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Vom Zauber des Verschwindens: Der bewegende Schicksalsroman »Der Traum von Freiheit« von Judith Katz jetzt eBook bei dotbooks. Wenn du alles verloren zu haben glaubst, geschieht manchmal ein Wunder … Warschau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das jüdische Mädchen Sofia träumt davon, frei zu leben und zu lieben – und erwacht unsanft, als ihre Eltern sie gegen ihren Willen an einen vermögenden Fremden aus Buenos Aires verheiraten. Schon auf der Überfahrt wird klar, dass Sofia in eine Falle eines Betrügers geraten ist: Kaum in Argentinien angekommen, wird sie an das Freudenhaus der ebenso glamourösen wie strengen Perle Goldenberg verkauft. Sofia verliert jede Hoffnung auf eine glückliche Zukunft. Doch dann tritt der Varieté-Künstler und Magier Hankus in ihr Leben, der eine bewegte Vergangenheit hat – und ein Geheimnis hütet … Die brodelnde Unterwelt von Buenos Aires und eine fesselnde Geschichte, opulent und schwebend leicht zugleich erzählt: »Der Traum von Freiheit« ist ein Roman, der auf vielen Ebenen begeistert! Jetzt als eBook kaufen und genießen: So mitreißend wie ein Klezmer-Lied! »Der Traum von Freiheit« von Judith Katz verbindet jüdische Kultur und ein zu Herzen gehendes LGBT-Schicksal zu einem eindringlichen Lesevergnügen. Wer liest, hat mehr vom Leben! dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 623
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Über dieses Buch:
Wenn du alles verloren zu haben glaubst, geschieht manchmal ein Wunder … Warschau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das jüdische Mädchen Sofia träumt davon, frei zu leben und zu lieben – und erwacht unsanft, als ihre Eltern sie gegen ihren Willen an einen vermögenden Fremden aus Buenos Aires verheiraten. Schon auf der Überfahrt wird klar, dass Sofia in eine Falle eines Betrügers geraten ist: Kaum in Argentinien angekommen, wird sie an das Freudenhaus der ebenso glamourösen wie strengen Perle Goldenberg verkauft. Sofia verliert jede Hoffnung auf eine glückliche Zukunft. Doch dann tritt der Varieté-Künstler und Magier Hankus in ihr Leben, der eine bewegte Vergangenheit hat – und ein Geheimnis hütet …
Über die Autorin:
Judith Katz lebt in Minnesota und unterrichtet an der Hamline University und am Minneapolis College of Art and Design. Für ihre Romane wurde sie unter anderem mit dem renommierten Lambda Literary Award ausgezeichnet.
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Deutsche eBook-Erstausgabe September 2019
Die amerikanische Originalausgabe dieses Romans erschien 1997 unter dem Titel »The Escape Artist« bei Firebrand Books. Die amerikanische Neuausgabe erschien 2013 bei Bywater Books.
Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1997, 2013 by Judith Katz
Copyright © der deutschen Ausgabe 2019 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von shutterstock/Irina Alexandrovna, Elijah Lovkott, toniflap, Lev Krepotov, Eleneamiv, Thianchai Thongsuk
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)
ISBN 978-3-96148-832-2
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Judith Katz
Der Traum von Freiheit
Roman
Aus dem Englischen von Rebecca Lindholm
dotbooks.
Zur Erinnerung
an meine GroßmütterSarah Lizabitzky und Anna M. KatzOlehen hascholem
und an meine liebe Freundin, Esther Izbitzky –möge sie in Frieden ruhen
Zeig mir, was unter dem Ladentisch ist,Zeig mir, was unter deiner Haut ist.Zeig mir den Weg hinausUnd ich zeige dir den Weg hinein.
Muriel Rukeyser, Houdini
In Warschau habe ich einmal ein Zauberkunststück gesehen. Ich war 16 Jahre alt – es ist also fast schon eine Ewigkeit her, oder zumindest will es mir so scheinen. Meine beste Freundin Tamar und ich suchten auf dem Marktplatz nach meinem Vater. Es war schon spät, und ich sollte ihm eine Nachricht meiner Mutter überbringen. Nun, als wir endlich seinen Bücherstand erreicht hatten, da war bereits alles schön ordentlich weggeschlossen, und wir konnten Vater nirgendwo mehr entdecken. Der Marktplatz lag allerdings nicht gerade wie ausgestorben da. Andere Stände hatten noch geöffnet, und es liefen jede Menge Leute herum. Ganz in der Nähe feilschte eine Gruppe von Frauen mit den Händlern um den letzten erbärmlichen Fisch des Tages, während ein halbes Dutzend russischer Soldaten in Uniformen mit überaus exakten Bügelfalten herumstanden, Zigaretten rauchten und ohne ersichtlichen Grund lachten. Die Händler feilschten weiter, als wir vorbeigingen, aber die Soldaten pfiffen. Wir kicherten, denn sie machten uns verlegen. Da wir jedoch nicht stehen blieben, um ihre großen Gewehre zu bewundern, fauchten sie hinter uns her: »Juden!«
Tamars dünne Schultern wanderten bis zu ihren Ohren hinauf. Ich hatte auch Angst, doch ich konnte dem Drang nicht widerstehen, mich zu diesen Soldaten umzudrehen und ihnen die Zunge herauszustrecken. Einer von ihnen hob seine fleischige Faust und machte eine drohende Geste in unsere Richtung, doch die anderen hielten ihn zurück. Von ganzem Herzen betete ich darum, dass seine Kameraden es nicht zulassen würden, dass er ein junges Mädchen bei hellem Tageslicht erwürgte. Aber man konnte sich da nie so sicher sein: Er war schließlich Soldat, und wir befanden uns in Warschau. Mit einem Mal bekam ich es noch mehr mit der Angst zu tun. Ich packte Tamars Hand, und wir rannten los, zu der kleinen Menge hinüber, die sich in der Mitte des Marktplatzes versammelt hatte.
Was sie dort sahen, was auch Tamar und ich dort sahen, war ein Mann, der Feuer schluckte. Er war bemerkenswert, Hankus! Er trug eine Satinweste und Pantalons und schluckte mächtige Flammenbündel. Dann atmete er sie in einem stetigen Strom wieder aus. Aber so bemerkenswert dieser Feuerschlucker auch war, er war nichts im Vergleich zu dem Zauberer, der seinem Auftritt folgte.
Als er vortrat und in seinem Hexerumhang herumwirbelte, als er sich mit seinem hohen Seidenhut im Kreis drehte, da verschwanden diese dummen Soldaten mit ihren schnellen Fäusten und ihrer schlechten Laune so plötzlich aus meinen Gedanken, wie sie zuvor mein Herz hatten erstarren lassen. Denn das war ein Zauberer!
Er schnippte mit seinen langen Fingern – und aus den Spitzen fielen Goldstücke; er schüttelte ein scharlachrotes Tuch – und es verwandelte sich in Rosen. Er zog ein Kaninchen aus seinem Zylinder und eine Taube aus seinem eigenen Mund. Dann klatschte er in die Hände, und eine hochgewachsene Frau mit messingfarbenem Haar und in einem hautengen, blauen Kleid erschien. Er verbeugte sich vor ihr wie ein Ehrenmann, hob sie mit einer Hand in die Höhe und legte sie in eine prächtig bemalte Holzkiste.
Tamar und ich standen mit weit geöffneten Mündern da, während der Zauberer eine scharfe Säge zückte und damit in der Luft herumwedelte. Wir hielten den Atem an, denn er machte sich daran, die wunderschöne Kiste und die Frau darin in zwei Hälften zu zersägen. Die Frau schrie, weil die hin und her wandernde Säge wohl an ihrem Bauch angelangt war, aber es klang in meinen Ohren ziemlich falsch. Als der Zauberer dann die beiden bunt bemalten Kistenhälften auseinanderzog, schrie sie wieder. Dieses Mal klang es ein wenig echter. Er kitzelte die Füße ihres in zwei Hälften geteilten Körpers, und das Oberteil lachte. Er küsste ihren lachenden Mund, und ihre abgetrennten Zehen krümmten sich. Dann schob er die beiden Hälften der Kistenfrau wieder zusammen und drehte sie kräftig im Kreis. Eine Minute später öffnete er die Kiste mit einer schwungvollen, eleganten Bewegung – und die Frau erhob sich vollkommen richtig zusammengesetzt und in einem Stück. Das habe ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen. Und das ist auch gut so.
Tamar und ich konnten auf dem Nachhauseweg gar nicht aufhören zu reden. »Wie hat er sie wohl wieder zu einem Stück zusammengesetzt?«, platzte ich heraus.
»Das ist ein Trick«, erwiderte Tamar altklug. Sie schnippte mit ihren Fingern über einen groszy und versuchte, ihn zum Verschwinden zu bringen.
»Ich weiß, dass es ein Trick ist, aber wie stellt man das an?«
»Das, was die Frau macht, oder das, was der Mann macht?«, fragte sie mit einem frechen Glitzern in den Augen.
