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"Mir wurden nicht die Grenzen des Lebens aufgezeigt, sondern die Möglichkeiten." Christian Braun ist ein Unternehmer, Visionär, Vordenker, zielorientiert, mit enormem Durchhaltevermögen und großer Risikobereitschaft. Seit seiner Jugend träumt der Bootsliebhaber von einer Weltumseglung mit eigenem Boot. 2018 lässt er einen Katamaran nach seinen Vorstellungen bauen, seine "Paz". Mit seiner Frau Sil und den Söhnen soll das Segelabenteuer beginnen und – endlich – Ruhe in den stressigen Ibiza Alltag kommen. Aber technische Gebrechen und ungünstige klimatische Bedingungen führen zu Verzögerungen, Verpflichtungen als Unternehmer müssen wahrgenommen werden, und dann kommt Corona … Der Traum lebt -- eine Geschichte von Resilienz, Familie und dem Streben nach Erfüllung.
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Seitenzahl: 657
Veröffentlichungsjahr: 2025
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© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7116-0402-6
ISBN e-book: 978-3-7116-0403-3
Lektorat: Andrea Pichler
Umschlag- & Innenabbildungen: Christian Braun
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Segeln ist eine der reinsten und natürlichsten Formen der Fortbewegung. Wir nutzen die Elemente Wind und Wasser, verbrauchen diese jedoch nicht.
Für die Träumer dieser Welt
Für einen tieferen Einblick und für jene, deren Vorstellungskraft unterstützt werden darf, empfehlen wir, die QR-Codes nach den Kapiteln zu scannen
Meine Faszination für Boote begann bereits in sehr jungen Jahren. Als Kind bestaunte ich die großen Schiffe im Hafen voller Neugier und Bewunderung. Mit etwa 13 Jahren wurde aus diesem Staunen eine echte Leidenschaft – nicht mehr nur ein flüchtiges Interesse, sondern der Wunsch, mehr über Boote zu erfahren und sie besser zu verstehen. Ich verschlang Bücher über Seefahrer und Abenteuer auf hoher See und war von morgens bis abends nur noch mit dem Thema Boot beschäftigt. Mitten in der Pubertät definierte ich bereits meinen Lebenstraum – ich möchte die Welt umsegeln.
Wie es eben so ist mit Lebensträumen, sind es die größten Ziele, die man sich setzt, und dadurch erweist sich der Weg dorthin oft als lang und voller Herausforderungen. Daher stammt wohl der Name: Lebens-Traum.
Wie sich mein Weg zu diesem Traum gestaltet hat und wie ich diesen nie aus den Augen verloren habe, teile ich in diesem Buch mit Ihnen. Das Buch ist eine inspirierende Geschichte über Leidenschaft, Beharrlichkeit und die Kraft der Träume, mit der ich Sie als Leser animieren möchte, Ihre Träume zu verfolgen, egal wie groß, unerreichbar oder verrückt sie scheinen mögen. Ein Lebenstraum kann jedem Menschen unglaubliche Energie spenden und selbst durch die schwierigsten Zeiten tragen.
Mit Leidenschaft etwas zu verfolgen, bedeutet gleichzeitig auch Leid zu erfahren. Ich bin der Überzeugung, dass jedes Ziel erreichbar ist, wenn man es festhält. Je ambitionierter dieses Ziel, desto größer sollte die Bereitschaft sein, Opfer zu bringen, Disziplin zu wahren und bei jeder Entscheidung, sei sie noch so banal, immer den Lebenstraum präsent vor Augen zu haben.
Um auf dem Weg dorthin nicht zu verbissen und frustriert zu werden, ist es ratsam, den Weg selbst zu genießen. Mir persönlich ist so einiges auf dem Weg passiert, und aufgrund der verrücktesten Umstände musste auch ich meinen Lebenstraum öfters neu definieren und anpassen. Manchmal aufgrund von äußeren Umständen, manchmal weil ich mir selbst im Weg stand. Wichtig ist es, auf jeden Fall, flexibel zu bleiben und niemals aufzugeben.
Ich widme dieses Buch meinen beiden Söhnen Noah und Cosmo. Es soll sie an die außergewöhnlichen Jahre ihrer Jugend erinnern und ihnen Mut geben, ihre eigenen Träume auf ihre Art zu verfolgen, aber vor allem zu leben.
Zum erleichterten Verständnis der nachfolgenden Geschichten meines Lebens werde ich eine kurze Erklärung der folgenden Personen (Namen) geben:
Mucki Braun: Meine wunderbar verrückte Mutter, der ich mein Leben und meine Erziehung verdanke. Sie ist und war immer eine große Inspiration für mich, meine Träume zu verwirklichen und waren diese noch so verrückt. Sie motivierte mich, das Leben in jedem Moment herauszufordern und sich nicht von dem, was andere sagen oder meinen, beeinflussen zu lassen.
Jochen Braun: Mein Vater, der mir stets die Liebe zu Booten näherbrachte und mir durch seine Verbindungen ermöglichte, als junger Mensch auf großartigen Yachten unterwegs zu sein.
Sil: Meiner lieben Sil begegnete ich mit 23 Jahren. Die Mutter meiner Kinder, ohne die ich das Unterfangen PAZ nicht geschafft hätte. 21 Jahre lang war sie meine Ehefrau und erschuf mit mir ein Leben für Träumer.
Noah: Mein erstgeborener Sohn, der zu Beginn der Geschichte im Jahr 2018 zwölf Jahre alt war.
Cosmo: Mein zweitgeborener Sohn, der zu Beginn der Geschichte im Jahr 2018 zehn Jahre alt war.
Dani: Mein bester Freund aus Kindheitstagen. Gemeinsam wuchsen wir auf Ibiza auf, da auch seine Familie auf die Baleareninsel auswanderte. Nach einem Streit über geschäftliche Dinge schränkte sich unsere Freundschaft vor ca. 14 Jahren ein.
Cristobal: Meine rechte Hand in allen Nassau Group Belangen. Der General Manager des Nassau Beach Club.
NIU Tribe: Natural International Union: Unser erster eigener Katamaran
PAZ: Unser zweiter Katamaran, mit dem wir unser Leben auf dem Schiff als Familie starteten. In weiterer Folge wird der Name PAZ oft wie ein weiblicher Vorname benutzt. Es kann vorkommen das von „ihr“ bzw. über „sie“ geschrieben wird.
Contigo: Unser Tender, mit auf Paz dabei, um von Ankerplätzen ans Ufer zu gelangen
Pazito: Der kleinere Tender der Kinder
Wie alles begann
Wenn ich heutzutage auf einem Schiff bin, frage ich mich oft, woher meine unendliche Leidenschaft für Boote und das Meer kommt bzw. wann diese begonnen hat. An einige Schlüsselmomente kann ich mich tatsächlich noch genauestens erinnern. Natürlich wurde ich durch das Aufwachsen auf einer Insel mit Booten groß, jedoch war ich bereits ein bootsbegeisterter Junge, bevor meine Familie mit mir nach Ibiza auswanderte.
Mein Vater war sicherlich der ausschlaggebende Antrieb und eine große Inspiration in Sachen Boot. Er war selbst ein begeisterter Schiffsliebhaber und besaß in den Jahren, in denen wir in München gelebt haben, ein Boot, welches am Gardasee lag. So wurde ich bereits als Kleinkind daran gewöhnt, beinahe jedes Wochenende auf dem Wasser zu verbringen. Mein Vater erinnert sich gern an die damaligen Anfänge meiner Schiffsleidenschaft. Er meint, dass ich wohl einen recht zufriedenen Eindruck auf dem Wasser gemacht habe, soweit das bei einem Kleinkind eben möglich ist, zu beurteilen.
Für mich gab es seit meiner Kindheit nur eine Leidenschaft: Boote. In meiner Jugend war mir nichts deutlicher als der Wunsch, Kapitän zu werden. Egal, wer mich fragte, die Antwort war immer dieselbe: „Ich werde Kapitän.“
Von morgens bis abends beschäftigte ich mich mit dem Thema und las ausschließlich Zeitschriften und Bücher über Segelreisen und technische Kniffe der unterschiedlichen Bootstypen.
Mein Vater versuchte oft, meine Vorstellung vom Kapitänsberuf realistisch zu gestalten, indem er mir aufzeigte, dass dieser Beruf nicht unbedingt so rosig war, wie ich es mir in meiner Fantasie stets ausmalte.
Als Kapitän würde man schließlich die gesamte Verantwortung über das Schiff tragen und zu jeder Zeit derjenige sein, der zuschaute, wenn die Gäste baden gingen und auf dem Schiff feierten.
Mein Vater riet mir stets, selbst eines Tages Bootseigner zu werden, um die Freude eines Bootsausfluges in vollen Zügen genießen zu können. Dass ich heutzutage tatsächlich Bootseigner bin, kann ich in manchen Momenten immer noch kaum fassen.
Wir hatten nie viel Geld, und als Kind erschien mir diese Möglichkeit schier unwirklich. Meine Eltern müssen hingegen schon damals ein unwahrscheinliches Vertrauen in meine Fähigkeiten gehabt haben, wofür ich ihnen sehr dankbar bin. Mir wurden nicht die Grenzen des Lebens aufgezeigt, sondern die Möglichkeiten. Ich lernte von klein auf, hart für meine Träume zu kämpfen und zu arbeiten, damit diese in Erfüllung gehen konnten.
