wie mein Vater auf die Schminke reagieren würde. Ich hoffte, dass er sie nicht bemerkte und beeilte mich mit dem Anziehen, damit ich nicht zu spät kam. In Windeseile zog ich ein zu weites schwarzes Polo-T-Shirt und meine dunkelblaue Lieblingsjeans, die der einer Mädchenhose sehr ähnlich war, an. Natürlich durfte ein elegantes, neutrales Herrenoberhemd nicht fehlen. Wobei ich diesen Ausdruck üblicherweise vermied, denn „Herrenoberhemd“ war mir ein einfach viel zu männlich und darum betitelte ich es stets als „Bluse“. Noch schnell einen besonders mild riechenden „Herrenduft“ aufgetragen und ich war fertig für die Schule.

„Leon, du kommst zu spät! Wenn du nicht in drei Minuten im Auto sitzt, verliere ich die Geduld!“, brüllte meine Mutter durch die Tür. „Und wenn du nicht gleich von der Tür weggehst, fange ich an zu schreien und dann dauert es noch länger!“, dachte ich.

Entnervt pampte ich sie an:

„Ja, ja! Ich habe es schon beim ersten Mal gehört. Schließlich sitze ich ja nicht auf meinen Ohren.“

Wortlos ging meine Mutter in ihr Schlafzimmer zurück, wo sie sich wie gewöhnlich noch für ein oder zwei Stunden ins Bett legte.

Glücklicherweise bemerkte mein Vater die Spachtelmasse in meinem Gesicht nicht. Es war aber auch möglich, dass er es nicht merken wollte. So oder so, ich war überglücklich, dass er mich nicht in Verlegenheit brachte, indem er mich darauf ansprach. Während der Autofahrt sprachen wir nicht viel miteinander, aber kurz bevor wir den Parkplatz der Schule erreichten, fragte er mich scherzhaft: „Na, Leon, freust du dich denn schon auf das neue Schuljahr?“

Nein, ich freute mich ganz und gar nicht. Ich hatte solch eine verdammte Angst, wie meine Mitschüler reagieren könnten, dass mir schlecht wurde. Doch genau das durfte ich mir nicht anmerken lassen, ansonsten wäre es wie ein Schuldeingeständnis gewesen. Allerdings fühlte ich mich auch so, als hätte ich ein Verbrechen begangen und nun würde ich dem Richter vorgeführt werden. Meine Klassenkameraden waren die Geschworenen, für die meine Veränderung höchstwahrscheinlich ein gefundenes Fressen sein würde. Scheinbar Selbstbewusst trat ich vor meinem Vater auf und antwortete ihm ernst:

„Ja, ich freue mich, alle wiederzusehen. Die Ferien kamen mir dieses Jahr sehr lang vor, aber immer noch nicht lange genug, um mich wirklich zu erholen.“

Zugegeben, das stimmte sogar teilweise. Ich freute mich auf einige wenige Gesichter, vor meinen Freunden brauchte ich keine Angst zu haben. Es waren ja auch nicht die anderen Mädchen, um die ich mir Sorgen machte. Vielmehr waren es die Jungs in meiner Klasse oder die, die in eine Klasse über mir gingen und am Ende dieses Schuljahres ihren Abschluss machten. Noch während der Fahrt wurde mir bewusst, dass es definitiv kein Zuckerschlecken werden würde, so viel war in jedem Fall klar.

Auf dem Schulhof begegnete mir Miriam als erste.

„Na, du! Hattest du schöne Ferien?“, lachte sie.

Wie immer, wenn Miriam anfing zu lachen, musste ich es unverzüglich ebenfalls tun. Das lag wohl auch daran, dass sie meine beste Freundin war und unsere Hauptbeschäftigung darin lag, sich den ganzen Tag über irgendwelches dummes Zeugs oder andere Mitschüler köstlich zu amüsieren. Neben Miriam gehörte auch noch Rebecca zu unsere Clique. In der Schule wurden wir von allen immer „Das Dreiergespann“ genannt. Sogar die Lehrer nannten uns so. Alle drei waren wir optisch so verschieden, dass die Gegensätze nicht gravierender hätten sein können. Miriam war nur wenige Zentimeter kleiner als ich und hatte ein großes, rundliches Gesicht. Ihr rotes Haar traug sie immer zu einem Pferdeschwanz streng nach hinten gebunden. Sie hielt nicht viel von Schminke oder Kosmetika, ganz anders als Rebecca, die ihre ganze Freizeit damit verbrachte, sich die neusten Schmink-Tutorials im Internet anzusehen. Was beide gemeinsam hatten, war ihr Übergewicht, allerdings kam Miriam damit deutlich besser zurecht als Rebecca. Jede für sich war ein Unikat, doch eine große Gemeinsamkeit verband uns – der geschmacklose, oftmals unangebrachte schwarze Humor.

„Ich bitte dich, Miriam. Die Schule hat mir so gefehlt, dass ich zwischenzeitlich nicht wusste, was ich mit meinem Leben anfangen sollte!“ schluchzte ich.

Miriam wusste einen Augenblick lang nicht, ob ich einen Scherz machte oder ob ich über Nacht zum Streber mutiert war.

„Echt jetzt? Machst du Witze, oder habe ich was verpasst?“

„Du fragst doch jetzt nicht wirklich, ob ich das erst gemeint habe? Natürlich nicht! Aber ich freue mich trotzdem, dich zu sehen, meine kleine Gerda.“

Gerda war Miriams Spitzname. Die einzigen, die so nannten, waren Rebecca und ich. Wir erfanden für uns immer wieder neue Spitznamen.