»Der Teil der Frau ist schwieriger«, sagte ich. »Denk doch nur mal! Du musst so tun, als ob es dir Spaß macht, dass du von deinem eigenen Kopf abgeschnitten wirst. Der Mann muss doch bloß mit seinem Zauberstab herumwedeln und ein paar alberne Worte sprechen.«
Man konnte schon den Frühling in der Luft riechen, die von der Weichsel heraufwehte. Es war immer noch ein wenig kühl, doch die Bäume schlugen aus. Ich betrachtete Tamars rotes Haar, das sich in dieser Brise bewegte. Ich betrachtete auch ihren hübschen Mund. Ich fragte mich, ob dieser Mund, wenn ich sie in zwei Hälften schnitt, weiter so spitzbübisch lächeln und ob ihr Schrei wohl qualvoll oder falsch sein würde, wenn sie schrie. Und dann überlegte ich mir, was geschehen würde, wenn sie der Zauberer wäre und ich diejenige, die von ihr in zwei Hälften geschnitten würde, und ein kleiner Schauer durchlief mich.
»So schwer kann es nun auch wieder nicht sein«, sagte Tamar. Sie schnippte ein letztes Mal mit den Fingern. Zu unserer großen Zufriedenheit war der groszy verschwunden.
»Lass es uns versuchen.« Meine Augen blitzten. »Du bist die Frau.«
»Nein, du«, flüsterte Tamar, und dann beugte sie sich vor und küsste mich vor aller Augen dort auf der Grzybowskistraße mitten auf den Mund! »Fang mich!«, rief sie und rannte los, heimwärts.
So hinter ihr herzujagen, brachte mein Herz unglaublich zum Pochen, und dennoch rannte ich, so schnell ich nur konnte. Ihr wunderbares rotes Haar, das hinter ihr herflatterte, zog mich ebenso magisch an wie der Geschmack ihrer prachtvollen Lippen auf den meinen. Du hast die gleichen Lippen, Hankus. Schon damals, als ich dich zum ersten Mal sah, musste ich an Tamar denken. Ja, sagte ich mir, Hankus Lubarsky hat den gleichen gefährlichen Mund wie Tamar. Vielleicht lebt sie noch, vielleicht auch nicht. Vielleicht war dieser flüchtige Kuss, den sie mir auf der Grzybowskistraße gab, der letzte, den Tamar jemals einer Frau geschenkt hat, vielleicht war es einer von vielen. Nachdem ich Warschau verlassen hatte, verlor ich sie aus den Augen. Von dem Augenblick an, als man mich verschleppte, bis zu dem Augenblick, als ich dich kennenlernte, dachte ich nur an mich. Nachdem man mich der Stadt entrissen hatte, wollte ich mir das Leben in Warschau einfach nicht mehr vorstellen. Hätte ich es versucht, wäre ich bestimmt an gebrochenem Herzen gestorben.
Doch damals dachte ich nicht ans Exil, obwohl mein Schicksal an jenem Nachmittag besiegelt worden war. Ich dachte an Soldaten und Zauberer und an Tamars dichtes, rotes Haar und an ihre Lippen auf den meinen. Ich wünschte mir sehnlich, dass sie mich noch einmal auf den Mund küssen würde, wie es dieser Zauberer bei seiner durchgesägten Assistentin getan hatte. Ich wünschte mir allerdings, dass sie dort verweilen und mich langsam küssen würde, sich alle Zeit der Welt nahm. Ich wollte sie fangen, sie in meine Arme schließen und hören, wie sie Liebesworte in meine begierigen Ohren flüsterte.
Als wir an unserem Haus ankamen, holte ich Tamar endlich ein. »Abrakadabra!«, rief sie und verschwand durch die Tür, die zur Wohnung ihrer Familie führte. Ich schleppte mich noch eine Treppe höher, ins oberste Stockwerk, wo ich mit meinen Eltern wohnte.
Ich vernahm Vaters Stimme und die eines anderen Mannes. Sie lachten und plauderten am Esszimmertisch. Ich hörte sie, als ich – die Wangen immer noch gerötet von meinen Abenteuern – durch die Hintertür eintrat. »Wissen Sie«, sagte der Fremde mit honigsüßer Stimme, »meine Schwester ist eine große Liebhaberin von Büchern.«
»Ich hatte vom ersten Moment an, als ich Ihnen begegnet bin, das Gefühl, dass Sie aus einer erstklassigen Familie stammen«, erwiderte mein Vater. »Kommen Sie doch am Morgen, nach der schul, mit zu meinem Stand, dann werde ich Ihnen all die seltenen Bücher zeigen, die ich zum Verkauf anbiete. Vielleicht finden Sie darunter etwas für Ihre Schwester – etwas auf Polnisch, das sie an die Heimat erinnert!« Mein Vater, den man bestenfalls als zurückhaltenden Verkäufer beschreiben konnte, klang derart begeistert, diesem Mann seine Waren zeigen zu können, dass ich mich fragte, ob er getrunken hatte.
Der Mann lachte, aber es war kein warmes Lachen. »Oh, ich werde schon etwas für sie finden.« Er sprach Jiddisch mit Warschauer Tonfall, doch da war noch etwas, das ich nicht einzuordnen vermochte – eine gewisse Schlüpfrigkeit. Einen solchen Akzent hatte ich noch nie zuvor vernommen.
»Mit wem spricht Papa da?«
Mutter blickte von der Suppe auf, die sie gerade rührte. »Ein Ausländer, den er heute Morgen in der schul kennengelernt hat. Sein Name ist Goldenberg. Ich habe dich schon vor einer Stunde losgeschickt, nach Papa zu suchen. Wo bist du gewesen?«
»Du hast ihn ja selbst gefunden, also was spielt das für eine Rolle?« Ich reckte meinen Kopf um die Ecke zum Esszimmer. Damals war Goldenberg noch ein gut aussehender Mann – sein erbärmliches Leben hatte ihn noch nicht gezeichnet. Das konnte sogar ich, die ich mein Herz an Tamar verschenkt hatte, erkennen. Doch von Anfang an hatte ich das Gefühl, dass etwas mit ihm nicht stimmte. »Was macht er hier?«
»Du bist ja ganz schön frech. Dein Vater hat ihn heute Morgen in der schul getroffen, und jetzt trinken sie eine Tasse Tee zusammen, und in ein paar Minuten werden sie zum Abendgebet gehen.«
Seit dem Tod meiner Großmutter war Vater zu der Sorte Mann geworden, der morgens und abends in die Synagoge ging. Am schabbes und zu den Feiertagen war er schon immer gegangen, aber nun, da seine teure Mutter plötzlich im Himmel weilte, wurde er sogar noch frommer. Er ging, wann immer er es ermöglichen konnte, um ein kaddisch zu sprechen. Ich hätte ihn gern begleitet, aber das war nicht erlaubt.
Ich verrenkte mir den Hals, um in das andere Zimmer zu spähen. Mutter stieß mich gegen die Schulter, reichte mir eine Zwiebel und ein Küchenmesser und sagte: »Du kannst morgen selbst mit ihm reden. Er kommt zum Abendessen.«
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
»Er kommt, um dich kennenzulernen«, fuhr Mutter fort.
»Aber warum denn?«
»Weil er reich ist und alleinstehend und einsam, Sofia. Jetzt reicht es aber, schneide die Zwiebel!«
In jener Nacht träumte ich, ich sei Teil einer Zirkusnummer. Ich stand mit dem Rücken vor einer wunderschönen, feuerroten Wand, an deren Rand gelbe Flammen aufgemalt waren; meine Hände waren an den Seiten festgebunden. Mutter erschien in ihrem guten schwarzen Kleid und einer strahlend weißen Schürze. Sie trug einen riesigen Satinturban auf dem Kopf, an dem vorn eine rosafarbene Straußenfeder befestigt war. Sie sah albern aus. Sie klatschte in die Hände, woraufhin mein Vater in einem Smoking und mit glänzenden, goldenen Manschettenknöpfen auftauchte. Seine Füße waren nackt. Er trug einen ganzen Arm voller Küchenmesser, die er mit den Griffen nach oben meiner Mutter reichte. Ich fragte mich, wie er dies wohl anstellte, ohne sich zu schneiden. Mit einem Mal ertönte ein Trommelwirbel, und ein Scheinwerfer wurde auf mich gerichtet. Mutter warf das erste Messer. Es wirbelte durch die Luft und landete mit einem tonk knapp über meiner rechten Schulter. Das zweite Messer landete knapp über der linken. Dann warf sie zwei auf einmal. Sie schienen in Zeitlupe auf mich zuzuschwirren und bohrten sich neben meinen Ohren fest. Vater verband Mutter die Augen, drehte sie drei Mal im Kreis herum und stellte sie mit dem Gesicht in meine Richtung auf. »Ha!«, schrie Mutter, während sie die übrigen Messer wie der Blitz nacheinander in meine Richtung schleuderte. Ich hielt den Atem an und spürte, wie mir das Herz bis zum Hals pochte, als die Messer tonk, tonk, tonk um mich herum landeten. Dann riss sich Mutter die Augenbinde ab, und beide Eltern verbeugten sich. Ich hing am Brett fest. Niemand half mir. Meine Eltern wurden von der Menge förmlich auf Händen getragen.
Ich wachte schweißgebadet auf, mein armes Herz hämmerte, meine Kehle war wie zugeschnürt und völlig trocken. Ich stellte mir vor, wie Tamar in meinem schmalen Bett neben mir lag, ihren Kopf an meinen Hals geschmiegt, und wie sie weinte.