Aus Erzählungen meiner Eltern und deren Freunden geht hervor, dass ich bereits als Kind am laufenden Band von Booten gesprochen habe. In jeder freien Minute fuhr ich mit dem Fahrrad an den Hafen und schaute nach neu angekommenen Schiffen. Mich faszinierten ihre Details – die technischen Feinheiten, die Bauweise und wer die Eigner waren. Diese Angewohnheit pflege ich noch heute. Zwar sind freie Minuten inzwischen rar, doch wann immer es die Zeit erlaubt, spaziere ich durch die Marina, beobachte neueste Entwicklungen im Schiffsbau und inspiziere neues Equipment. Besonders interessieren mich die Details, welche ich für vorteilhaft halte – Erkenntnisse, die ich sorgfältig sammle, um sie eines Tages in den Bau meines eigenen Bootes einfließen zu lassen.
Doch nicht nur auf Ibiza haben mich die Schiffe und ihre Eigner interessiert. Egal wo meine Familie mit mir hinfuhr, wenn sich ein Hafen in einer humanen Entfernung befand, mussten meine Eltern mit mir dorthin.
So auch an jenem Tag, an dem mein Vater und ich in Frankreich waren. Eine große, 127 Meter lange Yacht mit türkischer Flagge namens Savarona lag an der französischen Kaimauer. Insgesamt zählte ich 53 Messingbullaugen und war davon überzeugt, dass die Crew bei dieser Menge an zu polierendem Messing bestimmt täglich fluchte.
In diesem Moment beschloss ich, in der Zukunft niemals Messingbullaugen auf meinem Boot zu verwenden, denn das tägliche Geputze würde das Sauberhalten des Schiffes noch schwieriger gestalten, als es ohnehin schon war.
Bootsausflüge
Den Pensionsgästen meiner Eltern entging meine große Leidenschaft natürlich auch nicht. Infolgedessen kam ich oft in den Genuss, auf einen Tagesausflug mitgenommen zu werden. An solchen Tagen, freute ich mich wie ein Schneekönig, da die Gäste oft selber Kinder hatten, mit denen ich wunderbar gemeinsam spielen konnte. Mir wird noch heute gern erzählt, dass ich im Vergleich zu den anderen Kindern wahnsinnig interessiert und wissbegierig auf den Booten herumgelaufen bin. Gern antworteten mir die Erwachsenen mit einem Schmunzeln auf meine vielen Fachfragen.
In jungen Jahren erwachte in mir ebenfalls der Traum von einer Weltumsegelung. Natürlich war selbst mir Träumerle bewusst, dass dies nicht einfach umzusetzen sein würde, weshalb ich klein startete und jede Minute auf dem Wasser genoss.
Als ein Berliner Freund meiner Eltern Ibiza verlassen wollte verkaufte er sein Haus mit allem, was dazugehörte. Seinen Jetski hinterließ er meiner Familie, was mich damals zum glücklichsten Buben überhaupt machte.
Spielzeug fürs Wasser? – Perfekt!
Ich erinnere mich, dass mein Vater als Erster versuchte, mit dem Jetski zu fahren, um für meine Sicherheit zu garantieren. Doch das Modell des Jetskis, welches wir geschenkt bekommen hatten, war nicht mit den heutigen Modellen zu vergleichen. Um sich fortzubewegen, mussten zwei lange Bügel manuell im Stehen rauf und runter bewegt werden. Papi schaffte es zu meiner Belustigung gerade einmal ein paar Sekunden am Stück, auf dem Jetski stehenzubleiben, bevor er ins Wasser fiel. Ich lachte mich am Ufer kaputt und jauchzte vor Freude, als ich an der Reihe war. Wie so viele Sportarten lag mir auch das Jetskifahren, wie sich schnell zeigte. Ich schoss durch die Bucht, als hätte ich nie etwas anderes getan. Wie so viele Sportarten, lag mir wie sich zeigte auch die Fortbewegung mit dem Jetski. Ich schoss durch die Bucht, als hätte ich nie etwas anderes in meinem Leben getan. Doch das Vergnügen währte nicht lange. Genau wie sich das Thema „Boote“ durch mein Leben zog, begleitete mich auch ein gewisser Fluch von kaputten Fortbewegungsmittel. Der Jetski machte ständig Probleme und musste immer wieder aus dem Wasser geholt werden.
Noch heute scheint der Fluch zu unserer Familie zu gehören: Meine Kinder können mit unserem Jetski maximal einen Tag auf dem Wasser verbringen, bis etwas kaputtgeht.
Mein erstes Boot
Mein erstes eigenes Boot besaß ich mit ca. 11 Jahren. Gemeinsam mit meinem Kumpel Dani fand ich es im Sand versunken am Strand von Playa d’en Bossa. Wir spielten am Strand und entdeckten dabei eine aus dem Sand ragende Spitze. Wir waren sofort davon überzeugt, dass es sich um ein Boot handeln musste, und begannen schnell mit dem Graben. Die Aktion gestaltete sich schwieriger als gedacht, da der Sand das Schiff immer wieder nach unten zog. Als wir endlich so weit waren, dass eine Bootsschale zu erkennen war, half uns mein Vater und zog das Boot auf einem Anhänger zu uns nach Hause. Im Anschluss halfen meine Eltern mir liebevoll, das Boot mit den damals möglichen Mitteln herzurichten. Ich war unglaublich gerührt über die Tatsache, dass sie wieder einmal hinter meinem Traum standen.
Gemeinsam bauten wir Bretter in das Boot, die als Sitze dienten und befestigten einen alten 20 PS Außenborder am Heck.
Als ich das Boot nach einiger Zeit endlich zum Laufen gebracht hatte, schaffte ich es, ein einziges Mal nach Formentera zu fahren, bis der erste Schaden auftrat. Was soll man machen, der Fluch schlug zu …
Mein erster Segeltörn
Die erste Erfahrung mit einem großen Segelschiff machte ich gemeinsam mit meinem Vater, der mich auf eine Überführungsfahrt von Ibiza nach Frankreich mitnahm. Der Koch des Schiffes war ein sehr guter Freund meines Vaters, welcher den Kapitän um Erlaubnis gebeten hatte.
Nach der Zustimmung durften wir mit auf die 32 Meter lange Segelyacht „Garuda“, die damals größte je gebaute Swan.
Was für ein Erlebnis!
Nach dem Ablegen fing es bereits hinter Menorca an fürchterlich zu stürmen, sodass beinahe alle Anwesenden bei dem starken Wellengang seekrank wurden. Mir hingegen schien der Sturm jedoch nichts auszumachen. Ich lief über das Schiff, als wäre nichts von der Schräglage zu merken. (Mein Vater erzählt hierbei gern, dass ich wohl aussah wie ein Klabautermann, der über das Schiff sprang.)
Doch das war noch nicht alles. Im Gegensatz zu den anderen an Bord genoss ich es sogar, die Naturgewalten hautnah zu erleben. In diesem Moment wurde mir klar: Ich war dafür gemacht, auf Schiffen die Welt zu erkunden. Diese erste Bewährungsprobe bestärkte mich nur noch mehr in meinem Entschluss, Kapitän zu werden.
Meine einprägsamste Erinnerung an diese Reise ist bis heute mein erster Sonnenuntergang auf See. Mit voll gesetzten Segeln, der Wind um die Nase spielend, beobachtete ich, wie die goldene Sonne langsam im Meer versank. In diesem Moment durchströmte mich ein tiefes Gefühl von Glück und Frieden. Seitdem war meine Liebe zum Meer unaufhaltsamer denn je und mein Wunsch Kapitän zu werden stärker denn je.
Am nächsten Tag fingen wir als weiteres Highlight einen fantastischen Thunfisch während des Segelns. Für mich ein einzigartiger Moment: Mitten in der Natur, angetrieben vom Wind, hing das Essen auf einmal an der Angel.
Vor der Küste Frankreichs angekommen verzögerte sich unsere Ankunft noch etwas. Man sagte uns, dass unser Liegeplatz bedauerlicherweise noch besetzt sei, weshalb wir nahe der Hafeneinfahrt ankerten. Da der Mistral-Sturm noch immer wütete, wollten wir jeglichen Windschutz nutzen, den wir in dieser Situation bekommen konnten.
Als der Bescheid des Hafenmeisters kam, dass unser Platz frei wäre, stellte die Crew fest, dass die Ankerwinsch, welche zum Einholen des Ankers benötigt wird, kaputt war. Alle Anwesenden mussten einer nach dem anderen die Kette manuell mit einem Hebel unter vollem Körpereinsatz einholen. Pro Zug kamen ca. 20 cm der 90 Meter langen Ankerkette aus dem Wasser. Als die Kette endlich eingeholt war, wussten wir alle, was wir an diesem Tag geleistet hatten.
Papi und ich holten unser Gepäck aus der Koje und wurden im Anschluss per Tender an Land gebracht. Mit dem Taxi wollten wir vom Hafen aus zu unserem Hotel fahren, um dort eine Nacht bis zu unserem Rückflug nach Ibiza zu schlafen. Beim Einsteigen in den Wagen wunderte ich mich, als mir der Fahrer mit den Worten „Madame, s’il vous plaît“ die Tür aufhielt. Zu der Zeit reichten meine Haare zwar bis an die Schultern, aber für eine Frau wurde ich bisher nun wirklich noch nicht gehalten. Hinzukam, dass ich mich zu der Zeit wie einer der Coolsten fühlte, da die Mädels nur so auf mich zu fliegen schienen. Angekommen am Hotel ging das Spiel jedoch weiter.