Im selben Moment wandte sich mein Blick zu dem grünen Zaun, der sich am Ende des Schulhofes befand und durch den Sportplatz und Schulhof voneinander getrennt waren. Das durfte einfach nicht wahr sein, was meine Augen da sahen. Da stand doch nicht wirklich ...? Doch, er war es! Leibhaftig stand er mir gegenüber. Marc – der Albtraum all derer, die seiner Ansicht nach nicht der Normalität entsprachen. Warum kam er ausgerechnet jetzt zurück? Ich hoffte, dass es einfach nur ein Trugbild meiner Fantasie war. Nervös kniff ich meine Augen fest zusammen. Wenn ich sie wieder öffne, dachte ich, dann steht da statt des „Riesenbabys“ lediglich ein alter Baum, den bisher immer übersehen und fälschlicher Weise für Marc gehalten hatte. Leider wurde mir mein Wunsch nicht erfüllt – ganz im Gegenteil. Als ich die Augen aufschlug, stand er unmittelbar vor mir und lachte mich an. Sein Lachen ließ nichts Gutes ahnen. War es nun ein freundliches Lächeln, das ich eher als ein höfliches „Hallo!“ interpretieren durfte oder machte er sich über mich lustig? Ich war mir nicht zu hundert Prozent sicher, aber für mich war es naheliegender, dass sein dummes Grinsen sich eher auf Letzteres bezog.

KAPITEL 2

Die Erklärung, nach der ich immer gesucht hatte

„Ich finde es wirklich mutig von dir, dass du dich so in die Schule traust, aber meinst du nicht, dass es etwas zu offensichtlich ist? Dass du dich jetzt jeden Tag schminkst, trägt nicht gerade dazu bei, dass sie dich in Ruhe lassen. Das ist dir schon bewusst, oder?“

Das fragte Miriam mich einmal kurz nach Beginn der der neunten Klasse. Gut, sie hatte ja auch recht. Klar war es waghalsig, aber dass sie mir das nun auch noch so direkt ins Gesicht sagte, ließ wieder Zweifel in mir hochkommen. Scheinbar war ich mir über die Konsequenzen doch gar nicht so sehr bewusst, wie ich anfangs dachte. Ich wollte mir aber vor ihr unter keinen Umständen eine Blöße geben, also erwiderte ich mit gespielter Selbstsicherheit:

„Ehrlich gesagt, ist es mir scheißegal, was andere über mich sagen oder denken. So lange sie mich nicht darauf ansprechen, tangiert es mich nicht sonderlich.“

Miriam wusste, dass meine Worte vollkommener Schwachsinn waren, denn meine „lieben“ Mitschüler teilten mir mit größtem Vergnügen ihre Haltung zu meiner ersten „Veränderung“ offen mit und das traf mich sehr wohl, auch wenn ich dies stets abstritt. Ich konnte mir noch so viel Mühe geben, Miriam kannte mich mittlerweile einfach zu gut und es fiel ihr nicht schwer, meine wahren Gedanken zu erraten. Seit nunmehr zwei Jahren war sie meine beste Freundin und die einzige, die neben meiner Mutter über meine „dunkle Seite“ Bescheid wusste. Es kam mir so vor, als wenn sie auch die einzige war, die mich verstehen konnte und im Gegensatz zu meiner Mutter versuchte sie gar nicht erst, gegenanzusteuern. Auch wenn sie erst seit Kurzem eingeweiht war, zeigte sie sehr viel Verständnis. Ich glaube, es war auch keine große Überraschung für sie. Was jetzt nun genau mit mir los war, hatte sie nicht geahnt, aber dass etwas in meinem Leben nicht stimmte, hatte sie immer gewusst. Das war schließlich auch der Grund, weshalb ich mein Schweigen brach und sie als erste ins Vertrauen zog. Auch wenn es schwer war, es überhaupt auszusprechen. Wie soll man so was denn auch jemandem unmissverständlich erklären, wenn man nicht mal für sich selbst die passende Erklärung fand?

Die Sommerferien hatten gerade begonnen und wie fast jeden Abend fand um Punkt zwanzig Uhr unsere „Telefonkonferenz“ mit Rebecca statt. Rebecca wäre allerdings die Letzte gewesen, bei der ich die Karten offen auf den Tisch hätte legen wollen. Sie konnte einfach nichts für sich behalten und man musste sich darüber bewusst sein, dass sie alles, was sie erfuhr, an die große Glocke hing. Außerdem war Rebecca launisch und wenn sie auf jemanden wütend war, gab es keine Garantie, dass sie nicht alles daran setzte, diesen Menschen überall schlecht zu reden, genau so was konnte ich als Letztes gebrauchen.

Ich hatte im Vorhinein lange mit mir gehadert, ob es leichtsinnig sei, Miriam in alles zu involvieren, denn schließlich hätte ich mich in ihr täuschen können. Die Folgen einer Fehleinschätzung mochte ich mir gar nicht ausmalen. Ich wäre sicher für alle Zeiten erledigt gewesen. Ganz zu schweigen davon, welcher Peinlichkeit ich meiner Familie damit ausgesetzt hätte. Der Drang, endlich mit einer mir nahestehenden Person über alles, was