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Der Fantasy-Roman Der Traumbrunnen erzählt die Geschichte von Brian O‘Day, einem schwulen, jungen Mann, der durch eine Serie unvorhergesehener und ungeplanter Ereignisse aus seinem eingespielten Alltag gerissen wird. Solche Veränderungen bringen immer die Möglichkeit eines grundlegenden Wandels mit sich, und Brian beschließt, diese zu nutzen. Ein mysteriöses Geschehen reißt ihn dann vollends aus seinem alten Leben. Seine Nachforschungen führen ihn auf eine Reise in ein neues Bewusstsein und ein neues Lebensgefühl. Und sie bringen ihn in eine Position, in der er für die Zukunft der Menschheit mitverantwortlich ist, zum Traumbrunnen – und zum Hüter der Träume
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Seitenzahl: 502
Veröffentlichungsjahr: 2008
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Über dieses Buch:
Der Fantasy-Roman Der Traumbrunnen erzählt die Geschichte von Brian O‘Day, einem schwulen, jungen Mann, der durch eine Serie unvorhergesehener und ungeplanter Ereignisse aus seinem eingespielten Alltag gerissen wird. Solche Veränderungen bringen immer die Möglichkeit eines grundlegenden Wandels mit sich, und Brian beschließt, diese zu nutzen. Ein mysteriöses Geschehen reißt ihn dann vollends aus seinem alten Leben. Seine Nachforschungen führen ihn auf eine Reise in ein neues Bewusstsein und ein neues Lebensgefühl. Und sie bringen ihn in eine Position, in der er für die Zukunft der Menschheit mitverantwortlich ist, zum Traumbrunnen – und zum Hüter der Träume.
2008
ISBN (Buch) 978-3-86710-049-6
ISBN (epub) 978-3-86710-033-5
ISBN (kindle) 978-3-86710-034-2
ISBN (pdf) 978-86710-035-9
1. Veränderungen
2. Die Suche
3. Trommelschlag
4. Im Reservat
5. Zu Füßen des Ashkandras
6. Gräber
7. Ramon
8. Besucher
9. Gentaro
10. Die Entdeckung
11. Der Traumbrunnen
12. Der Herr der Träume
13. Der 13. Stamm
Verlagshinweis
Kapitel 1
Tom-tom tom-ta-ta-tom-ta-ta-tom-tom tom-tom tom-ta-ta-tom-ta-ta-tom-tom...
Anfangs war der Klang der Trommeln kaum wahrnehmbar. Aber nach und nach wurde der Sound lauter. Anscheinend fand irgendwo weit weg eine Parade statt, obwohl ich in den Lokalnachrichten nichts darüber gelesen hatte. Vielleicht war es eine spontane Veranstaltung – irgendeine Demonstration oder eine Technoparty. Wie auch immer, es war mir egal. Die Sommerwohnung meiner Eltern, in der ich mich zur Zeit aufhielt, lag weit davon entfernt auf dem obersten Stockwerk eines terrassenförmig angelegten Gebäudes nahe der Küste, irgendwo im Süden Virginias, und jede wie auch immer geartete Veranstaltung würde sicher dem Verlauf der Hauptstraße folgen. Also, was es auch war, die Lautstärke würde nicht so hoch werden, dass sie anfangen würde, mich zu stören.
Ich lag nackt auf einem Liegestuhl auf der Terrasse, schaute auf das Meer hinaus und ließ die Sonne auf mich herabbrennen. Ehe ich dem Leben wieder gegenübertrat, wollte ich mich noch gleichmäßig bräunen lassen. Es heißt, dass Sonne, Ruhe und Meeresluft die Gesundheit wiederherstellen, die Nerven und den Humor. Und das war genau das, was ich brauchte. Irgendwie war mein Leben aus den Fugen geraten, und ich musste die Dinge überdenken und alles, was geschehen war, neu einschätzen, denn meine Kollegen und Freunde sahen das alles ganz anders.
Kapitel 2
Als ich am nächsten Morgen meine Augen öffnete, wurde ich von der aufgehenden Sonne begrüßt, die in mein Gesicht schien. Ich hatte tief geschlafen und erwachte jetzt voller Zuversicht, dass alles gut werden würde. Ich war richtig energiegeladen und unternehmungslustig.
Während ich zum Frühstück Müsli aß, grübelte ich über die noch offene Frage nach, wo ich zum Wandern hin wollte. Da ich etwas außer Übung war, wäre es sicher das Beste, die Sache langsam anzugehen und mit einer Tour von 10-20 km Länge zu beginnen. Das wäre nicht allzu anstrengend, und ich würde mich schnell an die Belastung gewöhnen.
Nachdem das klar war, musste ich mir nur noch einen passenden Ort aussuchen. Anfänglich dachte ich da an Lee oder Wise County im Westen von Virginia, die beide an Kentucky grenzten. Aber mir wurde bald klar, dass ich dann den größten Teil des Tages auf den Highways verbringen würde. Darum sah ich mich nach einem näher gelegenen und leichter erreichbaren Platz um. Das andere Ende von Virginia konnte bis morgen warten. Schließlich entschied ich mich für den Dragon’s Tooth, der in der Nähe von Salem auf dem Appalachian Trail liegt. Er befand sich in vernünftiger Entfernung und versprach eine schöne Wanderung.
Also spülte ich das Geschirr, packte meine Sachen in den Caravan und war bald auf dem Weg in Richtung Salem.
Gegen Mittag kam ich an meinem Zielort an, irgendwo zwischen Catawba und New Castle. Nach der langen Fahrt war ich froh, den Caravan an einem schattigen Fleck auf dem Parkplatz abstellen zu können und in das üppige Grün der Appalachen einzutauchen. Der Pfad, dem ich folgte, führte anfangs mehr oder weniger sanft einem schmalen Bachlauf entlang nach oben. Der Weg war recht felsig, und als ich den Bach hinter mir ließ und höher stieg, wurden die Felsen größer. Und je höher ich kam, desto befreiter fühlte ich mich. Als ich am Lost Spectacle Gap ankam (was für ein Name!), einem Sattel zwischen einem Ausläufer des Cove Mountain zur Rechten und einer 30-40 m hohen Hügelkuppe zur Linken, machte sich schön langsam mein Mangel an Training bemerkbar. Ich legte einen kurzen Halt ein, um wieder zu Atem zu kommen. An dieser Stelle mündete der Seitenweg, dem ich bisher gefolgt war, in den eigentlichen Appalachian Trail, der irgendwo in North Georgia seinen Ursprung hat und irgendwo in Maine endet.
Ab hier wurde der Weg etwas schwieriger. Die Felsen wurden zu großen Felsbrocken, von denen manche hausgroß waren. Sie waren von Flechten verschiedener Farben bedeckt und von weichem Moos, üppigen Farnen und einem dichten Wald umgeben. Zwischen all dem funkelte der Granit, aus dem der ganze Berg bestand, im Sonnenlicht. Ich bewegte mich durch eine Symphonie aus Grünschattierungen und Licht. Und die Luft war weich und würzig. Es waren solche Augenblicke, deretwegen ich das Wandern so sehr liebte, auch wenn die steilen Felskanten, denen ich jetzt folgte, manchmal ein Gefühl von Gefährlichkeit aufkommen ließen.