Am nächsten Tag ging ich nach der Schule sofort nach Hause, wie es mir Mutter befohlen hatte, denn wir erwarteten unseren Gast zum Abendessen, und bis dahin gab es noch viel zu tun. Ich flocht den Teig, den Mutter für die challa zubereitet hatte. Den Honigkuchen backte ich ganz allein. Ich schnitt Mohrrüben und Zwiebeln für unsere dünne Hühnersuppe. Ich deckte den Tisch mit frisch poliertem Silber. Als ich in der Küche und im Esszimmer alles erledigt hatte, war es an der Zeit, mich fertig zu machen. Ich zog das gute marineblaue Kleid an, das Mutter für mich herausgelegt hatte. Es war so ein kratziges Ding mit engem Matrosenkragen, wie wir jungen Mädchen sie damals tragen mussten. Ich schlüpfte in mein einziges Paar schwarzer Strümpfe und zwängte meine Füße in die schwarzen Schuhe, die ich nur zu ganz besonderen Gelegenheiten trug. Sie drückten, und ich hasste sie, aber was blieb mir anderes übrig? Es waren die besten, die ich besaß.
Mutter presste mich auf einen harten Holzstuhl, bürstete mir das Haar mit hundert Strichen und band es mit einer blauen Schleife zusammen. Sie holte etwas Rouge aus ihrer Frisierkommode, rieb mit dem Daumen darüber hinweg und fuhr anschließend grob über meine Wangen und meine Lippen. Dann schüttelte sie den Kopf. »Egal, wie viel Mühe ich mir auch gebe, ich werde es nie hinkriegen, dass du wie eine Dame aussiehst. Geh runter und schau, ob Tamar helfen kann.«
Ich stapfte eine Stufe nach der anderen zu Tamars Wohnung hinunter. Ich schämte mich, mich mit Lippenstift vor ihr zu zeigen; ich fühlte mich wie ein Clown, und Tamar sah ganz einfach immer makellos aus. Ich traf sie am Küchentisch an, wo sie mit ihrer Schwester Rote Bete und Mohrrüben schnitt. Ihre Mutter war im anderen Zimmer und polierte die Kerzenhalter. »Du siehst hübsch aus«, sagte Tamar. Ich wusste nicht recht, ob das ihre ehrliche Meinung war. »Haben sie dich so fein gemacht, weil du den neuen Freund deines Vaters kennenlernen sollst?«
Ich nickte traurig mit dem Kopf.
»Da muss es ihnen ja ernst sein, wenn sie dir das ganze Zeug ins Gesicht schmieren.«
»Pass auf« – ihre Schwester hob ihre roten Finger und deutete auf Tamar –, »sonst stelle ich mit dir das Gleiche an.«
»Versuch’s doch.« Tamar hob die Knolle auf, die sie gerade bearbeitete, und zielte damit auf ihre Schwester.
Wie gern hätte ich eine der dicken Scheiben genommen und Tamars Lippen so rot wie die meinen angemalt! Stattdessen fragte ich: »Was meinst du mit ernst?«
»Vielleicht will er dich ja heiraten?« Sie nahm einen kräftigen Biss von ihrer Mohrrübe. »Das wollen die Männer manchmal, wenn sie mit den Vätern in die schul gehen.«
»Lieber sterbe ich.«
»Sag deinen Eltern, dass du nicht willst«, riet sie mir. Dann schluckte sie das Stück Mohrrübe hinunter und küsste mich zum Abschied.
Damals sah Tutsik Goldenberg nicht wie ein Wiesel aus; er sah aus wie ein Mann. Aber heimtückisch war er und aalglatt noch dazu. Ich habe ja bereits angemerkt, dass er recht gut aussehend war, aber das war nicht das Erste, was an ihm auffiel. Die Leute registrierten immer zuerst, wie sauber er war, wie er strahlte – vor Sauberkeit, wie sie dachten. Denn seine moderne, westliche Kleidung war picobello, seine weißen Zähne blitzten, und unter seinen Fingernägeln war niemals auch nur ein winziges Dreckkörnchen zu finden. Tutsik Goldenbergs Schuhe glänzten; es schien so, als hätten sie nichts von dem Staub an sich, mit dem sich andere Männer herumschlagen mussten. Und in jenen längst vergangenen Tagen blitzte auch ständig ein strahlend weißes Taschentuch aus Tutsik Goldenbergs Brusttasche hervor, zurechtgezupft und bereit, an einem tränenfeuchten Auge zu tupfen – sei es nun sein eigenes oder das eines Mitmenschen.
Ja, jeder glaubte, er funkele vor Sauberkeit, bis allen klar wurde, dass Tutsik Goldenberg auch vor Diamanten funkelte, die er trug: Auf der Krawattennadel, die seine Seidenkrawatte an Ort und Stelle hielt, waren sie zu finden, auf den blendenden Manschettenknöpfen, die unter seinem gebügelten Leinenjackett hervorschauten, auf den klobigen, goldenen Ringen, die einem von den kleinen Fingern jeder sorgfältig manikürten Hand entgegensprangen.
Wie konnte es nur sein, fragte sich so mancher, dass einem ein Mann, der so sauber und recht angenehm anzuschauen war, bei näherem Hinsehen so schmierig vorkam? Gewiss lag es nicht an der Pomade, die er nur sparsam benutzte, um den Wust lockiger Haare zu bändigen, oder an dem winzigen bisschen importiertem Rasierwasser, mit dem er sich einsprühte, wie reiche, nicht jüdische Männer dies manchmal taten. Und ganz gewiss lag es nicht an der wohlgeformten Melone, die er in einem etwas nach links geneigten Winkel trug, noch an den schlanken, kurzen Zigarren, die er reichte – allerdings, zumindest in Europa, selten in der Gesellschaft von Damen.
Damals verhielt sich Tutsik Goldenberg immer wie ein Gentleman. Nein, erst wenn er den Mund öffnete, wurde einem gescheiten Menschen klar, was für ein Aal Tutsik Goldenberg war. Ja, er war wahrhaftig so gerissen, dass einige Leute eine vage Ahnung von bevorstehendem Ärger überkam und sie unwillkürlich nach ihren Brieftaschen fassten, sobald er das Zimmer verließ. Manche verspürten ein gewisses Frösteln, eine Eiseskälte in seiner Gegenwart und zogen sich ihre Tücher fester um den Körper, denn beinahe jedes Mal, wenn Tutsik Goldenberg vorüberging, lief es ihnen kalt den Rücken hinunter.
Doch Tutsik Goldenberg stahl keine Brieftaschen. Wenn einem Mann ein Gulden oder ein paar Kopeken aus der Tasche fielen, war Tutsik Goldenberg der Erste, der sie aufhob und zurückgab. Wenn er beim Würfelspiel gewann, dann für gewöhnlich nicht, weil er schummelte. Diese Art des Betrugs lag ihm nicht – obwohl es beim Binokel schon wieder etwas völlig anderes war. Tutsik Goldenberg trug allerdings ein Messer und einen Schlagring, auch wenn er diese selten in vornehmen Kreisen herumzeigte. Er bezahlte sämtliche Schulden, die er in Europa machte, pünktlich und mit Zinsen.
Nein, dem äußeren Anschein nach war Tutsik Goldenberg ein ehrlicher Mann. Doch wenn man ein schabbes-Abendessen in seiner Gesellschaft zu sich genommen oder eine seiner ausgefallenen Zigarren geraucht hatte, wurde man das Gefühl nicht los, dass Tutsik Goldenberg nichts Gutes im Schilde führte. Und dennoch vermochte es in den winzigen Synagogen, wo er während der europäischen Frühlingsmonate an einem schabbes-Abend auftauchte, niemand genau auszumachen. Und natürlich dachten alle, wenn er den Tisch verlassen hatte und der Vater des Hauses nach seiner Brieftasche tastete und diese noch da war – oft genug dicker als zuvor –, dass sie sich das alles nur einbildeten. Denn Tutsik Goldenberg war ein reicher junger Mann, und er war gekommen, um an einem Freitagabend in ihrer bescheidenen Synagoge zu beten und an ihrem kärglichen Tisch zu essen. Doch das Allerbeste war, dass er selbst am schabbes dem Vater des Hauses das angenehmste aller Geschäfte vorschlug.
Jüdische Männer in den großen wie in den kleinen Städten, ob in Polen oder Russland, Ungarn oder Litauen, brachten sich beinahe gegenseitig um, weil jeder der Erste sein wollte, der Tutsik Goldenberg zum schabbes-Abendessen in sein Heim einlud. Er durfte sich das Beste des perfekt zubereiteten Hühnchens und der tscholent-Kartoffeln aussuchen. Doch viel wichtiger noch: Er hatte die freie Auswahl unter ihren Töchtern. Denn Tutsik Goldenberg war ein moderner Jude, der in den Augen aller wie ein erstklassiger Handlungsreisender aussah. Doch eins machte den Vätern zu schaffen: Wenn er ein Handlungsreisender war, wo waren dann seine Koffer?
»Ach«, antwortete Goldenberg daraufhin für gewöhnlich – doch nur an die Väter gewandt, während er an den von den schweigenden Frauen gut gedeckten Tischen saß –, »ich bin im Exportgeschäft.«
Die Väter kratzten sich die Bärte und nickten anerkennend. Bedeuteten den Töchtern, sie sollten den guten Weinbrand herbeiholen. »Und was exportieren Sie?«, erkundigten sich die Väter dann immer und gossen den Weinbrand für sich und den ungewöhnlichen Fremden ein.