Während des Eincheckens an der Rezeption legte der Hotelangestellte meinen Pass diskret zur Seite. Nachdem es meinem Vater zu bunt wurde, klärte dieser auf, dass ich sein minderjähriger Sohn sei und nicht seine Geliebte.
Nachdem die Unannehmlichkeiten aus der Welt geschafft waren, konnten wir uns endlich meinem Lieblingsteil des Tages widmen. Papi und ich fuhren alle Yachthäfen der Umgebung ab und bestaunten eine Yacht nach der anderen, während ich mir zum hundertsten Mal ausmalte, wie es wohl sein würde, einmal auf einem der Schiffe zu arbeiten.
Aufgrund der Schwierigkeiten dieser Überfahrt ist hier wohl unterbewusst meine Entscheidung gefallen, dass ich in Zukunft selber keinen Einrumpfsegler haben wollte, sondern einen Katamaran. Die Schräglage war dann doch etwas ungewohnt für mich, da ich zuvor nur mit Motorbooten unterwegs gewesen war.
Das Segeln hatte mir jedoch gefallen, und so brachte mir eine niederländische Freundin meiner Eltern, welche Weltmeisterin im Segeln war, nach unserer Rückkehr nach Ibiza, mit einem Hobby-Katamaran in Playa d’en Bossa das Segeln bei. Ich war begeistert, jeden Tag aufs Wasser zu dürfen und das Element mit einer neuen Technik zu beherrschen. Ich erinnere mich noch gut an eine Übungsfahrt bei Sturm. Der Wind tobte so heftig, dass die Häfen von Ibiza und Formentera geschlossen wurden. Doch statt Angst zu verspüren, genoss ich das Schauspiel der Natur – die gewaltigen Wellen, die peitschende Gischt und die unbändige Kraft des Meeres faszinierten mich mehr als alles andere.
Boote begleiteten mich viele Jahre meines Lebens. Ich genoss es, mit Freunden und der Familie meine freie Zeit auf dem Wasser zu verbringen und schlichtweg die Seele baumeln zu lassen. Seit dem Umzug nach Ibiza, nahm die Zeit, welche ich auf Booten verbrachte, enorm zu. – Wie sollte es auch anders sein.
Sobald es die Arbeit erlaubte, fuhr ich an Wochenenden mit dem Boot nach Formentera oder unternahm kleine Spritztouren entlang der Küste Ibizas. Wenn nichts dagegen sprach, nahm ich den Jungen dabei immer mit. Oft bettelte er bereits am Morgen, wann wir denn nun endlich losfahren würden. Ich genoss es, Chrissis Leidenschaft für Boote zumindest in kleinen Teilen in die Realität umsetzen zu können, ob mit mir oder durch unsere Gäste. Die Dankbarkeit für unsere lieben Freunde und Bekannte, welche Chrissis lodernde Begeisterung für alles, was Motoren hatte und sich auf dem Wasser bewegte, unterstützten, konnte ich nicht oft genug ausdrücken. Es war schließlich nicht selbstverständlich, dass er so gern und oft mit auf Bootsausflüge genommen wurde.
Das erste eigene Boot, welches ich auf Ibiza 1988 erwarb, war eine gebrauchte Coronet 24 (norwegisches Boot). Diese war leider die meiste Zeit kaputt, wie auch viele Schiffe nach ihr … – Der Familienfluch
Als ich das Boot zum ersten Mal richtig zum Laufen gebracht hatte, brannte es am 6. Januar durch das Feuerwerk anlässlich des Heiligendreikönigstages nieder. Eine Rakete fiel in das am Steg liegende Boot, welches sofort Feuer fing und bis zur Wasserlinie abbrannte. Die benachbarten Boote wurden ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Mannomann, das war vielleicht etwas.
Bis heute erinnere ich mich noch genau an die dicke Akte mit Daten des Wetteramtes und der Versicherung.
Zum Glück ging alles gut aus, denn es war schließlich nicht unsere Schuld gewesen. Die Versicherung zahlte, und so folgte unser zweites Boot: Eine Abbate Sea Cobb mit 29 Fuß Länge. Ich baute neue Motoren in das Boot ein und vercharterte es an Tagen, an denen wir es als Familie nicht selber nutzten.
Eine Freundin von uns kümmerte sich als Bootsmaklerin um die Vermittlung zwischen Kunden und Boot.
Eines Tages wurde mir zugetragen, dass bekannte Leute, welche stets mit einer enorm großen Sonnenbrille auftauchten, um nicht erkannt zu werden, das unauffällige Boot des Öfteren buchten. Ich durfte zwar offiziell nicht selbst bei der Schlüsselübergabe des Schiffes dabei sein, war jedoch zu neugierig, als dass ich mich mit der ungenauen Information zufriedengeben konnte.
An einem Samstagvormittag schlich ich mich mit sicherem Abstand zum Steg, neugierig, wer der Chartergast wohl sein könnte. Wer verbarg sich hinter dieser auffällig großen Sonnenbrille? Meiner Meinung nach zog er damit nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sich. Als ich schließlich erkannte, um wen es sich handelte, freute ich mich. Es war ein bekannter Formel-1-Rennfahrer der mit seiner Familie ungestört auf einem unauffälligen Boot Ausflüge nach Formentera unternehmen wollte.
Überführungen von Schiffen
Da es für mich offenbar nicht genug war, ein eigenes Boot zu besitzen, um den Tag auf dem Wasser zu füllen, war ich höchst erfreut, dass einer meiner Freunde auf der Insel Power-Boote verkaufte wie z. B. die damals angesagte Cigarette.
Da es auf Ibiza keinen wirklich guten Schiffsservice für Schiffe dieser Art gab, tat ich ihm gern den Gefallen und fuhr die Boote nach Mallorca zur Servicestelle. Chrissi nahm ich oft mit auf die Fahrten nach Porto Andratx, wie auch an jenem Tag, an dem wir die 60 Meilen, für die wir normalerweise 2 Stunden benötigten, zurücklegen wollten.
Chrissi musste im Anschluss wieder ins Internat nach München zurückfliegen und hatte die Idee von Mallorca aus weiterzufliegen, um bei der Überfahrt dabei sein zu können. Für uns sprach nichts dagegen, und so fuhren wir los. Das Wetter sah ebenfalls gut aus.
Es kam jedoch, wie so oft im Leben, anders als erwartet: Nach ca. der Hälfte der Überfahrt zog dunkles Wetter auf, und Wind und Welle nahmen erheblich zu. Trotz der Umstände kamen wir bis kurz vor Porto Andratx einigermaßen gut durch. Ab hier wurde es jedoch vor dem Einsetzen der Dämmerung auf einmal pechschwarz um uns herum. Erst fielen ein paar vereinzelte Wassertropfen aus den Wolken, dann brach ein Sturzregen vom Himmel, bei dem die Tropfen nach dem Aufprall 20 cm hoch in die Luft sprangen. Innerhalb von Sekunden waren wir durchnässt bis auf die Knochen.
Unter Deck gehen war für uns keine Option, da die Überführung aufgrund der starken Wellen bereits länger gedauert hatte als geplant. Der Junge musste seinen Flieger bekommen und wir waren in Eile.
Wir fuhren also weiter bis in den Hafen und machten das Boot fest. Als wir anschließend versuchten, ein Taxi zu bekommen, ließen uns zwei Fahrer stehen, da sie sich mit unserer nassen Kleidung nicht die Sitze verderben wollten.
Zum Glück hatte eine Fahrerin Mitleid und nahm uns in ihr Taxi auf. Diese stellte die Klimaanlage jedoch so hoch (vermutlich, damit die Scheiben nicht beschlugen), dass wir zitternd vor Kälte auf der Rückbank saßen. Ich schaute in meinem Rucksack nach, ob ich irgendetwas Trockenes für den Jungen finden konnte, denn der musste schließlich direkt weiter zum Flughafen.
Wie man sieht, nicht alle Tage auf See sind so rosig, wie sich das so mancher vorzustellen vermag.
Ich habe Christian immer ermutigt, die Welt zu entdecken – so auch, als er achtzehn wurde. Mein Sohn war durch sein Aufwachsen und seine Ausbildung bereits sehr selbstständig, doch ich hatte das Gefühl, dass ihm noch Erfahrungen aus fernen Ländern fehlten, die seinen Horizont erweitern und ihn freier im Denken machen würden.
Hinter meinen vielen Vorschlägen lag jedoch zu dieser Zeit ein trauriger Grund. Da sein Vater und ich uns trennten, hoffte ich, dass wir Christian mit der Zeit im Ausland einige unschöne Monate auf der kleinen Insel ersparen könnten.
Das Leben auf Ibiza hat viele Vorteile, wenn es um die Trennung einer langjährigen Beziehung geht, überwiegen allerdings die Nachteile. Die Insel ist in solchen Momenten klein und das Wort verbreitet sich rasend schnell. Um Christian aus dem Streit, so gut es geht, außen vorzuhalten, empfand ich es als beste Option, ihn örtlich von den Streitigkeiten zu distanzieren.