Schließlich erhaschte ich erste Blicke auf den Dragon’s Tooth, den Drachenzahn, einer scharfen und sehr steilen, fast nadelförmigen Felsformation aus Tuscurona-Quarz, die 10-15 m über die umgebenden Felsen hinausragte. Als ich dann dort ankam, legte ich erst mal eine Pause ein und aß ein paar von den belegten Brötchen, die ich früher am Morgen zubereitet hatte. Während ich mich ausruhte, grübelte ich darüber nach, ob es möglich und ratsam wäre, ihn zu „erobern“. Der „Zahn“ war auf jeden Fall eine Versuchung. Ich studierte ihn aus verschiedenen Winkeln und beschloss, es zu riskieren. Also deponierte ich den Rucksack am Fuß der Nadel und begann sie zu besteigen, nur mit meiner Digitalkamera bewaffnet. Es war ein etwas gefährlicher Aufstieg, doch das war es wert. Ich hatte bestimmt die beste Aussicht der ganzen Gegend.
Cove Mountain war nicht die übliche Art von Berg, der eine mehr oder weniger gefaltete runde Basis und einen einzigen Gipfel hatte. Dieser Berg hier war ganz anders. Sein Kamm erstreckte sich ca. 5-6 km weit in einem halbkreisförmigen Bogen, so dass er auf mich wie der Rand eines linken Ohres wirkte. Und aus seinem Ohrläppchen erhob sich der Dragon’s Tooth wie ein Ohrstecker. Von hier aus fiel der Kamm des Cove Mountain langsam nach unten. Das andere Ende des Ohrs lag etwa 200-300 m tiefer als der Dragon’s Tooth. Das verschaffte mir einen klaren Blick auf die ganze Länge des Cove Mountain und seines einfach geformten Kammes, der auch Dragon’s Backbone genannt wurde, das Rückgrat des Drachen. Dieser Ausblick ist ein weiterer Grund, weswegen ich so gerne wandere. Auf dem Gipfel eines Berges kann man, wenn man halbwegs offen ist, eine gewaltige Weite und innere Freiheit fühlen und einen tiefen, unerschütterlichen Frieden, als ob sich etwas vom Charakter des Berges mitteilen würde. Kleine Häuser, falls überhaupt erkennbar, und die geschäftigen Straßen erschienen dann so weit weg und winzig, fast unwichtig. Es war, als ob die Maße dieser Welt und ihre Probleme zurechtgerückt und auf ihren Platz verwiesen würden.
Nachdem ich mein Herz und Sein ausgiebig mit Weite, Ruhe und Frieden gefüllt hatte, machte ich ein paar Fotos, die ich später am Computer zu einem hochauflösenden 360°-Panorama zusammenfügen wollte. Dann stieg ich langsam und vorsichtig wieder hinab.
Zurück auf sicherem Boden schulterte ich meinen Rucksack. Jetzt gab es zwei mögliche Wege, zwischen denen ich wählen musste: den Kamm des Berges, laut Wanderführer ein landschaftlich sehr schöner Weg, aber recht felsig, oder den älteren Appalachian Trail, der das bergige Ohrläppchen hinab zum Zentrum des Ohres führte. Ich könnte aber dem einen wie dem anderen nur eine Zeitlang folgen, da ich bald umkehren musste, denn dieser Weg machte keine Schleife, die zum Parkplatz führte.
Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit und stieg gemächlich in das gut geschützte Tal hinab. Anfangs war der Weg steil und von scharfen Felsen gesäumt, aber tiefer unten wurde alles sanfter und weicher.
Nachdenklich wandten sich meine Gedanken den Ereignissen zu, die so plötzlich zu einem Wandel in meinem Leben geführt hatten. Obwohl die ganze Angelegenheit an sich ziemlich unangenehm gewesen war, hatte sie doch eine emotionale Befreiung mit sich gebracht, und in gewisser Weise auch das Ende einer Lüge. Dieses ganze Geld-Business war etwas, das ich innerlich verabscheute, auch wenn es bis zu einem gewissen Grad vielleicht notwendig für unsere gegenwärtige Zivilisationsform war. Dass ich diesen Beruf gewählt hatte, war eine Art Annehmlichkeit gewesen, praktisch, zweckmäßig – aber ihn länger beizubehalten, war ein Fehler, eine Lüge. Er hatte nicht wirklich etwas mit mir zu tun, mit meinem Charakter, mit meinem inneren Wesen. Ich hätte diesen Job als eine Zwischenstation nehmen sollen, als einen Hafen, von dem aus ich nach der wahren Sache Ausschau halten konnte, als eine Möglichkeit, die Dinge ohne Druck zu überdenken. Das wäre der wirkliche Platz dieser Arbeit in meinem Leben gewesen.
Also war es mein Unwille. mich zu verändern und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, der schließlich all diese unangenehmen Ereignisse bewirkt hatte. Es war so gesehen letztlich alles meine eigene Schuld.
Aber jetzt wurde mir diese Gelegenheit erneut zuteil. Für den Augenblick war ich mehr oder weniger frei von äußerem Druck und hatte genug Muße, die noch immer ungelöste Frage zu erkunden, was ich mit meinem Leben anfangen sollte.
Das war für mich weiterhin ein Mysterium. Aber nach einigen Tagen des Nachdenkens hatte ich zumindest meine Finger auf etwas gelegt, das bei dieser Bemühung hilfreich sein könnte. Und im Augenblick war ich jedenfalls entschlossen, diese neu auftauchenden Hilfestellungen deutlich wichtiger zu nehmen.
Die erste davon hieß Wahrheit.
Ich würde viel nach innen blicken müssen, um sie zu finden. Bislang hatte ich den sozialen Druck, Erwartungshaltungen und Konventionen mehr berücksichtigt als meine Innenansicht der Dinge. Natürlich würde ich zu einer Art Soziopath werden, wenn ich nur mich in den Mittelpunkt stellte. Und immer die Wahrheit zu sagen wäre, so sehr es in der Theorie auch das Beste scheint, doch unsensibel und würde unter Umständen einen Abgrund auftun, den zu überbrücken ich nicht mehr imstande wäre. Nein, Wahrheit bedeutete zuallererst, mir selbst gegenüber ehrlich zu sein und keine Illusionen zu schaffen, die ich dazu verwenden könnte, den Brennpunkt meines Bewusstseins von schmerzlichen Einsichten abzuwenden. Wenn ich nun so darüber nachdenke, dann bedeutet das Streben nach Wahrheit letztlich, der tieferen Seiten in mir zunehmend gewahr zu werden und ihnen mehr Raum einzuräumen.
Die zweite Hilfestellung ist die Bereitschaft zur Veränderung, wenn Veränderung nötig ist, und nicht vor dem Durcheinander zurückzuschrecken, das Veränderung manchmal mit sich bringt. Ohne Wandel gibt es keinen wirklichen Fortschritt. Und vielleicht erleichtert das Durcheinander sogar das Finden oder Schaffen einer neuen Harmonie oder einer neuen Sichtweise. Wandel ist schließlich eines der Prinzipien, die hinter der Evolution stehen und er wirkt der Entropie entgegen. Ich wusste natürlich, dass alte Leute, die ihr ganzes Leben lang neuen Herausforderungen gegenüberstanden, leichter geistig fit blieben, während Menschen mit unbeweglichen Ansichten dazu neigten, an einem Rückgang ihrer geistigen Fähigkeiten zu leiden, an einer Art Entropie des Geistes.