»Diamanten und andere erlesene Edelsteine«, antwortete Goldenberg sehr ernst.
»Vergeben Sie mir meine Unwissenheit, aber wenn Sie ein Händler von Diamanten und anderen erlesenen Edelsteinen sind, Reb Goldenberg, was hat Sie dann nur in unsere kleine schul verschlagen? Wir sind ehrliche, hart arbeitende Leute, doch praktisch Bettler. Wenn Sie wüssten, was mich dieses Huhn gekostet hat –«
»Ach«, erwiderte Goldenberg dann wieder und blickte traurig in die Augen des Vaters, »ich bin ein reicher Mann, doch ich bin einsam und 30 Jahre alt. Ich suche in eurer kleinen schul nach einer trefflichen und guten Ehefrau, um mit ihr den besten Teil meines Lebens zu verbringen.«
»Eine jüdische Ehefrau?«, erkundigte sich der Vater des Hauses, nur um sicherzugehen, denn Goldenberg war ein moderner Jude, der keinen Bart trug und sich möglicherweise nicht mit der Frömmigkeit einer Frau belasten wollte.
»Eine jüdische Frau«, bestätigte der damals noch jungenhafte Goldenberg. »Ich habe all die üblichen Wege versucht, habe Ehestifter und schadchens aufgesucht, mich mit reichen Töchtern von hier bis Tschernigow (oder Kovno oder Plock) getroffen, doch scheint jeder immer nur darauf bedacht, seine eigenen Taschen zu füllen. Ach, mein Freund, mein Gastgeber, wenn Sie nur wüssten, wie sich mein Herz nach einer guten, jüdischen Frau sehnt …«
Sobald der Vater das vernahm, begannen seine Augen für gewöhnlich zu funkeln, und seine Gedanken überschlugen sich. »Haben Sie eigentlich schon meine Rachel kennengelernt? Meine Merl? Meine kleine Sofia?«, fragte er und fügte dann rasch hinzu: »Ihre Mitgift ist natürlich recht bescheiden –«
Daraufhin hob Tutsik Goldenberg jedes Mal die mit Diamanten geschmückten Hände und unterbrach den Vater. »Eine Mitgift? Guter Mann, ich habe Ihnen doch bereits versichert, dass mir Geld nichts bedeutet. Aber kann Ihr Rachele kochen? Näht Ihre Merl? Wird Sofia den jüdischen Gesetzen folgen und mich in der Küche und im Schlafzimmer zu einem glücklichen Mann machen? Oh, wie einsam bin ich nun all die Jahre schon gewesen! Ich wünsche mir nur das eine: die Gesellschaft einer rechtschaffenen, ehrlichen jüdischen Tochter.«
»Die Tochter ist eine Heilige unter den Frauen«, beeilte sich der Vater an dieser Stelle zu bestätigen. »Die challa, die Sie heute Abend gegessen haben, ist eine challa, die sie mit ihren eigenen zierlichen Händen zu einem Vogel geflochten hat – meine Frau hat lediglich danebengestanden und zugesehen. Und die Hühnersuppe, die Ihren Gaumen erfreut hat, ist nach einem Rezept gekocht, das sie selbst erfunden hat. Und was das challa-Tuch, die Tischdecke, die Serviette auf Ihrem Schoß angeht, so hat meine Tochter diese mit ihren eigenen, zierlichen Händen vollbracht. Sehen Sie nur, Reb Goldenberg, sehen Sie, Pan Handelsreisender, Exporteur von Diamanten und anderen Edelsteinen – meine Tochter ist ein Augenschmaus unter den Frauen. Sehen Sie sich nur ihren üppigen Kirschmund, ihre herrlichen grünen Augen an, schauen Sie, wie sich ihr köstlicher Busen hebt, dann werden Sie unschwer erkennen, was für eine vortreffliche Ehefrau sie abgeben könnte.«
Wie wahr, wie wahr. Gleichgültig, wie übertrieben die Behauptungen des Vaters über die häuslichen Fähigkeiten der Tochter auch sein mochten, die junge Frau des Hauses, in dem Tutsik Goldenberg wie ein Ehrengast behandelt wurde, war immer saftik, kokett und noch unter 20. Als schließlich die Weinbrand-Gläser geleert und der Abendbrottisch abgeräumt war, hatte man die Hochzeitsarrangements praktisch getroffen.
Und dies war kein Zufall. Denn bevor Tutsik Goldenberg auf die westliche Mauer irgendeiner Synagoge in Sluzk, Brody, Tarnopol oder Minsk zuschritt, bevor er seinen Platz am Tisch eines heruntergekommenen, aber aufrechten Bürgers von Lodz oder Lublin, Belz oder Warschau einnahm, hatte er seine Hausaufgaben gemacht.
Er pflegte montags in eine Stadt zu kommen und ein Zimmer in einem anständigen Gasthaus zu nehmen, möglichst weit entfernt von den Vierteln, in denen die Juden lebten. Er verbrachte die nächsten drei Tage unauffällig, ging einkaufen und sah sich das Angebot an. Er besuchte koschere Bäckereien und Gaststuben und saß dort mit einer jiddischen Zeitung vor dem Gesicht, während Kunden kamen und gingen, allesamt derart mit ihren eigenen alltäglichen Dingen beschäftigt, dass sie ihn kaum bemerkten. Er hörte zu, wie die Leute über sich und ihre Nachbarn redeten. Wenn er mehr über eine bestimmte junge Frau wissen wollte, gab er ein belegtes Brot oder ein Glas Schnaps aus. Bis zum Donnerstagnachmittag hatte er die Lage ausreichend sondiert. Er wusste gewissermaßen, welches schmackhafte Hühnchen auf welchen Tisch gehörte, sodass er am Freitagabend, als er sich dem schames mit der Bitte um einen Platz in der Synagoge näherte, auch genau wusste, welchen großzügigen Vater er auszunutzen gedachte.
Wenn das Abendessen vorbei und der Heiratsvertrag so gut wie unterzeichnet war, beendete Tutsik Goldenberg den ersten Abend mit seinen zukünftigen Verwandten immer auf die gleiche Weise. »Man stelle sich das nur vor, Reb Ansky, Reb Mordkhe (in meinem Fall), Reb Teitelbaum. Da bin ich seit so vielen Monaten auf der Suche nach der Frau, die mich glücklich machen wird, bin kreuz und quer gereist. Ich, ein Mann, der seine Geschäfte in Südamerika, in Konstantinopel, in ganz Europa tätigt. Und wo finde ich die Liebe meines Herzens? Genau hier, in Chudnow, in Praga, in Kotsk, nur wenige Kilometer von meiner eigenen kleinen Heimatstadt entfernt. Ach, der liebe Gott scheint es heute Abend wirklich gut mit mir zu meinen.« Und selbst der noch so frum Vater der lieblichsten zukünftigen Braut – der zukünftige schwer von Tutsik Goldenberg, Importeur und Exporteur von Diamanten und anderen erlesenen Edelsteinen – war überaus versucht, das Gesetz des Sabbat zu brechen und eine der feinen Zigarren seines zukünftigen ejdems zu rauchen. Denn bald schon würde er ein glücklicher Mann sein, ein reicher Mann – durch Beziehungen und auch wegen des Brautpreises, den zu zahlen sich Tutsik Goldenberg großzügigerweise bereit erklärt hatte. Keine Mitgift nötig. Nein, überhaupt keine! Suchte nicht Tutsik Goldenberg schon sein ganzes Leben lang nach der perfekten Frau, und hatte er sie, seine Teure, nicht genau hier, an diesem Tisch, in diesem Heim gefunden?
So sah das Netz aus, in dem mich Tutsik Goldenberg mit seinen sauberen Fingernägeln und seinen mit Diamanten bedeckten Fingern fing. Ja, ich war die Tochter am Tisch an jenem besagten Aprilabend, eine Woche vor dem Pessach-Fest. Mit meinem challa-Tuch prahlte der Vater des Hauses vor seinem Ehrengast bei diesem schabbes-Abendessen. Es war mein Haar, das mit hundert Strichen gebürstet worden war. Mein mageres Huhn, das genau richtig durchgekocht war. Mein reizender Busen, der sich hob, meine rot angemalten Lippen. Der funkelnde Goldenberg blickte weder mich noch meine Mutter auch nur ein einziges Mal an. Er verbrachte das gesamte Abendessen damit, meinem Vater geradewegs in die Augen zu sehen, mit ihm zu scherzen, ihm Geschichten über sein Leben im entfernten Argentinien zu erzählen (denn von dort stammte er, wie wir bald erfahren sollten), als ob wir, die Frauen des Hauses, unsichtbar wären und sein Essen und Trinken, dasselbe Essen und Trinken, mit dem mein Vater so prahlte, durch Zauberkraft aus dem Nichts aufgetaucht war.