Ich versuchte, die Welt in Bewegung zu setzen, um Christian den Besuch der Berkeley Universität in Amerika zu ermöglichen. Das Geld war bei uns zu diesem Zeitpunkt sehr knapp, weshalb ich die Verbindungen zu Freunden und Gästen nutzte und rund um die Uhr arbeitete, um das nötige Geld aufzutreiben.
Christian sollte es einst besser haben als ich, und dazu gehörte in meiner Vorstellung eine ausgezeichnete Bildung. Dass er überaus intelligent war, stand für mich dabei stets außer Frage, die gezielte Förderung konnte aber auch auf dem Papier beweisen, dass er so einiges auf dem Kasten hatte.
Wenn ich heute zurückblicke, finde ich es immer noch sehr bemerkenswert, dass Christian bereits in jungen Jahren genau wusste, dass er eines Tages als Kapitän auf Schiffen um die Welt fahren wollte. Sein äußerst strukturiertes Denkvermögen führte ihn schon auf so manchen Wegen ohne Abzweigung auf das Ziel zu. Für ihn gilt das Motto: immer vorwärts, niemals zurück.
Ich muss hier raus
Soweit ich mich erinnern kann, war ich immer ein freier Vogel, der es im konservativen Deutschland nur schwer über längere Zeit aushielt.
Im Alter von 17 Jahren bat ich meine Eltern, mir eine Reise nach England zu ermöglichen, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass sie ein paar Mark übrig hatten. Ich war überglücklich, als sie mir tatsächlich ein paar Groschen gaben und ich einen Sommer in England verbringen konnte. Diese Zeit öffnete mir die Tür zu anderen Kulturen, was meinen Freiheitsdrang noch mehr bestärkte.
Mit 20 Jahren machte ich eine Ausbildung zur Stewardess und wurde im Anschluss von TWA Airlines angeheuert. Die europäische Basis der Airline befand sich in Paris, wo ich fortan für zwei Jahre lebte. Auf meinen Reisen verliebte ich mich in einen Deutschen, der in Tokio als Arzt investigativ lebte. Hals über Kopf zog ich im Jahr 1973 nach Tokio, wo ich ein Jahr lang wohnte. Ich liebte es die japanische Kultur zu erkunden, doch irgendwann war klar, der richtige Mann war es für mich nicht.
Für einige Monate kehrte ich nach Deutschland zurück, um mich auf mein nächstes Ziel vorzubereiten: Südafrika. Dort wartete ein spannender neuer Job auf mich. Vier Tage vor meinem erneuten Versuch auszuwandern, lernte ich Jochen, Christians Vater, kennen und blieb in Deutschland, da Jochen nicht so auslandserkundungsfreudig war wie ich.
So verbrachten wir die nächsten Jahre in München, bis Christian vier Monate alt war und wir Urlaub auf den Seychellen machten. Hier wurde mein Herzenswunsch auszuwandern wieder so stark, dass ich beschloss, diesen nun endlich in die Tat umzusetzen. Nach München vergingen letztlich noch neun Jahre – das Leben verläft eben selten nach Plan. Neun Jahre später konnte ich es einfach nicht mehr aushalten. Es war, als hätte sich all die aufgesteute Sehnsucht plötzlich entladen. Mir war klar: Jetz muss ich raus! Anderweitig wäre ich wahrscheinlich verrückt geworden in dem engen Korsett des deutschen Lebensstils.
Ibiza war bei der damaligen Entscheidung nur zufällig unser Ziel. Freunde rieten uns, die Insel als Ort zum Leben auszuprobieren, da die nahe Verbindung nach München ideal wäre, um logistische Probleme zügig zu lösen. So kam es, dass Jochen und ich im Jahre 1986 in der Weihnachtszeit mit unserem alten Mercedes nach Ibiza fuhren. Koffer und Weihnachtsbaum wurden aufs Dach geschnallt und los ging es mit der Fähre von Barcelona auf die Baleareninsel.
Würde unsere Mission auszuwandern funktionieren oder auf schnellstem Wege an mangelnden Möglichkeiten scheitern?
Angekommen auf der Insel der Hoffnungen waren wir von unserem Ziel Ibiza überzeugt. Doch wir standen vor zwei großen Herausforderungen: Wir hatten weder eine Unterkunft noch eine Einkommensquelle. Also fragten wir Passanten, ob sie von Mietobjekten wussten – in der Hoffnung, so schnell wie möglich ein neues Zuhause zu finden. Wohnungen kamen für uns nicht in Frage, schließlich benötigten wir ein Objekt, aus dem wir auch Gewinn und Arbeit schöpfen konnten.
Was für ein Glück, dass ich wenigstens ein bisschen Spanisch sprechen konnte und wir uns somit mit den Einheimischen verständigen konnten. Der Wille, die Sprache zu sprechen, war da, was stets mit Freude von den Inselbewohnern aufgenommen wurde. Wer weiß, wie die Suche sonst verlaufen wäre?
Als wir auf einen Tipp hin das Grundstück der heutigen Casa Munich in den Salinas besichtigten, empfing uns ein Mann mit einem Schäferhund. Auf dem Anwesen standen lediglich Bäume, ein Fundament für Apartments und die renovierungsbedürftige 400 Jahre alte Finca mit einem Ziegenstall. Alles sollte zur Miete stehen und war somit geeignet für unsere Familie. Zum Test blieben wir einige Nächte, saßen vor dem Haus in der Sonne und spielten endlose Runden Backgammon. Hier schien sich jeder wohlzufühlen.
Um ein Einkommen zu sichern, beschlossen wir, das Anwesen zu renovieren und eine Pension zu eröffnen. Doch während auf der Insel die ersten Umbauarbeiten begannen, wurde ich in der Heimat gebraucht – meine Eltern verkauften ihr Hotel und waren auf meine Unterstützung angewiesen. So blieb mir nichts anderes übrig, als mich vorerst darauf zu konzentrieren, anstatt selbst bei den Renovierungen mitzuwirken.
Ob das wohl gutgehen würde? Zumindest konnte ich auf meine Erfahrung zurückgreifen: Durch meine Zeit als Stewardess und die Jahre im Familienhotel war mir die Arbeit im Gastgewerbe bestens vertraut.
Seit ich Mucki kannte, trug sie den Wunsch und den Drang in sich, Deutschland zu verlassen. Nachdem auch ich eingesehen hatte, dass wir früher oder später auswandern würden, begannen wir zu überlegen, welche Destination unsere neue Heimat werden könnte. In unseren Gesprächen waren oft Ziele wie Australien, Südafrika oder Amerika Thema. Orte, die eins gemeinsam hatten: Sie lagen weit entfernt.
Ibiza kam uns zu Anfangszeiten ehrlicherweise überhaupt nicht in den Sinn, da uns die örtliche Nähe zu München nicht wie wirkliches Auswandern vorkam. Freunde empfahlen uns, den Platz zum Leben jedoch in Erwägung zu ziehen und wenigstens einmal zu testen. Ich kannte Ibiza bislang nur aus Segelurlauben, in denen meine Kenntnis der Insel jedoch nicht über den Hafen hinausgegangen war. Wir entschieden uns somit im Dezember 1986 mit dem Auto die Insel zu erkunden. Wir fuhren jeden Weg und jede Straße ab und legten dabei in 14 Tagen knapp 3.000 km zurück.
Nachdem wir uns auf einen Rat hin mit dem Besitzer des Grundstücks in den Salinas getroffen hatten, liefen Mucki und ich ins Casino. Obwohl wir normalerweise nie spielten, setzten wir an diesem Tag einen niedrigen Einsatz am Spieltisch. Der Gewinn, der sich aus dem Spiel ergab, war zwar klein, jedoch ein symbolischer Sieg für unser neues Vorhaben auf der Insel. Wir deuteten den Gewinn als gutes Omen und entschieden uns daraufhin, den Vertrag für die heutige Casa Munich auszuhandeln und überwiesen die Miete des Grundstückes an den Eigner.
Der Vermieter sagte uns vertraglich zu, das angefangene Gästehaus, den Tennisplatz sowie das Haupthaus bis zum 1. Mai fertig zu bauen und zu renovieren. (Wir hatten in Deutschland bereits Annoncen geschaltet und erwarteten zu dem Zeitpunkt bereits die ersten Gäste.)
Deutschland Ade
Zurück in Deutschland kaufte ich Ende April einen alten Hanomag Lkw, lud 53 Umzugskartons, eine Waschmaschine und einen Fernseher ein und machte mich auf den Weg. Bei jeder Steigung, die ich mit meinem tuckernden Gefährt erklomm, hätte mich vermutlich jeder Fußgänger überholt – doch das war mir egal. Mein Ziel lag klar vor Augen: Immer der Sonne und einer neuen Hoffnung entgegen.
Auf dem Weg nach Barcelona überkam mich eine Hepatitis-Infektion. Mein gesamter Körper, inklusive meiner Augen wurde gelb. Das muss vielleicht ein Anblick gewesen sein! Die Inkubationszeit von Hepatitis beträgt ca. ein halbes Jahr, weshalb ich darauf schloss, dass der Auslöser vermutlich die verspeisten Austern an Weihnachten gewesen sein mussten, denen ich einfach nicht widerstehen konnte.