Natürlich bedeutet Wandel auch Anstrengung. Und obwohl ich die Anstrengung beim Wandern ganz gerne mag, so scheue ich doch vor Anstrengungen zurück, die Auswirkungen auf mein Leben haben und die Entscheidungen verlangen.
Nun, wenn ich das richtig sah, wäre für diese beiden Punkte eine feste Entschlossenheit nötig sowie eine nicht nachlassende Bemühung, diesen Entschluss umzusetzen. Aber auf Dauer gesehen sollten sie zu einem glücklicheren und wirklicheren Leben führen. Und es wäre sicherlich viel interessanter, als hinter einem Schalter zu sitzen. So fühlte ich mich im Augenblick froh und entspannt und blickte zuversichtlich in die Zukunft.
Und dann war es plötzlich wieder da: Tom-tom tom-ta-ta-tom-ta-ta-tom-tom tom-tom tom-ta-ta-tom-ta-ta-tom-tom... Die Trommeln waren wieder zurück.
In der Aufregung um den Ausflug hatte ich sie vollkommen vergessen. Bislang fand ich die ganze Angelegenheit zwar recht seltsam, hatte aber keinen direkten Zusammenhang mit mir selbst gesehen. Ich dachte eher an eine geheimnisvolle Tonquelle in der Stadt, die eine seltsame Frequenz von sich gab, für die ich womöglich besonders empfindlich war. Aber jetzt befand ich mich tief im Becken von Cove Mountain, umgeben von massivem Fels, ein paar hundert Kilometer vom Strand entfernt. Kein Ton, weder Infra- noch Ultraschall reichte so weit. Und die Intensität und Fülle des Klangs waren absolut unverändert. Das war sehr seltsam. Dieses erneute Auftauchen des Klangs brachte mich zum Nachdenken. Vielleicht konnten diese Trommeln wirklich nur von mir ganz allein gehört werden und hatten nur für mich eine Bedeutung, über die ich gegenwärtig noch nicht einmal Vermutungen anstellen konnte.
Ich blickte auf meine Uhr. Das Trommeln hatte so gegen 14.10 Uhr Eastern Standard Time angefangen. Gestern und vorgestern hatte ich nicht auf die Uhr gesehen, aber es muss etwa zur selben Zeit angefangen haben. Und zumindest gestern dauerte es etwa eine Stunde. Heute würde ich die Zeit stoppen.
Und da ich natürlich einen Kompass bei mir hatte, wollte ich versuchen, die Richtung herauszufinden, aus der das Trommeln kam. Ich nahm also den Kompass und versuchte die Richtung zu eruieren, was sich als ein etwas schwieriges Unterfangen herausstellte, da der Klang in meinem Kopf zu entstehen schien, ohne Zuhilfenahme der Ohren. Ich konnte nur die allgemeine Richtung feststellen. Er kam von Westen, mit ein paar Grad südlich. Das westliche Ende Virginias, also Lee und Wise County lagen in dieser Richtung. Und das war die Gegend, in die ich ohnehin ursprünglich gefahren wäre, wenn es dann nicht zu spät zum Wandern gewesen wäre.
Nun, ich hatte kein wirkliches Ziel, war also frei, meine Pläne jederzeit zu ändern. Ursprünglich hatte ich eine Wandertour von mehreren Tagen geplant, und auf dem Weg hinauf zum Dragon’s Tooth hatte ich mehrere vielversprechende Örtlichkeiten gegeneinander abgewogen. Aber nachdem es jetzt doch so aussah, als ob diese Trommeln irgendwie mit mir zu tun hatten, wollte ich versuchen, ihnen zu folgen, ehe sie anfingen, mir auf die Nerven zu gehen, denn mittlerweile war ich überzeugt, dass ich sie morgen zur gleichen Zeit wieder hören würde, und in den folgenden Tagen ebenso, vor allem, da diese Annahme von einer unerklärlichen inneren Gewissheit und einer Art Ziehen begleitet war. Das war also eine beschlossene Sache, und auf diese Weise würde ich auch ein nettes kleines Abenteuer haben.
Nachdem ich nun ein vorläufiges Ziel vor Augen hatte, hielt ich es für das Beste, zum Caravan zurückzukehren, statt tiefer in das Becken vorzudringen. Ich könnte sofort nach Lee County aufbrechen und die Nacht auf einem Campingplatz verbringen. Am Morgen würde ich etwas wandern, und sobald die Trommeln anfingen zu schlagen, würde ich in den Wagen steigen und dem Klang folgen.
Und damit drehte ich mich um und fing an, wieder zum Dragon’s Tooth hinaufzusteigen. Als ich etwa eine Stunde später oben ankam, hatten die Trommeln, wie ich es erwartet hatte, aufgehört zu schlagen. Ohne weiteren Aufenthalt nahm ich den Abstieg zum Parkplatz in Angriff. Wie immer war der Abstieg schwieriger als das Hinaufklettern, auch weil die Stufen steil und die Felsen scharfkantig waren. Aber ich brachte den schwierigen Abschnitt zum Lost Spectacles Gap ohne abzurutschen hinter mich.
Nach einer kleinen Pause wandte ich mich nach rechts, um dem Appalachian Trail zu folgen, statt auf dem Weg zurückzukehren, auf dem ich gekommen war. Der Weg führte jetzt steil, aber ohne Hindernisse auf den Gipfel der Hügelkuppe. Oben hatte man einen weiteren klaren Ausblick auf die Landschaft um den Cove Mountain herum: Catawba Valley, Tinker Cliffs, McAffee Knob und Sharp Top. Rhododendron-Dickichte, die zwischen den Bäumen wuchsen und jetzt, Ende Mai, in üppiger Blüte standen, fügten sich vorteilhaft in die Landschaft ein. Auf dem größten Teil der Kuppe leuchtete alles um mich herum in hellrosa bis fast purpurnen Tönen. Dem Wanderführer nach musste dies eine heimische Rhododendron-Art sein: Rhododendron catawbiense. Ich hatte Glück, dass ich zur richtigen Jahreszeit gekommen war, um diese Symphonie in Pink erleben zu können.
Nachdem ich die Szenerie in mich aufgenommen und zusätzlich ein paar Fotos und Nahaufnahmen gemacht hatte, folgte ich dem absteigenden Weg entlang eines schmalen, felsigen Grates, der Dragon’s Underbite genannt wurde, der Unterkiefer des Drachens, bis ich gegenüber einer anderen Hügelkuppe zu einem Punkt kam, an dem der Appalachian Trail scharf nach rechts abbog und sich der Boyscout Trail, der zum Parkplatz führte, die Hänge links des Hügels hinabwand.
Kapitel 3
„Was ist los mit dir, Minerva?“, fragte die junge Frau ein wenig irritiert. Sie schaute auf ihre Uhr. Es war jetzt 21.10 Uhr, und sie übten jetzt seit einer halben Stunde. Und Minerva konnte mit Leichtigkeit weit länger als eine Stunde trommeln, ehe ihre Konzentration langsam nachließ, selbst so spät am Abend noch. Aber keines der anderen Kinder schien Probleme mit der Konzentration zu haben. Vielleicht sollte sie eine kurze Pause oder für heute Schluss machen?