In seiner Gegenwart fühlte ich mich schrecklich unbehaglich. Ich war sehr wohl daran gewöhnt, im Lichte von Vaters eher geistigen Studien gelegentlich einmal von ihm beiseitegeschoben zu werden, und auch meine Mutter benahm sich mir gegenüber recht schroff und neigte dazu, mich herumzukommandieren, aber ich war ganz und gar nicht daran gewöhnt, dass jemand so durch mich hindurchschaute, wie Tutsik Goldenberg es nun tat. In der Küche, während wir Huhn und Kartoffeln auf die Teller häuften, flüsterte Mutter mir zu: »Was für ein wunderbarer, gut aussehender junger Mann –«
»Jung?«, erwiderte ich ungläubig. »Er ist 30 Jahre alt!«
»Das ist ganz und gar nicht alt.« Mutter reichte mir einen Petersilienzweig, mit dem ich die Teller dekorieren sollte. »Wenn du geschickt vorgehst, wird er uns alle glücklich machen.«
Ich reckte meine Nase in die Höhe. Am liebsten hätte ich in Tutsik Goldenbergs Essen gespuckt. »Er ist ein alter Mann«, murmelte ich, »und ein kalter Fisch dazu.« Das war eine Redensart, die ich mir von Tamar geliehen hatte. Um meine Worte zu verdeutlichen, öffnete und schloss ich den Mund wie ein Flussbarsch.
Mutter packte mein mit Rouge herausgeputztes Gesicht grob mit einer Hand und hielt den Servierlöffel drohend über mir in die Höhe, wie einen Knüppel. »Ob kalter Fisch oder nicht, dieser junge Mann bietet uns eine Chance, wie man sie im Leben nur einmal bekommt. Jetzt geh und serviere ihm sein Abendessen und lächele dabei.«
Es schien ihr ganz und gar nichts auszumachen, dass Vater so offensichtlich von Tutsik Goldenberg fasziniert war, dass er nicht nur durch mich, sondern auch durch meine Mutter hindurchsah und stattdessen ausschließlich in die wachen Augen unseres Gastes blickte.
Nach diesem nicht enden wollenden, faden Essen zogen sich die Männer ins Arbeitszimmer meines Vaters zurück. Ich war erleichtert und wollte gerade zur Tür hinausschlüpfen und zu Tamars Wohnung hinuntergehen, als Vater meinen Namen rief. »Sofia!«, rief er, was ungewöhnlich war für ihn. »Komm her und bring Reb Goldenberg einen Weinbrand!«
Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört, und ging weiter auf die Tür zu, doch Mutter tippte mir auf die Schulter und reichte mir das Silbertablett. »Geh!«, sagte sie streng.
»Aber er ist so widerlich«, flüsterte ich.
»Er ist reich«, erwiderte sie mit fester Stimme, »und sehr attraktiv.« Sie zog meine Schleife gerade und kniff mich in die Wangen, damit sie Farbe bekamen. »Lass dir eins gesagt sein: Wenn du weißt, was für uns alle gut ist, dann lächele, wenn du ihn ansiehst.«
Ich packte das Silbertablett mit beiden Händen. Die Schuhe zwickten mich beim Gehen. Die Männer hockten über einem großen Lederbuch, die gesammelten Werke von Shakespeare, übertragen ins Jiddische. Tutsik Goldenberg befingerte die Seiten, als handele es sich dabei um Geldscheine. Oh, warum nur gab ich nicht vor zu stolpern und verschüttete den Weinbrand im ganzen Zimmer?
»Aha, Sofia, liebste Tochter. Stell den Weinbrand nur ab«, wies mich Vater an, als er aufblickte.
»Und nun dreh dich um.« Das war Tutsik Goldenberg, der dies mit spöttischer Stimme zu mir sagte. »Und zeig mir, was du hast.«
Ich blickte erst meinen Vater und dann meine Mutter an. Sie stand hinter mir mit einem Teller voller Honigkuchen. Sie schauten einander hilflos an. Vater wandte sich Goldenberg zu.
»Reb Goldenberg, ich bin mir nicht sicher, ob wir die Bedeutung Ihrer Worte richtig verstanden haben.«
Tutsik Goldenberg setzte sich auf und klappte den Shakespeare zu. Er räusperte sich und rückte seine Ringe zurecht. »Sie müssen verzeihen, Reb Teitelbaum, aber der Abend hat mich ein wenig beschwipst. Ich habe die Grenzen überschritten – aber ich finde Ihre Tochter so überaus bezaubernd! Sie macht mich ganz trunken, und ich, bitte verzeihen Sie mir vielmals, werde impertinent.«
»Aber da gibt es doch gar nichts zu verzeihen«, sagte Mutter mit einem Mal. »Reb Goldenberg hat es ganz gewiss als Kompliment gemeint«, fuhr sie, an Vater gewandt, fort.
Zum ersten Mal an diesem Abend schien Goldenberg meine Mutter wahrzunehmen. Er stand auf, ergriff ihre Hand und blickte ihr geradewegs in die Augen. »Chawerte Teitelbaum hat vollkommen recht. Es war ein Kompliment aus dem tiefsten Herzen berauschter Unbesonnenheit.« Er blickte Vater verlegen an. »Ich hoffe, Reb Teitelbaum wird die Herzensgüte besitzen, mir an diesem Sabbat-Abend zu vergeben.«
»Aber ganz gewiss wird er das«, zwitscherte Mutter.
Goldenberg ließ Mutters Hand fallen und legte einen Arm um Vaters Schultern. »Reb Teitelbaum, bedenken Sie die mizwa. Ich, ein einsamer Mann, erfolgreich im Geschäft, aber ohne einen Menschen, mit dem ich den Erfolg teilen kann, und dann, mit einem Mal, geschieht kraft Ihrer großherzigen Gastfreundschaft ein Wunder! Nein, Reb Teitelbaum, dies ist eine doppelte mizwa. Es geschah am schabbes – Gott wird sich Ihrer Güte entsinnen und ich mit Sicherheit auch, lassen Sie sich das gesagt sein.«
Vater zuckte mit den Schultern. Dann schlug er sich auf die Wange und lächelte. »Also, die heutige Zeit! Ich möchte nicht prüde erscheinen, Reb Goldenberg, aber Sie müssen Verständnis haben für die Bedenken eines Vaters –«
Tutsik Goldenberg legte eine Hand bußfertig auf sein Herz. »Was könnte heiliger sein?«, fragte er beinahe traurig. »Ich bitte Sie in aller Form um Entschuldigung, Reb Teitelbaum.« Unsere Blicke begegneten sich, und ich weiß nicht, ob meine Eltern es sahen, aber er blinzelte mir zu. Ganz bestimmt. Und es lief mir kalt den Rücken herunter.
Dann sprach mein Vater: »Solche Vereinbarungen sollte man wohl besser nicht an einem Freitagabend treffen, Reb Goldenberg, aber da die Zeiten nun einmal so sind …«
Tutsik Goldenberg blickte meinen Vater ungläubig an. »Reb Teitelbaum, kann es sein, dass meine Ohren mir einen Streich spielen? Oder sollten Sie trotz meiner unglaublichen Unhöflichkeit immer noch bereit sein, mir meinen einzigen Wunsch zu erfüllen?«
Vater zuckte die Schultern und nickte mit dem Kopf.
»Es gibt also doch einen Gott!«, brach es aus Goldenberg hervor. »Einen Gott der Barmherzigkeit! Und Sie, chawer Yakov Teitelbaum, Sie sind sein Bote!«
Man klopfte sich immer wieder gegenseitig auf den Rücken, und es wurde noch mehr getrunken. Selbst Mutter beteiligte sich daran. Ich zog mich in die Dunkelheit des Zimmers meiner Eltern zurück und starrte aus dem Fenster. Ich konnte das Gemurmel und das Lachen der Männer hören. Dann brüllte Vater meinen Namen. »Sofia! Sofia! Reb Goldenberg möchte den heutigen Abend beenden und nach Hause gehen. Komm her und verabschiede dich von ihm.«
Ich rührte mich nicht. Vater hörte nicht auf zu rufen. Dann tauchte Mutter im Türrahmen auf. »Nur weil er unhöflich war, heißt das nicht, dass du dich ebenso benehmen musst. Außerdem hat er sich entschuldigt«, zischte sie. »Und jetzt geh und wünsch ihm eine gute Nacht und tu es mit dem nötigen Respekt.«
Ich konnte mich einfach nicht bewegen. Mutter packte mich am Arm und zerrte mich ins Esszimmer.
Goldenberg rückte wieder einmal einen seiner Diamantringe zurecht. Vater war aufgeregt, voll falscher Heiterkeit, als ich auftauchte. »Aha, da ist sie ja, Reb Goldenberg. Unsere sanft errötende Braut … Sofia, wünsch deinem Verlobten eine gute Nacht. Du wirst schon bald seine Frau sein.« Dann blickte er nervös zu Tutsik Goldenberg hinüber, der von seinem Ring aufschaute und lächelte.
»Was? Verlobt? Mit ihm? Darum ging es bei der ganzen Sache also von Anfang an!« Mutter versetzte mir auf der Stelle eine Ohrfeige.
»Jetzt muss ich mich entschuldigen, Reb Goldenberg.« Vater verbeugte sich praktisch vor ihm. »Es ist der Schreck über die gute Neuigkeit, glauben Sie mir. Meine Tochter ist für gewöhnlich das willfährigste aller Mädchen –«
Goldenberg stand vom Tisch auf und blickte mich zum ersten Mal an diesem Abend richtig an; er musterte mich von oben bis unten mit einem verschlagenen Lächeln. Dann ergriff er die Hand, die ich über meine brennende Wange gelegt hatte. »Verschwenden Sie keinen weiteren Gedanken mehr daran, Reb Teitelbaum. Ich mag ein Mädchen mit etwas Feuer. Es überrascht mich nur, dass ein Mädchen, das so wunderschön ist wie Ihre Tochter, Ihnen nicht schon viel früher weggeschnappt wurde.« Dann küsste er meine Hand, sah dabei aber geradewegs zu meinem Vater hinüber. Ich zuckte zusammen.