Am Hafen in Barcelona Hafen angekommen, parkte ich den LKW an der Fähre, die erst am nächsten Tag auslaufen sollte. Da sich mein Körper sehr schlapp anfühlte, wollte ich mich etwas ausruhen und fragte ein Berliner Pärchen, das selber mit seinem Wohnwagen auf die Fähre wartete, ob es über Nacht auf den LKW aufpassen würde.
Ein Bekannter aus München war so lieb gewesen, mit meinem Privatwagen die gesamte Strecke hinter mir und dem LKW herzufahren. Gemeinsam fuhren wir nun in eine Pension, um uns von den Strapazen der Fahrt auszuruhen.
Als wir am nächsten Tag zur Fähre zurückkehrten, war von dem Berliner Pärchen leider keine Spur mehr und unser LKW von oben bis unten durchwühlt. Wenn ich heute an diese Situation denke, wird mir bewusst, dass ich mir damals überhaupt keinen Kopf darüber gemacht hatte, wie gefährlich Barcelona eigentlich sein konnte.
Na ja, zum Glück war das Wichtigste unserer Sachen noch vorhanden – vor allem der LKW selbst. Als ich nach diesem interessanten Erlebnis auf Ibiza ankam, erschrak ich gewaltig bei dem Anblick unserer Casa Munich.
Nichts war fertiggestellt! – Was für eine Katastrophe –
Panik machte sich in mir breit, denn ab dem 1. Mai waren wir bereits komplett ausgebucht. Ein deutsches Pärchen hatte sich auf unsere Werbeanzeigen in Deutschland hin gemeldet – sie wollten auf Ibiza heiraten und planten, neben sich selbst auch ihre gesamte Familie und ihren Freundeskreis bei uns unterbringen.
Die Gesundheit stellt sich quer
Auf der Insel beschloss ich, aufgrund meines schlechten körperlichen Zustands, einen Arzt aufzusuchen. Das Problem: Ich sprach weder Spanisch noch gutes Englisch. Zum Glück fand ich einen Arzt, der Französisch sprach, welches ich zumindest halbwegs verstehen konnte. Dieser teilte mir mit (soweit ich es verstand), dass ich unter keinen Umständen in die Sonne gehen sollte oder arbeiten durfte. Es gab keine Medizin gegen Hepatitis, doch diese Kriterien müsse ich in jedem Fall einhalten.
Da absolut nichts fertiggestellt war, kam Ausruhen natürlich nicht in Frage. Stattdessen arbeitete ich oft bis zu 16 Stunden am Tag, um die Unterkunft zumindest einigermaßen komfortabel für unsere Gäste herzurichten. Große Sorgen machte mir vor allem der Baulärm, dem die ersten Gäste täglich ausgesetzt waren. Doch ich tat mein Bestes, um die Situation erträglich zu gestalten. Bis September hatte ich es endlich geschafft, das Anwesen zumindest halbwegs bewohnbar herzurichten.
Mucki kam zu diesem Zeitpunkt ebenfalls zu mir auf die Insel und war meine Rettung. Durch ihre Auslandserfahrung in der Kindheit sprach sie Spanisch und durch ihre Arbeit als Stewardess fließend Englisch. Nachdem ich gar nicht gut und gelb aussah, besuchten wir gemeinsam wieder den französischen Arzt, der ihr mitteilte, ich habe einen schweren Lebertumor und würde bald sterben. Es gäbe nichts, was man noch machen könnte. Dies war ein großer Schock für uns beide, aber aufgeben kam natürlich nicht infrage.
Glücklicherweise pflegte Mucki eine Freundschaft zu einem Arzt, welcher in der Erlangener Universitätsklinik in Deutschland arbeitete. Gott sei Dank hatten wir noch unseren deutschen ADAC-Auslands-Krankenschutz, weshalb ich auf wundersame Weise noch am selben Tag mit einem Learjet des ADAC von Ibiza nach Erlangen ins Krankenhaus geflogen wurde.
Dort stellte sich heraus, dass ich zwar keinen Leberschaden hatte, jedoch meine Hepatitis höchst gefährlich war, woraufhin ich sofort isoliert wurde. Ich durfte mein Zimmer nicht verlassen und konnte den Kontakt nach Ibiza lediglich durch Briefe pflegen. Eine Fügung des Schicksals war wohl das Geschenk eines Freundes, der sich immer fürchterlich über meine Handschrift beschwerte. Eine Reiseschreibmaschine erhielt Einzug in mein Krankenzimmer, ohne welche unsere Geschichte deutlich anders verlaufen wäre. Warum? Dazu später …
Nach ca. vier bis sechs Wochen in der Isolation erreichte mich eine äußerst beunruhigende Nachricht. Bekannte auf Ibiza berichteten mir, dass sich mein bis zu diesem Zeitpunkt „Kumpel“, welcher mit mir die Überfahrt des Lkws bewerkstelligt hatte, in der Casa Munich eingenistet hatte. Er hatte dem Vermieter weisgemacht, dass ich im Sterben läge und Mucki keine Lust mehr auf das Projekt hätte. Er sagte dem Vermieter, dass er fortan den Umbau und die Pension leiten würde und jegliche Befugnisse von mir erteilt bekommen hätte. Das war ganz klar alles erlogen.
Muckis Abwesenheit war der Arbeit im Hotel ihrer Eltern geschuldet, welches sich im Verkaufsprozess befand und ich wollte sofort nach Genesung zurück nach Ibiza.
So nicht, dachte ich mir und fragte meinen behandelnden Arzt, ob ich zumindest am Abend aus dem Zimmer in den Hof dürfe, um frische Luft zu schnappen. Zu diesem Zeitpunkt waren keine anderen Patienten anwesend, und somit würde auch keine Ansteckungsgefahr herrschen. Zum Glück bekam ich die Erlaubnis des Arztes, denn ich wollte natürlich nicht bloß einen Spaziergang an der frischen Luft tätigen, sondern abhauen, um unser Projekt zu retten.
Am Abend schrieb ich einen Zettel für die Ärzte, welchen ich im Zimmer liegen ließ. Auf diesem stand, dass ich auf eigene Gefahr das Krankenhaus verlassen würde und startete meinen Ausbruch.
Ich seilte meine Tasche an der Schnur des Reiseschreibmaschinenpakets (aha) ab und ließ diese aus dem Fenster des Hochparterres in den Garten hinunter. Anschließend lief ich nach draußen, sammelte die Tasche ein und machte mich auf den direkten Weg zum Bahnhof.
Als ich am Bahnhof ankam, schaute ich auf die Anzeige, welcher Zug mich näher zu meinem Ziel bringen würde. Glücklicherweise fuhr fünf Minuten später ein Zug nach Augsburg ab, in den ich, ohne zu überlegen, einstieg.
In Augsburg angekommen war ich erfreut zu sehen, dass am nächsten Morgen ein Automarkt für Gebrauchtwagen stattfand, auf dem ich direkt mit unserem Minibudget einen Wagen erwarb. Ein blauer Simca Talbot, ordentlich durchgerostet, aber der Motor schien gut zu laufen.
Am darauffolgenden Tag fuhr ich zur Zulassungsstelle und nach der Anmeldung auf direktem Wege nach Ibiza.
Dort angekommen wog ich nur noch 50 kg. Was dachte ich mir nur? Wie konnte ich annehmen, dass ich in diesem Zustand etwas ausrichten könnte?
Mein ehemaliger Freund und seine Freundin teilten mir mit, dass sie mich aus dem Geschäft der Casa Munich hebeln wollten und ich hier nichts mehr zu suchen hatte.
Gott sei Dank wusste Mucki wie immer einen Ausweg. Sie war in München, als ich ihr die Situation auf Ibiza schilderte und war entsetzt. Sofort kontaktierte sie einen Freund, der in Windeseile auf Ibiza auftauchte. Wie die beiden das möglich gemacht haben, ist mir bis heute ein Rätsel. Mit einem Messer in der Tasche ausgestattet, sagte er zu mir: „Die vertreibe ich wieder.“
Zum Glück kam es zu keiner größeren Ausartung als einer Prügelei, aber von dem Tag an hatten wir die Casa Munich wieder zurück in unseren Händen.
Kurze Zeit später zogen auch Chrissi und Mucki nach Ibiza. Wie schön, die Familie endlich wieder beisammenzuhaben. Da das Geld knapp war,überprüfte ich zu Beginn jedes Monats als Erstes, ob wir genug Essen hatten und der Tank des Autos gefüllt war. Schließlich musste ich Chrissi täglich zur Deutschen Schule fahren – insgesamt 100 Kilometer pro Tag, viermal 25 Kilometer.
Der Anfang der Casa Munich
Ich erinnere mich noch gut an die Anfangszeiten der Casa Munich. Damals gab es keine direkte Telefonleitung zu den Häusern auf der Insel. Die einzige Verbindung ans Umland und ins Ausland bestand aus einer Telefonzelle, die unten an der Kirche stand. An Tagen, an denen der Bezahlautomat defekt war, nahm das Telefon keine Münzen an, und die ersehnten Gespräche wurden kostenlos. An diesen Tagen bildete sich gut und gerne eine 30 Meter lange Schlange hinter dem Telefonhäuschen.