„Was meinst du? Eigentlich habe ich ganz gut gespielt, ehe irgendjemand anfing, einen völlig anderen Rhythmus zu schlagen. Ich kann meinen Rhythmus nicht halten, solange dieses ...“, sie zögerte etwas, „dieses seltsame Trommeln anhält.“ Dabei sah sie sich etwas erstaunt um. Niemand spielte noch, aber das Trommeln blieb bestehen.
„Das ist seltsam“, sagte sie. „Heute Abend ist unten im Omnidiet Hotel keine Konzertprobe. Kann es sein, dass im Dorf jemand übt?“ Fragend sah sie Mirakali an, die junge Frau, die für Navaveda verantwortlich war. Navaveda war die Bemühung Mirapuris, nicht nur die negativen Auswirkungen des öffentlichen Schulsystems zu kompensieren, sondern auch und vor allem, den Kindern von Mirapuri und Miravillage zu helfen, ihre ganz eigenen, einzigartigen Persönlichkeiten zu entwickeln und ihr psychisches Wesen zu stärken.
Aber Mirakali antwortete: „Ich kann keine Trommeln hören. Und außer den Trommeln hier waren auch keine anderen zu hören gewesen. Und bis vor einigen Augenblicken war alles in Ordnung.“
Und da sie wusste, dass Minerva nicht dazu neigte, Geschichten zu erfinden, fragte sie sie, ob der Klang noch immer zu hören war. Und wenn dem so war, ob sie ihn dann auf ihrer Trommel spielen könnte.
Minerva nickte und begann ihre Trommel zu schlagen: Tom-tom tom-ta-ta-tom-ta-ta-tom-tom tom-tom tom-ta-ta-tom-ta-ta-tom-tom...
„So geht das“, sagte sie. „Und es hat sich überhaupt nicht verändert.“ Sie schloss ihre Augen und hörte konzentriert zu. Dann fügte sie hinzu: „Und das Seltsamste dabei ist nicht nur, dass der Klang von dort kommt“, und sie zeigte etwa nach Osten „sondern auch aus der Erde, und zwar aus der gleichen Richtung, so als ob er von einem Platz irgendwo auf der Erde sowohl durch die Luft als auch durch die Erde hierher reist. Er kann eigentlich nicht von den Leuten aus dem Dorf kommen.“
„Ja, das ist wirklich seltsam“, stimmte Mirakali zu. „Aber was immer es ist, es wird vielleicht bald aufhören. Warten wir einfach ein paar Minuten.“
Sie warteten etwa zehn Minuten. Und als Minerva dann erklärte, dass es keinerlei Veränderung gab, beschlossen sie, morgen am späten Nachmittag weiterzuüben.
Dann gingen sie alle nach Hause, und als nach etwa einer Dreiviertelstunde das Trommeln stoppte, war Minerva sehr erleichtert.
Beim Üben am nächsten Tag ging alles gut und die Erinnerung an die Trommeln begann zu verblassen. Aber nach einem späten Abendessen mit ihren Freunden und Eltern setzten die Trommeln wieder ein. Es war die gleiche Zeit wie gestern. Und wieder hörten sie nach einer Stunde auf.
Als der Sound am nächsten Tag zur gleichen Zeit wiederkehrte, setzte sie sich hin, um zu meditieren oder sich zumindest zu konzentrieren und versuchte, einen Eindruck von Ursprung und Bedeutung des Klanges zu bekommen. Aber sie kam zu keinem überzeugenden Ergebnis.
Am nächsten Tag berief sie ein Mirapuri-Treffen ein, um dieses Phänomen mit den anderen zu besprechen. Um 9 Uhr abends versammelten sie sich in der Music Hall des Omnidiet.
Sie erzählte den anderen Mirianern, was jetzt an drei aufeinander folgenden Abenden geschehen war und fragte, ob jemand eine Ahnung hätte, was es mit diesem Trommeln auf sich hätte, oder ob sie vielleicht auch jemand anderes hören konnte. Aber es war für alle ein ziemlich seltsames und unbekanntes Ereignis.
Es war nur ein anderes seltsames Klangphänomen bekannt, das jetzt schon seit einigen Jahren viele Leute auf der ganzen Welt belastete. Es war dies ein Geräusch, das nur von einigen Menschen gehört wurde, die ähnliche Wahrnehmungen seiner Lautstärke und seines Auftretens hatten. Es war ein niederfrequentes Geräusch, das oft ziemlich laut und störend war.
Aber die einzige Verbindung zu Minervas Wahrnehmung war die begrenzte Anzahl von Personen, die den Klang hören konnten. Doch anders als bei diesem Geräusch, war der Klang, den Minerva hörte, kein Geräusch, sondern ein rhythmischer und sogar melodischer Trommelschlag, der nicht gerade unangenehm war.
Als Minerva um 21.10 Uhr verkündete, dass die Trommeln wieder zu schlagen begonnen hatten und sie auf ihrer Trommel ein paar Takte mittrommelte, wurden alle still, und einige schlossen ihre Augen und versuchten, Zugang zu dem Klang und seinem Ursprung zu finden. Nach einer halben Stunde hatte die Mehrheit ihre Bemühungen aufgegeben. Doch nur einer von ihnen, Michel, sagte, dass er einen kurzen Eindruck von dem Klang gewonnen hatte.
„Sag mir, Minerva“, fragte er, „was hast du von diesen Trommeln für einen Eindruck? Was ist dein Gefühl?“
„Nun“, antwortete sie, „gestern Abend habe ich versucht, mich in diesen Klang hineinzuversetzen. Aber obwohl ich nicht sehr erfolgreich war, habe ich zumindest den Hauch einer Ahnung. Ich glaube, dass der Klang ein Ruf ist, aber er ist im Moment nicht dringend. Er scheint eher so etwas wie eine Ankündigung zu sein, oder ein Hinweis auf Dinge, die in einer mehr oder weniger fernen Zukunft auftauchen könnten.“
„Das stimmt mit meiner eigenen flüchtigen Wahrnehmung überein. Irgendwann in der Zukunft wirst du für eine Aufgabe oder Erfahrung zu dem Platz gerufen werden, von dem dieser Klang ausgeht. Der Einfluss ist nicht feindselig, du brauchst dir also keine Sorgen zu machen. Was die Natur des Klangs angeht, so kann ich nur sagen, dass er an deine Seele gerichtet ist und eine psychische Schwingung hat. Es wäre für dich, wie auch für jeden anderen, wichtig, eine bessere Wahrnehmung deiner Seele zu entwickeln. Sie kann dir immer helfen und dich führen.“
* * *
Kapitel 4
Die Sonne stand hoch am Himmel. Ihre Strahlen fanden ihren Weg durch Lücken zwischen den Stöcken, die das Gestänge bedeckten, welches im Spätsommer wahrscheinlich benutzt wurde, um Unmengen flammendroter Chilies und goldenen Mais zu trocknen. Aber zur Zeit hingen nur ein paar Bunde aromatischer Kräuter in dem Schatten, den das Gestänge bot. Und da ich darunter saß, profitierte auch ich davon.
Im Augenblick schien sich niemand um mich zu kümmern, so dass ich genügend Zeit hatte, die Atmosphäre im Inneren des Xemos Pueblo in mich aufzunehmen. Ich vermutete, dass kaum ein weißer Mann je seinen Fuß in diesen intimen und etwas versteckten und unerwarteten Teil des Pueblo gesetzt hatte. Dies war nicht das Gesicht, das der Stamm nach außen zeigte, etwa mit dem Töpferladen oder den Webrahmen oder den anderen üblichen Manifestationen folkloristischer Show für Touristen, die wahrscheinlich für den größten Teil des Stammeseinkommens verantwortlich waren. Dies hier war das eigentliche Leben des Stammes.