Seiner Gewohnheit gemäß stand Tutsik Goldenberg von unserem Tisch auf und verschwand für mehrere Wochen. Am nächsten Tag überbrachte ein Bote eine Nachricht für meinen Vater. Unvorhergesehene geschäftliche Probleme zwangen ihn, den ersten Zug nach dem schabbes Richtung Odessa zu nehmen. Er hoffe, das beigefügte Geld reiche zunächst einmal als Grundlage für meine Aussteuer. Er beabsichtige, den Differenzbetrag des Brautpreises bei ihrem nächsten Treffen zu zahlen, von dem er hoffe, dass es in nicht zu ferner Zukunft liege, vielleicht eine Woche oder zwei nach dem Pessach-Fest. Er bedanke sich noch einmal recht herzlich für das ausgezeichnete Abendessen, er fühle sich so überaus geehrt, bald ein Mitglied der Teitelbaum-Familie zu sein, und bedauere es sehr, seinen Dank nicht persönlich aussprechen zu können, hochachtungsvoll, etc., etc., Tutsik Goldenberg.
Ich war ausgesprochen erleichtert, dass er weg war. Selbst als Mutter damit begann, mein Hochzeitskleid zu nähen, und Vater die Arrangements mit dem Rabbi traf, gab ich trotz allem die Hoffnung nicht auf, dass Tutsik Goldenberg nicht zurückkehren würde.
Tamar und ich verbrachten viele Stunden damit, über die Geschichte zu lachen (Stell dir nur vor – ich und heiraten!) und zu weinen. Denn Argentinien war auf der anderen Seite der Welt, noch weiter weg als New York und mit umgekehrten Jahreszeiten, sodass es, wenn es bei Tamar hier in Warschau schneite, bei mir sonnig und warm sein würde. »Ich möchte eines Tages heiraten«, sagte ich, »aber dieser Mann ist ein Monstrum, Tamar. Du müsstest einmal sehen, wie er mich anschaut!« Und auch die Art, wie er durch mich hindurchschaut, fügte ich in Gedanken hinzu.
»Vielleicht kommt er ja nicht zurück«, versuchte Tamar, mich zu trösten. »Ich habe schon mal so was gehört. Da werden alle möglichen Versprechungen gemacht, und dann tauchen die Kerle nie wieder auf.«
»Aber er hat Vater Geld gezahlt. Ich habe es gesehen. Und Mutter hat schon angefangen, mein Hochzeitskleid zu nähen.«
»Tja, dann können wir wohl nicht mehr viel ändern«, erwiderte Tamar schulterzuckend.
Natürlich kam Tutsik Goldenberg wieder, drei schabbes-Abende später, am Arm meines Vaters, und die beiden schlugen einander auf den Rücken wie alte Trinkkumpane. »Bayla! Sofia! Unser Diamantenverkäufer ist wieder da, unser Schwiegersohn! Leg noch ein weiteres Gedeck auf, unser Bräutigam ist wieder da!«
Mutter drängte mich, ins Esszimmer zu gehen, um die beiden zu begrüßen. »Das hier wird keine Wiederholung der Vorstellung vom letzten Mal«, warnte sie mich. »Er ist unser Ehrengast und dein zukünftiger Ehemann.«
»Dir ist doch nur das Geld wichtig«, murrte ich.
Mutter hob erneut die Hand gegen mich, senkte sie dann aber wieder. »Nein, nein, Sofia. Du bist mir wichtig, du allein.«
Ich ging hinaus, um Vater und meinen sogenannten Verlobten zu begrüßen, vollführte sogar einen Knicks vor ihm und bot ihm, obwohl sich alles in mir dagegen sträubte, meine Hand dar. Tutsik Goldenberg versah sie mit einem kurzen, kalten Sandpapierkuss und trat dann zurück, um mich mit in die Hüften gestützten Händen zu begutachten, als sei ich ein Stück Vieh. Dieses Mal gab Vater vor, es nicht zu bemerken. »Oh, sie ist sogar noch süßer, als ich sie in Erinnerung hatte. Sie passt ganz wunderbar. Froj Bayla« – Goldenberg blickte Vater an, obwohl er Mutter angesprochen hatte –, »ich bin kurz vor dem Verhungern. Haben Sie vielleicht etwas zu essen, was Sie einem armen landßman anbieten könnten?«
Beim Abendessen redete Goldenberg meine Eltern mit schwiger und schwer an und mich als seinen zukünftigen Schatz, doch es fiel kein einziges Wort über ein konkretes Hochzeitsdatum. Als Mutter und ich den Tisch schließlich verließen, um den Kuchen und den Weinbrand zu holen, tastete sich Vater duckmäuserisch an das Thema heran. »Mein lieber Reb Goldenberg –«
»Schwer Teitelbaum?«
»Der Sommer nähert sich mit Riesenschritten. Ich habe die glückliche Verlobung unserer reizenden Sofia mit Ihnen verkündet, und nun würde ganz Warschau natürlich zu gern wissen –«
»Ah ja, der Differenzbetrag des Brautpreises. Ich werde ihn persönlich am nächsten Sonntagmorgen vorbeibringen, Schwer Teitelbaum.«
»Aber nicht doch, Reb Goldenberg. Der Brautpreis – bah, ich mag ein armer Mann sein, aber ich bin kein schlechter Menschenkenner, und ich weiß, dass Sie zu Ihrem Wort stehen. Was ich eigentlich wissen will, was die Stadt eigentlich wissen will, ist –«
»Wann ist die Hochzeit?« Mutter setzte die Kuchenplatte mit einem dumpfen Geräusch vor Tutsik Goldenberg ab.
»Ja, nun … die Hochzeit.« Tutsik Goldenberg rückte seine diamantenbesetzten Manschettenknöpfe zurecht und blickte Mutter mit einem ausdruckslosen Gesicht an. Er wandte sich Vater zu und sagte: »Reb Teitelbaum, Sie sind ein Gelehrter und ein Geschäftsmann. Sie schaffen es, mit einer leeren Brieftasche, quasi aus dem Nichts, dafür zu sorgen, dass Ihre Familie jeden schabbes etwas Gutes auf den Tisch bekommt – etwas Huhn, ein paar Kartoffeln, eine Zwiebel, etwas Salz dazu –«
»Tja, nun«, hob Vater an.
Goldenberg fuhr fort, als hätte er ihn nicht gehört. »Ich bin lediglich Geschäftsmann. Die Zeit, die ich mit Studien verbracht habe, war so bescheiden wie das Mahl auf diesem Tisch. Aber als ein Mann des Handels bin ich imstande, etwas Huhn und Honigkuchen in fette Gänse und köstliche Strudel zu verwandeln. Mit einem einzigen Fingerschnippen kann ich Gold und Schokolade auf Ihren Tisch bringen, selbst auf Ihren traurigen, kleinen Tisch hier mitten in Warschau. Am Sonntagmorgen, Reb Teitelbaum, werden Sie ein reicher Mann sein. Doch um Sie reich zu machen, muss ich Sie eines sehr großen Vergnügens berauben. Wie Sie wissen, wurde ich vor drei Wochen wegen eines geschäftlichen Notfalls nach Odessa gerufen. Dieser Notfall macht es nun erforderlich, dass ich zu meinem Kontor in der Heimat zurückkehre, bevor der Winter anbricht. Mein Kontor befindet sich in Buenos Aires, und der Winter beginnt dort im Juni.« Tutsik Goldenberg ergriff meine Hand. Er wandte sein Gesicht in meine Richtung, doch seine Augen ruhten auf meiner Mutter. »Ich werde Ihnen den vereinbarten Brautpreis am Sonntag bezahlen, aber am Montag muss ich unsere kleine Sofia hier abholen und sie nach Argentinien mitnehmen.«
»Ohne Hochzeit?« Mutter stand der Mund offen. »Das kommt gar nicht infrage!«
Tutsik Goldenberg ließ meine Hand los und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Froj Teitelbaum, wollen Sie mir damit sagen, dass unsere Vereinbarung hinfällig ist?«
Vater stand auf und räusperte sich leise. »Reb Goldenberg, ich bin sicher, dass meine Frau nichts Derartiges im Sinn hat. Aber Sie müssen bitte ihre Bedenken verstehen, die, als Sofias Vater, auch die meinen sind. Wenn Sie nicht beabsichtigen, unsere geliebte Tochter hier in Warschau zu heiraten, Reb Goldenberg, wo dann?«
»Auf dem Schiff natürlich, Reb Teitelbaum, auf dem Schiff. Es gibt einen Rabbi auf dem Schiff. Auf diese Weise wird es Hochzeit und Hochzeitsreise in einem werden. Ich bedauere nur, dass Sie nicht dort sein können, um die Braut zum Altar zu führen. Und was Sofia angeht, sie erwartet in Argentinien ein wunderbares Leben. Ich besitze eine Wohnung auf der Calle Talcahuano, um die mich die gesamte jüdische Gemeinde beneidet. Ich werde Sorge tragen, dass sie genügend Dienstboten zur Verfügung hat, und ich werde sie mit Süßigkeiten verwöhnen. Sie wird den ganzen Tag über wenig mehr zu tun haben, als wie eine Dame herumzuliegen.«
»Könnten wir es nicht so einrichten, dass unser Rabbi die Zeremonie morgen Abend hier hält?«
»Ich fürchte, das ist unmöglich, Froj Teitelbaum. Ich habe noch tausenderlei Dinge zu erledigen.«