Auch Briefkästen waren zu der Zeit auf Ibiza eine Seltenheit, da die weit verstreut liegenden Häuser für den Postboten oft unerreichbar waren. Auf der Insel war es gang und gäbe, einen der dicht an dicht hängenden Briefkästen in einer Bar oder Supermarkt anzumieten. Doch hiervon waren lange nicht genug verfügbar, um sämtliche Haushalte abzudecken.Die Post für die Casa Munich wurde an einen nahegelegenen Kiosk geliefert. Dort suchten wir unsere Briefe und Telegramme aus einer einfachen Pappschachtel heraus, in der die gesamte Post für die Bewohner des Salina-Areals gesammelt wurde. Nicht selten kam es vor, dass Gäste bereits angereist waren, bevor uns ihr Telegramm mit der Reservierungsanfrage überhaupt erreichte.
Um eine familiäre Atmosphäre zu kreieren, duzte ich die Gäste der Casa Munich vom Tag der Anreise an. Zudem fragte ich die Ankömmlinge liebend gern nach ihren Berufen. Besonders bei Elektrikern und Klempnern wurde ich hellhörig, denn leider Gottes war es keine Seltenheit, dass der Strom ausfiel oder die Wasserpumpe defekt war.
Besonders stolz bin ich darauf, dass viele unserer Gäste über die Jahre zu Stammgästen und Freunden geworden sind. Ich denke, die enorme Menschlichkeit unserer Familie trug zu großen Teilen dazu bei, dass die Gäste gern zurückkehrten. Menschen mögen es einfach, ein Gefühl der Zugehörigkeit und Herzlichkeit zu empfangen.
Diese Werte entgegengebracht zu bekommen, ist heutzutage besonders in großen Hotels leider keine Selbstverständlichkeit mehr, da der familiäre Aspekt in großen Häusern schwer zu bewahren ist.
Heute besuchen uns viele Familien bereits in der dritten Generation, um in der Casa Munich zu entspannen und gemütlich mit unserer Familie zu plaudern.
Aus unseren Gästen formte sich jeden Sommer eine Art Gemeinschaft, die oft unzertrennlich wurde. Was haben wir nur alles miteinander erlebt. Das tägliche „Sexkonzert“, welches über das Anwesen schallte, zum Beispiel. Klimaanlagen waren früher natürlich nicht in den Zimmern verbaut, weshalb alle mit geöffneten Türen und Fenstern schliefen oder eben nicht schliefen …
Das Miteinander mit den Gästen war mir immer sehr wichtig. Ich genoss die stundenlangen Backgammon-Runden um den Pool, welche oft in regelrechte Turniere ausarteten. Zur späteren Abendstunde wurde dazu gern noch der ein oder andere Hierbas (ibizenkischer Kräuterschnaps) getrunken, was die gesamte Angelegenheit oft sehr emotional, jedoch auch sehr lustig werden ließ.
Verglichen mit anderen Orten der Welt finde ich, dass sich Ibiza relativ wenig verändert hat. Aus diesem Grund fühle ich mich vermutlich nach der langen Zeit immer noch pudelwohl auf der Insel. Ganz besonders genieße ich den freien Geist, der hier allerorts gelebt und akzeptiert wird.
Abgesehen von den Modernisierungen der Insel, welche nicht mehr wegzudenken sind, hat die Inselregierung zum Glück bereits vor acht Jahren beschlossen, dass dem Massentourismus auf der Insel entgegengewirkt werden muss, um Schäden zu vermeiden. Seither ist der Billigtourismus als No-Go deklariert worden, was zur glücklichen Folge hatte, dass die Zahlen der Touristen nicht ins Unermessliche anstiegen.
Ich genieße die Tatsache, dass ich überall auf der Insel verteilt kleine ibizenkische Lebensmittelläden finden kann. Natürlich wurden auch auf Ibiza die großen Supermärkte wie Eroski und Mercadona gebaut, jedoch gibt es kaum eine Straße, an der kein lokaler Laden seine Produkte verkauft. Es ist hier jedem selber überlassen, an welchem Ort er seine Einkäufe tätigt, was wieder die Freiheit der Entscheidung ins Spiel bringt, die auf Ibiza allgegenwärtig vertreten ist.
„Ibiza ist ein kleiner, wunderschöner, kosmopolitischer und internationaler Fleck auf unserer Erde.“ – Mucki Braun
Als ich neun Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir nach Ibiza. Ich freute mich damals riesig, da ich die Sonne und das Meer liebte.
Welche Boote würde ich wohl ab sofort täglich zu Gesicht bekommen? Dies war die Frage die ich mir vor dem Umzug unentwegt stellte. Zum Glück prägte die Nähe zum Meer vom ersten Tag auf der Insel an meine Tage, die ich fortan auf dem und um das Wasser herum gestaltete.
Die Pension Casa Munich wurde zudem nicht nur zu meinem neuen Zuhause, sondern ebenfalls zu meinem persönlichen Spielplatz, auf dem ich mich austoben konnte, wie es mein Herz begehrte. Um meine Polobegeisterung ausleben zu können, bastelte mir mein Vater zum Beispiel einen kurzen Polostick, den ich auf dem Fahrrad verwenden konnte. Fortan peste ich wie ein Pfeil mit meinem Fahrrad und dem Polostick auf dem Gelände der Casa Munich herum. Die Umgebung der Salinas, in der sich die Casa Munich noch heute befindet, ist ein großes Areal von Salzfeldern, direkt am Meer, im Süden der Insel gelegen. Was war das für eine Freude mit immer neue Spielkumpanen in Form der Kinder unserer Gäste, in den Salzlandschaften zu spielen und Abenteuer zu entdecken.
Gästegeschichten
Mir gefiel die Tatsache, dass wir immer neue und unterschiedliche Gäste bewirteten, außerordentlich gut, denn ich liebte es, älteren Leuten zuzuhören. Am liebsten bei Geschichten aus gelebten Leben, mit faszinierenden Abenteuern und Ratschlägen für das eigene Leben.
In der Casa Munich bot sich mir die Möglichkeit, Kapitäne oder Personen, die auf privaten Yachten der Reichen und Schönen arbeiteten, kennenzulernen. Es geschah nicht selten, dass diese ihre Geschichten auspackten und ich an ihnen förmlich an den Lippen hing, um jedes Detail der spannenden Meeresabenteuer aufzusaugen.
Eine der Geschichten ist mir bis zum heutigen Tag genauestens in Erinnerung geblieben. Im Mittelpunkt der Erzählung stand ein reicher Scheich, der eine Yacht gechartert hatte, um an der Côte d’Azur entlangzuschippern. Sein Chauffeur fuhr einen klassischen Rolls-Royce parallel die Küste entlang und kam alle paar Tage an Bord, um kofferweise Geld für die nächtlichen Eskapaden des Scheichs bereitzustellen. Die oberste Regel für den Kapitän und die Besatzung: niemals zum Scheich „nein“ sagen.
Eines Tages passierte die Yacht Monaco und der Scheich äußerte den Wunsch, an Land zu gehen. Die Crew informierte ihn darüber, dass dies schwer möglich wäre, denn es bestand ein Problem: Es war das Wochenende der Formel 1 und Liegeplätze sind bei diesem Event auf Jahre im Voraus ausgebucht. Doch damit nicht genug: dem Scheich war der Begriff der Formel 1 nicht geläufig, von diesem Event hatte er sogar noch nie zuvor etwas gehört. Ein Scheich lässt sich jedoch nicht einfach bremsen, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. So kam es, dass die Yacht um einen Geldkoffer erleichtert tatsächlich eine Stunde später im Hafen anlegen durfte. Leider schlief der Scheich für gewöhnlich tagsüber, was dazu führte, dass die Crew das Rennen vorzüglich genoss, er jedoch in seiner Koje lag.
Am Abend kam der Scheich aus seiner Luxuskabine und fragte, was nun mit dem angekündigten Rennen wäre. Der Kapitän erklärte ihm, dass das Rennen bereits vorbei sei, woraufhin der Scheich forderte:,,Die sollen noch mal starten, der Kapitän soll fragen, was das kostet. “
Eine weitere Geschichte stammte von einem anderer Seemann der mir von einem Chartergast berichtete, der täglich Mengen an Hummer auf dem Tisch des Schiffes wünschte. Der Hauptgrund des Wunsches bestand allerdings lediglich im luxuriösen Aussehen des Krustentieres, nicht im Verzehr, wie man vielleicht vermocht hatte zu denken. Da diese Menge an Hummer kaum einer der Gäste bewältigen konnte, freute sich die Crew im Anschluss über das besondere Mahl. Nach einer Woche konnte jedoch nicht nur die Crew keinen Hummer mehr sehen. Allen Nachbarschiffen hing das Krustentier ebenfalls aus den Ohren heraus.
Casa Munich
Dass die Casa Munich heute noch existiert, war zu vielen Zeiten alles andere als selbstverständlich. Drei Mal wurde unsere Pension zur Versteigerung ausgeschrieben, und jedes Mal schaffte es Mucki, mit neuen Ideen einen Weg nach vorne zu finden.
Wie dankbar ich ihr war!
Schließlich nahmen wir einen Kredit mit einer stolzen 16 %-Rate auf, um dem Eigentümer das Grundstück abzukaufen, auf dem die Pension stand. Trotz aller Herausforderungen sahen wir in der Casa Munich eine große Chance – und hatten große Pläne: Wir wollten das Gelände erweitern und weitere Gästeapartments bauen.