Ich saß auf einer schweren, handgewobenen Decke, für mich von einer Frau ausgebreitet, die zwei kleine Kinder mit großen Augen im Schlepptau hatte. Später hatte sie mir dann eine Tasse mit dampfendem Kräutertee hingestellt.
Der Boden dieses Hofes bestand zum Teil aus staubiger und steiniger Erde, zum Teil aus Fels, der zum Abhang der Bergfaltung gehörte, um die herum der Pueblo gebaut war. An den Wänden der umgebenden Häuser hob sich ab und zu etwas Grün eines unbekannten Strauches gegen die weißgewaschenen Wände ab, welche hauptsächlich aus Adobe, ab und zu aber auch aus Stein gefertigt waren.
Zu Füßen des Pfahls zu meiner Linken hatte ein Kaktus Wurzeln geschlagen. Er hatte mehrere schlanke, leicht verzweigte Triebe, die den Pfahl als Stütze nahmen, um näher zum Licht zu gelangen. Mehrere Knospen, die sich locker über die Triebe verteilten, deuteten darauf hin, dass er wohl in ein paar Tagen blühen würde. Da ich ein wenig über Kakteen Bescheid wusste, vermutete ich, dass es eine Cereus-Art war, vielleicht sogar eine nachtblühende Art. Es hieß, dass diese einen angenehmen Duft hätten, und ich fragte mich, ob ich ihn in der Nacht blühen sehen würde – wenn ich lange genug hier bliebe.
Kapitel 5
Als ich am nächsten Morgen erwachte, hörte ich die Geräuschkulisse von draußen. Da spielten und lachten und lärmten Kinder. Da unterhielten sich Leute oder sangen zu einer monotonen Tätigkeit. Wahrscheinlich war jemand damit beschäftigt, Mais zu mahlen oder Decken zu weben. Es war eine friedvolle Atmosphäre und ich fühlte mich wohl. Und ich hatte einen schönen Traum von den Blüten des gestrigen Abends gehabt.
Dann tauchte die Erinnerung an den vergangenen Tag an die Oberfläche meines Bewusstseins, und ich erinnerte mich plötzlich, wo ich war – und was ich getan hatte. Ich hatte zugestimmt, lebenslanger Hüter des heiligen Berges des Stammes der Xemos zu werden. Das war letztlich das Ergebnis, das aus den Trommeln entstanden war, die ich vor beinahe zwei Wochen am anderen Ende des Landes gehört hatte.
Und jetzt hatte ich eine verantwortungsvolle Stellung, für die ich nicht bezahlt werden würde, da sie so eine Art Ehrenamt war. Ich war etwas schockiert, als sich mein Geist mit Bildern füllte, welche die Auswirkungen zeigten, die diese Entscheidung auf mein Leben haben würde. Aber trotz allen mentalen Argumentierens hatte es sich zu dem Zeitpunkt richtig angefühlt – und es fühlte sich immer noch richtig an. Und die Entscheidung hatte auch eine große Ruhe mit sich gebracht, die über Nacht sogar tiefer geworden war. Ganz tief in meinem Innern wusste ich, das ich meinen ureigenen Platz im Leben gefunden hatte. Und früher oder später – davon war ich plötzlich überzeugt – würden die übrigen Teile meines Lebens auch an ihren rechten Platz gelangen.
Ich lächelte und setzte mich auf. Dies würde ein interessanter Tag werden.
Als ich hinausging, wartete die Gruppe von gestern bereits mit dem Frühstück unter dem Gestänge, unter dem ich schon den gestrigen Nachmittag verbracht hatte, auf mich. Sie waren alle in guter Stimmung, und wir sprachen bald über die nächsten Schritte.
Nach dem Frühstück, als wir uns für die Abfahrt bereit machten, kam eine junge Frau mit einem kleinen Kind zu uns. Sie wurde mir als Nova, die Frau von Ramon, vorgestellt. Sie war eine nette junge Frau, und das Kind, ein Mädchen namens Lenmana, schien wenig mehr als ein Jahr alt zu sein. Während sie sich lange zum Abschied umarmten, da Ramon ab jetzt hauptsächlich beim Ashkandras leben würde, hielt ich sie kurz. Sie war ein liebes kleines Mädchen, das mich sogar anlächelte.
Schließlich waren wir alle bereit, und wir machten uns auf den Weg zum Ashkandras, dem endgültigen Ziel meiner Abenteuerreise. Im ersten Wagen, einem alten Pick-up von undefinierbarer Farbe, fuhren Ramon und Peter, dann kam ich mit meinem Wagen, und im letzten Wagen saßen der Chief und die Schamanin.
Es war ein heißer, strahlender und klarer Tag, wie es vermutlich die meisten Tage hier in der Gegend waren. Wir folgten dem Weg, über den ich angekommen war, zurück zur Hauptstraße. Dann fuhren wir nach Westen durch Grant County in das Hidalgo County. Die Straße war zwar kein richtiger Highway, aber zumindest geteert und nicht völlig vernachlässigt. Nach einiger Zeit bogen wir nach Süden ab und viel später nach Osten in einen schmalen Feldweg. Sogleich wurden wir von einer Staubwolke eingehüllt, die uns die nächsten zehn Kilometer begleitete. Wir fuhren jetzt auf eine Bergkette zu, die sich von Norden nach Süden erstreckte. Was aus der Entfernung klein und unbedeutend erschien, wurde zunehmend eindrucksvoller, als wir uns dem höchsten Berg in der Gegend näherten. Während im Norden von New Mexico und in den angrenzenden Staaten die Berge entlang dem Rio Grande flache Gipfel hatten und im Wesentlichen auf die gleiche Weise wie der Grand Canyon entstanden waren, also durch die erodierende Kraft des Wassers, waren die Berge in dieser Gegend hier richtige Berge, deren Ursprung entweder Vulkane waren oder der Zusammenprall tektonischer Platten. Wie alles um uns herum, wurde ihre Farbe beherrscht von Ocker, Rostbraun und Grau und von ein paar grünen Flecken aufgelockert. Und obwohl hier etwas gelbes Gras wuchs, war dies Teil einer Wüste, der Chihuahua-Wüste.
Schließlich fuhren wir durch einen Torbogen. Er war aus Stein gemacht. Einst war er wohl verputzt gewesen, aber jetzt war der Großteil des Putzes abgefallen. Auf dem Bogen, der die beiden Säulen verband, die seitlich in eine symbolische, dreieckige Wand ausliefen, konnte man Reste von Buchstaben erkennen, aber nicht genug, um ein einziges Wort zu entziffern. Und wir hielten auch nicht an, um das Tor in genauen Augenschein zu nehmen.
Die Fahrt hatte bis jetzt etwa zwei Stunden gedauert und war ziemlich ereignislos, um nicht zu sagen langweilig verlaufen. Aber jetzt, da ich in die Gegend kam, in der ich einen guten Teil meines Lebens verbringen würde, fühlte ich ein erstes Kribbeln.