»Und das sollten Sie auch, mein Lieber, das sollten Sie.« Vater nickte betrübt mit dem Kopf. »Ein Mann, der Honigkuchen in Schokolade verwandeln kann, muss sich ganz gewiss um sein eigenes Geschäft kümmern, damit es weiter so gut läuft.«
»Aber um Ihnen, meinen zukünftigen mechutonim, zu beweisen, dass ich ein Mann bin, der zu seinem Wort steht, lassen Sie mich Ihnen zeigen, was mir leider verboten ist, unserer lieben Sofia an diesem Sabbat-Abend zu überreichen.« Mit einem eleganten Schwung, der dem des Zauberers auf dem Marktplatz in nichts nachstand, griff Tutsik Goldenberg in seine Tasche und zog eine samtene Schachtel hervor. Er öffnete sie, und selbst ich war ganz geblendet von dem Diamantring, der sich darin befand. »Das hier ist das Erste, was ich Ihrer kostbaren Tochter schenken werde, sobald unser Schiff davonsegelt in unser glückliches Leben in der Neuen Welt. Eins lassen Sie sich gesagt sein, schwer Teitelbaum, Sie werden das hier nicht bereuen. Und was Ihre reizende Sofia angeht« – er berührte meine Wange mit einem unnachgiebigen Finger –, »so wird das Leben, wie sie es kennt, nie mehr dasselbe sein.«
Mit einem Mal ging alles in Windeseile, denn plötzlich, nach seiner langen Abwesenheit, war es mir bestimmt, Warschau mit meinem gar schrecklichen Bräutigam innerhalb von drei Tagen zu verlassen. Tutsik Goldenberg hielt Wort und lieferte die verfluchte Mitgiftsumme am Sonntag ab, auch wenn er sich mit Vater in einer jüdischen Schenke traf und das Geschäft dort vonstattenging. Vater kehrte an jenem Abend nach Hause zurück, wie er es selten tat: Er roch nach Whiskey und hatte glasige Augen. Er betrachtete Mutter und mich, die wir dort saßen und am Saum meines Hochzeitskleides nähten – das Kleid, in dem mich keiner von beiden sehen würde –, mit traurigem Blick. Vater standen die Tränen in den Augen, als er mich in die Arme schloss und so fest an sich drückte, dass ich kaum zu atmen vermochte. »Vergib mir, neschomele, Blut von meinem Blut, Seele von meiner Seele.« Er ließ eine Handvoll Goldmünzen auf den Tisch vor uns fallen. »Es ist für dich, mein liebster Schatz.« Bedrückt flüsterte er: »Du musst uns glauben, dass wir das alles nur für dich tun.«
Man könnte meinen – wie ich es zu jener Zeit selbst tat –, dass meine Eltern mich allein aus Habgier verkauft hätten, aber dem war nicht so. Beide hatten ihr ganzes Leben in Warschau verbracht. Sie kannten jede Geschichte von jedem schtetl auswendig, das von betrunkenen Kosaken und betrunkenen polnischen Bauern niedergebrannt worden war. Sie hatten sich sämtliche Vergewaltigungen von Cousinen und den Töchtern von Cousinen und den Cousinen von den Töchtern von Cousinen in Chelm und Kielce und den Orten dazwischen eingeprägt. Sie konnten herunterbeten, welche Synagogen niedergebrannt und welche Toras in jeder kleinen Stadt landauf und landab entlang der Weichsel vernichtet worden waren, wobei jede Enthauptung und Bauchaufschlitzerei, alle Exkremente auf geweihtem Boden jeweils mit einem besonderen Wehklagen gewürdigt wurden. Meine Eltern mögen gegenüber jungen Dandys wie Tutsik Goldenberg, die einen schwindelig reden, naiv gewesen sein, aber wenn es um das Leben von Juden in Polen ging – o nein, da waren sie ganz und gar keine Narren. Für sie war Tutsik Goldenberg ein wunderbarer Pfandschein, um ihrer Tochter eine sichere Reise durch das Leben zu ermöglichen. Heute könnte ich darüber lachen, Hankus, wenn es nicht so traurig wäre.
Wir wussten nicht so recht, welche Art von Kleidung wir für ein Leben in Argentinien einpacken sollten, und als Mutter Goldenberg deswegen fragte, antwortete dieser ausweichend. »Oh, chawerte Teitelbaum, Sie sollten sich wegen solcher Nichtigkeiten wie Garderobe keine Gedanken machen. Wenn die kleine Sofia in meinem Heim in der Calle Talcahuano ankommt, werde ich sie schon entsprechend ausstatten, wie es nun meine Aufgabe ist.« Und so packten wir eine armselige Aussteuer in einer abgewetzten Reisetasche zusammen – etwas neue Baumwollunterwäsche und eins von Mutters umgearbeiteten Kleidern. Mutter wickelte das Hochzeitskleid sorgfältig in braunes Papier und legte es in eine Pappschachtel, die sie mit einem Band verschloss. Ich hatte keine Ahnung, wofür ich es gebrauchen sollte, wo ich doch nun im Kapitänsquartier an Bord eines Schiffes heiraten würde und nicht etwa unter einer chuppe in einer Synagoge, wie meine Eltern es sich gewünscht hatten. Doch Mutter – Gott segne sie – bestand darauf. »Kein jüdisches Mädchen sollte ohne ein anständiges Kleid und Schleier heiraten! Schwöre mir, Sofia, dass du es an deinem Hochzeitstag tragen wirst, was auch immer passiert!«
Ich schwor es – doch es tut mir leid, dass ich es versprochen habe. An Jom-Kippur-Abenden weiß Gott immer, wie sehr ich es selbst nach all diesen Jahren immer noch bedauere.
Am Montagabend, als ich abreisen sollte, kam Tamar mit ihrer Mutter und ihrer Schwester vorbei, um sich von mir zu verabschieden. Tamar und ich legten die Arme umeinander. Sie strich sich das leuchtende Haar aus dem Gesicht und flüsterte: »Du musst mir über all deine Abenteuer schreiben.« Dann wich sie zurück und sagte feierlich: »Ich verbiete dir zu weinen.«
Goldenberg traf Schlag sieben in einer gemieteten droschke mit einem zwielichtig aussehenden Kutscher und einem scheckigen Pferd ein, das schon bessere Tage gesehen hatte. Er klopfte Vater herzlich auf den Rücken. »Nun denn, Reb Teitelbaum, wir sind beinahe schwer und ejdem. Es ist so gut wie offiziell!«
»Ja, so gut wie«, flötete Mutter, »aber offiziell ist es erst, wenn der Bund vor den Augen Gottes geschlossen ist.«
»Gewiss doch«, erwiderte Goldenberg, dessen eigene Augen, wie ich bemerkte, zu Tamar hinüberwanderten und nicht nur ihr feuerrotes Haar musterten. Er fing sich wieder und blickte in Mutters Richtung und dennoch an ihr vorbei. »Lassen Sie sich eins gesagt sein, reizende chawerte Teitelbaum. Nicht ein einziges Haar auf dem Kopf dieses unschuldigen Mädchens wird berührt werden, bevor wir nicht im Kapitänsquartier eins geworden sind.«
»Das hoffe ich doch sehr, Reb Goldenberg.«
Vater war das Ganze offensichtlich peinlich. Er räusperte sich und sagte leise: »Bayla, Reb Goldenberg hat bisher in jeder Hinsicht sein Wort gehalten. Ich sehe keinen Grund, ihm zu misstrauen.«
Mutter schüttelte den Kopf und blickte Hilfe suchend zu Tamars Mutter hinüber, die bedauernd mit den Schultern zuckte. Tamar und ihre Schwester verdrehten die Augen.
»Froj Teitelbaum, was kann ich nur tun, um Sie davon zu überzeugen, dass die Tugendhaftigkeit Ihrer allerliebsten Sofia bei mir sicher ist? Hilft es, wenn ich Ihnen versichere, dass ich zu den Menschen gehöre, die der Ansicht sind, man solle die Frucht kosten, wenn sie reif ist, und nicht einen Moment früher?« Goldenberg kniff Mutter in die Wange und zwinkerte. Mutter errötete und wandte ihren Blick ab. »Außerdem«, fuhr er fort, »wird sich meine liebenswürdige Tante Sara, die sich freundlicherweise bereit erklärt hat, den ganzen Weg bis nach Hamburg als unsere Anstandsdame zu fungieren, im Zug zu uns gesellen.« Und damit warf er einen Blick auf seine Taschenuhr. »Wie Sie wissen, wartet der Zug auf niemanden.« Er reichte dem Kutscher, den er Dov Hirsch nannte, meine Reisetasche und die Pappschachtel mit dem Hochzeitskleid. »Und nun komm, kleine Blume, es ist Zeit zu gehen.«
»Nicht so schnell«, erwiderte Mutter, und ich hatte kurz die Hoffnung, dass sie endlich zur Besinnung gekommen sei und mich retten würde. Stattdessen hielt sie mir ein kleines Bündel hin, das in blaue Seide gewickelt war. »Wenn man mich schon um das Vergnügen bringt, dich unter der chuppe zu sehen, dann möchte ich dir zumindest das hier geben.«
Ich nahm das Geschenk entgegen und schlug die Seide auf. Es waren Großmutters Kerzenhalter. »Danke«, brachte ich hervor. Und dann vermochte ich mich der Tränen nicht mehr zu erwehren.