Die Pläne für die Anbauten wurden von einem deutschen Architekten entworfen und fielen während der Planung zufällig einem unserer guten Freunde in die Hände. Dieser war zu der Zeit bereits öfter als Gast in der Casa Munich gewesen und war von der Idee der Expansion begeistert. Er sagte uns, dass er die geplanten Apartments in Frankfurt ganz sicher an Freunde und Bekannte verkaufen könne, da viele schon länger ihr Interesse an einem solchen Objekt geäußert hatten.
Das kam unserer Idee zugute, eine Art Aktiengesellschaft mit den Apartments zu eröffnen. Der Plan sah vor, die Apartments zu verkaufen, woraufhin die Eigner Anteile der Mieteinnahmen durch die Feriengäste bekommen würden.
Mucki flog also mit dem Architekten zu unserem Freund nach Frankfurt, wo das Unmögliche geschah. Innerhalb einer einzigen Nacht waren 10 Apartments verkauft. Das Besondere: Der Architekt zeichnete an Ort und Stelle alle Wünsche der Käufer in die Pläne ein. Dies war natürlich nur möglich, da zu diesem Zeitpunkt der Bau noch nicht begonnen hatte.
Die Käufer tätigten noch am selben Abend eine Anzahlung, woraufhin wir loslegten, zwei neue Häuser zu bauen. Ursprünglich war nur eines angedacht gewesen, aufgrund der großen Anfrage benötigten wir jedoch ein weiteres. So entstanden zehn individuell gestaltete Apartments auf dem Grundstück der Casa Munich.
Zurück auf Ibiza machten wir das Unmögliche möglich und bauten zwei Häuser in drei Monaten. Dem fantastischen Bauträger und Mucki sei Dank. Wie keine andere delegierte sie die Bauarbeiter und sorgte für Ordnung auf der Baustelle.
Ich liebte die Arbeit in unserer Pension. Meist stand ich jede Nacht bis um 3 Uhr an der Bar, um Umsatz zu erwirtschaften. Das Frühstück wurde bei uns immer direkt am Tisch serviert, da ich persönlich das wuselige Gelaufe an einem Buffet noch nie ausstehen konnte.
Heutzutage bin ich besonders stolz, dass der Frühstücksservice noch immer auf diese Weise angeboten wird. Die ruhige Atmosphäre am Frühstückstisch lädt dazu ein, sich vollkommen zu entspannen und den Moment zu genießen.
Kindheits-Schabernack
Christian und ich verbrachten unsere Kindheit gemeinsam auf Ibiza und stellten dabei so einiges an Schabernack an.
Als wir 1985 nach Ibiza zogen, schickten mich meine Eltern auf die Deutsche Schule, wo ich Christian wenig später kennenlernte. Er war mit seiner Familie ebenfalls auf die Insel gezogen, und schon nach kurzer Zeit waren wir unzertrennlich. Ich war überglücklich, einen Spielkameraden gefunden zu haben, mit dem ich meine Tage verbringen konnte. Gemeinsam stellten wir eine Dummheit nach der anderen an – so, wie es Jungs in unserem Alter eben taten. Die Schule war in einer alten spanischen Finca untergebracht, die den Gründern ebenfalls als Wohnhaus diente. Der Unterricht für die Klassen 2, 3 und 4 fand in einem ehemaligen, ausgebauten Schweinestall statt – die Jahrgänge wurden damals aufgrund der geringen Schülerzahl zusammengelegt. Christian und ich verstanden uns auf Anhieb und teilten zudem das gleiche Schicksal: Nach der Deutschen Schule wurden wir beide auf die Spanische Schule geschickt.
Mädchenalarm
Ich war der Erste von uns, der auf die spanische Schule wechselte und ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem ich meinem Vater von dem Wunsch zu wechseln berichtete. Unsere Klasse in der deutschen Schule bestand damals aus vier Jungen und zwölf Mädchen, was mit steigendem Alter etwas anstrengend wurde. Ich bekam am laufenden Band Liebesbriefe zugesteckt und merkte selbst, dass ich mich durch die Ablenkung nicht mehr richtig auf den Unterricht konzentrieren konnte.
Das Ziel, Kapitän zu werden, lag klar vor mir, und dass ich dafür einen vernünftigen Schulabschluss bräuchte, war selbst mir mit elf oder zwölf Jahren bewusst.
Meine Eltern machten es lieber weise möglich, und ich wechselte auf die spanische Schule.
Fahrende Untersätze
Die Freiheit, die Ibiza in unserer Kindheit zu bieten hatte, war der Wahnsinn. Wir tobten mit allen Fortbewegungsmitteln, die uns zwischen die Finger gerieten, um die Insel, als würde es kein Morgen geben.
Mit unseren Skateboards fuhren wir zum Beispiel die steilen, kurvigen Straßen nahe Es Cubells hinunter. Jochen, Christians Vater, fuhr mit dem Auto hinter uns her, um zu gewährleisten, dass wir nicht von hinten überfahren wurden.
Woran keiner dachte: Die Autos kamen in den engen Kurven natürlich auch aus dem Gegenverkehr auf uns zu. Ich kriege heute noch Gänsehaut bei dem Gedanken, dass ich bei dieser Aktion mit ca. 50 km/h knapp 20 cm neben dem Reifen eines entgegenkommenden Autos vorbeischoss, da es mir unmöglich war, mit der gegebenen Bergab-Geschwindigkeit zu bremsen.
Das war vielleicht ein Schreck. Sofort lud Jochen uns ins Auto und wir fuhren schnurstracks nach Hause.
Mit zwölf Jahren fuhren wir auf dem 80-Kubikzentimeter-Motorroller von Christian durch die Salinen zum damals existierenden Club Med. Natürlich war der Eintritt für uns minderjährige Buben untersagt, genauso wie das Fahren des Motorrollers, aber genau das machte es schließlich so spannend. Als die Security uns Jünglinge entdeckte und die Polizei informierte, flohen wir auf dem Roller über die Salzfelder der Salinen. Die Polizei verfolgte uns im Geländewagen, kam jedoch nicht um die engen, schmalen Kurven der sandigen Wege. Zum Glück waren die Salzfelder zu diesem Zeitpunkt trockengelegt, sodass wir springend über den unebenen Untergrund fahren konnten. Christian und ich versteckten uns sicherheitshalber lachend noch einige Minuten in den Büschen, um sicherzugehen, dass wir die Beamten abgehängt hatten, bevor wir nach Hause fuhren.
Mit unserem steigenden Alter wuchsen auch die fahrbaren Untersätze, welche Tatbestand unserer Späße waren. Die Familie Braun besaß einen alten Toyota FJ Jeep aus den Achtzigern, den Christian und ich eines Tages ohne Führerschein stibitzten und eine Spritztour über die Salzfelder unternahmen.
Es dauerte nicht lange, da schlug das Karma zu. Nach nicht einmal fünf Minuten steckte der Jeep im Schlamm fest. Wir riefen Christians Vater an, welcher zur Hilfe kam, es jedoch auch nicht schaffte, den Wagen frei zu fahren. Der Abschleppdienst musste peinlicherweise gerufen werden, gefolgt von einem ordentlichen Donnerwetter unserer Eltern.
Wir zwei kleine Motorenfans waren damals einfach nicht zu stoppen und schnappten uns den Jeep ein weiteres Mal. Während Christians Eltern nicht zu Hause waren, fuhren wir mit dem Jeep die Treppen in der Casa Munich hinab, umrundeten den Pool und fuhren die Treppen wieder hinauf.
Wir nannten unser neues Spiel „Parcours“.
Es war Winter und somit keine Gäste in der Pension, denn dem Ruf der Familie wollten wir natürlich keineswegs schaden. Diesmal kamen wir unentdeckt davon.
Lausbuben auf Klassenreise
Mit elf Jahren fuhren wir auf Klassenreise nach London, um mit der Schulklasse das Musical Starlight Express zu besuchen.
Unsere Unterkunft hatte klare Regeln: Jungs und Mädchen schliefen getrennt, die Mädchen in der ersten Etage, die Jungs darüber. Doch am ersten Abend konnten Christian und ich der Versuchung nicht widerstehen. Über die Feuerleiter, die wir bequem vom Fenster aus erreichen konnten, schlichen wir uns nach unten ins Zimmer der Mädchen.
Als die Lehrerin an der Zimmertür klopfte, versuchten wir uns in Windeseile unter einem der Betten zu verstecken. Leider passten wir nicht beide darunter, weshalb eines der Mädchen schnell eine Decke über unsere Beine warf, bevor die Lehrerin die Tür öffnete.
Leider lag die Heizung ebenfalls unter dem Bett, welche Christian und mir zusätzlich zu der Decke über unseren Beinen den Schweiß den Rücken hinunterlaufen ließ. Die Lehrerin fragte, ob die Mädchen allein seien, da sie Stimmen gehört hätte. Die Mädchen versicherten, dass sie bloß etwas zu laut gequatscht hätten und niemand außer ihnen im Raum wäre. Die Tür wurde geschlossen und wir tauchten schweißgebadet aus unserem Versteck hervor.
Keine zwei Minuten später wurde die Türklinke erneut von außen heruntergedrückt. Es war wohl ein Wunder, dass wir Schlingel erneut nicht erwischt wurden. Die Zeit reichte diesmal lediglich aus, um uns mit einer Decke auf dem Bett der Mädchen zuzudecken.