Ich wunderte mich noch immer ein wenig, was mich wohl veranlasst hatte, mit diesem „Job“ einverstanden zu sein. Dieser berühmte „Sense of Wonder“ hatte gewiss mitgespielt, unterstützt von diesen mystischen und irgendwie unwirklichen Trommeln. Ohne die Trommeln und die sich daraus ergebende Reise würde ich über diesen seltsamen Vorschlag sicherlich nicht weiter nachgedacht, sondern ihn rundweg abgelehnt haben. Doch das Erlebnis der Trommeln hatte mich für neue Ideen geöffnet, und die Entwurzelung durch den Verlust des Jobs hatte sicher auch ihren Anteil.
In gewisser Weise hatten die vergangenen Wochen eine Wirkung, als wäre ich in meine verschiedenen Bestandteile zerlegt worden und würde jetzt auf neue Weise wieder zusammengesetzt. Das war eine ganz einzigartige Chance. Das alte Leben lag hinter mir und ich konnte mein Leben neu gestalten. Hätte ich einen schönen Job und einen Partner gehabt, dann hätte mir gewiss die Kraft gefehlt, etwas Neues anzufangen; ich wäre der Welt gegenüber gleichgültig gewesen. Vielleicht war dies wirklich die Gelegenheit für einen Neuanfang. Vielleicht war es das Gefühl, gebraucht zu werden, das ich das erste Mal in meinem Leben verspürte. Vielleicht war es der Ruf meines ureigensten Platzes in dieser Welt. Vielleicht war es eine versteckte Macht tief in mir. Wie auch immer – es war nicht mehr wirklich von Bedeutung.
Ein paar hundert Meter weiter erschien, nach einer Kurve um einen großen Fels herum, ein Haus in der Ferne, oder eher eine Hacienda.
Es war ein großes, weiß getünchtes, zweistöckiges Gebäude mit dem üblichen Flachdach, das die Häuser dieser Gegend aufwiesen. Und obwohl es überhaupt nicht kriegerisch aussah, erweckte seine Lage den Eindruck einer Festung. Es befand sich am Fuße des Ashkandras und schmiegte sich so in seine Ausläufer hinein, dass das Tal hinter der Hacienda nur durch ihr Eingangstor zugänglich war oder indem man das Haus kletternderweise umging. Das Gebäude erstreckte sich von Südwesten nach Nordosten und war locker 80 m breit, was bedeutete, dass es viel größer war, als meine frühere Wohnung und alles, worin ich je gelebt hatte. Auf den Ausläufern rechts und links davon standen einige verhältnismäßig große Bäume, der bläulichen Farbe nach zu urteilen wahrscheinlich Wacholder. In diesem Klima bedeutete das, dass sie wahrscheinlich ziemlich alt waren. Die Hänge waren von Büschen und einigen Yuccas nur spärlich bedeckt, wenngleich sie an den Kämmen links und rechts dichter zu sein schienen. Der defensive Charakter des Gebäudes wurde durch einen Säulengang gemildert, der über das gesamte Erdgeschoss reichte. Seine Decke war gleichzeitig der Balkon für den ersten Stock, zu dem sich zwei Türen und ein paar Fenster öffneten. Die Fenster waren klein, aber die Fenster im Erdgeschoss waren noch kleiner und weniger.
Unser Weg führte uns geradewegs zu einem großen Tor. Wir hielten an und Ramon öffnete die Torflügel. Sie gaben den Zugang zu einer Durchfahrt frei, die weit genug war, um mit den Wagen in den Innenhof fahren zu können.
Der Platz, an dem wir parkten, war gepflastert, wie auch der Großteil der Fläche links und rechts davon entlang des Hauses und unter dem Säulengang, der fast ein Zwilling des äußeren Gebäudeteils war. Aber hier gab es auch zu ebener Erde Türen und mehr und größere Fenster auf beiden Stockwerken. Die Räume im Erdgeschoss des, von innen her gesehen, linken Gebäudeflügels müssen wohl für Ställe und als Arbeitsplatz genutzt worden sein, denn dort gab es mehrere große Tore. Ein Teil davon würde mittlerweile bestimmt als Garage dienen. Zum oberen Stockwerk führten vier Treppen, je eine an den beiden Hausenden, die zum Teil über den Abhang führten, sowie an den beiden Seiten der Tordurchfahrt
Ich sah mich staunend um. Zu der Zeit, als das Haus gebaut worden war, musste es ein luxuriöses Domizil der Oberschicht gewesen sein. Und es hatte etwas von dem ursprünglichen Glanz bewahrt, obwohl die Spuren langen Gebrauchs deutlich zu sehen waren.
Die Säulen, die den Balkon trugen, und die Balustrade waren von Wein überwuchert, was dem Platz ein anheimelndes Gefühl verlieh. Hier und da bildeten große Blumentöpfe kleine Inseln auf der riesigen Terrasse. Der Platz war zauberhauft, und ich verliebte mich sofort in ihn.
Ich habe Blumen immer geliebt, aber bislang hatte ich nie die Möglichkeit gehabt, mich um diese Liebe zu kümmern. Der Garten zu Hause hatte hauptsächlich aus sauber gemähtem Rasen bestanden, der von ein paar Bäumen und Sträuchern eingefasst wurde. Und meine Wohnung war allenfalls für ein paar kleine Blumentöpfe geeignet. Als ich jetzt über die Terrasse in das Tal hinausschaute, hatte ich eine große Fläche vor mir, die nur teilweise kultiviert wurde, wahrscheinlich weil Peter schon recht alt war. Aber ich beschloss hier und jetzt, dass ich mich mit Gartenbau und Landwirtschaft vertraut machen würde.
Das Tal hatte eine grob ovale Form, und das Haus war dort platziert, wo sich die Enden der beiden Ausläufer einander zuwandten, so dass die Fläche diesseits des Gebäudes etwas breiter als das Haus selbst war. Der sanfte Anstieg des Tals auf den Ashkandras zu war von niedrigen, flachen Terrassen geprägt. Weiter entfernt, vor einer Biegung, wandelte sich das Tal langsam in einen Arroyo, in dessen Tiefen der Blick nicht vordringen konnte.
Über der Szenerie ragte der Ashkandras empor, dessen Gipfel schätzungsweise 400-500 m über der Höhe des Hauses lag. Seine Farbe unterschied sich nicht wesentlich von der umgebenden Wüste: graues bis gelbes Ocker. Von seinem Gipfel aus hatte man sicher einen guten Ausblick in jede Richtung. Der Fels war wahrscheinlich größtenteils unbewachsen. Nur an geschützen Plätzen in den tieferen Regionen gab es da und dort grüne Flecken, die aus ein paar Bäumen und Büschen bestanden. Die Ausläufer, die dieses Tal formten und schützten, waren locker mit Büschen und mit Reihen und Dickichten von Opuntien bedeckt, die aussahen, als ob sie dort angepflanzt worden waren.
Auf den linken Ausläufer war oberhalb des Hauses ein großes Wasserreservoir gebaut worden, das von einer windbetriebenen Pumpe im Tal gespeist wurde.
Von dort trat jetzt ein Mann hervor. Er hatte etwa das Alter des Chiefs und ein unbewegtes, wenn auch nicht unfreundliches Gesicht. Er war vermutlich Peters ‚Beschützer‘ und Unterstüzung von den Xemos.