Die Männer schüttelten einander die Hände. Tamar umarmte mich, Mutter küsste mich weinend zum Abschied. Dann reichte sie Goldenberg einen Korb mit unserem Mittagessen. Als das erbärmlich aussehende Pferd endlich davontrottete, waren alle, außer Tutsik Goldenbergs Kutscher, in Tränen aufgelöst. Als ich das letzte Mal zurückwinkte, erwiderte Tamar meinen Blick nicht.
Tutsik Goldenbergs Benehmen wandelte sich vollkommen, nachdem er meiner Familie zum Abschied zugewunken hatte. Hatte er in Gegenwart meines Vaters noch gelacht und geplaudert, so benahm er sich nun mir gegenüber mürrisch und schwieg sich aus. Und was dachte ich, die ich mit einem Mann in einer Kutsche eingesperrt war, den ich verabscheute und der kein Wort mit mir sprach und bloß immer vor sich hinstarrte, ohne mich nur ein einziges Mal anzusehen? Ich ängstigte mich und fühlte mich schrecklich im Stich gelassen. Ich war mir sicher, dass meine Eltern dies nur getan hatten, um mich zu bestrafen – aber wofür, das wusste ich beim besten Willen nicht. »Es ist zu deinem eigenen Besten«, hallte Mutters Stimme in meinem Kopf wider, doch daran glaubte ich nicht. Nicht eine einzige Sekunde lang.
Obwohl ich in eine Decke gehüllt war, empfand ich die Fahrt mit der droschke als bedrückend und kalt. Die Dunkelheit hatte sich über Warschau gesenkt, und selbst die Satski-Gärten mit ihren sagenhaften, erleuchteten Springbrunnen vermochten meine Stimmung nicht zu heben. Wir fuhren an Kirchen und Statuen vorbei, doch als wir den Bahnhof erreichten und, statt zu halten, daran vorbeifuhren, verwandelte sich mein Kummer in blanke Angst, und Tutsik Goldenberg zeigte sein wahres Ich.
»Reb Goldenberg, ich bin ein wenig verwirrt, denn ist dies dort hinten nicht der Bahnhof?«
Er gab Hirsch, dem Kutscher, mit seinem Spazierstock einen Stoß in den Rücken. Die droschke wurde schneller, und Tutsik lächelte.
Als wir die Stadt verließen, überlegte ich mir, dass es wohl das Beste sei, aus der Kutsche zu springen, doch was würde dann aus meinen Kerzenleuchtern und aus meinem Hochzeitskleid? Wie sollte ich nach Hause zurückfinden? »Reb Goldenberg, ich bitte Sie – wie sollen wir nach Hamburg gelangen, wenn nicht mit dem Zug? Wo werden wir Ihre Tante Sara treffen?«
»Überlass das nur mir, Sofia. Ja, lass das mal die Sorge deines Bräutigams sein.« Tutsik legte die Hände im Schoß zusammen und saß ganz still da. Die droschke jagte durch die Dunkelheit. Ich konnte das klack-klack der Pferdehufe auf dem Pflaster hören, doch ich sah überhaupt nichts, während wir durch die Nacht flogen.
Ich fürchtete mich zu sehr, um zu schlafen, und sosehr ich mich auch bemühte, es gelang mir nicht, meinen Entführer zum Sprechen zu bringen. Zu guter Letzt versuchte ich es damit, dass ich ihm Essen aus meinem Korb anbot. Er winkte ab.
Schließlich erreichten wir eine andere Stadt, von der ich später erfuhr, dass es sich um Plock handelte. Inzwischen hatte ich nicht nur fürchterliche Angst, sondern war bereit, meinem Schicksal ins Auge zu sehen. Ich war mir sicher, dass dieser Mann, Goldenberg, dieser Witz von einem Verlobten, meinem Vater Hunderte von zloty für das Privileg gezahlt hatte, mich im Dunkel der Nacht an diesem entlegenen Ort umzubringen.
»Steig aus«, zischte er, als die droschke endlich vor einem kleinen Hotel haltmachte. »Hirsch«, rief er dem Kutscher zu, »hol ihre Sachen und bring sie auf ihr Zimmer! Wir treffen uns dann unten in der Bar.« Er reichte Hirsch meinen Korb. »Da ist die eine oder andere koschere Köstlichkeit drin, riecht ziemlich gut. Nimm dir, wenn du willst.«
»Aber das gehört mir!«, rief ich mit zittriger Stimme.
»Glaubst du etwa, darum würde ich auch nur das Geringste geben, junge Dame?«
Hirsch hängte sich den Korb über einen Arm, packte dann meine Reisetasche und schmiss sie vor sich ins Vestibül. Ich hielt mein Brautkleid und die Kerzenleuchter umklammert, als hinge mein Leben davon ab, und folgte dem Kutscher ins Innere. Hirsch packte den Portier, einen schmächtigen, alten Kerl mit großen, gelben Zähnen, an seiner Krawatte, zog ihn zu sich herüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Portier blickte über Hirschs Schulter zu mir, schaute dann auf das Bündel zloty in Hirschs Hand und läutete ein Glöckchen auf der Empfangstheke. Ein Junge – kaum älter als ich – in einem grauen Anzug, einer krempenlosen Kappe, die ein wenig schief auf seinem Kopf saß, und dreckigen, weißen Handschuhen musterte mich von oben bis unten und grinste spöttisch. Er nahm meine Tasche und marschierte auf die Treppe zu. Hirsch zog ein Hühnerschenkelchen aus dem Korb, den er mir zu meiner Überraschung zurückgab. Ich drückte ihn ebenso wie meine anderen Habseligkeiten an mich, und der Page unternahm keinen Versuch, sie mir wegzunehmen.
»Nun?«, fauchte mich Hirsch an. Er war ein großer Kerl, größer als Goldenberg, in einem engen Anzug, aus dessen Ärmeln die Hemdsmanschetten offen herausbaumelten. Während Goldenberg nach der neuesten Mode gekleidet war, sah Hirsch so aus, als trage er abgelegte Kleidungsstücke. Auf seinem Kopf saß eine Melone im englischen Stil, die er sich andauernd mit einem dürren, schmierigen Daumen zurückschob.
Ich blickte ihn mit aufgerissenen Augen an. Mein Herz pochte rasend schnell. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was er von mir erwartete.
»Steh nicht einfach so da rum, Herzchen! Folge dem Jungen rauf in dein Zimmer. Ich habe eine Verabredung mit deinem Zukünftigen, drum hast du den Abend heute ganz für dich allein. Wir nehmen den Frühzug um vier nach Hamburg. Also sieh zu, dass du deinen Schönheitsschlaf machst.« Er warf dem Pagen, der mich von Kopf bis Fuß beäugte, einen gefährlichen Blick zu. »Und du, mein Junge, solltest wissen, dass diese Ware voll und ganz bezahlt ist. Sollte sie also beim Transport beschädigt werden, wird dich das deinen Kopf kosten.« Hirsch vollführte eine schnelle Drehung des Handgelenks, und wie aus dem Nichts schnappte plötzlich ein übel aussehendes Rasiermesser auf. »Habe ich mich verständlich ausgedrückt?«
Der Junge hielt den Atem an und nickte.
»Dann ist ja alles klar«, sagte Hirsch und marschierte zur Tür hinaus.
Ich starrte vom Pagen zum Portier und stand wie erstarrt da.
»Folgen Sie Janusz«, seufzte der Portier. Er war so damit beschäftigt, Hirschs zloty zu zählen, dass er nicht einmal aufblickte.
Ich war vorher noch nie in einem Hotel gewesen, hatte lediglich von außen die prächtigen Fassaden einiger der großen Häuser in Warschau betrachtet. Von dem hier hätte man wohl nie erwartet, dass es sich um ein Hotel handelte, wenn nicht das Schild draußen gewesen wäre. Es besaß keine Säulen oder eleganten Drehtüren. Schlimmer noch, es roch hier wie in einer Scheune. Janusz, der Page, kletterte mit meiner Reisetasche sehr rasch die Stufen hinauf, nahm sogar manchmal drei auf einmal. Als wir den zweiten Stock erreicht hatten, bog er scharf nach rechts ab, ließ meine Tasche fallen und hantierte mit einem alten Eisenschlüssel herum, den er in ein widerspenstiges Schloss schob. Dann versetzte er der Tür einen Tritt, woraufhin diese sich öffnete, und komplimentierte mich hinein. Es war ein trostloses Zimmer, das nach Zigarren und nach Schnaps roch. Selbst in dem düsteren Licht, das vom Flur hereindrang, konnte ich erkennen, dass die Wände schmutzig waren. Es gab ein winziges Bett mit einer durchgelegenen Matratze, gefüllt mit Rosshaar und Heu, und einen wackeligen Holzstuhl mit einem passenden Tisch. Eine Öllampe stand unangezündet darauf. Ein dreckiges Fenster blickte ins Nichts und gab keinen Hinweis darauf, wo ich mich in dieser Nacht befand. Ich ließ meine Habseligkeiten zu Boden fallen.