Ich flüsterte Christian zu: „Wir müssen nach oben, die kommt jetzt zu uns.“ Warum wir nicht einfach über die Feuerleiter zurückgeklettert waren, weiß ich heute nicht mehr, aber wir entwickelten den Plan, durch das Hauptgebäude auf das Zimmer zu gehen. An der Rezeption wollten wir Bescheid geben, dass einer von uns seine Swatch Uhr verloren hatte und wir deswegen auf den Fluren unterwegs waren. Gott sei Dank hatten wir uns eine Geschichte ausgedacht, denn auf dem Weg zur Rezeption liefen wir direkt in die Arme der Lehrerin.
Erstaunlicherweise glaubte uns die Lehrerin und geleitete uns zurück auf unser Zimmer.
Internat
Die Zeit auf der spanischen Schule war für mich alles andere als leicht. Ich war zu der damaligen Zeit der einzige Nichtspanier auf der Schule, was ich besonders auf dem Schulhof deutlich zu spüren bekam. Keines der anderen Kinder wollte mit mir spielen, und ich wurde auch im Unterricht oft wegen meiner nicht perfekten Aussprache gehänselt.
Mir war schnell klar: Hier würde ich es nicht lange aushalten. Nach zweieinhalb Jahren sprach ich schließlich mit meinen Eltern über meine Sorgen, und gemeinsam entschieden wir, mich auf ein Internat in Deutschland zu schicken. Auf Ibiza gab es zu dieser Zeit leider keine Alternative. So war das Leben auf einer kleinen Insel – man musste nehmen, was verfügbar war. Für meine Eltern war es logisch, mich in der Nähe Münchens unterzubringen, da wir dort die meisten Familienmitglieder und Bekannten hatten.
Ich flehte meine Eltern an, mich an eine Schule am Meer zu schicken – der Gedanke, plötzlich nicht mehr vom Wasser umgeben zu sein, war für mich unvorstellbar Eit Tag, ohne den Anblick von Schiffen auf den Wellen? Das konnte und wollte ich mir nicht vorstellen!
Gott sei Dank erfüllten mir meine Eltern den Wunsch, und so durfte ich auf eines der Internate in St. Peter-Ording gehen. Ich war zwar heilfroh, jeden Tag am Strand entlanglaufen zu können, doch mit dem riesigen Wattenmeer hatte ich nicht gerechnet. Da hätte ich mir wohl vorher Gedanken machen sollen. Boote sah man von hier aus leider nicht.
Da für mich kein Weg zu weit war, um Boote zu bewundern, radelte ich des Öfteren in den nächsten kleinen Hafen. Hier gab es zwar lediglich Fischerboote zu sehen, aber ich fand immer etwas Interessantes an ihnen.
Die Freude über die Nähe des Internats zum Meer hielt jedoch nicht lange an.
Es stellte sich heraus, dass das Internat mit sehr viel Schülerkriminalität zu kämpfen hatte. Meinen Eltern war bei der Vorstellung, mich in diesem Umfeld alleinzulassen, nicht wohl, weshalb ich nun ein Internat in der Nähe Münchens besuchen sollte. Unter Protesten meinerseits einigten wir uns auf ein Internat am Starnberger See. Ich ohne das Wasser in der Nähe? Nein, danke!
In Starnberg hatte ich wenigstens den See vor der Nase, auf dem es, wenn auch klein, Schiffe gab. Hier blieb ich bis zum Ende meiner Schulzeit und auf dem Starnberger See machte ich meine ersten Erfahrungen mit kleinen Segelbooten.
Mein erster Job
Sobald die Ferien begannen, nahm ich den erstmöglichen Flieger nach Ibiza und genoss jede Sekunde – die warme Sonne auf der Haut, die salzige Meeresluft, die vertraute Umgebung. Jedes Mal war ich heilfroh, wieder in der Casa Munich zu sein. In dieser Zeit half ich meinen Eltern gern mit den Gästen und packte überall mit an, wo sie meine Unterstützung brauchten.
So gelangte ich auch in den Ferien zu meinem ersten Job außerhalb unserer Pension. Es sollte keine Überraschung sein, dass dieser mit Booten zu tun hatte.
Rückblickend war ich immer praktisch veranlagt gewesen und wollte raus. Die Dinge mit meinen eigenen Händen zu erfahren und zu erleben, war die Kraft, die mich antrieb.
So auch im Alter von 14 Jahren, als ich einige Charterfahrten mit den Booten meiner Eltern nach Formentera als Kapitän übernahm (ohne offiziellen Führerschein). Alles begann an dem Tag, als mein Vater krank war und ich spontan einsprang. Die Gäste waren so begeistert von meinem Einsatz, dass meine Eltern beschlossen, mich fortan häufiger mit einzubeziehen.
Ferienjob Nr. zwei
In einem der Sommer meiner Jugend eröffnete in der Cala Jondal ein neues Restaurant direkt am Strand. Die Eigentümer waren Freunde meiner Eltern und so begann ich auch dort auszuhelfen. (Heute ist es alsBlue Marlin bekannt.) Zum Zeitpunkt der Eröffnung war das Restaurant noch recht unbekannt, doch mein Vater half tatkräftig dabei, die Neueröffnung bekannt zu machen. Schon bald sprach es sich herum, und immer mehr Gäste strömten herbei.
Das Besondere an dem Restaurant: Die Liegen und Stühle standen direkt im Sand, und es bot einen exklusiven Service an, bei dem Gäste mit dem Tender direkt von ihren Yachten an den Strand gebracht wurden.
Hier war ich zuständig. Ich holte die Gäste mit dem 8 PS Schlauchboot von ihrem Schiff ab und half ihnen beim Ein- und Aussteigen. Ich machte mir zudem einen Spaß daraus, so zu tun, als ob ich nur Spanisch sprechen könnte. Die Anmerkungen der Gäste, welche meist Deutsch oder Englisch sprachen, waren zum Totlachen. Diese sprachen oft darüber, wie süß ich doch sei oder dass sie sich schon immer so einen heißen Skipper gewünscht hatten. Als 14-Jähriger war dies natürlich ein extremer Ego-Push.
Morgens in der Früh war ich zuständig, den Sand zu begradigen und die Liegen zu verteilen. An Tagen, an denen zu wenig Kellner anwesend waren, servierte ich sogar noch das Essen und Trinken am Strand.
Obwohl die Arbeit äußerst anstrengend war, lernte ich eine Menge – besonders auf den Fahrten mit dem Tender. Zudem wurde ich dafür außergewöhnlich gut bezahlt.
Dies wurde letzten Endes zu meinem Verhängnis. Ich war schließlich erst 14 Jahre alt und konnte noch nicht rational mit so einer großen Menge an Geld umgehen. Meine Eltern erzählen mir noch heute, dass sie an jenem Abend, an dem ich auf meinem Bett saß und mir das Geld über den Kopf warf, die Entscheidung trafen, mich aus dem Geschäft zu nehmen. In dem Alter war ich es nicht gewohnt, eine solche Summe an Geld zur Verfügung zu haben und kaufte mir unter anderem eine teure Uhr. Meine Eltern beschützten mich zum Glück und ließen mich nicht wahnsinnig werden.
Die Anfänge der Feierei
Zum Aufwachsen auf der „Wilden Insel“ gehört das Partyleben dazu wie der Deckel zum Topf. Die erste Erfahrung, die Christian und ich in der Partyszene machten, war wohl im Alter von 14 Jahren, als wir gemeinsam mit seinem Vater zu einer Faschingsveranstaltung ins berühmte Pacha gingen. Es war die Teenie-Edition, die immer sonntags von 19 bis 23 Uhr stattfand.
Da der Eintritt offiziell erst ab 16 Jahren war, trugen wir Faschings-Kostümmasken, um unsere jungenhaften Gesichter zu verstecken. Durch die enorme Wärme im Club schwitzten wir allerdings dermaßen unter den Masken, dass wir es nicht lange aushielten. Nach etwa einer halben Stunde wollte Christian schon wieder gehen – die Party war wohl einfach noch nicht unser Ding. Dazu kam, dass die Realität nicht annähernd unseren hohen Erwartungen entsprach. Wir hatten so oft vomPachagehört, uns das Ganze glamouröser, aufregender vorgestellt – und nun standen wir hier, eher ernüchtert als begeistert.
Im selben Jahr wurde ich nach Madrid aufs Internat geschickt und Christian, ein Jahr später, aufs Internat nach Deutschland, da er in der spanischen Schule sehr unglücklich war. Jeden Sommer kehrten wir beide zu unseren Eltern nach Ibiza zurück und verbrachten dort unvergessliche Monate. Mit 17 erlebten wir schließlich den Sommer unseres Lebens.
Endlich bereit fürs Nachtleben, nutzten wir die Verbindungen unserer Eltern zu den Clubbesitzern ausgiebig und kamen so in den Genuss unvergesslicher Partynächte. Oft feierten und tanzten wir die Nächte im Pacha durch und frühstückten anschließend in der Croissant Show in der Altstadt Ibizas.
Mit der Zeit wurden wir zu bekannten Gesichtern an den Clubeingängen, und der Türsteher Michael begrüßte uns jedes Mal