Er kam ohne Hast auf uns zu und Chief Julio ging ihm entgegen. Zur Begrüßung berührten sich ihre Hände leicht und sie schauten einander ein Zeitlang in die Augen. Dann erschien ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht des Mannes. Sie tauschten ein paar Worte und kamen dann zu uns. Julio stellte ihn mir als Cajo Running Rabbit vor. Er hatte ein angewittertes Gesicht mit vielen Falten und ergrauendem Haar und einem offenen und direkten Blick.
Nach der Begrüßung führte er uns tiefer in das Tal. Ich war erstaunt. Ich hatte erwartet, dass man mir das Haus zeigen würde, dass wir etwas Tee trinken, über technische Fragen sprechen und später einen Blick auf den Garten werfen würden. Während wir einem steinigen und staubigen, gewundenen Weg folgten, wies Cajo Ramon auf mehrere Stellen hin, auf denen Mais und andere Pflanzen wuchsen, und manchmal gab er längere Kommentare dazu ab. Nach einer Weile rückten die Hänge der Ausläufer des Berges näher zusammen und der Pfad wurde etwas steiler. Hinter einer Biegung erspähte ich schließlich eine Feuerstelle mit einigen lose darum verstreuten Felsen, die von ein paar Büschen und Opuntien umgeben war. Ich nahm an, am Ziel unseres Weges angekommen zu sein, aber ich irrte mich wieder. Wir betraten den Platz, aber statt uns zu setzen, gingen wir durch eine Lücke zwischen den Büschen weiter, die zu einem engen Pfad führte, der dem Arroyo folgte, dem das Tal mittlerweile Platz gemacht hatte. Nachdem wir höher gestiegen und Felsen umrundet hatten, standen wir plötzlich vor einer Höhle. Der Eingang war umgeben von verwitterten Felszeichnungen verschiedener Helligkeit, die auf unterschiedliches Alter hinwies. Ein paar Schritte innerhalb waren einige Fackeln gelagert und ein paar davon wurden jetzt entzündet. Mit den Fackeln betraten wir jetzt die Welt innerhalb des Ashkandras.
Nach etwa 50 kurvigen Metern kamen wir in eine Grotte und hielten hier an. Irgendwo von rechts erfüllte ein sehr schwaches Licht die unterirdische Dunkelheit. Durch einen tiefen Spalt in der Wand drang ein schwacher Lichtstrahl ein, der die Nacht innerhalb der Grotte weniger tief erscheinen ließ. Von meinem Standort aus konnte ich ein paar Reflexe auf der Oberfläche eines Teiches sehen, der die Höhle füllte, aber ich konnte nicht erkennen, ob es auf der anderen Seite einen Weg gab, der tiefer in den Ashkandras hineinführte. Den Teich schätzte ich auf etwa zwanzig Meter Durchmesser. Was ich aber erkennen konnte, waren ein paar glatte Steine, die im Wasser lagen und eine Art Weg bildeten, der zu einer kleinen Insel von nur vier oder fünf Metern Durchmesser im Mittelpunkt des Teiches führte.
Über die Trittsteine führte uns die Schamanin auf die Insel, die im Wesentlichen ein glatter, flacher Felsen war. Als wir alle dort waren, streckte sie ihre Fackel hoch in den Felsenhimmel und die anderen Fackeln folgten ihrem Beispiel. Ich sah nach oben und rief aus: „Whow! Das ist ja fantastisch!“
Das Licht der Fackel wurde von der Oberfläche des Domes reflektiert. Und das, was reflektierte, sah aus wie reines Gold, das wie ein unregelmäßiges Spinnennetz aus dicken goldenen Fäden an allen Seiten der Höhle herablief und im Berg verschwand. Zwischen den Adern eingebettet waren kleine, kristalline Einschlüsse oder Kristalle, die im flackernden Licht wie Sterne blinkten.
Zweifelsohne war all dies natürlichen Ursprungs, und ich zählte es sofort zu den Weltwundern, ein Wunder, das schnell zerstört würde, sollten jemals gierige Menschen, wie sie zur Zeit immer noch die Angelegenheiten der Welt regelten, von diesen Reichtümern erfahren.
Nach einiger Zeit führte uns der Chief zurück nach draußen. Nur die Schamanin blieb zurück. Als wir sie verließen, saß sie auf der Insel und holte ein paar Dinge aus ihren zahlreichen Taschen hervor. Als wir uns dem Ausgang näherten, konnte ich hören, dass sie einen monotonen Gesang angestimmt hatte. Schweigend gingen wir zum Haus zurück. Im Innern des Berges war es ziemlich kühl gewesen, und als wir jetzt die Höhle verließen, wurden wir sofort von einer brütenden Hitze eingehüllt. Nach der kühlen Dunkelheit erschien alles wärmer und leuchtender und bis zum Rand mit Leben erfüllt.
Als wir zum Haus zurückkamen, führte uns Peter zu einem kuscheligen Platz auf der Terrasse, der von einer Pergola, die von Wein überwuchert und von einigen Topfpflanzen umgeben war, in leichten Schatten getaucht wurde. Es gab einen Tisch und ein paar Korbsessel. Während wir Platz nahmen, gingen Cajo und Peter ins Haus und kamen kurz danach mit zwei zusätzlichen Stühlen, einer Schale Brownies und ein paar Tassen und Zucker zurück. Später brachte Peter noch Kräutertee.
In Ruhe und Frieden schlürften wir eine Zeitlang unseren Tee, dann sprach ich Julio an: „Kannst du mir mehr über den Ashkandras erzählen, und was er für dein Volk bedeutet?“
Er schloss seine Augen und nachdem er etwas nachgedacht hatte, schaute er mich an und begann zu sprechen: „Wie du mittlerweile weißt, hat der Ashkandras eine große Bedeutung in unserer...“, er zögerte etwas, „... Mythologie. Wir, also die Indianer, versuchen immer ganzheitlich zu sein. Wenn etwas Teil unserer Mythologie ist, dann ist es auch Teil unseres Lebens. Sonst würden wir nur so tun als ob. Für uns ist der Ashkandras ein Teil unserer Mutter Erde, an dem man ihre Gegenwart viel unmittelbarer spüren kann. So wie die Beziehung eines jeden zu seiner Mutter ganz speziell ist, so ist auch die Beziehung zum Ashkandras für jeden anders.
Wir suchen in ihm ihre Gegenwart, wenn wir ihren Trost suchen, ihre Hilfe oder ihren Rat, aber auch, wenn wir glücklich sind und möchten, dass sie an unserer Freude teilhat.
Wer den Ashkandras besuchen möchte, startet für gewöhnlich vom Pueblo aus und wandert den ganzen Weg, bis er hier ankommt, obwohl es keine unveränderliche Regel gibt. Dann sucht er oder sie sich eine der vielen kleinen Höhlen aus, um für ein paar Tage zu bleiben. Oder man wandert um den Ashkandras herum oder klettert hinauf und hinab. Aber die meisten von uns besuchen zumindest einmal die Höhle, die du gerade gesehen hast, denn dies ist der Platz, an dem ihre Stimme am klarsten gehört wird, wenn sie zu uns spricht.
Für jene, die, wie unser junger Ramon hier, Schamane werden möchte, sind häufige Aufenthalte hier Pflicht. Ein Schamane muss eine sehr innige Beziehung zu unser aller Mutter haben, und er braucht viele Einblicke, die nur eine Mutter vermitteln kann. Kräuterkunde von einem anderen Schamanen zu lernen, ist nicht ausreichend. Und auch die jungen Männer und Frauen, die sich unsicher sind, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen, kommen hierher, um Rat zu suchen und neue Einsichten. Und es war dieser Ort hier, an dem wir erfahren haben, dass wir die Heilige Trommel schlagen müssen.“
Für mich klang das wie ein Orakel. Ich überlegte, ob ich nach der technischen Seite dieses Kontakts fragen sollte. Aber vermutlich war dies individuell sehr unterschiedlich. Ich würde hier eine sehr lange Zeit leben. Vielleicht würde ich es irgendwann einmal herausfinden. Ich würde Ramon fragen, wenn ich abschätzen konnte, ob dies eine zu persönliche Frage wäre oder nicht.
Ich stellte mir vor, wie über hunderte oder tausende von Jahren Leute hierherkamen, um Rat zu suchen, und dass dies endlos so weitergehen würde.
Dies brachte mich zu einem Gedankengang, dem ich öfter nachgegangen war, als ich älter wurde und diese glücklichen Vororte mit mit ihren Einfamilienhäusern betrachtete. Kleine Babies wurden geboren und wuchsen in einer engen Umgebung auf, die nur eine Familie mit Verwandtschaft bot, und manchmal versuchten sie, ihren Eltern zu gefallen, mal mehr, mal weniger. Später würden sie nach etwas Freude suchen und große Träume und Erwartungen haben, einen Partner finden, mit dem sie ein Haus bauen und leben könnten, etwas Nachwuchs produzieren, einige freudvolle Augenblicke und Zeiträume der Desillusionierung erleben. Ihre Kinder würden selbst Kinder bekommen, und sie würden altern und sterben. Einige wenige würden ein zufriedenes Leben geführt haben, aber die Mehrheit hätte nicht wirklich etwas erreicht. Jeder erschien mir wie ein winziger Fisch in einem großen Fischschwarm, der sich mit den Massen bewegt, aber kaum sein eigenes Leben lebt und keinen Fußabdruck zurücklässt. Gab es irgendeinen Sinn in all dem? Und bei den Indianern war das möglichweise noch stärker ausgeprägt.
Und dieser Gedankengang führte mich dann zu meinem neuen, alten Problem: Was mit meinem Leben anfangen? Ein Teil dieser Frage wurde beantwortet, als ich die Funktion als Hüter angenommen hatte. Jetzt hatte ich eine Art Grundlage, von der aus ich handeln konnte. Ich habe einen Ort und Zeit bekommen sowie eine Aufgabe. Aber mein Platz im Leben war mir darüber hinaus immer noch ein Rätsel. Nun, wahrscheinlich würde ich es im Laufe der Zeit lösen. Aber ich war interessiert an der Sichtweise der Indianer bezüglich des Sinns des Lebens.
Also erklärte ich ihnen meine Gedankengänge. Sie schwiegen eine Weile. Dann sprach Julio: „Das scheint mir eine typische Krankheit des Weißen Mannes zu sein. Ich fürchte, ich kann dir da nicht viel helfen. Wir denken einfach nicht in diesen Bahnen. Wir haben keine Wenns. Die Welt ist wie sie ist. Wir haben darin unseren Platz und versuchen, ihn so gut wir können auszufüllen. Und wenn wir in Übereinstimmung mit der Natur handeln, sind wir auch glücklich. Weißt du, wir sind nicht so wichtig, wie es der Weiße Mann zu sein glaubt. Wenn wir aussterben, wird die Welt sich ohne uns weiterdrehen, als wäre nichts geschehen. Es ist nichts falsch daran, so zu leben wie deine Väter und Vorväter. Aber wenn es nicht dein Weg ist, dann ist es auch nicht falsch, zu versuchen, einen besseren zu finden.
Aber das Leben wird nicht unendlich so weitergehen, wie es ist. Es gibt immer einen Wandel, an den wir uns anpassen müssen. Und besonders an diesem Ort geschieht manchmal sehr viel, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Und eines Tages, so sagt eine alte Prophezeihung, werden einige der Schleier, hinter denen die Erdmutter verborgen ist, wegfallen und ein neues Leben wird beginnen.“
„Versteh mich bitte nicht falsch“, sagte ich, „aber das klingt ein wenig wie das kommende Weltende, das vielleicht von einer Art Paradies gefolgt wird.“
„Ganz im Gegenteil“, antwortete er. „Es wäre eher eine Art Verbesserung oder Erhöhung der gegenwärtigen Welt. Es ist eine neue Geburt, welche Die Mutter vorbereitet, ein neues Element, das hinzukommt. Es ist unsere Aufgabe, die Aufgabe der zwölf Stämme, bei dieser Geburt zu helfen. Wir sind sicher, dass dieser Prozess bereits begonnen hat. Manche sagen, er begann mit der Ankunft des Weißen Mannes, aber ich glaube, wir brauchen nicht so weit zurückgehen. Doch wir wissen nicht, wie lange es noch dauern wird. Und der Ashkandras ist dabei ein wichtiges Element. Der Ashkandras ist also kein heiliger Berg wie so viele andere; darum ist es wichtig, dass er beschützt wird. Und so befindest du dich jetzt inmitten sehr wichtiger Geschehnisse, und du hast dabei eine bedeutende Aufgabe.“ Er lächelte.
Inzwischen war es später Nachmittag und Peter zeigte uns die Zimmer. Ich suchte mir ein geräumiges Zimmer im ersten Stock aus. Es hatte ein kleines Fenster und eine Tür zur Veranda, die nach außen zeigte, und zwei größere Fenster und eine Tür zur inneren Veranda. Von hier aus hatte ich einen guten Ausblick auf den Canyon, wenngleich der Eingang zur Grotte vom Haus aus nicht gesehen werden konnte. Eine weitere Türe führte zu einem kleineren Zimmer, das nur halb so breit und tief war und nur ein Fenster hatte, das nach innen zeigte. Die Möblierung atmete die Strenge des spanischen Kolonialstils und war wahrscheinlich ziemlich alt. Das Bett war überraschend groß und zu meiner Erleichterung mit einer modernen Matratze ausgestattet. Es gab einen Tisch, ein paar Stühle, eine Garderobe mit Einbauspiegel, einen Schreibtisch und verschiedenes andere. Mehrere kleine Teppiche bedeckten einen Teil des Steinbodens.
Während Peter ein frühes Abendessen zubereitete, meditierte ich über mein neues Zuhause und begann erst einmal nur ein paar Dinge von meinem Van zu holen. Vielleicht würde ich den Raum neu gestalten, und dann wäre es besser, wenn es nicht zu viel zum Bewegen gäbe. Ich würde das wachsen lassen. Und vielleicht würde ich einen Blick auf das Depot werfen, das sich in einer der alten Stallungen befand. Dort waren weitere Möbel in verschiedenen Stilen eingelagert, Überbleibsel von meinen Vorgängern.
Was mich am meisten überraschte, war eine Dose, die meinem Computer eine Internetverbindung ermöglichte, was auch einer der Gründe war, mich für diesen Raum zu entscheiden.
Auch Ramon holte ein paar Dinge und lagerte sie erst einmal in einem kleinen Raum. Wenn Cajo morgen zurück in den Pueblo ziehen würde, dann würde er mit ihnen in dessen Zimmer umziehen, das direkt über dem Hauseingang lag und von meinem durch einen weiteren Raum getrennt war.
